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Hedwig Courths-Mahler - Folge 036

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Aschenbrödel und Dollarprinz
  4. Vorschau

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Aschenbrödel und Dollarprinz

Roman um eine Liebe wie im Märchen

 

 

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John Stratter saß unmutig in seinem eleganten Hotelzimmer und schaute auf die Linden hinab. Er war vor einigen Tagen mit seinem Sekretär Mister Fogham und seinem Diener in Berlin eingetroffen, nachdem er einige Zeit in Hamburg in Geschäften zu tun gehabt hatte. Hier war nun gestern plötzlich sein Sekretär erkrankt und musste in ein Sanatorium im Westen Berlins geschafft werden.

Das war John Stratter aus mehr als einem Grund unangenehm. Der Hauptgrund war, dass sich John Stratter gern in der Öffentlichkeit von seinem Sekretär vertreten ließ. So oft es ihm unangenehm war, als Zielscheibe unangebrachter Neugier zu dienen, wechselte er einfach mit seinem Sekretär die Rollen.

Aber auch sonst hatte er sich sehr an Mister Fogham gewöhnt, und außerdem tat es ihm auch ehrlich Leid, dass Mister Fogham leiden musste.

Er hoffte sehr, dass sein Zustand nicht bedenklich sein würde. Das sollte er erst heute bei seinem Besuch im Sanatorium erfahren, denn gestern war die Untersuchung noch nicht abgeschlossen gewesen.

Er sah nach der Uhr, und da er sich überzeugte, dass es an der Zeit sei, zum Sanatorium hinauszufahren, klingelte er nach seinem Diener. Er befahl, das Auto vorfahren zu lassen.

Wenige Minuten später fuhr er davon, und in einer knappen Viertelstunde stand er vor dem Bett seines Sekretärs.

„Wie geht es Ihnen, lieber Fogham?“, fragte er teilnehmend.

Der Kranke sah mit müden Augen zu der stattlichen Erscheinung seines Herrn empor.

„Leider nicht gut, Mister Stratter, die Schmerzen haben zugenommen.“

„Das tut mir sehr Leid, mein lieber Fogham. Abgesehen davon, dass ich es sehr bedauere, dass Sie leiden müssen – was tue ich nun hier ohne Sie? Sie fehlen mir sehr.“

Der Kranke versuchte zu lächeln.

„Es tut mir natürlich auch sehr Leid, dass ich Ihnen Unbequemlichkeiten verursache, Mister Stratter, aber leider kann ich es nicht ändern.“

John Stratter setzte sich auf den Stuhl neben dem Bett.

„Well! Sie können es so wenig ändern wie ich. Ist ja auch Unsinn von mir, dass ich Ihnen den Kopf noch warm mache. Also sorgen Sie sich nicht, ich werde ja einen vorläufigen Ersatz für Sie auftreiben. Sie sind doch hier gut aufgehoben?“

„Sehr gut, Mister Stratter.“

„Well! Also denken Sie an nichts weiter, als dass Sie gesund werden. Hat Ihnen der Arzt schon gesagt, was Ihnen fehlt?“

„Nein, er wollte erst sichergehen, aber – er meint, dass ich wohl längere Zeit hier bleiben muss.“

„Dann ist es auch nicht zu ändern. Ich kann natürlich hier nicht auf Sie warten, denn Sie wissen, was ich noch zu erledigen habe. Sie dürften den Strapazen einer weiteren Reise wohl auch kaum gewachsen sein, und es ist das Beste, wenn Sie, sobald Sie wieder gesund sind, nach New York zurückkehren und mich dort erwarten.“

Der Kranke schloss matt seine Augen. Dann sah er wieder zu Mister Stratter empor.

„Wenn ich nur meine Stellung bei Ihnen nicht verliere, Mister Stratter.“

„Unsinn, mein lieber Fogham! Davon kann doch gar keine Rede sein. Also, ich will jetzt erst einmal den Arzt aufsuchen und sehe dann wieder nach Ihnen, good bye bis dahin!“

„Good bye, Mister Stratter!“

Stratter verließ das Krankenzimmer und begab sich zu dem leitenden Arzt des Sanatoriums, der ihn mit ernstem Gesicht empfing.

