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Hedwig Courths-Mahler - Folge 035

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Der verlorene Ring

Ergreifender Roman um ein Erbe und eine selbstlose Liebe

 

 

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Käte Harland legte schnell die Stickerei beiseite, als Günter Warneck zu ihr ins Zimmer trat.

„Haben Sie ein Weilchen Zeit für mich, Käte?“, fragte er.

Eine leise Röte war in ihre Wangen getreten, als sie ihn erblickte. „Ich stehe zu Ihrer Verfügung, Günter.“

Er lächelte. „Haben Sie einmal nichts Wichtiges zu tun?“

„Nichts, als eine belanglose Handarbeit fortzusetzen. Das eilt nicht.“

„Es ist mir sehr lieb, Käte, ich habe etwas mit Ihnen zu besprechen und bin eigens zu diesem Zweck zu so ungewöhnlicher Zeit aus dem Geschäft nach Hause zurückgekehrt.“

Das feine Rot in ihrem Antlitz hatte sich vertieft, aber er achtete in seiner sichtlichen Erregung nicht darauf. Er war mit seinen Gedanken so ganz bei der Angelegenheit, die ihn beschäftigte, dass er wenig Interesse für Käte Harland hatte.

Käte aber war seit Jahren gewöhnt, Günter Warneck verbergen zu müssen, was in ihrem Inneren vorging. Stets musste sie ihm eine gleichmütige Ruhe vortäuschen, auch wenn ihr Herz in seiner Gegenwart bis zum Hals hinauf schlug. Er sollte, durfte nicht merken, wie ihr Herz zitterte, wenn sie ihn ansah oder mit ihm sprach, denn sie wusste, dass er ihr gleichgültig, bestenfalls mit ruhiger Sympathie gegenüberstand. Er durfte nicht ahnen, dass sie ihn liebte vom ersten Augenblick an, da er in ihr Leben getreten war.

Das war vor drei Jahren gewesen, als Günters Vater, der reiche Kaufmann Heinrich Warneck, sie zu sich genommen hatte in sein Haus.

Er war ihres verstorbenen Vaters bester Freund gewesen. Eine seltene Freundschaft hatte die beiden Männer verbunden, obwohl sie in ihrer ganzen Art grundverschieden waren. Ihre Freundschaft hatte die härtesten Proben bestanden.

Käte Harlands Vater hatte Heinrich Warneck, als die beiden noch jung waren, einen großen Dienst erwiesen, indem er eine Torheit des Freundes, die ihm sein ganzes Leben zerstört haben würde, mit allen Mitteln verhindert hatte. Das hatte Heinrich Warneck dem Freund nie vergessen. Ihre Freundschaft hatte noch manche Probe siegreich bestanden, obwohl das Leben sie beide später auseinander führte. Klaus Harland war an eine süddeutsche Universität als Professor berufen worden und hatte sich dort verheiratet, während Heinrich Warneck in Berlin blieb und nach dem Tod seines Vaters Chef der Firma Warneck wurde.

Aber auch diese verschiedene Entfaltung ihrer äußeren Schicksale hatte die beiden Männer einander nicht entfremden können. Und als Klaus Harland zwei Jahre nach seiner Gattin starb, erschien es Heinrich Warneck selbstverständlich, dass er sich der verwaisten Tochter seines Freundes väterlich annahm. So kam die siebzehnjährige Käte in sein Haus.

Das junge, warmherzige Geschöpf hatte es verstanden, durch ihre bescheidene, anmutige Frische das Haus ihres Vormunds zu beleben und zu erwärmen. Dieses vornehme Haus des reichen Fabrikherrn war zuvor sehr still und freudlos gewesen. Die Gattin Heinrich Warnecks war schon seit zehn Jahren tot, und zwischen ihm und seinem Sohn Günter hatten sich inzwischen scharfe Gegensätze herausgebildet, die in den beiden Charakteren begründet lagen. Günters Mutter hatte, solange sie lebte, mit linder Hand diese Gegensätze zu überbrücken vermocht, aber seit ihrem Tod war niemand mehr da, der zwischen Vater und Sohn taktvoll vermittelt hätte. Und so wuchsen sich die Gegensätze fast zu einer vollkommenen Entfremdung aus. Der „Warnecksche Starrkopf“ saß auf den Schultern beider Männer, und sie gerieten leicht hart aneinander.

