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Hedwig Courths-Mahler - Folge 052

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Sein Kind

Herzbewegender Roman um eine liebende Frau, ihren Mann und ein Geheimnis

 

 

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Die Hochzeitstafel war vorüber.

Das junge Paar stahl sich im Trubel des Aufbruchs von der Tafel heimlich weg, um sich für die bevorstehende Hochzeitsreise umzukleiden.

Es blieb beinahe unbemerkt.

Die Braut drückte nur im Vorübergehen ihrem Vater die Hand und sagte: „Leb wohl, Papa, auf Wiedersehen!“

„Auf Wiedersehen, mein Kind! Glückliche Reise!“, erwiderte er und gab den Druck der kleinen Hand zurück.

Die Hochzeitsgesellschaft war sehr zahlreich und glänzend und befand sich in animiertester Stimmung. Gleich nach der Tafel begann die Kapelle zum Tanz aufzuspielen. Zwischen die Klänge der Musik mischte sich fröhliches Lachen. Niemand achtete auf das Brautpaar, das nun unbemerkt entschlüpfte.

Aber das geschah nicht in zärtlich süßem, von sehnsüchtigem Verlangen nach Alleinsein erfülltem Einverständnis. Der Bräutigam hatte verstohlen nach der Uhr gesehen, und seine blassen, gespannten Züge schienen vor unterdrückter Nervosität zu beben. Mit müdem, apathischem Ausdruck flog sein Blick über die Gesellschaft hinweg. Leise, aber ziemlich kühl und förmlich hatte er seiner jungen Gattin zugeflüstert: „Es ist Zeit, Traude, wir müssen uns zur Abreise fertig machen.“

Die Braut hatte kaum mit den Wimpern gezuckt. Ihre Augen blickten ruhig und gelassen in die ihres Gatten.

„So lass uns aufbrechen“, erwiderte sie ohne jede Erregung.

Aber als er dann in der Menge verschwand, um seinen Eltern Lebewohl zu sagen, sah sie ihm mit einem seltsamen Blick nach.

War es Trauer oder Schmerz, was in den schönen Augen aufzuckte, oder war es Spott und Bitterkeit, gemischt mit stolzer Resignation?

Jedenfalls presste sie die fein geschwungenen Lippen fest aufeinander, wie in herber Abwehr aller weicheren Gefühle. Die schlanke, jugendschöne Gestalt mit den edel gerundeten Gliedern richtete sich hoch empor. So verließ sie langsam den Saal.

Ihr Gatte hatte inzwischen von seinen Eltern Abschied genommen. An der hohen Glastür, die das Vestibül von den Festräumen trennte, erwartete er sie. Seine hohe, schlanke Gestalt lehnte an einem Pfeiler, und seine Augen sahen düster und geistesabwesend vor sich hin. Er schrak zusammen, als sie plötzlich neben ihm stand. Aber sogleich breitete sich wieder die starre Ruhe über sein festgefügtes, energisches Gesicht. Sein schmaler, ausdrucksvoller Mund presste sich fest zusammen, als müsse er einen herben Schmerz unterdrücken. Und die Zähne bissen sich so fest aufeinander, dass die Muskeln in seinem Gesicht zuckten.

Mit einer tadellosen Verbeugung bot er ihr den Arm.

Von der Seite warf Traude einen Blick in dieses blasse, starre Männergesicht, und der herbe Zug um ihren Mund vertiefte sich noch. Stolzer hob sie das Haupt und kälter wurde der Blick ihrer sonst so gütigen Augen.

Sie legte die Fingerspitzen auf seinen Arm, und Lothar Hochberg führte seine junge Frau zu dem für sie reservierten Zimmer im ersten Stock, wo sie sich umkleiden sollte für die Reise. Ihre Zofe hatte ihre Reisekleider zurechtgelegt und wartete auf sie, um ihr beim Umkleiden behilflich zu sein.

Lothar öffnete die Tür und ließ seine Gattin mit einer artigen – nur zu artigen Verbeugung eintreten.

„Wann kannst du fertig sein, Traude?“, fragte er.

Es zuckte leise um ihren Mund, aber sie sah ruhig zu ihm auf. „In einer halben Stunde“, erwiderte sie mit derselben kühlen Höflichkeit.

