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Hedwig Courths-Mahler - Folge 038

Bettina Gerold stand am Fenster des vornehmen Speisezimmers. Die hübsche Frau, eine angehende Vierzigerin, schaute mit lebhafter Spannung über die weiten Rasenflächen des Gartens hinüber nach dem Fabrikgebäude der Firma Fritz Herbig.

Es war Mittagszeit. Vor wenigen Minuten hatte anhaltendes Pfeifen in der Fabrik den Beginn der Mittagspause angekündigt. Nun quoll ein Menschenstrom aus dem breiten Tor. Die Arbeiter und Arbeiterinnen hasteten den Weg hinab, der am Gartenzaun des Hauses Herbig vorbeiführte.

Dieses Haus bewohnte der Besitzer der Fabrik, Fritz Herbig, mit seiner verwitweten Schwester Bettina Gerold und deren einzigem Sohn Bernhard.

Fritz Herbig war Junggeselle. Er war achtunddreißig Jahre alt und hatte, wie er seinen Bekannten lächelnd versicherte, bisher noch keine Zeit gehabt, sich eine Lebensgefährtin zu suchen.

Zum Teil entsprach das der Wahrheit, Herbig hatte vor zehn Jahren von seinem Vater die Fabrik übernommen. Damals bestand sie aus einem niedrigen Haus, in dem schlecht und recht auf einigen Webstühlen billige Möbelstoffe gewebt wurden. Fritz Herbig besaß Unternehmungsgeist, Schaffenskraft und einen klaren Blick. Er fasste die Sache besser an als sein kränklicher, überängstlicher Vater. Und der Erfolg heftete sich an seine Fersen. Fünf Jahre nach dem Tod seines Vaters wurde bereits das neue große Fabrikgebäude in Betrieb genommen, und im Jahr darauf ließ er das kleine, altersschwache Wohnhaus zu einem hübschen, vornehmen Landhaus umbauen.

Statt der vierzig Arbeiter schafften jetzt vierhundert in den großen Fabriksälen, und im Zeichensaal saßen mehrere Künstler und Künstlerinnen, die mit dem Entwerfen neuer Muster beschäftigt waren.

Bei Fritz Herbigs rastlosem Schaffen war ihm tatsächlich nicht viel Zeit für die holde Weiblichkeit geblieben. Da ihm seine Schwester in geradezu musterhafter Weise den Haushalt führte, entbehrte er auch eine Frau bisher nicht. Bettina Gerold bemühte sich, ihrem Bruder alle Wünsche von den Augen abzulesen. Freilich nicht ohne selbstische Beweggründe. Sie war arm. Ihr kleines Vermögen, das ihr bei ihrer Verheiratung ausbezahlt worden war, reichte gerade bis zum frühen Tod ihres Mannes, der in seiner Stellung als Regierungsbeamter nur ein sehr geringes Gehalt bezog. Sie wäre mit ihren kleinen Ruhegehalt in große Not geraten, hätte sie der Bruder nicht zu sich genommen. Und nun hatte sie sich an das gute Leben gewöhnt und wünschte durchaus nicht, dass er eine junge Frau heimführte. Zu diesem Wunsch hatte sie auch noch eine viel größere Veranlassung: Sie liebte ihren Sohn grenzenlos. Und sie wollte diesem Sohn das Erbe seines Oheims sichern. Herbig sollte sich als Junggeselle so wohl fühlen, dass er gar nicht auf den Gedanken kam, sich eine Frau zu suchen.

Bisher hatte ihr der Bruder auch keinerlei Veranlassung zur Besorgnis gegeben. Fand er einmal flüchtiges Wohlgefallen an einer jungen Dame, dann verstand es Bettina, ihr so viele schlechte Eigenschaften anzudichten, dass sie allen Reiz für ihn verlor.

Nun war aber vor einigen Monaten eine begabte Zeichnerin angestellt worden, die Bettina eine gewisse Unruhe verursachte. Nach ihrer Ansicht beschäftigte sich ihr Bruder zu viel mit der jungen Dame. Zunächst war das freilich eine ganz harmlose Veranlassung. Ohne selbst zeichnen zu können, ersann Herbig die eigenartigsten Entwürfe. Er gab seinen Zeichnern mit etwas ungelenkten Strichen die Einzelheiten eines Entwurfs an, und diese führten dann die Zeichnung aus.