Käte Harland war es gelungen, die emporkeimende Entfremdung zum mindesten aufzuhalten. Nicht, dass sie es vermocht hätte, wie Günters Mutter, die schroffen Gegensätze auszugleichen, aber schon durch ihr Dasein verhinderte sie allzu heftige Explosionen.

Ob Vater und Sohn sich bewusst wurden, dass Käte Harland als Friedensengel zwischen ihnen stand, war nicht zu ergründen. Heinrich Warneck fühlte nur mit Behagen, dass wieder ein sanfter, weiblicher Geist in seinem Hause lebte, der sich seinen Wünschen und Launen anschmiegte und ihn fürsorglich umgab. Günter Warneck hatte Käte zunächst wenig beachtet. Aber dann wurde es ihm zur Gewohnheit, sie bei den Mahlzeiten sich gegenüber zu sehen, und schließlich machte es ihm sogar einiges Vergnügen, ab und zu eine müßige Stunde mit ihr zu verplaudern.

Aber Günter hatte keine Ahnung davon, dass Käte ihn liebte. Sie war noch so jung, als sie in seines Vaters Haus kam, und er selbst war damals noch nicht lange aus dem Krieg heimgekehrt. Ein Armschuss hatte ihn davor bewahrt das letzte Jahr am Feldzug teilnehmen zu müssen. Und in jener Zeit war er in nicht sehr rosiger Stimmung gewesen, zumal er gleich wieder hart mit seinem Vater zusammengeraten war. Und Käte entwickelte sich dann so allmählich aus dem etwas eckigen, überschlanken Backfisch zu einer anmutigen jungen Dame, dass es ihm kaum auffiel. Sie war keine Schönheit, und Günter war von den schönen Frauen seiner Gesellschaftsklasse ziemlich verwöhnt und achtete der feinen stillen Reize nicht, die im Haus seines Vaters erblühten. Ihm, dem Erben des reichen Heinrich Warnecks, der obendrein noch eine sehr interessante, fesselnde Erscheinung war, die auf Frauen wirkte wie ein Magnet, kamen so viele schöne Frauen und Mädchen huldvoll entgegen, dass die stille Käte keinen großen Eindruck auf ihn machte. Freilich, er hätte sie nie mehr missen mögen in seinem Leben, sie gehörte mehr und mehr, ohne dass es ihm bewusst wurde, zu seinem häuslichen Behagen, aber nie wäre es ihm eingefallen, die kleine Käte mit anderen als etwa brüderlichen Augen anzusehen. Und Käte wusste ganz genau, dass sie ihm gleichgültig war, für sie war es schon ein Gewinn, wenn er ein freundliches Wort mit ihr sprach oder ein wenig mit ihr scherzte und plauderte.

Günters Vater hatte sein Mündel mit der Zeit herzlich lieb gewonnen. Sie war seinem Herzen im Grunde näher gekommen als sein eigener Sohn. Und wenn er früher zuweilen in seinem Gesellschaftskreis einmal Ausschau hielt, welche der jungen Damen er sich wohl zur Schwiegertochter wünschen sollte, so unterließ er das mehr und mehr seit Käte im Haus war und sich zu einer lieblichen Mädchenblüte entfaltete. Wenn er sie jetzt anschaute, fragte er sich oft, ob Günter keine Augen im Kopf habe. Er malte sich aus, wie schön es sein müsse, Käte für immer im Haus zu haben, und er machte sich daher mit dem Gedanken vertraut, dass aus Günter und Käte ein Paar werden müsse.

Wenn aber Heinrich Warneck etwas wollte, dann führte er es auch aus. Nicht umsonst war der „Warnecksche Dickschädel“ in der Familie bekannt. Und eines Tages saß es dann ganz fest in seinem Kopf und war beschlossene Sache, dass Käte Harland seine Schwiegertochter werden sollte.

Wohlweislich sprach er seinem Sohn vorläufig nicht davon, aber er suchte die beiden jungen Menschen einander näher zu bringen und sorgte dafür, dass Käte schöne Kleider trug und sich schmückte.

„Meine alten Augen wollen sich freuen an dir. Du musst dich schön machen für deinen alten Onkel Heinrich“, sagte er lächelnd zu Käte, wenn sie sich zu anspruchslos und einfach kleidete.

Im Übrigen übereilte er nichts, es hatte ja Zeit. Die beiden waren noch jung, und Günter mochte sich ruhig erst die Hörner abstoßen.

In letzter Zeit jedoch hatte der alte Herr mit Verdruss und einiger Unruhe gesehen, dass Günter sich mehr, als ihm lieb war, um eine junge Schauspielerin bemühte. Lori Leixner war sehr schön, sehr bezaubernd, aber auch sehr talentlos.

Vor allen Dingen aber war sie eine raffinierte Kokotte, die jeden Mann, der ihr nahe kam, in ihre Netze zu ziehen versuchte. Und Heinrich Warneck hatte alle Ursache, unruhig zu sein, denn sein Sohn gehörte viel mehr, als er ahnte, zu den Opfern der schönen Lori Leixner. Und da Günter sich sehr viel Idealismus bewahrt hatte und die junge Schauspielerin ernsthaft liebte, war das besonders gefährlich. Lori Leixner wusste, dass sie beim Theater kein Glück haben würde, wenn sie auch weit davon entfernt war, an ihre Talentlosigkeit zu glauben. Und so war sie darauf bedacht, sich eine glänzende Stellung zu erobern. Ihre anderen Verehrer, an denen es ihr natürlich nicht fehlte, dachten nicht daran, sie zu heiraten. Aber in Günter erblickte sie einen ernsthaften Bewerber. Er kam ihr von Anfang an achtungsvoller und ernsthafter entgegen, und sie spielte ihm, im Leben geschickter als auf der Bühne, eine ganz raffinierte Komödie vor.

Mit tränenschimmernden Augen erzählte sie ihm, wie sie von den Männern verfolgt, von neidischen Kolleginnen gehasst würde. Man gebe ihr nur keine guten Rollen, in denen sie ihr Können zu zeigen vermöge, weil sie zu stolz sei, ihre Ehre zu opfern. Sie sei leider verwaist und gezwungen, sich ihr Brot als Schauspielerin zu verdienen, aber ihr ganzes Wesen wurzele in einer anderen Sphäre. Sie sei aus guter Familie und hege keinen innigeren Wunsch, als der Bühne den Rücken kehren und ein stilles Leben führen zu dürfen.

Günter Warneck war so vollständig von ihr bezaubert, dass er ihr freudig jedes Opfer gebracht hätte. Er glaubte an ihre Ehrbarkeit, an ihre lautere, vornehme Gesinnung und hatte keinen heißeren Wunsch, als das geliebte Mädchen in einen sicheren Hafen zu retten. Lori merkte sehr bald, dass er sich mit ernsten Heiratsabsichten trug, und sie war nicht gewillt, dieses Opfer wieder loszulassen. Sie brach alle Beziehungen zu ihren anderen Verehrern ab und gab Günter zu verstehen, dass sie sich als seine Braut betrachte. Wie Günter geartet war, widersprach er dem nicht. Er warb ritterlich um sie und bat sie nur, ihm Zeit zu lassen, bis er mit seinem Vater ins Reine gekommen sei.

Heinrich Warneck hatte keine Ahnung, dass die Angelegenheit schon so weit gediehen war, aber immerhin erschien ihm diese Liaison verschiedener Anzeichen halber zu gefährlich, als dass er willens gewesen wäre, länger ruhig zuzusehen. Kurz und bündig erklärte er Günter, es sei an der Zeit für ihn, an eine Heirat zu denken. Er möge seine galanten Beziehungen abbrechen und sich darauf vorbereiten, dass er in Bälde Käte Harlands Gatte werde, denn es sei sein fester Wille, sein Mündel zu seiner Schwiegertochter zu machen.

Diese Eröffnung hatte er seinem Sohn am Vormittag dieses Tages gemacht. Wenn Heinrich Warneck seinen Sohn gekannt hätte, wäre ihm klar geworden, dass er durch eine derartig despotische Ankündigung nur zum Ungehorsam gereizt werden würde. Nur seiner maßlosen Überraschung war es zu danken, dass er nicht gleich eine scharf ablehnende Antwort gab, sonst hätte sich ein Konflikt schon jetzt nicht vermeiden lassen.

„Es ist nicht nötig“, fuhr der Vater fort, „dass du dich schon in diesem Augenblick entscheidest; aber bis heute in acht Tagen wünsche ich dich von allen anderen Verpflichtungen frei zu sehen. Bitte, halte dir vor Augen, dass ich in Käte deine künftige Gattin sehe, und in einer Woche wünsche ich deine Zustimmung zu erhalten – wenn du nicht ganz stichhaltige Gegengründe hast oder mir sagen kannst, dass du dir bereits eine andere Frau aus unseren Kreisen erwählt hast. In diesem Fall will ich natürlich keinen Zwang auf dich ausüben. Aber das eine sage ich dir, eine Liebelei mit einer obskuren Theaterdame gilt mir nicht als Gegengrund. Also bitte, überlege das ruhig und gib mir heute in einer Woche deinen Bescheid!“

Günter war indessen durchaus nicht imstande, sich diese Angelegenheit ruhig zu überlegen. Die despotische Art des Vaters reizte ihn namenlos. Hätte man ihm Zeit gelassen, seine Leidenschaft für die schöne Schauspielerin ausklingen zu lassen, so wäre es vielleicht nicht zum Äußersten gekommen. Vielleicht wären ihm dann die Augen über den wahren Wert Loris aufgegangen. Aber gerade, dass sein Vater ihn mit kalter Überlegenheit und starrem Willen in eine Ehe mit einer Frau hineindrängen wollte, die er bisher noch nie mit den Augen eines Mannes angesehen hatte, weckte in ihm den Widerspruchsgeist.

Während der Mittagstafel hatte er nur wenige Worte mit dem Vater gesprochen. Aber zum ersten Mal sah er an diesem Tag mit prüfendem Blick seine junge Hausgenossin an. Und er konnte nicht umhin, festzustellen, Käte habe sich, ohne dass er es beachtet hatte, zu einer lieblichen Erscheinung ausgewachsen. Sie hatte es wahrlich nicht nötig, sich von seinem Vater so diktatorisch unter die Haube bringen zu lassen. Er war fest davon überzeugt, dass Käte über den Heiratsplan seines Vaters ebenso empört sein würde wie er. Ein Mädchen wie sie bot man nicht an.

Und Günter beschloss, Käte gegen ähnliche Pläne seines Vaters in Schutz zu nehmen. Es wäre jammerschade, ein so liebes, reizendes Mädchen in eine liebeleere Ehe hineinzudrängen.

Ganz warm wurde Günter bei diesem Gedanken, als er seinen Blick auf Käte ruhen ließ. Und wenn sein Herz und seine Sinne nicht so ganz von Lori Leixner gefesselt gewesen wären, hätte der Gedanke, Käte zu heiraten, gar keinen Schrecken für ihn gehabt. Sie war sehr wohl dazu geschaffen, einen Mann glücklich zu machen. Aber dieser Mann konnte nicht er sein, er, der so fest in den Banden der schönen Lori lag.

Und er überlegte, was er tun müsse, um Lori zu seiner Frau machen zu können, ohne dass es eine häusliche Katastrophe geben würde.

Da fiel ihm ein, dass Käte durch ihre taktvolle Vermittlung schon manchen Sturm von ihm abgewendet hatte. Deshalb kam er am Nachmittag zu ganz ungewöhnlicher Zeit nach Hause und trat zu Käte ins Wohnzimmer. Er wollte sich ganz offen mit ihr aussprechen und mit ihr beraten, was zu tun sei, um den Heiratsplan seines Vaters zunichte zu machen.

„Bitte, nehmen Sie Platz, Günter, und sagen Sie mir, was Sie zu mir führt!“, sagte Käte, so ruhig sie es vermochte.

Er ließ sich ihr gegenüber in einen Sessel nieder und sah etwas unsicher in ihr zart gerötetes Gesicht. Zum ersten Mal fiel ihm auf, wie schön ihre großen braunen Augen waren.

Mit einem tiefen Atemzug richtete er sich auf und sagte:

„Es ist etwas sehr Ungewöhnliches, das mich zu Ihnen führt, Käte, und ehe ich mich ausspreche, möchte ich Sie fragen, ob Sie überzeugt sind, dass ich Ihnen so gegenüberstehe, wie ich vielleicht zu einer jungen Schwester stehen würde?“

Sie sah ihm ein wenig erstaunt in das erregte Gesicht.

„Ich glaube, Günter, dass ich von Ihrer Sympathie überzeugt sein kann. Sie sind immer sehr freundlich und gütig zu mir gewesen und haben mich nie als lästigen Eindringling behandelt.“

„Dazu hatte ich wahrlich keine Veranlassung. Ich bin sehr froh, dass mein Vater Sie ins Haus gebracht hat, denn Sie haben zwischen ihm und mir die Mittelsperson gespielt. Sie wissen, Käte, dass Vater und ich zu verschiedene Charaktere sind, um immer in Frieden miteinander auszukommen.“

Mit einem feinen Lächeln sah sie zu ihm auf.

„Wenn ich mir erlauben darf, etwas zu äußern, so ist es das, dass Sie sich in einem Irrtum befinden. Es kommt zwischen Ihnen und Ihrem Vater nur deshalb so leicht zu Schroffheiten, weil Sie einander zu ähnlich sind.“

Er stutzte und sah sie erstaunt an. „Zu ähnlich? Unsere Charaktere sollen sich ähnlich sein?“

„Viel mehr, als Sie es selbst denken. Gerade da, wo Ihre Charaktere einander gleichen, setzt auf beiden Seiten das Verständnis und die Duldung aus.“

Er schüttelte den Kopf. „Ihre Worte berühren mich sonderbar. Ich finde die Art meines Vaters oft unerträglich. Und nach Ihrer Ansicht soll ich einen ähnlichen Charakter besitzen?“

„Unerträglich erscheint es nur Ihnen. Sie leiden beide, weil Sie sich gegenseitig an den gleichen markanten Stellen Ihrer Charaktere wund reiben. Verzeihen Sie, Günter, dass ich das so offen ausspreche. Mir ist, als müsse ich das auch Ihrem Vater einmal sagen, weil ich denke, das müsste Ihnen gegenseitig helfen. Ich meine es gut, sonst würde ich mir nicht erlauben, solch ein Urteil abzugeben. Ich habe ja kein Recht dazu.“

Er wehrte hastig ab. „Sprechen Sie doch nicht immer, als bestehe Ihr Dasein in unserem Hause nur aus tausend Pflichten und aus keinem einzigen Recht.“

„Es ist aber so, oder vielmehr, mein ganzes Dasein hier legt mir nur eine einzige große Pflicht auf – die der Dankbarkeit. Rechte habe ich nicht.“

Kopfschüttelnd sah er sie an.

„Das sind also die Gedanken, die hinter Ihrer weißen Stirn spazieren gehen? Sie sind sich gar nicht bewusst, dass wir, Vater und ich, Ihnen viel mehr zu danken haben als Sie uns. Allein durch Ihr Hier sein verpflichten Sie uns zur Dankbarkeit, denn wenn in diesem Hause noch etwas von Familienfrieden und Zusammengehörigkeit zu finden ist, so ist das Ihnen auf die Rechnung zu setzen. Das wird mir jetzt erst klar, wo ich es ausspreche. Wenn Sie wüssten, eine wie unbehagliche Stimmung hier herrschte, ehe Sie kamen, würde Ihnen der Unterschied zwischen damals und jetzt sehr auffallen. Ich will noch gar nicht davon sprechen, was Sie uns täglich für große und kleine Dienste leisten, wie Sie Behagen und Ordnung um uns verbreiten und den ganzen Haushalt am Schnürchen haben, was bei Ihrer Jugend bewundernswert ist. Und nun reden Sie noch von einer Pflicht der Dankbarkeit“, sagte er in herzlichem Ton.

Ihr Gesicht hatte sich von Neuem gerötet.

„Ich fand hier eine Heimat, ich fand Güte und Freundlichkeit – wenn ich dafür nicht mit tausend kleinen Diensten danken könnte, womit sollte ich es sonst tun?“

„Nun gut, so stehen wir mindestens auf Gegenseitigkeit einander gegenüber. Aber nun komme ich wieder auf Ihren Ausspruch zurück, dass mein Charakter dem meines Vaters ähnlich sein soll. Ich war stets vom Gegenteil überzeugt.“

„Wie Ihr Vater auch, Günter. Er behauptet gleichfalls, Sie und er seien verschieden wie Tag und Nacht. Und doch sind Sie beide im Irrtum. Ich habe Gelegenheit genug gehabt, Ihre Charaktere kennen zu lernen. Sie sind beide sehr stolz und eigenwillig, beide konsequent bis zur – darf ich es sagen? – bis zur Halsstarrigkeit, wenn Sie etwas als recht erkannt haben. Sie sind auch beide sehr positiv und gar nicht gewillt, schwachherzige Zugeständnisse zu machen; trotzdem ist der Grundzug Ihrer Charaktere eine vornehme Güte. Seltsamerweise reiben Sie sich beide viel mehr an Ihren Vorzügen als an Ihren Fehlern.“

Er sah nachdenklich vor sich hin.

„Mein Vater ist sehr hart, despotisch und ungerecht – sind das auch Eigenschaften, die Sie an mir entdeckt haben?“, fragte er jetzt.

Käte überlegte. Dann sagte sie lächelnd:

„Sie vergessen, dass Sie noch viel jünger sind als Ihr Vater, den das Leben wohl noch härter gemacht hat. Was Sie despotisch nennen, ist vielleicht nichts als die Gewohnheit des Herrschens. Er muss über viele Menschen gebieten. Und wenn Sie das eines Tages werden tun müssen, werden auch Sie darin Ihrem Vater gleichen. Ungerecht aber, nein, ungerecht habe ich Ihren Vater noch nie gefunden.“

Günter strich das Haar aus der Stirn. Sein Gesicht hatte einen unbehaglichen Ausdruck. Der feste Zug um Mund und Kinn wurde dadurch vertieft, dass er die Zähne fest zusammenbiss, und seine grauen, tief liegenden Augen blickten düster vor sich hin.

„Ich stoße mich wund an dieser Härte, an diesem Despotismus, und ich finde es eben ungerecht, dass er diesen auch mir gegenüber geltend macht, genau wie allen denen gegenüber, die von ihm abhängig sind.“

Sie sah ihn flehend an.

„Günter, all diese fühlen sich wohl unter seiner starken Hand. Haben Sie noch nie darüber nachgedacht, dass Sie ihn mit ein wenig Nachgiebigkeit und freiwilliger Unterordnung entwaffnen können?“, fragte sie weich.

Er lauschte mit einem ganz seltsamen Gefühl auf ihre weiche, klare Stimme und sah versonnen in ihr Gesicht.

„Seltsam, Käte, wie Ihre Worte auf mich wirken. Schade, dass wir bisher nie dazu gekommen sind, darüber zu sprechen. Wenn wir einmal zusammen plauderten, waren es immer oberflächliche Themen, die wir anschlugen. Offen gestanden, ich habe bisher gar nicht gewusst, was für ein Gewinn es ist, seine Gedanken mit Ihnen auszutauschen. Ich fürchte, ich habe Sie sehr unterschätzt – in jeder Beziehung, und habe versäumt, Ihnen innerlich näher zu kommen. Das tut mir jetzt sehr Leid. Aber zum Glück lässt sich das Versäumnis nachholen. Und ich bin sehr froh, dass ich jetzt zu Ihnen gekommen bin mit meinem bedrückten Herzen. Wenn ich Ihnen vorhin sagte, dass ich mich wund stoße an der Härte meines Vaters, so habe ich dazu heute eine besondere Veranlassung.“

In Kätes Herzen erwachte eine heiße Freude über seine Worte. Wie dankbar war sie dem Schicksal, dass Günter den Weg zu ihr gefunden hatte, da ihn ein Leid bedrückte. Noch nie war der Wunsch, zwischen Vater und Sohn ausgleichen und vermitteln zu können, so stark gewesen wie gerade jetzt, wo man sich so ruhig aussprechen konnte.

„Hat es wieder etwas zwischen Ihnen gegeben?“, fragte sie voller Teilnahme.

Er atmete tief auf. Und dann stieß er erregt hervor: „Meines Vaters Despotismus geht so weit, dass er mir vorschreiben will, welche Frau ich ...

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