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Hedwig Courths-Mahler – Folge 040

Mein inniggeliebter Papsi!

Wir haben uns nicht lange in Paris aufgehalten, Mrs. Lee und ich, denn ich wollte doch nun endlich Deutschland erreichen und mich in deinem Vaterland umsehen. Paris sehe ich ja dann später auf der Rückreise mit dir. Es bleibt doch dabei, Herzenspapsi, dass wir dich Anfang August in Genua erwarten können? Bis dahin sind noch gut zwei Monate, und ich will sehr viel sehen bis zu diesem Zeitpunkt, und natürlich auch lernen. Du sollst schon sehen, dass deine Helen alles gut und recht macht. Brauchst gar keine Angst um mich zu haben. Ich weiß ja, dass du mich nicht gern allein fortgelassen hast. Obwohl ich drüben ganz selbstständig auftreten durfte, bekamst du es doch mit der Angst, als ich dir mitteilte, dass ich schon ein Vierteljahr vor dir nach Europa reisen wollte. Mit einem Mal wurdest du wieder ganz deutlich und wolltest deine Helen am liebsten in Watte wickeln. Aber ich habe außer von meinem geliebten Papsi auch von meiner Mutter allerhand geerbt, und sie war doch eine smarte Amerikanerin und hat mich so erzogen, dass ich immer und überall weiß, wie ich mich benehmen muss, auch ohne meinen Papsi. Ich habe mich darein gefügt, dass du mir Mrs. Lee mit auf die Reise gabst, aber – nicht weil ich eine so genannte Anstandsdame brauche. Ich hätte auch ohne sie meinen Reiseplan ausführen können, aber ganz offen und ehrlich, geliebter Papsi, ich hatte in der Hauptsache vor, Mrs. Lee aus deiner Nähe zu entfernen.

Ja, Papsi, die liebe Mrs. Lee hat Absichten auf deinen, oder eigentlich nur auf ‚Reichtum‘, sie ahnt nicht, dass ich allein alles erbe, was Mama hinterlassen hat, und dass du nur die Nutznießung von meinem Vermögen hast, bis ich mündig bin. Das spielt zwar zwischen uns keine Rolle, mein Papsi, denn du wirst, solange du lebst, immer der Verwalter meines Vermögens sein und immer so leben können wie bisher. Aber für Mrs. Lee würde das eine sehr große Rolle spielen, sie will zuerst deinen Reichtum, dann dich als zwar unbequeme, aber notwendige Zugabe. Ja, geliebter Papsi und so als Zugabe ist mir mein Papsi viel zu gut.

Und so lange du den mehr oder minder energischen Absichten Mrs. Lee standhaft und kalt gegenüberstandest, ließ ich die Dinge ruhig gehen. Aber in letzter Zeit merkte ich, dass mein Papsi anfing, schwach zu werden. Warum auch nicht? Sie ist ja eine sehr hübsche und interessante Vierzigerin – ich glaube allerdings, dass sie einige Jahre unterschlägt, sie ist, glaube ich, schon fünfundvierzig – und sie versteht es großartig, zu kokettieren. Und wie gesagt, sie betreibt eine Heirat zwischen dir und ihr mit solcher Entschiedenheit, dass es die höchste Zeit war, dich in Sicherheit zu bringen. Und sie hat es sehr wohl gemerkt, dass ich sie nur deshalb entführt habe. Sie hat mich stets als lästig empfunden, jetzt aber hasst sie mich, und es wird ihr sehr schwer, mir immer noch die sanfte Mütterlichkeit vorzutäuschen.

