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Hedwig Courths-Mahler - Folge 032

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Amtmanns Käthe

Roman um eine stolze junge Frau und ihren schweren Weg ins Glück

 

 

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Siehst du denn die Notwendigkeit nicht ein, Georg?“

„Ja doch, Mutter, du hast Recht, das muss ich zugeben.“

„Nun also! So lass mich nicht immer wieder vergeblich reden. Es hilft nichts, ich kann nicht mehr so wirtschaften, wie ich möchte. Das ist ja kein Wunder. In kurzer Zeit habe ich die Siebzig erreicht. Kurz und gut, du musst wieder heiraten, eine Frau gehört auf den Brandnerhof, die mit jungen, frischen Kräften für mich einspringt.“

Die alte Dame mit dem klugen, energischen Gesicht holte tief Atem. Sie hatte viel und eindringlich sprechen müssen über ein Thema, das schon oft zwischen Mutter und Sohn erörtert worden war. Nun strich sie mechanisch über das blütenweiße Tischtuch und schob die Krümel, die von dem knusprigen Weißbrot abgesprungen waren, zusammen. Dabei blickte sie zu ihrem Sohn hinüber.

Georg Brandner war ein Mann von gut fünfunddreißig Jahren. Er war groß, schlank und elastisch. Seine Sehnen waren wie von Stahl, sein Gesicht markant und wettergebräunt.

Mit einem tiefen Seufzer schob er den Frühstücksteller zurück und strich nervös über das kurz gehaltene dunkle Haar.

„Also, in Gottes Namen denn, Mutter. Du lässt mir doch keine Ruhe.“

Frau Anna Brandner richtete sich rasch empor, und ihre ausdrucksvollen grauen Augen strahlten freudig auf.

„Wirklich, Georg, ich darf dich beim Wort nehmen? Du willst endlich deinen Widerstand aufgeben?“

Er lachte, halb verärgert, halb humorvoll.

„Wollen? Nein, Mutter. Aber es gibt ein stärkeres Etwas als meinen Willen – das Muss. Und weil das stärker ist, füge ich mich denn, aber schweren Herzens, das kannst du mir glauben. Leicht wird es mir nicht, eine zweite Ehe einzugehen nach den schlechten Erfahrungen, die mir die erste brachte.“

Anna Brandner seufzte leise.

„Ja doch, das glaube ich dir. Aber an diesen Erfahrungen warst du zum Teil selbst schuld, mein Sohn. Du hattest gewählt, ohne zu prüfen. Das rächt sich immer. Es ist mir heute noch rätselhaft, wie du eine solche Frau auf den Brandnerhof bringen konntest – einen Irrwisch, ein flatterhaftes, leichtfertiges Geschöpf ohne inneren Wert.“ Leiser Vorwurf zitterte in ihrer Stimme, wie immer, wenn sie auf ihre ehemalige Schwiegertochter zu sprechen kam.

Georg zog die Stirn düster zusammen. „Ach, Mutter, das kannst du mit deiner gleichmäßigen Ruhe, deinem leidenschaftslosen Temperament nie begreifen. Siehst du, als ich damals zum ersten Mal hinauskam in die große Welt, um mich meinen landwirtschaftlichen Studien zu widmen, kam es über mich wie ein Rausch. Ich war jung, Mutter, und hatte rasches, heißes Blut. Und Lotte war schön und heißblütig wie ich. Sie machte es mir nicht schwer, mich in sie zu verlieben. Dann starb der Vater. Noch ein Jahr lag damals vor mir. Du nahmst hier alles Schwere allein auf deine Schultern, damit ich mein Studium ungestört vollenden konnte.

Als ich dann fertig war … Ja, siehst du, Mutter, da fürchtete ich mich vor der Rückkehr in das alte, ruhige Leben, und ich malte mir aus, wie viel lustiger es auf dem Brandnerhof sein würde, wenn Lotte mit mir kam. So bat ich sie, meine Frau zu werden. Und sie willigte sofort ein.“

„Ja“, sagte seine Mutter mit gutmütigem Spott. „Und da brachtest du mir diese junge Frau ins Haus. Und aus euren Augen leuchtete mir der Vorsatz entgegen: Wir wollen leben und genießen, wollen den Brandnerhof auf den Kopf stellen. Und bitte, bleib uns hübsch vom Leib mit allem, was Pflicht und Lebensernst heißt!“

Georg musste lachen, so treffend hatte die Mutter seine damalige Stimmung geschildert.

