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Hedwig Courths-Mahler - Folge 042

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Die Testamentsklausel

Roman um die zauberhafte Eva-Maria und ein folgenschweres Erbe

 

 

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Lass uns zum Presseball gehen, Armin!“

„Was sollen wir dort?“

„Uns unterhalten, den Abend totschlagen.“

„Guter Kerl, das hilft mir auch nicht darüber hinweg.“

„Aber es lenkt dich ab.“

„Als ob meine Gedanken heute einen Weg gingen, der nicht schließlich doch da hinführte, wo sie nicht sein sollen! Ich möchte lieber nach Hause.“

„Um Grillen zu fangen? Das hat doch keinen Zweck.“

„Es hat ebenso wenig Zweck, dass ich zum Presseball gehe. Da soll ich am Ende noch geistreich sein. Nein, Hans, ich mag heute keine Menschen sehen.“

„Du bist dir selbst der schlechteste Gesellschafter. Komm nur mit! Schlieven und Werdern sind auch dort.“

„Ein Grund mehr für mich, wegzubleiben. Für diese beiden großen Frauenverächter wäre ich heute eine Zielscheibe des Spotts. Sie wissen so gut wie du und ich, dass Alexandra Wendhoven heute Hochzeit hält – und dass ich von ihr zum Narren gemacht wurde. Für ihren Zynismus wäre das ein gefundenes Futter. Nein, lass mich zufrieden! Geh doch du allein hin, wenn dich danach verlangt!“

Hans von Rippach zuckte die Achseln.

„Mir liegt nichts daran“, sagte er abwehrend. „Ich wollte nur für dich Zerstreuung.“

„Du meinst es gut, Hans; ich danke dir. Aber wenn du dich durch meine Missstimmung nicht stören lässt, dann lass uns in irgendeinem ruhigen Winkel eine Flasche Wein trinken.“

„Gut, das ist doch ein Wort. Wo wollen wir hingehen?“

„Einerlei.“

„Dann hier rechts um die Ecke. Da finden wir, was wir brauchen.“

Sie bogen in eine stillere Nebenstraße ein. In wenigen Minuten hatten sie ein Weinlokal erreicht. Durch Holzwände waren hier Nischen gebildet. In einer davon nahmen sie Platz.

Rippach bestellte Wein und schenkte ein. Als er dem Freund zutrank, sagte er ernst:

„Auf baldige Heilung deiner Herzenswunde! Eine Alexandra ist es nicht wert, dass sich ein Mann sein Leben durch sie verpfuschen lässt.“

Armin von Leyden tat ihm schweigend Bescheid. Die Unterhaltung schleppte sich mühsam hin. Leyden zwang sich zu Rede und Gegenrede, und Rippach konnte den gewohnten lustigen, lebensfrohen Ton nicht finden. Sein hübsches frisches Gesicht trug den Ausdruck großen Unbehagens. Er empfand es als niederdrückend, dem Freund nicht helfen zu können.

Die beiden waren schon seit langem eng befreundet.

Leydens Vater war Arzt gewesen und schon vor Jahren gestorben. Damals stand Armin mitten im Studium. Viel Vermögen hinterließ der Vater nicht. Aber Frau von Leyden war eine jener Mütter, die für ihre Kinder lächelnd das Schwerste vollbringen. Sie hatte sich jede Annehmlichkeit versagt, um Armin das Weiterstudieren zu ermöglichen. Als der Sohn Assessor geworden war, starb auch die Mutter.

Rippach hatte in allen Schicksalsfügungen in treuer Freundschaft neben ihm gestanden. Als Sohn vermögender Leute kannte er Lebenssorgen nicht. Sein heiteres, lebensfrisches Temperament übte stets einen wohltätigen Einfluss auf den etwas schwerblütigen Freund aus, dessen geistige Überlegenheit er ebenso neidlos anerkannte wie seine körperlichen Vorzüge. Und Armin bremste wiederum oft, wenn Rippach über die Stränge schlagen wollte. Die beiden ergänzten einander vorzüglich, und dieser Umstand festigte ihre Freundschaft mehr und mehr.

