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Hedwig Courths-Mahler - Folge 033

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Welcher unter euch?

Roman um die erwachende Liebe eines Mädchenherzens

 

 

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Es schlug zwölf Uhr. Von der Fabrik herüber tönte lautes Pfeifen, das den Arbeitern den Beginn der Mittagspause meldete. Gleich darauf wurde es lebendig auf dem großen Hof, und in dichten Scharen hasteten die Leute ihren Wohnungen zu.

Wilhelm Jordan, der Besitzer der Fabrik, trat als Letzter aus dem breiten Hoftor und ging in Begleitung seines Prokuristen langsam den schmalen Fußweg hinab, der am Ufer des Flusses dahinführte. Die Herren besprachen noch einige geschäftliche Angelegenheiten, bis Jordan am Eingang seiner Villa stehen blieb.

„Adieu, lieber Garnich, grüßen Sie Ihre Frau. Es ist doch alles wohl zu Hause?“

Garnich lüftete seinen Hut und ergriff die Hand seines Chefs. „Danke sehr, Herr Jordan, gottlob ist alles gesund. Bitte, empfehlen Sie mich Ihren Damen! Gesegnete Mahlzeit!“

Garnich ging weiter, und Jordan betrat den schönen Garten, der die Villa umgab.

Von der Veranda grüßten ihn zwei junge Damen, seine Nichte und seine Tochter. Er zog den Hut und sah lächelnd zu ihnen hinauf, ehe er ins Haus trat.

Kurze Zeit darauf stand er vor den jungen Mädchen, die in ihren leichten Sommerkleidern einen bezaubernden Anblick boten.

Die Kleinere, ein reizendes, noch sehr junges Geschöpft, umarmte ihn zärtlich.

„Tag, Papa! Geht es dir gut?“

„Ausgezeichnet, Kleines. Du hast mich heute natürlich sehnlichst erwartet.“

„Wie du das weißt!“

„Ich kenne doch meine Nelly. Gelt, Rita, sie hat mindestens zwanzigmal gesagt: Wenn Papa heute nur pünktlich ist!“

Rita begrüßte ihn lächelnd.

„Gezählt habe ich es nicht, Onkel, aber oft genug ist es geschehen.“

Nelly schmollte ein wenig.

„Ach, mokiert euch doch nicht über mich! Wenn ich erst mal so steinalt bin wie ihr, dann bin ich auch geduldiger.“

Die beiden anderen lachten.

„Du hast sonderbare Begriffe, Nelly. Von mir will ich ja nicht reden, aber Rita mit ihren dreiundzwanzig Jahren kannst du doch unmöglich steinalt nennen.“

Nelly winkte abwehrend mit der Hand.

„Schweig nur von Rita, die hat schon als Urgroßmutter in ihrer eigenen Wiege gelegen! Die lässt es sich nie anmerken, wenn sie ungeduldig ist. Es ist unheimlich, was die an Selbstbeherrschung leistet. Dabei wette ich, dass sie sich genauso wie ich danach sehnt, dass wir endlich aufbrechen.“

Sie sah dabei ihre Cousine mit schelmischem Augenblinzeln an.

„Ich leugne es ja gar nicht, Mausi. Onkel muss aber doch erst einen Imbiss nehmen und sich umkleiden.“

Nelly seufzte.

„Na, dann vergeht wohl mindestens noch eine Stunde.“

Jordan streichelte zärtlich über das lockige Haar seiner Tochter.

„Ich beeile mich, in einer halben Stunde bin ich da.“

Nelly küsste ihn stürmisch.

„Bist mein liebes, goldenes Väterchen! Ach Gott, ich freue mich doch so schrecklich auf das Erntefest.“

Jordan ging, um sich fertig zu machen. Nelly tanzte vergnügt umher.

„Ob Heinz Behringer auch bestimmt hinauskommt nach Wustrow? Versprochen hat er es ganz fest.“

„Dann wird er es wohl auch halten. Liegt dir so viel daran?“

„Weißt du, er tanzt famos, sonst ist er mir gleichgültig. Mit Wolfgang Tribenius unterhalte ich mich viel lieber. Er ist furchtbar nett, aber er wird heute für uns nicht viel Zeit übrig haben, und da muss ich mich halt begnügen.“

Sie hatte das anscheinend sehr gleichgültig gesagt, aber in ihren Augen funkelte der Schalk, und sie bemerkte recht gut, dass ein Schatten über Ritas Gesicht fiel.