Seit nun die junge Dame, Fräulein Maria Rottmann, im Zeichensaal der Firma angestellt war, hielt sich Herbig meist an sie mit seinen Aufträgen. Sie verstand es besonders gut, auf seine Gedanken einzugehen, und traf fast immer das Richtige. Herbig war sehr froh darüber. Es war für ihn eine große Erleichterung und Zeitersparnis. Manchmal bat er sie sogar Sonntag vormittags zu sich. Sie erschien dann genau so pünktlich in der Villa wie drüben in der Fabrik. Sie nahm seinen Auftrag entgegen, führte ihn aus und legte ihm die Zeichnung vor. Dabei wurde nie ein Wort zwischen den beiden gesprochen, das nicht auf die Zeichnungen oder die Fabrik Bezug hatte.

War Maria Rottmann fertig, dann entfernte sie sich ebenso ruhig und mit höflichem Gruß, wie sie gekommen war. Sie zeigte sich nicht unterwürfig, sondern benahm sich wie ein Mensch, der sich seines Könnens ohne Überheblichkeit bewusst ist Und Herbig verkehrte mit ihr durchaus nicht anders, als er es mit einem männlichen Angestellten getan hätte.

Aber Bettina Gerold war trotzdem voll Unruhe und sah mit wenig freundlichen Augen auf das häufige Beisammensein der beiden.

Auch jetzt galt ihr forschender Blick Maria Rottmann. Seit das Mittagszeichen ertönte, stand sie am Fenster und spähte mit scharfen Augen nach dem Fabriktor hinüber.

Und plötzlich grub sich eine unmutige Falte in ihre Stirn. Ihr Bruder war eben aus der Fabrik getreten und neben ihm schritt eine schlanke Mädchengestalt. Sie trug einen schlichten grauen Lodenrock und eine weiße Hemdbluse mit einem schwarzen Schleifchen am Kragenschluss; dazu ein rundes Strohhütchen mit schwarzem Band.

Bettina wandte ihren Blick nicht von ihr ab.

Wie selbstverständlich sie neben ihrem Arbeitsherrn dahinschritt – als sei er ganz ihresgleichen! Sie sah zu ihm empor und schien aufmerksam seinen Worten zu lauschen, während er eifrig auf sie einsprach.

Bettinas Finger trommelten unmutig auf dem Fensterbrett. Wahrhaftig, da ging er achtlos an der Gittertür vorüber, die zur Villa führte, und schritt noch bis zur Straßenecke mit. Erst dort blieb er stehen, zog den Hut und kam langsam zurück.

Ärgerlich wandte sie sich vom Fenster ab und trat zu der gedeckten Tafel. Mit einem prüfenden Blick überflog sie noch einmal die drei Gedecke und ging dann mit einem tiefen Seufzer hinüber in den Vorsaal, um ihren Bruder zu begrüßen. Sobald er eintrat, zwang sie einen heiteren, unbefangenen Ausdruck in ihr Gesicht.

„Tag, Bettina! Komme ich zu spät? Oder ist Bernhard auch noch nicht zu Haus?“

„Bernhard ist auch noch nicht hier, Fritz.“

„Schön, dann krieg ich keine Schelte“, sagte er lachend, Bettina umfassend und neben ihr ins Zimmer tretend. Sie lachte auch.

„Ach, darin hast du es gut, Fritz. Schelte bekommst du nie. Den Vorzug hast du als Junggeselle, dass du kommen und gehen kannst, wann du willst. Als Ehemann würde für dich wohl manches anders sein.“

Fritz wusste, weshalb sie ihm bei jeder Gelegenheit die Vorzüge seines Junggesellentums ins günstigste Licht rückte. Er hatte sie trotzdem herzlich lieb. Noch mehr liebte er seinen Neffen, einen prächtigen, lebensfrischen Primaner, den er wie seinen eigenen Sohn hielt. Sein offenes, ehrliches Wesen erfüllte ihn mit Freude. Er beeinflusste seinen Werdegang mit liebevollem Verständnis, zog ihm die Zügel nicht zu straff und ließ ihn sich ohne kleinlichen Zwang entfalten. Schon frühzeitig weckte er in ihm das Bewusstsein der eigenen Verantwortlichkeit und stärkte so seine Willenskraft. Trotz des Altersunterschieds verkehrte er mit ihm wie ein Freund, lenkte ihn dabei aber mit weiser Vorsicht unmerklich dahin, dass er selbst immer den rechten Weg fand.