„Also werde ich dich in einer halben Stunde unten im Vestibül erwarten.“

Artig fasste er ihre Hand und führte sie an die Lippen. Als er sich aufrichtete, trafen die Augen der beiden jungen Gatten ineinander. Traudes Augen hatten noch den ruhig stolzen Blick, aber in seinen Augen …

Bisher hatte Traude in den Augen ihres Gatten nur immer den kühl höflichen Blick gesehen. Jetzt las sie plötzlich einen Ausdruck darin, der ihre stolze Ruhe erschütterte. Es lag eine stumme Bitte um Verzeihung und ein unsäglicher Schmerz in diesen grauen Männeraugen.

„Wie ein Mensch in tiefster Not“, dachte die junge Frau voll Unruhe. Und die große Güte ihres Wesens weckte ein seltsames Gefühl in ihr – fast war es Mitleid und Erbarmen.

Traude war zweiundzwanzig Jahre alt geworden, ohne dass ihr Herz gesprochen hätte. Dabei fehlte es ihr nicht an Bewerbern, denn sie war nicht nur jung und schön, sondern war auch, als einzige Tochter ihres Vaters, eine der reichsten Erbinnen der Stadt.

Ihr Vater war der Kommerzienrat Falkner, ein mehrfacher Millionär und Vorstandsmitglied verschiedener Aktiengesellschaften. Er hatte seine Tochter bisher ruhig gewähren lassen, wenn sie einen Freier nach dem anderen mit einem Korb abziehen ließ. Denn es war keiner unter ihnen gewesen, den er sich zum Schwiegersohn gewünscht hätte. Traude wusste sehr wohl, dass sie hauptsächlich ihres Geldes wegen umworben wurde. Sie kannte genug vom Leben, um zu wissen, dass die jungen Herren ihrer Kreise zwar ihre Geliebten nach dem Herzen, ihre Frauen aber nach dem Geldbeutel wählten. Verschiedene ihrer Freundinnen waren so verheiratet, wie sie nicht verheiratet sein wollte.

Denn Traude hatte trotz ihres ruhigen Stolzes ein sehr warmes Herz und junges, rasches Blut. Sie hatte ihre Ideale und hoffte lange Zeit, dass ihr einmal ein Glück beschieden werden könne, wie sie es sich erträumte.

Aber die große Liebe, auf die sie Jahr um Jahr in holden Mädchenträumen gewartet hatte, war nicht gekommen.

Und dann hatte ihr Vater ihr eines Tages gesagt: „Lothar Hochberg wird morgen kommen und um deine Hand anhalten. Und ich wünsche, dass du diese Werbung annimmst. Du bist im heiratsfähigen Alter, und Lothar Hochberg ist von allen jungen Herren, die ich kenne, der vornehmste und gediegenste. Du wirst es nicht bereuen, wenn du ihm dein Jawort gibst.“

Die Worte hatten ein seltsames Gefühl ausgelöst in Traudes Herzen. Im ersten Moment wollte sie protestieren, aber dann presste sie ihren Mund zusammen und sah nachdenklich vor sich hin. Und dann erwiderte sie nur: „Lass mich das erst bedenken!“

„Du hast Zeit bis morgen, Traude, aber ich erwarte von dir, dass du vernünftig bist. Einen wertvolleren Menschen wirst du nicht finden als ihn. Ich habe ihn lange geprüft“, hatte ihr Vater erwidert.

Als Traude allein gewesen war, hatte sie sinnend vor sich hingesehen. Lothar Hochberg? Sie kannte ihn seit ihren Kindertagen. Als sie die ersten Wege zur Schule ging, war er ihr schon mit der roten Gymnasiastenmütze begegnet. Sein Vater besaß eine große Fabrik und war mit dem ihren befreundet.

Als sie dann zum Backfisch herangewachsen war, trafen sie oft im Winter auf der Eisbahn zusammen, und seine warmgrauen Augen hatten lachend in die ihren geschaut. Einmal war einer ihrer langen dicken Zöpfe an seinem Jackenknopf hängen geblieben, als sie an ihm vorüberlief. Das hatte weh getan. Er hatte sorgsam den Zopf gelöst und einen Moment wohlgefällig auf der Hand gewogen.

Dann war sie so eilig weitergeeilt, dass sie stürzte. Schnell war er an ihrer Seite gewesen und hatte sie aufgehoben. Danach waren sie in ein Gespräch gekommen und waren zusammen weiter gelaufen. Sie hatten gescherzt und gelacht, und ein klein wenig hatte er ihr den Hof gemacht. Er hatte sie dann sogar nach Hause begleitet.