„Komm, Mausi, wir wollen uns auch fertig machen, sonst muss dein Vater schließlich noch auf uns warten.“

„Das ist heute das erste vernünftige Wort, das ich von dir höre. Dafür bekommst du einen Kuss.“

Und zärtlich zog sie Ritas Kopf zu sich herunter und drückte ihre frischen Lippen auf ihren Mund.

„Meine kleine Mausi, bist doch mein Liebstes auf der Welt“, sagte Rita zärtlich. Dann gingen sie, um sich für die Fahrt nach Wustrow fertig zu machen.

***

Wustrow lag etwa eine Wegstunde von der Stadt entfernt. Es war seit mehr als zwanzig Jahren im Besitz von Justus Tribenius, der es damals in ziemlich verwahrlostem Zustand billig gekauft hatte. Jetzt war es eines der musterhaftesten Güter im weiten Umkreis.

Justus Tribenius und sein Sohn Wolfgang bewirtschafteten es zusammen.

Justus Tribenius war erst Jurist gewesen, hatte aber, als er eine große Erbschaft machte, seinen Beruf aufgegeben und war Landwirt geworden. Warum, wusste niemand. Er vermied es, darüber zu sprechen.

Bei seinen häufigen Besuchen in der Stadt hatte er vor langen Jahren Wilhelm Jordan kennen und schätzen gelernt.

So war Jordan, der auch Witwer war, heute mit seiner Familie zum Erntefest geladen. Diese Familie bestand außer Nelly und Rita noch aus einer verheirateten Tochter mit ihrem Mann.

Magda Jordan hatte sich vor drei Jahren mit Fritz Claudius verheiratet und lebte in derselben Stadt, nur wenige Straßen vom Vater entfernt.

Auf Wustrow herrschte seit dem Morgen frohes Treiben. Die Haushälterin Jettchen hatte sich Trina und Hanna in die Küche zur Hilfe kommandiert, und es wurde gebraten und gebacken nach Herzenslust.

Für die Gäste des Hausherrn hatte Jettchen ein feines Menü zusammengestellt; das ließ sie sich nicht nehmen.

„Lassen Sie mich man machen, Herr Tribenius! Ich weiß schon alles, und Sie werden zufrieden sein. Ich weiß schon.“

Sie wusste immer alles schon. Sie hörte selten hin, wenn sie einen Auftrag bekam, und ehe sie ihn zur Hälfte gehört hatte, kam unfehlbar ihr „Ich weiß schon!“ Da sie sehr tüchtig und umsichtig war, kam es auch tatsächlich selten vor, dass sie einmal etwas nicht gewusst hätte.

Als Jordan mit seinen Damen vorfuhr, traten ihnen die beiden Männer entgegen.

Die beiden alten Herren saßen bald darauf hinter einer Flasche Wein, während Wolfgang auf Nellys Wunsch mit den beiden jungen Mädchen auf die Tenne hinüberging.

Dort ging es schon lustig zu. Rike brachte eben wieder einen Kuchenberg und wurde mit Hallo empfangen.

Als der junge Herr mit den Damen kam, machten die Leute ehrerbietig Platz, und Nelly war die erste, die sich setzte.

Sie biss kräftig in ein Stück Kuchen hinein und unterhielt sich prächtig. Wolf und Rita sahen ihr lächelnd zu.

Wolf Tribenius ließ seinen Blick kaum von der hohen, schlanken Erscheinung Ritas. Das helle Kleid stand ihr vorzüglich, ihre Bewegungen waren voller Anmut, und in dem ernsten jungen Gesicht prägten sich Gedankentiefe und Seelenreinheit aus.

Ihre Züge waren fein geschnitten, aber nicht regelmäßig. Der Teint glich mattweißen Rosen. Er war rein und trotz aller Zartheit von gesunder Frische. Sie besaß klare braune Augen mit einem goldenen Leuchten auf dem Grund.

