Logo weiterlesen.de
Hedwig Courths-Mahler - Folge 039

Viellieber Bruder, Waldhofbauer, Maler, Sinnierer und Prachtkerl!

Kannst du dich der schönen Tage noch entsinnen, da dir die Liebe zu deiner Dorothea wie flammendes Feuer durch die Adern jagte und dir den gesunden Murmeltierschlaf deiner Nächte raubte? Ich weiß ganz genau, dass du damals für alles, was nicht Dorothea Mylius hieß oder mit ihr zusammenhing, nur sehr mäßiges Interesse hattest. Du warst in jener Zeit ungenießbar für alle Menschen, Dorothea ausgeschlossen. Das Verständnis für deinen damaligen Seelenzustand ging mir bisher ab – aber jetzt, jetzt kann ich dir nachfühlen. Kurz und gut, ich will heiraten, und zwar ein Mädchen, das ich mit grenzenloser Innigkeit liebe.

Mach nicht so unglaublich erstaunte Augen, Waldhofbauer, und rede mir nicht etwa bedächtig drein. Zu jung soll ich sein zum Heiraten? Du, ich bin achtundzwanzig Jahre, Doktor, künftiger Privatdozent, gesund, stark wie ein Bär, ein Meter achtzig groß, noch nicht vorbestraft und im Besitz der nötigen Mittel. Im Ernst, Albertus, ich will meine Gefühle nicht verzetteln in allerlei Liebeleien, ‚Weiber‘ sind mir unausstehlich – ich will die Frau; die Frau, die meinem Leben den Vollwert gibt, fest und treu neben mir steht und der ich all mein starkes, unverbrauchtes Empfinden entgegenbringen kann, um ein ganzes, volles Herz dafür einzutauschen. So denke ich mir die Ehe, nur so will ich verheiratet sein.

Ich will dir nicht alle Vorzüge meiner Angebeteten aufzählen. Sie ist so, wie ich mir die Ergänzung meines eigenen Ichs immer gedacht habe. Meine Liebe zu ihr ist treu, fest und stark, und obwohl ich ihr noch kein Wort von Liebe gesprochen habe, weiß ich doch, dass sie voll Sehnsucht der Stunde entgegenharrt, da ich sie heimführe. Ihre schönen, reinen Augen sind holde Verräter. Nein, keine Angst, ich werde nicht poetisch, obwohl ich sogar imstande wäre, Gedichte zu machen. Ich schone dich.

Genug – ich gehe in den nächsten Tagen zu dem pensionierten Amtsmann Hartwig und bitte ihn um die Hand seiner Tochter Wilma, und dann sage ich ihr, dass ich sie liebe und mit allen Fasern meines Seins zur Frau begehre.

Sie ist arm, mein Mädchen, aber gottlob bin ich vermögend genug, um nicht warten zu müssen, bis ich so viel verdiene, meiner Frau ein warmes, sorgloses Nest zu bauen. Sie soll es gut bei mir haben. Wohl mir, dass unsere Vorfahren so bieder gespart haben und dass unser lieber alter Waldhof Jahr um Jahr schwere Batzen in die alte Eichentruhe lieferte. Du hast dir ja jetzt einen Safe angeschafft, weil dir die Truhe nicht mehr sicher genug erschien. Damit hast du wohl recht getan. Es streicht allerlei Gesindel draußen herum, und die alte Truhe könnte Liebhaber finden und wäre dann nicht so spröde wie ein festgefügter Geldschrank. Aber wie ein Fremdling kam er mir doch vor, dieser Geldschrank, als ich zuletzt zu Hause war in den Ferien, und ich hab die alte Truhe gestreichelt, ganz heimlich. Sie hat doch Hunderte von Jahren das Vermögen der Waldhofbauern geborgen. Und nun bewahrt Anne-Dore, die jüngste Waldhofbäuerin, die Andenken an ihre verstorbene Mutter darin auf. Arme Dorothea, dass sie so früh sterben musste. Und du willst ihr keine Nachfolgerin geben – deines Kindes wegen. Ich verstehe das, Albert. Vollen Ersatz würde dir doch keine bieten. Und jede würde dich deinem Kind entfremden.

Aber genug davon! Wie geht es zu Hause? Hat Anne-Dore eine neue Erzieherin? Dass sie sich mit Fräulein Meisenheim nicht gut stellen kann, verdenke ich ihr nicht. Solch eine kleinliche, vom Unfehlbarkeitsteufel besessene Person mit allen Mücken und Tücken einer Kreuzspinne passt nicht zu uns. Gib ihr den Laufpass und lass Anne-Dore lieber weiter wie ein wildes Füllen aufwachsen, bis du eine geeignete Lehrerin für sie gefunden hast! Unsere brave Frau Sonnemann wird neben den Regierungsgeschäften für den Haushalt schon noch Zeit genug finden, weiter für das leibliche Wohl Anne-Dores zu sorgen. Schwer wird es sein, die rechte Person für sie zu finden. Anne-Dore ist von echter Hendrichsenscher Eigenart und nur von Menschen, die sie liebt, leicht zu behandeln. Bange ist mir trotzdem nicht für sie. Wenn es nicht anders geht, schickst du sie, wenn ich verheiratet bin, ein paar Jahre zu uns. Mir sollte es eine Freude sein, sie zu unterrichten, und von meiner künftigen Frau kann sie weibliche Anmut und den nötigen Schliff erlernen. Wir wollen sie schon mit Liebe zur Pflicht führen. Vorläufig ist sie aber im Waldhof am besten aufgehoben. Wenn ich sie im Geist mit den Mädels im gleichen Alter zusammenhalte, die hier in Berlin herumlaufen, bin ich sehr froh, dass sie mit ihren zwölf Jahren noch ein so ungedrillter Wildfang ist. Das läuft hier in diesem Alter schon herum mit koketten, wissenden Augen und flirtet und liebäugelt, dass man den Kopf schüttelt. Nein, lass unsere Anne-Dore ruhig noch in ihrer paradiesischen Ungewissheit!

Und damit will ich diesen endlosen Brief schließen. Ich könnte zwar noch Bände schreiben von dem, was mein Herz erfüllt und mit Wilma Hartwig zusammenhängt, aber ich sehe im Geist deine scharfen Maleraugen mit den humorvollen Falten ringsum. Du könntest mir den Spott zurückzahlen, mit dem ich als dummer Bub dein Empfinden verletzte, wenn du von Dorothea sprachst. Ich schweige also lieber still und bringe dir Wilma nach dem Waldhof, wenn sie erst meine Braut ist. Sie soll im Waldhof die Weihe erhalten, damit sie dort Heimatrecht erhält und eine rechte Hendrichsen wird. Treu, wahr und klar.

Grüß mir Anne-Dore, den Wildfang, auch die Hüterin des Waldhofs, Frau Sonnemann! Dir einen Händedruck, mein Alter

Dein Klaus

Klaus Hendrichsen warf die Feder hin, steckte den Brief in die Hülle und sprang auf. Mit ausgebreiteten Armen reckte er seine breitschultrige, sehnige Gestalt und fuhr sich mit den Händen durch das sich aufbäumende, dunkle Haar, den Kopf dabei mit einer ruckweisen Bewegung zurückwerfend. Darauf vollführte er mit vergnügtem Gesicht einige gymnastische Bewegungen mit den Armen, als sei ihm das lange Stillsitzen am Schreibtisch beschwerlich gewesen.

Eine Melodie vor sich hinpfeifend, trat er dann in das nebenanliegende Schlafzimmer und machte sich zum Ausgehen fertig.

Draußen lag goldener Sonnenschein auf den Straßen. Die Menschen hasteten mit helleren Gesichtern als sonst aneinander vorbei. Der Maienzauber löste überall frohes Leben aus. Die Straßenjungen balgten sich mit erneuter Energie, und selbst in die müden Droschkengäule schien mehr Leben gekommen zu sein. Sie warfen die Köpfe zurück und versuchten mit den schnaubenden Automobilen Schritt zu halten.

Klaus Hendrichsen schlenderte gemächlich durch das bunte Treiben. Unter den Linden erstand er, sich selbst ein wenig verspottend, eine Blume für sein Knopfloch. Dann ging er dem Tiergarten zu. Einige Male sah er dabei nach der Uhr. Seine Augen sogen förmlich das rege Leben auf, das ihn umwogte. Mancher Blick aus Frauenaugen streifte wohlgefällig den stattlichen jungen Mann, der den charakteristisch männlichen Kopf stolz und frei trug. Mit seinem gesunden braunen Teint und den strahlenden blauen Augen stach er vorteilhaft ab von den blassen Großstadtgesichtern mit den müden, blasierten Blicken.

Nachdem er das Brandenburger Tor passiert hatte, wandte er sich links ab, und seine Schritte beschleunigten sich. Erwartungsvoll spähten seine scharfen Augen die Straße entlang, und plötzlich huschte es wie Sonnenschein über sein Gesicht.

Eine schlanke junge Dame kam mit dem schnellen elastischen Schritt der Großstädterin die Straße entlang. Sie trug ein schlichtes, aber schick wirkendes dunkelblaues Tuchkostüm, das sich reizvoll um die jugendschönen Glieder schmiegte. Die schmalen Füße in eleganten Schuhen sahen unter dem faltigen Rocksaum hervor. Auf dem goldblonden, welligen Haar saß ein entzückend kleidsames Hütchen, und ihre schönen Augen beherrschten ein liebes, hübsches Gesicht mit feinen, klaren Zügen.

Klaus Hendrichsens Herz klopfte stürmisch. Er hatte in der jungen Dame sofort Wilma Hartwig erkannt, noch ehe sie ihm nahe genug gekommen war, um ihre Züge unterscheiden zu können. Er wusste, dass sie um diese Zeit hier vorbeikommen würde, wenn sie aus der Klavierstunde nach Hause ging.

Auch die junge Dame hatte Doktor Hendrichsen längst erkannt, ehe sie herangekommen war. In ihren Augen zuckte es seltsam auf. Aber nur einen Augenblick, dann bekamen diese Augen sofort wieder den klaren, sanften Blick, der Hendrichsen an ihr entzückte.

Als er nahe genug herangekommen war, grüßte er ehrerbietig. Wilma Hartwig sah ihn an, und als er stehen blieb, um sie anzureden, verhielt auch sie den Schritt.

„Mein gnädiges Fräulein, darf ich mich erkundigen, wie es Ihrer Frau Mutter geht? Als ich gestern Ihren verehrten Eltern meine Aufwartung machen wollte, hörte ich, dass Ihre Mutter leidend sei.“

Während er das sagte, senkten sich seine Augen herrisch und zwinkernd und doch voll weicher, gütiger Zärtlichkeit in die ihren. Sie gab den Blick voll und klar zurück und lächelte dabei.

„Mama hatte nur ihre Migräne, sie ist wieder ganz wohl.“ Er schritt an ihrer Seite.

„Das freut mich aufrichtig, umso mehr, da es mich drängte, Ihre verehrten Eltern um eine mir sehr wichtige Unterredung zu bitten.“

Er sah sie dabei bedeutungsvoll an.

Sie gab sich den Anschein der Unbefangenheit, obwohl verräterisches Rot in ihr Gesicht stieg.

„Dann werden wir bald das Vergnügen haben, Sie bei uns zu sehen?“, fragte sie liebenswürdig, während ihre Augen zu ihm aufblickten mit einem klaren Ausdruck, den er so sehr an ihr liebte.

Er verneigte sich.

„Wenn ich hoffen dürfte, morgen Ihre Eltern anzutreffen?“

„Das glaube ich Ihnen versprechen zu können. Ich werde meinen Eltern sagen, dass Sie uns einen Besuch zugedacht haben.“

„Ich danke Ihnen herzlich, gnädiges Fräulein.“

Sie plauderten noch einiges über gleichgültige Dinge, wobei jedoch ihre Blicke oft tief ineinander tauchten.

An der Kronprinzenbrücke verabschiedete Wilma Hartwig ihren Begleiter in liebenswürdiger Weise und schritt allein weiter.

