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Hedwig Courths-Mahler - Folge 045

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Die Liebe höret nimmer auf
  4. Vorschau

Gnädiges Fräulein möchten die Güte haben, zur gnädigen Frau herüberzukommen.“

Flavia Janotta erhob sich sofort und sah den Diener mit großen Augen an.

„Sie ist erwacht?“

„Ja, gnädiges Fräulein.“

„Und wie geht es ihr?“

Der Diener zeigte ein besorgtes Gesicht.

„Wenn ich mir eine Meinung erlauben darf, ich glaube, es geht recht schlecht. Die Schwester und der Arzt sehen sehr besorgt aus.“

Damit öffnete der Diener die Tür und ließ Flavia an sich vorübergehen. Er geleitete sie einen langen Gang hinunter bis zum Ende des schlossähnlichen Gebäudes. Die Fenster auf diesem Gang gaben den Blick auf eine breite Säulenhalle frei, von der man die Aussicht auf ein herrliches Gebirgspanorama hatte.

Haus Rittberg, die schöne, schlossähnliche Villa des Großindustriellen Herbert Rittberg, lag in halber Höhe eines bewaldeten Berges, an dessen Fuß sich ein zauberhafter See ausbreitete. Noch war freilich alles kahl, aber Frühlingsahnen lag doch in der Luft.

Flavia Janotta ließ ihren Blick, wie so oft schon, über das herrliche Bild schweifen.

Weiter oben auf dem Berg lagen, im Wald versteckt, die Wirtschaftsgebäude, das Forsthaus und ganz oben die Sennhütten. Das alles gehörte zu dem großen Grundbesitz des vor Jahresfrist verstorbenen Herbert Rittberg, eines jener Industriefürsten, deren Reichtum fast märchenhaft war.

Und all seine Reichtümer hatte er sich selbst erworben, kraft seiner Tüchtigkeit, seiner Intelligenz, seines Fleißes und seiner unerhörten Energie. Und doch war dieser Mann, den so viele beneideten, nicht glücklich gewesen.

Flavia Janotta war seine einzige Verwandte außer seiner Frau und seinem Sohn. Sie war die Tochter einer seiner Kusinen, mit der er sich immer sehr gut verstanden hatte und die die Gattin eines bekannten Violinvirtuosen gewesen war. Er hatte bei einem Unglücksfall den rechten Arm gebrochen, und zwar so unglücklich, dass er für immer gelähmt blieb. Er war unfähig gewesen, seine Kunst weiter auszuüben und war ein verbitterter Mensch geworden, der frühzeitig starb. Seine Witwe und seine Tochter blieben in sehr bescheidenen Verhältnissen zurück, und als bald darauf auch Flavias Mutter starb, hatte sie Aufnahme im Haus ihres Onkels gefunden, der sich ihrer liebevoll annahm. Flavia hätte sich hier sehr wohl fühlen können, alles atmete Schönheit, Reichtum und Behagen, aber sie hatte mit ihrem feinen Empfinden nur zu bald herausgefühlt, dass im Haus ihres Onkels das Glück fehlte. Der Onkel und seine Gattin lebten aneinander vorbei. Wenn auch einer dem andern nichts zuleide tat, so tat man sich auch nichts zuliebe. In formeller Höflichkeit verkehrten sie miteinander, und zwischen diesem seltsamen Ehepaar stand der einzige Sohn, Hans Rittberg, der betrübt, aber völlig hilflos, das seltsame Missverhältnis seiner Eltern zueinander mit ansehen musste.