Bettina wünschte, dass Bernhard in die Fabrik des Oheims eintreten sollte.

„Ich weiß, Onkel Fritz erwartet das als selbstverständlich, Bernhard“, hatte sie ihm gesagt. Dass sie in ihm schon den künftigen Chef der Firma Herbig sah, verschwieg sie ihm wohlweislich, denn ihr Sohn hätte für ihre Wünsche und Hoffnungen kein Verständnis gehabt.

Da er zum Kaufmannsstand keine Lust hatte, sondern eine starke Neigung für das Maschinenbaufach besaß, ging er eines Tages zu seinem Onkel. Er lag nach Tisch immer ein halbes Stündchen lesend auf dem Sofa in seinem Zimmer. Und Bernhard ging mit all seinen kleinen und großen Anliegen stets um diese Zeit zu ihm. Er setzte sich dann neben ihn und wippte so lange ruhelos auf und ab, bis Onkel Fritz lachend seine Zeitung weglegte. So auch an jenem Tag. Er sah seinen Neffen einen Augenblick prüfend an. Dann sagte er lächelnd:

„Na, Junge, nun schieß mal los! Was hast du auf dem Herzen?“

Bernhard hörte auf zu wippen und sah mit seinen offenen, klaren Augen in die des Onkels.

„Du, ist es wahr, dass dir so sehr viel daran liegt, dass ich Kaufmann werde?“

„Wer hat dir gesagt, dass mir so viel daran liegt?“

„Mama natürlich. Sie will, dass ich in deine Fabrik eintrete.“

Herbig lächelte.

„Mir scheint, du hast diesen Gedanken nicht gerade mit Entzücken aufgegriffen, hm?“

Bernhard wippte weiter.

„Erst sollst du meine Frage beantworten; ich habe zuerst gefragt.“

Herbig lachte herzlich.

„Du, dann sitz erst mal still! Wenn du so weiter turnst, krieg ich die Seekrankheit. So! Nun also meine Antwort: meinetwegen werde Schuster, Schneider oder Handschuhmacher! Werde, was du willst – aber werde es ganz! Wähle deinen Beruf so, dass du ihn als ganzer Mann ausfüllen kannst und Lust und Liebe dazu mitbringst. Dann wählst du recht und nach meinem Wunsch.“

Bernhard war aufgesprungen und hatte sich mit ernster Miene vor den Oheim hingestellt.

„Ich möchte Maschinen bauen, Ingenieur werden. Neulich hab ich auf dem Bahnhof eine Lokomotive gesehen – ach, Onkel Fritz, du glaubst nicht, wie herrlich die aussah! Wie die einzelnen Teile sich so leicht und schnell bewegten und ineinander fügten – ich war ganz begeistert und konnte nicht fortsehen. Siehst du, so etwas möcht ich bauen, aber noch schöner, noch besser. Kannst du mich verstehen?“

Herbig hatte wohlgefällig an dem schlanken Jungen emporgesehen.

„Es wäre doch das erste Mal, dass wir uns nicht verstünden, Junge.“

„Und du hast nichts dagegen?“

„Nein, im Gegenteil.“

Bernhard hatte tief Atem geholt.

„Gott sei Dank!“ Aber dann machte er ein betrübtes Gesicht.

„Aber was wird Mama sagen?“

Herbig legte seine Hand auf den Arm des Jungen.

„Lass gut sein, Bernhard! Mit der Mutter bring ich das in Ordnung, wenn es so weit ist. Vorläufig werde erst mal auf dem Gymnasium fertig! Eher brauchen wir gar nicht darüber zu reden. Hauptsache, wenn wir ‚Männer‘ uns nur einig darüber sind!“

Seit jenem Tag verstanden sich Onkel und Neffe noch besser als sonst. Und Bettina freute sich darüber, ohne zu ahnen, dass man ihren Wünschen entgegenarbeitete.

Kurze Zeit, nachdem Herbig mit seiner Schwester ins Wohnzimmer getreten war, kam auch Bernhard Gerold nach Hause. Sein hübsches, gebräuntes Gesicht strahlte vor Vergnügen beim Anblick der beiden geliebten Menschen. Wenige Minuten später saßen sich die drei bei Tisch gegenüber.

„Da hab ich übrigens eine Neuigkeit für euch. Morgen in vierzehn Tagen ist es zehn Jahre her, dass ich die Fabrik übernahm. Ich gedenke zur Feier des Tages meinen Leuten ein Fest zu. geben und rechne dabei stark auf deine Hilfe, Bettina. Du hast ja ein großartiges Geschick für derartige Feierlichkeiten.“

„Du kannst auf mich rechnen, Fritz“, erwiderte die Schwester. „Sag mir nur, wie du dir das Fest denkst! Alles andere besorge ich.“

„Du bist eine vortreffliche Frau, Bettina, eine wahre Perle. Also, ich dachte es mir so: Wir veranstalten nachmittags in einem großen Wirtshausgarten vor der Stadt ein Fest mit Schießbuden, Karussell und Preisspielen. An großen Tafeln soll dann reichlich Kaffee und Kuchen gereicht werden. Abends erhalten die Leute ein Festessen, und daran kann sich ein Tänzchen anschließen. Zu sparen brauchst du nicht, Bettina. Ich habe in diesem Jahr einen glänzenden Abschluss gemacht und kann mir etwas leisten. Die Preisspiele sollst du so einrichten, dass jeder der Leute ein hübsches Andenken an die Feier mit nach Hause nimmt. Dabei kann dir Bernhard an die Hand gehen. Und die Damen aus dem Zeichensaal übernehmen die Spielaufsicht über die Kinder. Ich habe mit Fräulein Rottmann schon darüber gesprochen; sie ist ja doch entschieden die klügste von allen.“

Bettina ärgerte sich, dass Fritz mit Maria Rottmann früher über die Sache gesprochen hatte als mit ihr selbst.

Bernhard aber war begeistert. „Du, Mama, dann stell ich mich nur da an, wo ich mit Fräulein Rottmann zusammenwirken kann. Das ist ein prachtvolles Mädel – und bildhübsch.“

„Junge, du wirst doch nicht den Schwerenöter spielen wollen?“

Bettina zitterte innerlich vor Unmut. „Bernhard, unterlass solche Witze! Fräulein Rottmann ist übrigens gar nicht hübsch.“

„Doch, Mama, da muss ich ganz entschieden widersprechen. Sag selbst, Onkel Fritz, ist sie nicht ein sehr hübsches Mädel mit ihren großen, klugen Augen und dem wundervollen Haar?“

„Aber Bernhard!“, rief Bettina ärgerlich.

Herbig sah lächelnd in ihr gerötetes Gesicht. „Bettina, wir Männer haben unsere eigene Ansicht über Frauenschönheit. Zwar muss ich gestehen, dass ich Fräulein Rottmann daraufhin noch nicht angesehen habe, aber das lässt sich nachholen.“

Bettina war außer sich über die Wendung, die das Gespräch genommen hatte. Aber sie durfte sich das nicht anmerken lassen.

„Man muss solchen Mädchen gegenüber immer einige Zurückhaltung bewahren. Sie werden sonst leicht aufdringlich.“

„Das hat man wohl bei Fräulein Rottmann nicht zu fürchten. Sie ist sehr taktvoll und aus guter Familie. Ihre Mutter ist eine stille, feine Frau.“

„Du kennst ihre Mutter?“

Ein Lächeln huschte bei dieser erschrockenen Frage um seinen Mund.

„Gewiss, sie begleitete ihre Tochter, als ich sie anstellte.“

Bettinas Augenlider zuckten nervös.

