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Hedwig Courths-Mahler - Folge 034

Mein lieber Fredy!

Diesmal kann ich dir nicht helfen, es ist unmöglich, das Geld zu beschaffen. Und Mutter kann auch nicht helfen. Ich wage es gar nicht, ihr deinen Brief zu zeigen. Sie hat vor einigen Tagen wieder einen furchtbaren Anfall gehabt und muss das Bett hüten. Eine große Aufregung war schuld. Denke dir, unsere Schwester Lena ist krank; sie muss auf ärztliche Verordnung sofort nach Deutschland reisen. Es ist ganz plötzlich gekommen. Drei Jahre lebt sie nun mit ihrem Mann in Südostafrika. Wenn das Blockhaus, das sie bewohnen, nicht in ziemlicher Höhe am Kilimandscharo stünde, dann wäre sie wohl schon längst erholungsbedürftig gewesen. Nur ganz gesunde Menschen können das Klima vertragen. Lena war ja so gesund, so kräftig, dass wir sie beruhigt ziehen lassen konnten. Aber seit der Geburt ihres jetzt dreijährigen Töchterchens ist sie nicht mehr so widerstandsfähig.

Du kannst dir Mutters Sorge denken, obwohl ich es ihr so schonend wie möglich beibrachte. Jetzt ist sie wieder ruhiger und freut sich auf Lena, die auch ihr kleines Mädchen mitbringt. Aber es waren aufregende Tage – auch für mich. Georg sandte eine Depesche, darin teilte er uns mit, dass Lena sofort reisen muss, er aber das Reisegeld momentan nicht flüssig machen kann. Nun bat er uns, zu senden, was wir irgend entbehren können. Im August bekommt er Urlaub und wird uns dann das verauslagte Geld zurückerstatten.

Siehst du, lieber Fredy, da mussten wir alles zusammenraffen, bis auf den letzten Groschen. Auch unser Sparpfennig für besondere Fälle ist dahin. Wir ließen das Geld telegrafisch an die Handelsbank in Tanga anweisen. Nun wird sich unsere Lena mit ihrem Kind dieser Tage von Usambara auf den Weg machen.

Das alles lastet schwer auf mir, dazu muss ich noch angestrengt arbeiten, damit wir Geld ins Haus bekommen. Zum Glück habe ich Aufträge. Jetzt vor Weihnachten fertigen die Damen viele Handarbeiten an; dazu sind meist Zeichnungen nötig. Die Firma, für die ich arbeite, zahlt sehr gut. Der Geschäftsinhaber lässt mir auch manchen lohnenden Extraauftrag zukommen. Das ist ein Glück, ich wüsste sonst nicht, wovon wir leben sollten. Mutter muss kräftige Kost haben. Sie ist so hinfällig; meine Angst um sie ist grenzenlos.

Das alles schreibe ich dir nur, lieber Fredy, um dir klar zu machen, dass wir dir nicht helfen können – diesmal nicht. Ach, Fredy, warum machst du uns immer solche Sorgen! Wir haben wahrscheinlich ohnedies genug. Wenn du wüsstest, wie schwer mir das Herz ist! Unser lieber alter Doktor hat mir gestern gesagt, Mutter dürfe keinen so schlimmen Anfall mehr bekommen, sonst stehe er für nichts. Wenn sie wüsste, dass du wieder leichtsinnig warst! Sei doch, um Gottes willen, endlich vernünftig! Du musst mit der Zulage auskommen, die Tante Laura dir gibt. Ich kann dir jetzt nichts mehr von meinem Verdienst schicken. Solange Lena mit dem Kind bei uns ist, kostet der Haushalt mehr. Und vor August ist von Georg keine Hilfe zu erwarten. Vielleicht versuchst du einmal, ob Tante Laura dir diese dreitausend Mark gibt. Es ist mir zwar ein fürchterlicher Gedanke und ich glaube auch kaum, dass sie dir hilft, denn sie hat kategorisch erklärt, mehr als die Zulage gäbe es nicht; aber versuchen kannst du es ja.

Bitte, schreibe mir gleich, wie du dir aus diesem Dilemma hilfst, denn ich sorge mich sehr.

Mit herzlichem Gruß und Kuss

deine Schwester Jutta

Mit müder Bewegung legte Jutta Falkner die Feder aus der Hand und kuvertierte den Brief. Eine Weile starrte sie mit brennenden Augen darauf nieder. Dann erhob sie sich hastig und steckte ihn seufzend in ihre Handtasche.