„Ich möchte mich erkundigen, Herr Doktor, ob das Befinden meines Sekretärs zu ernsten Besorgnissen Veranlassung gibt.“

Der Arzt zögerte eine Weile, dann sagte er rasch: „Sie wollen die Wahrheit und keine Beschönigung, wie ich mir denken kann.“

Mister Stratter hob sein markantes Gesicht, in dem jeder Zug von Energie und Entschlossenheit zeugte, obwohl er erst im Beginn der dreißiger Jahre stehen mochte.

„Volle Wahrheit, wenn ich bitten darf“, sagte er bestimmt.

„Nun denn, Mister Stratter, Ihr Sekretär hat ein schweres Leiden, das durch Nichtbeachtung verschleppt und verschlimmert worden ist. Der Zustand des Patienten ist äußerst Besorgnis erregend. Eine Operation hätte schon längst vorgenommen werden müssen, wenn eine Hoffnung auf Besserung möglich sein sollte. Diese Operation muss schnellstens stattfinden, sie ist unbedingt nötig, aber sie wird auf Tod und Leben gehen, weil der günstigste Zeitpunkt längst versäumt worden ist.“

Mister Stratter war blass geworden. Gesunde, starke Menschen haben meist ein großes Grauen vor allen Krankheiten. Und außerdem war ihm sein Sekretär lieb und sympathisch geworden. Er stand seit Jahren in seinen Diensten und hatte noch nie über sein Befinden geklagt, war nie auch nur einen Tag aus seinem Amt geblieben. Immer hatte er in dieser Zeit in seiner Nähe gelebt, gearbeitet und war sozusagen seine rechte Hand geworden. Und nun sollte er ihn vielleicht verlieren?

Schon dass er plötzlich, einige Tage nach ihrer Ankunft in Berlin, vollständig zusammenbrach, hatte ihn sehr erschreckt, aber da hatte er an eine vorübergehende Unpässlichkeit geglaubt. Nun aber, da er hörte, wie ernst Mister Foghams Zustand war, fühlte er sich erschüttert.

„Sie sehen mich ziemlich fassungslos, Herr Doktor. Ich habe nur an eine leichte Erkrankung geglaubt. Nie hat er mir Mitteilung gemacht, dass er ein so schweres Leiden mit sich herumträgt.“

„Anscheinend hat er das selber nicht gewusst.“

„Weiß er schon davon, dass er operiert werden muss?“

„Noch nicht. Ich wollte erst mit Ihnen darüber sprechen. Hat Mister Fogham Verwandte – Angehörige?“

„Nein, er steht ganz allein im Leben.“

„Dann braucht also außer Ihnen niemand von seiner bevorstehenden Operation benachrichtigt zu werden?“

„Nein, niemand.“

„So will ich gleich mit ihm sprechen und ihm die Notwendigkeit einer Operation klar machen. Sie muss spätestens morgen ausgeführt werden, sonst ist es zu spät – ich fürchte ohnedies, dass es schon zu spät ist.“

Mister Stratter strich sich über die Stirn, als sei ihm zu heiß.

„Das erschüttert mich, Herr Doktor, wenn man selbst noch nichts mit einem Arzt zu tun gehabt hat.“

Der Arzt sah wohlgefällig auf die schlanke, kraftvolle Erscheinung des Amerikaners.

„Man sieht es Ihnen an, dass gesundes Blut in Ihren Adern fließt. Übrigens – außer an der Kleidung merkt man Ihnen nicht an, dass Sie Amerikaner sind.“

„Ich hatte deutsche Eltern, Herr Doktor.“

„Ah so! Und beide Eltern schon tot?“

„Meine Mutter, die eine tüchtige Schwimmerin und sehr waghalsig war, ist vor Jahren beim Baden ertrunken, und mein Vater starb vor einigen Monaten an den Folgen eines Autounfalls.“

„Das schließt also nicht aus, dass sie gesundes Blut hatten und es Ihnen vererbten. Danken Sie Gott dafür!“

„Von ganzem Herzen!“

„Kann ich dabei sein, wenn Sie Mister Fogham die Eröffnung machen, dass er operiert werden muss? Es würde ihm vielleicht ein Trost sein.“

„So kommen Sie, Mister Stratter!“

Die beiden Herren gingen den langen Korridor hinunter bis zu dem Zimmer, in dem Mister Fogham untergebracht war. Sie traten ein, der Kranke lag ziemlich apathisch da. Erst als er Mister Stratter erkannte, richtete er sich ein wenig auf.

„Da bin ich wieder, mein lieber Fogham. Ich sprach mit dem Arzt über Ihren Zustand – leider hat er mir keine gute Auskunft geben können. Sie werden wohl eine Weile Geduld haben müssen, ehe Sie wieder gesund werden.“

Der Kranke wandte dem Arzt sein schmales, charakteristisches Gesicht zu. In seinen Augen lag eine brennende Frage.

„Was haben Sie mir zu sagen, Herr Doktor?“

Der Arzt setzte sich zu ihm.

„Ich muss Ihnen leider die Mitteilung machen, dass wir eine Operation vornehmen müssen, und zwar spätestens morgen.“

Alle Menschen haben Angst vor einer Operation, die einen mehr, die anderen weniger. Aber Mister Fogham bekämpfte diese Angst sehr schnell.

„Wenn ich nur bald wieder gesund werde!“

„Das wollen wir hoffen. Aber jede Operation ist ein Eingriff in die Konstitution eines Menschen, und der Arzt muss die Einwilligung des Patienten und seiner Angehörigen haben.“

„Ich habe keine Angehörigen.“

„Das sagte mir Mister Stratter schon. So bedarf ich nur Ihrer Einwilligung, und die geben Sie mir?“

„Gewiss, Herr Doktor, wenn Sie es für nötig halten.“

John Stratter bewunderte seinen Sekretär. Er selbst war gewiss ein unerschrockener Mensch, der jeder Gefahr ins Auge sehen konnte, aber eine Operation, Krankheit überhaupt, war etwas, das er fürchtete.

Mister Fogham wusste freilich nicht, dass es bei ihm um Leben und Tod ging – und das sollte er auch nicht wissen. Wozu ihn damit quälen? So zwang sich John Stratter zu einem sorglosen Gesicht und sagte ruhig:

„Also, mein lieber Fogham, dann ist ja alles in schönster Ordnung. Nun verhalten Sie sich recht ruhig, damit morgen alles gut geht. Nach der Operation sehe ich wieder nach Ihnen. Haben Sie noch besondere Wünsche, die ich Ihnen erfüllen kann?“

„Nein, außer dem Wunsch, bald gesund zu werden, damit ich mein Amt wieder antreten kann. Werden Sie sich solange behelfen können, Mister Stratter?“

„Es muss gehen und es wird gehen. Die Hauptsache für mich ist, dass ich als Ersatz für Sie eine Persönlichkeit finde, die statt meiner als John Stratter auftreten kann, wenn es nötig ist, denn leider bin ich auch hier überall die Zielscheibe eines neugierigen Interesses, das mir lästig ist.“

Mister Fogham lächelte matt.

„Mir hat es immer Spaß gemacht, wenn mich die Leute an Ihrer Statt mit ihrem Interesse beehrten.“

„Nun, damit ist es vorläufig vorbei, mein lieber Fogham; sobald Sie wieder aufstehen und reisen können, kehren Sie nach New York zurück und erholen sich gründlich, bis ich wieder heimkehre. Ich werde schon einen vorläufigen Vertreter für Sie finden.“

„Um Vorsicht brauche ich Sie wohl nicht zu bitten, Mister Stratter, beim Engagement eines Vertreters für mich.“

John Stratter lächelte gutmütig und strich dem Kranken leicht über die Stirn.

„Seien Sie nur unbesorgt, Sie wissen doch, dass ich eine gute Menschenkenntnis habe! Das habe ich doch schon damals bewiesen, als ich Sie unter einem halben Hundert anderer Bewerber um diesen Posten herausfand, obwohl Sie keine Referenzen hatten und fremd nach drüben kamen.“

Die Augen des Kranken leuchteten auf.

„Was Ihnen Gott lohnen möge, Mister Stratter. Ich danke Ihnen für dieses Wort, es beweist mir, dass Sie mit mir zufrieden sind.“

„Daran haben Sie doch nicht gezweifelt! Aber jetzt lasse ich Sie allein, Sie müssen Ruhe haben.“

John Stratter verabschiedete sich schnell und ging hinaus.

