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Hedwig Courths-Mahler - Folge 046

Dr. Hermann Frensen und Frau Claudine Steinbrecht saßen einander gegenüber. Zwischen ihnen stand ein massiver, viereckiger Tisch.

Dr. Frensen entnahm einer Mappe ein kleines Paket.

„Hier sind die Fotografien der Damen, die ich zur engeren Wahl herausgesucht habe. Von etwa vierzig Bewerberinnen kommen nur diese vier in Frage. Bitte, wollen Sie sich die Bilder ansehen!“

Frau Claudine Steinbrecht nahm die Fotografien in Empfang und seufzte dabei. Sie sah ihrem langjährigen Geschäftsführer, dem Notar Dr. Frensen, mit einem kurzen, scharfen Blick in die Augen. „Also vier Stück? Natürlich kommt bei dieser Wahl wieder nichts heraus.“

„Aber meine verehrte gnädige Frau, wenn Sie gleich im Voraus davon überzeugt sind, so …“

Frau Claudine winkte ab. „Lassen Sie nur, lieber Doktor! Ihnen erscheint es als Laune, dass ich mich nicht wieder an eine neue Gesellschafterin gewöhnen kann. Aber wer kann gegen sein Temperament? Mit Else Grabow habe ich doch drei Jahre friedlich gelebt. Die hätte bei mir bleiben können bis ans Ende meiner Tage. Natürlich muss mir diese sympathische Person weggeheiratet werden! Und die drei, die nach ihr kamen – Sie wissen, ich konnte nicht mit ihnen in Kontakt kommen. Ich habe alle drei schleunigst wieder entlassen und suche weiter, bis ich eine Gesellschafterin finde, die mir sympathisch genug ist, um sie stets um mich zu haben.“

Dr. Frensen zuckte die Achseln. „Ja, liebe, gnädige Frau, auf diese Weise können Sie noch lange experimentieren, bis Sie zufriedengestellt sind. Wenn Sie ein wenig Geduld haben würden – man lebt sich doch mit der Zeit ein und übersieht dann manches.“

„Aber die Persönlichkeit muss mir sympathisch sein“, sagte Frau Claudine lebhaft.

Dr. Frensen sah sie lächelnd an. „Anscheinend waren Ihnen diese drei jungen Damen doch erst ganz sympathisch?“

Auch Frau Claudine musste nun lächeln.

„Ja, einen Tag lang hielt ich es mit jeder aus – und sie mit mir. Aber dann störte mich dies und das, worüber ich nie hinweggekommen wäre. Ich habe vielleicht mehr Untugenden, als diese drei jungen Dinger zusammengenommen. Und ich habe es bis heute nicht gelernt, mein heftiges Temperament zu zügeln so viel Leid mir das auch schon gebracht hat.“

Die letzten Worte sagte Claudine Steinbrecht wie geistesabwesend. Gleich darauf warf sie einen scharfen Seitenblick auf das ernste Gesicht Dr. Frensens, der den Blick auf die vor ihm liegenden Papiere gesenkt hatte.

Er kannte seine Klientin fast ein Menschenalter lang und wusste, dass es nicht wohlgetan war, derartige Äußerungen zu bemerken. Claudine Steinbrecht war die einzige Tochter und Erbin des vor Jahren verstorbenen mehrfachen Millionärs Klaus Steinbrecht. Er war der reichste Mann der großen Provinzialstadt gewesen. Claudine hieß eigentlich nicht Steinbrecht, sondern Lossen, denn sie war mit dem Maler Heinz Lossen verheiratet gewesen.

Gegen den Willen ihres Vaters hatte sie die Verbindung mit dem unbekannten Maler ertrotzt. Klaus Steinbrecht hätte viel lieber einen Schwiegersohn gehabt, den er zu seinem Geschäftsnachfolger hätte machen können. Aber er liebte seine einzige Tochter zu sehr, um sich ihrem heißen Wunsch, Lossens Frau zu werden, auf die Dauer widersetzen zu können.

Er ließ für das junge Paar auf seinem eigenen riesigen Grundstück, droben auf dem Berg, eine reizende Villa erbauen.

Die Steinbrechtsche Besitzung war sehr ausgedehnt. Seit Jahrhunderten hatte die Familie Grund und Boden um sich her angekauft. Auf dem ältesten Teil dieses Grundbesitzes standen die Fabrik- und Geschäftsgebäude; das ehemalige Wohnhaus der Familie Steinbrecht bewohnte jetzt der Direktor der Aktiengesellschaft, in das Klaus Steinbrecht sein Unternehmen verwandelt hatte. Das von ihm erbaute neue Wohnhaus stand, durch eine hohe Mauer und ein großes Gartengrundstück von der Fabrik getrennt, weiter hinten im Park. Hier wohnte Frau Claudine seit dem Tod ihres Vaters allein.

Zwei Jahre nur hatte sie droben in der Villa am Berg mit ihrem Gatten gewohnt. Dann war er eines Tages verschwunden.

Man erzählte sich damals allerhand von einem Zerwürfnis der jungen Gatten. Genaues erfuhr niemand, man wusste nur, dass Heinz Lossen verschwunden und seine junge Frau bleich und verstört in das Haus ihres Vaters zurückgekehrt war. Seit dieser Zeit stand die reizende Villa verlassen.

Als ihr Gatte nicht zurückkehrte, hatte sie die Scheidung durchgesetzt. Dr. Frensen hatte damals ihren Scheidungsprozess geführt; er war der Einzige, der näheres über diese Angelegenheit wusste. Claudine nannte sich wieder Steinbrecht, es wuchs Gras über diese Affäre, und niemand dachte mehr an Heinz Lossen.

Claudine Steinbrecht hielt die Lorgnette vor die Augen und betrachtete die vier ausgewählten Fotografien. Alle vier zeigten hübsche, junge Gesichter.

Gleich das zweite Bild schien Frau Claudine zu fesseln. Sie betrachtete es lange und legte es zögernd beiseite. Als sie dann alle angesehen hatte, griff sie wieder zu dem einen und sagte dann in ihrer raschen, lebhaften Art:

„Also diese, lieber Doktor.“

„Das dachte ich mir“, sagte Dr. Frensen.

„So? Warum denn?“ Frau Claudine zuckte die Achseln.

„Fotografien täuschen leider oft über die Persönlichkeit. Also soll ich diese junge Dame für Sie engagieren?“

„Ja, bitte. Unter den üblichen Bedingungen. Gefällt sie mir nicht, habe ich das Recht, sie sofort wieder zu entlassen. Sie erhält dann als Entschädigung für drei Monate Gehalt und Verpflegungsgeld ausbezahlt.“

„Im Grunde können diese Gesellschafterinnen gar kein besseres Geschäft machen“, meinte der Notar.

Frau Claudine zuckte die Achseln.

„Ich mag niemand schädigen Doktor. Es kann doch schließlich keine dafür, dass sie mir missfällt.“

Frensen verneigte sich.

„Ich weiß, dass Sie bei aller Schroffheit ein durchaus vornehmer Charakter sind, gnädige Frau“, sagte er warm.

Ihr Gesicht rötete sich, und sie sah sehr jung und hübsch aus mit diesem Rot auf den Wangen. „Komplimente zwischen so alten Freunden, Doktor?“, sagte sie schroff. „Ich weiß leider nur zu gut, dass ich ein unleidlicher Mensch bin.“

Er kannte ihre Eigenart und ließ sich nicht beirren.

„Ich habe Ihnen kein Kompliment gemacht, sondern eine Tatsache konstatiert“, sagte er ruhig. Er fühlte sich durchaus nicht verletzt. So verschlossen diese Frau sich auch zeigte, manchmal verriet sie doch in ihrer raschen Art, wenn auch widerwillig, ihr innerstes Sein, und wenn ein Mensch sie gut kannte, dann war er es.

„Also diese junge Dame wird engagiert, Nummer zwei trägt das Bild, nicht wahr?“, sagte Frensen, aus seiner Mappe ein Kuvert hervorziehend. „Gestatten Sie, dass ich Sie mit den Personalien bekannt mache? Ich selbst habe nur flüchtig in diese Schriftstücke Einsicht genommen, da mein Bürovorsteher sie eingehend geprüft hat.“

Claudine Steinbrecht legte abwehrend ihre Hand auf das Kuvert.

