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Hedwig Courths-Mahler - Folge 050

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Verschmäht

Roman um das tragische Schicksal einer schönen jungen Frau

 

 

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Rosemarie von Salten trat aus dem heißen Saal durch eine der offenen breiten Türen, die auf die Hotelterrasse hinausführten. Hier war es momentan ganz menschenleer, alle Gäste befanden sich im Festsaal und lauschten den musikalischen Klängen eines berühmten Künstlertrios, das in Kairo gastierte.

Durstig atmete Rosemarie die erfrischende Luft ein. Und dabei presste sie die Hände auf das erregt klopfende Herz. Sie war voll Unruhe aus dem Saal geflohen.

Gleich hinter ihr verließ ein schlanker, hoch gewachsener Mann im tadellos sitzenden Gesellschaftsanzug den Saal. Er sah sich suchend um und erblickte die helle, schlanke Mädchengestalt drüben am Pfeiler.

Schnell trat er an sie heran.

„Rosemarie – süße Rosemarie, weshalb sind Sie vor mir geflohen?“, stieß er hervor.

Sie zuckte zusammen und machte wieder eine fluchtartige Bewegung. Aber als sähe sie im gleichen Moment das Nutzlose einer Flucht ein, blieb sie stehen und sah mit scheuen Augen zu ihm auf.

„Sie sind es?“

Wie ein Hauch kamen diese Worte über ihre Lippen.

Schnell fasste er ihre Hände. „Rosemarie, es nützt Ihnen nichts, wenn Sie mir wieder entfliehen. Sie müssen es doch hören, dass ich Sie liebe. Mein ganzes Sein und Denken umkreist Sie, Rosemarie, ich liebe Sie.“

Er zog sie näher an sich heran; seine Augen blickten sieghaft.

Und wie unter einem Banne ließ sie es geschehen, dass er seine Lippen auf die ihren drückte. Sie war nicht Herrin ihrer selbst, empfand aber seine Umarmung und seinen Kuss wie einen süßen Rausch.

Fred Rittner fühlte das Beben der schlanken Glieder. Lächelnd, siegestrunken blickte er ihr in die verträumten Augen, in das schöne, beseelte Gesicht.

Es war kein Wunder, dass Fred Rittner wie berauscht war. Zuerst war ihm vor Wochen, als er Rosemarie kennen lernte, ihre jugendfrische Gestalt mit den anmutigen Bewegungen und ihr wundervolles Haar aufgefallen. Dann hatte ihn ihr Lächeln bezaubert, das in seiner Lieblichkeit das Herz warm machte, und bald war er von ihrer reizvollen Persönlichkeit vollständig gefesselt worden.

Seit Wochen weilten die beiden jungen Menschen in dem großen, palastähnlichen Hotel in Kairo, inmitten einer internationalen Gesellschaft.

Rosemarie von Salten befand sich in Begleitung ihrer Mutter hier, und Fred Rittner war in Gesellschaft seines um einige Jahre älteren Bruders, mit dem er eine größere Reise unternommen hatte.

Er wollte sich von den Strapazen seines Doktorexamens erholen, und sein Bruder Magnus hatte sich einige Zeit von seinen Geschäften freigemacht, um ihn begleiten zu können. Die Brüder liebten einander sehr.

Magnus Rittner war nach dem Tod seines Vaters Chef der großen Rittnerschen Farbwerke geworden, und Fred hatte Chemie studiert, um seine Kraft gleichfalls dem Werk widmen zu können.

Obwohl sich die Brüder herzlich liebten, waren sie von sehr verschiedenem Charakter. Magnus war ein ernster, zuverlässiger Mensch, der an sich und andere hohe Forderungen stellte. Fred Rittner war leichtblütiger, er liebte den frohen Lebensgenuss, nahm skrupellos alles Gute und Angenehme, das ihm das Leben bot, ohne sich sonderlich mit ernsten Pflichten zu befassen. Liebenswürdiger als sein ernster Bruder, flogen ihm alle Herzen zu, und er nahm das mit einer sonnigen Sieghaftigkeit hin, als könnte es nicht anders sein.