„Das ist doch sonst nicht üblich.“

„Allerdings nicht. Aber die Damen wohnten auswärts, und daher war Frau Rottmann mitgekommen, um gleichzeitig hier eine Wohnung zu suchen. Mutter und Tochter leben seitdem zusammen in unserer Stadt, und so viel ich weiß, trägt Fräulein Rottmann den größten Teil zum Unterhalt bei, da ihre Mutter als Witwe nur eine sehr geringe Pension bezieht. So, das ist alles, was ich außergeschäftliches von der jungen Dame weiß. Willst du mehr wissen, dann kann ich mich ja danach erkundigen.“

Bettina wehrte hastig ab.

„O nein, ich danke! Wir wollen doch dieses Gespräch fallen lassen! Sag mir lieber, um welche Zeit das Fest beginnen soll und welche Gartenwirtschaft dir am liebsten ist.“

Damit mündete des Gespräch in andere Bahnen.

***

Als Fritz Herbig am Nachmittag desselben Tages oben im Zeichenzimmer neben Fräulein Rottmann stand, fiel ihm das Gespräch wieder ein. Und zum ersten Mal betrachtete er in Maria Rottmann das Weib. Dabei musste er ehrlich zugestehen, dass sein Neffe entschieden nicht zu viel gesagt hatte, wenn er sie „bildhübsch“ nannte. Ja, er fand, dass sie viel beachtenswerter war als die jungen Damen seiner Gesellschaftskreise, dass sie sehr lieb lächeln konnte, dass sie die schlanken, edel gerundeten Glieder in schlichter Anmut bewegte und wirklich schöne Augen und herrliche Haare besaß. Herbig ertappte sich plötzlich dabei, dass er das alles mit innigem Wohlgefallen betrachtete.

Und Maria Rottmann musste seine Blicke fühlen. Sie sah unruhig empor. Es lag ein Ausdruck in seinen Augen, der sie befangen machte. Sie zeichnete sofort weiter, aber die Hände verloren die Festigkeit, und ein verräterisches Rot stieg in ihre Wangen. Ein ganz eigenartiges Wonnegefühl stieg in ihm auf. Ihre Unruhe teilte sich ihm mit. Wie ein heimlicher süßer Zauber umwob es die zwei Menschen.

Maria Rottmann zeichnete recht unsichere, schwankende Striche. Entschlossen schüttelte sie den Bann ab, der sie gefangen genommen hatte, und den Stift aus der Hand legend, fragte sie: „Haben Sie etwas Besonderes für mich, Herr Herbig?“

Er antwortete nicht gleich. Seine Augen sahen aber so sonderbar forschend und prüfend in die ihren, dass sie von neuem erglühte. Herbig kam nun ihre peinvolle Befangenheit zum Bewusstsein.

„Nein, ich habe nichts Besonderes, Fräulein“, sagte er scheinbar ruhig und gang dann in sein Arbeitszimmer hinunter. Seit dieser Stunde war aber die Unbefangenheit aus ihrem Umgang verschwunden.

Das Gefühl, das Herbig beherrschte, war ihm so neu und ungewohnt, dass er es sich zunächst nicht recht erklären konnte. Gewiss war ihm nur, dass ihm noch kein weibliches Wesen ein ähnliches Empfinden eingeflößt hatte. Und dieses Empfinden war so angenehm, dass er sich gar nicht dagegen wehrte. Im Gegenteil – mit träumerischem Behagen versenkte er sich mehr und mehr hinein.

Die Arbeit lockte heute den sonst so tätigen Mann gar nicht. Er warf sich in einen Sessel und sah vor sich hin. Wie war das nur gekommen?

Freilich, er hatte Maria Rottmann immer gern gehabt, hatte immer ein gewisses Wohlwollen für sie empfunden, aber die sehnsüchtige Unruhe, die ihn jetzt beherrschte, hatte nichts mit diesem ruhigen Wohlwollen gemein. Sollte er wohl auf dem Weg sein, das Herz an sie zu verlieren?

Er sprang wieder auf und lief unruhig auf und ab.

„Unsinn!“, rief er halblaut in seine Gedanken hinein und trat ans Fenster.

Es war gerade Vesperpause. Die Leute gingen, ihr Vesperbrot verzehrend, im großen Hofraum auf und ab und unterhielten sich dabei. Einige der jüngeren Arbeiter bildeten mit mehreren jungen Arbeiterinnen in der einen Ecke, gerade unter seinen Fenster, eine Gruppe. Ein Bursche und ein Mädchen hielten sich absichtlich etwas zurück, als die Glocke das Ende der Vesperpause verkündete. Sie traten als Letzte in das Gebäude und unter der Tür küssten sie sich schnell und verstohlen.

Herbig seufzte auf.

Das fand sich alles in Liebe zueinander. Und er mit seinen achtunddreißig Jahren war noch immer allein. Ein ungestümes Sehnen wallte empor in seinem Innern. Warum sollte er diesem Alleinsein kein Ende machen? Er hatte doch auf niemand Rücksicht zu nehmen! Auf Bettina etwa?

Die konnte doch nicht von ihm verlangen, dass er ihretwegen auf Liebe und Ehe verzichten sollte.

Oder auf Bernhard?

Der würde auch, wenn er heiratete, seiner väterlichen Fürsorge sicher sein. Und der prächtige Bursche würde ein tüchtiger Mann werden und sich selbst im Leben seine Stellung erkämpfen, auch ohne des Onkels Erbe zu werden.

Bettina würde natürlich ziemlich schmollen; damit musste er rechnen. Aber schließlich musste sie sich fügen. Er war sich doch selbst der Nächste und hatte auch Pflichten gegen sich selbst. Alt genug war er ja nun geworden, Zeit hatte er wirklich nicht mehr viel zu verlieren. Er hatte sich wahrlich das Recht verdient, eine eigene Familie zu gründen, ja es war geradezu seine Pflicht, sich nicht auszuschließen aus der Reihe der Familienväter.

So verteidigte er sich vor sich selbst, und dabei sah er im Geist schon ein liebes Wesen an seiner Seite schreiten, das mit klaren Augen verständnisvoll und innig zu ihm aufsah.

Und diese Augen glichen denen der jungen Zeichnerin aufs Haar.

***

Das Fest, das Fritz Herbig seinen Angestellten gab, war vom herrlichen Wetter begünstigt. Nur bis mittags war in der Fabrik gearbeitet worden. Sie stellten sich alle pünktlich ein. Die verheirateten Leute brachten Frau und Kinder mit, und alle trugen den besten Sonntagsstaat. Auch die Zeichner und Zeichnerinnen waren gekommen.

Der große Wirtshausgarten war festlich geschmückt; zwischen den Bäumen hingen farbige Lampen.

Herbig war mit Bettina und seinem Neffen zuerst am Platz. Er widmete sich seinen Gästen mit großer Liebenswürdigkeit. Bettina stand ihm wacker zur Seite. Gegen halb vier Uhr wurde an den großen Tafeln der Kaffee eingenommen. Wahre Berge von Kuchen wurden aufgestellt, und die riesigen Kaffeekannen kreisten unaufhörlich.

Herbig hatte ohne Umstände zwischen einigen alten Arbeitern und ihren Frauen Platz genommen und beteiligte sich herzhaft an dem Schmaus. Erst wirkte seine Gegenwart etwas lähmend auf die Zunächstsitzenden, aber als er lustig und gemütlich plauderte und den Frauen lachend die Teller mit Kuchen belud, taute man auf. Bettina hatte erst überall nachgesehen, dass alle zu ihrem Recht kamen. Dann ging sie langsam die Reihen entlang, den Leuten freundlich zunickend und sie zum Zulangen auffordernd. So kam sie auch an den Tisch, an dem die Damen aus dem Zeichensaal saßen. Liebenswürdig trat sie heran und bat, neben Fräulein Rottmann Platz nehmen zu dürfen. Die jungen Mädchen rückten höflich zur Seite und bedienten Bettina eifrig mit Kaffee und Kuchen.

Am meisten beschäftigte Bettina sich mit Maria Rottmann.

„Ist Ihre Frau Mutter nicht mitgekommen?“, fragte sie freundlich.

„Nein, gnädige Frau. Mama ist schon seit einiger Zeit unpässlich.“

„Oh, wie schade! Das tut mir sehr Leid. Ich hoffe, es ist keine ernste Krankheit?“

„Das zum Glück nicht. Mama ist nur leicht ermüdet und bekommt sofort Kopfweh, wenn sie sprechen muss.

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