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Hedwig Courths-Mahler - Folge 053

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Auf der Jungfernburg

Roman um ein großes Erbe und eine tiefe Liebe

 

 

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Mit zusammengezogener Stirn legte Rudolf Hagmeister die Zeitung auf den Tisch, in deren Inseratenteil er wieder einmal vergeblich nach einer Stellung gesucht hatte. Er war längst nicht mehr wählerisch. Nur irgendwie sein Brot verdienen! War das wirklich so schwer in dieser Zeit? Er war doch ein gesunder, starker Mensch, durchaus nicht auf den Kopf gefallen, durchaus arbeitswillig, ja, sogar arbeitshungrig!

Verbittert schlug er mit der Faust auf die Zeitung. Das betrachtete seine Wirtin wohl als Aufforderung, das Frühstück zu bringen.

„Jotte doch, Herr Doktor, ich komm ja schon! Habe Ihnen doch schon die Zeitung reingelegt! Sie bekommen sie immer zuerst.“

„Mein Klopfen galt nicht Ihnen, Frau Mengers; ich war nur ein bisschen wütend, weil wieder nichts für mich in der Zeitung steht.“

„Wo sollt’s denn auch! Jotte doch, Arbeit is doch ein rarer Artikel. Na, und alles kann man doch als studierter Herr Doktor auch nicht arbeiten.“

„Wäre mir ganz egal! Ich scheue mich vor keiner Arbeit, Frau Mengers.“

„Na, wenn das mal wäre? Da könnten Sie gleich heute ein paar Mark verdienen. Aber ich weiß man bloß nich, ob ich Ihnen das zumuten soll.“

Sie ordnete das sehr bescheidene Frühstück umständlich auf dem Tisch.

„Tun Sie das immerhin, Frau Mengers; es gibt keine Arbeit, die ich nicht verrichten würde.“

Sie stemmte die Arme in die Hüften.

„Na, na! Auch Teppichklopfen?“

Er lachte grimmig in sich hinein. „Warum nicht auch das, wenn es nur bezahlt wird!“

„Also wirklich?“

„Ja doch! Wie, wo und wann?“

„Na, wenn Sie es ernst meinen? Da wohnen doch im Vorderhaus in der ersten Etage Bankdirektors! Denen is mitten ins große Reinemachen das Hausmädchen krank geworden, und nun stehen sie da mit ’n Haufen Arbeit. Und die großen Teppiche liegen mit allem Dreck noch da, und morgen is große Gesellschaft, da muss alles fertig sein. Alles geht durcheinander, und was die Teppiche sind, die sind sündhaft teuer, und irgendeinem von der Straße wollen sie die Prachtstücke nicht anvertrauen. Was die Stütze is, die hat mir gesagt, zehn Mark würde die Frau Bankdirektor glatt geben, wenn sie jemanden hätte, der die Teppiche kloppt.“

Rudolf Hagmeister sprang auf. „Zehn Mark! Wird gemacht, Frau Mengers!“

Sie lachte. „Na forsch, Herr Doktor! Sie werden gewiss nicht untergehen. Ganz Recht haben Sie, ein ehrlicher Kerl ist für ehrliche Arbeit nicht zu schade, wenn sie man ’n bisschen dreckig is. Also los, Herr Doktor, frühstücken Sie man gleich! Und ich gehe inzwischen zu Frau Bankdirektor und sage ihr, dass Sie das machen wollen. Vor Ihnen kann ich ja garantieren, dass Sie keinen Teppich klauen. Die wird froh sein.“

„Gehen Sie, Frau Mengers! Ich frühstücke schnell und mache dann Toilette fürs Geschäft. Ich habe ja auch den alten Anzug, in dem ich Ihnen neulich die Küchenmöbel gestrichen habe. Der wird zum Teppichklopfen angezogen. In zehn Minuten stehe ich der Frau Bankdirektor zur Verfügung.“

Die Wirtin eilte davon, und Rudolf trank schnell eine Tasse des Zichoriekaffees, wobei er die Augen zudrückte, damit er besser herunterging. Dann verzehrte er die zwei trockenen Brötchen, die zu dem Frühstück gehörten, und dann machte er schnell „Toilette“.