Als Flavia Janotta ein Jahr im Haus weilte, starb ihr Onkel. Seit seinem Tod war nun abermals ein Jahr vergangen, und nun lag schon seit Wochen seine Gattin auf dem Krankenlager. Erst glaubte man nur an eine leichte Erkältung, aber es war, als lebe in Eleonore Rittberg seit dem Tod ihres Gatten kein Lebenswille mehr. Sie dämmerte dahin, und plötzlich verschlimmerte sich ihr Zustand bedenklich. Die herbeigerufenen Ärzte machten besorgte Gesichter, und der Hausarzt hielt es für nötig, Hans Rittberg herbeizurufen. Das war an diesem Morgen geschehen. Man hatte ihn telefonisch benachrichtigt, und er hatte selbstverständlich sein sofortiges Kommen zugesagt.

Hans Rittberg schien des Vaters geistige Kräfte und Anlagen geerbt zu haben. Fleißig, energisch und zielbewusst war er in des Vaters Fußtapfen getreten und hatte nach seinem Tode die Oberleitung über die Werke übernommen. Sie lagen in der Nähe von München. Im Winter bewohnte die Familie meist das schöne Wohnhaus in München, das von den Werken aus in einer halbstündigen Autofahrt zu erreichen war. Im Sommer nahm man Aufenthalt im Haus Rittberg in den Bergen.

Derzeit weilte Hans Rittberg in München. Seine Mutter aber war seit dem Tod ihres Gatten hier oben in den Bergen. Hier war er gestorben und hier, drüben im Park, stand das Mausoleum, in dem seinem Wunsch gemäß die Urne mit der Asche des Verstorbenen beigesetzt worden war.

Vor diesem Mausoleum hatte Eleonore Rittberg jeden Tag und bei jedem Wetter stundenlang gesessen und sich wohl die Erkältung zugezogen, die sie nun auf das Krankenlager geworfen hatte.

Flavia hatte die Tante liebevoll gepflegt und nichts davon hören wollen, dass Hans eine Krankenpflegerin sende: Er hatte aber darauf bestanden, denn, so sagte er, er wolle nicht, dass auch sie vor Überanstrengung noch krank werden solle.

Flavia hegte eine große Verehrung für ihre Tante, obwohl etwas in ihrem Wesen sie daran hinderte, sich ihr mit dem ganzen Liebesreichtum ihres verwaisten Herzens zu nähern. Von der stolzen Frau ging etwas aus, das alle Vertraulichkeit im Keim erstickte. Stolz und unnahbar war Frau Eleonore Rittberg gegen jedermann, Auch gegen den Gatten und den Sohn war sie nie anders gewesen. Fremd und kalt stand sie ihnen scheinbar gegenüber. Und doch hatte sie ihren Gatten namenlos geliebt. Es lag aber etwas wie ein Geheimnis zwischen ihnen, das eine innige Gemeinschaft unmöglich machte.

Herbert Rittberg hatte seine Frau nur aus Vernunftgründen geheiratet, weil ihr Vermögen zur Vergrößerung seines Unternehmens Wert für ihn hatte und sie in ihrer stolzen Schönheit eine würdige Repräsentantin für das Haus Rittberg war. Geliebt hatte er sie nie. Er hatte immer geglaubt, die Liebe werde nie in seinem Leben eine Rolle spielen, jedenfalls hatte er ihr keine Macht über sich einräumen wollen. Aber er hatte sich über sich selbst getäuscht – auch er hatte ihr nicht entrinnen können, der großen Liebe. Mit der ganzen Leidenschaft seines starken Naturells hatte er sich einige Jahre nach dem Eingehen seiner Ehe, die bisher kinderlos geblieben war, in eine junge Malerin verliebt. Sie hatte keine Ahnung, dass der Mann, der in ihr Dasein trat, verheiratet war, und er vermochte es ihr nicht zu sagen aus Angst, sie würde sich von ihm abwenden, wenn sie es erführe.