Dass Armin sich mit der ganzen Innigkeit seines Herzens in die schöne, verwöhnte, aber vermögenslose Alexandra Wendhoven verliebte, machte Rippach von Anfang an Sorge. Er hätte den Freund gern davor behütet, denn er erkannte mit seinem klaren, praktischen Blick bald, dass Alexandra sehr kokett und viel zu verwöhnt war, um die Frau eines armen Assessors zu werden. Seine Warnungen aber fruchteten nichts. Die Verlobungsanzeige Alexandras erhielt Leyden zwei Tage nach dem Ball, auf dem ihn die Geliebte zärtlicher und liebenswürdiger denn je behandelt hatte. Der Schlag traf ihn unerwartet und verwundete ihn umso mehr, als er den Unwert der Geliebten erkennen musste. Trotzdem hörte er nicht auf, sie zu lieben. Und der Tag, der heutige Tag, der Alexandra zur Gattin eines anderen gemacht hatte, eines Mannes, der nichts als ein riesiges Vermögen in die Waagschale zu werfen hatte, rüttelte alle Schmerzen wieder in ihm wach.

***

Inmitten der Thüringer Berge lag auf einer Anhöhe Schloss Burgwerben.

Es war samt dem dazugehörigen großen Grundbesitz das Eigentum Friedrich von Leydens. Dessen Vater hatte durch die Heirat mit der letzten Gräfin Burgwerben diesen herrlichen Besitz und ein großes Vermögen an sich gebracht. Und Friedrich von Leyden war der einzige Sohn dieses Paares. Er war jetzt etwa sechzig Jahre alt und unverheiratet. Einst ein lustiger, lebensfroher Gesell, der alle Freuden der Welt in vollen Zügen genoss, war er vor fünfundzwanzig Jahren als ein finsterer, stiller Mann heimgekehrt aus der großen Welt. Der Verrat einer Frau, ein damit zusammenhängendes Duell, in dem er seinen besten Freund erschoss, hatten den Grund zu seinem veränderten Wesen gelegt. Näheres erfuhr niemand.

Friedrich von Leyden wurde ein menschenscheuer Sonderling. Frauen litt er nicht in seiner direkten Umgebung. Was auf dem Schloss an weiblicher Bedienung gebraucht wurde, musste in den Wirtschaftsgebäuden untergebracht werden und sich ihm möglichst fern halten. Er lebte nur seinen Büchern und der Bewirtschaftung seines ausgedehnten Besitzes. Darin unterstützte ihn Inspektor Scheveking, ein knorriger, kurz angebundener Mann, der gleich seinem Herrn von den „Frauensleuten“ nichts hielt und ebenfalls unbeweibt in der Inspektorenwohnung hauste.

Das weibliche Regiment lag in den Händen der Mamsell Wunderlich. Die kleine, behäbige Person rächte sich für den auf Schloss Burgwerben herrschenden Frauenhass durch eine offen zur Schau getragene Männerfeindlichkeit. Sie stand fortwährend auf Kriegsfuß mit Scheveking, und die beiden Leute, die miteinander alt und grau geworden waren, sagten sich täglich die auserlesensten Grobheiten.

Friedrich von Leyden hatte einen großen Verwandtenkreis. Die Leydens waren aber alle arm. Wie es sein Vater vor seiner Verheiratung war. Als man nun merkte, dass der Besitzer von Burgwerben ehelos blieb, kam man, um sich in Erinnerung zu bringen. Es begann eine seltsame Jagd nach dem Glück. Friedrich von Leyden wurde von seinen Verwandten mit Liebe überschüttet, einer lief dem anderen den Rang ab, einer übertrumpfte den anderen mit Liebesbeweisen, um seine Testamentsniederlegung zu beeinflussen.

Der finstere Mann wehrte sich auf seine Art dagegen. Auf all die süßen Reden hatte er nur ein spottdurchtränktes Lächeln.

Eines Tages hatte er seinen Rechtsanwalt holen lassen. In Gegenwart von Inspektor Scheveking hatte er sein Testament gemacht und dann bei Gericht niedergelegt. Das war vor fünfzehn Jahren gewesen …

Scheveking und Mamsell Wunderlich hatten einen Punkt, wo sie sich sympathisch begegneten. Das war der Ärger über die „lieben Verwandten“ ihres Herrn, die ihm das Leben schwer machten. Sie wären am liebsten mit einem kräftigen Donnerwetter dazwischengefahren. Scheveking bereitete nur der eine Umstand Genugtuung, dass er genau wusste, keiner dieser kriechenden Erbschleicher würde sein Ziel erreichen. Er allein wusste außer dem Rechtsanwalt, wen Friedrich von Leyden zu seinem Erben eingesetzt hatte.

In diesem Spätherbst nun begann Leyden zu kränkeln und blieb ans Zimmer gefesselt. Noch stiller und wortkarger wurde er darüber. Seine Augen schweiften oft mit einem seltsamen schwermütigen Blick zum Fenster hinaus in das herbstlich gefärbte Land. Er empfing keine Besuche, auch seine Verwandten nicht, so sehr sie sich auch bemühten, Einlass in sein Zimmer zu finden.

Der Schlossherr musste schweren, drückenden Gedanken nachhängen, dem Ausdruck seines Gesichtes nach zu urteilen. Von seinem Rechtsanwalt empfing er oft lange Briefe, die ihn scheinbar sehr interessierten. Nur diese Berichte rissen ihn zuweilen aus seinem Dahinbrüten.

Das Ergebnis dieser Grübeleien war eine erneute Beratung mit seinem Rechtsanwalt, die zur Folge hatte, dass Leyden sein vor fünfzehn Jahren niedergelegtes Testament erneuerte und mit einem Anhang versah. Dieser Anhang enthielt eine Bestimmung, von der auch Scheveking nichts erfuhr.

Als ob ihn nun nichts mehr am Leben hielte, verfiel Friedrich von Leyden zusehends. Wohl raffte er sich noch einige Male auf und unternahm sogar in der Silvesternacht, wie jedes Jahr, wenn Schnee lag, eine lange, einsame Schlittenfahrt. Dabei zog er sich aber eine Erkältung zu, die ihn völlig aufs Krankenbett warf.

Der herbeigerufene Arzt stellte Lungenentzündung fest. Hartnäckig bestand der Kranke darauf, dass man ihm seine Verwandten fernhielt. Außer dem Arzt durften nur sein alter, treuer Diener Dillenberger und Inspektor Scheveking zu ihm. Die beiden von ihm erprobten Männer übernahmen abwechselnd die Pflege ihres Herrn und verteidigten seine Tür, dass niemand zu ihm gelangen konnte, den er nicht sehen wollte.

Inzwischen verging der Winter, im März kamen schon warme Tage. Schnee und Eis gab es seit Mitte Februar nicht mehr. Auf den Feldern sollte die Arbeit beginnen. Scheveking musste den Kranken jetzt viel mit Dillenberger allein lassen.

An einem hellen, sonnigen Märzmorgen ritt Scheveking mit trübem Gesicht vom Feld heim. Am Rand des Waldes, der sich neben dem Fahrdamm der Eisenbahnlinie hinzog, kam ihm ein junges, schlankes Mädchen in Trauerkleidung entgegen. Ihr blasses, liebliches Gesicht zeigte die Spuren vergossener Tränen. Scheveking hielt dicht vor ihr sein Pferd an.

„Guten Morgen, Fräulein Delius!“

„Guten Morgen, Herr Inspektor! Wie geht es Herrn von Leyden?“

Das Gesicht des Alten umschattete sich wieder.

„Er hatte keine gute Nacht. Ich fürchte, es steht schlimm.“

„Der arme, alte Herr!“

Es klang warmes, herzliches Mitleid aus diesem Ausruf. Scheveking nickte.

„Ja, das weiß Gott, er ist mehr zu bedauern, als man glaubt. Na, und Sie? Sie kommen gewiss wieder vom Kirchhof?“

Sie wandte die Augen von ihm fort, um zu verbergen, dass es feucht darin aufstieg.

„Ich habe meinem Vater ein paar Blumen hingetragen. Er liebte Blumen so sehr.“

Scheveking nickte wieder.

„Nun sind schon drei Wochen um, seit der Herr Professor da draußen unter der Erde schläft. Den hat auch eine von denen auf dem Gewissen, die der Herr im Zorn erschuf. Was macht denn die Frau Stiefmama, he?“

Ein wilder Grimm lag in seiner Stimme.

Eva-Maria Delius zog die Stirn wie im Schmerz zusammen.

„Sie jammert. über unsere Armut. Lieber Herr Inspektor, wenn doch Herr von Leyden bald wieder gesund würde! Er wollte uns doch unser kleines Anwesen für fünfunddreißigtausend Mark abkaufen. Die Zinsen :würden wenigstens meiner Stiefmutter ein bescheidenes Auskommen sichern.“

„Na, und Sie?“

„Sobald ich wieder fähig bin, mich aufzuraffen, will ich mir eine Stellung suchen. Ich bin jung und gesund und habe allerlei gelernt.“

„Sie sind imstande zu so einer Dummheit. Unsinn, der Frau Stiefmama alles hinzugeben! Sie sind genauso gutmütig wie Ihr Herr Vater“, polterte Scheveking los.

„Ich kann nicht länger anhören, wie sie auf meinen Vater schimpft. Sie soll alles haben, damit sie Ruhe gibt.“

Scheveking lachte grimmig auf. „So ist’s recht, stecken Sie ihr nur alles zu, damit sie es auch noch durchbringt, wie das ganze schöne Vermögen Ihres Vaters. Und Sie drücken sich dann bei fremden Leuten herum. Herrgott noch mal, da kann einen doch die Wut packen!“

Er riss wild an den Zügeln, so dass sein Pferd erschreckt zur Seite sprang. Das junge Mädchen blickte mit wehmütigem Lächeln zu ihm auf.

„Zanken Sie nicht! Ich weiß ja doch, dass Sie nicht halb so böse sind, wie Sie sich immer den Anschein geben.“

Scheveking machte ein brummiges Gesicht.

„Guten Morgen! Ich muss mich beeilen, um zu meinem Kranken zu kommen.“

Damit brach er das Gespräch kurz ab, gab seinem Pferd die Sporen und ritt eiligst davon. Eva-Maria sah ihm eine Weile nach, dann setzte sie ihren Weg fort.

In unmittelbarer Nähe der kleinen Bahnstation lag am Waldrand ein schlichtes Landhäuschen inmitten eines großen Gartens. Dieses Häuschen hatte Professor Delius früher mit seiner Familie nur als Sommerfrische benutzt. Seit aber sein Vermögen durch die Verschwendungssucht seiner zweiten Frau verloren gegangen war und eine lange Krankheit ihn zwang, seine Professur niederzulegen, hatte er sich ganz hierher zurückgezogen. Seine Frau, einst eine bewunderte Schönheit, jetzt ein übermäßig starkes, aufgedunsenes Weib, machte ihm und seiner Tochter das Leben zur Hölle durch ihre Klagen über das „jammervolle Knauserleben“, das sie doch durch ihre Verschwendungssucht selbst verschuldet hatte.

Eva-Maria suchte mit der schmalen Pension das Leben in dem kleinen Häuschen so erträglich wie möglich zu gestalten und dem Vater ein wenig Sonnenschein zu geben. Als Botaniker liebte er die Blumen sehr. Seine größte Freude war sein Garten, in dem er von früh bis abends schaffte, so lange seine Kräfte reichten. Er zog die schönsten Rosen in der Umgegend, und Eva-Maria unterstützte ihn nach Kräften.

Nun war Professor Delius seit drei Wochen tot. Damit erlosch auch seine Pension. Die beiden Frauen besaßen jetzt nichts mehr als das kleine Anwesen und die bedeutend zusammengeschmolzene Bibliothek des Professors. Den größten Teil davon hatte Frau Professor Delius vor vierzehn Tagen für tausend Mark verkauft. Davon fristeten die beiden Frauen jetzt ihr Leben.

Für Eva-Maria stand es seit dem Tod ihres Vaters fest, dass sie ihr Leben von dem der Stiefmutter trennen wollte. Nichts hielt sie mehr bei ihr fest. Und wenn sie ihr den Kaufpreis für das Anwesen überließ, würde es ihr gewiss nicht einfallen, sie zurückzuhalten. Nur einige Monate wollte sie noch hier verbringen, bis das Häuschen verkauft war; inzwischen würde sie sich nach einem Unterkommen bei fremden Menschen umgesehen haben.

Eva-Maria war zu Hause angelangt und ging gleich in ihr Zimmer, um mit ihren Gedanken und Plänen allein zu sein.

***

Friedrich von Leyden war am zwanzigsten März in den Armen seines treuen Dillenbergers gestorben. Niemand war sonst zugegen als der Arzt und Hermann Scheveking. Noch ehe er beerdigt war, fielen die Leydens über Scheveking her und suchten ihn auszuforschen, ob der Verstorbene ein Testament hinterlassen hatte und wer zum Erben bestimmt worden war. Scheveking fuhr sie in seinem Schmerz um den Toten grob an und schob die buschigen Augenbrauen immer finsterer zusammen.

Das trug ihm feindliche Blicke genug ein. Alle waren einig, dass Scheveking „fliegen“ müsse, wenn das Gericht erst die Erben bestimmt hatte. An ein Testament glaubten die wenigsten. Hatte doch niemand eine Ahnung davon, dass es lange schon bei Gericht lag. War kein Testament vorhanden, so erbten alle zu etwa gleichen Teilen, da kein naher Verwandtschaftsgrad bestand. Das Vermögen würde dann in fünfzehn Teile gehen, und jeder hatte schon ausgerechnet, wie viel auf seinen Teil kam.

Da gab es nun eine große Aufregung, als plötzlich kund wurde, dass Friedrich von Leyden doch ein Testament hinterlassen hatte. Die Gemüter waren sehr beunruhigt, denn keiner konnte sich rühmen, dass Friedrich von Leyden ihm ein Zeichen besonderen Wohlwollens gegeben hätte.

***

Armin von Leyden hatte nach schweren inneren Kämpfen seine Ruhe wiedergefunden. Hans von Rippach stellte mit Vergnügen fest, dass er wieder ein leidlich vernünftiger Mensch wurde. Dass Armin Alexandra Wendhoven noch nicht vergessen hatte, sondern sie trotz allem noch liebte, gestand er nur sich selbst ein. Er sprach mit Rippach nicht mehr davon.

Zum Glück war die junge Frau mit ihrem Mann während des Winters an der Riviera. Armin brauchte ihr also in der Gesellschaft nicht zu begegnen.

Es fehlte den beiden Freunden nicht an Zerstreuung. Sehr oft verkehrten sie im Hause von Rippachs Oheim, der gern junge Leute um sich sah, und, selbst kinderlos, seinen zahlreichen Neffen und Nichten oft Gesellschaften gab.

So ging der Winter vorüber.

Eines Tages saßen die beiden Freunde im Kaffeehaus und blätterten Zeitungen durch. Da stieß Armin plötzlich einen leisen Ruf der Überraschung aus. Rippach sah auf.

„Was gibt’s?“

„Ich lese hier eben, dass Friedrich von Leyden gestorben ist.“

„Ein Verwandter von dir?“

„Ja, so über sieben Dörfer hinweg. Ein Vetter meines Vaters. Übrigens ein Naturwunder.“ „Wieso?“

„Der einzige Leyden, der Geld hat – Geld und einen herrlichen Grundbesitz in Thüringen.“

„Etwa ein Erbonkel? Dann gratuliere ich.“

„Nicht nötig. Er ist zwar unverheiratet und ohne Leibeserben. Jedoch hat meine ganze Verwandtschaft vor Anbetung fast auf dem Bauch vor ihm gelegen. Ein widerliches Treiben. Mein Vater hat sich stets von ihm zurückgehalten; er war gottlob zu ehrlich zum Erbschleicher. Friedrich von Leyden pochte auf seinen Reichtum und war der unliebenswürdigste, kratzbürstigste Mensch, den man sich denken kann.“

Rippach hatte seine Zeitung weggelegt und sah Leyden interessiert an.

„Hast du ihn gekannt?“

„Ein einziges Mal bin ich mit ihm zusammengetroffen. Das ist aber schon sehr lange her. Ich war damals noch auf dem Gymnasium. Die Familie Leyden hatte nämlich aus irgendeiner Veranlassung einen so genannten Familientag einberufen. Dazu hatten sie meinen Vater auch genötigt. Er plante zufällig zu derselben Zeit mit mir eine Fußtour durch Thüringen. Der Familientag war, jedenfalls dem reichen Leyden zu gefallen, in die seinem Gut nächstgelegene Stadt gelegt worden. So konnte mein Vater ohne Mühe dabei sein. Und ich wurde mitgenommen und kam mir ungeheuer wichtig vor. Wer weiß, was ich mir unter so einem Familientag gedacht hatte! Jedenfalls etwas Welt erschütterndes. Ich fand jedoch nur eine Anzahl Menschen, die sich alle riesig um einen Mann bemühten. Das war der bewusste Friedrich von Leyden. Mein Vater hatte mir unterwegs erzählt, dass er seinen Freund im Duell erschossen hatte vor langen Jahren. Na, kannst dir ja denken, dass ich ihn ansah mit einem Gefühl aus Grauen und Bewunderung gemischt.“

„Kann ich mir sehr gut vorstellen. Aber erzähle weiter, das interessiert mich!“

„Es gibt nicht viel zu erzählen. Mein Vater hielt sich sehr abseits von diesem Reigen um das goldene Kalb. Und ich begriff nicht, warum sich alle die Menschen von Friedrich von Leyden so schlecht und verächtlich behandeln ließen, Ich habe wohl auch recht finstere Blicke zu ihm hinübergeworfen. Irgendetwas muss ihn aufmerksam auf uns gemacht haben. Er schob plötzlich energisch all die anderen von sich und trat auf uns zu. Ein leises Lächeln glitt über seine finsteren Züge, als er mich ansah. Mir war unter diesen durchdringenden Augen gar nicht wohl, aber ich hielt seinen Blick aus. Dann wandte er sich zu meinem Vater und reichte ihm die Hand.

‚Du bist Adolf von Leyden, und das ist dein einziger Sohn Armin?‘

‚So ist es‘, sagte mein Vater und legte seine Hand nur flüchtig in die des reichen Vetters.

‚Warum begrüßt du mich nicht auch so freundlich wie die da?‘

Er zeigte auf die übrigen. Mein Vater zuckte die Achseln.

‚Ich bin zu ehrlich, um dir mehr Freundschaft zu heucheln, als ich empfinde.‘

‚Also du bist mir nicht freundlich gesinnt?‘

‚Ich kenne dich zu wenig.‘

‚Ja, du besuchst mich nie. All die anderen kommen oft. Du niemals.‘

‚Ich habe als Arzt wenig freie Zeit – und was soll ich bei dir?‘ Da lachte Friedrich spöttisch, aber voll Bitterkeit.

‚Ein bisschen Erbschleichen, wie die anderen auch.‘

Mein Vater sah ihn ernst an.

‚Du kennst mich nicht, sonst würdest du so nicht reden. Ich habe es nicht nötig, mich zu demütigen, und täte es auch nicht, wenn ich’s nötig hätte.‘

‚Ah, du bist selbst vermögend?‘

‚Nein, aber ich verdiene als Arzt, was ich brauche, um meine Familie zu ernähren.‘

‚Aber du hast einen Sohn; tätest du es auch nicht für ihn?‘

‚Der wird sich seinen Platz im Leben auf ehrliche Weise schaffen wie sein Vater. Davor ist mir nicht bange.‘

Friedrich von Leyden sah meinen Vater lange durchdringend an, dann mich in gleicher Weise. Schließlich legte er mir die Hand auf den Kopf.

‚So, meinst du?‘, fragte er langsam.

Ich schüttelte im Knabenungestüm seine Hand ab und sah ihn trotzig an.

‚Lass mich, ich mag dich nicht, du sollst meinen Vater in Ruhe lassen!‘, rief ich laut.

Da lachte er in sich hinein und ging zu den anderen zurück.

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