Traude hatte lange danach immer ein wenig Herzklopfen gehabt, wenn sie an Lothar Hochberg dachte. Aber nach jenem Tag auf der Eisbahn hatten sie einander lange Zeit nicht wiedergesehen.

Traude war bald darauf in eine Pension gekommen, und inzwischen hatte Lothar Hochberg bei der Garde sein Jahr abgedient. Als Traude aus der Pension zurückkam, weilte er schon in London, wo er bei einer befreundeten Firma als Volontär seine Kenntnisse erweiterte. Denn er sollte eines Tages der Nachfolger seines Vaters im Geschäft werden. Er war das einzige Kind seiner Eltern.

Als Lothar Hochberg nach Jahren zurückkam, war Traude inzwischen eine viel umworbene junge Dame geworden. Auf einem Ball waren sie sich zuerst wieder begegnet. Und seltsamerweise hatte Traudes Herz beim Anblick des jungen Mannes rebellisch geklopft.

Aber er schien sehr gemütsruhig zu sein, als er sie artig und höflich begrüßte. Er bat sie auch um einen Tanz, aber sie fühlte, er tat es nur, um der Form zu genügen. Da zwang sie ihr Herz zur Ruhe und wurde kühl und höflich wie er.

Bald darauf hörte sie in einer Damengesellschaft, dass Lothar Hochberg ein Liebesverhältnis mit der Gesellschafterin seiner Mutter habe und dass sie deshalb von seiner Mutter plötzlich entlassen worden sei.

Diese Nachricht hatte ihr einen kleinen Stich versetzt, aber sie hatte den Kopf stolz zurückgeworfen. Natürlich, er war auch wie die anderen alle, er suchte sich eine Geliebte oder auch mehrere, wie es die anderen jungen Herren taten. Und wenn er dann eines Tages eine Frau heimführen wollte, dann sah er sich, wie alle anderen, mit kühler, kritischer Gelassenheit nach einer entsprechenden Partie um, die zahlenmäßig zu ihm passte.

Dabei kam es nur auf das Ergebnis des Rechenexempels an – auf nichts weiter!

Von diesem Tag an war Traude Falkner noch viel stolzer und abweisender geworden.

Dann war ein Gerücht zu ihr gedrungen, dass die Firma Hochberg und Sohn mit geschäftlichen Schwierigkeiten zu kämpfen habe, und schließlich sprach man auch von enormen Verlusten, die vollends den Ruin der Firma in greifbare Nähe rückten.

Am Tag darauf sagte ihr dann ihr Vater, dass Lothar Hochberg um ihre Hand anhalten würde.

Voll tiefer Bitterkeit hatte sie gedacht:

Jetzt braucht er eine reiche Frau, jetzt bist du ihm gut genug. Sein Herz hat er anderweitig verschenkt, aber er wird dir nun, wie die anderen es getan haben, eine Liebe vorheucheln, die er nicht empfindet. Du wirst die Lüge in seinem Antlitz sehen, und das wird dich verletzen und demütigen wie nichts zuvor.

Und sie hatte sich fest vorgenommen, obwohl ihr Vater diese Verbindung wünschte, ihn abzuweisen.

Aber als er dann mit einem seltsam blassen Gesicht vor ihr gestanden hatte, als er ehrlich bekannte, dass seines Vaters Wunsch ihn zu der Werbung veranlasst habe, als er sie mit zuckenden Lippen um ihre Hand bat, hatte sie doch Ja sagen müssen. Ein unerklärlicher Zwang hatte ihr das Ja auf die Lippen gedrängt statt des schroffen Nein.

Und sie hatte sich später nicht mehr zu erklären gewusst, weshalb sie Ja gesagt hatte.

Ihre Brautzeit war nicht lang gewesen. Sie war in diesen Wochen kaum einmal auf Minuten mit Lothar allein zusammengekommen. Und sie hätten einander auch nichts zu sagen gehabt, was nicht alle Welt hätte hören dürfen.

