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Hedwig Courths-Mahler - Folge 051

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Ich liebe einen anderen

Ein spannender Roman um die Lüge eines enttäuschten Mädchens

 

 

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Du kennst nunmehr meinen Willen, Lanie, und wirst dich danach richten.“

Verzagt sah Lanie zu ihrem Vater auf, dessen Gesicht weder väterliche Güte noch Liebe verriet, sondern nur seine despotische Energie.

„Aber, lieber Vater, ich kenne diesen Herrn Gunter doch gar nicht, habe ihn noch nie gesehen und weiß nichts von ihm, und er weiß nichts von mir.“

„Das wird alles nachgeholt werden. Er ist ein ehrenwerter, sehr ansehnlicher und hochgebildeter Mann, das habe ich dir schon gesagt. Und das genügt vollständig. Du kannst dich schon auf mich verlassen, ich habe dir wirklich einen Gatten ausgesucht, mit dem du zufrieden sein kannst.“

Sie wurde immer blasser und verzagter.

„Herr Gunter wird sich, wenn er wirklich so ehrenwert ist, wie du sagst, dafür bedanken, sich eine Frau aufnötigen zu lassen, von der er nichts weiter weiß, als dass sie die Tochter eines reichen Mannes ist.“

Ein kühles Lächeln flog über das Gesicht des Vaters.

„Du irrst dich, er kennt dich ganz genau, schon lange und – er liebt dich.“

„Das ist doch unmöglich, ich bin nie mit ihm zusammengetroffen. Wie könnte er mich da lieben? Das sagt er wohl nur, um nicht zugeben zu müssen, dass er mich aus Berechnung zu seiner Frau machen will.“

„Unsinn, Berechnung von seiner Seite kommt ebenso wenig in Frage wie von der deinen. Er weiß, dass seinem Onkel an einer Verbindung zwischen ihm und dir viel gelegen ist; er hat gleich mir den Wunsch, dass sein Neffe dich heiratet, weil unsere beiderseitigen Unternehmungen dann zusammengelegt werden können. Darein würde er sich vielleicht auch fügen, wenn er dich nicht liebte. Er ist seinem Onkel außerordentlich verpflichtet, weil er ihm alles zu verdanken hat. Zum Überfluss liebt er dich noch.“

„Zum Überfluss?“, fragte sie leise, klagend.

„Nun ja, nach meiner Ansicht. Er kennt dich schon lange, wie er mir gesagt hat.“

Sie schüttelte den Kopf.

„Wie könnte das sein?“

„Das lass dir gelegentlich von ihm selber sagen. Für mich ist das ziemlich unwichtig.“

„Aber ich liebe ihn doch nicht, Vater, kenne ihn nicht. Du wirst mich doch nicht zu dieser Heirat zwingen wollen!“

„Ich hoffe, du wirst vernünftig genug sein, ohne Zwang einzuwilligen. Was du in deiner idealen Schwärmerei, einem Erbteil deiner verstorbenen Mutter, für Ansprüche stellst, ist Unsinn! Es genügt, dass zwei Menschen gesund sind, auf der gleichen Bildungsstufe stehen und den guten Willen haben, sich einander zu fügen. Damit sind alle Möglichkeiten für ein ersprießliches eheliches Verhältnis gegeben. Solche Ehen gehen zumeist besser aus als die aus übergroßer Leidenschaft geschlossenen. Deine Mutter und ich heirateten gleichfalls auf Wunsch unserer Eltern und haben eine sehr gute Ehe geführt, wenn wir auch ziemlich verschiedene Charaktere waren.“

Lanies Augen sahen groß und ernst zu dem Vater auf. Es schwebte ihr auf der Zunge, ihn zu fragen: Hast du wohl eine Ahnung, wie unglücklich und unbefriedigt meine arme Mutter in ihrer Ehe war, weißt du, dass sie so früh gestorben ist, weil ihre Lebenskraft in dieser Ehe gebrochen wurde, in der nur du Befriedigung fandest; weil dein hartes, kaltes Herz nicht mehr verlangte? Aber sie hielt diese Frage zurück. Nein, das konnte sie dem Vater nicht sagen, dazu fehlte ihr der Mut, denn er hatte auch ihre Lebensenergie gebrochen durch seine Härte, und die Mutter hatte sie gelehrt, den Vater zu fürchten.

Einen Moment wurde ihr Vater unsicher unter den großen, ernsten Blicken seiner Tochter. Als sie aber stumm blieb, richtete er sich jäh auf. „Also, die Sache ist erledigt. Geh jetzt in dein Zimmer, sei vernünftig und denke, dass ich dein Bestes will. Reichtum ist gleichbedeutend mit Macht, und wenn mein Vermögen sich mit dem des Onkels deines zukünftigen Gatten paart, dann werdet ihr eines Tages zu den reichsten Leuten der Stadt gehören. Morgen Vormittag kommt Werner Gunter und hält um deine Hand an, und du wirst ihm dein Jawort geben.“

Lanie wollte etwas antworten, aber unter dem harten, drohenden Blick ihres Vaters schlossen sich ihre Lippen, und sie ging still hinaus.

In ihrem Zimmer angelangt, fiel sie wie kraftlos in einen am Fenster stehenden Sessel und starrte mit leeren Augen in den großen, schönen Garten hinaus, der von allen Seiten das vornehme Haus ihres Vaters umgab.

Ihre Gedanken irrten angstvoll umher. Was sollte sie beginnen? Wie konnte sie diesem Verhältnis entgehen? Gegen den Willen des Vaters etwas zu tun, war sie ganz und gar nicht gewöhnt! Immer war im Haus alles nur nach seinem Willen gegangen, auch als die Mutter noch lebte. Dass sie ihr so früh genommen wurde – wie traurig war das! Bei der Mutter hätte sie Verständnis gefunden, auch wenn sie ihr nicht hätte helfen können. Aber es war doch unmöglich, dass sie einen Mann heiratete, den sie nicht liebte, nie würde lieben können – weil ihr Herz eben schon längst einem anderen gehörte. Mit diesem anderen hatte sie freilich noch niemals ein Wort gewechselt, sie kannte nicht einmal seinen Namen, wusste nicht, wer er war und wo er lebte.

Mit der Mutter hatte sie kurz vor ihrem Tod ein Ostseebad aufgesucht, weil sie dort ihre Nerven kräftigen sollte. Und diese vier Wochen an der Ostsee waren die schönsten, herrlichsten ihres jungen Lebens gewesen, weil sie täglich den Mann sehen durfte, dem ihr Herz gleich beim ersten Sehen entgegengeflogen war, dessen Augen sie jedes Mal mit einem seltsamen Aufleuchten gegrüßt hatten und der ihr, sozusagen, überall begegnet war. Da sie aber mit der Mutter sehr zurückgezogen gelebt hatte, war es nie dazu gekommen, dass sie einander vorgestellt wurden. Aber eines Morgens, kurz bevor sie mit der Mutter abreiste, hatte ein Rosenstrauß in ihrem Strandkorb gelegen, und daran war ein Zettel befestigt gewesen, auf dem nichts weiter stand als: auf Wiedersehen!

Sie wusste sofort, dass diese Rosen von „ihm“ kamen und dass „er“ diese Worte geschrieben hatte. Leise hatte sie die Lippen auf die Blumen und auf den Zettel gedrückt, und beides hatte sie aufbewahrt. Und jetzt erhob sie sich und holte ein kleines Kästchen herbei, in dem sie Rosen und Zettel verwahrt hatte. Tränen schossen ihr in die Augen, als sie auf diese einzigen Zeichen einer großen, heimlichen Glückseligkeit herabsah. Und mit diesem Gefühl im Herzen sollte sie einem anderen Mann angehören? Was konnte sie tun, um diesem Schicksal zu entgehen?

Der Unbekannte war aus ihrem Leben verschwunden seit jenem Tag, an dem sie die Rosen gefunden hatte. Sicherlich war er abgereist! Und nie mehr hatte sie etwas von ihm gehört.

Bald darauf war sie mit der Mutter heimgekehrt. Deren Zustand hatte sich nicht viel gebessert, weil sie eben nicht den Willen zum Leben hatte. Schon auf der Rückreise hatte sie sich eine Erkältung zugezogen, und wenige Tage darauf war sie an einer Lungenentzündung gestorben. Mutter und Tochter hatten einen schmerzlichen Abschied voneinander genommen, aber die Mutter war gleichsam wie erlöst von dieser Welt gegangen, und als Lanie in ihr wachsbleiches Antlitz gesehen hatte, dünkte es sie, als spräche dieses Totengesicht: „Gönne mir den Frieden!“

Über der Trauer um die Mutter hatte sie alles andere zunächst vergessen. Der Mann, dem ihre Liebe gehörte, erschien ihr nur zuweilen im Traum. Seitdem aber der Schmerz um die Mutter ein wenig gemildert war, dachte sie wieder oft an ihn. Sie klammerte sich gleichsam an die Worte: Auf Wiedersehen!, die er ihr zurückgelassen hatte.

Aber mehr und mehr kam sie zu der Überzeugung, dass sie ihn nie wiedersehen würde. Und sie resignierte klaglos. Ihr wollte es scheinen, als werfe jene Begegnung zwischen ihr und ihm immerhin warme, helle Sonnenlichter auf ihren Weg. Ihr Vaterhaus erschien ihr nicht mehr so trostlos und öde, wie es durch die harte, kalte Art des Vaters geworden war, seit die Mutter nicht mehr als belebendes und wärmendes Element darin waltete. Einmal wenigstens war sie glücklich gewesen, mochte es sich auch nur um ein sehr bescheidenes Glück gehandelt haben.

Und nun sollte sie eines fremden Mannes Frau werden! Sie wusste, der despotische Wille des Vaters würde ihr keine Wahl lassen. Aber wie sollte sich ihr Leben in Zukunft gestalten? Von welcher Art war dieser fremde Mann, von dem sie nichts wusste, als dass er seit kurzem in das Geschäft seines Onkels eingetreten war, nachdem er die Handelshochschule besucht und eine Reise um die Welt gemacht hatte, um seine Kenntnisse zu erweitern? Jener Werner Gunter wollte sie lieben?

Das hatte er wohl nur vorgegeben, um nicht den Anschein kalter Berechnung zu erwecken. Immerhin war es ja möglich, dass er sie von weitem gesehen hatte, ohne dass er ihr aufgefallen wäre.

Aber genügte das, um jemanden lieben zu lernen?

Doch, wenn sie es recht bedachte, liebte nicht auch sie einen Mann, den sie bloß von weitem gesehen hatte, dem sie während einiger Wochen allerdings täglich begegnet war?

Also war es immerhin möglich, dass er sie liebte.

Aber gerade das war vielleicht das Allerschlimmste! Denn ganz gewiss würde sie ihn niemals lieben können, weil ihr Herz einzig und allein dem Mann gehörte, der ihr die Rosen geschenkt hatte.

Was sollte sie tun? Sie grübelte lange darüber nach, und plötzlich kam ihr ein Gedanke. Wie, wenn sie an Werner Gunter schrieb, noch ehe er vor sie hintrat, sie um ihre Hand zu bitten? Wenn sie ihm mitteilte, dass ihr Herz einem anderen gehöre? Wenn sie ihn ersuchte, von seiner Werbung abzusehen, weil sie ihn nicht lieben könne? Entschlossen richtete sie sich auf, ging an ihren kleinen, eleganten Schreibtisch und legte Papier bereit. Dann schrieb sie:

Sehr geehrter Herr!

Verzeihen Sie, wenn ich einen etwas ungewöhnlichen Schritt tue, indem ich diese Zeilen an Sie richte. Mein Vater hat mir gesagt, dass Sie morgen kommen würden, um mich um meine Hand zu bitten. Leider bin ich meinem Vater gegenüber sehr feige; ich wage nicht, mich gegen seinen despotischen Willen aufzulehnen. Aber ich kann nicht Ihre Frau werden, ohne Ihnen mitzuteilen, dass ich Sie nie werde lieben können. Da ich Sie nicht kenne, kann Sie das nicht kränken. Ich bitte, ich beschwöre Sie, von Ihrer Werbung abzusehen, ich appelliere an Ihre Ritterlichkeit. Wenn Sie mir nicht helfen, werde ich gezwungen sein, Ihre Hand anzunehmen, und – wir werden dadurch beide unglücklich werden. Bitte, verraten Sie meinem Vater nichts von diesem Schreiben; ich wusste mir nicht anders zu helfen. Meinen Dank im Voraus.

Melanie Hagen

Sie kuvertierte das Schreiben und rief dann die alte Dienerin herbei, die schon lange Jahre im Dienst ihrer Mutter gestanden hatte und die ihr treu ergeben war. Genau orientierte sie sie, dass sie sich in das Geschäftshaus Gunter begeben und dort nach Herrn Werner Gunter fragen solle.

„Du gibst nur an ihn persönlich diesen Brief ab, Emilie, und wartest auf Antwort. Falls er sagt, dass keine Antwort nötig sei, ist alles erledigt. Nimm dir gleich ein Mietauto, liebe Emilie, damit du nicht zu lange fort zu sein brauchst. Vater darf von nichts wissen. Vielleicht hängt mein Lebensglück davon ab, dass du alles gut besorgst.“

Emilie versprach alles und machte sich sogleich auf den Weg. Lanie wartete mit nervöser Unruhe auf ihre Wiederkehr.

***

Werner Gunter saß seinem Onkel in dessen Privatkontor gegenüber. Die beiden Herren hatten über die bevorstehende Werbung Werners um die Hand Lanie Hagens gesprochen. Nun erhob sich Werner, fasste die Hand seines Onkels und sagte herzlich:

„Jedenfalls danke ich dir sehr, lieber Onkel, dass du mir Gelegenheit gabst, Lanie Hagen erst einmal zu sehen, ehe du meine letzte Entscheidung fordertest. Bei allem Dank, den ich dir schulde, wäre es mir unmöglich gewesen, mir eine Frau an die Seite zu stellen, die mir unsympathisch gewesen wäre. Das ist aber bei Lanie ganz und gar nicht der Fall. Und deshalb gehe ich also morgen durchaus nicht widerwillig zu dieser Werbung, sondern freue mich sehr, dass ich mein Herz sprechen lassen und dir zugleich einen lange gehegten Wunsch erfüllen kann. Ich bin immerhin Kaufmann genug, um verstehen zu können, dass meine Verbindung mit Lanie für dich sowohl als für ihren Vater mit großen Vorteilen verbunden ist.“

Der alte Herr hatte mit ernsten Augen seinen Neffen angesehen.

„Ja, Werner, die Fusion unserer beiden Fabriken wird uns beide mit einem Schlag zu den leistungsfähigsten Unternehmen unserer Branche machen. Statt uns, wie bisher, Konkurrenz zu machen, vereinigen wir uns. Wir brauchen uns nicht mehr zu unterbieten, sondern können geschlossen vorgehen. Das ist für beide Teile sehr vorteilhaft. Aber zu alledem kommt noch ein anderer, rein ideeller Grund, der es mir lieb sein lässt, Lanie Hagen als Familienmitglied begrüßen zu können. Du sagtest mir, als ich dir zuerst meinen Wunsch offenbarte, du empfändest wenig Sympathie für Franz Hagen und wärst in Sorge, dass auch seine Tochter dir nicht sympathischer sein würde. Du batest mich, dich nicht eher entscheiden zu müssen, ehe du Lanie Hagen nicht wenigstens von Angesicht zu Angesicht gesehen hättest. Ich stimmte dir bei und freue mich sehr, dass sie dir nicht nur sympathisch, sondern sogar lieb geworden ist. Für ihren Vater hege ich, das sage ich dir ganz offen, gleichfalls keine Sympathien. Als Mensch gilt er mir nichts, er zählt für mich nur als Geschäftsmann. Es gab sogar eine Zeit, da ich ihn bitter hasste, denn er ist schuld daran, dass ich ein alter Hagestolz geworden bin und niemanden mehr auf der Welt besitze als dich, den einzigen Sohn meines Bruders.“

Überrascht sah Werner auf.

„Wie ist das gekommen, Onkel Georg?“

Der alte Herr zögerte eine Weile, dann sagte er heiser:

„Ich liebte Lanies Mutter; schon ehe sie die Gattin Franz Hagens wurde, gehörten unsere Herzen einander. Ich war damals ein armer Schlucker, hatte gerade erst versucht, mir eine Existenz zu gründen und steckte bis über den Hals in Schulden. Lanies Mutter wäre trotzdem gern die Meine geworden, denn wir liebten uns. Aber sie war schwach und sanft, und ihre Eltern brachten es fertig, uns zu trennen und sie mit Franz Hagen zu verheiraten, weil er schon damals ein reicher Mann war. ‚Reich sein, nur reich’ – das war der Wahlspruch von Lanies Großeltern. Dass ich es jemals dazu bringen würde, mich auf die gleiche Stufe zu erheben wie Franz Hagen, hätte man damals nicht geglaubt. Und Lanies Mutter hatte nicht die Kraft, sich gegen eine Verbindung mit Franz Hagen zur Wehr zu setzen. Obwohl ihr das Herz fast darüber gebrochen ist, wurde sie seine Frau und ist seit jenem Tag tief unglücklich gewesen. Lanie Hagen ist das treue Ebenbild ihrer Mutter, und sie ist meinem Herzen lieb und teuer geworden. Deshalb wird es mich glücklich machen, wenn sie als deine Frau in meinem Haus leben und mir die Zeit meiner Jugend in Erinnerung bringen wird, da ich mit ihrer Mutter einstmals auf ein gemeinsames Glück hoffte. Ich weiß, dass ihr Vater auch ihr gegenüber ein harter, kalter Egoist ist. Sie wird sich daher fügen müssen, ob sie will oder nicht, und deshalb wird sie dir morgen ihr Jawort nicht vorenthalten. An dir wird es sein, sie trotz alledem glücklich zu machen.“

Werners Augen glänzten auf.

„Ich hoffe, dass mir das gelingen wird, lieber Onkel, es wird mir Herzenssache sein. Und nun, da ich weiß, wie du ihr innerlich gegenüberstehst, dass du nicht nur geschäftlicher Vorteile halber danach trachtest, sie mit mir zu verheiraten, ist mir das Herz um vieles leichter. Wir wollen sie lieb haben, die arme, kleine Lanie, sie soll ein warmes Plätzchen an deinem Herd finden, soll die kalte Atmosphäre ihres Vaterhauses vergessen lernen.“

Die beiden Herren reichten sich mit einem guten, warmen Lächeln, das sie plötzlich einander sehr ähnlich machte, die Hände, worauf Werner seinen Onkel verließ und sich in sein eigenes Arbeitszimmer begab.

Gerade als er es betreten wollte, kam der Fahrstuhl herauf und hielt auf dieser Etage des großen Geschäftshauses. Der Liftjunge trat heraus und hinter ihm eine ältere Frau. Werner sah auf die beiden, und da meldete der Junge, dass die Frau Herrn Werner Gunter persönlich zu sprechen wünsche und ihm etwas übergeben wolle.

Forschend und etwas erstaunt öffnete Werner die Tür zu seinem Zimmer und machte eine Handbewegung, die die Alte zum Eintreten aufforderte. Sie folgte diesem Wink.

„Sie wünschen mich zu sprechen?“, fragte Werner ruhig.

„Ja, gnädiger Herr, ich soll Ihnen persönlich diesen Brief übergeben, und wenn Sie eine Antwort erteilen wollen, gleich darauf warten.“

Werner fasste nach dem Brief, ohne zu ahnen, von wem er kam, und lud Emilie durch eine Handbewegung ein, Platz zu nehmen. Dann trat er mit dem Brief ans Fenster, öffnete ihn und sah zuerst nach der Unterschrift.

Leicht zuckte er zusammen und las, was Lanie ihm geschrieben hatte. Eine Weile sah er nachdenklich auf das Briefblatt herab. Aber dann reckte er seine schlanke Gestalt straff empor und trat zu seinem Schreibtisch, um die Antwort abzufassen. Schon hatte er die Feder in der Hand, da warf er sie wieder hin und setzte sich vor seine Schreibmaschine, in die er einen Bogen einspannte. Und dann tippte er kurz entschlossen einige Zeilen, setzte seinen charakteristischen Namenszug darunter und kuvertierte den Brief.

„So, bringen Sie das dem gnädigen Fräulein mit einer Empfehlung von mir!“

Emilie erhob sich sogleich, sah noch einmal wie prüfend in das interessante, gut geschnittene Gesicht des jungen Mannes, das ihr sehr gefiel, und entfernte sich mit einigen Dankesworten.

Lanie hatte sie schon mit Ungeduld erwartet; als Emilie bei ihr eintrat und ihr den Brief reichte, fasste sie hastig danach.

„Ich danke dir, Emilie, du kannst gehen, ich bedarf deiner jetzt nicht weiter.“

Sobald Lanie allein war, öffnete sie mit zitternden Fingern das Kuvert. Sie wunderte sich nicht darüber, dass der Brief mit der Maschine geschrieben war. Unruhig flogen ihre Augen darüber hin und sie las:

Mein sehr verehrtes gnädiges Fräulein!

Bitte seien Sie mir nicht böse, wenn ich auf Ihren Wunsch nicht eingehen kann. Ich habe meinem Onkel mein Wort gegeben, morgen um Ihre Hand anzuhalten. Das muss ich also tun. Und wenn Sie nicht die Kraft haben, mir auf meine Werbung mit einem Nein zu antworten, so verspreche ich Ihnen, irgendwie dafür zu sorgen, dass Sie später von einer Verbindung mit mir zurücktreten können, ehe das letzte Wort gesprochen worden ist. Seien Sie dessen versichert, dass mir nichts höher steht als Ihr Glück, denn ich liebe Sie und hoffe, dass es mir gelingt, Ihre Liebe zu erwerben. Mit ergebenster Empfehlung

Ihr Werner Gunte

Lange starrte Lanie auf diese Zeilen herab. Es war seltsam, seine Versicherung, sie zu lieben, klang ihr trotz allem wahr und aufrichtig. Aber umso schlimmer! Sie musste ihm dann weh tun. Immerhin beruhigten sie diese Worte, und das war wohl Werner Gunters Absicht gewesen.

Tief atmete sie auf. Er wollte ihr wenigstens helfen, dass es nicht wirklich zu einer Verbindung zwischen ihnen kam, auch wenn sie morgen in Gegenwart ihres Vaters nicht die Kraft haben würde, ihn abzuweisen. Sicherlich hatte sie nicht umsonst an seine Ritterlichkeit appelliert. Dass es seine Pflicht war, das seinem Onkel gegebene Wort zu halten, sah sie ein.

Sie musste darüber nachgrübeln, ob es wirklich wahr sei, dass er sie liebe und wie das möglich sein könnte und wie und wo er sie gesehen haben wollte. Sie kam zu keinem Resultat. Aber sie sah nun dem kommenden Tag immerhin mit etwas mehr Ruhe entgegen. Ihrem Vater verriet sie selbstverständlich nichts von diesem kurzen Briefwechsel. Als sie mit ihm wie sonst beim Abendessen zusammensaß, rührte sie mit keinem Wort an die Unterredung, die er wegen ihrer bevorstehenden Heirat mit ihr gehabt hatte. Wohl aber schickte er sie zeitiger als sonst zu Bett.

„Du sollst morgen frisch aussehen, wenn dein Freier kommt. Und kleide dich entsprechend an! Dass du noch immer im Haus Trauerkleider trägst, ist wohl nicht mehr nötig.“

„Es war mir ein Bedürfnis, Vater.“

„Nun ja, ich habe dich auch gewähren lassen, wenn es für mich auch kein schöner Anblick war, dich immer wieder in schwarzen Kleidern zu sehen. Das Trauerjahr um deine Mutter ist nunmehr ja vorüber. Darum nimm etwas Rücksicht auf mich und kleide dich deinem Alter entsprechend. Zudem ist es nicht nötig, dass du deine Verlobung in Trauerkleidern absolvierst.“

Sie war sehr blass geworden. Aus seinem unerbittlichen Ton entnahm sie sehr wohl, dass ein Wehren gegen seinen Willen zwecklos sei. Sie war jedenfalls nicht der Mensch, einen offenen Protest zu wagen. Er machte ihr auch schon ein Zeichen, sich zu entfernen, und seufzend ging sie davon.

In ihrem Zimmer blieb sie wie kraftlos sitzen und starrte vor sich hin. Wie war es nur möglich, dass der Vater jede Willensregung in ihr unterdrückte! Sie war doch sonst nicht feige, aber ihm gegenüber versagte ihre Kraft wie unter einem machtvollen hypnotischen Einfluss. Wieder holte sie dann das Kästchen herbei, in dem sie die verwelkten Rosen und das Zettelchen von der Hand des Unbekannten verwahrte. Ach, warum konnte sie nicht vergessen, was sie für diesen fremden Mann empfand!

Mit brennenden Augen sah sie herab auf die beiden Worte: auf Wiedersehen! Über ein Jahr war nun schon vergangen, seit sie die Rosen und den Zettel in ihrem Strandkorb gefunden hatte. Und nie hatte sie wieder etwas von dem Mann gehört und gesehen, dem sie beim ersten Sehen schon ihr Herz geschenkt hatte. Wenn es ihm wirklich um ein Wiedersehen zu tun gewesen wäre, hätte er vermutlich längst Mittel und Wege gefunden, sie wiederzusehen und – sie kennen zu lernen. Was für sie ein schicksalbestimmendes Ereignis gewesen war, galt ihm wahrscheinlich nur als eine kleine, amüsante Episode; er hatte gelegentlich Blicke mit ...

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