Er verließ das Sanatorium und bestieg das unten wartende Auto, um in sein Hotel zurückzukehren. Ein trauriges Gefühl war in ihm. Mister Fogham war seit Jahren sein ständiger Begleiter, und er fürchtete sich geradezu, sich an einen neuen Menschen gewöhnen zu müssen. Woher nun gleich einen Ersatz für Mister Fogham nehmen?

Missmutig suchte er im Hotel sein Zimmer wieder auf, nachdem ihm sein Diener Pelz und Hut abgenommen und nach seinen Befehlen gefragt hatte. Er hatte sich nur Tee bestellt. Bis der Diener den Tee brachte, ging er unschlüssig in seinem Zimmer auf und ab. Er war sonst ein Mensch von schnellen Entschlüssen, aber heute war ein unsicheres, quälendes Gefühl in ihm, weil er den Gedanken an Mister Foghams Krankheit nicht loswerden konnte. Nachdem er hastig eine Tasse Tee genommen hatte, kramte er am Schreibtisch unter den aufgestapelten Briefschaften. Das war alles noch von Mister Fogham geordnet. Auf einem Notizblock war auch angegeben, was in den nächsten Tagen erledigt werden musste. Und da fand John Stratter die Notiz:

Am 31. Januar Presseball. Zwei Einlasskarten besorgt.

Es fiel ihm nun wieder ein, dass er den Wunsch gehabt hatte, diesen interessanten Ball mit seinem Sekretär zu besuchen. Er fand die Karten unter den aufgestapelten Briefschaften und steckte sie zu sich. Heute war der 31. Januar. Und Mister Stratter beschloss, den Ball zu besuchen. Er hätte genug Gesellschaft haben können, denn er besaß eine Menge Empfehlungsschreiben an prominente Persönlichkeiten in Berlin, und im Übrigen hätte sein Name genügt, um ihn überall einzuführen. Aber gerade das widerstrebte ihm. Er hätte diese ganze Reise am liebsten inkognito gemacht, um nicht überall neugierig angestaunt und auf seinen Reichtum hin taxiert zu werden. Aber bei verschiedenen Geschäftsabschlüssen musste er doch selbst hervortreten. Sonst war ihm sein bekannter Name überall ein verdrießliches Hindernis. Und deshalb hatte er seinen Sekretär immer, wenn es ihm bequem war, seine Rolle spielen lassen. Mochte er sich mit der Neugier und Aufdringlichkeit der anderen herumplagen! Ihm machte es sogar Spaß. Aber nun hatte ihm Mister Fogham den Streich gespielt, krank zu werden. Armer Kerl! Morgen musste er unter das Messer, und – es ging um sein Leben. John Stratter schauerte wie im Frost zusammen. Er warf sich in einen Sessel am Fenster und schaute auf die Linden hinab. Er kam ins Grübeln. Am meisten beschäftigte ihn der Hauptgrund, der ihn nach Deutschland geführt hatte. Sein Vater, der vor wenigen Monaten gestorben war, hatte ihm vor seinem Tod eine Beichte abgelegt.

Er war vor vielen Jahren ein Tunichtgut gewesen, der leichtsinnig in den Tag hineinlebte und in nicht sehr langer Zeit ein ganz beträchtliches Vermögen, das ihm sein Vater hinterlassen hatte, durchbrachte. Als er dann plötzlich dem Nichts gegenüberstand und nur noch eine geringe Barschaft besaß, hatte es ihn, wie schon oft, an den Spieltisch getrieben, um zu versuchen, mit Hilfe der Karten seine misslichen Finanzverhältnisse aufzubessern. Stattdessen verlor er auch das Letzte.

Nun war er ganz ruiniert, und angeekelt von der Inhaltslosigkeit seines Lebens, von seiner eigenen Charakterlosigkeit, hatte er sich eine Kugel durch den Kopf schießen wollen. Es sollte nicht dazu kommen. Vor diesem letzten törichten Schritt hatte ihn ein Freund bewahrt, der sich zwar, seit er ein so sinnloses Leben führte, von ihm zurückgezogen hatte, nun aber, als die Not am höchsten war, unvermutet bei ihm auftauchte, gerade in dem Augenblick, als er sich die todbringende Waffe schon an die Schläfe hielt. Der Freund schlug sie ihm aus der Hand und machte ihm sehr energisch den Standpunkt klar. Er sagte:

„Es ist mir wahrlich nicht so sehr um dich, Walter, als um das Andenken deines Vaters zu tun, der mir geholfen hat, mein Studium zu beendigen. Ich habe deinem Vater meine Dankbarkeit nie beweisen können, so will ich es nun nach seinem Tod tun, indem ich versuche, seinem verlumpten Sohn wieder auf die Füße zu helfen. Schämst du dich nicht des Lebens, das du in den letzten Jahren geführt hast? All das schöne Geld, das dein Vater für dich verdient hat, hast du sinnlos vergeudet, und nun willst du auch noch die Feigheit begehen, dein Leben von dir zu werfen. Aber das leide ich nicht, solange ich es hindern kann. Trotz allem steckt ein guter Kern in dir, das weiß ich aus der Zeit, da du noch nicht in schlechte Gesellschaft geraten warst. Lass es nun genug sein der Torheiten und besinne dich darauf, dass du eines tüchtigen, ehrenhaften Vaters Sohn bist, den ich verehrt habe wie meinen eigenen. Reiß dich zusammen, Kerl, und mach wieder gut, was du verbrochen hast! Arbeite, wenn nicht anders mit deinen beiden gesunden Fäusten. Das ist ein Kapital, um das dich mancher beneiden würde. Komm mal in meinen Krankensaal, in die Klinik meines Professors, da wirst du viele finden, die deine Gesundheit als einen kostbaren Schatz betrachten werden. Nütze diesen Schatz, arbeite! Und so viel in meiner Macht steht, will ich dir über das Schlimmste weghelfen, deinem Vater zuliebe. Du hast die verdammte Pflicht und Schuldigkeit, das wieder zu erwerben, was du sinnlos vergeudet hast. Wie du es machst, ist deine Sache.“

So eindringlich waren diese harten, strengen Worte des Freundes gewesen, dass Walter Stratter sich wirklich seiner Feigheit schämte und dem Freund gelobte, weiterzuleben.

Dieser Freund, Georg Waldorf, der seit einiger Zeit Assistenzarzt in der Klinik eines bekannten Professors war, begnügte sich aber nicht damit, Walter Stratter aufzurütteln aus seiner feigherzigen Verzweiflung, sondern er opferte ihm auch noch seine sämtlichen Ersparnisse, die er sich abgedarbt hatte. Sie reichten zu einer Überfahrtskarte nach Amerika und zu einem Notpfennig für die erste Zeit drüben. Georg Waldorf brachte den Freund selbst an Bord des Dampfers, damit er nicht rückfällig wurde.

Und Walter Stratter war einer der wenigen, die drüben ihr Glück gemacht hatten. Er war wirklich zur Besinnung gekommen und hatte in harter Arbeit seine Jugendsünden gebüßt. Schon nach wenigen Jahren konnte er Georg Waldorf das geliehene Geld zurücksenden. Aber damit war seine Dankbarkeit nicht erschöpft. Er hatte nie vergessen, dass er dem Freund allein das neue, segensreiche und von Erfolg gekrönte Leben verdankte. Er blieb immer im Briefwechsel mit ihm und hatte später versucht, als er ein reicher Mann geworden war und Georg Waldorf in bescheidenen Verhältnissen blieb, ihm seine Hilfe angedeihen zu lassen. Aber Georg Waldorf lehnte stolz jeden Dankesbeweis ab.

