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Hedwig Courths-Mahler - Folge 047

Kommerzienrat Hochstetten hatte es durchgesetzt, dass die neue Zweigbahn zwischen dem Gut des Barons Letzingen und seinem eigenen Elektrizitätswerk eine Station erhielt. Das war von großem Nutzen für die vielen hundert Arbeiter, die Hochstetten in seinen Fabriken und dem Elektrizitätswerk beschäftigte. Sie wohnten fast ausnahmslos in der nahen Stadt. Sie brauchten nun den Weg nicht mehr zu Fuß zurückzulegen, sondern konnten mit billigen Arbeiterkarten die Bahn benutzen.

Auch die zahlreichen umliegenden Güter profitierten davon. Sie vermochten die Erzeugnisse der Landwirtschaft bequemer nach der Stadt zu befördern, deren Einwohner willige Abnehmer dafür waren. Hauptsächlich Baron Letzingen war gut dabei weggekommen. Für ihn lag die Station am günstigsten. Die Gutsbesitzer der Umgegend, die fast ausnahmslos altadeligen Geschlechtern angehörten, hatten allen Grund, Hochstetten dankbar zu sein. Er war mit seinen großartigen Unternehmungen so recht ein Segen für die ganze Gegend geworden. Es war ein frischer Zug in die stagnierenden Agrarierverhältnisse gekommen, seit Hochstetten Konservenfabriken in großem Stil angelegt hatte. Man wusste nun, wo man zurzeit des Überflusses mit Obst und Gemüse gute Preise erzielen konnte. Hochstetten kaufte alles. Vieh, Geflügel und Wild nicht ausgeschlossen.

Obwohl Hochstetten ein bürgerlicher Emporkömmling war, verkehrten alle adeligen Gutsbesitzer in seinem Haus. Aber sie taten es nur aus egoistischen Gründen, um sich geschäftlich gut mit ihm zu stellen. Heimlich spöttelten sie nicht wenig über ihn. Der kleine, behäbige Mann war keine elegante Erscheinung, obwohl er immer tadellos gekleidet war. In seinem grobzügigen Gesicht waren nur die klugen braunen Augen und die feste, charakteristische Stirn von Bedeutung. Er hatte in seinem Leben zu viel gearbeitet, um sich den leichten, sicheren Umgangston und den nötigen gesellschaftlichen Schliff aneignen zu können. Als Geschäftsmann war er sicher, energisch, tatkräftig und umsichtig. In Gesellschaft dagegen zeigte er sich schweigsam, etwas linkisch und unbeholfen. Gerade weil er selbst fühlte, dass ihm in dieser Beziehung manches fehlte, war er unsicher, und das gab manche kleine Entgleisung, die von denen, die ihm so viel Dank schuldeten, nicht immer mit einer in diesem Fall angebrachten Delikatesse übersehen wurde. Weil man seine Überlegenheit in geschäftlichen Dingen fühlte und sein nach Millionen zählendes Vermögen den Neid der um ihre Existenz ringenden Edelleute erweckte, hielt man sich nach kleinlicher Menschenart schadlos, indem man seine kleinen Fehler glossierte und aufbauschte.

Noch mehr spottete man über seine Schwester. „Tante Josephine“, wie man sie allgemein nannte, war das Ziel zahlloser Witze und Witzchen. Gleich ihrem Bruder in schlichten Verhältnissen aufgewachsen, führte sie seit dem Tod ihrer Schwägerin den Haushalt. Sie war selbst seit Jahren verwitwet. Die sonst sehr liebenswerte und tüchtige Frau krankte an der Sucht, vornehm wirken zu wollen. Sie schwärmte für den Adel und war hoch beglückt, dass im Hause ihres Bruders alle Edelleute aus der Umgegend und die Offiziere der beiden in der Stadt stehenden Regimenter verkehrten.

Hochstetten hatte eine einzige Tochter. Renate Hochstetten hatte eine vortreffliche Erziehung erhalten. Ihr Vater wusste den Wert einer solchen doppelt zu schätzen, weil er sie selbst nicht genossen hatte. Renate hatte von ihrer früh verstorbenen Mutter eine schlanke, feingliedrige Gestalt und anmutige Züge geerbt. An den Vater gemahnten nur die klugen, braunen Augen und die feste, klare Stirn.

Sie war ein schönes Mädchen, und da sie die einzige Erbin ihres Vaters war, bewarben sich viele Freier um ihre Gunst.

Aber Renate hatte einen eigenwilligen, unberechenbaren Charakter. Nachdem sie, aus der Pension zurückgekehrt, das Leben und Treiben in ihres Vaters Haus mit offenen Augen beobachtet hatte, wurde aus dem liebenswürdigen, sorglos heiteren Kind ein seltsam verändertes Wesen. Bitterkeit und Verachtung der Menschen, die sich in ihre Umgebung drängten, erfüllten ihr Herz.

Sie liebte ihren Vater und ihre Tante Josephine von Herzen. Auch ihr entgingen die kleinen Mängel der beiden nicht, aber sie wusste, dass sie durch große Tugenden und Vorzüge reichlich aufgewogen wurden.

Es konnte ihrem scharfen Blick nicht entgehen, wie man sich in der Gesellschaft heimlich über die beiden ihr so lieben Menschen lustig machte. Manche Bemerkung, manches Spottlächeln fing sie auf. Dieselben Männer, die ihr huldigten und sich um ihre Gunst bewarben, blickten verächtlich auf den Emporkömmling, von dem sie sich manche Wohltat gefallen ließen. In der ersten Zeit stieg oft ein wilder Zorn in ihr auf bei dieser Erkenntnis. Am liebsten hätte sie diesen Menschen ins Gesicht gesagt, wie erbärmlich sie ihr erschienen. Manche heiße Träne weinte sie im Stillen. Ihr feines Empfinden wurde nur zu oft verletzt. Nach und nach wurde sie wohl ruhiger, aber sie lernte die Menschen verachten und fing an, sich für die erlittenen Demütigungen zu rächen.

Sie trieb nun ihrerseits ein Spiel mit all den Bewerbern um ihre Gunst. Und wenn sie einen recht schlimm behandelt hatte, so erfüllte sie tiefe Genugtuung. All ihre Liebe und Güte drängten sich zusammen und strömten auf den Vater und die Tante Josephine aus. Aber niemand war Zeuge ihrer weichen Stimmungen. Diese verbarg sie fast ängstlich vor allen Menschen. Nach außen zeigte sie ein launenhaftes, spöttisches und kühl überlegenes Wesen oder eine kokette Liebenswürdigkeit, wenn sie einen Freier ermutigen wollte, sich einen Korb zu holen.

So war sie bald in den Ruf einer herzlosen Kokette gekommen. Aber obwohl mancher enttäuscht abziehen musste: Ihr mit Schönheit gepaarter Reichtum zog immer neue Bewerber an. Jeder hoffte, dass er der eine sein würde, dem dieses spröde Mädchen Herz und Hand reichte. So war Renate zweiundzwanzig Jahre alt geworden, ohne daran zu denken, sich zu verheiraten.

Unter all den jungen Herren, die im Hause ihres Vaters verkehrten, war nur ein einziger, der sich nie um Renates Gunst bewarb. Das war Baron Letzingen. Sie hielt ihn für adelsstolzer und hochmütiger als alle anderen und fühlte sehr wohl, dass er fast verächtlich über sie hinwegsah. Nie suchte er ihre Nähe, nie sagte er ihr eine Schmeichelei, wie sie sie von anderen bis zum Überdruss hörte. Stets zeigte er ihr eine kühle überlegene Miene und schien ihr oft direkt auszuweichen. Er war ihr darum der Unausstehlichste von allen jungen Männern, die sie kannte.

Heinz Letzingen verkehrte sehr viel in der Waldburg. So hieß das schlossähnliche Gebäude, das sich Hochstetten vor Jahren zwischen Letzingen und seinen Fabriken hatte erbauen lassen. Der große, herrliche alte Park, der die Waldburg umgab, war ursprünglich Letzingener Forstbesitz gewesen. Hochstetten hatte dieses Stück Wald dem alten Baron Letzingen, Heinz’ Vater, zu einem sehr ansehnlichen Preis abgekauft. Die Summe hatte Baron Letzingen geholfen, seinen Besitz wieder emporzubringen. Klug opferte er dieses Stück Wald, um den übrigen Besitz zu retten.