Er sah ihr mit frohen Augen nach, bis sie am gegenseitigen Ufer entschwand. Dann kehrte er um, das Herz voll Seligkeit. Morgen – morgen würde er sie in seinen Armen halten dürfen, an seinem unruhig und sehnsuchtsvoll klopfenden Herzen. Keinen Augenblick zweifelte er an ihrer Gegenliebe. Er war gewiss kein eingebildeter Narr. Eitelkeit kannte er nicht. Er glaubte nur den lockenden, zärtlichen Blicken. Seinem redlichen Sinn war berechnende Koketterie, die sich hinter so warmen Blicken barg, etwas Unbekanntes, Unverständliches. Hätte er das spöttische Lächeln gesehen, das Wilmas hübschen Mund verzog, als sie sich von ihm abgewendet hatte – er wäre nicht so siegessicher und glückstrunken gewesen.

***

Wilma Hartwig war zu Hause angelangt. Ihre Eltern bewohnten eine kleine, nett eingerichtete Wohnung. Im Wohnzimmer vegetierte Amtmann Hartwig tagaus, tagein. Seit er ohne Beförderung pensioniert worden war, gestanden ihm seine Frau und seine Tochter kaum noch Daseinsberechtigung zu. Er ließ sich stumpfsinnig als Null behandeln und war froh, wenn ihn die beiden Damen in Ruhe ließen.

Frau Hartwig war noch sehr lebenslustig. Sie grollte ihrem Mann, dass er es nicht weiter gebracht hatte und setzte alle Hoffnung auf eine bessere, glänzende Zukunft auf eine Karte – die Schönheit ihrer Tochter.

Wilma war direkt darauf gedrillt worden, eine reiche Partie zu machen. Sie wusste auch, dass es für sie nur diesen einen Weg gab, aus der Misere zu kommen, die in ihrer Familie herrschte.

Aber es war nicht leicht, eine solche Partie zu machen. Wilma hatte nun schon einige Winter vergebens getanzt, geflirtet und kokettiert, ohne Erfolg zu haben. An Partnern zu einem amüsanten Flirt hatte es ihr nie gefehlt, Ernst hatte aber keiner gemacht. Im letzten Winter endlich hatten sich aus der Schar ihrer Anbeter zwei Herren abgesondert, denen ernste Absichten zuzutrauen waren. Aber die Saison ging zu Ende, ohne dass ein Antrag erfolgt war.

Klaus Hendrichsen zur Erklärung zu bringen, wäre Wilma nicht schwer gefallen. Erschien ihr aber so sicher, dass sie ihm immer wieder auswich. Der andere war ihr viel begehrenswerter.

Leider war es ihr nicht gelungen, diesem anderen eine Erklärung abzunötigen, obwohl sie alle Hebel in Bewegung setzte. Als einziger Sohn eines schwerreichen Kommerzienrats war Kurt Stein entschieden eine glänzendere Partie als Klaus Hendrichsen. Obgleich er aber noch immer fleißig im Haus ihrer Eltern verkehrte und ihr eifrig den Hof machte, kam er mit dem Antrag nicht heraus.

Wilma, als kluge, junge Dame, wollte es jedoch auch nicht mit dem Doktor Hendrichsen verderben, solange sich der andere nicht erklärt hatte. Immerhin war auch er eine sehr gute Partie.

Unmutig trat die junge Dame ins Wohnzimmer, nachdem sie Hut und Handschuhe abgelegt hatte. Sie fand ihre Mutter allein zu Hause, der Vater „trug seinen Zylinder spazieren“, wie seine Frau spöttisch zu sagen pflegte, wenn er ausging.

„Tag, Mama!“

„Tag, Kind!“

Wilma warf sich seufzend in einen Sessel.

„War Stein heute Nachmittag hier?“, fragte sie, ihre Mutter unruhig betrachtend.

„Nein, du weißt doch ganz genau, dass er nur kommt, wenn er sicher ist, dich zu treffen.“

Wilma trommelte ungeduldig auf der abgenutzten roten Tischdecke herum.

„Mir wäre es lieber, er käme endlich, wenn er wüsste, Papa anzutreffen. Es ist nicht mehr zum Aushalten, Mama. Ich weiß nicht mehr, was ich tun soll. Es scheint mir doch, als ob er überhaupt nicht will.“

Die alte Dame seufzte.

„Dann hab ich mich gründlich getäuscht, Wilma. Auf Stein hätte ich geschworen.“

Wilma lachte nervös auf.

„Gut, dass du es nicht getan hast. Übrigens traf ich Doktor Hendrichsen. Er will morgen zu euch kommen in einer wichtigen Angelegenheit. Was das bedeutet, weißt du. Ich kann seiner Erklärung nicht länger ausweichen. Ihn abzuweisen, wäre Leichtsinn. Es bleibt uns nichts übrig, als seinen Antrag anzunehmen.“

Die Mutter zog die Stirn zusammen.

„Schade. Stein wäre mir lieber.“

„Mir auch, das kannst du mir glauben! Dass er viel reicher ist, will ich dabei noch ganz aus dem Spiel lassen. Aber er ist mir überhaupt lieber als Hendrichsen. Der ist so unglaublich gründlich und schwerfällig – Bauernblut –, er ist ja stolz auf seine Abstammung wie ein Prinz. Stein ist entschieden amüsanter, leichtlebiger, man muss in seiner Gesellschaft nicht immer in lauter Tugend und Vortrefflichkeit aufgehen. Er versteht meine Art viel besser als Hendrichsen, der mich entschieden verkennt und allerlei Vorzüge bei mir vermutet, die ich nun mal nicht besitze. Es ist ungemütlich, überschätzt zu werden, man hat immer das Gefühl, bei jedem Schritt herabzustürzen von dem Piedestal der angedichteten Vollkommenheit. Schön kann ich es mir nicht denken, Hendrichsens Frau zu werden. Mit Stein würde ich vergnüglicher leben können.“

Ihre Mutter sah nachdenklich vor sich hin. Dann richtete sie sich auf. „Du müsstest noch ein letztes Mittel versuchen.“

„Welches?“

„Steins Eifersucht zu wecken. Bisher hast du so geschickt laviert, dass die beiden Herren von ihrer Nebenbuhlerschaft keine Ahnung haben. So glaubt jeder, deiner sicher zu sein. Wenn man nun Stein beibrächte, dass Hendrichsen ernste Absichten auf deine Hand hat? Vielleicht lockte ihn das aus der Reserve.“

Wilma überlegte.

„Ja, das wäre ein letztes Mittel. Aber die Zeit ist kurz. Hendrichsen kommt schon morgen.“

„Nun, Stein kann heute noch kommen – oder morgen. Im schlimmsten Fall muss Papa ein Machtwort sprechen und von Hendrichsen einige Tage Bedenkzeit verlangen. Inzwischen werde ich Stein deutlich zu verstehen geben, dass du ihm verloren bist, wenn er nicht schnell zugreift. Nützt auch das nicht, dann ist alles vergebens. Dann musst du Hendrichsens Bewerbung annehmen. Es wäre zu gewagt, auf eine günstigere Partie zu warten.“

Wilma seufzte.

„Allerdings. Eine arme Tochter hat nicht viele Chancen. Du hast Recht, Mama, dies letzte Mittel müssen wir noch versuchen. Hoffentlich hilft es. Für Hendrichsen habe ich wirklich nicht viel übrig.“

„Er ist aber doch ein sehr hübscher und netter junger Mann.“

„Ja doch, ja. Ansehnlicher und stattlicher als Stein. Aber in all seiner Vorzüglichkeit langweilig zum Sterben. Wenn er mir von seinem Waldhof erzählt, von seinem noch vortrefflicheren Bruder und allen Hühnern und Gänsen, die er mit inbrünstiger Liebe zu umfassen scheint, dann bekomme ich den Gähnkrampf. Ich glaube, er wäre imstande, mich während der ganzen Universitätsferien auf diesen idyllischen Waldhof zu schleppen. Schrecklich!“

„Es wird ja nicht gleich so schlimm werden, und im Sommer ist es auch mal ein paar Wochen auf dem Land auszuhalten.

Da jetzt der Amtmann nach Hause kam, unterbrachen die beiden Damen ihr Gespräch. In seiner Gegenwart pflegten sie Sachen von Wichtigkeit nicht zu erörtern. Wenn man ihn zu irgendetwas brauchte, wurde ihm seine Rolle einstudiert, und er musste sie spielen, wenn er auch meist erst ein wenig revoltierte. Dann wurde er aber schnell mit Vorwürfen still und gefügig gemacht.

Still und verdrossen nahmen jetzt die drei Menschen den dünnen Tee ein, wozu sie einige billige Kekse verzehrten. Es musste bei der schmalen Pension sehr sparsam gewirtschaftet werden, wenn man nach außen den Schein einer gewissen Vornehmheit wahren wollte.

Nachdem Wilma ihren Tee zu sich genommen hatte, gab ihr die Mutter, die nachdenklich vor sich hingesehen hatte, einen verstohlenen Wink. Sie wusste aus Erfahrung, dass sie zu verschwinden hatte. Mama wollte gewiss ihrem Gatten die Rolle einstudieren, die er zu spielen hatte in diesem letzten Schachzug.

Die junge Dame ging in den Salon hinüber, um Klavier zu spielen.

Frau Hartwig räusperte sich und sah ihren Mann freundlich an.

„Ich habe eine Bitte an dich, lieber Paul.“

Der „liebe Paul“ rückte unruhig auf seinem Stuhl herum und sah gar nicht erbaut aus. Wenn seine Gattin freundlich zu ihm war, hatte sie jedes Mal eine unangenehme Mission für ihn in Bereitschaft.

Der grauköpfige Mann mit dem verdrießlichen Gesichtsausdruck blickte zu seiner noch recht stattlichen und hübschen Frau hinüber.

„Was denn schon wieder?“

Sie sah ihn strafend an.

„Es gilt das Glück unseres einzigen Kindes, Paul.“

„Na ja, dann schieß nur los! Was soll ich denn tun?“

Sie erklärte ihm kurz die Sachlage. Er sollte, wenn Hendrichsen morgen kam und um Wilmas Hand anhielt, den vorsichtigen, besorgten Vater spielen – „der du leider gar nicht bist“ – und sich von Hendrichsen einige Tage Bedenkzeit ausbitten. Zugleich sollte er verlangen, dass Hendrichsen erst nach Ablauf dieser Bedenkzeit, und dann nur nach erfolgter Zustimmung, Wilma selbst seinen Antrag machte.

Der Amtsmann sah noch verbissener aus.

„Das ist ja wieder ein reizender Auftrag! Hätte es mir denken können. Umsonst bist du nicht freundlich zu mir.“

Seine Gattin richtete sich kriegsbereit auf. „Soll das heißen, du willst nicht? Natürlich, wenn du einmal was für deine Familie tun sollst, sträubst du dich!“

„Sträuben? Als ob mir das nützte, wenn du etwas durchsetzen willst. Ich sehe aber gar nicht ein, was die ganze Quälerei für einen Zweck hat. Das lässt sich doch viel einfacher arrangieren.“

Seine Frau zuckte überlegen die Achseln. „Da wäre ich wirklich begierig – wie denn?“

„Du schreibst Hendrichsen eben ein paar liebenswürdige Zeilen – gegen andere Leute kannst du ja sehr liebenswürdig sein –, teilst ihm mit, dass uns Wilma seinen Besuch angekündigt hat, den du ihn aber zu verschieben bittest, weil – nun, sagen wir, weil ich krank geworden bin. Ich will euch ja gern gefällig sein und meinetwegen auch nicht ausgehen, bis ich gesund sein darf. Sobald ihr dann mit Stein endlich im Klaren seid, melden wir Doktor Hendrichsen meine Genesung, und dann kann er wenigstens eine klipp und klare Antwort haben. Das macht jedenfalls einen besseren Eindruck, als wenn wir allerlei Winkelzüge vom Stapel lassen.“

Seine Gattin fand im Stillen, dass ihr Gatte doch zuweilen noch lichte Momente hatte. Der Rat war gut, das war nicht zu leugnen. Man konnte ihn immerhin akzeptieren. Sie erklärte gnädig ihr Einverständnis, und ihr Gatte zündete sich erleichtert eine seiner billigen Zigaretten an.

***

Am nächsten Morgen erwachte Klaus Hendrichsen mit einem sehr feiertäglichen Gefühl. Voll freudiger Unruhe sprang er aus dem Bett und kleidete sich an. Nach beendeter Toilette begab er sich in sein Wohnzimmer.

Die alte Dame, die ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Hedwig Courths-Mahler - Folge 039" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen