Logo weiterlesen.de
Hedwig Courths-Mahler - Folge 043

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Diana, die junge Herrin von Dorneck
  4. Vorschau

hcm_schriftzug_titelseite.jpg

Diana, die junge Herrin von Dorneck

Roman um das Opfer eines schwerkranken Mädchens

 

 

hcm_blumen.jpg

Über den Gutshof ritt im gemächlichen Zuckeltrab Frau Brigitte von Steinach auf ihrem breit gebauten Hengst „Trumpf“. Sie schob dabei die verschossene, ehemals grüne Reitmütze aus der Stirn, so dass der Ansatz ihres grauen Haares sichtbar wurde. Trumpf kannte seinen Weg ganz genau. An der Tür seines Stalles machte er halt, vermutlich nur, weil sie verschlossen war, sonst hätte er wohl seine schwere Reiterin gleich mit bis zur Futterkrippe getragen.

Frau Brigitte zog nun eine kleine silberne Pfeife zwischen den Knöpfen ihres knapp anliegenden Reitkleides hervor und entlockte ihr einen schrillen Ton.

Als nicht gleich jemand herbeikam, stieg dunkle Röte in ihr ohnehin nicht sehr blasses Gesicht, das derbe, fast männliche Züge hatte.

Noch einmal pfiff sie mit ungeduldigem Nachdruck, und als nun schnell die Stalltür aufsprang und ein Reitknecht heraustrat, schrie sie ihn wütend an: „Faule Bande! Sitzt ihr wieder auf den Ohren, oder schlaft ihr am hellen Tag?“ Und dabei schwang sie drohend die Reitpeitsche über dem Haupt des Mannes.

Der erwiderte kein Wort. Er duckte sich nur grinsend, dass ihn die Peitsche nicht traf, und half dann seiner Herrin aus dem Sattel.

„Der Kerl lacht, als hätte ich ihm sonst was für Elogen an den dicken Kopf geschmissen“, stöhnte sie bei dem schweren Werk. Und als sie endlich glücklich auf der Erde stand, fuhr sie fort: „Ich wollte, ich hätte es so gut wie du, mein Sohn. Es muss ein Vergnügen sein, seine Tage so strohdumm und faul zu verbringen.“

Trumpf schüttelte sich, als sei er froh, seiner Last ledig zu sein, und Frau Brigitte streichelte ihm gutmütig den Hals.

„Gelt, mein Alter, du bist auch froh, zur Ruhe zu kommen?“

Und zu dem Reitknecht gewendet, sagte sie halb lachend, halb ärgerlich:

„Nun dalli, mein Sohn, sperr deine blauen Augen nicht auf, als hättest du noch nie ’nen Gaul gesehen. Führe Trumpf in den Stall und reibe ihn gut ab, sonst soll dir ein Donnerwetter in den Magen fahren, dass dir acht Tage kein Happen mehr schmeckt.“

Der Reitknecht beeilte sich, dem Befehl seiner Herrin nachzukommen. Anscheinend bekümmerte ihn der barsche Ton, durch den doch eine gute Dosis Gutmütigkeit klang, wenig.

Brigitte von Steinach raffte nun ihr wenig elegantes, aber sehr praktisches Reitkleid energisch auf, sodass die festen Lederstiefel an ihren nicht sehr zierlichen Füßen zum Vorschein kamen, und schritt, schwerfällig und steif von dem langen Ritt über die Felder, über den Hof nach der Hintertür des stattlichen Herrenhauses.

Als sie in den großen, hallenartigen Flur trat, scholl ihr aus dem Souterrain Geräusch entgegen, gemischt aus menschlichen Stimmen, Tellergeklapper und Gerassel von Wirtschaftsgegenständen.

Sie beugte sich über das Treppengeländer.

„Heda! Ihr könnt mal eben ein bisschen weniger Lärm fabrizieren!“, rief sie mit lauter Stimme hinunter. Sofort wurde es still.

„Ist Sophie da unten?“, fragte Frau von Steinach nun in gemäßigterem Ton weiter.

Man hörte einen flinken Schritt. „Ja, gnädige Frau, ich bin hier.“

„Na, dann komm herauf, aber ein bisschen plötzlich!“, rief die alte Dame zurück und stieg langsam die breite Steintreppe zum ersten Stock empor.

Hinter ihr her hastete mit schnellem Schritt ein junges, dralles Mädchen mit weißblondem Haar, blauen Augen und roten Wangen. Man sah ihm an, dass die Kost in Dorneck gut war. Sophie war in Dorneck geboren, und Frau Brigitte hatte das anstellige Mädchen zur Zofe für sich und ihre Pflegetochter Diana angelernt.

Oben in ihrem Ankleidezimmer ließ sich Frau von Steinach das graue Reitkleid und die Reitstiefel ausziehen und ein bequemes Hauskleid überwerfen. Als sie dann weiche Lederschuhe an den Füßen hatte, atmete sie wie erlöst auf.

„So, Sophie, nun ist mir wieder menschlicher zumute“, sagte sie. „Gib mir noch ein frisches Taschentuch und gieß einen Schuss Kölnisches Wasser darüber, damit ich den Geruch von Ackerbau und Viehzucht aus der Nase kriege. Hm! Das belebt! Na, nun räume hier den ganzen Kladderadatsch weg, heute reite ich nicht mehr aus.“

Sophie knickste und machte sich eifrig an die Arbeit. Trotz Frau von Steinachs barschem Ton wussten die Leute in Dorneck sehr wohl, dass es ihre Herrin gut mit ihnen meinte und ihnen immer zu ihrem Recht verhalf.

Brigitte von Steinach ging nun wieder hinab, durchkreuzte die Halle und betrat den rechts abführenden langen Korridor. Dort öffnete sie eine der Türen, die in ein helles Zimmer führte, in das Luft und Sonnenschein durch drei große Glastüren, die alle offen standen, ungehinderten Einzug halten konnten. Diese Glastüren lagen nach der breiten Veranda hinaus, auf der hübsche, weiß lackierte Holzmöbel, mit bunten Kissen belegt, standen.

Als Brigitte auf die Veranda hinaustrat, sah sie Diana von Dorneck in der Ecke neben ihrem Gatten sitzen. Hermann von Steinach saß, bequem zwischen Kissen und Decken verpackt, in seinem Rollstuhl. Er war seit drei Jahren gelähmt. Ein unglücklicher Sturz vom Pferd hatte ihm die Lähmung beider Beine eingetragen. Sooft es das Wetter gestattete, brachte man ihn hinaus auf die sonnige, windgeschützte Veranda.

Diana von Dorneck hatte ihm vorgelesen. Sie saß in einen Sessel geschmiegt und hielt das Buch in den schlanken Händen. Diana zählte siebzehn Jahre, aber sie machte noch durchaus den Eindruck eines Kindes. Die eckigen, fast hageren Glieder steckten in einem weißen Kleid, das glatt an ihr herabfiel und unter der unentwickelten Büste mit einer schwarzen Samtschleife zusammengehalten wurde. Sie war nicht schön, obwohl ihr Gesicht feine Züge hatte, denen vielleicht nur die anmutige Weichheit und Rundung fehlte, um schön zu wirken. Dickes, kastanienbraunes Haar fiel ihr über die Schultern und flimmerte mit metallischem Schimmer im Sonnenschein. Zwei große, braune Kinderaugen, in denen die Sonne gefangen zu sein schien, hoben sich empor und sahen Frau Brigitte entgegen. Sofort legte sie das Buch beiseite und erhob sich mit einem Lächeln, das einen warmen Glanz in das etwas zu herb gezeichnete Gesicht zauberte.

„Da ist Tante Brigitte!“, rief sie Herrn von Steinach zu, der sich nun ebenfalls lächelnd seiner stattlichen Gattin zuwandte.

Die eigentliche Herrin von Dorneck war Diana von Dorneck. Ihr gehörte das schöne, alte Herrenhaus und der dazugehörige sehr ausgedehnte Grundbesitz. Diana war seit sieben Jahren Waise. Sie hatte beide Eltern rasch hintereinander durch eine Typhusepidemie verloren. Zuerst starb die Mutter, und am Tage ihres Begräbnisses wurde ihr Vater auf das Krankenlager geworfen, von dem er nicht mehr aufstehen sollte.

Botho von Dorneck hatte sein Ende kommen sehen und schon am Tag, bevor er sich niederlegen musste, sein Testament gemacht. Er wusste, dass seine kleine Tochter hilflos allen Zufälligkeiten preisgegeben sein würde, wenn er nicht schnell noch für ihre Zukunft Vorsorge traf. Der große, reiche Besitz konnte nicht durch ein Kind verwaltet werden. Er besaß außer einem Vetter keine Verwandten mehr. Dieser Vetter aber war ein Mensch, dessen Charakter und Lebensführung ihm nur Verachtung einflößen konnte. Außerdem hatte er eine Dame von zweifelhaftem Ruf geheiratet. Diesem Vetter wollte er um keinen Preis sein Kind und seinen Besitz anvertrauen.

Aber Botho von Dorneck hatte einen Freund, dessen Treue, Ehrlichkeit und Güte er oft erprobt hatte. Dieser Freund war Hermann von Steinach.

Gerade kurz vor dieser Zeit hatte Hermann von Steinach sein in nächster Nähe von Dorneck gelegenes Gut Buchenau verkaufen müssen, um seine Gläubiger bezahlen zu können. Es war ihm keine Wahl gelassen worden. Hermann von Steinach hatte dieses Gut schon stark überlastet von seinem Vater übernommen und es trotz ehrlichen Ringens nicht halten können. Er war mit wenigen tausend Mark, die ihm geblieben waren, in die nächste Stadt gezogen, wo sein einziger Sohn das Gymnasium besuchte, und wollte versuchen, eine passende Stellung zu finden, um für sich und seine Familie den Unterhalt zu verdienen.

In seiner Not und in der Sorge um sein Kind gedachte Botho von Dorneck nun seines Freundes und ließ ihn nach Dorneck kommen. Vertrauensvoll legte er alles, was er im Leben zurücklassen musste, in Hermann Steinachs Hände. Er setzte ihn zum Vormund seiner einzigen Tochter ein und zum Verwalter seines Vermögens. Ehe er starb, konnte er noch mit ihm ausmachen, dass Steinach mit seiner Frau in Dorneck leben sollte, damit seiner Tochter die Heimat erhalten bliebe. Frau von Steinach war Botho von Dorneck als eine rechtliche und tüchtige Frau bekannt. Er war fest überzeugt, dass er seine Tochter keinen treueren, ehrlicheren Händen übergeben konnte.

Hermann von Steinach dankte dem Freund für das erwiesene Vertrauen mit bewegtem Herzen und versprach, sich dessen würdig zu zeigen. Herr von Dorneck setzte ihm ein festes Gehalt aus und bestimmte genau seine Rechte. Vor allem schärfte er dem Freund noch ein, jenem wenig vertrauenswürdigen Vetter nicht die Türen von Dorneck zu öffnen und Diana von ihm zurückzuhalten. Der Vertrag zwischen den beiden Freunden wurde rechtskräftig abgeschlossen und notariell beglaubigt.

Kurze Zeit darauf war Botho von Dorneck gestorben. Dianas Wohl und Wehe wie auch ihr ganzer Besitz und ihr Vermögen lagen nun in Hermann und Brigitte von Steinachs Händen.

Und es waren wirklich treue und gute Hände, denen Botho von Dorneck all seine Güter anvertraut hatte. Hermann von Steinach wurde Diana ein zweiter, liebevoller Vater, ein treuer, uneigennütziger Freund. Er dankte es seinem verstorbenen Freund von Herzen, dass er ihm einen neuen Wirkungskreis, eine lohnende Lebensstellung geschaffen hatte.

Gleich nach dem Tod des Freundes zog er mit seiner Gattin nach Dorneck und nahm die Zügel in die Hand. Seinen Sohn Lothar ließ er in der Stadt zurück, da er kurz vor seinem Abitur stand. Lothar wollte Ingenieur werden und sollte später die Hochschule besuchen.

Diana war zehn Jahre alt, als ihre Eltern starben. Ihr verwaistes, liebebedürftiges Herz erschloss sich schnell ihrem Pflegevater, der den richtigen Herzenston für das zarte, feinfühlige Kinde fand. Brigitte von Steinachs raue, derbe Art schreckte Diana zuerst nicht wenig. Ihr konnte sie sich so leicht nicht anschließen wie „Onkel Hermann“. „Tante Brigitte“ fand auch nicht den rechten Ton, um die kleine Waise an sich zu fesseln. Sie kam zwar ihren Pflichten mit großer Gewissenhaftigkeit nach, sorgte aufs Beste für Dianas leibliches Wohl und ließ es an nichts fehlen, was Diana fördern konnte. Aber im Herzen dieser Frau war alle Liebe nur für zwei Menschen verschwenderisch aufgespeichert für ihren Mann und ihren Sohn. Da blieb für andere nichts übrig.

Diana fühlte das mit dem feinen Instinkt der Kinderseele, und ihr Herz erschloss sich auch Tante Brigitte nie mit derselben Innigkeit wie Onkel Hermann gegenüber. Als nun vor drei Jahren Hermann von Steinach, infolge eines Sturzes vom Pferd, an den Rollstuhl gefesselt wurde, gestaltete sich sein Verhältnis zu Diana noch inniger als zuvor. Sie wich kaum von seiner Seite und tat alles, was sie ihm zuliebe tun konnte, um ihm sein schweres Los zu erleichtern.

Es zeigte sich nun aber auch im hellsten Licht, was für eine starke, tüchtige Persönlichkeit in Brigitte Steinach steckte. Energisch nahm sie die Zügel von Dorneck in ihre Hände.

Wie ein Mann ritt sie schon am frühesten Morgen hinaus auf die Felder. In Stall und Scheunen wusste sie Bescheid, und ihren scharfen Augen entging nicht die kleinste Unregelmäßigkeit. Mit dem Förster durchstreifte sie das große, zu Dorneck gehörige Waldgelände und wusste ganz genau, wo ausgerodet und wo neu aufgeforstet werden musste. Einen Wilddieb, den sie erwischte, hatte sie eigenhändig mit der Reitpeitsche durchgeprügelt. Angezeigt hatte sie ihn nicht, aber er musste vier Wochen lang gegen Tagelohn bei der Kartoffelernte helfen. Der Wilddieb war ein arbeitsscheuer Häusler, der sich durch Wilddieberei leichten Verdienst schaffen wollte. Er ging seitdem Frau von Steinach im weiten Bogen aus dem Weg, aber im Wald wurde er nicht mehr gesehen.

Natürlich stand Frau Brigitte auch noch dem Hauswesen vor, wenn ihr auch dabei eine tüchtige Mamsell zur Seite stand.

Am Anfang nach Botho von Dornecks Tod hatte sich sein Vetter in Dorneck einzudrängen versucht, aber Herr von Steinach hatte ihm, kraft seiner Vollmacht, klar gemacht, dass sein Freund weder seine Anwesenheit in Dorneck noch überhaupt einen Verkehr seiner Tochter mit ihm gewünscht hatte. Und er hatte ihm Diana so energisch fern gehalten, wie es ihr Vater von ihm verlangt hatte. Aber als Herr von Steinach vom Pferd gestürzt war, hatte jener Vetter schleunigst versucht, ihn von Dorneck zu verdrängen. Mit den unlautersten Mitteln war er vorgegangen, aber er hatte an Frau Brigitte seine Meisterin gefunden. Und seitdem hatte er nicht wieder versucht, an Diana heranzukommen, um sie gegen Steinachs und für sich zu beeinflussen.

Diana genügte es übrigens, dass ihr Vater diesen Verkehr nicht gewünscht hatte, um sich von ihm fernzuhalten. Onkel Hermann hatte ihr den von ihrem Vater eigenhändig niedergeschriebenen Wunsch gezeigt, und damit war diese Sache für sie erledigt.

Diana fühlte sich sehr glücklich unter der Obhut ihrer Pflegeeltern, seit sie die Trauer um ihre Eltern verwunden hatte. Nur wenn Lothar von Steinach in Dorneck weilte, dann hatte sie trübe Stunden. Dies geschah allerdings sehr selten, da Lothar mit großem Eifer und fieberhaftem Fleiß studierte und sich stets nur einige Tage Ferien gönnte.

Mit den geschärften Augen eines Menschen, der schon von Kind auf mit widrigen Verhältnissen hatte kämpfen müssen, blickte er in die Zukunft und sagte sich, dass er ein Ziel erreicht haben müsse, wenn Diana von Dorneck eines Tages heiratete und einen neuen Herrn über Dorneck setzte. Dann wollte und musste er so weit sein, dass er für seine Eltern zu sorgen vermochte.

Kam er einmal für kurze Zeit nach Dorneck, widmete er jede Minute seinen Eltern. Für Diana hatte er weder Zeit noch Interesse. Er beachtete das lang aufgeschossene Mädchen mit dem blassen Gesicht fast gar nicht. Nur bei Tisch wunderte er sich zuweilen über ihre seltsamen grüßen Augen, die ihn so scheu und trotzig anblickten.

Diana hätte Lothar vielleicht sehr gern leiden mögen, wenn er nicht ein so ungeduldiges Gesicht gemacht hätte, sobald sie einmal in seiner Gegenwart mit seinen Eltern sprach. Sie glaubte, er gönnte ihr deren Liebe nicht. Und da sie sehr wohl wusste, dass er ein größeres Anrecht auf diese Liebe hatte als sie, zog sie sich deshalb scheu zurück, bis er wieder fort war.

Inzwischen war Diana nun siebzehn Jahre alt geworden, und Lothar stand dicht vor der Beendigung seines Studiums.

Er plante, sofort nach bestandenem Examen nach Deutsch-Südwest zu gehen, wo ihm beim Bau einer Eisenbahn eine günstige Stellung angeboten worden war.

Für Diana bekam seine Person damit etwas Interessantes. Aber seine Eltern waren weniger entzückt von diesem Plan. Sie hätten ihren Sohn lieber in der Nähe behalten.

So standen die Verhältnisse an diesem Sommertag, da Tante Brigitte zu ihrem Gatten und Diana auf die Veranda trat. Die junge Dame ging ihr mit freundlichem Lächeln entgegen.

„Du bist gewiss müde, Tante Brigitte. Komm, setz dich und ruhe dich aus!“

Schnell schob sie einen Sessel neben den Rollstuhl des Onkels. Frau Brigitte sank hinein.

„Gott sei Dank! In diesem Sessel sitzt es sich bequemer als auf dem Pferderücken! Trumpf hat mich durcheinander geschüttelt wie einen alten Kartoffelsack. Und einen Mordshunger hab ich mit heimgebracht.“

Herr von Steinach hatte die große, derbe Hand seiner Frau ergriffen.

„Meine arme Brigitte, du hast dich wieder tüchtig plagen müssen“, sagte er zärtlich.

Sofort trat ein warmes Leuchten in Frau Brigittes Augen.

„Geplagt? Ach, warum nicht gar, mein Alter! Ich habe ja nur da und dort nachgesehen, ob alles recht getan wird. Das ist doch keine Arbeit. Nur ein wenig lahm bin ich vom Reiten geworden, das wird gleich wieder besser sein. Gottlob hat draußen alles geklappt. Aber einen Durst habe ich – Diana, klingle doch bitte einmal, ich möchte ein Glas Wasser haben.“

Diana klingelte, und als Friedrich, der Diener kam, bestellte sie das Gewünschte.

„Aber nicht etwa so ein Finkennäpfchen voll, Friedrich, sondern ein ordentliches Glas!“, rief Frau von Steinach.

Als der Diener dann mit einer Karaffe und einem Glas erschien, leerte sie zwei volle Gläser.

„Ah, das tut gut, das spülte den ganzen Straßenstaub hinunter! Wie ist es mit dem Essen, Friedrich? Wird die Suppe noch nicht aufgetragen?“

„Sofort, gnädige Frau.“

„Na schön, mein Sohn, dann ein bisschen dalli!“

„Befehlen gnädiger Herr, dass ich den Stuhl hinüberfahre ins Speisezimmer?“, fragte der Diener. Frau Brigitte sprang auf und schob ihn zur Seite.

„Lass nur, das tue ich selbst“, sagte sie schnell.

„Aber du sollst doch nicht, Brigitte, der Stuhl ist so schwer, und du bist müde“, wehrte ihr Gatte ab.

Sie streckte ihm lachend die Arme aus.

„Sollst sehen, wie leicht es mir wird, mein Alter.“

Er sah zu ihr auf mit einem leuchtenden Blick. Sein edel geschnittenes, seit seiner Lähmung etwas blasses Gesicht mit den charakteristisch festgefügten Zügen verklärte sich förmlich, als er in ihre zärtlichen Augen sah. Und doch war Brigitte weder schön noch anmutig. Einst hatte niemand begreifen können, warum der stattliche, elegante Hermann von Steinach, der damals noch ein schneidiger Offizier war, die wenig begehrte, durchaus nicht reiche und keinesfalls schöne Brigitte von Dahlhorst gefreit hatte. Er selbst aber hatte es gewusst, er hatte in den grauen Augen seiner Brigitte gelesen, wie schrankenlos ihm ihr Herz ergeben war. Und nie hatte er es bereut, dass er sie zu seiner Gattin machte.

Sanft und sorglich schob sie den Rollstuhl vor sich her ins Speisezimmer.

Diana war neben Onkel Hermann hergeschritten und half nun, ihn so mit Kissen zu stützen, dass er gleich im Krankenstuhl an die Tafel geschoben werden konnte.

Er strich liebkosend über das Haar des jungen Mädchens, das sich einen Moment zärtlich an ihn schmiegte.

Frau Brigitte sah diese gegenseitige Liebkosung der beiden, und ein leises Zucken um ihren Mund verriet, dass sie ihr unangenehm war. Sie gönnte keinem Menschen, außer ihrem Sohn, dass er teilhabe am Herzen ihres Gatten. Es war wie eine leise, heimliche Eifersucht in ihr, und sie musste sich immer sehr im Zügel halten, damit das kein Mensch merkte. Sie schalt sich selbst aus deshalb, aber ändern konnte sie es nicht.

Während Friedrich den Braten herumreichte, fragte Diana: „Bleibst du nachmittags daheim, Tante Brigitte, oder musst du wieder hinaus?“

Die alte Dame schüttelte den Kopf.

„Nein, heute bleibe ich zu Haus. Draußen ist alles im Gange. Wir sind bald fertig mit der Rübenernte, und nächste Woche kriegen wir auch die letzten Kartoffeln herein, wenn das Wetter so anhält. Aber warum fragst du, ob ich daheim bleibe?“

„Weil ich wieder einmal nach Buchenau hinüber reiten möchte. Ich habe Dora Sanders lange nicht besucht. Und wenn du bei Onkel bleibst, passt das ganz schön. Ihr habt doch immer nur von Geschäften zu reden, das interessiert mich nicht die Spur.“

„Es sollte dich aber interessieren, immerhin handelt es sich doch um deinen Besitz.“

Diana lachte: „Ach, darum brauche ich mich nicht zu kümmern, ihr beide versteht das viel besser als ich. Mach kein strenges Gesicht, Tante Brigitte, so eine tüchtige Gutsfrau wie du werde ich im Leben nicht. Also sag, darf ich nach Buchenau?“

„Natürlich, Diana. Es wird dir gut tun, dich im Freien zu tummeln, du gefällst mir schon den ganzen Morgen nicht, siehst so müde und matt aus den Augen“, sagte Herr von Steinach.

„Fühlst du dich nicht wohl, Diana?“

„Ich habe nur Kopfweh, Tante, das will ich mir bald ausreiten. Gleich nach Tisch breche ich auf. Ich darf bis zum Abend in Buchenau bleiben?“

„Vor Dunkelwerden bist du aber wieder zu Haus.“

„Der Reitknecht begleitet mich doch.“

„Gleichviel, im Dunkeln reitest du mir nicht durch den Wald. Wie leicht stürzt du dann mit dem Pferd. Wenn du länger bleiben willst, lasse ich dich im Wagen heimholen.“

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Hedwig Courths-Mahler - Folge 043" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen