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Hedwig Courths-Mahler - Folge 049

Im ewigen Eis erstarrt lag der Gipfel des Wetterkogels hinter den drei Gestalten, die sich langsam auf dem mit Geröll bedeckten Weg vorwärts schoben.

Tiefe Stille ringsum.

Nur die Schritte der drei Menschen, ihr schweres Atmen und zuweilen das leise Gleiten eines gelösten Steins waren vernehmbar.

Voran schritt Will Vollrat mit hoch erhobenem Haupt.

Ihm folgte mit weniger kräftigen und sicheren Schritten seine Gattin, eine schlanke, zarte Blondine mit lieblichem Gesicht und fiebrig leuchtenden Augen.

Zuletzt ging der Bergführer. Er trug Rucksack und Seile, die vor Kurzem noch die drei Gestalten aneinander gefesselt hatten.

Der Wetterkogel drohte finster und in Nebel gehüllt hinter ihnen her.

Der Bergführer, dessen wettergebräuntes Gesicht wie aus Erz gegossen schien, ließ die scharfen, hellen Augen wachsam und spähend umherschweifen, um den rechten Pfad zu finden. Jetzt rief er Will Vollrat einige Worte zu, um ihm die Richtung anzugeben. Dieser nickte und sah rückwärts zum Gipfel des Wetterkogels hinauf.

Da oben hatten sie vor einigen Stunden gestanden nach mühevoller Kletterarbeit. Will Vollrat hatte mit strahlenden Augen den überwältigenden Rundblick in sich aufgenommen.Wie schön, wie einzig schön und wunderbar!

Eva Vollrat hatte sich schwer atmend auf den Arm ihres Gatten gelehnt. Mit schwärmerischer Innigkeit haftete ihr Blick auf seinem kühn geschnittenen Profil, und seine machtvollen, strahlenden Augen hielten sie im Bann.

Was galt Eva Vollrat die ganze märchenhafte Schönheit der gigantischen Gletscherwelt gegen dieses geliebte Antlitz?

Nur um sich nicht von ihm trennen zu müssen, war sie mit hinaufgestiegen. Sie ertrug es nicht, still da unten im Hotel zu sitzen und zu warten, bis er zurückkam. Sie ging mit, wohin er sie führte. Kein Wort von ihr verriet, wie schwer ihr zuweilen die anstrengenden Touren wurden.

Und er, in seiner kraftstrotzenden Vollnatur, hatte keine Ahnung davon. Er glaubte, alles getan zu haben, wenn er sein wildes, ungestümes Vorwärtsstreben bezwang und sich in ein mäßiges Tempo fügte. Er nahm es als selbstverständlich an, dass seine Frau denselben Genuss bei den Kletterpartien empfinden müsse, wie er selbst. So schön wie hier oben in seinen geliebten Bergen war es doch sonst nirgends auf der Welt!

Als sie den obersten Gipfel noch nicht ganz hinter sich hatten, schlug das Wetter um. Ein eisiger Wind trieb Nebelwolken zusammen. Sie blieben am Wetterkogel hängen und verbreiteten Kälte und Dunkelheit. Bis zur Schutzhütte war es vom Fuß des Gipfels noch eine Stunde Weg.

Eva fror innerlich, während ihr Gesicht brannte. Aber tapfer, mit Aufgebot ihrer letzten Kraft schritt sie zwischen den beiden Männern dahin.

Je weiter sie jedoch vorwärts kamen, desto unsicherer wurde ihr Gang. Sie fühlte, es war bald zu Ende mit ihrer Kraft.

Es wallte blutrot vor ihren Augen. Sie erschauerte innerlich und biss die Zähne zusammen, dass sie nicht im Frost aufeinander schlugen. Die Brust schmerzte unter den mühevollen Atemzügen. Plötzlich taumelte sie, griff mit den Händen in die Luft und sank dann mit einem ächzenden Laut in sich zusammen.

Will hatte weder ihren ächzenden Ton noch das Zusammensinken seiner Frau bemerkt. Erst ein lauter Zuruf des Bergführers machte ihn aufmerksam. Er wandte sich um und sah nun Eva am Boden liegen. Bestürzt eilte er zurück und kniete neben der leblosen Gestalt nieder. Fassungslos sah er in das bleiche, schmale Gesicht, das jetzt mit geschlossenen Augen, so elend und verfallen aussah. Mit einem Mal begriff er, wie rücksichtslos und unvorsichtig er gewesen war. Wie konnte er nur zulassen, dass diese zarte Frau sich am Bergsport beteiligte, wie konnte er ihr solche Strapazen zumuten?