Die junge Malerin, eine allein stehende Waise, verlor ebenfalls ihr Herz an ihn, denn er war ein Mann mit bestrickenden Eigenschaften. Vertrauensvoll gab sie sich ihm zu eigen. Ein kurzes, heißes Glück stahl sich Herbert Rittberg in jenem Sommer, während seine Gattin keine Ahnung davon hatte. Sie besuchte damals ein Bad zur Kräftigung ihrer Gesundheit, und Herbert Rittberg folgte der jungen Künstlerin in ein Ostseebad, das sie aufgesucht hatte, um neue Motive zu suchen. Von hier aus schrieb er dann, als er immer mehr einsah, dass er ohne das geliebte Mädchen nicht mehr leben konnte, an seine Gattin und bat sie, ihn freizugeben, da er eine andere liebe. Zugleich gestand er Eva Werner – so hieß die junge Malerin – sein Gebundensein an eine ungeliebte Frau und dass er sie bereits gebeten habe, ihr Verhältnis zueinander zu lösen. Sie wurde bleich und sah ihn fassungslos an, aber sie vermochte nicht, ihn zu verdammen. So schrecklich ihre Lage war, erschien es ihr gleichwohl unmöglich, einer anderen Frau den Gatten zu stehlen. Nach Anhörung seines Geständnisses floh sie zunächst in die Einsamkeit, um sich zu fassen, und als sie ihn dann am nächsten Tag wiedersah, erschrak sie über sein Aussehen.

Stumm reichte er ihr den Antwortbrief seiner Gattin, der endlich nach der Qual tagelangen Wartens eingetroffen war.

Wie tief er seine stolze Frau verwundet hatte, ahnte er nicht, weil er nicht wusste, wie sehr sie ihn liebte. Sie schrieb ihm kalt und stolz, dass sie ihn freigeben würde, wenn – sie sich nicht Mutter fühlte. So aber sei sie nicht in der Lage, ihrem Kind den Vater zu nehmen, der sich um einer leichtsinnigen Künstlerin willen seiner Pflichten entziehen wolle.

Herbert Rittberg war so verzweifelt, dass Eva Werner ihn trösten musste. Sie bat ihn mit einem herzzerreißenden Blick, er möge sich keine Vorwürfe machen. Trotz allem danke sie ihm für seine Liebe, aber sie müssten sich nun beide trennen.

Er versuchte sie zu bestimmen, mit ihrer Entscheidung zu warten, bis er selbst noch einmal mit seiner Gattin gesprochen habe, aber sie lehnte ab. Am nächsten Morgen war sie abgereist, ohne Abschied von ihm zu nehmen. Nur einen Brief hatte sie ihm hinterlassen, in dem sie ihm mitteilte, sie scheide für immer aus seinem Leben. Er möge nicht nach ihr forschen, sie sei fest entschlossen, sich nicht finden zu lassen. Und sie versicherte ihn nochmals ihrer Verzeihung und wünschte ihm alles Gute. Dass sie nie einem anderen Mann angehören werde und ihre Treue ihm bis in den Tod gehöre, versprach sie ihm.

In seiner Verfassung war Herbert Rittberg nicht imstande, seine Gattin wiederzusehen. Er wusste nur, dass sie sich in ein Tiroler Bergdorf zurückgezogen hatte und dort die Geburt ihres Kindes erwarten wollte.

Als er nach Monaten die Nachricht erhielt, dass ihm ein Sohn geboren war, vermochte auch diese Nachricht nicht, ihn über Evas Verlust zu trösten. Er schrieb seiner Gattin, er sei momentan so sehr mit Arbeit überhäuft, dass er nicht kommen könne.

Es vergingen noch fast drei Monate, ohne dass er sein Kind gesehen hatte. Da erhielt er eines Tages wieder einen Brief. Er lag auf seinem Schreibtisch, ohne Poststempel. Ein Bote hatte ihn gebracht. Und dieser Brief trug Eva Werners Schriftzüge.

Bis ins Innerste erregt, öffnete er den Brief. Und als er ihn gelesen hatte, brach er, laut aufstöhnend, zusammen. Er erfuhr, dass Eva Werner schwer erkrankt sei und dass er diesen Brief nur dann erhalten werde, wenn sie nicht mehr am Leben sei.