Sie ahnte nicht, dass Wolf eine tiefe Neigung für sie hegte. Er beherrschte sich ihr gegenüber. Denn er fühlte, dass er sie beunruhigen würde, falls sie seinen Zustand erkannte, ohne seine Gefühle erwidern zu können. Das wollte er nicht. Erst musste er seiner Sache sicher sein. Und aus lauter Vorsicht widmete er sich Nelly viel mehr als der heimlich Geliebten und erreichte damit, dass sich Rita ihm gegenüber zwar freundlich, aber unnahbar zeigte. Sie glaubte, er bewerbe sich um Nelly und fand das ganz natürlich – wenn es ihr auch weh tat.

Rita unterschätzte sich nicht, aber sie kannte zu viel von der Welt, um nicht zu wissen, dass die verwaiste und vermögenslose Nichte Jordans für die Männer nicht so begehrenswert war wie die Töchter des reichen Fabrikbesitzers. Sie fand sich im Allgemeinen auch ruhig damit ab. Nur in diesem Fall schmerzte es. Sie hatte Wolf immer gern gehabt, ihm alles Große und Gute zugetraut. Sie glaubte nicht, dass er Nelly wegen ihres Reichtums bevorzugte. Nelly war ja so liebenswert und reizend; sie hatte sicher seine Liebe gewonnen, und sie selbst musste sich damit abfinden, so schwer es auch war. Eben neckte sich Wolf wieder mit ihr. Was für gutmütige Augen er hatte, wenn sie auch scharf und energisch aufblitzen konnten! Und so stolz und stattlich stand er da und überblickte die Schar seiner Leute! Wie liebte sie diesen Mann – das Herz tat ihr weh davon.

Da trat er wieder zu ihr. „Fräulein Rita, ist es nicht schön hier draußen bei uns?“

Sie sah ihn an, und ihr Blick war nicht so sicher wie sonst.

„Sehr schön. Deshalb kommen wir ja auch alle so oft und gern.“

„Nur deshalb?“, fragte er.

Sie zwang sich zu einem Lächeln.

„Jetzt wollen Sie eine Schmeichelei hören.“

„Nein, ich schwöre es beim Zeus.“

„Lassen Sie den lieber aus dem Spiel!“

„Nun denn, bei meinem Bart.“

„Dann muss ich’s schon glauben, sonst lassen Sie sich tatsächlich noch einen wachsen.“

„Armer Zeus! Du bist von einem Bart geschlagen. Sind Sie verstimmt, Fräulein Rita?“

„Ich? O nein!“

„Sie machen so traurige Augen; die wissen nichts davon, dass der Mund lächelt.“

Sie erschrak. Merkte man ihr schon an, dass sie litt?

Sie lachte, etwas gezwungen freilich, aber es ging.

„Wie sind Sie scharfsinnig, Herr Tribenius!“, sagte sie spöttisch und wandte sich von ihm ab, um sich neben Nelly niederzulassen.

Gleich darauf fuhr ein Wagen vor. Fritz Claudius mit seiner Frau und seinem Freund Heinz Behringer waren angekommen.

Nelly lief den beiden anderen voran. Ihre blauen Augen hefteten sich strahlend auf Heinz, der sie mit unverhohlener Freude begrüßte.

Er war ein eleganter junger Mann, schlank und groß, und hatte ein kluges, interessantes Gesicht von südlichem Typus. Seine dunklen Augen funkelten vor Lebensfreude; man sah ihm an, er war mit sich und der Welt zufrieden.

Magda Claudius sah müde und nervös aus. Ihre allzu schlanke Gestalt neigte sich etwas nach vorn, und ihr ganzes Wesen ließ darauf schließen, dass ihr Ruhe und Behagen fremde Dinge waren.

Mit nachlässiger Grazie erwiderte sie die Begrüßung der Wustrower und ihrer Angehörigen und ließ sich dann von ihrem Mann ins Haus führen.