Behutsam richtete er Eva in seinen Armen auf und bettete ihr Haupt auf seinem Knie. Der Bergführer hatte Wein und eine belebende Essenz aus dem Rucksack herausgeholt, und mit vereinten Bemühungen versuchten die beiden Männer, die Ohnmächtige zum Bewusstsein zu bringen. Es gelang ihnen aber nicht.

Mit einem forschenden Blick ringsumher drängte der Bergführer zum Aufbruch. Er erbot sich, die junge Frau bis zur Schutzhütte zu tragen. Vollrat schüttelte jedoch den Kopf. Er nahm seine Frau wie ein Kind auf den Arm und barg ihr blasses Gesicht an seiner Schulter. Schweigend ging es durch die sich dichter und dichter zusammenballenden Nebelschwaden weiter. Vollrat fühlte die erst so leichte Last schwerer werden. Eine dumpfe, drückende Angst presste ihm das Herz zusammen.

Die Hütte war leer. Schnell zündete der Bergführer ein Feuer an, während Vollrat seine Frau so bequem wie möglich auf dem primitiven Lager bettete. Nach Atem ringend, selbst am Ende der Kraft, öffnete er ihr die Kleider, deckte sie warm zu und rieb ihr die erstarrten Hände warm.

Wie zart und schlank diese wachsbleichen Hände waren! Blind war er bisher neben Eva hergegangen, hatte nicht darauf geachtet, wie schwächlich sie im Grunde war. In qualvoller Sorge, bestürzt und fassungslos, bemühte er sich nun, sie wieder zum Leben zu erwecken. Und endlich gelang es.

Leise wurden die Atemzüge wieder tiefer. Noch ein zärtliches, sanftes Streicheln, dann schlug sie die Augen auf und sah in sein blasses, besorgtes Gesicht.

„Evi, liebe kleine Frau – was machst du für Streiche!“, schalt er zärtlich.

Sie lächelte schon wieder. „Ach, Will!“

„Das war zu viel für dich, Evchen. Armes Liebes, warum hast du mir das verschwiegen?“

„Es ist nicht so schlimm, Will, mir wird gleich besser sein. Die dummen Nerven – mir solchen Streich zu spielen!“, sagte sie matt.

Aber die Zähne schlugen ihr trotz aller Gegenwehr aufeinander.

„Du hättest unten bleiben sollen, Evi. Ich werde es nie mehr leiden, dass du mich auf solchen Touren begleitest. Ich hätte es dir verbieten sollen.“

„O nein. Ach Will, lieber Will! Es war so schön da oben – mit dir. Nicht wahr, du lässt mich wieder mit dir gehen?“

„Du solltest mich nicht darum bitten, Eva. Ich mache mir schwere Vorwürfe, dich mitgenommen zu haben. Jetzt sehe ich ein, dass es zu anstrengend für dich war. Du bist so zart, mein Lieb.“

Der Bergführer hatte inzwischen eine kräftige Suppe bereitet. Die brachte er nun, ein gutmütiges Lächeln im gebräunten Gesicht, an Evas Lager. „Dös müssen’s erst mal essen, dann wird’s Ihnen glei’ besser geh’n. Da kenn i mi aus, hab’ i auch durchgemacht“, sagte er in seiner schlichten, treuherzigen Art. Und während Vollrat seine Frau emporrichtete und stützte, flößte ihr der Bergführer mit allerlei Scherzreden die Suppe löffelweise ein, wie einem Kind.

Gehorsam schluckte Eva auch einige Löffel voll hinunter. Dann ging es aber nicht mehr. Sie schüttelte sich und schloss die Augen. Ihr Gesicht hatte sich gerötet, aus den Augen leuchtete fiebriger Glanz, und die kleinen Hände zuckten unruhig auf der rauen Decke hin und her. Vollrat betrachtete sie besorgt. „Kind, du wirst mir doch nicht ernstlich krank werden?“

„Mir scheint, da ist Fieber im Anzug. Dös wär amol net sehr g’scheit. Da heroben gibt’s nix, was zur Krankenpfleg’ taugt“, flüsterte der Bergführer und trug seine Suppe betrübt wieder zum Herd zurück.

In Angst und Sorge wachte Will bei seiner Frau, während sich der Bergführer, da er doch nicht helfen konnte, einige Stunden niederlegte.

Um zwei Uhr nachts weckte ihn Will und bat ihn, sich aufzumachen und um jeden Preis einen Arzt heraufzuschaffen. Evas Zustand hatte sich verschlimmert. Sie klagte über Schmerzen in der Brust und das Atmen fiel ihr schwer. Bereitwillig brach der Bergführer auf. Wenn er tüchtig ausschritt, konnte er morgens gegen sieben Uhr im nächsten Dorf sein. Traf er dort einen Arzt, so war er im günstigsten Fall mittags gegen zwei Uhr mit ihm zurück.

Er holte noch einen frischen Krug Wasser herbei, damit sich Will Vollrat nicht von Eva zu entfernen brauchte.

Und dann waren die beiden Gatten allein da droben in der engen Schutzhütte. Eine unheimliche Stille umfing sie beide.

Eva warf sich unruhig auf dem primitiven Lager hin und her. Zuweilen sah sie mit den fieberglänzenden Augen in ihres Mannes Gesicht. Dann bemühte sie sich, ein schattenhaftes Lächeln in ihr Gesicht zu zwingen, um ihm zu zeigen, dass er keinen Grund zur Sorge habe. Dieses Lächeln erschütterte ihn.

Mit ungeschickten Hängen legte er ihr kühle Kompressen auf die heiße Stirn. Dabei kam eine heiße Angst an ihn herangekrochen.

„Evi, mein Liebes – kennst du mich?“

Ihre Augen hatten ihn starr und fremd angesehen. Nun riefen seine Worte ihre abirrenden Gedanken zurück.

„Ja, Will, mein Lieber, wie sollte ich dich nicht kennen? Ach, dass ich so schwach bin! Verzeih es mir!“

Er küsste erschüttert ihre Hand.

„Was soll ich dir verzeihen, Liebling? Ich muss dich um Verzeihung bitten. Vergib, dass ich so unachtsam war, dass ich nicht daran dachte, es könnte dir zu schwer werden. Nun weiß ich, du hast dir zu viel zugemutet, um bei deinem wilden, unruhigen Will bleiben zu können. Herz, ich bin nicht wert, dass du mich so liebst, ich verdiene es nicht. Aber nun soll es anders werden, hörst du? Du darfst dich nie wieder so anstrengen!“

„Ach, Will, so darf ich dich nicht mehr begleiten?“

„Nein, Eva. Nie mehr auf solchen Touren.“

„Will, das ertrag ich nicht. So lange mich von dir zu trennen, ist mir furchtbar.“

„Dann – dann bleib ich bei dir.“ Sie fasste seine Hand.

„Will, mein ungestümer Will, das hältst du nicht aus. Still daheim sitzen, wenn deine Berge zum Fenster hereinschauen – das kannst du nicht.“

„Du wirst es mich lehren, Eva. Dir zuliebe will ich es lernen.“

Sie drehte den fieberheißen Kopf unruhig hin und her.

„Dann werde ich dir Last und Fessel, Will. Und dann wirst du still und betrübt, verlernst dein frohes Lachen. Und das liebe ich so sehr. Du weißt ja nicht, wie schön, wie wunderschön es ist, wenn du so froh und strahlend in die Welt schaust in die schöne Welt. Nur in deinen geliebten Bergen bist du ganz du selbst, und deshalb lieb ich sie, und weil sie deine Heimat sind.“

Sie lächelte trotz aller Schmerzen selig vor sich hin. Aber dann verwirrten sich ihre Gedanken wieder. Auf seine Frage, wie sie sich fühle, antwortete sie einige unverständliche Worte, und die Hände fuhren wieder umher, als suchten sie etwas.

Langsam schlichen die Stunden dahin.

Will Vollrat saß mit düsteren Blicken neben dem Lager und wartete auf den Arzt wie auf die Erlösung aus tausend Ängsten.

Und dabei ließ er die Vergangenheit an sich vorüberziehen.

Vor vierzehn Jahren hatte er nach dem Tod seiner Eltern seine Heimat verlassen, um auf deutschen Universitäten zu studieren. Er war ein kluger, befähigter Mensch, und sein Studium, Geologie und Mineralogie, interessierte ihn ungemein. Er bestand sein Examen summa cum laude, und seine Doktorarbeit erregte in maßgebenden Kreisen Aufsehen. Schon nach kurzer Zeit nannte man seinen Namen unter den bedeutenden, und sein Ruf verbreitete sich schnell. Vor zwei Jahren hatte er bereits den Professorentitel erhalten. Seine Studien und Forschungsreisen hatten ihn so in Anspruch genommen, dass er sich wenig um Frauen kümmerte.

Ganz plötzlich hatte er sich vor zwei Jahren in Eva verliebt. Das feingliedrige, bildhübsche Mädchen hatte es ihm angetan. Sie stammte aus einer vermögenden Kaufmannsfamilie. Vollrat war selbst reich und unabhängig. So gab es auch keine äußerlichen Hindernisse zwischen den beiden. Will liebte Eva mit der feurigen, ungestümen Art, mit der er alles im Leben erfasste. Und so hatte er auch Eva an sich gerissen. Nach sehr kurzer Brautzeit wurde sie seine Frau.

Aus der stillen, etwas kühlen und pedantischen Atmosphäre ihres Elternhauses, wo man sie lehrte, scheu ihr warmes, inniges Empfinden zu verschließen, wurde sie in eine neue Welt, in neue Kreise versetzt. Ob ihr das leicht oder schwer wurde – er hatte sie nie danach gefragt. Er liebte sie, sie liebte ihn – das war ihm genug. Und zwischen interessanten Versteinerungen, Bücherstößen und Forschungsreisen nahm sie einen bescheidenen Platz in seinem Leben ein. Es genügte ihm, dass sie da war, wenn er sie brauchte, dass sie sich liebevoll in seine Arme schmiegte, wenn er Zeit fand, an seine Liebe zu denken. Dann hüllte er sie freilich ein in berauschend feurige Zärtlichkeiten, und sie lebte in diesen kurzen Stunden auf. Am zärtlichsten war er, wenn er, von allem losgelöst, mit ihr in den Bergen herumschweifte. Da lenkte ihn nichts ab, und er brauchte Eva, um sein Entzücken mit ihr zu genießen.

War es ein Wunder, dass sie sich bangte, diese kostbaren Stunden ungenützt verstreichen zu lassen! Und er hatte alles hingenommen wie selbstverständlich, ohne Fragen, ohne Sorge und Fürsorge.

War es nicht ein Unrecht, ein großes Unrecht, dass er nie versuchte, sich auch einmal in ihre Welt zu versetzen? Er verlangte von ihr ein völliges Aufgehen in seinen Interessen. Und sie war immer gleich lieb zu ihm, immer gleich bereit, sich ihm anzupassen. Sich in ihre Art zu versenken – wann wäre ihm das je eingefallen! Erst jetzt, in der heißen Angst um sie, erkannte er das alles.

Aber vielleicht ging noch alles gut vorbei, vielleicht war es nur ein leichtes Fieber, das sie befallen hatte. Gewiss würden einige Ruhetage alles wieder ins Gleichgewicht bringen. So versuchte er, sich selbst zu belügen. Dahinter aber lauerte Angst – und die Gewissheit, dass dies keine Unpässlichkeit war. Retten! Er musste sie retten!

Wenn nur der Arzt erst da wäre! Die Stunden krochen wie Ewigkeiten dahin, langsam und bleiern.

Evas Wangen röteten sich mehr und mehr. Ihre Haut fühlte sich trocken und glühend heiß an, und die kurzen, hastigen Atemzüge lösten sich mit eigentümlichem Rasseln aus der schmerzenden Brust.

Endlich sah Vollrat, als er wieder einmal Ausschau hielt, zwei Männer auf dem schmalen Pfad emporsteigen. Er atmete auf. Das war gewiss der Bergführer mit dem Arzt. Er musste Rettung bringen.

Eine halbe Stunde später traf der Arzt in der Hütte ein. Er war ein großer, sehniger Mann mit wettergebräuntem Gesicht und klaren, blauen Augen. Ruhig, kurz angebunden, ohne konventionelle Höflichkeiten, ohne Phrasen und Winkelzüge, aber tüchtig und Vertrauen erweckend – so erkannte ihn Will nach prüfendem Abwägen.

Nach einer eingehenden Untersuchung richtete sich der Arzt auf, und Will erkannte sofort, dass seine schlimmsten Befürchtungen sich verwirklichten. Der Arzt konstatierte eine hochgradige Lungenentzündung, die bei dem schwachen Herzen der Patientin sehr bedenklich war.

Wie Vollrat bei dieser Gewissheit zumute war, wie er erschrak in tiefster Seele!

Er fragte, ob es nicht ratsam wäre, seine Frau hinunterschaffen zu lassen.

Der Arzt schüttelte den Kopf. „Nicht daran zu denken, Herr Professor. Wir müssen hier oben den Kampf gegen das Fieber aufnehmen.“

„Und glauben Sie, dass meine Frau durchkommt?“

Der Arzt zuckte die Achseln.

„Mit Gemeinplätzen will ich Sie verschonen, Herr Professor. Ich habe Grund zur Besorgnis, weil Ihre Gattin sehr zart ist. Nehmen Sie mir ein offenes Wort nicht übel, aber es ist ein unverantwortlicher Leichtsinn, so einer schwächlichen Dame eine solche Tour zuzumuten. Sie hätten das nicht erlauben sollen.“

Vollrat sah düster in sein Gesicht. „Das weiß ich jetzt auch, Herr Doktor.“

Etwas in seinem Ton flößte dem Arzt Mitleid ein. „Ja, freilich, man kommt immer klüger aus dem Rathaus, als man hineingegangen ist. Schließlich kraxeln ja viele andere auch hier oben in den Bergen herum, ohne sich zu schaden. Es kommen da verschiedene ungünstige Momente zusammen. Die jungen Frauen sollten das überhaupt lieber unterlassen.“

Will fühlte sich durch diese Worte durchaus nicht erleichtert. Er wurde klein, sehr klein vor sich selbst, und ihm war dumpf und drückend zumute, als habe er einen Totschlag auf dem Gewissen. Er wehrte sich dagegen. Seine herrische Natur wollte die Erkenntnis seines Unrechts ablehnen. Es half aber nichts. Das fieberglühende Gesicht seiner Frau klagte ihn an.

Der Arzt tat alles, was getan werden konnte. Er erbot sich freiwillig, bis zum nächsten Morgen zu bleiben, und Will drückte ihm in aufwallender Dankbarkeit die Hand. Es blieb nichts unversucht, was das Leben der jungen Frau erhalten konnte.

Gegen Morgen trat die Krise ein. Aber der Körper der Kranken war zu schwach, um sie zu überwinden. Das Herz stellte trotz wiederholter Einspritzungen seinen Dienst ein. Eva Vollrat starb. Mit einem letzten matten Lächeln sah sie Will noch einmal voll Liebe in die düster brennenden Augen. Dann schlossen sich die ihren für immer.

Mit einem wilden Schrei warf sich Will über sie und fasste sie beschwörend bei den Schultern.

„Eva -Eva!“

Sie hörte ihn nicht mehr.

„Ich bin schuld! Schuldig! Schuldig!“, rief Will in bitterer Selbstanklage und barg das Gesicht in den Händen.

Der Arzt und der Bergführer traten hinaus vor die Hütte. Sie ließen ihn allein mit seinem Schmerz.

***

Es war ein schöner, sonniger Tag, als man Eva Vollrat zu Grabe trug. Auf dem kleinen, schlichten Dorfkirchhof hatte man ihre letzte Schlummerstätte bereitet. Das ganze Dorf und die anwesenden Sommerfrischler gaben ihr das Geleit.

Auf Will Vollrats telegrafische Nachricht waren Evas Eltern herbeigeeilt. Sie hatten den großen Liebesreichtum, der im Herzen ihres Kindes wohnte, weder geahnt noch begriffen. Sie hatten ihr auch in ihrer kühlen Art wenig Zärtlichkeiten erwiesen. Solche Äußerungen waren ihnen fremd. Aber nun brannte doch in ihren Herzen der Schmerz um die Verlorene. Und daneben regte sich die Anklage gegen den Mann, der nach ihrer Ansicht die Schuld trug am frühen Tod ihres Kindes. Kein Wort von ihnen klagte Will an, aber in ihren Augen las er ein hartes Urteil.