Noch einmal hatte sie zarte, innige Liebesworte für ihn, und zum Schluss bat sie ihn inständig, er möge zu seiner Frau zurückkehren und alle Liebe, die er je für sie empfunden habe, seinem Sohn schenken.

Dieser rührende Brief zeigte Herbert Rittberg noch einmal die ganze Größe des erlittenen Verlustes, und in verzweifeltem Schmerz verbrachte er mehrere Tage, ohne Rast und Ruhe zu finden.

Aber dann riss er sich aus seiner Verzweiflung empor und fasste den einzigen Entschluss, den er jetzt zu fassen imstande war. Er wollte Evas letzten Wunsch erfüllen, wollte sein vereinsamtes Herz seinem Kind zuwenden und seiner Frau wenigstens das geben, was er noch zu geben hatte.

Und er reiste nach Haus Rittberg und hielt dann endlich seinen Sohn und Erben in den Armen.

Es war seltsam, wie stark nun plötzlich die Vaterliebe in ihm erwachte, so stark, dass sie ihn über seinen Verlust zu trösten vermochte. Und über das Kind hinweg fand er einen gütigen, herzlichen Ton für seine Frau, und es wäre vielleicht noch alles gut zwischen ihnen geworden, wenn Eleonore Rittberg in dieser Zeit großmütig gewesen wäre und alles vergessen hätte. Aber diese stolze Frau konnte nicht so leicht vergessen, vielleicht gerade darum nicht, weil sie so sehr liebte und in ihrer Liebe so tief gekränkt worden war.

Und noch etwas trat trennend zwischen die Ehegatten, etwas, das sie hätte vereinen müssen – das war eine unerklärliche Eifersucht Eleonores auf ihren Sohn. Sie merkte, wie er mehr und mehr des Vaters Herz gewann und wie Vater und Sohn sich so innig aneinander anschlossen, dass für sie kaum noch etwas übrig blieb.

Frau Eleonore hatte immer nur ein alles oder nichts gekannt. Und da sie nicht alles haben konnte, musste sie das Nichts wählen. Herbert Rittberg gab sich alle Mühe, an seiner Frau gutzumachen, was er ihr angetan hatte, aber sie zeigte ihm nur immer ihren gekränkten Stolz, niemals ihre Liebe, die sie wie ein Geheimnis in sich verschloss.

Als sie einmal, als Hans vielleicht sechs Jahre alt war, einen hasserfüllten Ausfall gegen Künstlerinnen hervorstieß, sagte ihr der Gatte:

„Du brauchst nicht mehr gegen das Mädchen, das ich geliebt habe, zu wüten – es ist tot.“

Da hob ein befreiender Atemzug ihre Brust, und eine Weile war es, als wollte sie weicher werden. Aber dann zog sie sich doch wieder wie hinter eine Schutzwehr hinter ihren Stolz zurück, und die Eifersucht auf den Sohn trat nur umso stärker hervor.

Schon sehr bald nach ihrem Eintritt ins Rittbergsche Haus hatte Flavia die Verhältnisse durchschaut. Tiefes Mitleid für Hans Rittberg erfüllte ihr Herz, und aus diesem Mitleid erwuchs eine tiefe, starke Liebe, die sie aber ängstlich in sich verbarg, zumal sie bald merkte, dass er sein Herz bereits anderweitig verschenkt hatte. Er liebte eine junge Münchner Schauspielerin, und wenn er sie noch nicht zu seiner Frau gemacht hatte, so geschah es nur deshalb nicht, weil er die fast krankhafte Aversion seiner Mutter gegen alle Künstlerinnen kannte.

***

Als Flavia das Krankenzimmer betrat, sah ihr die Patientin mit fiebrigen Augen entgegen und winkte sie zu sich heran.

„Wie geht es dir, Tante Eleonore?“, fragte Flavia mit warmer Teilnahme.

Stumm sah die Kranke zu ihr auf. Dann wandte sie sich zu der Krankenschwester. „Schwester Beata, bitte lassen Sie mich mit meiner Nichte allein! Ruhen Sie sich inzwischen aus, ich werde Sie rufen lassen, wenn ich Sie brauche.“

Schwester Beata entfernte sich mit einer Verbeugung. Die Kranke deutete auf einen Sessel neben ihrem Lager.

„Setz dich hierher, Flavia, ich habe mit dir zu reden!“, sagte sie mit matter Stimme.

Flavia wurde es bei diesen Worten seltsam beklommen zumute, ohne dass sie gewusst hätte, warum. Vielleicht ängstigte sie das blasse Gesicht der Kranken, aus dem die starke Fieberröte geschwunden war.

„Du darfst dich aber nicht zu sehr anstrengen, Tante Eleonore, du sollst nicht zu viel sprechen“, sagte sie besorgt.

Ein Zucken lief über das Gesicht der Kranken. „Nicht mehr, als ich muss, Flavia. Ich darf nicht länger aufschieben, was ich zu sagen habe, denn ich fühle es, mein Ende naht.“

„Tante Eleonore!“, rief Flavia erschrocken.

Ungeduldig winkte die Kranke ab. „Lass das, keine barmherzigen Lügen! Du weißt so gut wie ich, dass es mit mir zu Ende geht, und da brauchst du mich nicht zu schonen. Ich fürchte den Tod nicht, ich sehne ihn herbei wie eine Erlösung von langer, langer Qual. Lass mich nicht lange Umschweife machen, ich will mich kurz fassen. Du – du liebst Hans.“

Flavia zuckte leise zusammen, und eine glühende Röte jagte über ihr Gesicht.

„Tante Eleonore – ich – ich …“

„Lass nur – ich weiß, dass du ihn liebst. Auch sein Vater hat es gewusst – und er wie ich – wir haben stets den Wunsch gehegt, dass ihr euch heiraten möchtet.“

Bis ins Innerste erregt hob Flavia die Hände und sah die Kranke mit leidvollen Augen an. „Das kann nicht sein, Tante Eleonore, niemals!“, rief sie mit zitternder Stimme.

„Liebst du ihn nicht?“, fragte die Kranke.

Flavia rang die Hände und sagte mit leiser, bebender Stimme: „Er liebt mich nicht, das ist das Wichtigere.“

„Das kannst du doch nicht wissen“, erwiderte die Patientin streng.

„Doch, ich weiß es. Sein Herz gehört – mir nicht.“

Sie hatte sagen wollen: Sein Herz gehört einer anderen. Aber sie glaubte nicht berechtigt zu sein, Hans Rittbergs Geheimnis zu verraten.

Eleonore Rittberg richtete sich ein wenig auf. „Es wird dir gehören – soll dir gehören – ich will, dass er dein Gatte wird – hörst du, ich will es!“

Ein wehes. Lächeln huschte um Flavias Mund.

„Liebe lässt sich nicht erzwingen, Tante Eleonore.“

Die Kranke starrte vor sich hin mit großen, brennenden Augen. Dann sagte sie heiser: „Nein – Liebe lässt sich nicht erzwingen. Aber, sag mir nur eins – liebst du ihn?“

Da senkte Flavia den Kopf. „Frage mich nicht!“, bat sie leise.

„Ich muss es wissen. Sei ruhig, niemand als ich soll es wissen, das verspreche ich dir. Ich werde dein Herzensgeheimnis niemals preisgeben.“

Flavia atmete tief auf. „Ich liebe ihn mehr als alles auf der Welt. Aber halte dein Wort – niemand als du darf es wissen“, sagte sie mit zuckenden Lippen.

Die Augen der Kranken leuchteten auf. „Ich danke dir, dass du mir das sagst. Und ich hoffe, dass Hans dein Gatte wird.“

Flavia wollte protestieren, wollte ihr sagen, dass sie Hans nie angehören werde und dass sie um keinen Preis die ungeliebte Frau eines Mannes werden würde, aber sie sagte sich, dass sie die Kranke nicht aufregen dürfe.