Dazu kam, dass durch Hochstettens geschäftliche Beziehungen zu Letzingen dessen Erzeugnisse nutzbringender verwendet werden konnten. Als der alte Baron vor zwei Jahren starb, konnte er seinem Sohn einen geordneten Wohlstand und einen fast schuldenfreien Besitz hinterlassen. Heinz Letzingen stand auch jetzt noch in reger geschäftlicher Verbindung mit dem Kommerzienrat. Deshalb war er oft in der Waldburg.

Dieses schöne, im Stil der Hochrenaissance errichtete Gebäude war sehr geräumig und mit allem neuzeitlichen Komfort ausgestattet. Hochstetten benutzte es mit seiner Familie als ständigen Wohnsitz. Immer herrschte eine sehr lebhafte Geselligkeit in den Räumen, deren Einrichtung Hochstetten von sachverständigen Händen hatte ausführen lassen. Fast jeden Tag waren Gäste in der Waldburg anzutreffen.

Renate hatte eine einzige Freundin, die sie in der Pension kennen gelernt hatte, Ursula von Ranzow, und sie war oft auf Wochen in der Waldburg zu Gast.

Auch heute hatte sie Renate wieder von der Station abgeholt. Die beiden jungen Damen hatten dann mit Tante Josephine in Renates Salon den Tee eingenommen und waren jetzt auf einem Spaziergang im Park.

Ursula, Reichsfreiin von Ranzow, war ein unscheinbares, etwas verblasstes Geschöpf. Das schmale Gesichtchen erhielt jedoch durch ein Paar liebe, blaue Augen einen angenehmen Ausdruck. Sie war Waise, sehr arm und von einer engherzigen Tante abhängig, bei der sie gewissermaßen das Gnadenbrot aß.

Ihr Bruder Rolf war Offizier in der Stadt und verkehrte viel im Hause Hochstettens. Er gehörte zu Renates eifrigsten Bewerbern. Ursula freute sich jedes Mal unsagbar, wenn sie eine Einladung nach der Waldburg erhielt. Dort verlebte sie die glücklichsten Tage ihres Lebens. Sie liebte und bewunderte Renate aufrichtig und schwärmte geradezu für sie. Ihr gegenüber zeigte sich Renate wie sie wirklich war. Der Kommerzienrat und Tante Josephine hatten das anspruchslose, stille Mädchen sehr gern und freuten sich immer, wenn sie kam.

Arm in Arm schritten die beiden ungleichen Mädchengestalten durch den Park. Renate war ungleich schöner, frischer und eleganter als Ursula, deren schlichtes Kleidchen deutlich die billige Hausschneiderin verriet.

Auf einer Bank nahmen sie Platz, als sie sich müde gelaufen hatten und plauderten weiter.

Sie hatten nicht bemerkt, dass ein etwa dreißigjähriger Mann schnell in das dichte Gebüsch trat, als er sie von weitem erblickte. Es schien, als wollte er ihnen nicht begegnen. dass sie dicht neben dem Gebüsch auf der Bank Platz nahmen, schien ihm unangenehm zu sein. Er zögerte eine Weile, unentschlossen, ob er an ihnen vorübergehen oder bleiben sollte. Sein Gesicht verriet deutlich, dass ihm die Begegnung nicht erwünscht war. Ehe er sich aber für Gehen oder Bleiben entschieden hatte, hörte er seinen Namen aussprechen, und unwillkürlich horchte er auf.

Ursula hatte gesagt:

„Baron Letzingen verkehrt natürlich noch fleißig bei euch?“

„Ja, er macht uns ebenso andauernde Besuche wie die anderen auch“, antwortete Renate spöttisch.

Letzingen konnte nach diesen Worten unmöglich an den Damen vorübergehen. Wenn er Renate, die er für eine kaltherzige Kokette hielt, auch nicht leiden mochte und ihr so viel wie möglich aus dem Weg ging, sie zu beschämen ließ seine Ritterlichkeit nicht zu. Unbemerkt entfernen konnte er sich nicht mehr, so blieb er stehen, hoffend, dass sich die Damen bald entfernten.

Dass er das folgende Gespräch mit anhören musste, war ihm peinlich. Er zwang sich, an etwas anderes zu denken, aber unwillkürlich hörte er dann doch auf die Worte. „Und du hast noch immer keinen von deinen Verehrern mit deiner Hand beglückt?“, scherzte Ursula.

„Nein, das wird auch wahrscheinlich nie geschehen.“

„Ach, wer das glaubt!“

Renate lächelte bitter, wie es Menschen mit wehem Herzen tun. „Es soll auch niemand glauben, Ursula. Mögen sie sich alle in der Hoffnung wiegen, eines Tages mein Geld zu erringen. An meiner Person liegt ihnen ohnedies nichts. Und mir bereitet es Genugtuung, einen nach dem anderen abzuweisen, gerade dann, wenn sie sich ihrer Sache recht sicher sind.“

„Ach, Renate, so höre ich dich nicht gern sprechen. Das bist du nicht. Wenn man dich so hört, könnte man glauben, die Leute hätten Recht, die dich eine herzlose Kokette nennen.“

Renate lachte hart auf.

„Sehr Recht haben sie, Ursula. Ich bin herzlos gegen diese Menschen – und ich will es sein.“

„Nein, das lügst du dir selbst und anderen vor. Mir nicht. Ich kenne dich besser. Wie kannst du dich nur in solche Gedanken verlieren?“

Renate sprang erregt auf und trat dicht vor sie hin.

„Das will ich dir sagen, Ursula. Meinen Vater will ich rächen an all diesen Laffen, die es nicht wert sind, ihm die Schuhriemen zu lösen. Du kennst Papa, weißt, wie gut, großherzig und tüchtig er ist, weißt auch, was er für all die Menschen hier getan hat. Sie sollten ihm dankbar sein – alle zusammen. Stattdessen glossieren sie seine kleinen Mängel und treiben Spott und Hohn mit ihm. Er trägt den Frack nicht mit derselben Eleganz wie sie, versteht nicht, das Monokel ins Auge zu klemmen und ein blödes Gesicht dabei zu machen. Er kann nicht mit Nonchalance über Nichtigkeiten sprechen und sitzt unsicherer zu Pferd als der grünste Junker. Sind das nicht Verbrechen, die mit Hohn gegeißelt werden müssen? Es bereitet all diesen adelsstolzen Herren und Damen Unbehagen, meines Vaters ehrliche Hand zu fassen, weil sie nicht weiß und weich ist wie Nichtstuerhände; er hat ja in seiner Jugend hart arbeiten müssen. Aber nach seinem Geld zu jagen, das belastet ihre sensitiven Nerven nicht. Ach, ich verliere mich im Zorn, wenn ich an all die hämischen Blicke und Bemerkungen denke, die ich nur zu gut wahrnehme. Das alles macht mich schlecht – ich fühle es – und ich will schlecht sein, will ihnen heimzahlen mit gleicher Münze.“

Sie warf sich wie erschöpft wieder auf die Bank zurück.

Ursula streichelte ihre Hand. „Gottlob, dass du es nicht wirklich werden kannst, Renate. Es wäre schade um deine liebe, feine Seele. Ich glaube nicht daran, trotz deiner zornigen Versicherung.“

Renate seufzte tief auf.

„Bewahre du dir nur deinen Kinderglauben, kleine Schwärmerin!“

„Du magst ja viele mit Recht schelten, Renate, aber alle sind doch nicht so schlimm. Manch einer wird dich wirklich um deiner selbst begehren.“

„Pah – du solltest sehen, wie wenig begehrenswert Renate Hochstetten plötzlich wäre, wenn sie arm würde. Kein Mensch kümmerte sich mehr um mich!“

„Aber mancher, der zu arm wäre, dich ohne Vermögen heiraten zu können, würde es tief bedauern, dich aufgeben zu müssen.“

Renate sah sie forschend an.

„Ich weiß, Ursula, du denkst jetzt an deinen Bruder Rolf.“

Ursula wurde rot.

„Er hat dich sehr gern, glaube es mir.“

„Mag sein, dass er sich das einbildet. Aber ich weiß, das Herz wird ihm nicht brechen, wenn er auf mich verzichten muss. Sorg dich nicht um ihn! Er bekommt schon noch eine Frau, die besser zu ihm passt als ich. Nicht umsonst heißt er der schöne Ranzow. Alle jungen Mädchen sind entzückt von ihm. Und neuerdings lässt er sich auch seltener sehen. Ich hoffe, er hat gemerkt, dass er sich vergeblich bemüht. Gegen ihn allein bin ich ehrlich und kokettiere nicht. Das tue ich deinetwegen. Weil er dein Bruder ist, will ich ihm nichts von meinen Mätzchen vormachen. Und ich bitte dich, sag du ihm, sobald sich eine Gelegenheit findet, dass er es aufgeben soll, sich um mich zu bemühen, dass er es mir vor allen Dingen ersparen soll auch ihm einen Korb zu geben. Denn ich will dich nicht verlieren, kleine Ursula.“

„Das hat keine Gefahr. Ich habe dich so lieb, Renate, dass mich nichts in meiner Freundschaft zu dir erschüttern kann. Und mit Rolf will ich sprechen. Ich hab’s ja längst gewusst, dass sein Wunsch sich nicht erfüllen würde. Wir Ranzows haben kein Glück.“

„Wäre es denn ein Glück, wenn dein Bruder eine herzlose Kokette zur Frau bekäme?“, fragte Renate mit bitterem Spott.

„Ich kenne dich besser. Und weißt du, wenn ich ehrlich sein soll – du bist viel zu gut für alle, die sich um dich bemühen. Keinem gönne ich dich – höchstens Baron Letzingen, das ist ein rechter Mann.“

Renate richtete sich hastig auf. Ihre Wangen glühten, und die Augen blitzten zornig.

„Der – der ist mir der Widerwärtigste von allen. Unausstehlich ist er in seinem hochmütigen Dünkel. Er lässt mich fühlen, dass ich nur die Tochter eines Emporkömmlings bin, der gegenüber er es nicht nötig hat, mehr als die eisigste Höflichkeit an den Tag zu legen. Ach, ich gäbe viel darum, wenn er sich plötzlich unter meine Bewerber mischte. Doppelt wollte ich ihn demütigen. Aber er hat es nicht nötig, die Jagd nach einer reichen Frau mitzumachen, seine Verhältnisse gestatten es ihm, mich zu ignorieren. Und deshalb glaubt er, auf mich herabsehen zu können. Die anderen würden es auch tun, wenn sie nicht Geld brauchten, um ihre morschen Wappen zu vergolden. Und er würde mich genauso umschmeicheln wie sie, wenn er es nötig hätte. In diesem Punkt sind die stolzen Edelleute alle von bejammernswerter Charakterlosigkeit. Solch einen Mann sollte ich wählen? Ich danke! Wenn ich einen lieben könnte, der müsste wie von Stahl sein. Aufrecht und unbeugsam müsste er meinen Willen unterjochen. Wenn er mich nur ansähe, müsste ich tun, was er wollte. Nur keine faden Schmeicheleien hören, kein unterwürfiges Wesen! Das macht mir jeden Mann verächtlich. – Aber verzeih mir, Ursula, ich bin heute wieder einmal sehr schlimm. Lass uns von anderen Dingen reden!“

Ursula hatte mit liebevoller Sorge in ihr erregtes Gesicht geblickt. Wie schön sie war, selbst in ihrem Zorn! Schön und reich – und doch nicht glücklich.

Renate schlang ihren Arm um Ursulas Schultern und sah nun weich und voll Güte in das schmale, blasse Gesicht der Freundin.