Mit wunder Seele schritt er neben ihnen hinter Evas Sarg her. Dass etwas Köstliches aus seinem Leben gewichen war, dass er es unwiederbringlich verloren hatte, erfüllte ihn mit tiefer Trauer. Der Trauer mischte sich grimmig anklagender Vorwurf bei und drückte ihn nieder.

Er war schuldig am Tod seines Weibes! Wenn auch kein Richter der Welt ihn verurteilen konnte – er selbst sprach sich das Urteil. Und aus den Augen von Evas Eltern las er dasselbe.

***

Ruhelos trieb es ihn nach dem Begräbnis hinaus in die Welt. Ohne Rast und Ruhe eilte er von Ort zu Ort. Er fand sein seelisches Gleichgewicht nicht wieder.

Aus dem ungestümen, lebensfreudigen Mann wurde ein düsterer, schwerblütiger Geselle. Trotz seiner vierunddreißig Jahre zeigte sein dunkles Haar an den Schläfen graue Fäden.

Um Vergessen zu finden, arbeitete er rastlos. Aber froh wurde er auch dabei nicht.

Nach Jahresfrist kehrte er in das stille Bergdorf zurück. Am Todestag seiner Frau stand er an ihrem Grab. Und dann trieb es ihn hinauf zum Wetterkogel. Dort, wo sie das letzte Mal Seite an Seite mit ihm geschritten war, kam ein Hauch von Frieden über ihn. Als wenn ihre kleinen Hände kosend über seine gefurchte Stirn strichen, als wenn ihr weiches, zärtliches Wesen ihn einhüllte.

Immer wieder floh er hinaus in die Welt. Er unternahm kühne Forschungsreisen und war ein eifriger Pionier der Wissenschaft. Eines Tages war es ihm auch vergönnt, zwei Menschenleben zu retten. Mit eigener Lebensgefahr holte er eine junge Mutter mit ihrem Säugling aus einem brennenden Haus. Hinter ihm stürzte die Decke zusammen. Als man ihm danken wollte, war er verschwunden. Er fühlte sich durch seine Tat nicht entsühnt. Aber ruhiger wurde er doch. Er trug von nun an seine Schuld wie ein unabänderliches Verhängnis, ließ sich nicht mehr von ihr treiben und rastlos machen. Die Schuld wurde ein Teil von ihm und reifte ihn zu einem jener Charaktere, die alles verstehen und verzeihen. Dabei blieb er einsam – und darbte.

Im Sommer kehrte er immer wieder zu Evas Grab zurück. Er kaufte sich in dem stillen Bergdorf ein Häuschen und lebte während der Sommermonate hier seiner Arbeit. Daneben stieg er fast täglich einige Stunden in den Bergen herum. Am liebsten kletterte er hinauf zum Wetterkogel.

Die Bewohner des Dorfes kannten ihn und hingen an ihm. „Unser Professor ist wieder da“, hieß es, wenn er im Sommer sein Häuschen bezog. Und er konnte es nicht verhindern: Die Touristen und Sommergäste erfuhren die Geschichte seiner Frau und sahen mitleidig oder neugierig hinter ihm her.

Will Vollrat kümmerte sich um keinen.

***

Ursula Erlenhorst stand wartend auf der Freitreppe. Sie lehnte an der Steinbalustrade und schwippte übermütig die Reitgerte. Mit blitzenden Augen sah sie auf den Hof hinab und klopfte ungeduldig mit den Fußspitzen die steinernen Quader, auf denen sie stand. Man merkte es ihr an, dass geduldiges Warten nicht ihre Sache war.

Die schlanke, kraftvolle Gestalt, knapp von dem dunkelgrünen Reitanzug umschlossen, zeigte wundervolle Formen von edelster Rundung. Das Gesicht war reizvoll und fesselnd mit seinem frischen, reinen Teint, mit den großen Augen und dem fein geschnittenen Mund. Ursula wurde viel gefeiert und umworben. Worin der Zauber lag, der von ihr ausstrahlte, wäre schwer zu sagen gewesen. Sie war mehr schroff als liebenswürdig, galt für unbändig und herrisch und wurde in der ganzen Umgegend die „wilde Ursula“ genannt.

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