Logo weiterlesen.de
Hedwig Courths-Mahler - Folge 037

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Hans Ritter und seine Frau
  4. Vorschau

hcm_schriftzug_titelseite.jpg

Hans Ritter und seine Frau

Roman um eine Waise und ihren Schicksalsweg

 

 

hcm_blumen.jpg

Felicitas Wendland saß in ihrem Stübchen, das Tante Laura, die Frau des Hofrats Schlüter, ihr angewiesen hatte, als sie nach dem Tod ihres Vaters bei ihren Verwandten Aufnahme fand. Hofrat Schlüter bewohnte mit seiner Familie eine Amtswohnung in einem alten Gebäude. Es sah von außen nicht sehr freundlich aus, aber die Räume, die der Familie des Hofrats zur Verfügung standen, waren groß und behaglich. Es gehörten sogar zwei Säle dazu, deren Fußböden die Frau Hofrat blitzblank hatte bohnern lassen, so dass man bei festlichen Anlässen famos darauf tanzen konnte.

Felicitas besaß aber nur das kleine Zimmer für sich. Ihre Tante hatte gemeint, die junge Dame müsse sich bescheiden lernen. Felicitas war ja jetzt nicht mehr die einst so gefeierte Tochter eines bekannten Wissenschaftlers, die im Haus des Vaters eine große Rolle gespielt hatte, sondern nur eine arme Waise, die froh sein musste, bei ihren Verwandten Aufnahme gefunden zu haben.

Ihr Vater war der Bruder der Frau Hofrat, auf den sie bei Lebzeiten sehr stolz gewesen war. Jetzt dachte sie aber nicht gern an ihn, jetzt sagte sie nur immer seufzend: „Mein Bruder hätte kein so großes Haus führen, sondern lieber ein bisschen für die Zukunft sorgen sollen, damit seine Tochter nun nicht auf uns angewiesen wäre.“

Man war nicht gerade feinfühlig Felicitas gegenüber. Am nettesten zu ihr war der Hofrat selbst, aber er war meist abwesend und spielte außerdem in seinem Haus eine ziemlich untergeordnete Rolle. Tante Laura gab den Ton an, und sie tat das mit einem kolossalen Aufwand von Stolz und Würde.

Sie behandelte Felicitas so, dass sie nicht einen Augenblick im Zweifel bleiben konnte über die Größe des Opfers, das man ihr brachte.

Auch Lorchen und Bärbchen, die beiden erwachsenen Töchter des Hofrats, waren nicht besonders liebenswürdig zu ihr. Früher war das anders gewesen. Aber damals hatte sich das auch gelohnt. Der Onkel war sehr freigiebig; und er gab immer so reizende Feste, auf denen sich die jungen Herren auch gegen die Nichten des Gastgebers sehr zuvorkommend benahmen.

Lorchen und Bärbchen waren durchaus keine hässlichen Mädchen – o nein, es waren hübsche, blonde frische Dinger. Aber ein wenig Durchschnittstypus. Sie besaßen nicht die elegante Schlankheit, die edlen Linien und die graziösen Bewegungen ihrer Kusine. Ihre wässerigen, blauen Augen mit weißblonden Wimpern waren nicht sehr ausdrucksvoll und deshalb sahen fast alle Menschen – hauptsächlich natürlich die Herren – viel lieber in die wundervollen braunen Augen der Kusine als in die von Lorchen und Bärbchen. Und das war doch nicht sehr angenehm.

Außerdem – wie sich Felicitas zu kleiden verstand! In den schlichtesten Trauerfähnchen hatte sie schon wie eine Prinzessin ausgesehen, und nun legte sie die Trauer ab, um bald wieder farbige Kleider zu tragen. Besonders in Weiß sah sie immer unerhört schön aus.

Nun sollte sie wieder mit in Gesellschaft gehen, da das Trauerjahr zu Ende war. Lorchen und Bärbchen fanden zwar, dass die arme Felicitas dazu gar nicht berechtigt sei, aber die Hofrätin meinte, der Leute wegen könne man sie nicht mehr zu Hause lassen.