Als er fertig war, kam die Wirtin zurück. „Na, man los, sie warten schon und sind heilfroh, dass sie jemanden haben. Dass Sie ein Doktor sind, habe ich lieber nicht gesagt, sonst denken sie am Ende, Sie können nich arbeiten. Es wird doch gehen, Herr Doktor?“

Er lachte. „Na, Teppiche klopfen kann doch nicht so schwer sein!“

„Warten S’ man ab! Alles muss gelernt sein. Also, Sie heben die Teppichrolle hoch, halten das eine Ende fest und kullern den Teppich über die Stange, so mit ’n Avek, verstehen Sie. Und dann klopfen Sie schön kräftig beide Seiten, bis aller Dreck raus is. Zuletzt wird jeder Teppich Strich for Strich abgebürstet. Na, es wird schon gehen. Sie sind ja nich dumm.“

Während Frau Mengers gleich danach das Zimmer aufräumte und dabei ab und zu mal zum Fenster hinaus nach der Teppichstange guckte, hatte Rudolf Hagmeister sich ins Vorderhaus begeben. Vor der Tür, an der das Namensschild des Bankdirektors prangte, holte er erst noch einmal tief Atem und richtete sich entschlossen auf, ehe er klingelte. Als das geschehen war, öffnete ein junges Mädchen.

„Frau Mengers schickt mich zum Teppichklopfen.“

Das Mädchen, die Stütze der Frau Bankdirektor, sah den jungen Mann prüfend an und wurde ein bisschen rot. Dieser schlanke, kraftvolle Mensch in einem Arbeitsanzug, der mehrere Ölflecken zeigte, sah nach allem eher aus als nach einem Teppichklopfer. Sein gebräuntes, scharf geschnittenes Gesicht, aus dem die grauen Augen hell und intelligent herausleuchteten, sah auch, trotz seiner Kostümierung, vornehm und interessant aus. Aber immerhin war eine Hilfe im Haushalt viel zu nötig, als dass die Stütze irgendwelche Einwände gegen ihn erhoben hätte. Frau Mengers hatte gesagt, sie habe einen honetten jungen Mann bei sich wohnen, der stellenlos sei und sich gern ein paar Mark verdienen wolle. Sie könnte für seine Ehrlichkeit garantieren. Und somit war man froh, dass er sich zur Arbeit meldete.

Frau Bankdirektor kam in einem seidenen Kostüm, das auf ihrer Vorderfront und auch auf der Rückfront einen in allen Farben schillernden Papagei zeigte, auf den Korridor, verschwand aber bei Rudolfs Anblick erschrocken wieder hinter der Tür, als sie in das Gesicht des jungen Mannes sah. Vor einem Arbeiter hätte sie sich nicht geniert, aber das war ja ein junger Herr, trotz des farbenbeklecksten Rocks.

Verstohlen blickte sie aus ihrem Schlafzimmerfenster auf den Hof hinaus und sah dem hoch gewachsenen, kraftvollen Mann nach, der zwei ihrer Riesenteppiche auf die Schultern genommen hatte und sie nach der Teppichstange trug. Sie sah auch, wie er den einen der Teppiche, den Anweisungen Frau Mengers folgend, emporhob und über die Stange gleiten ließ.

Und nun klopfte der junge Mann drauflos, dass der Staub nur so flog.

Befriedigt kleidete sich die Frau Bankdirektor an, um nachher, wenn der junge Mann wieder heraufkam, mit ihm sprechen zu können.