Gleich darauf ging man zu Tisch. Die Haushälterin Jettchen hatte sich wieder einmal selbst übertroffen. Die Speisen waren vorzüglich, und da es in Wustrow immer einen guten Tropfen gab, wurde die Stimmung bald sehr gut. Selbst in Magdas müdes, blasses Gesicht stieg leichte Röte, und sie sah mit einem Mal bildhübsch aus. Ihr Mann schien das auch zu finden; er sah glückstrahlend zu ihr hinüber. So froher Laune war sie selten. Seit ihrer Verheiratung hatte sie das Lachen fast ganz verlernt.

Fritz Claudius war ein armer Schlucker gewesen, der sich schlecht und recht mit seinem Gehalt und einem mageren Zuschuss von zu Hause durchs Dasein schlug. Er schätzte Magda sehr, dachte damals jedoch nicht im Ernst daran, um die Tochter des reichen Jordan zu werben, bis ihm klar wurde, dass sie seine Zuneigung erwiderte.

Das für ihn unbegreifliche Wunder geschah: Magda wurde seine Frau, und das schwache Fünkchen seiner Neigung entwickelte sich zur wirklichen Flamme. Er war glücklich, und sie war es auch. Zum Unglück erfuhr sie nach der Hochzeit, dass ihr Mann vor seiner Verlobung ein Liebesverhältnis mit einer Verkäuferin gehabt hatte, und von diesem Augenblick an setzte sich bei ihr das Misstrauen fest. Sie zweifelte an seiner Liebe, glaubte, von ihm nur ihres Geldes wegen gewählt worden zu sein, und quälte sich und ihn mit törichten Gedanken und Vorwürfen.

Zum Unglück blieb ihre Ehe kinderlos, und sie hatte Zeit, sich immer tiefer in ihren Argwohn zu verstricken.

Ihrem Vater verschwieg sie ihr Leid. Nur Rita war die Vertraute ihrer Schmerzen. Diesem klugen, warmherzigen Mädchen gelang es zuweilen, ihren Einfluss geltend zu machen und Magda zur Vernunft zu bringen. Dann ging es meist wieder eine Weile. Es war einige Wochen Frieden, bis eine Kleinigkeit, ein Wort, ein Blick, die Wunde wieder aufriss. Heute schienen sich die Eheleute im friedlichen Einvernehmen zu befinden, und Fritz Claudius war ausgelassen wie ein Kind.

Nach Tisch ging man zum Erntetanz. Nelly eilte mit Behringer den anderen voraus. In ihren flinken Füßen kribbelte das Tanzfieber. Ihr Begleiter konnte gar nicht schnell genug folgen.

„Gnädiges Fräulein, erbarmen Sie sich meiner, und schlagen Sie ein weniger stürmisches Tempo an!“

„Aber Sie haben mir doch eben erst gesagt, dass Sie sich auf den Erntetanz freuen!“

„Tu ich auch, nur bin ich ein armer Sterblicher und kann nicht fliegen. Es ist eben nicht jeder ein Engel.“

Nelly wäre kein echter Backfisch gewesen, wenn der Vergleich mit einem Engel ihr nicht inniges Vergnügen bereitet hätte. Sie wurde sehr rot und lachte vor sich hin, schritt aber nun etwas gemäßigter an seiner Seite dahin.

Die Dorfmusikanten bliesen beim Erscheinen der Herrschaft einen Tusch. Dann begann der Tanz. Justus Tribenius führte Jettchen zum Reigen. Wolf schwenkte, ebenfalls der alten Sitte folgend, Trina Mertens herum, die verlegen vor sich hin kicherte. Dann gab es kein Halten mehr; alles, was tanzen konnte, drehte sich im Kreis.

Heinz Behringer und Nelly tanzten fast ausschließlich miteinander.

„Wissen Sie, weshalb mir dieser ländliche Ball viel besser gefällt als jeder andere?“, fragte er sie.

„Nun?“

„Weil ich das Vergnügen habe, oft mit Ihnen zu tanzen. In der Gesellschaft unserer Standesgenossen müsste ich Sie mit anderen teilen.“

Sie nickte ihm strahlend zu.

„Deshalb habe ich mich ja gerade so auf das Erntefest gefreut“, rief sie unbesonnen und wurde dann, im Bewusstsein, etwas Unpassendes gesagt zu haben, glühend rot.