Traude hatte die Wochen ihrer Brautzeit wie in einem drückenden Traum verlebt, aus dem sie sich nicht lösen konnte. Sie fühlte sich unfrei und gedemütigt. Wieder und wieder sagte sie sich, diese Verbindung sei eine Unmöglichkeit. Aber sie fand nicht die Kraft, sich zu befreien. Vielleicht hatte sie es auch nicht ernsthaft gewollt. Irgend etwas hatte sie neben Lothar Hochberg festgehalten. Und schließlich hatte sie sich in bitterer Resignation gesagt: Ob er oder ein anderer, es ist doch alles eins. Was du in der Ehe suchst, wirst du doch nie finden.

Und so stand sie nun mit dieser Resignation, umgürtet mit ihrem Stolz und doch mit heimlichem Zagen vor der Zukunft, auf der Schwelle ihrer Ehe.

***

Als Lothar Hochberg seine junge Frau verlassen hatte, war er in das für ihn reservierte Zimmer geeilt. Er schloss es mit einem jähen Griff hinter sich ab, als fürchte er, es könne noch etwas Störendes bei ihm eindringen. Mit einem Stöhnen fiel er dann in einen Sessel. Das zuckende Gesicht in den Händen bergend, schloss er die brennenden Augen. So bot er ein Bild der Verzweiflung, des Kummers.

Und doch empfand er diese wenigen Minuten des Alleinseins als eine Wohltat nach unerträglicher Qual. Diese Hochzeitsfeier hatte an seinen Nerven gerissen. Er, der sonst nicht wusste, was Nerven waren, hatte in diesen Tagen gelernt, was für eine Marter zuckende Nerven bereiten konnten. Wieder und wieder drang ein Stöhnen aus seiner Brust. Und plötzlich ließ er die Arme schlaff herabsinken und starrte vor sich hin als habe er eine Vision.

„Maria, arme kleine Maria, vergib – vergib, ich konnte es dir und mir nicht ersparen, du weißt es“, sagte er heiser, und ein Zittern lief über seinen Körper.

So saß er eine Weile. Dann schrak er zusammen, sah verwirrt um sich und riss sich zusammen. Ein Blick auf seine Uhr belehrte ihn, dass er in zehn Minuten fertig sein musste. In zehn Minuten musste er seine junge Frau unten im Vestibül erwarten.

Seine Frau?

Ein bitteres Lächeln zog seine Mundwinkel herab, und seine Hand strich durch die Luft, als weise er etwas Störendes von sich. Traude Falkner war ihm freilich immer sympathisch gewesen, als Kind, als Backfisch und als erwachsene junge Dame. Vor Jahren – damals auf der Eisbahn – hatte er sogar ein wenig mit dem lustigen Backfisch geflirtet. Aber das war nur vorübergehend. Nichts als eine kühlfreundliche Sympathie war übrig geblieben, als er sie nach Jahren wiedersah, denn inzwischen war sein Herz andere Bahnen gewandelt. Nie hatte er daran gedacht, Traude zu heiraten – bis er dazu gezwungen worden war.

Aber er war ihr doch dankbar, dass sie als Braut weder Zärtlichkeiten forderte noch gab. Der kühle Stolz, mit dem sie neben ihm ging, machte ihm diese Wochen leichter, diese quälende Brautzeit zu überstehen. Und ihre stolze, zurückhaltende Ruhe musste ihm nun auch helfen, eine Ehe mit ihr zu führen. Wenn er seiner Frau auch sonst nichts zu bieten hatte, an artigen Aufmerksamkeiten wollte er es nicht fehlen lassen.

Hastig kleidete er sich um und eilte dann hinab. Kaum war er unten angelangt, als er auch schon Traude die Treppe herabkommen sah.

In demselben Moment betrat ein halbwüchsiger Bursche das Hotelvestibül und trat an den Portier heran. Er zeigte ihm die Adresse eines Briefes. Der Portier las sie und deutete auf Lothar, an den der Brief adressiert war.

Der Bursche ging zu ihm hinüber, seine Mütze unter den Arm klemmend.

Gerade in dem Moment, als Lothar seiner Frau den Arm reichen wollte, sagte der Bursche neben ihm: „Herr Hochberg, diesen Brief soll ich Ihnen persönlich übergeben.“

Lothar wandte sich nach dem Burschen um, nahm den Brief und gab gewohnheitsmäßig ein Trinkgeld.

„Du erlaubst, Traude? Ich will nachsehen, ob es etwas Wichtiges ist“, wandte er sich an seine Frau, während der Bursche verschwand. Traude neigte zustimmend das Haupt. Lothar riss schnell den Brief auf. Er enthielt nur wenige Worte. Aber sie mussten eine erschütternde Nachricht erhalten. Er taumelte einige Schritte zurück und fasste, sich krampfhaft stützend, nach einer Sessellehne.

Aus seinem Gesicht war jeder Blutstropfen gewichen, auf seiner Stirn perlte kalter Schweiß und seine Augen starrten in verzweiflungsvollem Entsetzen vor sich hin.

Traude sah das alles, und instinktiv, ohne sich dessen bewusst zu werden, folgte sie ihrem gütigen Wesen. Sie trat an ihn heran und fasste seinen Arm. „Was ist dir, Lothar?“, fragte sie teilnehmend.

Er riss sich mit übermenschlicher Anstrengung zusammen. Ein qualverzerrtes Lächeln spielte um seinen Mund, und wie im Krampf drückte er das Schreiben in seiner Hand zusammen. Mit ausdruckslosen Augen starrte er Traude an. Tastend steckte er das Schreiben zu sich, verneigte sich wie ein Automat und bot ihr den Arm. „Es ist nichts – nichts“, kam es wie ein Keuchen aus seiner Brust.

Besorgt legte sie ihre Hand auf seinen Arm, und er führte sie zu dem eleganten Auto, das am Portal wartete, um sie nach dem Bahnhof zu bringen.

Traude fühlte, dass ihr Gatte wie ein Schlafwandler neben ihr ging.

Als sie ihren Platz im Wagen eingenommen hatte, stieg er zu ihr und fiel, wie aller Kraft beraubt, in die Wagenpolster. Es herrschte noch eine leichte Dämmerung, und Traude sah von der Seite in sein Gesicht.

Der Ausdruck dieses in Schmerz schier erstarrten Männergesichts schnitt ihr in die Seele.

Leise legte sie ihre Hand auf seinen Arm. „Lothar, hast du eine schlimme Nachricht erhalten, die dich so erschüttert hat?“

Er schrak aus seiner Erstarrung auf. Sein Gesicht zuckte. Dann sagte er heiser: „Ja – eine furchtbare Nachricht, die mich bis ins Innerste getroffen hat. Verzeih, dass ich mich nicht besser beherrschen konnte.“

„Das bedarf doch keiner Verzeihung. Ich sehe, du leidest. Kann ich dir nicht helfen?“

Er schüttelte jäh den Kopf. „Mir helfen? Nein – nein – niemand kann das – niemand. Das muss ich allein tragen – ganz allein. Aber ja – ja helfen könntest du mir doch.“

„So sprich!“, drängte sie.

Er strich sich über die Stirn, als müsse er sich besinnen. Endlich sagte er hastig: „Traude, es ist etwas ganz Außergewöhnliches, was ich von dir erbitten möchte – etwas, das ich jetzt eigentlich nicht von dir erbitten dürfte. Vielleicht wirst du mir sehr zürnen wegen dieser Bitte. Aber ich muss es dennoch wagen.“

„Sprich doch!“, forderte sie fast zornig vor Erregung. „Ich will dir helfen, wenn ich kann. Da bedarf es keiner kleinlichen Rücksichten. Was kann ich tun?“

Seine Augen bekamen einen bewussteren Ausdruck.

„Die Nachricht, die ich eben erhalten habe, Traude – sie lässt mich nicht abreisen, bevor ich einen Weg gegangen bin, den ich gehen muss. Ich flehe dich an, lass uns unsere Reise um einige Stunden aufschieben. Es geht noch ein späterer Zug – gegen neun Uhr. Bis dahin kann ich wieder bei dir sein. Würdest du die große Güte haben, mich auf zwei Stunden zu beurlauben? Du dürftest aber nicht zur Hochzeitsgesellschaft zurückkehren. Es würde unliebsames Aufsehen erregen, das ich um deinetwillen vermeiden möchte. Du könntest mich vielleicht in einem Zimmer des Bahnhofhotels erwarten, ich würde dich dorthin bringen. Es ist ein unerhörtes Ansinnen, das ich dir stelle, ich weiß es, doch zürne mir nicht – hilf mir! Keinem Lebenden würde ich das Recht einräumen, mich jetzt von deiner Seite zu entfernen, aber ein Toter ruft nach mir. Forsche nicht weiter – zürne mir nicht – hilf mir!“

Es lag etwas Erschütterndes in diesen hastig hervorgestoßenen Worten. Traude schloss einen Moment die Augen. Sie wollte nicht forschen, nur helfen. Wollte auch nicht fragen, ob dieser Tote nicht vielleicht eine tote Frau war.