Rudolf stellte seine Auftraggeberin vollständig zufrieden und lieferte einen Teppich nach dem anderen in sauberem Zustand oben ab. Er stellte auch seine Dienste zur Verfügung beim Auflegen der Teppiche. Es mussten dabei schwere Möbel gehoben und gerückt werden, und die Frau Bankdirektor samt ihrer Stütze sahen ihm voll Bewunderung zu. Es ergab sich, dass auch sonst noch allerhand für ihn zu tun war, und die Hausfrau fragte ihn schließlich, als alles fertig war, ob er vielleicht am nächsten Abend an Stelle des Hausmädchens mit servieren wolle.

„Sie können doch gewiss servieren?“, fragte sie.

Er überlegte einen Moment. Warum nicht? Er hatte früher oft genug an einer Tafel gesessen, wo ihm serviert worden war. Das konnte kein Kunststück sein.

„Gewiss, gnädige Frau, ich werde es schon können.“

„Gut, also dann morgen Abend um acht Uhr. Nein, kommen Sie lieber schon eine Stunde früher, damit Sie beim Tischdecken helfen können!“ Sie drückte ihm die verdienten zehn Mark in die Hand, und die Stütze hatte auf ihren Befehl auch noch ein Paket belegter Butterbrote herbeigebracht, das sie ihm überreichte.

Keine Miene zuckte in Rudolfs Gesicht. Geld und Butterbrot waren ehrlich verdient. Und für morgen Abend sollte er gar zwanzig Mark bekommen!

Befriedigt begab er sich in seine Wohnung zurück, wo er erst einmal eine gründliche Waschung vornahm. Frau Mengers hatte ihm auf dem schmalen Korridor schon die Seele aus dem Leib gefragt, wie alles gewesen sei. Er lieferte einen humorvollen Bericht und bat sie um einen Teller für die belegten Brote. Den brachte sie auch, nachdem er sich gesäubert hatte, und sah neugierig zu, als er das Paket auspackte. Hm! Die Brote sahen lecker aus, und Rudolf gab Frau Mengers eines ab, weil sie ihm diese Arbeit verschafft hatte.

Am nächsten Abend stellte er sich pünktlich der Frau Bankdirektor zur Verfügung. Für heute hatte er sich entschließen müssen, seinen blauen Sakko anzuziehen. Er ließ sich von der freundlichen Stütze, die ihn wohlgefällig ansah, einige nützliche Winke geben und half ihr fleißig, Gläser und Teller zu polieren und auf die Tafel zu stellen. Er bekam sogar, bevor die Gäste eintrafen, ein Abendessen vorgesetzt, „damit Sie dann den Abend aushalten“, und sah nun den Ereignissen mutig entgegen.

Es ging alles gut. Er bekam seine zwanzig Mark, eine Flasche Wein und wieder ein Paket mit übrig gebliebenen Esswaren, womit er mindestens zwei Tage auszukommen hoffte. Es war freilich vier Uhr morgens, als er seine Wohnung aufsuchen konnte. Zu seiner Befriedigung war kein bekanntes Gesicht unter den Gästen gewesen. Die Frau Bankdirektor hatte ihm gesagt, wenn sie wieder Gäste hätte, würde sie ihn rufen lassen, sie sei sehr zufrieden mit ihm.

Und die Stütze hatte ihm einen liebevollen Blick nachgesandt. Vielleicht war der Ausdruck in den Augen der Frau Bankdirektor ebenfalls sehr viel wärmer gewesen, als er einem Lohndiener gegenüber am Platz war.

Rudolf hatte nun wieder für eine Woche ausgesorgt. Er gönnte sich daher am nächsten Morgen etwas länger Schlaf als sonst.

Als er endlich aufwachte, stellte sich Frau Mengers mit dem Frühstück ein und wollte wiederum ganz genau wissen, wie es gestern Abend bei „Bankdirektors“ zugegangen sei.

Rudolf aber nahm ihr die Zeitung weg.

„Erst will ich sehen, Frau Mengers, ob ich in der Zeitung etwas finde, nachher will ich Ihnen gern alles haarklein erzählen.“

Dann sah er die Inserate in den Zeitungen durch. Er berücksichtigte nun auch die, wo Lohndiener und Teppichklopfer gesucht wurden. Aber er fand nichts, absolut nichts. Seufzend legte er die Zeitung zusammen und schob sie von sich. Aber da entdeckte er plötzlich auf der Rückseite seinen eigenen Namen: Hagmeister! Interessiert zog er die Zeitung wieder herbei und las nun die Anzeige vom Tod eines Herbert Hagmeister auf Rittergut Lengwitz. Herbert Hagmeister? Das war doch der Bruder seines verstorbenen Vaters! Die beiden Brüder hatten in Fehde miteinander gelebt, seit seine Mutter seinen Vater geheiratet hatte, an Stelle seines Bruders, der sie ebenfalls zur Frau begehrt hatte. Nie mehr hatten die beiden seit dieser Zeit miteinander verkehrt, nie einen Brief gewechselt, nie voneinander Notiz genommen. Rudolfs Vater wusste wohl, dass sein Bruder später Gatte einer reichen Frau geworden war, die ihm das Rittergut Lengwitz in die Ehe gebracht hatte. Er wusste auch, dass dieser Ehe zwei Töchter entsprossen waren, von denen eine schon im zarten Alter gestorben war. Aber dass auch die zweite Tochter vor wenigen Jahren bei einem Autounglück ihr Leben hatte lassen müssen, davon war Rudolf, dessen Vater schon seit drei Jahren tot war, nicht zu Ohren gekommen.

Rudolf fühlte kaum irgendwelches Bedauern über den Tod seines Onkels. Er galt ihm nicht mehr als irgendein fremder Mensch und hatte ihm nie mehr gegolten.

Es vergingen einige Tage, in denen Rudolf wieder fleißig, aber vergeblich nach Arbeit gesucht hatte. Der Vorrat an kaltem Braten und anderen Delikatessen war aufgebraucht, das Geld schmolz langsam, aber sicher in seinen Händen zusammen, so oft er es auch um und um drehte, ehe er es ausgab, und seine Stimmung wurde wieder düster und sorgenvoll.

Eines Morgens erhielt er einen eingeschriebenen Brief, der den Aufdruck eines Doktor Zausch, Justizrat und Notar, trug. Kopfschüttelnd sah er darauf nieder. Was hatte er denn mit einem Justizrat zu tun? Etwas Erfreuliches konnte es nicht sein. Aber schließlich musste er den Brief doch öffnen, um zu erfahren, was dieser Justizrat von ihm wollte.

Er riss das Kuvert auf und zog einen Brief heraus, der folgenden Inhalt hatte:

Herrn Doktor Rudolf Hagmeister Berlin

Sehr geehrter Herr Doktor!

Als Sachwalter Ihres verstorbenen Oheims, Herbert Hagmeister, teile ich Ihnen ergebenst mit, dass dieser Sie zu seinem Universalerben eingesetzt hat, da Sie der einzige noch lebende Verwandte des Erblassers sind. Bitte, wollen Sie mir mitteilen, ob Sie zu mir kommen wollen oder ob ich Sie aufsuchen soll, um alles Weitere mit Ihnen zu besprechen. Ich bitte um Ihren möglichst umgehenden Bescheid und empfehle mich Ihnen

Hochachtungsvoll

Doktor Zausch, Justizrat

und Notar

Kalt und heiß lief es Rudolf den Rücken herunter. Er sprang auf und ging in seinem kleinen Zimmer auf und ab, als treibe ihn die Unruhe über diese Nachricht hin und her. Wieder und wieder blieb er stehen, um den Brief zu lesen. Endlich zuckte er die Achseln und sagte vor sich hin:

„Man muss eben bei diesem Justizrat Zausch anfragen, ob das alles wahr ist.“

Dann kramte er Schreibzeug hervor, setzte sich hin und schrieb:

Sehr geehrter Herr Justizrat!