Es ist sehr lustig und lehrreich für mich, wie sie sich mir gegenüber einstellt. Erstens einmal möchte sie mir jeden Einkauf, jede Anschaffung und überhaupt jede Geldausgabe verbieten; sie tut es auch mehr oder minder deutlich und weist darauf hin, dass du sicher böse sein würdest, wüsstest du, wie ich das Geld nur so hinauswerfe. So drückt sie sich aus. Aber ich antworte darauf nur mit meinem liebenswürdigsten Lächeln. Sie ahnt ja nicht, dass ich mein eigenes Geld ausgebe und dass ich mich innerhalb der mir gesteckten Grenzen halte. Aber wenn das auch nicht der Fall ist – was geht es sie an, was ich ausgebe? Oh, ihrer Ansicht nach sehr viel! Sie betrachtet sich schon als künftige Mrs. Jung und meint, es sei ihr Geld. Ich brauchte ihr ja nun nur zu sagen, wie die Dinge liegen, aber so boshaft bin ich nicht, Papsi, ich tue es nicht. Vorläufig wenigstens nicht. Das ist mein letzter Trumpf, um sie kaltzustellen.

Bist du nun sehr böse, Papsi? Nein, ich weiß, im Grunde magst du sie so wenig wie ich, abgesehen davon, dass sie eine sehr tüchtige und elegante Repräsentantin unseres Hauses ist, die uns alle Sorge und Mühe um den Haushalt abnimmt. Aber darauf soll sie sich beschränken. Doch das genügt ihr nicht, sie will Herrin deines Hauses werden. Eigentlich müsste man sie in ihre Enttäuschung hineinlaufen lassen, und ich glaube, es wäre sehr lustig, ihr Gesicht zu sehen, wenn sie erfährt wie die Dinge liegen, aber – mein Papsi ist mir zu gut für so etwas, er soll um keinen Preis diese Frau heiraten, denn sie würde ihn unglücklich machen. Ganz gewiss, Papsi. Du musst nicht denken, dass ich so selbstsüchtig bin, überhaupt keine Stiefmutter zu wollen. Du bist mit deinen fünfzig Jahren noch ein so rüstiger und – nicht eitel werden – interessanter Mann, dass du sehr wohl noch eine Frau glücklich machen kannst, oder von einer Frau beglückt werden kannst, aber diese Frau darf nicht Mrs. Jane Lee sein; die ist mir nicht gut genug. Wir werden gemeinsam nach einer anderen Frau für dich suchen, Papsi.

So, nun weißt du alles, und nun sei so gut und schicke mir ein Telegramm nach Berlin, wo ich im Hotel Adlon untergebracht bin. Ich gedenke einige Wochen in Berlin zu bleiben und von hier aus einige Abstecher durch Deutschland zu machen, ehe ich durch die Schweiz nach Italien weiterreise.

Denke dir, Berlin wirkt auf mich großartiger als Paris, es ist eine wunderschöne Stadt. Also bitte, geliebter Papsi – ein Telegramm, dass du nicht böse bist.

Deiner dich herzlich liebenden

Helen

Aufatmend legte Helen Jung die Feder nieder, las den Brief nochmals durch und machte ihn postfertig. Sie war gerade damit fertig, als Mrs. Jane Lee, ihre Begleiterin, ins Zimmer trat.

„Ah, Sie sind fertig, Miss Helen? Ich wollte fragen, was Sie für heute Abend vorhaben. Haben Sie Lust, in die Oper oder in ein Schauspiel oder in eine der Revuen zu gehen? Ich glaube, im Großen Schauspielhaus werden Sie Erstklassiges zu sehen bekommen.“

Helen hatte sich ihr zugewandt und sah sie lächelnd an.