„Verschonen Sie mich damit! Ihr Bürovorsteher hat sicher alles geprüft, ehe er Ihnen die junge Dame zur engeren Wahl vorschlug. Vorläufig habe ich kein Interesse dafür. Für mich ist einzig und allein ausschlaggebend, ob ich diese neue Gesellschafterin erträglich finde.“

Dr. Frensen hatte einige flüchtige Bleistiftnotizen auf dem Kuvert, die von der Hand seines Bürovorstehers herrührten, geprüft.

„Nun, jedenfalls ist die junge Dame, wie Sie wünschen, völlig unabhängig. Sie ist Waise, hat ein glänzendes Zeugnis ihrer früheren Herrin, die sie nur entlässt, weil sie eine verarmte Verwandte bei sich aufnehmen muss, wodurch eine Gesellschafterin überflüssig geworden ist.“

„Gut, gut, das genügt. Veranlassen Sie also, bitte, alles weitere, lieber Doktor! Die junge Dame soll möglichst bald eintreffen.“

Frau Claudine erhob sich.

„Das wäre erledigt. Und nun muss ich Sie fortschicken, Doktor; ich habe eilige Besorgungen in der Stadt zu erledigen, und mein Wagen wartet schon. Auf Wiedersehen also! Ich sehe Sie doch Sonnabend mit Ihrer lieben Frau und Ihren beiden Neffen bei mir?“

„Gewiss, gnädige Frau“, erwiderte Frensen, sich gleichfalls erhebend.

„Also auf Wiedersehen und einen Gruß daheim?“

Damit verließ Frau Steinbrecht das Zimmer. Frensen ordnete erst noch in aller Ruhe die Papiere in seiner Mappe.

Draußen half ihm dann der Diener in seinen Mantel.

Vor dem Portal stand die Equipage für Frau Steinbrecht bereit, das große Parktor war bereits geöffnet.

Gleich hinter dem Notar trat Frau Steinbrecht aus dem Vestibül ins Freie. Sie sah Dr. Frensen noch gehen und rief ihn an:

„Steigen Sie doch zu mir in den Wagen, Doktor, ich setze Sie an Ihrer Wohnung ab.“

Frensen wandte sich zurück und stieg ein.

Der Wagen rollte über den breiten, mit Kies bestreuten Weg zum Parktor hinaus.

***

Drei Tage später stand Dr. Frensen mit einer großen, schlanken jungen Dame an der großen Einlasspforte zum Steinbrechtschen Park und drückte auf den dicken Messingknopf der Klingel. Wie von unsichtbaren Händen geöffnet, sprang eine kleinere Tür in der großen, schmiedeeisernen Pforte auf.

Dr. Frensen ließ die junge Dame vor sich eintreten. Sie schritten beide den breiten Kiesweg entlang bis zum Portal des Hauses.

Die junge Dame, die ein einfaches, aber gut sitzendes Reisekleid trug, sah mit ihren großen Augen erwartungsvoll auf das in vornehmer Ruhe daliegende zweistöckige Haus.

Ob ich hier wohl eine Weile Wurzeln schlagen werde?, dachte sie mit dem beklemmenden Gefühl, das wohl jeder empfindet, der sich fremd in einen neuen Wirkungskreis begibt.

Dr. Frensen sah von der Seite in das schöne Gesicht mit den lieblichen Zügen.

Ihre Blicke flogen über das Haus und den Park. Bewundernd nahm sie die Schönheit der Umgegend in sich auf.

„Wie schön ist es hier!“, sagte sie mit leuchtenden Augen zu ihrem Begleiter.

Dr. Frensen nickte lächelnd. „Nicht wahr, ein herrlicher Besitz?“, sagte er.

„Wunderschön! Ach, wenn ich doch hier bleiben dürfte!“

„Ich wünsche es Ihnen von Herzen, mein Fräulein. Abgesehen von einigen kleinen Eigenheiten Ihrer künftigen Herrin ist die Stellung, die Sie in diesem Haus einnehmen sollen, äußerst angenehm. Ein kluger Mensch findet sich leicht mit kleinen Eigenheiten ab. Trotz unserer kurzen Bekanntschaft halte ich Sie für einen klugen Menschen.“

Ein sonniges Leuchten flog über das ernste junge Gesicht.

„Ich bin Ihnen sehr verbunden für diese gute Meinung, Herr Doktor. Überhaupt, ich möchte Ihnen meine Dankbarkeit dafür beweisen, dass Sie Frau Steinbrecht von den vielen Bewerberinnen gerade mich in Vorschlag brachten“, sagte sie warm.

„Oh, ich habe Sie nur zur engeren Wahl gestellt. Entschieden hat sich Frau Steinbrecht selbst für Sie“, wehrte der Notar ab.

Sie blickte lebhaft auf.

„Sagten Sie nicht, Frau Steinbrecht habe Ihnen alles überlassen?“

„Das wohl, aber Ihre Fotographie hat sie selbst ausgesucht. Das ist auch eine ihrer kleinen Eigenheiten. Sie will nichts als die Person auf sich einwirken lassen. Ihr Gesicht hat ihr jedenfalls gefallen.“

Die junge Dame lächelte.

Dr. Frensen betrachtete sie wieder wohlgefällig und dachte dabei, dass er vor einer Stunde noch sehr im Zweifel gewesen war, ob er diese junge Dame seiner Klientin zuführen sollte. Vor einer Stunde hatte er nämlich zum ersten Mal ihren Namen gehört, und er war nicht sicher, ob der Name Frau Steinbrecht nicht stören würde. Bei ihrer Empfindlichkeit war das nicht ausgeschlossen. Immerhin hatten ihn die schönen Augen der jungen Dame veranlasst, sie trotzdem ins Steinbrechtsche Haus zu führen.

Inzwischen hatten sie den Aufgang unter dem Säulendach erreicht.

„Wir sind zur Stelle“, sagte der alte Herr. Das Portal war bereits geöffnet, ein Diener stand wartend im Vestibül.

Dieses Vestibül machte einen gediegenen Eindruck. Der Fußboden war mit kunstvoller Mosaikarbeit ausgelegt. In der Mitte befand sich, reich mit Blattpflanzen dekoriert, ein schöner Marmorbrunnen. In den Ecken waren Gruppen von Sitzmöbeln aufgestellt, und unter jeder Gruppe lag ein großer, kostbarer Teppich. Zwei hohe, mit wundervollen Glasmalereien versehene Fenster zu beiden Seiten des Portals ließen ein warmes Licht hereinfallen.

Die junge Dame zögerte einen Moment. Es war ihr, als ob hinter diesen Mauern ihr Schicksal sie erwartete.

Dann schritt sie weiter.

Im Hintergrund führte eine breite, teppichbelegte Treppe in den ersten Stock. Die Wirtschaftsräume und die Küche lagen im Souterrain. Im Parterre befanden sich außer dem Speisezimmer und den Empfangszimmern der große Festsaal und ein daran anschließender Musiksaal.

Im ersten Stock lagen die Wohn-, Schlaf- und Arbeitsräume der Besitzerin. Der zweite Stock bestand aus Gastzimmern, den beiden Zimmern für die Gesellschafterin und einem Zimmer für Frau Stange, die Haushälterin.

Dr. Frensen befahl dem Diener, ihn Frau Steinbrecht zu melden. Dieser streifte die junge Dame mit einem schnellen, neugierigen Seitenblick und sagte devot:

„Die gnädige Frau ist ausgefahren, Herr Doktor, und lässt um Entschuldigung bitten. Eine notwendige Komiteesitzung ließ sich nicht aufschieben. Ich habe Befehl bekommen, das neue Fräulein zu Frau Stange zu führen und mich nach ihren Wünschen zu erkundigen. Bis zum Tee wird die gnädige Frau zurück sein.“

Dr. Frensen sah unschlüssig auf die junge Dame.

„So lange kann ich leider nicht warten, mein Fräulein. Schade, ich hätte Sie gern selbst der gnädigen Frau zugeführt. Nun, Frau Stange wird vorläufig für Sie sorgen. Auf gut Glück also! Friedrich, empfehlen Sie mich der gnädigen Frau und führen Sie das Fräulein zu Frau Stange.“

Er verabschiedete sich mit einer Verbeugung und einem warmen Händedruck von der jungen Dame und ging.

Friedrich wandte sich der neuen Hausgenossin mit einem vertraulich lächelnden Gesicht zu.

„Kommen Sie, Fräulein!“

Sie schritt neben ihm, sein vertrauliches Lächeln ignorierend, die Treppe hinauf. Auf halber Höhe kam ihnen eine mittelgroße, rundliche Frau entgegen. Sie trug über einem glatt anliegenden schwarzen Kleid eine breite weiße Schürze und auf dem grau melierten, schlicht gescheitelten Haar ein weißes Häubchen. Im Arm trug sie einen Schlüsselkorb.

Es war Frau Stange. Sie sah das junge Mädchen forschend an.

„Oh, das neue Fräulein, nicht wahr?“, fragte sie lächelnd.

Die junge Dame atmete auf. Das freundliche Gesicht der alten Frau berührte sie wie eine gute Vorbedeutung.

„Ja, es ist das neue Fräulein, Frau Stange. Der Herr Doktor ist gleich wieder fortgegangen“, berichtete der Diener.

„Es ist gut, Friedrich. Sie können wieder auf Ihren Posten gehen; ich werde das Fräulein selbst hinaufführen.“

Die junge Dame schritt nun neben der rundlichen Frau Stange weiter hinauf bis in den zweiten Stock.

Dort betraten sie ein großes, freundliches Zimmer. Es war behaglich eingerichtet mit weiß lackierten Möbeln, die mit hübschen Bezügen versehen waren. Von demselben Stoff waren die Vorhänge und Portieren.

An dieses Zimmer stieß ein kleineres, ebenso eingerichtetes Schlafzimmer. Alles sah blitzsauber aus und entbehrte nicht einer behaglichen Eleganz.

Die neue Gesellschafterin fühlte sich angenehm berührt.

„Ach, wenn ich doch hier bleiben dürfte“, dachte sie, als sie über die Schwelle schritt, und impulsiv rief sie:

„Wie schön – wie wunderschön!“

Frau Stange sah lächelnd in das junge Gesicht.

„Gelt, es sind zwei hübsche Zimmerchen? Hier sind auch schon Ihre Sachen angekommen, Fräulein. Aber mit dem Auspacken können Sie sich Zeit lassen.“

Es lag ein besonderer Ausdruck in ihren Worten, der der jungen Dame nicht entging. Fragend sah sie in das gute, alte Gesicht. Frau Stange wurde ganz seltsam zumute unter diesem Blick.

„Ich meine bloß so, Fräuleinchen, dass Sie sich jetzt ein bisschen auffrischen sollen. Die gnädige Frau kommt bald zurück, und dann müssen Sie den Tee mit ihr nehmen. Beim Auspacken kann Ihnen später eins der Mädchen helfen.“

Die junge Dame lächelte traurig und sagte leise:

„Ach, Sie meinten gewiss, ich solle erst abwarten, ob es sich auch lohnt, die Koffer auszupacken.“

Die Haushälterin bekam einen roten Kopf, richtete sich dann aber entschlossen auf.

„Na, ich will es nicht leugnen, etwas Ähnliches wollte ich allerdings sagen, obwohl ich mir wahrhaftig nicht denken kann, dass Sie der gnädigen Frau nicht gefallen. Mir gefallen Sie viel besser als Ihre Vorgängerinnen, ja, wahrhaftig“, sagte sie resolut.

Das Fräulein fasste impulsiv ihre kleine, rundliche Hand.

„Das ist doch ein kleiner Trost“, erwiderte sie lächelnd. „Ich weiß von Herrn Dr. Frensen, dass meine Vorgängerinnen nur wenige Tage hier weilten – und ich fürchte, dass ich ihr Schicksal teilen muss.“

„Es kann auch anders kommen. Freilich, die gnädige Frau hat ihren eigenen Geschmack. Sie kann Fräulein Else nicht vergessen, die sich verheiratet hat. An fremde Gesichter gewöhnt sich die gnädige Frau zu schwer. Aber vielleicht haben Sie mehr Glück als die anderen!“

Das junge Mädchen legte seufzend Hut und Handschuhe ab.

„Darf ich Ihnen eine Erfrischung heraufschicken?“, fragte Frau Stange.

„Ich danke sehr, Frau Stange, vorläufig habe ich weder Hunger noch Durst.“

„Nun, nachher nehmen sie ja mit der gnädigen Frau den Tee. Ich will Sie nun allein lassen, Fräuleinchen, damit Sie sich fertig machen können. Wenn die gnädige Frau Sie zu sehen wünscht, melde ich es Ihnen.“

„Vielen, vielen Dank für Ihre Freundlichkeit, Frau Stange“, sagte das Fräulein herzlich.

„Ist schon gut. Man weiß ja selbst aus Erfahrung, wie einem zumute ist in einer neuen Stelle. Ich bin schon an die zwanzig Jahre hier im Haus, aber früher habe ich auch wechseln müssen. Aber nur Kopf hoch! Es wird hoffentlich gut gehen.“

Damit verließ Frau Stange das Zimmer.

Etwa eine Stunde später trat sie wieder in das Zimmer der Gesellschafterin.

„So, na, nun kommen Sie, Fräuleinchen; die gnädige Frau erwartet Sie am Teetisch.“

Dabei sah sie prüfend über die jugendfrische, schlanke Erscheinung. Das Fräulein hatte nur das Haar geordnet und einen schmalen weißen Kragen am Hals befestigt. Sie sah sehr vornehm und hübsch aus.

Frau Stange nickte zufrieden. „Das ist gut – das mag die gnädige Frau gern, so ein Streifchen Weiß um den Hals. Wenn ich Ihnen raten darf, Fräuleinchen, nicht viel reden! Sie liebt das nicht. Und nicht zieren beim Essen und Trinken, überhaupt so recht frisch und natürlich, keine Angst spüren lassen! Zweimal müssen Sie die Tasse der gnädigen Frau füllen – in jede nur ein Stück Zucker, sonst nichts. Versäumen Sie auch nicht, ihr ein Fußbänkchen unterzuschieben! Dann über ihrem Sessel liegt ein seidenes Schultertuch. Das legen Sie ihr um, sobald sie sich gesetzt hat. Und achten Sie darauf, dass die Sonne die gnädige Frau nicht blendet. Um diese Zeit scheint sie gerade ins Zimmer.“

So sagte Frau Stange leise unterwegs zu dem jungen Mädchen, als sie es hinab in den ersten Stock führte. Nun schwieg sie still, weil sie vor dem Zimmer angelangt waren, in dem Frau Steinbrecht ihre neue Gesellschafterin am Teetisch erwartete.

Die junge Dame drückte hastig die Hand der alten Frau und prägte sich ihre Worte ein.

Dann stand sie in einem schönen, kostbar ausgestatteten Zimmer, das ganz mit einem dicken, hellgrauen Teppich ausgelegt war. Der Teetisch stand in einer Erkernische am Fenster und war einladend gedeckt. Ein Teewagen mit allem Zubehör stand daneben.

Frau Claudine Steinbrecht war im Zimmer auf und ab geschritten. Nun stand sie still und sah dem jungen Mädchen entgegen. Sie trug ein grau- und weiß gestreiftes Seidenkleid, mit schwarzen Spitzen garniert. Es fiel in schönen Falten um die stattliche Erscheinung der reichen Frau. Ihr noch volles, dunkles Haar, durch das sich nur wenige graue Fäden zogen, war einfach, aber gefällig geordnet und umgab locker die hohe Stirn.

Frau Stange war mit eingetreten.

„Hier ist das neue Fräulein, gnädige Frau.“

Frau Steinbrecht nickte kurz.

„Es ist gut, Stange, du kannst gehen“, sagte sie nur.

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