Ihr Schreiben habe ich erhalten, bin aber von dem Inhalt so benommen, dass ich an eine Mystifikation glaube. Wohl las ich zufällig die Anzeige vom Tod meines Onkels, aber es erscheint mir unmöglich, dass er mich zum Erben eingesetzt haben soll. Erstens war er mit meinen Eltern verfeindet, zweitens ist es mir bekannt, dass er eine Tochter hatte. Seine zweite Tochter ist, wie ich weiß, als Kind gestorben, aber die andere muss doch noch am Leben und somit die Erbin ihres Vaters sein! Oder irre ich mich? Ich bitte Sie um Aufklärung, denn ich bin momentan nicht in der Lage, Reisekosten auf Ungewisses hin zu verausgaben. Wenn Ihre Mitteilung wirklich den Tatsachen entsprechen, werde ich selbstverständlich zu Ihnen kommen. Bitte, geben Sie mir umgehend Nachricht!

Mit vorzüglicher Hochachtung

Rudolf Hagmeister

Diesen Brief beförderte er sogleich zum Briefkasten. Als er danach wieder das Haus betrat, begegnete ihm die Frau Bankdirektor und lächelte ihm gnädig, sehr gnädig sogar, zu. Er blieb stehen und verbeugte sich, und erst als sie an ihm vorüber war, ging er weiter. Konnte man wissen, ob diese Frau ihm nicht noch einmal zu Lohn und Brot verhelfen würde?

***

Die nächsten Tage waren für Rudolf eine Qual. Unausgesetzt schwankte er zwischen Furcht und Hoffnung hin und her. Aber am dritten Morgen traf wieder ein Schreiben des Justizrats Zausch ein. Mit zitternden Händen öffnete Rudolf es und las:

Sehr geehrter Herr Doktor!

Es hat alles seine Richtigkeit mit dem, was ich Ihnen mitgeteilt habe. Herr Herbert Hagmeister ist ohne Leibeserben gestorben, da seine zweite Tochter vor einigen Jahren bei einem Autounfall ums Leben kam. Sie sind tatsächlich sein einziger Verwandter, und er hat in seinen letzten Lebensjahren, wie ich weiß, seine Feindschaft gegen Ihre Eltern begraben und Sie zu seinem Universalerben eingesetzt. Bitte, kommen Sie also zu mir! Ich erwarte sie jederzeit.

Hochachtungsvoll

Doktor Zausch, Justizrat

und Notar

Rudolf war es abermals heiß und kalt, und er brauchte geraume Zeit, um fassen zu können, was ihm hier mit kurzen Worten mitgeteilt wurde. Sobald sich der Sturm in seinem Innern gelegt hatte, traf er die Vorbereitungen zu seiner Abreise. Gottlob besaß er noch genug Geld, um eine Fahrkarte nach Stralsund lösen zu können, wo der Justizrat wohnte. Das Gut seines Onkels lag wohl in der Nähe von Stralsund, jedenfalls war es ihm bekannt, dass es in der direkten Nähe der Ostseeküste lag.

Er wusste, dass seine Wirtin einen Fahrplan besaß, und er bat sie, ihm den zu leihen.

„Nanu, Sie wollen doch nicht etwa verreisen, Herr Doktor?“

„Doch, Frau Mengers, ich will nach Stralsund fahren.“

„Jotte doch? Ist da eine Stellung frei?“

Er lachte. „Nein, aber eine Erbschaft wartet da auf mich.“

„Na, Sie sind wenigstens noch immer bei Humor, Herr Doktor. Ich wünsche Ihnen schon so eine richtige fette Erbschaft.“

„Vielleicht wird es wahr, Frau Mengers. Also bitte den Fahrplan, ich möchte gleich heute Vormittag reisen, wenn ich den Zug noch erwische.“

Eiligst brachte sie den Fahrplan herbei. Während er nachschlug, beugte sie sich aufgeregt mit über das Buch. Rudolf hatte gleich, was er suchte. „9.15 D-Zug. Da bin ich 12.49 in Stralsund und kann heute Abend wieder zurück sein. Liebe Frau Mengers, nun dalli, raus aus den heiligen Hallen, ich muss mich umziehen und fertig machen! Gehen Sie, halten Sie sich nicht mehr mit der Vorrede auf, ich muss mich beeilen.“

„Sagen Sie mir doch bloß ernsthaft, ob das mit der Erbschaft stimmt!“

„Ich hoffe es! Und wenn es stimmt, dann schenke ich Ihnen ein piekfeines Seidenkleid – beste Qualität.“

„Ach nee, lieber eine Pelzjacke, Kaninchen! Die hab ich mir schon lange gewünscht.“

„Schön, Frau Mengers; halten Sie mir den Daumen! Wenn alles klappt, sollen Sie auch die Pelzjacke bekommen.“

„Samt das Seidenkleid?“, fragte sie.

„Ja doch! Meinetwegen! Aber nun raus!“

Und er schob sie zur Tür hinaus. Schnell war er fertig. Er sah trotz seiner etwas abgetragenen Kleider noch immer vornehm aus. Selbstverständlich wurde ihm die Bahnfahrt sehr lang, er fieberte nach Gewissheit.

Aber auch diese Reise nahm ein Ende, und gegen halb zwei Uhr stand er vor dem Haus des Justizrats Zausch. Etwas unschlüssig sah er auf die blanken Fenster. Um diese Zeit kam er vielleicht ungelegen. Man saß entweder bei Tisch oder hielt ein Mittagsschläfchen. Aber der Justizrat hatte doch geschrieben, dass er ihn jederzeit erwartete. Also zog er die Glocke, und gleich darauf ließ ihn ein hübsches, freundliches Dienstmädchen eintreten. Er gab ihr seine Karte.

„Der Herr Justizrat erwartet mich.“

Sie sah ihn etwas unschlüssig an. „Er ist gerade bei Tisch – aber ich werde Sie melden.“

Und sie ließ ihn in das Büro eintreten.

Fünf Minuten später trat der Justizrat ein, ein weißhaariger, untersetzter Herr, mit scharf blickenden blauen Augen, die durch eine blank geputzte Brille sahen. Lächelnd reichte er dem Besucher die Hand. „Herzlich willkommen, Herr Doktor; freue mich, dass Sie so schnell gekommen sind! Derartige Sachen mache ich gern schnell ab. Man kann ja schließlich selten genug jemanden die Nachricht bringen, dass er ein reiches Erbe macht.“

„Sie sehen mich noch immer ziemlich fassungslos, Herr Justizrat. Wenn mir plötzlich eine Erbschaft vom Mond gefallen wäre, könnte ich nicht überraschter sein als darüber, dass mein Onkel Herbert mich zu seinem Erben eingesetzt hat, zumal das Verhältnis zwischen ihm und meinem Vater kein gutes war.“

Die Herren hatten Platz genommen, und der Justizrat nickte.

„Weiß ich, weiß ich alles, weiß auch, dass Ihre Frau Mutter die einzige Liebe Herbert Hagmeisters gewesen ist, und gerade weil er ihren Verlust nicht verschmerzen konnte, hat er seinem Bruder nie verzeihen können, dass er von ihr geliebt wurde. Na, und Ihr Herr Onkel spürte dann doch wohl, dass er weder Ihre Mutter noch Ihren Vater dafür verantwortlich machen konnte, dass sie sich so sehr geliebt haben. Nun war er ganz einsam geworden, hatte keine Freude mehr am Leben und machte sich langsam mit dem Gedanken vertraut, Sie zu sich zu rufen. Dass Sie sich in einer wenig beneidenswerten Lage befanden, war ihm bekannt. Er nahm sich daher vor, Ihnen seine Hilfe angedeihen zu lassen, ehe er abberufen würde, und machte auf alle Fälle sein Testament zu Ihren Gunsten. Ehe er jedoch imstande war, Sie zu sich rufen zu lassen, erkrankte er und wurde binnen weniger Tage von einer Grippe, zu der eine Lungenentzündung hinzukam, hinweggerafft. Er trug mir jedoch noch in den letzten Stunden auf, Ihnen zu sagen, er sterbe ohne Groll gegen Ihre Eltern und wünsche, sein Erbe möge Ihnen Segen bringen.“

Rudolf holte tief Atem. „Das alles berührt mich seltsam. Ich hatte keine Ahnung, dass er sich irgendwie um mich kümmerte; ich hatte ihn, offen gestanden, völlig vergessen.“

„Nun, wie dem auch sei. Sie sind sein Universalerbe. Das Rittergut Lengwitz mit allem lebenden und toten Inventar gehört Ihnen. Alles ist in gutem Zustand. Haus, Hof und Wirtschaftsräume bestens erhalten und ausgestattet. Der Boden ist gut und ertragsfähig. Bargeld allerdings hat der alte Herr gerade nur so viel hinterlassen, dass einige Legate ausgezahlt werden können und dass für das nächste Vierteljahr die nötigen Zahlungen bereitliegen. Der springende Punkt für Sie wird die ziemlich hohe Erbschaftssteuer sein, aber schlimmstenfalls müssten Sie eine Hypothek aufnehmen. Lengwitz ist sonst vollständig unbelastet. Immerhin ist diese Erbschaft ihre gute Million wert, und man kann Ihnen dazu schon Glück wünschen, Herr Doktor.“

Während Rudolf noch etwas benommen mit seinen Gefühlen rang, setzte ihm der Justizrat alles auseinander, legte ihm die nötigen Papiere vor und erklärte ihm, dass zwar ein zuverlässiger Verwalter auf Lengwitz angestellt sei und sich seit vier Jahren tadellos bewährt habe, dass es aber dennoch im Interesse des Erbes sei, wenn er selbst in das schöne und geräumige Lengwitzer Herrenhaus übersiedele und die Oberleitung seines Gutes in die Hände nehmen würde.

Rudolf wischte sich, nachdem er alles begriffen hatte, den Schweiß von der Stirn und sagte heiser vor unterdrückter Erregung:

„Das alles ist mir vorläufig wie ein schöner Traum, Herr Justizrat. Es ist jammerschade, dass ich nicht statt Chemie Landwirtschaft studiert habe. Aber schließlich ist es kein Schaden, wenn ein Landwirt auch etwas von Chemie versteht, und ich werde mich schon einarbeiten. Man kann vieles lernen – wenn man ernstlich will, und – ich habe mich schon in schwierigere Situationen finden müssen.“

Dabei dachte er an den Abend im Haus des Bankdirektors und musste in sich hineinlachen.

Der Justizrat sah ihn wohlgefällig an.

„Ich sehe, Sie fassen das Ding am rechten Ende an. Und der Verwalter wird Sie gern in die Schule nehmen, er ist noch. jung, aber ein tüchtiger Mensch, auf den Ihr Herr Onkel große Stücke hielt. Wie ist es? Haben Sie noch Zeit, mit mir nach Lengwitz zu fahren? In einer Stunde können wir dort sein. Es geht an der Küste entlang. Sie werden Ihre Freude haben an der herrlichen Lage Ihres Besitzes.“

Rudolfs Augen strahlten auf. „Wenn ich Sie bemühen darf, Herr Justizrat?“

„Selbstverständlich!“

„Und vielleicht darf ich Sie auch bitten, mir in allen Rechtsfragen beizustehen, wie Sie meinem Onkel beigestanden haben.“

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