Rosemarie von Salten hatte mit feinem Instinkt in Magnus Rittner sogleich den Wertvolleren erkannt. Sie blickte in scheuer Bewunderung zu ihm auf, wagte aber gar nicht, zu glauben, dass er jemals ein Interesse für sie haben könnte. Zuerst begegnete er ihr freilich mit einer seltsam zarten Zuvorkommenheit, die sie eigenartig berührte. Aber je näher sie ihn dann kennen lernte, desto zurückhaltender wurde er ihr gegenüber.

Fred Rittner war ihr zuerst nur deshalb lieb und sympathisch, weil er Magnus’ Bruder war. Um viel in seiner Nähe weilen zu können, ließ sie sich Freds Gesellschaft gefallen.

Aber da Fred sich eifrig um sie bemühte und seine sonnige Liebenswürdigkeit sich auch ihr ins Herz schmeichelte, glaubte sie ihn zu lieben. Mehr und mehr beeinflusste er ihr Denken, zumal sich Magnus immer mehr von ihr zurückzog. Wenn die Brüder, was täglich geschah, mit Frau von Salten und ihrer Tochter zusammen waren, beschäftigte sich Magnus fast ausschließlich mit der Mutter, während Fred nicht von Rosemaries Seite wich. Sie machten zusammen Ausflüge nach Helouan, nach den Pyramiden und die nahen Fellachendörfer. Immer war Fred neben Rosemarie.

So war sie überzeugt, dass sie Magnus gleichgültig war, während Fred ihr offen zeigte, dass er sie liebte.

Und vorhin, da drinnen im Saal, hatte er ihr zugeflüstert, dass sein Herz sehnsüchtig dem ihren entgegenschlage.

Wie in heißem Erschrecken hatte Rosemarie da zuerst in das unbewegte Antlitz von Magnus Rittner gesehen, als müsse er ihr sagen, was sie tun solle. Und dann war sie hinausgeflohen, als dürfe sie nicht weiterhören, was Fred Rittner ihr zuflüsterte.

Und nun war sie doch Fred Rittners Braut geworden. Einen Moment wollte sie eine heiße Bangigkeit überkommen; sie wusste selbst nicht, warum. Aber dann sagte sie sich:

„Es ist gut so, wie es gekommen ist. Ich werde nun immer in Magnus Rittners Nähe bleiben können. Und Mama wird nun endlich mit mir zufrieden sein, weil Fred ein reicher Mann ist und ich unbedingt eine glänzende Partie machen soll. Wie gut, dass ich Fred lieb habe – ja, ich liebe ihn von Herzen. Wenn ich einen Mann hätte heiraten sollen, den ich nicht lieb habe – da wäre ich lieber gestorben. Es ist gut so, wie es gekommen ist.“

Rosemarie war noch sehr jung, neunzehn Jahre, und sie war im Herzen noch ein unerfahrenes Kind, das sich selbst nicht kannte.

Sie ließ es nun willig geschehen, dass Fred sie küsste, ja, sie küsste ihn wieder und schmiegte sich wohlig in seine Arme.

Eine Weile standen sie innig umschlugen. Dann richtete sich Rosemarie plötzlich empor.

„Fred, ich muss dir etwas sagen.“

Er sah sie verliebt an.

„Was willst du mir sagen, meine süße Rosemarie?“

Sie sah ihn groß an.

„Dass ich ein armes Mädchen bin, Fred. Ich habe immer geglaubt, dass wir ein großes Vermögen haben. Aber das ist nicht so. Mama hat es mir kürzlich erst gesagt.“

Fred lächelte, fragte aber dann erstaunt:

„Ist deine Mutter nicht vermögend?“

„Nein, Fred, sie hat nichts als ihre Pension und dann freilich ihren sehr kostbaren Schmuck, von dem sie sich aber nicht trennen wird. Ist es sehr schlimm, dass ich arm bin?“

Fred fragte sich, wie Frau von Salten so kostspielige Reisen machen könne, wenn sie arm sei. Aber die Frage war ihm nicht wichtig. Er küsste Rosemarie lachend:

„Keine Angst, kleines Mädchen, ich habe genug für uns beide!“

Sie seufzte befriedigt auf.

„Dann ist es gut, Fred. Was braucht man auch Geld zum Glücklichsein!“

Das kam so naiv aus ihrem Mund, dass er sie erst wieder einmal bis zur Atemlosigkeit küsste. Dann sagte er:

„Nun, ohne Geld ist es immerhin schwer, glücklich zu sein. Aber darüber soll mein kleines Mädchen gar nicht nachdenken.“

Es lag ein Ausdruck in seinen Augen, der sie veranlasste, hastig zu sagen:

„Ich muss nun wieder hineingehen, Fred, Mama wird mich vermissen.“

Sorglos zuckte er die Achseln. „Nun – und wenn sie es tut? Meinst du, sie wird es mir verwehren, ihr Schwiegersohn zu werden?“

Ein leiser Schatten flog über ihr Gesicht. „Ach, Fred!“

„Was denn, Rosemarie? Bist du wirklich bange, dass deine Mutter uns ihre Zustimmung nicht geben wird?“

„Nun, Rosemarie, weshalb schweigst du?“, fragte Fred.

Sie schrak empor und lächelte. „Ach, Fred, Mama wird sich natürlich sehr freuen. Du musst doch bemerkt haben, dass sie dir und deinem Bruder sehr sympathisch gegenübersteht.“

Fred nickte vergnügt. „Es ist mir nicht entgangen und war mir sehr lieb, da ich mich gleich heftig in dich verliebt habe.“

Mehr in seinem Ton als in seinen Worten lag etwas, das Rosemarie missfiel. Es zuckte leise in ihrem Gesicht, und sie legte ihm die schöne, kleine Hand auf den Mund. „Sag nicht verliebt, Fred, das klingt so – ich weiß nicht sag, dass du mich lieb hast, von ganzem Herzen!“

Er küsste ihre Handfläche. „Ist das etwas anderes, Maus?“

Sie nickte. „Verliebt sein, das ist so etwas Oberflächliches, Tändelndes. Du sollst nicht verliebt in mich sein, sondern mich lieben.“

Er küsste ihre Augen und ihren Mund. „Wenn du nicht so süß dabei aussehen würdest, könnte mir Angst werden vor deiner Ernsthaftigkeit. Aber du sollst dich nicht beklagen, Süße! Meinst du denn, ich würde meine goldene Freiheit aufgeben, wenn ich dich nicht so rasend liebte? Kannst dir was drauf einbilden, dass du den wilden Vogel gezähmt hast.“

„Tut es dir Leid?“, fragte sie mit reizender Schelmerei.

Er presste sie fest an sich. „Süße Rosemarie, du bist so hold und schön, dass es kein Schwanken für mich gab. Nun hast du mich gefangen. – Aber da drinnen ist jetzt eine Pause eingetreten, und wir müssen nun wirklich hineingehen, sonst erraten alle unser süßes Geheimnis. Morgen spreche ich mit deiner Mutter, und noch heute Abend will ich meinem Bruder sagen, dass wir uns verlobt haben.“

Rosemarie sah fragend zu ihm auf. „Was wird dein Bruder dazu sagen? Wird er uns seine Einwilligung geben?“

„Er wird sie geben, Rosemarie, denn du gefällst ihm sehr.“

Ihr Herz klopfte rasch und laut. „Ist das wahr?“

„Gewiss. Wenn er sich auch nicht darüber ausgesprochen hat, so kenne ich ihn doch gut genug, um zu wissen, dass er viel von dir hält. Und das ist mir lieb, Rosemarie, denn wenn ich auch mein freier Herr bin, so möchte ich doch nie etwas tun, was meinem Bruder missfällt. Ich respektiere in ihm das Oberhaupt der Familie, den Chef unseres Hauses. Und außerdem liebe ich ihn sehr und möchte ihn nicht betrüben.“

Ihre Augen glänzten. „Wie schön ist es, dass du so von deinem Bruder sprichst. Er ist ein herrlicher Mensch!“

„Ja, Rosemarie, das ist er, und wir müssen immer mit ihm harmonieren, sonst würde ich nicht glücklich sein können. Mein Bruder ging mir bisher über alles.“

Sie nickte strahlend. „Was an mir liegt, will ich tun, um ihn zufriedenzustellen.“

Er zog sie an sich und küsste sie. Und dann wurde er übermütig und sagte leidenschaftlich: „Ich möchte dich jetzt am liebsten nicht wieder in den Saal lassen. Da sehen so viele Männeraugen auf mein süßes Mädchen. Und Herr von Sellin macht dir in gefährlicher Weise den Hof. Mache mich nicht eifersüchtig, Rosemarie!“

„Oh, Fred, wie kannst du so etwas sagen! War ich nicht äußerst zurückhaltend allen Herren gegenüber?“

„Eine richtige kleine Gletscherjungfrau bist du im Verkehr mit den anderen. War das aber nicht nur Koketterie?“

Ganz erschrocken sah sie ihn an. „Aber Fred, so darfst du nicht zu mir sprechen.“

Lachend küsste er ihre wundervollen Augen.

„Kleine Rosemarie, verstehst du keinen Scherz? Du musst nicht alles so schwer nehmen!“

Sie seufzte ein wenig. „Ja, ich bin ein etwas schwerfälliger Charakter, Mama zankt mich oft deswegen aus. Ich kann nicht leicht über die Dinge hinweggehen und muss alles ernsthaft durchdenken.“

„Nun, das kannst du zusammen mit meinem Bruder tun, der ist auch so gründlich und ernsthaft. Aber mit mir musst du lachen, Liebling.“

„Und wenn ich das nicht immer kann? Wirst du mich dann weniger lieb haben?“

„Keine Angst, Maus, solange du so süß und reizend bist, werde ich dich immer lieb haben.“

„Und wenn ich alt und hässlich werde?“

Er lachte übermütig. „Dann bin ich inzwischen auch ein alter Mann geworden, und wir werden dann gegenseitig Nachsicht miteinander haben müssen.“

Nun musste sie auch lachen, und lachend und glückselig schritten sie in den Saal zurück.

Als sie eintraten, erblickte sie Magnus Rittner, der ihr Verschwinden bemerkt hatte. Er lehnte an einen Pfeiler unweit der Tür und sah mit ernsten Augen über die glänzende Gesellschaft hinweg.

Als er nun die beiden jungen Menschen mit glückstrahlenden Gesichtern eintreten sah, zuckte er zusammen. Eine leichte Blässe legte sich auf seine markanten Züge, und die Zähne bissen sich fest aufeinander.

In den ersten Tagen, da er Rosemarie kennen gelernt hatte, war es wie eine jähe, heiße Freude über ihn gekommen, wenn ihn ihre Augen so selbstvergessen angesehen hatten. Aber ehe er, der Ernste, Gründliche, sich nur klar war über seine Gefühle, hatte auch sein Bruder Feuer gefangen und war eifrig um Rosemarie bemüht. Und sie lächelte ihn an und schien, wie alle, von ihm bezaubert. Da zog sich Magnus Rittner mit seinen Gefühlen in sich selbst zurück.

Und wenn Fred von der schönen Rosemarie von Salten schwärmte, gab er sich den Anschein der humorvollen Überlegenheit. Fred durfte so wenig ahnen wie Rosemarie selbst, wie es in ihm aussah. Denn er liebte seinen Bruder und wollte ihn nicht betrüben.

Instinktiv fühlte er nun, als die beiden jungen Menschen von der Terrasse hereinkamen, dass die Entscheidung gefallen war.

Niemand konnte ahnen, wie es in ihm aussah, als er mit unbewegtem Gesicht über die Gesellschaft hinwegsah.

Nur einmal leuchtete der Schmerz in seinen Augen auf – als sie einen Moment in die Rosemaries trafen. Und das junge Geschöpf schrak unter diesem seltsamen Blick zusammen. Sie begriff nicht, was der Ausdruck in seinen Augen bedeuten sollte, fühlte nur instinktiv, dass Magnus Rittner litt.

Noch ehe sie aber seinen Blick recht erfasst hatte, wandte er sich ab und begab sich in einen der leeren Nebenräume. Er sehnte sich fort aus der lauten, fröhlichen Gesellschaft und wollte allein sein, um sich mit seinem Schmerz abzufinden.

Als er aber den Raum betreten hatte, tauchte plötzlich eine elegant gekleidete Dame neben ihm auf. Sie mochte am Anfang der Vierzig stehen und war noch immer eine sehr schöne Frau mit einer fast mädchenhaft schlanken Gestalt. Kostbarer Schmuck um Hals und Arme, im Haar und an den Händen gab ihrer Erscheinung etwas Blendendes.