Sie trat an ihren am Fenster stehenden Arbeitstisch, wo sie ihre Zeichnungen anzufertigen pflegte. Neben dem Tisch stand eine Staffelei mit einem halb vollendeten Bild einer Landschaft in Öl.

Es war Juttas Arbeitszimmer, in dem sie sich befand. Nach dem Tod ihres Vaters hatten die Witwe und Tochter des Geheimrats Falkner die Wohnung bezogen. Sie bestand außer aus Juttas Arbeitszimmer aus dem gemeinsamen Schlafzimmer für Mutter und Tochter, einem kleinen Wohn- und einem noch kleineren Empfangszimmer. Daran schloss sich die Küche mit der Mädchenkammer. Es war die typische kleinbürgerliche Wohnung, in der jeder Zentimeter Raum ängstlich berechnet war.

Jutta versuchte noch zu arbeiten, aber die Dämmerung brach rasch herein. Nun ging das junge Mädchen leise durch das Wohnzimmer nach dem Schlafzimmer, um nach der Mutter zu sehen.

Die alte Dame lag, von Kissen gestützt, im Bett. Sie hatte ein schmales, feines Gesicht. Es sah plötzlich sorglos, fast heiter aus. Die wunderschönen grauen Augen leuchteten voll warmer Liebe zur Mutter hinüber. Als sie sah, dass die Mutter aufwachte, trat sie schnell an das Bett heran.

„Hast du ein Nickerchen gemacht, Mutter?“

Frau Geheimrat Falkner schüttelte lächelnd den Kopf und hob das schmale Gesicht mit dem stillen Leidenszug zur Tochter empor. „Nein, Jutta, ich konnte nicht schlafen. Ich musste an Lena denken – und an mein Enkelchen Wally. Ich habe versucht, sie mir vorzustellen. Die Fotografien, die Georg uns gesandt hat, sind für meine Augen nicht deutlich genug. Wenn du nachher Licht angezündet hast, gibst du mir die Bildchen und Lenas Brief. Ich will sie alle noch einmal ansehen. Heute darf ich ja das Bett noch nicht verlassen.“

„Nein, Mutter, aber morgen darfst du wieder ins Wohnzimmer in deinen Lehnstuhl“, erwiderte Jutta.

„Ob Lena sich schon eingeschifft hat?“, fragte die Mutter.

„Nein, Mutter, erst am Sonnabend wird die ‚Rhenania‘ in See gehen.“

„Ach Gott, die lange Reise! Sie ist für Lena so anstrengend.“

„Bis zum Schiff hat sie ja genügend Beistand, Mutter, und auf dem Schiff hat sie doch auch Bedienung. Du sollst sehen, auf der Seereise wird sich Lena viel wohler fühlen. Wenn sie hier ankommt, ist sie wieder frisch und gesund.“

„Dazu mag Gott helfen. Unser lieber Doktor hat das auch schon gesagt. Er meint, bei Lenas kräftiger Konstitution habe das nicht viel auf sich.“

„Siehst du wohl.“ Jutta strich sanft über das graue Haar der Mutter. „Jetzt hole ich dir Lenas Briefe und die Bilder. Dann will ich ein halbes Stündchen ins Freie. In der Dämmerstunde kann ich ohnedies nicht viel arbeiten“, sagte sie heiter.

Die alte Dame nickte. „Ja, Kind, geh ein wenig an die frische Luft, sonst wirst du mir blass und müde. Du musst ja so viel arbeiten.“

Jutta streckte wie im übermütigen Kraftgefühl die Arme aus und reckte die schlanke, jugendschöne Gestalt in dem schlichten, dunkelblauen Kleid, das sich knapp um die edlen, fein gerundeten Formen schmiegte. In ihr liebes, freundliches Gesicht trat eine leichte Röte.

„Damit hat es keine Not, Mutter! Von Mattigkeit fühle ich keine Spur, und an roten Wangen soll es nicht fehlen, wenn ich wieder heimkomme. Ich glaube, wir bekommen Frost. Es liegt so etwas in der Luft. Also, ich hole dir jetzt die Bilder und Lenas Brief.“

Sie ging ins Wohnzimmer zurück und holte das Gewünschte. Dann zündete sie die über dem Bett befindliche Gaslampe an und stellte eine Klingel bereit.

„So, Mutter, nun weiß ich dich gut versorgt. Hier ist die Klingel für Minna. Brauchst du noch etwas?“

„Nein, Kind, so ist alles recht. Nun gehe ruhig!“

Jutta küsste die Mutter und ging hinaus.

Frau Geheimrat Falkner betrachtete sich nun erst die Fotografien, die ihre älteste Tochter aus Ostafrika geschickt hatte. Da waren Aufnahmen vom Urwald, im Hintergrund der Bergrücken des Kilimandscharo, dann stille Waldwiesen, von tropischer Vegetation umgeben. Am aufmerksamsten betrachtete die alte Dame die Aufnahmen des Heims ihrer Tochter. Da war ein roh gezimmertes Blockhaus mit einer großen überdachten Veranda davor. Auf dem einen Bild saßen um den Tisch einige Herren in Tropenuniform, wie sie dort die Forstbeamten tragen. Der eine war Georg von Haller, ihr Schwiegersohn. Neben ihm saß mit lachendem Gesicht Lena.

Auf einem anderen Bild sah man einen Neger, der die kleine Wally hoch empor hob. Es war ihr Wärter.

Während die Mutter sich andächtig die Bilder anschaute, ging Jutta mit schnellen Schritten zum nahen Postamt, um den Brief an den Bruder aufzugeben. Als er mit seltsam dumpfem Geräusch in den Postkasten fiel, überkam sie ein unbestimmtes, banges Gefühl.

Aber dann schüttelte sie energisch dieses Bangen ab.

„Ich kann ihm nicht helfen, ich kann nicht. Und die Mutter kann es erst recht nicht, es hat keinen Zweck, sie damit zu beunruhigen. Fredy muss sich selbst helfen.“

Ach, was für Opfer hatte sie diesem Bruder schon gebracht, welche Sorgen hatte er ihr schon gemacht! Wie oft hatte sie ihm ihre kleinen Ersparnisse geschickt, wenn er wieder und immer wieder um Geld bat und sie es die Mutter nicht wissen lassen wollte.

Und doch konnte Jutta ihm nicht zürnen. Sie liebte diesen schwachen, leichtsinnigen Bruder unsagbar, der die Freuden des Lebens nicht missen konnte, und sorgte sich wie eine zärtliche Mutter um sein Wohlergehen.

Solange der Vater noch lebte, ging alles gut. Er hielt den Bruder mit Ernst und Strenge im Zaum. Aber als der Vater vor vier Jahren starb, wurde alles anders. Mit seinem Tod erloschen die guten Einkünfte, und nun musste Mutters Pension ausreichen. Nur widerwillig hatte sich Tante Laura, eine Cousine der Mutter bereitfinden lassen, Fredy einen Zuschuss zu gewähren, damit er Offizier bleiben konnte. Lena, Juttas vier Jahre ältere Schwester, war bald nach Vaters Tod mit ihrem Gatten nach Ostafrika gegangen. Georg von Haller hatte seinen Abschied als Offizier nehmen müssen, weil er ebenso arm war wie Lena und er die Heiratskaution nicht stellen konnte.

Lena wusste, wie leidend die Mutter war und dass sie vor allen Aufregungen behütet werden musste. Deshalb berichtete sie nur Gutes nach Hause. Wenn sie aber einmal etwas auf dem Herzen hatte, wenn sie Rat und Hilfe brauchte, dann wandte sie sich an Jutta. Ihren Briefen an die Mutter lag dann ein Schreiben an die Schwester bei, das sie immer gleich an sich nahm, ehe sie der Mutter die Briefe überreichte. So wusste Jutta, dass Lena nicht bloß nach Deutschland kam, um sich zu erholen, sondern dass sie sich einer Operation unterziehen musste, die sie in Deutschland vornehmen lassen wollte. Aber davon erfuhr die Mutter nichts.

Als Jutta von der Post aus nach den nahen Anlagen ging, war ihr das Herz schwer. Nicht nur die Sorge um Fredy bedrückte sie, sie dachte auch daran, wie sie sonst alles schaffen sollte.

Ach, dass sie doch reich wäre, so reich, dass sie allen ihren Lieben helfen könnte!

Sie seufzte auf.

Wohl würde es Fredy nicht sein, wenn er ihren Brief bekam. Jutta sah im Geist sein hübsches Gesicht vor sich. Seine Augen schienen ihr zu sagen: „Ich weiß ja nicht, wo das Geld bleibt, Jutta; ich kann nun mal nicht rechnen.“ So hatte er schon oft zu ihr gesprochen.

Ach, wie sie ihn liebte, den leichtsinnigen Bruder! Wie gern sie ihm der die Sonne liebte, ein sonniges Dasein verschafft hätte!

Schnellen Fußes hatte sie die Anlagen durchkreuzt. Als sie über den freien Mittelplatz schritt, begegnete ihr ein schlanker junger Mann. Er war mit unauffälliger Eleganz gekleidet.

Als Jutta ihn erblickte, vertiefte sich das Rot ihrer Wangen, und sie sah zur Seite, um seinen Augen nicht zu begegnen. Sie war diesem Herrn in letzter Zeit schon einige Male begegnet. Sein interessantes Gesicht hatte sich ihr eingeprägt, und der eigentümliche Blick seiner Augen hatte sie verwirrt, so dass sie diesem Blick jetzt lieber auswich.

Schnell ging sie an ihm vorüber; sie merkte nicht, dass er nach einer Weile stehen blieb und ihr nachsah. Er tat es sehr diskret, nicht wie ein Mensch, der ein flüchtiges Abenteuer sucht, sondern wie einer, den ein ernstes Interesse fesselt.

***

Am nächsten Tag herrschte starker Wind und Schneegestöber. Jutta benutzte heute die Dämmerstunde, um fertige Zeichnungen in dem Geschäft in der Leipziger Straße abzuliefern. Sie war froh, dass ihr der Betrag an der Kasse gleich ausgezahlt wurde und sie auch neue Aufträge erhielt.

Gerade als sie gehen wollte, rief sie der Geschäftsführer noch einmal zurück.

„Einen Augenblick, Fräulein Falkner, ich habe noch einen besonders lohnenden Auftrag für Sie. Am besten ist es, Sie sprechen mit der Dame, sie ist zufällig hier. Bitte, kommen Sie!“

Er führte Jutta in die erste Etage. Dort saß an einer der Verkaufstafeln eine sehr schöne und elegante Dame, die mit einer Verkäuferin über die Stickerei eines Wandbehanges sprach.

Frau von Wengern, so hieß die Dame, wollte in die Mitte dieses Wandbehanges, der schon ziemlich fertig war, ein bestimmtes Wappen gemalt haben. Der Chef sagte ihr, dass Fräulein Falkner diese Wappen in künstlerischer Ausführung malen würde. Frau von Wengern möge der jungen Dame ihre Wünsche äußern.

Die schöne Frau wandte sich liebenswürdig an Jutta und zeigte ihr ein Wappensiegel, das ein springendes Pferd unter einer Burgzinne zeigte.

Sie gab Jutta genau die Farben an.

„Werden Sie das können, Fräulein Falkner? Mir liegt viel an einer vorzüglichen Ausführung“, sagte Frau von Wengern.

„Ich glaube, Ihnen eine solche versprechen zu können, gnädige Frau“, antwortete Jutta höflich.

„Und ich bürge Ihnen dafür, gnädige Frau. Fräulein Falkner ist eine Künstlerin und hat schon schwierigere Aufgaben zur vollsten Zufriedenheit gelöst“, beeilte sich der Chef zu versichern.

Frau von Wengern sah mit Interesse in Juttas Gesicht. Das feine Wesen der jungen Dame gefiel ihr.

„Nun gut, Fräulein Falkner. Die Arbeit ist ein Geschenk, und ich möchte Ehre damit einlegen. Auf den Preis kommt es nicht an.“

Jutta verneigte sich. Die beiden Damen besprachen noch einiges, dann ging Frau von Wengern.

Jutta packte ihre Arbeit zusammen und verließ ebenfalls das Geschäft. Als sie auf die hell erleuchtete Straße trat, sah sie Frau von Wengern neben ihrem Wagen stehen und mit einem großen, schlanken Herrn sprechen. Gerade als Jutta heraustrat, wandte er sich nach ihr um. Sie erkannte errötend in ihm den Herrn, der ihr schon öfter begegnet war und den sie gestern in den Anlagen gesehen hatte.

Sein Blick leuchtete auf, er erkannte sie. Es lag eine helle Fröhlichkeit in diesem Blick und ein überschüssiges Kraftbewusstsein, zugleich aber ein so zwingender Wille, dass Jutta ihre Augen nicht von ihm losreißen konnte.

Sein Blick folgte ihr noch eine Weile. Er hörte kaum, was die schöne Lolo von Wengern zu ihm sprach. Aber dann half er ihr mit vornehmer Liebenswürdigkeit in den Wagen.

„Also auf Wiedersehen, Herr von Hohenegg!“, rief Frau von Wengern ihm zu.

„Auf Wiedersehen, gnädige Frau. Bitte grüßen Sie Ihren Herrn Gemahl herzlich von mir!“

Sie neigte das Haupt, und ihre schönen, feurigen Augen sahen ihn mit einem koketten Blick an.

Lolo von Wengern hätte brennend gern mit Günter von Hohenegg, dem Freund ihres Gatten, ein wenig geflirtet; aber er kam diesem Wunsch gar nicht entgegen. Mit einer ruhigen Verbeugung schloss er den Wagenschlag und trat zurück.

Jutta war inzwischen weitergegangen. Sie fragte sich, ob der Herr, den sie soeben neben Frau von Wengern gesehen hatte, wohl derjenige sei, für den das Geschenk der schönen Frau bestimmt war.

Für einen Freiherrn von Hohenegg sollte es sein, hatte ihr Frau von Wengern gesagt. Mit einem Freiherrn von Hohenegg war Tante Laura in zweiter Ehe vermählt gewesen. Jutta wusste über diese freiherrliche Familie, in die Tante Laura vor etwa zehn Jahren hineingeheiratet hatte, nicht das geringste.

Tante Laura war in erster Ehe mit dem Maschinenfabrikanten Brinkmeyer verheiratet gewesen, der sie, als er starb, als kinderlose und steinreiche Witwe zurückließ. Jutta hatte Tante Laura in ihrem Leben nur ein einziges Mal gesehen, als sie einen Besuch bei ihren Eltern machte. Jutta war damals noch ein Kind gewesen, und Tante Laura hieß noch Frau Brinkmeyer. Sie war Jutta nicht gerade in angenehmer Erinnerung geblieben; sie hatte etwas Lautes, Aufgeputztes und wenig Freundliches im Gedächtnis behalten. Zwischen Juttas Eltern und Tante Laura bestanden nur oberflächliche Beziehungen. Jutta erinnerte sich, dass ihr geistvoller, feinsinniger Vater gutmütig gespottet hatte, als Laura Brinkmeyer ihre Vermählung mit dem Freiherrn von Hohenegg anzeigte. Auch ihre Mutter hatte gelächelt und gesagt: „Laura als Freifrau – nein, das kann ich mir nicht denken!“

So hatten fast gar keine Beziehungen mehr zwischen den Cousinen bestanden. Als Geheimrat Falkner starb, fand seine Witwe nicht den Mut, Laura zu bitten, dass sie Fredy einen Zuschuss gab. Laura war inzwischen zum zweiten Mal Witwe geworden und hatte, außer dass sie die Todesanzeige ihres Gatten sandte, nichts von sich hören lassen. Da hatte ein alter Freund der Familie, Dr. Görger, der zugleich Hausarzt bei Falkners war, erklärt, er wolle an Frau Laura von Hohenegg schreiben, die er gekannt hatte, als sie noch Fräulein Laura Seidel hieß. Nach einigem Hin- und Herschreiben hatte sich Tante Laura dann auch bereit erklärt, Fredy den nötigen Zuschuss zu gewähren. Fredy hatte bei ihr angefragt, ob er nach Hohenegg kommen und persönlich seinen Dank abstatten dürfe. Darauf hatte die alte Dame jedoch kurz und wenig liebenswürdig erklärt, sie lebe ganz zurückgezogen, empfange keine Besuche und wünsche keinen Dank. Sie ließ auch gleich durchblicken, dass Fredy außer dieser Zulage nie etwas zu erwarten habe. Und dem Doktor hatte sie unverblümt mitgeteilt, die Falknerischen Kinder sollten sich nicht etwa einbilden, dass sie eine so genannte Erbtante sei, sie habe bereits andere testamentarische Bestimmungen getroffen.

Als Jutta nach Hause kam, erzählte sie der Mutter von dem Wandbehang, der für einen Freiherr von Hohenegg bestimmt sei. Aber dass sie vermutete, diesen Herren zu kennen, verschwieg sie.

***

Jutta hatte sich sofort an die Arbeit gemacht; nun war sie fertig. Befriedigt betrachtete sie das Wappen, das sich inmitten des Wandbehanges befand. Es sollte nur noch trocknen, dann wollte sie es abliefern. Frau von Wengern hatte es eilig gemacht, weil sie an dem Behang noch zu sticken habe.

Eilig fertigte Jutta, während das Wappen trocknete, noch einige kleine Zeichnungen an, die sie gleich mit abliefern wollte. Ein Spruchband und eine gotische Borte entstanden unter ihren fleißigen Händen.

Gerade war sie damit fertig, als Minna ihr einen Brief hereinbrachte.

Jutta fasste schnell nach dem Brief, den sie schon sehnlichst erwartet hatte. Er kam von ihrem Bruder, der in der Nähe Berlins in einer kleinen Garnison lebte.

Beunruhigt öffnete sie das Kuvert und las:

Liebe Jutta! Bei Tante Laura hatte ich bereits angefragt, sie hat mich schroff zurückgewiesen. Von ihr ist nichts zu erwarten. Auch sonst war es mir unmöglich, das Geld aufzutreiben. Nun befinde ich mich, da auch du mich im Stich lässt, in einer scheußlichen Klemme. Ich will dir nur gestehen, Jutta, es handelt sich um eine Ehrenschuld. Ich habe mich zum Spiel verleiten lassen, wobei ich hoffte, meinen Finanzen aufzuhelfen. Bis morgen muss ich das Geld haben! Unter allen Umständen muss ich dich heute noch sprechen. Ich komme mit dem Vieruhrzug nach Berlin, aber nicht nach Hause! Mama kann ich in meiner Verfassung nicht unter die Augen treten; sie würde sofort merken, dass ich in Unruhe bin. Bitte komme zwischen fünf und sechs Uhr in die Anlagen nahe eurer Wohnung an das Denkmal, das dort steht! Dort werde ich auf dich warten. Ich muss um sieben Uhr wieder zurückfahren, weil ich keinen Urlaub habe. Bitte, lass mich nicht vergeblich warten! Auf Wiedersehen.

Dein Bruder Fred

Jutta seufzte tief auf.

Das war schlimm. Angstvoll dachte sie nochmals an jede Möglichkeit, wie sie dem Bruder helfen könnte, aber es fiel ihr kein Ausweg ein. Sie hoffte zwar, heute für ihre Arbeiten wieder Geld zu bekommen und auch neue Aufträge, aber diese Einnahmen brauchte sie für den Haushalt und die Miete. Nein, sie konnte Fredy keinen Pfennig geben.

Bekümmert sah sie nach der Uhr. Wenn sie jetzt gleich in das Geschäft ging, konnte sie auf dem Rückweg zur bestimmten Zeit in den Anlagen sein, um Fredy zu treffen.

Sie machte sich schnell zum Ausgehen fertig. Mit heiterem Gesicht trat sie bei der Mutter ein. Sie saß im Lehnstuhl und strickte Strümpfe, die Fred als Weihnachtsgeschenk erhalten sollte.

„Na, Mutter, so fleißig?“, sagte Jutta, liebevoll die Wangen der alten Dame streichelnd.

„Ach, Jutta, diesmal können wir Fredy leider nicht die kleinste Weihnachtsfreude machen. So soll er wenigstens die üblichen warmen Strümpfe haben, die ihm im Dienst bei dem kalten Wetter gut tun. Ich kann ja nichts anderes als stricken und häkeln.“

Zärtlich drückte Jutta der Mutter das Kissen im Rücken zurecht, küsste sie und ging lächelnd davon.

Aber draußen verschwand das Lächeln schnell, ihre Züge verdüsterten sich, und die Augen blickten ernst und sorgenvoll.

Eilig schritt sie dahin. Schnell wurde sie in dem Geschäft abgefertigt. Nur den Wandbehang nahm man ihr nicht ab. Der Inhaber erklärte, Frau von Wengern wünsche Fräulein Falkner selbst zu sprechen, weil sie, ihren künstlerischen Rat für eine ...

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