Ihr Herz erzitterte vor Weh und Mitleid. Sie fühlte, dass sie einem Drama gegenüberstand, das vielleicht mit ihrer Hochzeit seinen Abschluss gefunden hatte. Und sie fühlte auch, dass dieses Drama an Lothars Seele zerrte wie ein vernichtendes Verhängnis.

Sie atmete tief auf.

„Ich forsche und frage nicht, Lothar. Geh, wohin du gehen musst, ich halte dich nicht zurück“, sagte sie fest.

Er fasste mit einem schmerzhaften Druck ihre Hand und presste seine Lippen darauf. „Dank, heißen Dank. Nie vergesse ich dir diese Großmut.“

Sie schüttelte heftig den Kopf. „Es ist keine Großmut! Dass ich dir zu helfen versuche, da ich dich in Not und Bedrängnis weiß, ist doch selbstverständlich. Was forderst du Großes von mir? Dass ich einige Stunden auf dich warte – das ist doch kein Opfer.“

Mit einem seltsamen Blick sah er sie an. „Du bist sehr gütig. Nochmals heißen Dank.“

Der Wagen hielt am Bahnhofsportal. Um jedes Aufsehen zu vermeiden, half Lothar seiner Frau aussteigen und schickte den Wagen zurück. Ein Diener kam ihnen entgegen mit leichtem Handgepäck, den gelösten Fahrkarten und dem Gepäckschein. Er wollte das junge Paar zum Zug begleiten. Lothar nahm ihm alles ab und schickte ihn gleich mit dem Auto nach Hause. Dann deponierte er das Handgepäck am Gepäckschalter und wandte sich Traude wieder zu.

„Darf ich dich nun zum Bahnhofshotel führen?“, fragte er anscheinend ruhig. Sie merkte aber, dass seine Nerven vor Unruhe vibrierten, und um ihn möglichst bald zu erlösen, sagte sie: „Es ist unnötig, dass wir erst ins Hotel gehen. Ich sehe, dieses Wartezimmer ist fast leer. Ich werde dort auf dich warten.“

Er sah nach dem Wartezimmer und überzeugte sich, dass sie Recht hatte. So reichte er ihr den Arm. „Wie du wünschst, Traude.“

Sie betraten das Wartezimmer, und er führte sie in ein Eckchen, das hinter einer Pflanzengruppe etwas versteckt lag. Hinter einem runden Tisch stand ein rotes Plüschsofa, das mit weißen Deckchen belegt war. Es war ein ziemlich ungemütlicher Raum. Betreten sah Lothar seine Frau an. „Dieser Aufenthalt ist sehr primitiv, Traude.“

Sie wehrte hastig ab. „Lass solche Kleinigkeiten beiseite! Ich kann hier so gut warten wie sonst irgendwo.“

„Willst du es wirklich tun?“

„Gewiss, ich habe allerlei Reiselektüre bei mir, die wird mir die Zeit vertreiben. Du kannst mich unbesorgt allein lassen.“

Ein gequälter Ausdruck lag in seinen Augen. „Es ist mir peinlich, Traude, dass ich das von dir fordern muss, aber ich kann nicht anders.“

Sie hob die Hand. „Sprich nicht mehr davon! Geh ruhig deinen Weg!“

Mit zuckendem Gesicht beugte er sich über ihre Hand. „Ich danke dir. In spätestens zwei Stunden bin ich zurück.“

Sie nickte, und dann fragte sie leise: „Du gehst zu einem Verstorbenen, wie du mir sagtest, Lothar. Willst du ihm diese Blumen nicht mitnehmen? Für mich haben sie keinen Wert mehr.“

Damit reichte sie ihm den großen Rosenstrauß, den er für sie hatte ins Auto legen lassen – ihre Hochzeitsblumen!

Es ging wie ein jäher Ruck durch seine Gestalt. Unsicher sah er sie an. Ahnte sie, dass es ein totes Weib war, zu dem es ihn hinzog mit unwiderstehlicher Gewalt?

Zögernd fasste er nach den Rosen. „Traude, ich weiß nicht, ob ich diese Blumen annehmen darf …

Mit ernsten Augen sah sie ihn an.

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