„Schilt mich nur, Urselchen! Da lade ich dich ein, um dich ein bisschen zu hegen und zu pflegen, dir ein paar gute Wochen zu schaffen, damit du dich von der harten Klausur bei deiner Tante Eleonore erholen kannst, und stattdessen ergieße ich meinen Zorn über dein unschuldiges Haupt. Ich bin wirklich ein garstiges Geschöpf. Sei mir gut, Kleinchen, hab mich lieb, trotz allem!“

Der Lauscher hinter dem Gebüsch sah erstaunt in das weiche, zärtliche Mädchengesicht. War das wirklich dieselbe Renate Hochstetten, deren gefühlskaltes, kokettes Wesen ihn immer abgestoßen hatte? Konnte so viel Wärme und Gefühlstiefe aus einer Stimme klingen, die er bisher nur in spöttischen Tönen sprechen hörte?

Oft hatte er gedacht: Wie kann ein so schönes Geschöpf so herzlos sein. Und nun hörte er aus ihren Worten, dass der Schmerz, den geliebten Vater verhöhnt und verspottet zu sehen, sie verbittert und Zorn und Trotz in ihr erweckt hatte. Durfte er sie darum verurteilen? Hätte er an ihrer Stelle nicht ähnlich gehandelt? Es blieb ihr als Weib keine andere Waffe, den Vater zu rächen, als die, die ihr die Natur verliehen hatte. Wer wollte sie verdammen, dass sie davon Gebrauch machte? Dass sie manchen seiner Standesgenossen ungerecht beurteilte, glaubte er zu wissen. Nicht alle waren so kleinlich und undankbar. Aber jedes leidenschaftliche Gefühl neigt zu Übertreibungen. Er konnte verstehen, dass sie sich vom Zorn fortreißen ließ.

Ihn selbst beurteilte sie auch falsch, ganz falsch. Aber er konnte es ihr nicht einmal übel nehmen. Sicher hatte er nichts getan, ihr eine bessere Meinung über sich beizubringen. Sie musste ihn mit derselben Berechtigung für hochmütig und dünkelhaft halten, wie er sie für eine herzlose Kokette gehalten hatte.

Aufmerksam betrachtete er Renate. Sie kam ihm ganz fremd vor, wie eine andere. Und plötzlich klangen ihm ihre Worte wieder im Ohr: „Wenn ich einen lieben könnte, der müsste von Stahl sein.“ In diesen Worten lag etwas, das ihn reizte. Überhaupt, Renate Hochstetten hatte ihm mit einem Mal ein brennendes Interesse eingeflößt.

Die beiden jungen Damen entfernten sich endlich. Heinz Letzingen sah ihnen versonnen nach. Erst nach einer Weile richtete er sich entschlossen auf und setzte seinen Weg nach der Waldburg fort.

Er hatte den Kommerzienrat drüben im Elektrizitätswerk gesucht. Man hatte ihm gesagt, dass er ihn zu Hause antreffen werde. So war er zu Fuß herübergekommen, sein Pferd hatte er drüben zurückgelassen.

Ob er wohl je einen so tiefen Einblick in Renate Hochstettens wesen erhalten hätte, wenn er sich nicht, um ihr nicht begegnen zu müssen, im Gebüsch versteckt hätte? Schwerlich!

Er bereute keine Sekunde, dass er zum Lauscher geworden war. Und in den nächsten Tagen beschäftigte er sich in Gedanken sehr viel mit dem, was er von Renate gehört hatte.

***

Am nächsten Sonntag waren ungefähr fünfzehn Gäste in der Waldburg zu Tisch geladen. Einige Offiziere, darunter Rolf Ranzow, Ursulas Bruder, und der Leutnant Hans Redwitz. Dann war die Gräfin Frankenstein mit ihren beiden Söhnen Jürgen und Dolf, deren Gut in der Nähe lag, herübergekommen. Die Gräfin hoffte stark, dass einer ihrer Söhne die Millionenerbin erobern würde.

Frankenstein war stark verschuldet. Nun hielt sich das Gut eigentlich nur mit Hilfe des Kommerzienrats.

Auch Udo von Brachstetten, ein etwas weinfroher Junggeselle, Letzingens nächster Nachbar, war anwesend.

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