Es war Frau von Salten, Rosemaries Mutter. „Einen Moment Herr Rittner!“, rief sie Magnus zu.

Er wandte ihr sein blasses Gesicht zu. „Womit kann ich Ihnen dienen, gnädige Frau?“

Sie atmete gepresst. „Haben Sie eine Minute Zeit für mich?“

Magnus sehnte sich zwar nach einem Alleinsein, sagte aber sogleich zuvorkommend:

„Verfügen Sie über mich, gnädige Frau!“

Sie zeigte auf eine Sesselgruppe und ließ sich nieder, und Magnus nahm mit einer Verbeugung ihr gegenüber Platz.

Frau von Salten atmete unruhig, als sie jetzt hastig hervorstieß: „Sie sehen mich in einer äußerst peinlichen Lage, Herr Rittner. Gelder, die ich bestimmt erwartete, sind ausgeblieben, und ich habe keine Nachricht, warum das geschehen ist und wann ich sie erwarten kann. Unglücklicherweise habe ich mich in der Erwartung dieser Gelder verleiten lassen, ein besonders originelles Schmuckstück zu kaufen. Ich wollte es mir um keinen Preis entgehen lassen. So habe ich mich im Augenblick mehr verausgabt, als ich sollte, und bin nun plötzlich in eine peinliche Situation geraten. Sie begreifen, als Dame steht man einer solchen Situation hilflos gegenüber. Sie besitzen mein ganzes Vertrauen, und so wage ich es, Sie zu bitten, mir einige tausend Mark zu leihen. Ich stelle Ihnen natürlich gern eines meiner Schmuckstücke als Pfand zur Verfügung und löse es nach Eintreffen meiner Gelder sofort wieder aus.“

Magnus zweifelte keinen Moment an ihren Worten. Er sah auf ihren kostbaren Schmuck, und er war überzeugt, dass ihre Verlegenheit nur eine momentane war. Das ganze Auftreten der Saltenschen Damen war dazu geeignet, alle Welt an ihre guten, ja glänzenden Verhältnisse glauben zu lassen.

Er verneigte sich artig.

„Es macht mir Freude, gnädige Frau, Ihnen dienen zu können. Bitte, sprechen Sie nicht vom Verpfänden eines Ihrer Schmuckstücke. Dessen bedarf es nicht.“

Heimlich atmete Frau von Salten auf, und Magnus zog sein Scheckbuch hervor. „Wie viel darf ich notieren, gnädige Frau?“

Ihre unruhigen Blicke bekamen einen gleichmäßigeren Ausdruck. Einen Moment überlegte sie. Dann sagte sie schnell: „Sie sind sehr liebenswürdig, Herr Rittner. Also darf ich um fünftausend Mark bitten? Falls das Geld sich noch einige Tage verzögert, möchte ich nicht in eine neue Verlegenheit kommen.“

Magnus verneigte sich und füllte den Scheck aus, den er ihr übergab.

„Bitte sehr, gnädige Frau.“

Sie fasste nach dem Papier. Ihre Hand zitterte leise. „Ich danke Ihnen sehr. Also, Sie wollen kein Pfand haben?“, fragte sie lächelnd.

„Bitte, beleidigen Sie mich nicht, gnädige Frau!“, sagte er ablehnend.

Sie reichte ihm die Hand, die er an die Lippen führte.

„Das will ich gewiss nicht. Also nochmals vielen Dank! Ich werde die Kleinigkeit zurückgeben, sobald mein Geld eintrifft.“

„Es eilt nicht, gnädige Frau.“

Frau von Salten erhob sich. „Das Konzert beginnt wieder; ich will in den Saal zurückkehren. Kommen Sie mit hinüber?“

„Bitte mich zu entschuldigen. Ich habe unerträgliches Kopfweh und will lieber noch eine Weile hier bleiben.“

„Dann auf Wiedersehen nachher!“

Damit neigte Frau von Salten ihr Haupt. Kaum hatte sie den Raum verlassen, als ein großer, starker Herr eintrat. Es war ein Großgrundbesitzer, ein vergnügter Junggeselle Mitte der Vierzig, der jährlich einige Monate in den vornehmen Modebädern verbrachte. Er hieß Herr von Schlieben und war mit den Brüdern Rittner schon bekannt, als sie noch das Gymnasium besuchten. Damals hatte Schlieben mit dem Vater der beiden Brüder in geschäftlicher Verbindung gestanden.

„Heiliger Skarabäus, ist das eine infernalische Hitze da drinnen! Und dazu noch Musik! Das hält kein Mensch aus. Sie sind auch geflüchtet, lieber Rittner“, sagte er aufatmend.

Magnus zwang ein Lächeln in sein Gesicht. „Ich finde es allerdings hier erträglicher als im Saal, und die Musik hört man hier auch.“

„Na, schön, aber wenigstens aus der Entfernung. Die Musik und das musikalische Künstlertrio da drinnen in Ehren, aber warum es ausgerechnet nach Kairo kommt und mich zum Stillsein verdammt, ist mir unverständlich. Hier kann man wenigstens miteinander plaudern. Ich sah schon eine ganze Weile sehnsüchtig zu Ihnen herüber, konnte mich aber nicht gleich losmachen. Ah, hier ist gut sein! Nun lassen wir uns noch einen Eistee bringen. Halten Sie mit?“

Magnus neigte den Kopf. „Gern.“ Wenige Minuten später servierte ein Kellner das Gewünschte. Dann waren die beiden Herren wieder allein.

Schlieben sah Magnus forschend an.

„Sagen Sie mal, lieber Rittner, Sie haben wohl das kurze Alleinsein hier schon büßen müssen? Hm?“

Fragend sah ihn Magnus an. „Wie meinen Sie das?“

„Hm! Ich werde Ihnen wohl ein bisschen neugierig vorkommen. Aber ich müsste die Welt und die Menschen nicht kennen, wenn ich nicht davon überzeugt wäre, dass Sie nun auch haben bluten müssen. Sicher hat Sie doch die schöne Frau von Salten ein wenig zur Ader gelassen. Wie viel kostet Sie der Spaß?“

Magnus zog die Stirn zusammen und sah ihn befremdet an.

„Sie sprechen in einem seltsamen Ton von Frau von Salten.“

Schlieben lachte sonderbar.

„Na, na! Werfen Sie sich bloß nicht zum Ritter dieser Dame auf! Mein Gott, Rittner, sind Sie denn ein Wickelkind? Ich muss Sie wahrhaftig warnen – hätte es schon eher tun sollen, aber ich nahm an, Sie würden von selbst dahinter kommen. Sie werden aber leider immer intimer mit den Damen, und ich fürchte beinahe, ich komme nun schon zu spät, um Sie vor Schaden zu bewahren. Haben doch sicher ein paar braune Lappen rausrücken müssen? Mit Kleinigkeiten gibt sich die schöne Frau nicht ab.“

Magnus sprang auf. „Herr von Schlieben, ich muss Sie ersuchen, Ihre Worte vorsichtiger zu wählen! Was soll das heißen?“

Schlieben legte gemütlich die Hand auf seinen Arm und drückte ihn in seinen Sessel zurück.

„Nur immer sachte mit den jungen Pferden, lieber Freund! Es ist nicht nötig, dass man drinnen im Saal merkt, dass wir eine etwas bewegte Auseinandersetzung haben. Und vor die Pistole brauchen Sie mich auch nicht zu fordern. Wir verständigen uns schon noch. Also, Sie sind. noch ganz ahnungslos – auch nach der Attacke auf Ihr Scheckbuch? Da muss ich Ihnen schon den Star stechen. Also: Vorsicht im Verkehr mit den Damen Salten, ich habe begründete Veranlassung, sie für Abenteuerinnen zu halten, die Mutter jedenfalls, wenn ich in Bezug auf die Tochter auch noch nicht sicher bin.“

„Herr von Schlieben!“, rief Magnus erregt.

„Ruhe, Ruhe, mein junger Freund! Soll ich Ihnen sagen, was Frau von Salten eben für ein Anliegen an Sie hatte? Ich glaube, ich kann es Ihnen wiederholen, als sei ich dabei gewesen.

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