Einen Trost hatten die Schwestern jetzt aber. Sie hatten für das bevorstehende große Ballfest, das Hofrats jeden Winter gaben, neue „himmlische“ Roben bekommen. Felicitas aber musste sich ein altes Kleid aufarbeiten. Sie besaß zwar aus der Glanzzeit im Haus ihres Vaters noch eine Menge sehr schöner und zum Teil auch kostbarer Toiletten, aber die waren doch nicht mehr modern.

So saß nun Felicitas in ihrem Stübchen und bemühte sich, ein Abendkleid aus elfenbeinfarbigen Spitzen zu modernisieren; und während sie eifrig, mit glühenden Wangen an ihrem Kleid nähte, flog immer wieder ein glückliches, sehnsüchtiges Lächeln über ihr schönes Gesicht.

Wozu brauchte sie teure, glänzende Toiletten – dieses Kleid tat es auch! In kurzer Zeit würde sie doch ein ganz anderes Leben beginnen und noch mehr sparen, ein Leben, in dem es keine großen glänzenden Gesellschaften geben würde, aber dafür ein reiches, stilles Glück.

Ach, wie sie sich darauf freute, in einem eigenen kleinen Heim schalten und walten zu können!

Sie lachte glücklich in sich hinein und nahm schnell aus einem verschlossenen Kästchen, das neben ihr auf dem Tisch stand, die Fotografie eines jungen Mannes. Mit leuchtenden Augen blickte sie in das schöne Gesicht. „Harry, mein Harry! Nun werden wir uns bald, bald angehören dürfen für immer“, flüsterte sie.

Glückstrahlend legte sie das Bild wieder in das Kästchen und verschloss es. Dann nähte sie eifrig weiter.

„Schön will ich aussehen für dich, Harry! Du sollst stolz auf mich sein!“

Sie freute sich sehr auf diesen ersten Ball, den sie nach des Vaters Tod besuchen wollte. Ehrlich und tief hatte sie den Vater betrauert, der zu ihr immer liebevoll gewesen war, wenn er es auch nicht verstanden hatte, für ihre Zukunft zu sorgen. Sie wollte ihm immer ein herzliches Andenken bewahren. Aber nun regte sich doch wieder die Jugend in ihrem Herzen.

Und vor allem – sie würde Harry Forst auf diesem Fest im Haus der Tante sehen! Er war eingeladen worden und hatte zugesagt, das wusste sie von ihm selbst. Als sie ihm neulich auf der Straße begegnet war, und sie sich, anscheinend nur einige höfliche Worte wechselnd, begrüßt hatten, hatte sie ihn danach gefragt.

Ach, wie sie sich danach sehnte, einmal wieder eine Weile ungestört mit ihm plaudern zu können! Nur selten waren sie im Trauerjahr zusammengetroffen, immer nur einige verstohlene Worte wechselnd. Das würde nun anders werden. Nun würde er sein Schweigen brechen und offiziell um ihre Hand anhalten. Eigentlich war das ja gar nicht mehr nötig. Sie waren längst einig, und da sie mit ihren zweiundzwanzig Jahren mündig war, hatte ihr niemand dreinzureden. Aber der Form halber musste Harry dem Onkel und der Tante Mitteilung machen von ihrer Verlobung.

Als Felicitas die letzten Stiche an ihrem Kleid nähte, wurde die Tür geöffnet, und Bärbchen Schlüter trat ein.

„Mein Gott, Fee, du bist noch immer nicht fertig?“, rief sie missbilligend.

Felicitas hob lächelnd den Kopf. „Nur diese Falte noch festnähen, Bärbchen, dann ist es geschehen.“

Bärbchen trat näher und sah mit neugierigem, gespanntem Ausdruck auf das Kleid herab.

„Wozu du dir nur die Menge Arbeit gemacht hast? Das Kleid war doch auch ohnehin noch sehr hübsch!“

„Mir war es nicht schön genug.“

„Nun, ich an deiner Stelle hätte es lieber getragen wie es war. Am Ende verdirbst du mit der Änderung nur den guten Sitz.“

Fast übermütig blitzten Felicitas herrliche Augen in die blassblauen Bärbchens. „Keine Sorge, Kusinchen, das tue ich gewiss nicht.“

„Nun, nun, sei nur nicht so sicher! Mama sagt immer, bei Änderungen kommt nichts heraus. Zieh doch das Kleid mal an, Fee!“, forderte sie ungeduldig.

