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Hedwig Courths-Mahler - Folge 048

Traute Ramin stand am Fenster und sah ins Tal hinab, durch das der breite Fluss gemächlich dahinfloss. Ihr Blick blieb interessiert auf einem villenartigen Gebäude ruhen, das jenseits des Flusses am anderen Ufer stand. Ein großer, jetzt etwas verwilderter Garten umgab das Gebäude.

Jahrelang war es unbewohnt geblieben, aber seit einigen Tagen hatte Traute bemerkt, dass die Fensterläden geöffnet waren, dass Rauch aus dem Schornstein emporstieg und dass anscheinend Handwerker darin zu tun hatten. Villa Martens, so hieß das Haus nach dem verstorbenen Besitzer, sollte also wohl neue Bewohner bekommen.

Traute lebte von Kindheit an auf ihrem Gut Grundhof, das sie von ihren Eltern geerbt hatte. Hier verbrachte sie den größten Teil des Jahres in ziemlicher Zurückgezogenheit. Nur zwei Monate im Winter, manchmal auch drei, pflegte sie in Berlin im Haus ihrer Tante, einer Schwester ihrer Mutter, zuzubringen. Dafür kam Tante Helene dann immer im Sommer einige Monate nach Grundhof.

Traute war bereits dreiundzwanzig Jahre alt. Ihr Vater war vor zwei Jahren gestorben, ihre Mutter schon einige Jahre früher, und seit ihrem Tod hatte Traute dem Vater die Hausfrau ersetzt, wenn auch eine Hausdame engagiert worden war. Seit dem Tod der Mutter hatte man im Hause Ramin keinen Verkehr mehr gepflegt. Grundhof lag etwa in der Mitte zwischen Limburg und Ems. Nachbarn besaßen die Ramins nicht, außer dem alten Sonderling Martens, der nie sein Grundstück verließ und sehr menschenfeindlich war. Nie war es zu einem Verkehr zwischen ihm und den Herrschaften auf Grundhof gekommen. Und Traute hatte das einsame Leben nach dem Tod ihres Vaters weitergeführt; sie kam nur selten einmal nach Ems hinüber und wartete mit der Aufnahme geselligen Verkehrs immer, bis sie wieder in Berlin war. Am Tage hatte sie genug Arbeit, und des Abends saß sie meistens ein Stündchen plaudernd mit Frau Berger, der Hausdame, und mit ihrem Verwalter Klemens und seiner Frau zusammen. Klemens war schon seit mehr als dreißig Jahren Verwalter auf Grundhof, sein einziger Sohn, den er hatte Medizin studieren lassen, war in Ems Badearzt und hatte sich verheiratet. Auch er kam zuweilen mit seiner jungen Frau auf einen kurzen Besuch nach Grundhof.

Frau Berger aber, die Hausdame, war eine gebildete Frau, die Witwe eines im Krieg gefallenen Offiziers, deren Eltern früher selber ein Gut gehabt hatten und die deshalb in allen Zweigen der Landwirtschaft erfahren war. Mit ihr konnte sich Traute über alles unterhalten, was gebildete Frauen interessierte. Auch mit dem Verwalter harmonierte sie sehr gut. Er war ein ehrlicher Mann mit klugen, verständigen Ansichten, auf den sie sich verlassen konnte. Da sie in ihren Mußestunden fleißig musizierte und sich immer genügend neue Lektüre kommen ließ, vermisste sie nichts, und es kam vor, dass sie sich nach einer neuen Festsaison in Berlin herzhaft nach der Stille von Grundhof sehnte und froh war, wenn sie dort wieder eintraf.

Es hatte sich im Lauf der Jahre mancher Freier in mehr oder minder selbstloser Absicht um die Erbin von Grundhof bemüht, aber sie hatte sich noch nicht entschließen können, Herz und Hand zu vergeben. Zuweilen hatte sie wohl gemeint, dieser oder jener junge Mann könne ihr gefallen, aber immer wieder hatte sie dann irgendetwas an ihm abgestoßen und sie veranlasst, sich zurückzuziehen.

So war Traute mit ihren dreiundzwanzig Jahren noch vollkommen ungebunden, ein fröhliches, gütiges Geschöpf, lebensfrisch und unverzagt. Sie war keine auffallende Schönheit; die feinen, stillen Reize ihrer Erscheinung nahmen aber trotzdem sehr gefangen, wenn man sie nur erst näher kennen lernte.

Mit großen munteren Augen schaute sie auf die Villa Martens hinab, und als in diesem Augenblick Frau Berger ins Zimmer trat, sagte sie lächelnd:

„Sehen Sie doch, Frau Berger, da unten in Villa Martens geschieht allerhand! Es scheint wirklich, als ob neue Bewohner dort einziehen wollten.“

Frau Berger, eine stattliche Frau von fünfzig Jahren, trat neben sie.

„Ja, Fräulein Ramin, ich habe eben in Erfahrung gebracht, dass die Villa einen Käufer gefunden hat und weiß auch schon ein wenig über den neuen Besitzer Bescheid.“

Lachend wandte sich Traute zu ihr.

„Oh, woher haben Sie dieses Wissen?“

Frau Berger lachte auch.

„Mein Gewährsmann ist der Milchmann Schneider.“

„Ah, der muss doch immer alles herausbringen, eher hat er keine Ruhe! Aber nun berichten Sie, ich bin schrecklich neugierig!“

„Also Schneider ließ, als er mit seinen leeren Milchkannen von der Station kam, vor der Villa Martens halten und betrachtete sich beschaulich das Treiben der Handwerker, die dort anscheinend alles in Ordnung bringen sollen. Da kam aus dem Haus eine resolute weibliche Person, wohl eine Köchin nach Schneiders Beschreibung, und fragte ihn kurzerhand, ob er Milch, Eier, Butter und dergleichen liefern könne, denn Geschäfte seien in dieser ‚Einöde‘ doch nicht zu finden. Schneider machte sofort ein Angebot und sagte, dass er auch Geflügel, Obst, Gemüse und Honig zu liefern vermöge, und er sei auch bereit, frisches Fleisch, Kolonialwaren und dergleichen von Ems mitzubringen, so oft er dahin fahre. Sie brauche dann immer nur einen Bestellzettel zu schreiben und ihm mitzugeben.“

Wieder lachte Traute.

„Schneider ist ja ein kaufmännisches Genie, Frau Berger, das haben wir bisher nur noch nicht entdeckt. Wir müssen ihn am Gewinn beteiligen“, scherzte sie.

Frau Berger machte eine abwehrende Bewegung.

„Wie ich Schneider kenne, sorgt der schon selbst für den nötigen Profit, er ist ein ganz Schlauer.“

„Nun gut. Aber nun sagen Sie mir, wer sind die neuen Bewohner der Villa Martens?“

„Vorläufig nur die Dienerschaft, der neue Besitzer soll vorläufig noch in Ems wohnen. Es ist ein Amerikaner, unverheiratet und soll die Villa sofort gekauft haben, nachdem er sie nur einmal angesehen hat. Die Erben des alten Sonderlings Martens sollen sehr froh darüber sein, die Villa an den Mann gebracht zu haben, denn es teilen sich ja verschiedene Erben in den Erlös, während der alte Martens sein übriges Vermögen Stiftungen hinterlassen hat, weil er es seinen Erben nicht gönnte. Die Villa soll er ihnen nur vermacht haben, weil er gehofft hat, sie würden sich darüber in die Haare geraten.“

„Was für eine schlechte Meinung er von seinen Verwandten gehabt haben muss!“

„Er war eben ein Menschenfeind.“

„Jedenfalls aber können die Erben froh sein, dass sie einen Käufer für die Villa gefunden haben, denn sie liegt doch sehr abseits vom Verkehr. Freilich ist es ein schöner, solider Bau, und wenn der Garten wieder in Ordnung gebracht worden ist, stellt sie einen hübschen, stattlichen Besitz dar. Aber sehr einsam liegt er doch.“

„Nun, im Zeitalter des Autos ist das doch nicht so schlimm. Und dann kann sich ja auch der alte Herr Gäste einladen, wenn er welche haben will.“

„Wenn er aber Amerikaner ist, wird er wenig Bekannte in Deutschland haben.“

„Na, wenn er ein netter alter Herr ist, kann er wohl zuweilen nach Grundhof kommen.“

„Oh, erst werden wir ihn uns genau ansehen, ob er auch wirklich ein netter alter Herr ist! Dann wird er vielleicht eine anregende Gesellschaft für Tante Helene, die immer unter der Langeweile von Grundhof seufzt. Haben Sie etwas Näheres über ihn von Schneider gehört?“

„Nicht viel. Die Köchin soll gesagt haben, der ‚Alte‘ sei ein bannig energischer Herr und sehr reich obendrein. Er soll in Ems im Kurhaus eine ganze Zimmerflucht bewohnen. Er will dort einen Katarrh ausheilen, den er sich auf der Reise zugezogen hat, und von Ems aus ist er zufällig hier im Auto vorübergekommen, hat die Villa Martens liegen sehen und sie gleich gekauft. Am Gartentor hat doch ein Schild gehangen, dass die Villa zu veräußern sei, und in Ems war das Nähere zu erfahren. Im Übrigen soll er ein ganz gutes Deutsch sprechen; die Köchin hat gemeint, er rede deutsch ‚wie geschmiert‘.“

Die beiden Damen lachten hell auf.

„Nun, hoffentlich ist er ein sympathischer Mensch, denn immerhin ist er doch unser nächster Nachbar, wenn auch der Fluss zwischen ihm und uns liegt. Es wäre ganz nett, wenn wir für Tante Helene einen anregenden Gesellschafter in ihm hätten. Aber nun muss ich mich umkleiden und auf die Felder hinausreiten, ich habe mich mit dem Verwalter verabredet.“

Traute ließ ihr Pferd satteln und vorführen, und eine Viertelstunde später ritt sie davon. Sie war eine exzellente Reiterin und schon von Kind auf an den Sattel gewöhnt.

Den Berg hinab ließ sie ihr Pferd im Schritt gehen. Das Herrenhaus lag oben auf dem Plateau des Berges, von einem stattlichen Park und den Wirtschaftsgebäuden umgeben. Außer ertragreichen Feldern und Wiesen gehörte auch herrlicher Buchenwald zu Grundhof, der sich stundenweit hinzog und in dem ein junger Förster nach dem Rechten sah, der ein hübsches, kleines Forsthaus mit seiner jungen Frau bewohnte.

Traute Ramin ritt unten erst eine Weile am Flussufer entlang und blickte interessiert nach der Villa Martens hinüber, deren graue Sandsteinmauern durch die Bäume des Gartens halb verdeckt waren. Sie ließ ihr Pferd noch im Schritt gehen, als sie das Knattern eines Motors auf der Landstraße hörte. Es war keine Seltenheit, dass Autos von Ems her den Weg passierten. Traute ließ ihr Pferd zur Seite treten. Es reagierte sonst wenig auf Autos, aber heute machte es beim Herankommen der großen, eleganten Limousine einen nervösen Seitensprung. Traute bekam das Pferd zwar gleich wieder in die Gewalt, aber der Lenker des Autos, der den Seitensprung des Pferdes bemerkte, sah besorgt auf die Reiterin und verminderte sofort die Geschwindigkeit.

Traute blickte zu ihm hinüber und gewahrte am Steuer einen noch jungen Herrn, dessen Haar vom Wind zerzaust war. Die markanten Züge des braun gebrannten Gesichts waren so energisch und bedeutend, dass Traute unwillkürlich noch einmal interessiert hinübersah. Die festen, charakteristischen Züge prägten sich ihr sofort ein, trotz der flüchtigen Begegnung. Eine hohe, schön gebaute Stirn fiel ihr auf, unter der stahlblaue Augen lagen, eine schmale, gerade Nase und ein schmallippiger, fest geschlossener Mund, um den harten Linien eingegraben waren. Das war alles, was sie im Flug der Begegnung erhaschen konnte. Sie sah nur noch, dass die Muskeln dieses Männergesichts zuckten und dass seine Augen besorgt zu ihr hinübersahen, besorgt und doch zugleich seltsam aufleuchtend. Ja, sie strahlten zu ihr herüber, diese stahlblauen Männeraugen – und dieses Aufstrahlen ließ ihr Herz ein wenig schneller schlagen als sonst.

Neben ihm sah sie den Chauffeur sitzen – untätig.

Als das Auto vorüber war, hielt Traute unwillkürlich das Pferd an und blickte mit großen Augen dem Wagen nach. Und sie sah, dass er oberhalb des Weges, der hinauf nach Grundhof führte, über die beide Ufer verbindende Brücke fuhr. Der Weg drüben führte an der Villa Martens vorüber nach der Bahnstation. Sie nahm an, dass das Auto den Weg dorthin nehmen würde. Aber sie wurde plötzlich ärgerlich auf sich selbst. Was hielt sie hier und sah diesem fremden Mann nach? Sie trieb plötzlich ihr Tier zu einer scharfen Gangart an und setzte über den Weg hinüber in die Felder hinein. Aber immer wieder musste sie an den markanten Männerkopf mit dem vom Wind zerzausten Haar denken – und an die aufstrahlenden Augen. Und dabei war ihr so seltsam zumute wie nie zuvor in ihrem Leben.

***

Das Auto, dem Traute nachsah, hatte aber nicht den Weg nach der Station weiter verfolgt, sondern seinen Kurs direkt auf die Villa Martens genommen. Dann passierte es das offen stehende Gartentor und hielt gleich darauf neben einem Möbelwagen am Portal der Villa.

Der Lenker des Autos sprang aus dem Wagen, rief seinem Chauffeur einige Worte zu und sprang die Treppe zum Portal empor. Schon hier vernahm er das Rufen einiger Männerstimmen, und als er in das Vestibül trat, sah er, dass dort ein wirres Durcheinander herrschte. Handwerker, die Möbeltransporteure und die Dienerschaft standen sich in Kampfstellung gegenüber und brüllten aufeinander los. Auf der Treppe aber, die zum ersten Stock hinaufführte, stand der Architekt, der den Auftrag erhalten hatte, die Villa neu auszustatten. Er gestikulierte aufgeregt mit den Händen und schien mit seiner wenig durchdringenden Stimme Ruhe zu gebieten, was aber nicht zu hören war. Neben ihm stand Fräulein Flinsch, die Köchin, und unterstützte ihn resolut mit ihrem etwas kräftigeren Organ. Aber auch ihr gelang es nicht, den Tumult zu beenden.

Mit einem Blick übersah der Lenker des Autos, der neue Besitzer der Villa Martens, die Situation. Kraftvoll bahnte er sich einen Weg durch die aufgeregten Leute, sprang die Treppe halb empor, so dass er alles übersehen konnte, und stellte sich neben dem Architekten und der Köchin auf.

„Ruhe! Ruhe!“

Scharf und laut durchschnitt seine Stimme den Lärm. Alle sahen konsterniert auf die gebietende Erscheinung oben auf der Treppe. Im schlichten Lederanzug, mit bloßem Kopf und windzerzaustem Haar stand der Angekommene da, verstaubt von der Fahrt und doch eine Persönlichkeit. Und ehe der Tumult von neuem einsetzen konnte, sprach er laut, aber mit ruhiger Stimme:

„Was ist das für ein Lärm, Leute? Seid ihr kleine Jungen, die sich raufen müssen, um sich Geltung zu verschaffen? Um was geht der Streit? Still! Nur einer redet! Sprechen Sie!“

Er deutete bei diesen Worten auf einen Möbeltransporteur, der ein schweres Möbelstück neben sich stehen hatte.

„Wir wollen Möbel abliefern, Herr, zu festgesetzten Zeit, wie es bestellt war, aber die Handwerker und Dienstboten wollen uns nicht in die Zimmer lassen. Dabei verlangt der Architekt, dass jedes Möbelstück gleich an den bestimmten Platz kommen soll.“

Der neue Besitzer wandte sich an einen Mann im weißen Malerkittel.

„Warum sollen die Leute nicht in die Zimmer, um ihren Auftrag auszuführen?“

„Wir sind noch nicht ganz fertig. In einer Stunde ist alles in Ordnung; die Stunde sollen die Möbelfritzen noch warten.“

„Und die Fußböden müssen doch auch da, wo die Möbel hinkommen sollen, erst gebohnert werden“, warf einer der Diener ein.

Mit einem scharfen Blick sah ihn der Besitzer an.

„Sie waren noch nicht gefragt, ich kann Dienstboten nicht gebrauchen, die im Dienst nicht gehorchen können. Warten Sie, bis Sie gefragt werden!“

Und nach wenigen Minuten hatte der Besitzer der Villa Ruhe und Ordnung geschaffen. Die Handwerker eilten an die Arbeit, die Dienstboten stürzten davon, um die Fußböden in Ordnung zu bringen, und die Möbeltransporteure begaben sich in eins der im Souterrain gelegenen Dienstbotenzimmer, wo ihnen die Köchin ein kräftiges Mahl auftragen sollte, um sie über die Wartezeit hinwegzubringen.

„Während ihr euch stärkt und einen Imbiss einnehmt, sind die Handwerker und Dienstboten überall da fertig, wo ihr Möbel hinstellen müsst, und es wird euch niemand mehr dazwischenkommen“, hatte er zu den Transportleuten gesagt.

Im Handumdrehen war das Vestibül leer. Die Köchin zog mit den Leuten ab, um sie zu bewirten.

Der schmächtige Architekt atmete neben seinem Auftraggeber wie erlöst auf.

„Sie kamen zur rechten Zeit, Mister Knight, ich habe mich fast heiser geschrien, ohne dass die Leute auf mich hörten, sie waren ganz außer Rand und Band.“

Mister Knight lachte.

„Sie können nun ungestört wieder Ihres Amtes walten, Herr Architekt.“

„Ich muss Ihnen meine Bewunderung aussprechen, Mister Knight, es war großartig, wie schnell Sie Ruhe und Ordnung herzustellen vermochten.“

Wieder lachte der Amerikaner.

„Ich habe mit anderen Menschenmengen fertig werden müssen, das war nur eine Kleinigkeit.“

Bewundernd sah der Architekt an seiner kraftvollen, sehnigen Gestalt empor.

„Nun ja, Sie haben in Ihrem Äußeren alles, was man braucht, um zu imponieren und Einfluss auf die Massen zu gewinnen.“

Gutmütig lachte John Knight auf.

„Die Handvoll Menschen, die sich hier wie dumme Jungen miteinander stritten, wollen Sie doch nicht mit ‚Massen‘ bezeichnen? Es waren ja kaum zwei Dutzend. Aber nun kommen Sie, Herr Architekt, ich bin heute von Ems herübergekommen, um Ihnen die noch nötigen Instruktionen bezüglich der Einrichtung der Zimmer zu erteilen. Ich kann nicht noch einmal herüberkommen, weil ich noch eine kleine Reise unternehmen muss. Mit meiner Kur bin ich fertig, Ems hat mir schnell geholfen – oder war es meine gute Konstitution? Ich werde Ihnen allerhand über den Hals schicken, was ich noch gekauft habe, um mich hier nach meinem Geschmack einzurichten. Die bisherige Einrichtung dieses Hauses lässt allerhand zu wünschen übrig. Der vorige Besitzer muss ein wenig schönheitsliebender Mensch gewesen sein. Bis auf einige Ausnahmen, an denen er wahrscheinlich unschuldig war, ist alles höchst geschmacklos. Und was mir nicht gefällt, muss hinaus!“

Die beiden Herren gingen langsam durch die Räume des Hauses. Sie besprachen dabei die Ausstattung eines jeden Zimmers. Sechzehn große Räume umfasste die Villa. Im Parterre lagen ein großer Speisesaal, ein ebenso großes Musikzimmer, die Bibliothek, ein Empfangsraum, ein Wohnzimmer und ein geräumiges Arbeitszimmer. Im ersten Stock waren die Schlafzimmer und Garderoben sowie die Gasträume untergebracht.

Viele von den vorhandenen Möbeln hatte er ausrangieren lassen. Nur der schöne Speisesaal mit seinen schweren Eichenmöbeln und das große Empfangszimmer sollten bleiben, wie sie waren. Im Musikzimmer blieb nur der kostbare Flügel stehen, und in der Bibliothek schonte man die Bücherregale an den Wänden. Alles andere wurde erneuert. Es war zu merken, dass Geld bei Mister Knight keine Rolle spielte.

Sein Arbeits- und Schlafzimmer sollten ganz modern gehalten und im ersten Stock sollte ein Schlafzimmer, ein Ankleide- und Baderaum für eine Dame vorgerichtet werden, ganz luftig und duftig. Diese drei Räume bildeten ein kleines Appartement für sich, und auf dessen Ausstattung verwandte Mister Knight große Aufmerksamkeit. Der Architekt wusste, dass Mister Knight nicht verheiratet war, aber er wagte keine Frage, für wen diese Damenzimmer bestimmt wären; nicht einmal ein diskretes Lächeln wagte sich hervor. Die Persönlichkeit Mister Knights ließ beides nicht zu.

Als alles besprochen war, fragte Mister Knight:

„Und nun sagen Sie mir, wie viel Zeit Sie brauchen, um hier alles in Ordnung zu bringen. Wann kann ich einziehen?“

„Vier Wochen müssen Sie mir schon noch Zeit lassen, Mister Knight, bis alles fertig ist.“

Die Stirn des Amerikaners zog sich leicht zusammen.

„Vier Wochen noch? Das ist eine lange Zeit. Aber gut, ich werde inzwischen eine kleine Reise machen. Aber genau heute in vier Wochen muss alles – alles! – fertig sein.“

„Es wird alles zu Ihrem Einzug bereit sein.“

Mister Knight war an eines der Fenster getreten und sah hinauf nach dem Herrenhaus von Grundhof.

„Wem gehört Grundhof?“

„Jetzt Fräulein Traute Ramin. Der Vater der jungen Dame ist seit zwei Jahren tot, und seither ist seine einzige Tochter Herrin des Gutes.“

Mister Knight sah eine Weile sinnend vor sich hin. Vor seinem geistigen Auge erschien die junge Amazone, deren Pferd vorhin vor seinem Auto zurückgeschreckt war. Ob das die Herrin von Grundhof gewesen war?

„Ist das Herrenhaus bewohnt?“, fragte er scheinbar gleichgültig.

„Ja, Fräulein Ramin lebt, mit Ausnahme einiger Wintermonate, in Grundhof. Im Winter geht sie stets einige Monate nach Berlin, wo sie im Haus ihrer Tante an der Geselligkeit der Wintersaison teilnimmt. Die Tante lebt dafür jeden Sommer einige Monate in Grundhof.“

„Soso! Das würde also meine nächste Nachbarschaft sein?“

„Die einzige Nachbarschaft überhaupt, Mister Knight. Etwas weiter nach Norden liegt nur noch ein Klostergut, das von Mönchen bewirtschaftet wird. Aber Sie haben ja Ems in der Nähe, und nach Limburg ist es auch nicht viel weiter.“

Mister Knight wehrte hastig ab. „Mich verlangt nicht so sehr nach Gesellschaft. Es ist mir gerade recht, dass mein Haus abseits vom Verkehr liegt. Ich werde ja voraussichtlich auch nicht das ganze Jahr hier leben, zumeist nur im Frühjahr und Sommer. Also, Herr Architekt, wie sind nun im Klaren. In vier Wochen werde ich hier sein und alles in Ordnung finden.“

„Ganz gewiss, Mister Knight, Sie können unbesorgt sein.“

Unten sahen die Herren noch eine Weile zu, wie die Möbeltransporteure jetzt an der Arbeit waren. Und es war, als wenn unter Mister Knights scharfen Augen die Leute eifriger ihre Pflicht erfüllten. Es strahlte etwas von diesem Mann aus wie belebende Energie. Man wollte ihm zeigen, dass man tüchtig war, weil man in ihm den tüchtigen Menschen spürte.

Mister Knight ließ nun die Köchin, Fräulein Flinsch, aus der Küchenregion heraufrufen. Mit seinen scharfen, klugen Augen sah er sie forschend an.

„Sie scheinen mir eine resolute, verständige Person zu sein, Fräulein Flinsch, das habe ich schon einige Male bemerkt.

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