„Nichts habe ich vor, Mrs. Lee, ich denke, wir gehen heute einmal zeitig zur Ruhe.“

Sie merkte sehr wohl, dass dies durchaus nicht nach Mrs. Lees Geschmack war. Die Dame war sehr vergnügungshungrig und immer darauf aus, sich zu amüsieren. Aber sie sagte doch:

„Wie Sie wünschen, Miss Helen. Aber vielleicht wollen Sie noch am Tag eine Ausfahrt machen?“

„Auch das nicht, Mrs. Lee, ich bin schrecklich faul heute und möchte im Hotel bleiben. Aber ich brauche Sie nicht. Wenn Sie einen Spaziergang machen wollen, steht dem nichts im Weg.“

Zum Gehen hatte aber Mrs. Lee keine Lust, sie war, solange sie im Hause Jung war, immer gefahren, auch die kürzesten Wege. Etwas argwöhnisch sah sie nach dem Brief, der vor Helen lag. Unlustig, auszugehen, sagte sie ruhig:

„Dann bleibe ich auch im Hotel, Miss Helen. Aber wenn Sie länger in Berlin bleiben wollen, wie Sie mir sagten, dann müssen Sie sich wohl einen Wagen halten.“

Es blitzte übermütig in Helens Augen auf.

„So, muss ich?“

„Aber Miss Helen, Sie können doch Berlin nicht kennen lernen, ohne einen Wagen zu haben.“

Helen sah nun wieder ganz ernst aus.

„Meinen Sie? Nun, dann will ich mich darum bemühen, einen Wagen zu mieten.“

„Das kann ich Ihnen doch abnehmen, Miss Helen, ich könnte das gleich heute besorgen.“

„Nein, lassen sie nur, wir können gut bis morgen warten! Dann sparen wir schon für einen Tag die Miete. Sie prägen mir doch immer ein, dass ich sparsam sein soll.“

„Nun ja, wo das Geld unnötig ausgegeben wird. Aber ein Wagen ist doch nötig.“

„Richtig! Da Sie nicht gut zu Fuß sind, Mrs. Lee. Also morgen sehe ich mich danach um. Heute will ich sparen. Ich verzichte sogar auf das Abendessen unten im Speisesaal und lasse mir nur Tee und etwas Toast bringen. Sie leisten mir gewiss dabei Gesellschaft?“

Das war nun wieder nicht nach Mrs. Lees Geschmack. Sie selbst liebte eine üppige Tafel sehr, und die Aussicht auf Tee und Toast als Abendmahlzeit gefiel ihr durchaus nicht. Aber sie sagte mit einem Seufzer zu.

Dann fragte sie:

„Soll ich Ihren Brief gleich hinunter zur Post geben?“

Scheinbar harmlos sah Helen zu ihr auf.

„Oh, ich will Sie nicht bemühen, ich werde den Boy herbeirufen, er kann den Brief aufgeben.“

Es zuckte in Mrs. Lees Gesicht. Aber sie verneigte sich.

„So darf ich mich jetzt zurückziehen?“

„Bitte sehr! Ruhen Sie sich ein wenig aus, Mrs. Lee, wir haben ja eine anstrengende Reise hinter uns, und vor uns liegt noch eine Reihe von Anstrengungen.“

So zog sich Mrs. Lee zurück und als sich die Tür hinter ihr geschlossen hatte, verunstaltete ein hässlicher Ausdruck ihr Gesicht. Es lag ein kalter Hass in ihren Augen. Und sie begab sich nicht in ihr Zimmer, sondern hinunter ins Vestibül, wo sie neben dem Lift wartend stehen blieb. Eine Weile später kam ein Boy im Lift herabgefahren, mit dem Brief in der Hand, der eben noch vor Helen Jung gelegen hatte. Schnell trat sie an den Boy heran.

„Geben Sie mir den Brief, den Ihnen Miss Jung übergeben hat, ich gehe gleich selbst zur Post und werde ihn mitnehmen.“

Arglos lieferte der Boy Mrs. Lee den Brief aus, denn er wusste, dass die beiden jungen Damen zusammengehörten.

Mrs. Lee begab sich nun in ihr Zimmer. Sooft sie es einrichten konnte, nahm sie in alle Briefe Einsicht, die ihre junge Herrin fortschickte, und wenn möglich auch in die, die Helen bekam. Es war also nicht das erste Mal, dass sie das Briefgeheimnis Helens verletzte, wie sie auch schon drüben in New York nach Möglichkeit die Post eingesehen hatte. Mit gefurchter Stirn öffnete sie behutsam das Kuvert. Sie zog den Brief heraus und begann zu lesen. Je weiter sie kam, umso mehr verzerrte sich ihr Gesicht.