„Wir wollen nicht mehr davon sprechen, Tante Eleonore, du musst dich schonen.“

Mit fiebernden Augen sah die Kranke zu ihr auf. „Gut, gut, ich weiß genug! Bitte, nimm die Schlüssel hier auf meinem Nachttisch und öffne den Schrank da drüben!“

Flavia tat, wie ihr geheißen wurde.

„So – du siehst im zweiten Fach eine Kassette stehen, bitte bring sie mir herüber!“

Flavia brachte ihr die Kassette. Die Kranke öffnete sie und entnahm ihr ein großes verschlossenes Kuvert. Es war mit fünf Siegeln versehen. Das reichte sie Flavia. Erstaunt sah das junge Mädchen darauf nieder.

„An Flavia Janotta“ stand auf dem Kuvert.

„Nimm das, Flavia, verwahre es gut und sprich mit niemand darüber! Merke dir, was ich dir darüber zu sagen habe: Wenn Hans ein Jahr nach meinem Tod um deine Hand angehalten hat, sollst du das Schreiben verbrennen. Wirst du im Lauf eines Jahres von Hans nicht um deine Hand gebeten oder sollte er eine andere heiraten wollen, dann öffne dieses Schreiben und lies alles, was ich hier aufgeschrieben habe. Wenn du es gelesen hast, geh damit zu Hans und lasse es auch ihn lesen. Dann wird sich alles Weitere finden. Verwahre das Schreiben sehr sorgsam, es ist ungemein wichtig. Betrachte es als mein Vermächtnis an dich!“

„Es soll alles nach deinem Willen geschehen, Tante Eleonore, ich verspreche es dir.“

Die Kranke nickte zufrieden. „Ich weiß, dass du dein Wort halten wirst, Flavia, und ich danke dir für dein Versprechen. Diesem Schreiben von mir liegt auch noch ein Schreiben bei, das du ungeöffnet lassen und das du Hans so ausliefern sollst, aber auch nur, wenn er dich nicht heiratet. Du musst dir klar machen, dass die Eröffnungen, die ich in diesem Brief mache, nur dann Wichtigkeit haben, wenn aus dir und Hans nicht ein Paar wird. Heiratet ihr euch, dann ist das alles zwecklos, und mir wird dann ein Bekenntnis erspart, das ich nur der Not gehorchend machen will. Ich kenne dich als ehrenhaft und zuverlässig, Flavia, und dir lege ich mein Vermächtnis ruhig in die Hände.“

„Das kannst du auch, Tante Eleonore, ich werde genau befolgen, was du mir aufgetragen hast.“

„Ich danke dir. Und nun stelle alles wieder in den Schrank zurück!“ Flavia verschloss die Kassette und kam ans Bett zurück.

„Tante Eleonore, darf ich eine Frage an dich richten?“

„Was willst du wissen, Flavia?“

„Warum liebst du deinen Sohn so wenig, warum bist du fremd zu ihm?“

Das Gesicht der Kranken bekam einen starren Ausdruck. „Frage nicht – versuche nicht zu ergründen, was im Herzen einer Frau, wie ich es bin, vorgeht. Vielleicht wirst du es eines Tages begreifen. Aber ich wünsche, dass du es nie verstehen lernst.“

Eine Weile blieb es still in dem hohen, weiten Raum. Dann hörte man unten das Vorfahren eines Autos.

Flavia zuckte zusammen. „Das ist Hans“, sagte sie mit bebender Stimme.

Die Kranke zog die Stirn zusammen, wie im Schmerz. „Ja, er ist es. Nimm das Kuvert an dich und geh, ich möchte mit ihm allein sein.“

Beschwörend sah Flavia sie an. „Vergiss nicht, dass er nicht erfahren darf, was ich für ihn empfinde. Die Scham würde mich töten.“

„Sei ganz ruhig, ich halte mein Wort, wie ich hoffe, dass du das deine hältst. Nun geh – und hüte dieses Schriftstück wie einen Schatz.“

Noch ehe sich Flavia erheben konnte, öffnete sich die Tür, und in ihrem Rahmen erschien ein schlanker, hoch gewachsener Mann mit tief gebräuntem Gesicht. Graue Augen lagen unter einer schön gebauten Stirn und sahen klar und zielbewusst und doch voll Güte zu der Kranken hinüber.

Schnell kam es ans Bett heran und fasste die Hand der Kranken. „Wie geht es dir, Mama?“

Sie sah mit einem seltsam fremden, unmütterlichen Ausdruck zu ihm auf, und das warme Leuchten seiner Augen erlosch unter diesem Blick.

„Ich bin zufrieden“, sagte sie mit einem sonderbaren Ausdruck.

Hans Rittberg begrüßte nun Flavia. „Grüß Gott, Flavia. Du hast Mama Gesellschaft geleistet?“

Sie legte ihre bebende Hand in die seine. „Ja, Hans, aber nun, da du bei ihr bist, will ich mich zurückziehen.“

„Wir sehen uns nachher, Flavia!“, rief er ihr nach.

Und er setzte sich in den Sessel, in dem Flavia zuvor gesessen hatte. Sich über seine Mutter neigend, sagte er: „Ich bin in großer Sorge um dich, Mama. Geht es dir wirklich gut?“

Sie winkte ab und sagte dann ruhig, als spräche sie zu einem fremden Menschen: „Ich werde sterben – sehr bald.“

Er sah sie bestürzt an. „Das wolle Gott nicht!“

Ein bitteres Lächeln spielte um ihren Mund. „Quäle dich nicht mit Phrasen, du weißt, weshalb dich der Arzt gerufen hat. Und – du wirst keinen großen Schmerz empfinden, wenn ich den letzten Weg gehe.“

Vorwurfsvoll blickte er sie an. „Wie kannst du nur so etwas sagen, Mama?“

„Willst du leugnen, dass wir uns im Herzen fremd gegenüberstehen?“

Seine Stirn rötete sich, und in seinen Augen lag ehrlicher Schmerz, als er sagte: „Niemand betrübt das mehr als mich, Mama, es geht bei Gott nicht von mir aus, dieses Fremdsein, und es quält mich unsagbar. Du wolltest ja nicht, dass ich dir näher kam.“

Sie sah an ihm vorbei. „Lass uns nicht weiter davon reden, es liegt jetzt Wichtigeres vor! Sahst du das Schriftstück, das Flavia mit hinausnahm?“

„Ich sah, dass sie ein großes Kuvert an sich drückte.“

„Flavia erhielt es von mir mit einem besonderen Auftrag. Doch davon sprechen wir noch nachher. Jetzt kommt es mir zuerst darauf an, dir meine letzten Wünsche mitzuteilen. Bist du bereit, sie anzuhören?“

„Sprich, Mama!“

„Also, zuerst wünsche ich, dass meine Asche neben der meines Gatten im Mausoleum bestattet wird.“

„Das soll geschehen, Mama, du sollst eines Tages neben dem Vater ruhen, aber nicht so bald, hoffe ich.“

Sie machte eine abwehrende Bewegung. „Ich will neben meinem Gatten bestattet werden“, sagte sie noch einmal, jedes Wort betonend.

„Wie du wünschst“, erwiderte er.

„Gut! Und dann wünsche ich, dass Flavia hier im Haus bleibt, solange sie es selbst will.“

„Das bedarf keiner Versicherung, Mama, Flavia gilt mir doch wie eine Schwester.“

„Sie soll dir noch mehr gelten. Damit komme ich zu meinem dritten und letzten Wunsch. Versprich mir, dass du Flavia zu deiner Gattin machst.“

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