Er sah mit einem guten Lächeln in ihr verlegenes Gesicht. Sie sah reizend aus, wie sie scheu zu ihm aufblickte.

Schnell schlug er ein anderes Thema an und gab ihr Gelegenheit, sich zu fassen.

Er hatte einen Blick in das unbewachte Mädchenherz getan, und es fiel ihm nicht leicht, ruhig zu scheinen. Die kleine Nelly Jordan hatte ihm schon gefallen, als er sie Anfang des Jahres im Haus seines Freundes Claudius kennen gelernt hatte. Sie hatten einige Bälle gemeinsam besucht und spielten seit dem Frühjahr Tennis zusammen.

Behringer war bei Jordans ein gern gesehener Gast und wurde wegen seiner frischen, fröhlichen Art vom Hausherrn sehr geschätzt. Er war vermögend, der einzige Sohn seiner Eltern, und wurde in allen Familien mit heiratsfähigen Töchtern gern gesehen. Bei ihm stand es aber längst fest, dass Nelly einmal seine Frau werden würde. Er hatte jedoch seinen Eltern versprochen, sich vor Beendigung seines achtundzwanzigsten Lebensjahres nicht zu verloben – und dieses Versprechen war ihm heilig.

Nelly war ja noch jung, es eilte nicht damit. Freilich lag in ihren schönen blauen Kinderaugen zuweilen schon ein rätselhafter Ausdruck, der das Erwachen der Seele verriet.

***

Es war zwei Tage nach dem Wustrower Erntefest.

Rita Jordan saß an ihrem Schreibtisch und notierte in ein schmales Buch Haushaltsausgaben. Sie war gerade mit ihrer Arbeit zu Ende, als ihr Onkel zu ihr ins Zimmer trat.

„Nun, Hausmütterchen, rechnest du schon wieder?“

Über ihr ernstes Gesicht flog ein Lächeln, als sie sich nach ihm umwandte.

„Eben bin ich fertig, Onkel Wilhelm. Es stimmt bis auf den Pfennig genau.“

„Und das sagst du jedes Mal mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung.“

Er hatte neben ihr Platz genommen.

„Du hast mich doch gelehrt, es peinlich genau mit Geld und Geldeswert zu nehmen. Es wäre mir ein unbehagliches Gefühl, wenn meine Rechnung nicht stimmt. Und schau, neunzig Mark und fünfzig Pfennige habe ich diesen Monat Überschuss.“

Jordan strich lächelnd über ihre vom Eifer geröteten Wangen.

„Kleines Finanzgenie, dafür kannst du dir einen Wunsch erfüllen.“

„Als ob du mir etwas zu wünschen übrig ließest! Ich habe alles, was ich brauche, und mehr.“

„Du bist schon ein sonderbares Mädchen, Rita. Nelly und Magda haben immer Wünsche in Bereitschaft für einen Extrafall – du nie.“

Sie legte die Hände ineinander und sah nachdenklich drein. Endlich sagte sie: „Das ist auch etwas anderes, Onkel. Nelly und Magda sind deine Kinder; sie wissen: Was dir gehört, gehört ihnen. Und das gibt ihnen die Berechtigung, Wünsche zu äußern, die du ihnen ja auch so gut wie immer erfüllst. Du bist ihnen wirklich ein zärtlicher Vater.“

„Und ich bin dir nicht ein ebenso zärtlicher Onkel?“

Sie stand auf und lehnte ihren Kopf an seine Schulter.

„Wenn ich Nein sagte, wäre das großer Undank. Deine Güte zu mir ist so unendlich, dass ich sie dir nie genug danken kann. Aber ich darf doch nicht vergessen, dass ich mein Hier sein nur deinem Großmut verdanke, nicht meinem Recht. Gott mag dich uns noch recht lange erhalten. Solange du lebst, bin ich geborgen, das weiß ich. Aber ich werde doch einmal auf eigenen Füßen stehen müssen.“

„Das ist doch Unsinn, Kind. Glaubst du, Nelly und Magda ließen dich im Stich, wenn ich nicht mehr für dich sorgen kann?“

Sie richtete sich auf. Entschlossen antwortete sie: „Ich würde aber nicht darauf eingehen, Onkel. Ich möchte nicht abhängig sein von der Güte meiner Verwandten. Hier bei dir ist es etwas anderes. Ich führe deinen Haushalt, habe an Nelly fast Mutterstelle vertreten und weiß, dass ich für euch notwendig bin. Später aber müsste ich als überflüssiges Inventar in den Hausstand einer meiner Cousinen übergehen, und das will ich nicht. Verstehst du mich?“

„Ja, Rita, und ich achte dich umso höher für diese deine Ansicht. Aber so viel wirst du deinem Onkel wohl zutrauen, dass er Mittel und Wege findet, deine Zukunft sicherzustellen. Doch darüber lass uns jetzt nicht weiter reden! Kommt Zeit, kommt Rat, und um dich ist mir nicht bange. Ich hoffe es noch zu erleben, dass du ein Heim findest, wo du glücklich sein und beglücken kannst – an der Brust eines Mannes, der dich liebt.“

Ritas Augen schlossen sich einen Moment. Sie wusste es besser. Der Eine, Einzige, dem sie willig gefolgt wäre, war für sie verloren; einem anderen würde sie nie angehören.

Sie trat schnell an den Schreibtisch zurück und legte Jordan das Buch hin.

„Bitte, sieh nach, ob es richtig ist! Ich möchte dann zu Magda gehen, sie erwartet mich. Ich soll ihr helfen.“

„Natürlich! Nicht genug, dass du hier bei uns alle Haushaltssorgen auf dich nimmst, musst du auch noch Magda unterstützen! Sie hat doch Leute genug, die ihr zur Hand gehen können.“

„Ach geh, Onkelchen, rede dich nicht in Zorn hinein! Du weißt doch, dass Magda nicht so kann, wie sie wohl möchte, und den Leuten kann man nicht alles überlassen.“

„Dann soll sie keine Festlichkeiten geben. Es wäre viel besser für sie, wenn sie sich Ruhe gönnte.“

„Sie beschränkt sich schon auf das Nötigste. Sie musste aber die Kollegen ihres Mannes einmal wieder einladen, sie hat eine gewisse Verpflichtung dazu.“

„Schön, dann bleibt mir nichts übrig, als dich gehen zu lassen. Wann bist du wieder zurück?“

„Ich denke in zwei bis drei Stunden.“

„Wo ist Nelly?“

„Sie besucht Hilda Worms. Ich hole sie auf dem Rückweg ab; so haben wir es verabredet.“

„Du denkst an alles, Kind. – Da hast du dein Buch, es stimmt genau.“

„Onkel, du hast gar nicht hineingesehen.“

„Weil ich doch genau weiß, dass kein Jota daran falsch ist. Warum soll ich mir die Mühe geben, nachzurechnen?“

Sie schüttelte unzufrieden den Kopf.

„Wie leicht könnte ich dich betrügen“, sagte sie scherzend.

Er nahm sie bei der Schulter und sah ihr mit einem rätselhaft forschenden Blick in die Augen.

„Könntest du das wirklich, Rita?“

Sie musste lachen.

„Aber Onkel, wie kannst du mich so fragen! Das war doch nur Scherz.“

„Auch im Scherz mag ich das nicht von dir hören, Kind“, sagte er ernst, fast streng.

Sie sah ihn nachdenklich an.

„Ich weiß nicht, was dir manchmal durch den Kopf geht, Onkel. Du siehst mich dann so sonderbar an – ich möchte sagen, voller Angst und Sorge.“

Er nahm sich zusammen.

„Es ist nichts. Nenne es eine Laune, eine Torheit! Aber der Gedanke, ich könnte einmal irre werden an dir, hat etwas Peinigendes für mich. Dein klares, ehrliches Wesen ist mir so unentbehrlich für mein seelisches Gleichgewicht. Ich möchte nicht erleben, dass ich dir einmal nicht rückhaltlos vertrauen könnte. Es wäre fürchterlich für mich. Nicht wahr, du bleibst dir treu, was dir das Leben auch bringen mag?“

Sie sah ihm ernst ins Gesicht.

„Du hast mir nicht umsonst alles Gute und Edle ins Herz gesenkt, lieber, guter Onkel.

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