Ja, Mrs. Lee hatte wirklich schon seit langem die Absicht, sich Mr. Jungs Gunst zu erringen, und sie rechnete unbedingt darauf, dass er sie heiratete. Sie wusste auch, dass ihr das gelingen würde, denn Mr. Jung war dem weiblichen Geschlecht gegenüber ziemlich hilflos. Aber es war ihr auch nicht entgangen, dass sie in Helen eine harte Widersacherin gefunden hatte. Aber Mrs. Lee war nicht so leicht von einem Ziel abzubringen. Ganz abgesehen davon, dass sich ihre noch sehr wachen Sinne für Mr. Jung entflammt hatten, wollte sie auch die Herrin seines Hauses und seines riesigen Vermögens werden. Daran wollte sie sich ganz gewiss durch Helen nicht hindern lassen. Und je mehr sie spürte, dass Helen ihre Gegnerin war, umso mehr wurde das junge Mädchen ihr verhasst. Sie musste leider vorläufig all ihren Groll mit einem liebenswürdigen Lächeln hinunterschlucken, aber sie gelobte sich, wenn sie ihr Ziel erreicht haben würde, alles zu tun, um Helen aus dem Herzen und dem Haus ihres Vaters zu drängen. Dann wollte sie Vergeltung üben.

Dass Helen ganz genau über ihre Gefühle orientiert war, ging aus dem Inhalt ihres Briefes an den Vater hervor, und wenige Minuten später war Mrs. Lee auch darüber im Bild, wie Helen zu ihr stand. Aber das beschäftigte sie jetzt nicht so sehr wie der übrige Inhalt des Briefes. Ganz blass und ratlos sah die ränkevolle Frau auf den Brief herab, aus dem sie so plötzlich erfuhr, dass nicht Mr. Jung der Erbe seiner Frau und somit ein sehr reicher Mann war, sondern dass er nur bis zu Helens Mündigkeit die Nutznießung an dem Vermögen hatte. Erreichte Helen also ihre Mündigkeit, was ja in knapp einem Jahr geschehen würde, dann war ihr Vater ebenso nur von ihrer Gnade abhängig, wie sie selber es war.

Wütend warf sie den Brief auf den Tisch. Dass sie von Helen durchschaut war, als sei sie von Glas, ärgerte sie maßlos, und ihr Hass grub sich noch tiefer in ihre Seele. Wie lächerlich es diesem jungen Ding erschienen war, wenn sie zur Sparsamkeit ermahnt wurde von ihr! Freilich, es war ja auch lächerlich, wie die Dinge lagen. Aber natürlich durfte sie in Zukunft diese Bemühungen, sie zur Sparsamkeit anzuhalten, nicht fallen lassen, damit Helen nicht etwa daraus schließen konnte, dass sie diesen Brief gelesen hatte. Keine Ahnung durfte sie haben, dass sie nun alles wusste.

Denn Mrs. Lee dachte auch nach Einsicht in diesen Brief nicht daran, ihre Jagd nach der Gunst Mr. Jungs aufzugeben. Erstens war sie wirklich in ihn verliebt, und dann – konnte man denn wissen, ob Helen Jung noch so lange lebte, bis sie mündig war? Bei diesem Gedanken sprühte es gefährlich in den kalten, sinnlichen Augen der Frau auf. Sie sah in diesem Moment aus wie ein Raubtier auf der Lauer. Ja, Helen war doch jetzt monatelang mit ihr auf der Reise. Und sie war oft sehr unbesonnen und waghalsig; wie leicht konnte ihr etwas zustoßen! Zumal – wenn man da ein bisschen nachhelfen würde?

Hätte Helen Mrs. Lee jetzt in die Augen sehen können, sie hätte wahrscheinlich nicht mehr so amüsiert an sie gedacht, wie sie es tat.

Ja, Mrs. Lee sah sehr gefährlich aus. Weg war alle Liebenswürdigkeit, alle sonst zur Schau getragene Sanftmut. Das war eine Frau, die vor nichts zurückschreckte, um ihr Ziel zu erreichen.

Schnell steckte sie nun wieder den Brief in den Umschlag und schloss ihn mit großem Geschick, so, dass nicht zu merken war, dass er geöffnet worden war. Dann nahm sie hastig Hut und Mantel und begab sich zur nächsten Post, wo sie den Brief aufgab.

Während ihrer Abwesenheit klingelte Helen nach dem Boy. Es kam derselbe, dem sie vorher den Auftrag gegeben hatte, ihren Brief zu besorgen. Sie gab ihm einen Auftrag und fragte dann:

„Meinen Brief haben Sie doch befördert?“

Er stutzte und sah sie etwas unbehaglich an.

„Mrs. Lee sagte mir, sie wolle ihn selbst zur Post bringen, und ich glaubte, das sei in Ihrem Auftrag geschehen.“

Es zuckte leise um Helens Mund. Aber der Boy bekam keinen Tadel, nur sagte sie zu ihm:

„Bitte, halten Sie sich in Zukunft an das, was ich Ihnen sage. In diesem Fall hat es weiter nichts auf sich, aber es könnte sein, dass es mir wichtig wäre, meine Aufträge genau erfüllt zu sehen.“

„Sehr wohl, Miss Jung, aber ich habe nicht geglaubt, etwas zu tun, was Ihnen nicht zusagen würde. Ich bitte um Entschuldigung.“

Sie nickte dem erblassten Kerlchen lächelnd zu.

„Schon gut! Aber in Zukunft machen Sie das Versehen dadurch gut, dass Sie sich streng nach meinen Befehlen richten. Sagen Sie dem Pförtner, er möge alle für mich einlaufende Post unten bei sich behalten, bis ich sie selbst abhole. Niemand anderes ist berechtigt, Post für mich anzunehmen. Verstanden?“

„Ja, Miss Jung!“

Sie drückte ihm eine Silbermünze in die Hand.

„So! Damit Sie meinen Auftrag nicht vergessen!“

Der Boy verneigte sich und sah sie strahlend an, ehe er das Zimmer verließ.

Helen warf sich in einen Sessel und sah grübelnd vor sich hin.

***

Ralph Normann ging langsam unter den Linden entlang. Sein gebräuntes Gesicht hatte einen müden, abgekämpften Ausdruck, und seine Augen sahen starr ins Weite. Er schrak auf, als ein anderer Herr, der ihm entgegenkam, ihn in freudiger Überraschung anrief.

„Ralph Normann! Bist du das wirklich?“

Ralph richtete seine Augen auf den andern.

„Du bist es, Herbert? Das freut mich aber wirklich, dich einmal wiederzusehen.“

Die einstigen Jugendfreunde sahen sich eine Weile stumm an. Dann sagte Ralph aufatmend:

„Du siehst wohl und munter aus, und ich brauche dich nicht zu fragen, wie es dir geht.“

„Jetzt gottlob wieder gut, nachdem ich alle Hemmungen überwunden habe und aufs Hotelfach übergegangen bin.“

„Aufs Hotelfach? Wie meinst du das?“

Herbert Karstens Lippen zuckten ein wenig.

„Also ich weiß nicht, ob du mich nach diesem Geständnis noch kennen willst – ich habe eine Anstellung im Adlon gefunden, im Empfangsbüro, wo man die Gäste empfängt, ihnen die Schlüssel zu ihren Zimmern überreicht, ihre Zimmernummern notiert und etwaige Wünsche in liebenswürdigster Weise anhört, also sozusagen ‚Grüßaugust‘.“

Es lag eine leise Bitterkeit in den Worten Herbert Karstens. Ralph aber drückte ihm krampfhaft die Hand.

„Das wird sicher gut bezahlt, Herbert und du bist beneidenswert, dass du so eine Anstellung gefunden hast. Es ist doch ein ehrliches Brot, das du isst. Mir geht es bedeutend schlechter. Wie du habe auch ich keine Stelle als Ingenieur gefunden. Ich laufe nun mit meinem mühsam erkämpften ‚Dr. Ing.‘ herum. Die letzten Studienjahre habe ich, wie du weißt, ebenso durchgehungert wie du. Und jetzt eben überlegte ich mir, dass mir nur ein. Weg bleibt, mich vor dem Verhungern zu schützen.“

„Und was ist das für ein Weg? Aber warte, mein lieber Freund, wir wollen uns nicht hier auf der Straße aussprechen, ich habe heute meinen freien Tag und bin also Herr meiner Zeit. Komm mit mir zu Habel, da sitzen wir behaglich und ungestört!“

Ein bitteres Lächeln huschte über das interessante, aber schmale Gesicht Ralph Normanns.

„Ausgeschlossen, mein Lieber, meine letzten Barmittel gestatteten mir nicht mal, bei Aschinger ein Paar warme Würstchen zu verzehren. Ich kann dich also leider nicht begleiten.“

„Aber selbstverständlich lade ich dich ein.“

„Du würdest wahrscheinlich sehr lange auf eine Gegeneinladung warten müssen!“

„Wer denkt denn daran, Ralph! Haben wir nicht oft genug den letzten Bissen brüderlich geteilt? Ich lasse dich auf keinen Fall los, wir müssen uns mal wieder gründlich aussprechen. Wir haben uns doch bald ein Jahr nicht mehr gesehen und werden einander viel zu erzählen haben.“

Und ohne Umschweife schob Herbert Karsten seine Hand unter Normanns Arm und zog ihn mit sich fort. Sie sprachen kein Wort mehr, bis sie bei Habel an einem Tisch saßen.

Obwohl Herbert Karsten durchaus keinen Hunger hatte, bestellte er sich doch etwas zu essen, um Ralph zu veranlassen, ebenfalls etwas zu sich zu nehmen. Auch bestellte er eine Flasche Wein. Als der Kellner die Bestellung entgegengenommen hatte, fragte Karsten, seine Hand auf die des Freundes legend:

„Also was für ein Weg bleibt dir, wie du so verbissen sagtest, um dich vor dem Verhungern zu schützen?“

Ralph atmete tief auf.

„Also hör zu! Aus dem ganzen Schlamassel, der das Vermögen meines Vaters in alle Winde streute, blieb mir, wie du weißt, nur das Auto, das mein Vater in der letzten Zeit erst gekauft hatte. Es sollte in der Auktion, in der meines Vaters Nachlass verkauft wurde, einen so schäbigen Preis bringen, dass alles in mir dagegen revoltierte. Also erstand ich das Auto selbst mit dem letzten Rest, den ich noch besaß. Ich musste freilich dafür erst noch alles zu Geld machen, was ich hatte, aber ich sagte mir, für den Preis, der in der Auktion geboten wurde, könnte ich später das Auto immer noch verkaufen, denn es war im Verhältnis zum Wert des Wagens eine Kleinigkeit. Also, ich erstand den Wagen, und unser gemeinsamer Freund Halm bot mir an, ihn in seiner Garage mit einzustellen, bis ich wieder flott würde. Nun, flott bin ich leider nicht geworden, aber den Wagen habe ich noch, obwohl ich verschiedene Male drauf und dran war, wenn mich der Hunger peinigte, ihn zu verkaufen. Aber ich hatte immer das Gefühl, dass mich dieser Wagen vor dem Schlimmsten behüten könnte. Und kurz und gut, so weit ist es nun, und ich habe eben den Entschluss gefasst, mir mit meinem Wagen als Chauffeur mein Brot zu verdienen.“

Er sah den Freund bei diesen Worten an, als müsse er in seinem Gesicht etwas wie Entsetzen lesen. Aber Herbert Karsten blieb ganz ruhig, nickte ihm zu und sagte:

„Eine ausgezeichnete Idee, mein Alter! Da du den Wagen besitzt, wirst du dein eigener Herr sein können. Alles, was du verdienst, gehört dir.“

„Das dachte ich mir auch. Ich werde mich also als Droschkenchauffeur anmelden. Führerschein habe ich ja, und hier in Berlin kenne ich mich aus wie nicht so leicht ein Zweiter.“

„Richtig, Ralph, aber ich würde dir raten, diesen Beruf sozusagen privat zu betreiben, nicht als Taxichauffeur, sondern als Unternehmer für eigene Rechnung. Und dabei könnte ich dir behilflich sein. Sieh mal, im Hotel kommt es oft vor, dass Autos verlangt werden, die nicht gleich als Taxameter erkannt werden. Da haben wir momentan eine junge Amerikanerin mit ihrer Gesellschaftsdame im Hotel. Die hat mir heute Morgen gesagt, dass sie ein Auto mieten will für ihren wochenlangen Aufenthalt in Berlin. Sie will damit Ausflüge außerhalb Berlins machen. Ich soll ihr eine Firma empfehlen, die ihr solch einen Wagen stellen kann. Glücklicherweise ist die Sache noch nicht abgeschlossen, und ich habe ihr gesagt, dass ich mich nach einem passenden Wagen umsehen werde. Das wäre also gleich ein günstiger Zufall für dich. Ich werde Miss Jung die Sache schon schmackhaft machen, zumal ich doch weiß, dass du ein tüchtiger Chauffeur und ein sehr gewissenhafter Mensch bist. Natürlich werde ich es ihr nicht auf ihre allerdings sehr reizende Nase binden, dass wir in einem Freundschaftsverhältnis stehen, denn dann wird sie möglicherweise misstrauisch. Kannst du morgen Vormittag gegen elf Uhr im Hotel sein?“

„Gewiss, jederzeit, Herbert.“

„Schön, dann erwarte ich dich um elf Uhr im Vestibül des Hotels.“

„Ich bin dir sehr dankbar, gleichviel, ob etwas daraus wird oder nicht.“

„Es wird schon klappen! Und dann werde ich weiter für dich sorgen. Es kommen sehr oft solche Anfragen. Lass mich nur machen, Ralph! Und du brauchst nicht schüchtern zu sein mit den Preisen – es kommt da nicht so drauf an.“

„Was meinst du, was ich verlangen soll?“

Sie berieten das gemeinsam. Karsten konnte wertvolle Winke geben.

„Natürlich muss dein Wagen gut instand sein.“

„Unbesorgt, Herbert, es ist ein erstklassiger Motor, und die Karosserie sehr elegant und tadellos erhalten. Da bin ich gar nicht bange. Der Wagen wird schon gefallen.“

Karsten lachte.

„Und der Chauffeur unbedingt auch. Obwohl du ein bisschen abgemagert bist, aber das wird sich schnell wieder ändern, wenn du nicht mehr so knapp bei Kasse bist.“

Ralph atmete tief auf.

„Ich habe mir den Brotkorb schon lange hoch hängen müssen, aber so hoch wie in den letzten Wochen hing er mir noch nie.“

„Das wird wieder besser werden, Ralph. Man muss sich in diesen Zeiten nur klar werden, dass man jede Möglichkeit, Geld zu verdienen, ausnützen muss.“

„Du musst mir nun von dir erzählen, Herbert. Wie bist du zu deiner Stellung gekommen?“

Karsten berichtete, dass es ihm genauso ergangen war wie Ralph, dass er auch keine Anstellung als Ingenieur hatte finden können und dass er schon ganz verzweifelt gewesen war, als ihm ein Freund seines verstorbenen Vaters die Stellung im ...

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