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Hedwig Courths-Mahler - Folge 055

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Sei tapfer, Erika

Roman um die selbstlose Liebe eines jungen Mädchens

 

 

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Es geht einfach nicht mehr weiter, gnädiger Herr! Ich werde zu alt und zu schwerfällig. Seit ich das Fußleiden habe, werde ich immer hilfloser und ungeschickter. Ich kann meinen Posten nicht mehr so ausfüllen, wie ich möchte, und deshalb ist es am besten, ich bitte Sie um meine Entlassung.“

„Aber liebste, beste Doktorin, wenn Sie sich jetzt zur Ruhe setzen, werden Sie nur immer schwerfälliger und dienen Ihrer Gesundheit gar nicht.“

„Das weiß ich wohl! Das ist ja eben das Schlimmste für mich. Geistig bin ich noch frisch und munter und könnte meinem Posten gut vorstehen. Aber körperlich, da hapert es eben. Es bleibt so viel im Haushalt liegen. Meine Augen können nicht mehr in alle Ecken gucken, weil meine Füße mich nicht mehr überall mit Leichtigkeit hin tragen, wie sie es früher getan haben. Das machen sich natürlich die Dienstboten zunutze. Sie vernachlässigen mancherlei. Und die Lieferanten schicken mir schlechtere Ware als früher, weil ich nicht jeden Tag selber nachsehen kann, ob sie mir wie sonst das Beste geschickt haben. Wenn ich dann hinter solche Schlampereien komme, ärgere ich mich, und das bekommt mir jetzt viel schlechter als früher, wo ich mir meinen Ärger auslaufen und auswirtschaften konnte. Vor allen Dingen weiß ich, dass ich Ihnen nicht mehr so nützen kann wie früher und mag es nicht abwarten, bis Sie mir sagen: Doktorin, wir können Sie nicht mehr brauchen, machen Sie, dass Sie weiterkommen.“

Vater und Sohn hatten sich ganz bedrückt angesehen; nun mussten sie lachen.

„Das würden Sie nicht erleben. Seit fünfzehn Jahren stehen Sie unserem Haushalt in mustergültiger Weise vor, und wir haben uns sehr wohl befunden und nicht gemerkt, dass die Hausfrau fehlt. Wir haben auch noch nichts von Schlamperei bemerkt.“

„Aber ich, gnädiger Herr.“

„Es hat aber doch immer alles tadellos geklappt, selbst bei den großen Gesellschaften, die wir gegeben haben.“

„In zwei, drei Jahren würden auch Sie es merken.“

„Was meinen Sie aber, wie es hier gehen soll ohne Sie? Können Sie sich nicht denken, was für ein Unbehagen uns erfassen wird, wenn wir uns an ein anderes Hausregiment gewöhnen sollen, liebste Doktorin? Mir ist, als müsse alles drüber und drunter gehen, wenn Sie nicht mehr als guter Hausgeist über den Wassern schweben“, sagte der Sohn des Hauses, und sein Vater nickte eifrig dazu.

„Ach, junger Herr, gestern haben Sie doch ein Oberhemd erwischt, in dem ein großer Riss war. Ich konnte die Wäsche nicht selber nachsehen, weil mir das Stehen so sauer wurde, und die Mädchen passen nicht auf, wenn man nicht hinterher ist.“

„Das kann doch mal vorkommen und ist keine Tragödie.“

„Aber ärgerlich waren Sie doch, junger Herr!“

„Im Augenblick selbstverständlich, weil ich es eilig hatte und fort wollte. Aber stellen Sie sich nun einmal vor, wie oft ich ein kaputtes Oberhemd erwischen würde, wenn Sie uns hier unserem Schicksal überließen. Vater, nun rede du doch mal! Was sollen wir denn tun?“

Der alte Herr, eine noch sehr jugendlich wirkende, schlanke Erscheinung, dessen verjüngtes Abbild der Sohn war, schüttelte ratlos den Kopf, und Vater und Sohn, beides prachtvolle, interessante Gestalten, mit markanten Gesichtern und stahlblauen Augen, sahen sich in ihrer gemeinsamen Ratlosigkeit noch ähnlicher als sonst. Sie wären mit schwierigeren Problemen leichter fertig geworden als mit dieser häuslichen Kalamität. Endlich sagte der alte Herr:

„Wenn Sie sich nun eine Hilfe engagierten, Frau Doktor, die sozusagen als Ihr Adjutant dafür sorgte, dass all Ihre Befehle musterhaft wie bisher ausgeführt würden, so eine junge Kraft, die alles das übernimmt, was Sie nicht leisten können, die Ihnen also gewissermaßen die Beine und die Augen ersetzen könnte? Das müsste doch gehen? Dann hätten Sie es nur mit dieser Adjutantin zu tun, die ihrerseits Ihnen allen Ärger abnähme, in alle Ecken schaute, zu den Lieferanten ginge und dergleichen? Bedenken Sie doch, wir sind hilflos wie zwei Wickelkinder, wenn Sie uns verlassen.“

Die Doktorin, eine sehr sympathische und stattliche Erscheinung Mitte der Fünfzig lächelte.

„Offen gesagt, ich überlasse Sie nicht gern Ihrem Schicksal, bin ich doch mit meinem ganzen Herzen mit meinem Amt verwachsen. Und Ihr Vorschlag wäre so übel nicht. Ich habe an etwas Ähnliches auch schon gedacht und wollte mir schon eines der Hausmädchen anlernen. Aber die haben nicht die nötige Intelligenz, und außerdem würden die anderen vor einer früheren Kollegin keinen Respekt haben. Es müsste schon ein junges Mädchen sein, das aus guter Familie, flink und anstellig ist und genügend Takt und Klugheit besitzt, um sich den nötigen Respekt zu verschaffen. Das ließe sich vielleicht machen. Aber – es kostet Sie einen Extralohn für so eine Gehilfin. Sonst ja kaum etwas, denn wo so viele Menschen täglich satt werden, wird auch einer mehr satt. Und ein Zimmerchen wird ja auch noch übrig sein, zur Not könnte sie eines von den Gastzimmern bekommen, die ja doch meistens leer stehen.“

Die beiden Herren atmeten auf. „Auf die paar Mark Lohn kommt es wahrhaftig nicht an, wenn wir nur unsere alte Ordnung und Bequemlichkeit haben, liebste Doktorin. Also engagieren Sie sich eine Adjutantin! Sie haben freie Hand in jeder Beziehung“, sagte der Hausherr.

Und der junge Herr tätschelte die Hand der alten Dame.

„Einen schönen Schrecken haben Sie uns eingejagt, Doktorin! Gottlob, dass wir nun unsere Ruhe wiederhaben. Und sehen Sie, dass schnell so ein hilfreiches Wesen antritt, damit Sie schon bei der großen Festlichkeit, die nächsten Monat hier im Haus stattfinden soll, eine Hilfe haben.“

„Ich werde alles gleich in die Wege leiten, junger Herr. Und ich danke Ihnen beiden, dass Sie mir so goldene Brücken bauen und mich nicht meiner Wege gehen lassen. Es hat mir doch wohl getan.“

„Sie werden uns doch nicht für undankbare Gesellen halten. Man wächst sich schließlich gegenseitig auch ein wenig ans Herz, wenn man fünfzehn Jahre Tag für Tag miteinander zusammenhaust“, sagte der Vater und reichte Frau Doktor Willig die Hand.

Sie hatte ein wenig feuchte Augen und nickte ihm stumm zu, weil sie nicht reden konnte.

„Und mir haben Sie doch wirklich ein wenig die Mutter ersetzt, Doktorin, denn als Sie ins Haus kamen, war ich knapp fünfzehn Jahre und brauchte sehr nötig Ihre mütterliche Fürsorge.“

Sie schluckte tapfer die aufsteigenden Tränen hinunter.

„Ich war doch von Herzen froh, dass ich wieder für jemanden sorgen konnte, junger Herr, hatte ich doch gleich zu Anfang des Krieges nicht nur meinen Mann, sondern auch meinen einzigen Sohn hergeben müssen. Ich wäre sonst wohl gar nicht über jene Zeit weggekommen, ganz abgesehen davon, dass ich mit der knappen Pension als Arztwitwe kaum hätte auskommen können.“

„Ja, ja, liebe Doktorin, Sie haben dem Vaterland schwere Opfer gebracht. Ihr Sohn, war ja einer der ersten Freiwilligen, die fielen, und Ihr Mann hatte sich bei Ausübung seines Berufs eine Blutvergiftung draußen hinter der Front geholt.“

„Schwere Zeiten waren es, gnädiger Herr, und damals glaubte ich nicht, dass mir das Leben jemals wieder lieb werden könnte. Mein einziger Trost war, dass mein Mann nichts mehr vom Tod unseres Jungen erfuhr und mein Junge nichts vom Tod seines Vaters. Aber die Arbeit, die ich hier im Haus fand und Ihr verständnisvolles Benehmen mir gegenüber haben mich wieder aufgerichtet.“

„Nun, wir wollen nicht mehr von jenen Zeiten reden, Doktorin. Sie bleiben jedenfalls bei uns und denken hoffentlich nicht mehr an Fahnenflucht.“

Dieses Gespräch hatte während der Mittagsmahlzeit im Speiseraum stattgefunden. Nun begaben sich die Herren und Frau Doktor Willig ins Nebenzimmer, wo die alte Dame in einer Maschine den Mokka bereitete und servierte. Die Herren rauchten eine Zigarette und unterhielten sich über geschäftliche Dinge. Der Vater war der Chef eines großen kaufmännischen Unternehmens, und sein Sohn Gerhard, Gerd genannt, war seine rechte Hand und seit kurzem Prokurist der Firma.

Vater und Sohn lebten in wundervoller Harmonie und hatten viel Verständnis füreinander. Der Vater war jung geblieben mit dem Sohn und der Sohn hatte von seines Vaters Abgeklärtheit und Reife profitiert. Sie ergänzten sich aufs glücklichste und lebten mehr als gute Freunde und Kameraden miteinander, denn als Vater und Sohn.

Werner Riedinger, der Vater, war mit vierzig Jahren viel zu früh Witwer geworden, als dass die holde Weiblichkeit ihm nicht mehr hätte gefährlich werden können. Aber er hatte seinem einzigen Sohn keine Stiefmutter geben wollen. Dafür war Gerd ihm sehr dankbar. Und dass der jung gebliebene Vater auch jetzt noch zuweilen ein kleines galantes Abenteuer hatte, fand bei Gerd volles Verständnis.

Nachdem sie den Mokka eingenommen hatten, verabschiedeten sich beide Herren von Frau Doktor Willig und fuhren gemeinsam nach dem großen Geschäftshaus im Innern der Stadt, über dem die Firma Riedinger & Sohn in großen Buchstaben prangte. Es war ein angesehenes Exporthaus, das die Erzeugnisse der deutschen Textilbranche in viele Länder der Welt verschickte. Vater und Sohn hatten jedenfalls eine sehr befriedigende Tätigkeit.

***

Frau Doktor Willig gab sofort ein Inserat auf, und wenige Tage nach dem bedeutungsvollen Gespräch mit den beiden Herren liefen eine große Anzahl Bewerbungsschreiben für den ausgeschriebenen Posten ein.

Die alte Dame belästigte die Herren nicht weiter mit der Angelegenheit, sah des Abends und wenn sie freie Zeit hatte Offerten durch, legte aber aus dem ganzen Wust nur drei beiseite, die eventuell in Frage kommen konnten. Sie hatte sich Fotos ausgebeten und Zeugnisabschriften. Das eine der beiseitegelegten Schreiben war aber ohne Zeugnisse eingesandt worden. Frau Doktor Willig gefiel gerade diese Offerte von allen am besten. Sie beschloss, alle drei Bewerberinnen zu ersuchen, sich persönlich vorzustellen. Sie gab jeder eine andere Stunde für den kommenden Montag. Und zwar bestellte sie um 10 Uhr eine schon etwas reifere Dame, die hervorragende Zeugnisse über eine langjährige Tätigkeit als Stütze eingesandt hatte, deren Foto ihr aber am wenigsten von den dreien gefiel. Das Gesicht zeigte einen verkniffenen Zug um den Mund.

„Die ist sicher etwas spinös und zu selbstsicher, sie wird sich nicht willig anlernen lassen und alles besser wissen wollen als ich, aber ihre guten Zeugnisse sprechen doch für sie“, dachte sie.

Die zweite bestellte sie um elf Uhr. Diese Bewerberin hatte ziemlich derbe Züge; sie schien wohl über Energie zu verfügen, jedoch kaum über das notwendige Feingefühl, das für diesen Posten erforderlich war. Sie hatte aber gleichfalls gute Zeugnisse eingesandt und war lange Jahre in derselben Stellung gewesen, wo sie nach ihrer Angabe, einem Witwer und seinen Kindern die Hausfrau und Mutter ersetzt hatte. Sie wollte von dort nur fort, weil der Witwer sich wieder verheiratete.

Bei der dritten Offerte hielt sich Frau Doktor länger auf. Zeugnisse waren freilich nicht beigefügt, aber das Foto hatte es der alten Dame angetan. Da sahen ein Paar kluge, lebensfrohe Augen aus dem Bild heraus, die ihr gefielen. Dieses junge Mädchen hatte ein sehr reizvolles, gut geschnittenes Gesicht, einen Mund, der sicher gern lachte, wenn er auch wieder von Ernst und Willenskraft zeugte, und eine schöne, klare Schrift.

Der Brief der dieses Foto begleitete, lautete:

Sehr geehrte, gnädige Frau! Es ist vielleicht vermessen von mir, mich um die von Ihnen ausgeschriebene Stellung zu bewerben, denn ich besitze nicht ein einziges Zeugnis, das ich Ihnen vorlegen könnte, weil ich überhaupt noch nicht in Stellung war. Ich war meiner kranken Mutter bisher so nötig, dass ich sie nicht verlassen konnte, obwohl es sehr wünschenswert gewesen wäre, Geld zu verdienen. Meine Mutter und ich lebten von einer kleinen Pension und vom Ertrag von allerlei Handarbeiten, die wir gemeinsam anfertigten. Meine Mutter habe ich vor einem Vierteljahr verloren, die Pension ist erloschen, und die Handarbeiten werden so schlecht bezahlt, dass ich nicht davon leben kann. Alle Bemühungen, eine Stellung zu bekommen, scheiterten daran, dass ich im Grunde nichts Besonderes so gründlich gelernt habe, dass ich daraus einen Broterwerb machen könnte. Ich kann wirtschaften und kochen, weiß im Haushalt in allen Dingen Bescheid, scheue mich vor keiner Arbeit und bin vom besten Willen beseelt, mich in der Welt irgendwie nützlich zu machen. Der Passus in Ihrem Inserat, dass Sie das junge Mädchen, das Sie zu engagieren gedenken, selbst anlernen wollen, gibt mir Mut, mich, obwohl mir Zeugnisse fehlen, zu bewerben. Für genügend intelligent halte ich mich, Takt hoffe ich auch zu besitzen, und da wir zu Zeiten, als mein Vater noch lebte, einen ziemlich großen Haushalt führten, so hoffe ich dennoch, die von Ihnen ausgeschriebene Stellung ausfüllen zu können.

Ich bin einundzwanzig Jahre alt, gesund, kräftig und, wie ich ohne Selbstüberhebung sagen kann, zuverlässig und gewissenhaft. Es würde mich sehr freuen, wenn Sie mich engagieren wollten. Referenzen können Sie über mich einziehen bei Justizrat Nimrod, einem alten Freund meines Vaters, bei Herrn Professor Darland, bei Frau Doktor Wiemann und bei Jung & Co., dem Geschäft, für das ich Handarbeiten anfertigte. Adressen dieser Herrschaften füge ich unten bei.

Ich wohne seit dem Tod meiner Mutter Seidelstraße 22, vierte Etage, bei Frau Doktor Wiemann.

Auf Ihre gütige Antwort hoffend, empfehle ich mich.

Hochachtungsvoll

Erika Valsen

Frau Doktor Willig las diesen Brief noch einmal durch. Er gefiel ihr ebenso gut wie das Foto. Und diese junge Dame bestellte sie für Montag um zwölf Uhr. Noch an demselben Tag zog sie Erkundigung bei den Herrschaften ein, die Erika Valsen angegeben hatte, und erhielt überall eine sehr befriedigende Auskunft. Dabei erfuhr sie obendrein, dass Erika Valsen die Tochter eines Gerichtsrats war, der schon vor vielen Jahren starb.

Am Montagvormittag erschienen dann nacheinander die drei Bewerberinnen, und Frau Doktor Willig hatte sich nicht getäuscht. Die erste war ein spinöses, verknöchertes Fräulein, das anscheinend von dem heißen Wunsch beseelt war, sich durch nichts und niemanden imponieren zu lassen.

„Die würde permanent auf dem Sofa sitzen und übel nehmen“, dachte Frau Doktor humorvoll.

Sie wurde also nicht engagiert und entfernte sich mit aufgeworfenem Kopf und einem unverschämten:

„Hier hätte es mir auch gar nicht gepasst, da keine Frau im Haus ist. In das Haus allein stehender Herren begebe ich mich nicht.“

Die alte Dame dachte bei sich, dass die Tugend dieser reizlosen Person ganz bestimmt in der Villa Riedinger nicht gefährdet gewesen sein würde. Sie traute ihren beiden Herren einen besseren Geschmack zu.

Fall eins war also erledigt.

Um elf Uhr kam die zweite Nummer dran. Das war eine Walküre, unmöglich herausgeputzt, mit unruhig herumflitzenden Augen und einem selbstgefälligen Lächeln. Schon ihr Äußeres war durchaus unmöglich für einen vornehmen Haushalt. Dazu überfiel sie die alte Dame gleich mit einer dramatischen Schilderung von der Undankbarkeit ihres früheren Herrn, des Witwers, der nun eine andere freite, während sie doch wohl die erste dazu gewesen wäre. Frau Doktor ließ den Sturm über sich dahinbrausen, und als sie endlich zu Wort kam, sagte sie ganz matt, dass die Stelle schon belegt sei. Die Walküre warf ihr darauf einen vernichtenden Blick zu und fragte ziemlich drohend, wozu sie dann herbestellt worden sei, worauf die alte Dame sich zu sagen erlaubte, sie habe sich geirrt. Mit dem schmetternden Zuruf, dass ihre Zeit auch Geld sei, warf die Walküre die Tür ins Schloss und verschwand.

Mit einem bedrückten Gefühl erwartete nun Frau Doktor die dritte Bewerberin. Nach ihren bisherigen Erlebnissen war sie recht pessimistisch geworden und dachte schon daran, den Versuch, eine Adjutantin zu engagieren, aufzugeben.

Aber sie sollte angenehm enttäuscht werden. Als Erika Valsen erschien, in einem zwar schlichten, aber doch sehr hübsch und elegant wirkenden Kleid, atmete Frau Doktor auf. Mit einem wahren Vergnügen sah sie in das reizende, lebensfrische Gesicht, aus dem ein Paar leuchtende Augen tapfer und doch liebenswürdig herausschauten.

„Fräulein Erika Valsen, nicht wahr?“, fragte die Frau Doktor.

„Ja, gnädige Frau, so ist mein Name.“

„Ich habe Sie für die Stelle hier im Haus in Betracht gezogen, obwohl Sie keinerlei Zeugnisse aufzuweisen haben. Die Erkundigungen, die ich einzog, sind sehr zufriedenstellend gewesen, man hat Sie mir überall als einen wertvollen, fleißigen Menschen bezeichnet. Aber bitte, nehmen Sie zunächst einmal Platz.“

Schon aus der Art, wie sich Erika Valsen niederließ, entnahm die alte Dame, dass sie sich gut zu benehmen verstand. Sie setzte sich bescheiden, aber ruhig und anmutig auf den bezeichneten Sessel und sah offen und aufmerksam in das Gesicht der alten Dame.

„Ich wäre Ihnen sehr dankbar, gnädige Frau, wenn Sie es mit mir versuchen wollten. Sie sollen ganz sicher nicht enttäuscht werden. Wenn Sie nur die ersten Tage ein wenig Geduld haben würden, könnte ich mich ganz gewiss unter Ihrer Leitung schnell einarbeiten.“

Wohlgefällig sah Frau Doktor in das vor Eifer gerötete, reizende Gesicht. Dann setzte sie Erika erst einmal auseinander, welcher Art ihr Amt sein würde. Und sie brauchte dabei auch den Ausdruck „Adjutantin“. Das erfasste Erika sofort und war schnell im Bild, was von ihr verlangt werden würde. Sie verneigte sich, als Frau Doktor nach dieser Erklärung schwieg.

„Ich übersehe nun klar, gnädige Frau, was in dieser Stellung von mir verlangt wird, und ich hoffe ganz bestimmt, dass ich diesen Posten auszufüllen vermag. Er ist ja nicht sehr verschieden von der Stellung einer Stütze, und für eine solche traue ich mir alle nötigen Kenntnisse zu. Mir ist keine Hausarbeit fremd, und ich werde mich vor keiner scheuen. Sie sollten schon mit mir zufrieden sein, ich würde nach Kräften dafür sorgen, dass all Ihre Befehle mustergültig ausgeführt würden und Sie sich genügend ausruhen könnten.“

„Sie machen sich aber doch klar, dass es für eine junge Dame aus Ihren Kreisen eigentlich keine passende Stellung ist?“

„Ich bin nichts als ein armes Mädchen, das sich sein Brot ehrlich verdienen will und das ganz sicher nicht danach fragen wird, ob die gebotene Stellung auch standesgemäß ist. Ich habe nichts Besseres gelernt, da man nie damit gerechnet hat, dass ich einmal für mich selbst würde einstehen müssen. Mein armes Mütterchen beklagte es in den letzten Wochen vor ihrem Tod oft genug. Offen gestanden, ein bisschen bange war ich auch, aber ich habe Mutter natürlich nichts merken lassen. Nun ist sie seit einem Vierteljahr tot, und ich habe den kleinen Nachlass zu Geld machen müssen, um wenigstens einige Mittel in die Hände zu bekommen. Aber einen Notgroschen möchte ich schon übrig behalten für den Fall, dass ich einmal krank und erwerbsunfähig werden sollte. Und deshalb wäre es mir sehr wichtig, recht bald Lohn und Brot zu finden.“

„Wann würden Sie antreten können?“

„Jederzeit; wenn es sein muss, sofort.“

„Gut, Fräulein Valsen, ich werde Sie engagieren.“

Ein freudiges Rot huschte über Erika Valsens Gesicht, und sie drückte die Hände aufs Herz.

„Oh, wie gut von Ihnen! Wie dankbar bin ich Ihnen, gnädige Frau!“

„Nun, ich hoffe, dass wir gut miteinander auskommen werden, Sie sind mir sehr sympathisch. Und wenn es Ihnen recht ist, können Sie gleich morgen Vormittag antreten, ich denke, um elf Uhr, da habe ich die beste Zeit, Sie gleich einzuführen. Ein hübsches Zimmerchen wird für Sie hergerichtet sein. Und – vergessen Sie nicht, keine Vertraulichkeiten mit den Dienstboten, sie müssen gleich von Anfang an vor Ihnen Respekt haben und wissen, dass sie Ihnen genau so zu ...

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