Die beiden Freunde hatten sich nie wiedergesehen, seit Walter Stratter die Heimat verließ. Aber Walter Stratter hatte sich immer als Georg Waldorfs Schuldner gefühlt, und kurze Zeit vor seinem Tode hatte er seinem Sohn John eine umfassende Lebensbeichte abgelegt. Danach hatte er ihm gesagt:

„Verurteile nie einen Menschen, John, versuche zu helfen, wenn du auf Schuld und Fehler stößt! Nicht jeder ist schlecht, der einmal vom rechten Weg abirrt. Und meine Dankesschuld gegen Georg Waldorf hinterlasse ich dir als ein heiliges Vermächtnis. Ich bin diese Dankesschuld nicht losgeworden, und das quält mich. Denn ich danke Georg Waldorf nicht nur mein Leben, sondern auch alles, was dieses Leben mir noch Gutes gebracht hat. Auch das Glück an der Seite deiner Mutter, das Glück, das ich als Vater genossen habe – alles das hätte ich nicht mehr kennen gelernt, wenn er mir damals nicht die Waffe aus der Hand geschlagen und mich so großmütig zur Fahrt über den großen Teich ausgerüstet hätte. Und deshalb, mein Sohn, sollst du versuchen, diese Schuld abzutragen. Du sollst, sobald es dir möglich ist, nach Deutschland gehen, wozu ich mich nie mehr entschließen konnte, du sollst nach Düsseldorf reisen, wo mein Freund Waldorf lebt. Ich weiß, er hat in der Inflation sein ganzes Vermögen verloren und seine Gesundheit hat gelitten. Er ist mit seiner Familie auf das angewiesen, was er in seiner Praxis verdient. Diese Praxis ist sehr zurückgegangen, weil ihn ein Augenleiden behindert. Alles das weiß ich, und auf alle meine Bitten, mir zu gestatten, dass ich ihm helfe, hat er nur eine ruhige, aber bestimmte Ablehnung gehabt. Da musst du zusehen, wie du ihm helfen kannst, ohne seinen Stolz zu verletzen. Er hat drei Töchter, eine aus seiner ersten Ehe, zwei aus seiner zweiten Ehe. Du willst dir eine deutsche Frau heimholen, John, vielleicht – vielleicht gefällt dir eine seiner Töchter, so dass du sie heimführen möchtest. Das wäre die schönste Art, ihm zu danken. Mein inniger Segen würde bei einem solchen Bund sein.“

So hatte Walter Stratter zu seinem Sohn gesprochen, und dieser hatte seinem Vater zugesagt, alles zu tun, was in seiner Macht läge, um die Dankesschuld abzutragen.

Nachdem er seine Geschäfte in New York so weit geordnet hatte, dass er sich auf längere Zeit unbesorgt entfernen konnte, hatte er seine schon längst geplante Europareise angetreten. In Hamburg und Berlin hatte er noch Geschäfte zu erledigen, ehe er nach Düsseldorf reisen konnte. Und nun war ihm sein Sekretär krank geworden. Es war nötig, einen Ersatz für ihn zu finden, denn er hatte sich vorgenommen, erst einmal unter der Maske seines Sekretärs in das Haus Doktor Waldorfs zu gelangen, weil er hoffte, dann mehr Bewegungsfreiheit zu haben und besser seine Mission erfüllen zu können. Er nahm sich vor, gleich heute noch ein Inserat an verschiedene Zeitungen aufzugeben.

***

Nachdem er zu Abend gespeist hatte, kleidete er sich um. Viel Lust hatte er zwar nicht, den Ball zu besuchen, aber die Langeweile trieb ihn dazu. Gegen halb zehn Uhr fuhr er zum Zoo, wo der Presseball stattfand.

In der Gaderobenhalle herrschte bereits lebhaftes Gedränge. Fast alle Garderobenständer waren schon überfüllt. In einer Ecke des großen Raums entdeckte Stratter schließlich einen Stand, der noch nicht so stark besetzt war wie die anderen. Hier legte John Stratter seine Garderobe ab. Mit ihm zugleich tat das ein schlanker, junger Herr, ungefähr im gleichen Alter und von der gleichen Figur wie er. Dieser junge Mann trug keinen Pelz, sondern nur einen dünnen, ziemlich abgetragenen Mantel. Etwas in dem Gesicht des jungen Mannes fesselte John Stratter sofort. Es war ein gut geschnittenes Gesicht mit festen, charakteristischen Linien, die nur von einer fahlen Blässe beeinträchtigt waren. Es zuckte eine verhaltene Erregung in diesem Gesicht, und in den tief liegenden grauen Augen lag ein Ausdruck, der John Stratter zu denken gab. Mit solchen Augen pflegte man sonst nicht auf Bälle zu gehen, dachte er.

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