„Sofort, Bärbchen.“

„Komm, wenn du es angezogen hast, ins Wohnzimmer hinüber, damit Mama und Lorchen es auch sehen!“

„Ja, Bärbchen, ich komme“, erwiderte Felicitas.

Bärbchen verschwand missmutig.

Als Felicitas ins Wohnzimmer trat, saß ihre Tante mit einer Handarbeit am Fenster. Lorchen, das getreue Ebenbild Bärbchens, blätterte in einem Modejournal.

Felicitas trug das geänderte Spitzenkleid. Es schmiegte sich in tadellosem Sitz um die jugendschöne Brust und um die schlanken Hüften. Die Damen waren starr. Felicitas sah so wunderschön aus, dass es ihnen die Rede verschlug.

Eine Weile blieb es still. Endlich brach die Hofrätin, die sich zuerst fasste, das Schweigen. „Du hast wirklich ein unglaubliches Geschick, Fee; das muss man dir lassen. Das Kleid sieht wie neu aus“, sagte sie sauersüß.

„Mein Gott! Du müsstest Schneiderin werden bei deiner Veranlagung!“, rief Lorchen, ihr kurzes Näschen hochmütig emporhebend.

Fee wusste, dass man sie nur kränken wollte. Das war sie schon gewöhnt. Aber die Hoffnung, das Haus mit seinen „liebenswürdigen“ Besitzern bald für immer verlassen zu können, ließ alles an ihr abgleiten.

„Nun, warum nicht Schneiderin?“, fragte sie mit leiser Ironie. „Wer weiß, vielleicht nütze ich einmal mein Geschick aus und gründe einen Modesalon. Das ist nichts Neues mehr. Es gibt viele Damen, die das tun, und früher einmal ’bessere Zeiten’ kannten. Neulich habe ich sogar gelesen, dass die Witwe eines englischen Lords einen Modesalon eröffnet hat. Sie soll ein Vermögen damit verdienen.“

Die Hofrätin sah sie strafend an. „Aber Fee, solch ein Gedanke! Das mag eine sonderbare Lady sein. In den Zeitungen steht viel, was nicht wahr ist. Du solltest so etwas nicht einmal denken, viel weniger aussprechen. Immerhin bist du ja noch die Tochter eines in weiten Kreisen bekannten Mannes.“

Fee strich sinnend an ihrem Kleid herab.

„Ist denn dieser Gedanke ein Unrecht, liebe Tante? Ich muss dir sagen, dass ich mich nicht scheuen würde, ihn auszuführen, wenn – nun ja, wenn ich nicht in eurem Haus Aufnahme gefunden hätte.“

Die Hofrätin legte erregt ihre Handarbeit weg.

„Gottlob, dass wir dich davor behütet haben! Du weißt wirklich nicht, was du sprichst, Fee. Dein Vater würde sich im Grab umdrehen, könnte er dich hören.“

Fee seufzte leise. Aber dann flog ein sonniges Lächeln über ihr Gesicht.

„Ach, Tante Laura, Papa war ein Tatmensch, der eine solche Frage niemals tragisch genommen hätte. Dazu stand er viel zu sehr über den Dingen. Ich glaube nicht, dass er so entsetzt wäre, wenn er hörte, dass ich lieber mein Brot mit ehrlicher Arbeit selbst verdienen, als euch zur Last fallen möchte. Ich weiß doch, dass ich das tue – ihr seid ja selbst nicht vermögend.“

Die Hofrätin sah sehr vornehm drein, als sie erwiderte: „Beenden wir dieses Thema, Fee! Ich fühle mich in deinem Vater, meinem Bruder, gekränkt dadurch, dass du ihm derartige Ansichten andichtest. Du selbst scheinst, leider Gottes, solche zu haben. Nie wieder will ich so etwas hören. Wenn wir auch nicht reich sind – lieber schränken wir uns alle noch mehr ein, als dass wir es erlauben würden, dass du derartigen Gelüsten nachgibst.“

Fee sah auf ihre schön geformten Hände herab. Sie dachte, dass sie schwerlich diese Erlaubnis einholen würde, wenn ihr Leben nicht ohnedies bald in andere Bahnen einmündete. Aber sie schwieg. Wozu sollte sie auch mit Menschen streiten, die nicht über ihren eigenen kleinen Horizont hinwegblicken konnten?

„Sei nicht böse, Tante Laura, ich werde es ja auch nicht tun. Es war nur so ein Gedanke, weil es doch schade ist, dass ich ein Talent nicht ausnützen kann, über das ein anderer Mensch vielleicht sehr froh sein würde.“

Bärbchen lachte spöttisch auf. „Aber Fee, sprich doch nicht gleich von einem Talent! Es ist doch höchstens eine Fingerfertigkeit.“

Fee lächelte. „Gut, Bärbchen, nennen wir es so. Aber nun entschuldigt mich, bitte! Ich will das Kleid ablegen und mein Zimmer aufräumen.“

Damit ging sie hinaus.

„Fee ist ein sonderbares Geschöpf, Mama. Was die zuweilen für Einfälle hat!“, sagte Lorchen kopfschüttelnd.

„Und unverschämt ist sie obendrein. Sie spricht immer in einem so überlegenen Ton mit uns, als wären wir von ihr abhängig, nicht sie von uns. Hast du ihr mokantes Lächeln bemerkt, Mama? Ich finde, sie nimmt sich ziemlich viel heraus“, ereiferte sich Bärbchen.

Die Hofrätin hob vornehm die Hand. „Keine Emotionen, Bärbchen! Eine Dame soll sich niemals erregen. Lassen wir Fee jetzt beiseite. Ich möchte euch nochmals ermahnen, recht vernünftig zu sein. Herr Ritter verkehrt nun schon seit einem Jahr bei uns; ich weiß ganz bestimmt, dass er in keiner anderen Familie so oft zu Gast ist. Er hat mir selbst gesagt, dass er die Absicht hat, zu heiraten. Mir scheint, er wäre nicht abgeneigt, eine von euch zur Frau zu nehmen. Also seid klug! Ihr wisst, Ritter ist ein sehr, sehr reicher Mann! Ich brauche wohl nicht zu sagen, dass es für uns alle von Vorteil wäre, einen solchen Verwandten zu bekommen. Ihr seid zwanzig und einundzwanzig Jahre alt, und es wird Zeit, dass ihr heiratet.“

Die Schwestern hatten verstohlen gekichert.

„Aber Mama! Hans Ritter ist so schrecklich langweilig, so ernst und gründlich. Es ist schwer, mit ihm warm zu werden.“

„Wenn es leicht wäre, brauchte ich euch nicht erst Verhaltungsmaßregeln zu geben. Aber bedenkt, dass ihr immerhin Chancen habt, eine glänzende Partie zu machen. Ich habe beobachtet, dass er sich selten mit einer anderen Dame beschäftigt, die als Frau für ihn in Frage käme, außer mit euch. Also seid klug, nützt die Chance!“

„Und wenn uns nun Fee dazwischenkommt?“, fragte Bärbchen.

Die Hofrätin schüttelte den Kopf.

„Er hat sie ja schon öfter in unserem Haus gesehen, aber sie hat keinen Eindruck auf ihn gemacht. Er spricht nur selten ein Wort mit ihr, während er mit euch oft scherzt und lacht. Also vernünftig, Kinder!“

Damit schloss die Hofrätin ihre mütterliche Ermahnung.

***

Hans Ritter stahl sich fort aus dem geselligen Treiben, das in den beiden Festsälen des Hofrats Schlüter herrschte. Er konnte nur wenig Gefallen finden an dem bunten Durcheinander einer großen Gesellschaft. In seiner harten, entbehrungsreichen Kindheit und ersten Jugend war er im Herzen ein Einsamer geworden, ein Mensch, der in sich selbst Genüge fand, weil er es von früh auf in sich finden musste.

Früher, als er noch außerhalb des Gesellschaftskreises stand, dem er jetzt angehörte, hatte er oft Sehnsucht nach dem bunten Treiben gehabt. Aber jetzt, da er eine glänzende Lebensstellung einnahm und durch eigene Kraft reich und unabhängig geworden war, jetzt, da er sich durch anstrengendes, unermüdliches Schaffen auf eine Höhe emporgeschwungen hatte, die ihn weit über seine ursprüngliche Sphäre hinaushob – jetzt wusste er, dass er in diesem Treiben keine Erfüllung fand.

Es kostete ihn jedes Mal Überwindung, einer Einladung Folge zu leisten. Er tat es auch nur, weil er sich selbst zwingen wollte, sich in jeder Lebenslage, in jeder Gesellschaft, zurechtzufinden und zu behaupten.

Niemand hätte ihm anmerken können, dass er sich im Innern unfrei fühlte in der Gesellschaft, dass er ein Empfinden hatte, als bewege er sich auf Eis. Nur er selbst war sich bewusst, dass ihm die gesellschaftliche Sicherheit nicht aus der Kinderstube mit auf den Weg gegeben, sondern später in strenger Selbsterziehung erworben worden war.

Heute hatte er wieder einige Zeit, seine geselligen Pflichten erfüllt, und nun sehnte er sich nach einigen Minuten des Aufatmens, des Alleinseins.

Bärbchen und Lorchen hatten ihm, den Ermahnungen ihrer Mutter folgend, abwechselnd Gesellschaft geleistet, aber nun hatte die Tanzlust die jungen Damen erfasst, und sie waren untergetaucht in den fröhlichen Reigen. Hans Ritter konnte nicht tanzen, und da hielten es die tanzlustigen Mädchen an seiner Seite nicht aus.

Langsam ging er an den tanzenden Paaren vorüber. Er hätte vielleicht auch gern die eine oder die andere im Tanz geführt, wenn er nur hätte tanzen können.

Seine Augen ruhten jedoch wohlgefällig auf den Frauen und Mädchen, die so beschwingt über das Parkett dahinglitten. Er hatte schon damals eine unbeschreibliche Vorliebe für schöne, elegante Frauen gehabt, als er noch für ein bescheidenes Monatsgehalt auf dem Kontorschemel des großen Bankhauses saß. Schon damals war stets ein seltsames Sehnen in ihm erwacht, wenn er elegante Frauen, in kostbare Pelze und duftige Spitzen gekleidet, an sich vorübergehen sah oder wenn er einen schmalen, elegant beschuhten Frauenfuß auf dem Trittbrett eines Wagens erblickte. Dann hatte sein Herz geklopft, und er hatte sich in leuchtenden Farben ausgemalt, wie es sein müsse, wenn man solch ein zartes, feines Geschöpf in den Armen halten könnte.

Und wenn ihn etwas noch hätte anspornen können zu seinem rastlosen Schaffen, so wäre es wohl der Gedanke gewesen, eines Tages ein Ziel zu erreichen, das ihn gleichberechtigt an die Seite einer solchen Frau stellte. Er hatte später genug elegante Frauen kennen gelernt und gesehen, dass viele von ihnen nur hohle, gedanken- und herzlose Puppen waren. Er wollte aber eine Frau haben, die nicht nur ein schönes, elegantes Äußeres, sondern auch einen hohen inneren Wert besaß. Und die hatte er bisher nicht gefunden.

Man merkte diesem Mann nicht an, dass er auch idealistischen Träumereien nachhängen konnte. Alle, die ihn kannten, wussten, dass er ein Mann der Tat war. Er erschien entschlossen, fast hart. Er besaß eine kantige Stirn, die sich über tief liegenden, blauen Augen wölbte, ein breites Kinn und einen herben, schmallippigen Mund, der fast immer fest geschlossen war.

Seine Gestalt war gut proportioniert, seine Bewegungen drückten Beherrschung und Konzentration aus.

Meist blickten seine Augen scharf und kühl. Niemand wusste, dass diese Augen in seltenen Stunden auch weich und zärtlich blicken konnten – nur seine Mutter wusste das, aber sie verriet es niemand, denn sie stand seinen jetzigen Gesellschaftskreisen fern und kam mit keinem dieser eleganten Menschen zusammen.

Hans Ritter war der Sohn eines einfachen Handwerkers, der einem Unglück zum Opfer fiel, als sein Sohn zehn Jahre alt war. Die Mutter hatte dann für sich selbst und ihr einziges Kind Brot schaffen müssen und sich redlich bemüht, dass Hans die Realschule besuchen konnte. Schwer war es ihr manchmal geworden, aber sie hatte es durchgesetzt, weil es des Gatten und Sohnes Wunsch gewesen war.

Nachdem Hans die Schule mit vorzüglichen Zeugnissen verlassen hatte, kam er zu einem Bankier in die Lehre. Er erkannte bald die hervorragende Begabung des jungen Mannes und verschaffte ihm nach beendeter Lehrzeit eine gute Stellung in einem englischen Bankhaus. In dieser Stellung vermochte Hans durch eigene Initiative einen großen Schaden zu verhüten, der die Substanz der Bank angegriffen hätte. Man beförderte ihn und zahlte ihm eine Gratifikation von 2000 Pfund. Diese Summe war der Grundstein zu seinem jetzigen Vermögen. Nach einigen Jahren wurde ihm ein führender Posten an einer großen deutschen Bank angeboten. Er kehrte zurück und nahm diese Stellung an.

Sein Vermögen vermehrte er durch kluge Spekulationen. Sein großer Fleiß, seine eminente Tüchtigkeit, brachten ihn schließlich als Direktor an die Spitze seiner Bank.

Dann kaufte er eines Tages, als er zum Besuch seiner Mutter wieder einmal in seiner Vaterstadt weilte, ein großes, weites Wiesengelände für billiges Geld. Kurze Zeit darauf wurde dieses Gelände, in das Hans Ritter fast sein ganzes Vermögen gesteckt hatte, zu industriellen Zwecken gebraucht. Hans Ritter verkaufte es, fast für den zehnfachen Preis, und war ein reicher Mann geworden.

Seine Stellung als Bankdirektor gab er nun auf; er wollte frei sein für großzügiges Wirken und Schaffen, wozu ihm in seiner emporblühenden Vaterstadt Gelegenheit geboten wurde. Die wenigsten Menschen wussten, dass er in dieser Stadt seine Laufbahn begonnen hatte. Sein Lehrmeister, der alte Bankier, war gestorben, und sonst erkannten ihn nur wenige Menschen wieder. Er sprach auch nie von seiner Vergangenheit.

Man hatte ihn in den Aufsichtsrat verschiedener Gesellschaften gewählt, und trotzt seiner noch jungen Jahre war er schon eine einflussreiche Persönlichkeit. Niemand fragte ihn, aus welchen Kreisen er stammte; alle Türen standen ihm offen.

Er bewohnte eine schöne, vornehme Villa, die er sich hatte bauen lassen. Eine Frau für sein Haus zu finden, war sein Wunsch, aber bisher hatte er die rechte noch nicht kennen gelernt.

Dass die Hofrätin Schlüter für ihre Töchter auf seine Hand spekulierte, wusste er nicht. Er wurde von vielen Müttern und heiratsfähigen Töchtern mit begehrlichen Blicken betrachtet; es gab viele junge Damen, die gern als Herrin in seine Villa eingezogen wären.

Lorchen und Bärbchen flogen im Tanz dahin, und Hans Ritter verließ den Saal.

Am Ausgang, der zu den Nebenzimmern führte, streifte eine schlanke, weiß gekleidete Mädchengestalt an ihm vorüber – Felicitas Wendland.

Ihr duftiges Spitzenkleid verfing sich in einer abstehenden Klammer des schönen Brillantrings, den Hans Ritter als einzigen Schmuck trug. Ein feines Spitzenfädchen blieb in der goldenen Klammer hängen und fesselte die beiden Menschen einen Augenblick aneinander.

Mit einer Entschuldigung löste Hans Ritter behutsam das zarte Gewebe aus der Gefangenschaft und sah bittend in die braunen, sonnig leuchtenden Augen des jungen Mädchens.

Ein Lächeln huschte um ihren Mund.

„Es hat nichts zu sagen, Herr Ritter, ich bin ohne Schaden davongekommen, wie ich sehe. Im Übrigen hätte ich selbst auf mein Kleid achten müssen“, sagte sie freundlich.

Hans Ritter sah mit einem eigentümlichen Blick in das reizende Mädchengesicht.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Hedwig Courths-Mahler - Folge 037" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen