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Hedwig Courths-Mahler - Folge 054

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Die ungleichen Schwestern
  4. Vorschau

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Die ungleichen Schwestern

Roman um die Schicksalswege eines reichen und eines armen Mädchens

 

 

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Bert Sanders sah mit einem mitleidigen Blick zu dem Mädchen hinüber, das vereinsamt an einem der hohen Fenster des Festsaals stand und mit ernsten Augen über das glänzende Gesellschaftsbild hinwegschaute.

Er erhob sich und schritt auf Ruth Rupertus zu, nicht nur, weil er als Sohn des Hauses seine Pflicht darin sah, für die Unterhaltung der Gäste seiner Eltern zu sorgen, sondern weil ihm „die arme Schwester“ leid tat, die man so vernachlässigte, während sich um die reiche, glänzende Nora eine Schar von Verehrern gesammelt hatte, die sich überboten, ihr Artigkeiten zu erweisen.

„Gnädiges Fräulein, Sie halten sich von der Gesellschaft fern, das darf ich nicht zugeben“, sagte er.

Sie sah mit ihren großen Augen zu ihm auf, und er musste sich gestehen, dass diese Augen wohl imstande waren, Männer zu fesseln. Freilich war Ruth keine so berückende Schönheit wie ihre Schwester Nora, aber Bert Sanders, der jetzt Ruth genauer betrachtete, fand sie reizender, als er vorhin bei der flüchtigen Begrüßung hatte feststellen können.

„Sie irren, Herr Sanders, ich halte mich nicht von der Gesellschaft fern, sondern sie hat sich von mir zurückgezogen“, sagte Ruth mit einem Ausdruck, in dem eine gewisse Überlegenheit lag.

„Es ist gewiss nur ein Zufall, dass Sie gerade in diesem Augenblick allein blieben. Ich muss um Verzeihung bitten, denn ich hätte Sie davor bewahren müssen.“

Sie lächelte ihn unbekümmert an. „Seien Sie ganz unbesorgt, ich bin zuweilen sehr gern in meiner eigenen Gesellschaft, ohne deshalb eingebildet zu sein!“

„Darf ich Sie zu meiner Schwester führen?“

„Ich möchte nicht stören; ich glaube, ich bin eine wenig unterhaltende Gesellschafterin. Und offen gesagt, ich hatte gerade erwogen, ob es nicht an der Zeit sei, an die Heimfahrt zu denken.“

„Dazu ist es noch viel zu früh. Sehen Sie Ihre Schwester an! Sie unterhält sich so gut, dass sie nicht daran denken wird, schon jetzt unser Fest zu verlassen.“

Ruth warf einen flüchtigen Blick zu ihrer strahlenden Schwester. Es zuckte wie heimlicher Spott um ihre Lippen. „Ich denke gar nicht daran, Nora zu veranlassen, mich zu begleiten. Sie würde meiner Aufforderung kaum Folge leisten. Aber ich wollte mich gerade von ihr verabschieden.“

„Das lasse ich nicht zu. Dass Sie schon fortgehen wollen, ist mir ein Zeichen, dass Sie sich auf dem Fest meiner Eltern gelangweilt haben, und mit diesem Eindruck dürfen Sie nicht fortgehen.“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich habe mich sehr gut unterhalten, nur pflege ich nicht alles bis zur Neige auszukosten. Außerdem muss ich morgen früh aufstehen, um mein Kolleg nicht zu versäumen, während Nora so lange schlafen kann, wie sie will. Deshalb muss ich zeitig zur Ruhe gehen.“

Was Ruth sagte, bestärkte Bert Sanders in der Annahme, dass sie die vermögenslose Schwester sei.

„Sie studieren, gnädiges Fräulein?“

Einen Augenblick zögerte Ruth, dann erwiderte sie: „Ich studiere Kunstgeschichte.“

Er verneigte sich. „Ein Stündchen möchten wir uns trotzdem noch Ihrer Gesellschaft erfreuen, gerade weil Sie so selten in Gesellschaft zu treffen sind. Nun, da ich weiß, dass Sie ein Studium betreiben, kann ich das ja verstehen.“

„Also einigen wir uns: Ich werde noch eine halbe Stunde zugeben, aber dann helfen Sie mir, dass ich verschwinden kann, ohne aufzufallen.“

„Muss ich das versprechen?“, fragte er, vom Reiz ihrer Persönlichkeit gefesselt.

„Das müssen sie, sonst gehe ich gleich.“

„Also gut. Aber diese halbe Stunde gehört meiner Schwester und mir, wir möchten Sie näher kennen lernen.“

Sie nickte, und er führte sie zu der Gruppe, in der seine Schwester saß. Als er mit ihr herangekommen war, erhob sich Hilly Sanders auf einen Blick ihres Bruders und zog Ruth neben sich auf das kleine Empiresofa.

„Endlich kommen wir dazu, Ihre Gesellschaft zu genießen, Fräulein Rupertus!“

„Das gnädige Fräulein wollte gerade nach Hause gehen. Ich habe sehr bitten müssen, uns noch ein halbes Stündchen zu schenken.“

„Ein halbes Stündchen? Das kommt doch gar nicht in Frage! So zeitig dürfen Sie unser Fest nicht verlassen“, sagte Hilly energisch, wie es ihre Art war.

„Ich habe Fräulein Rupertus versprechen müssen, dass sie nach einer halben Stunde gehen darf. Sie studiert und muss morgens frühzeitig ins Kolleg“, erklärte Bert.

Ruth Rupertus sah freilich durchaus nicht bemitleidenswert aus, als sie sich nun lebhaft und gut gelaunt unterhielt. Man wurde sich klar, dass sie ein kluges, liebenswürdiges Geschöpf sei, dessen Natürlichkeit zuweilen etwas verblüffte.

Die halbe Stunde war schon wesentlich überschritten, als sich Ruth mit einem bittenden Blick auf Bert Sanders erhob. Er begleitete sie durch den Saal zu ihrer Schwester hinüber, die noch immer der Mittelpunkt des Festes war.

Ruth flüsterte ihr zu: „Ich fahre heim und schicke dir den Wagen wieder, Nora. Unterhalte dich noch gut!“

„Danke, Ruth. Gute Nacht!“, flüsterte die Schwester zurück, die es schon gewohnt war, dass Ruth die Gesellschaften früher verließ. Ruth ging nun zu Frau von Werner, die mit einigen älteren Herrschaften zusammensaß. „Gute Nacht, Frau von Werner! Sie fahren dann mit Nora heim“, sagte sie leise zu ihr. Dann verabschiedete sie sich von den Gastgebern. Bert begleitete sie zur Garderobe, half ihr in ihren Pelzmantel und brachte sie bis zum Auto. Es war ein sehr eleganter Wagen. Sie dankte ihm lächelnd, und er verbeugte sich noch einmal, als sie an ihm vorüberfuhr.

Als Ruth vor der Villa ausstieg, sagte sie zum Chauffeur: „Fahren Sie zur Villa Sanders zurück, um auf meine Schwester und Frau von Werner zu warten.“

Dann stieg sie schnell die breite Sandsteintreppe bis zum Portal hinauf und verschwand in der Halle. Dort saß wartend ein Diener, der nun aufsprang, um das Licht einzuschalten. Er half Ruth aus dem Pelz, und sie bat ihn, ihr noch eine Tasse Tee zu bringen.

Ruth zog sich in ihr Ankleidezimmer zurück, wo sie die Zofe eingeschlafen in einem Sessel fand. Das Mädchen schrak auf, eine Entschuldigung stammelnd.

„Wozu entschuldigen Sie sich, Mary? Sie haben doch ein Recht, müde zu sein. Leider werden Sie noch länger aufbleiben müssen, denn meine Schwester wird mit Frau von Werner erst später heimkehren. Ich brauche Sie nicht weiter.“

Inzwischen hatte der Diener den Tee gebracht. Ruth verabschiedete die beiden freundlich, zog sich in ihren kleinen Salon zurück und lehnte sich aufatmend in einen Sessel.

„Gottlob, das ist wieder einmal überstanden!“, sagte sie vor sich hin. Sinnend ließ sie ihren Blick in dem Zimmer umherschweifen.

Über ihrem Schreibtisch hing das Bild ihres Vaters, und sie nickte ihm lächelnd zu. „Bist du zufrieden mit mir, lieber, alter Papa?“

So hatte sie ihn immer genannt, den geliebten Vater.

Er hatte dreißig Jahre seines Lebens in Kanada verbracht und dort geheiratet; das erste Mal Noras Mutter, die französischer Abstammung war, und das zweite Mal die Mutter von Ruth, eine Engländerin. Seine erste Frau hatte ihn ebenso leidenschaftlich geliebt wie er sie. Als sie ihm nach dreijähriger Ehe genommen wurde, war Nora kaum zwei Jahre alt gewesen. Ein Jahr später hatte er Ruths Mutter heimgeführt. Sie war die Erbin einer großen Exportfirma für Pelze, und durch diese zweite Heirat war Philipp Rupertus der Chef dieser weltbekannten Firma geworden. Erwar jedoch nicht der Erbe seiner zweiten Frau, sondern Ruth, ihr einziges Kind, war infolge der Testamentsbestimmungen von Ruths Großeltern ihre Erbin. Als vor vier Jahren seine zweite Frau starb, war die große Exportfirma schon in ein Aktienunternehmen umgewandelt, da der Betrieb zu groß geworden war und sich Philipp Rupertus nicht mehr kräftig genug fühlte, allein die Leitung zu behalten.

Nachdem er zum zweiten Mal Witwer geworden war, überkam Philipp Rupertus die Sehnsucht nach seiner deutschen Heimat. Er war geschäftlich nicht mehr gebunden und konnte leben, wo er wollte. Seine beiden Töchter, die er zärtlich liebte, kamen mit dem Vater nach Deutschland. Aber lange hatte er sich der Heimat nicht freuen können; kurze Zeit nach seiner Heimkehr starb er. Seine Töchter ließ er unter dem Schutz Frau von Werners zurück, die seit dem Tod seiner zweiten Frau bei ihm Hausdame gewesen war.

Ruth Rupertus war also nicht die arme Schwester, sondern die reiche Erbin. Es war irgendwie durchgesickert, dass nur die eine Tochter reich war, aber niemand wusste, welche von beiden das war.

Ruth hatte ihrem Vater auf dem Totenbett versprochen, stets für ihre vermögenslose Schwester zu sorgen. Ruths Mutter hatte Nora mit Liebe und Güte erzogen und sie in keiner Weise hinter ihrem eigenen Kind zurückgestellt. Ruth sah in Nora die geliebte Schwester, wenn sich auch mit den Jahren große Unterschiede im Wesen und Charakter der beiden herausstellten. Ruth war ein einfacher, natürlicher Mensch, Nora dagegen liebte Glanz und Luxus, sie war oberflächlich, genusssüchtig und anspruchsvoll. Es erschien ihr selbstverständlich, dass Ruth sie an allem Luxus teilnehmen ließ, und sie nutzte die Schwester ziemlich bedenkenlos aus. Ruth ließ sich das stillschweigend gefallen, sie tat alles, was sie konnte, um Nora dafür zu entschädigen, dass sie nicht auch reich war. Obwohl Nora im Grunde gar nichts entbehrte und ein glänzenderes Leben führte als ihre Schwester, klagte sie doch immer wieder, dass das Schicksal sie so stiefmütterlich behandelt habe.

„Wenn man hier in der Gesellschaft erst erfährt, dass ich vermögenslos bin und aller Reichtum nur dir gehört, wird sich kein Mensch um mich kümmern. Ich werde beiseite stehen und nie einen Mann bekommen“, hatte sie eines Tages gesagt, als die Schwestern mit Frau von Werner nach Ablauf des Trauerjahres begannen, in Gesellschaft zu gehen.

Ruth hatte sie ein wenig ausgelacht. „Das glaubst du ja selbst nicht, Nora! Du bist doch entschieden die Schönere und Elegantere von uns beiden, und wohin wir gekommen sind, hat sich alles nur um dich gedreht.“

„Hier ist es aber bereits durchgesickert, ich weiß nicht, wie, dass nur eine von uns die reiche Erbin ist; und nun werde ich schnell im Schatten verschwinden.“

Lächelnd hatte Ruth sie angesehen. „Ich wette, Nora, dass alle Menschen dich für die Erbin halten, weil du zu glänzendem Auftreten mehr Talent hast als ich.“

Nora hatte die Schwester mit einem seltsam forschenden Blick angesehen. „Aber du wirst diesen Irrtum natürlich schnell genug aufklären.“

„Warum sollte ich das tun? Mir liegt gar nichts daran, als reiche Erbin zu gelten und mich daraufhin anstarren zu lassen wie ein seltenes Tier im zoologischen Garten.“

„Ach, du bist töricht! Es ist doch herrlich, wenn man von allen Seiten beneidet wird!“

„Das kann ich nicht herrlich finden. Mir ist es sogar gräulich. Ich habe dann immer das Gefühl, als wenn ich als Mensch überhaupt keine Geltung habe.“

„Oh, mir sollte es nicht schwer fallen, mir Geltung zu verschaffen, wenn ich über dein Vermögen verfügte!“

„Arme Nora, mir scheint, wir spielen beide die falschen Rollen im Leben.“

Eine Weile hatte Nora die Schwester mit ihren heißen Augen angesehen und plötzlich gesagt: „So lass uns doch die Rollen tauschen! Verschweige es, dass du die Erbin bist, wie ich es verschweige, dass ich vermögenslos und nur von der Gnade meiner Schwester abhängig bin. Es wäre herrlich, wenn ich deine Rolle spielen dürfte! Ich liebe Glanz und Luxus und kleide mich gern elegant. Wir brauchten also in unserem Auftreten gar nichts zu ändern. Wenn du ein Übriges tun wolltest, müsstest du mir nur zuweilen gestatten, einige Stücke von dem Schmuck zu tragen, den du von deiner Mutter geerbt hast und den du nie trägst. Mir wäre es eine Wonne, mich dem staunenden Volk im Glanz deiner Brillanten und Perlen zu zeigen.“

Ruth hatte sie etwas unsicher angesehen. „Ist das dein Ernst, Nora?“

„Ja doch! Du würdest außerdem ein gutes Werk an mir tun; denn wenn man mich für die Erbin hält, werde ich schneller einen Mann bekommen, während du als die tatsächliche Erbin auf jeden Fall einen finden wirst.“

„Und wenn sich tatsächlich ein Mann um dich bewirbt, Nora, was soll dann geschehen?“

Nora lachte leichtfertig. „Oh, wenn er mich ehrlich liebt, wird es ihm gleichgültig sein, ob ich Vermögen habe oder nicht, wenn er sich nur des Geldes wegen um mich bewirbt, geschieht es ihm recht, wenn er enttäuscht wird. Ich werde beides nicht tragisch nehmen, da kannst du sicher sein.“

„Du willst diese Komödie also wirklich spielen?“

„Mit Vergnügen! Natürlich müssen wir Frau von Werner einweihen und auch sonst einige Vorkehrungen treffen, damit mein Spiel nicht verraten wird. Du brauchst gar nichts dazu zu tun, denn offen gesagt, deine Art, dich immer so einfach wie möglich zu kleiden, nie Schmuck zu tragen und nun auch noch Kunstgeschichte zu studieren, lässt dich schon ohnedies als die vermögenslose Schwester erscheinen.“

Nora hatte es dann auch wirklich durchgesetzt, dass sie die Rolle der Erbin übernahm, und sie mit dem größten Geschick gespielt. So galt Ruth mehr und mehr als die Schwester, die von Noras Gnade abhängig war. Frau von Werner war eingeweiht. Die Angestellten wussten nichts von den Vermögensverhältnissen der Schwestern, und nur die Zofe Mary, die mit aus Kanada herübergekommen war, hätte vielleicht Aufschluss darüber geben können. Doch sie war verschwiegen. Ruth war, nachdem sie sich an den Gedanken gewöhnt hatte, ganz zufrieden mit dem Rollentausch, denn er enthob sie vieler lästiger Pflichten und gestattete ihr, ein Leben nach ihrem eigenen Geschmack zu führen. Vor allem war sie auf diese Weise von der Sorge befreit, dass sich ein Mann nur um ihres Vermögens willen um sie bewerben könnte.

Das alles ging Ruth durch den Kopf, während sie nach dem Bild ihres verstorbenen Vaters hinübersah, und ihr war, als gleite ein Lächeln über sein Gesicht.

***

Als Ruth am nächsten Morgen ins Frühstückszimmer hinunterkam, fand sie dort Frau von Werner vor. Ruth begrüßte sie freundlich und sagte vorwurfsvoll: „Sie hätten länger schlafen sollen, Frau von Werner, denn Sie sind gewiss sehr spät mit Nora nach Hause gekommen.“

„Es war kurz nach zwei Uhr, Fräulein Ruth.“

„Wenn Sie mit Nora so lange aus gewesen sind, müssen sie sich unbedingt länger Ruhe gönnen. Nora schläft ja auch noch.“

„Ja, sie wird vor zehn oder elf Uhr nicht sichtbar werden.“

„Hat sie sich gut unterhalten gestern Abend?“

„Wie immer. Sie ist wieder von allen Seiten umschwärmt worden.“

„Das macht ihr Freude. Ein wenig muss ich doch das Schicksal auszugleichen versuchen. Es ist nicht mein Verdienst, dass ich eine reiche Mutter hatte, so wenig wie Nora daran schuld ist, dass ihre Mutter arm war.“

„Gewiss nicht. Aber Sie sollten sich doch nicht in allen Dingen so von Fräulein Nora zurückdrängen lassen.“

Ruth sah Frau von Werner mit ihren schönen Augen ernst an. „Das tue ich nur in Dingen, die mir nicht wichtig sind. Ich gönne Nora den Triumph, von allen Seiten umschwärmt und verehrt zu werden. Sie macht es glücklich, mir würde es nur lästig sein. Übrigens habe ich gestern Abend, bevor ich ging, eine nette Stunde verlebt. Die Geschwister Sanders sind reizend, nicht so der belanglose Durchschnitt wie die meisten jungen Menschen unserer Gesellschaft. Ich habe mich mit ihnen zu regelmäßigen Tennisstunden verabredet, die wir teils hier bei uns, teils in ihrem Garten abhalten wollen.“

„Das freut mich für Sie. Es ist unnatürlich, dass Sie sich von allen geselligen Freuden zurückhalten.“

„Sofern es wirklich Freuden sind, halte ich mich gewiss nicht zurück. Aber die meisten geselligen Veranstaltungen sind mir keine Freude, sondern langweilen mich, und dazu ist mir meine Zeit zu kostbar. Aber nun muss ich aufbrechen, sonst komme ich zu spät ins Kolleg, und das wäre mir peinlich, da ich über ein Auto verfüge, während meine Kollegen und Kolleginnen meist einen beschwerlichen Weg haben. Aber da fällt mir ein, Frau von Werner – senden Sie doch zweihundert Mark mit Postanweisung an Fräulein Susanna Hell, Charlottenstraße 6, vierter Stock. Geben Sie irgendeinen Absender an und schreiben Sie auf den Abschnitt, dieses Geld sei für einen warmen Wintermantel bestimmt. Ich kann es nicht mehr mit ansehen, wie das arme Ding in einem dünnen Mäntelchen friert, während ich mich behaglich in meinen Pelzmantel hülle. Am liebsten würde ich ihr einen meiner Pelze schenken, aber ich nehme an, dass sie lieber einen Stoffmantel trägt, der neu ist, als einen getragenen Pelz. Sie ist nämlich stolz, und ich möchte sie keinesfalls verletzen. Also, schreiben Sie ein paar nette Worte auf den Abschnitt. Sie verstehen das so gut.“

„Und Sie verstehen zu schenken und zu beglücken.“

Ruth wurde rot und winkte hastig ab. „Auf Wiedersehen, Frau von Werner! Bitte, grüßen Sie Nora, wenn sie ausgeschlafen hat! Kurz nach zwölf Uhr komme ich nach Hause.“

„Ich werde es bestellen. Auf wiedersehen, Fräulein Ruth!“

Ruth ließ sich draußen von dem Diener in einen grauen Fehmantel helfen. Es war der einfachste ihrer Pelzmäntel, sie trug ihn immer, wenn sie ins Kolleg ging. Sie wurde teils mit Neid, teils mit Bewunderung wegen dieses Fehmantels betrachtet, ohne es zu ahnen. Als sie heute Susanna Hell, ein blasses, unscheinbares Ding, in einem dünnen Mäntelchen an sich vorüberhuschen sah, atmete sie auf wie von einer Last befreit. Susanna Hell würde bald einen warmen Wintermantel haben.

***

Einige Tage später hatte Ruth wirklich die Freude, Susanna Hell in einem grauen Flauschmantel zu sehen. Sie hängte ihr Prachtstück, das ihr gleichsam vom Himmel heruntergefallen war, neben Ruths Fehmantel und strich zärtlich über den weichen Stoff.

„Ich glaube, mein neuer Mantel ist mindestens so warm wie Ihr schöner Pelz, Fräulein Rupertus“, sagte sie mit verschämtem Stolz.

Ruth strich über den flauschigen Stoff. „Er ist schön weich und warm. Mein Pelz ist übrigens gar nicht so kostbar. Ich – ich habe ihn von Kanada mitgebracht aus unserer Firma, die mit Pelzen handelt. So bin ich sehr billig dazu gekommen.“

Susanna Hell lachte froh. „Aber ich bin noch viel billiger zu meinem schönen Mantel gekommen. Denken Sie, irgendein Menschenfreund hat mir gestern zweihundert Mark geschickt mit der ausdrücklichen Weisung, mir dafür einen warmen Wintermantel zu kaufen. Der edle Spender hat seinen Namen und seine Adresse so undeutlich geschrieben, dass ich sie nicht entziffern konnte. Im ersten Augenblick wollte ich das Geld zurücksenden, nur wusste ich nicht, wohin. Aber dann habe ich mir gesagt, ich könnte meine Dankbarkeit nicht besser beweisen, als wenn ich mir wirklich einen warmen Mantel kaufte. Und so habe ich es getan. Er kostet aber nur hundert Mark. Die anderen hundert Mark habe ich auf die Sparkasse gebracht, damit ich nicht in Versuchung komme, sie auszugeben.“

„Das hätten Sie aber doch tun können. Gewiss haben Sie noch manches andere nötig, und man hat Ihnen das Geld in der Absicht geschickt, dass Sie es für sich verwenden sollen“, sagte Ruth gerührt.

Susanna Hell lachte, was sonst selten geschah. „Was meinen Sie, was mir das für ein Gefühl gibt, hundert Mark auf der Sparkasse zu haben! Die tragen Zinsen! Und ich bin die schreckliche Angst los, dass mein Vater mir mal nicht rechtzeitig meinen kleinen Wechsel schicken könnte. Es wird ihm schwer, das Geld für mich aufzubringen, und manchmal geht es mit dem besten Willen nicht. – Aber wir verschwatzen uns, ich bin heute ganz aus dem Gleichgewicht vor Freude über den schönen Mantel.“

Ruth nickte ihr zu, und während sie dann ihren Platz einnahm, dachte sie darüber nach, wie man der kleinen Susanna Hell noch ein bisschen besser helfen könne. Da kam ihr ein Gedanke, den sie nach Schluss des Kollegs gleich ausführte. Sie hielt Susanna Hell am Arm fest. „Ich habe eine große Bitte an Sie.“

***

Als Ruth aus dem Kolleg nach Hause kam, sah sie ihre Schwester mit einigen Herren und Damen auf dem Tennisplatz. Es fiel ihr ein, dass sie sich für heute mit Bert und Hilly Sanders verabredet hatte, und sie erkannte die Geschwister in der Gesellschaft ihrer Schwester. Sie winkte ihnen zu und rief: „Bitte noch fünf Minuten um Entschuldigung!“

Ruth begab sich schnell in ihre Zimmer, wo Mary schon den Tennisdress für sie bereit gelegt hatte. Sie war wirklich in fünf Minuten fertig, nahm ihren Schläger und eilte in den Garten. Nora hatte mit zwei Herren und einer Dame gespielt, und diese vier setzten sich nun in die Korbmöbel am Rande des Tennisplatzes, um noch eine Weile bei der neuen Partie zuzusehen, die Ruth mit den Geschwistern und einem Verehrer von Hilly Sanders spielte.

Noras Gäste beachteten Ruth kaum; sie hatten sie auch nur flüchtig begrüßt.

Aber Ruth beachtete sie ebenso wenig und widmete sich dem Spiel mit der Hingabe, mit der sie alles im Leben betrieb. Sie freute sich, gleichwertige Mitspieler gefunden zu haben. Nach einer Weile wurden die Zuschauer doch aufmerksam, als sie merkten, wie gut die neue Partei spielte. Ruth ließ sich nicht durch den Beifall der erst so gleichgültigen Herrschaften stören, achtete auch nicht darauf, dass sie sich mit Nora ins Haus zurückzogen, weil es ihnen zu kühl wurde.

Als die Partie zu Ende war, sagte Bert Sanders begeistert: „Sie spielen großartig, wir müssen öfter zusammen spielen!“

„Das soll mich freuen, Herr Sanders, zumal Sie mindestens ebenso gut gespielt haben wie ich. Es bleibt also dabei, dass wir jede Woche einige Male spielen?“

„Gewiss, das nächste Mal dann bei uns“, sagte Hilly Sanders und ließ sich in ihren weißen Flauschmantel helfen.

Bert brachte Ruth durch seine drolligen Bemerkungen oft zum Lachen.

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