„Ja, Mutter, so war es. Ich war bei meiner Heimkehr noch wie berauscht. Aber es war seltsam – hier auf dem Brandnerhof verflog dieser Rausch sehr schnell. Ganz von selbst klärten sich meine verworrenen Gedanken. Ich wurde mir bewusst, dass der Herr vom Brandnerhof nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten hatte. Es machte mir Freude, das Gelernte praktisch verwerten zu können. Der echte Wesenskern der Brandner brach sich Bahn und hielt das rasche Blut von selbst im Zaum. Aber je ruhiger und abgeklärter ich wurde, desto mehr fiel mir nun auf, dass Lotte keine Frau war, die zu mir passte. Möglich auch, dass sie sich nach der Hochzeit anders zeigte, dass sie zuvor Komödie gespielt hatte. Kurzum, ich war bald so weit, meine Verheiratung als einen schweren Missgriff zu bereuen. Ich sah erst verwundert, dann mit heimlichem Entsetzen, wen ich mir da im Rausch der Gefühle an die Seite gestellt hatte. Lotte passte wohl zur Gefährtin eines leichtlebigen, übermütigen Studenten, aber nicht zu der eines Mannes, der sich dem Ernst des Lebens wieder zukehrte. Wie ein Zerrbild erschien sie mir in der Umgebung, in die ich sie leichtfertig verpflanzt hatte. Der Brandnerhof war kein Rahmen für ein Geschöpf wie sie. Sie war als Tochter eines Schauspielers ein anderes Leben gewöhnt. So kam dann, was kommen musste. Ich kann Lotte kaum einen Vorwurf daraus machen, dass sie anders war, als ich sie mir wünschte. Sie war eben das Produkt ihrer Abstammung und Erziehung.“

Die Mutter machte eine abwehrende Bewegung.

„Rede ihr nicht das Wort! Sie hat sich schamlos genug betragen. So tief darf ein Weib nicht sinken.“

„Ich weiß, du hast unter meiner verfehlten Ehe mehr gelitten als ich selbst. Ich habe dich und deine Ruhe deshalb oft bewundert.“

Die alte Dame zog die Stirn wie im Schmerz zusammen.

„Ruhe? Ach, mein Sohn, wie wenig ruhig sah es in mir aus in jener schrecklichen Zeit!“

„Um so bewundernswerter war deine Selbstbeherrschung. Ich habe sie dir gedankt im tiefsten Herzen. Und glaub mir, die zwei Jahre meiner Ehe haben mich schnell genug zum Mann reifen lassen. Als Lotte bei Nacht und Nebel den Brandnerhof verlassen hatte, war ich weit entfernt, Schmerz darüber zu empfinden. Im Gegenteil, ich atmete wie von einem quälenden Bann befreit auf. Es schmerzte nicht, dass sie mit dem Maler, der die Zeit seines Aufenthaltes benutzt hatte, ihr den Kopf zu verdrehen, davongelaufen war. Ich litt nur deinetwegen unter dem Skandal, der durch meine Scheidung heraufbeschworen wurde. Und ich gelobte mir, gutzumachen, was ich dir durch diese übereilte Ehe antat.

So, Mutter, nun wollen wir nicht mehr davon reden und uns bemühen, zu vergessen. Und weil wieder eine Frau auf den Brandnerhof muss und ich diesmal nur der Vernunft bei der Schließung einer Ehe Gehör gebe, deshalb willige ich ein, dass du mir eine Frau nach deiner Wahl zuführst. Ich selbst habe wahrhaftig kein Verlangen nach einer zweiten Ehe. So, wie ich jetzt mehr als fünf Jahre ohne Frau ausgekommen bin, würde ich auch ferner auskommen. Aber du sehnst dich nach Ruhe, nach einer tatkräftigen Hilfe – und nach einer Schwiegertochter nach deinem Herzen. So mag es denn sein, ich füge mich. Und vielleicht fahre ich dabei besser, als wenn ich wieder selbst wähle. Bist du nun zufrieden?“

Die alte Dame beugte sich über den Tisch und fasste seine Hand.

„Sag das nicht so resigniert, mein Sohn! Glaub mir, du wirst wieder aufleben, wirst ein anderer werden, wenn du eine junge Frau neben dir hast.“

Georg seufzte.

„Ich habe nicht eben eine große Meinung von den Frauen.“

„Weil du einmal an eine schlechte geraten bist? Das ist töricht, Georg. Es gibt gottlob ebenso viele gute und tüchtige Frauen wie Männer. Von allen jungen Mädchen, die ich kenne, ist Amtmanns Käthe nicht nur die hübscheste, sondern auch die beste, tüchtigste und ehrenhafteste.“

Georg nagte an seiner Lippe und sah nachdenklich vor sich hin. Er versuchte sich Käthe Suntheim in seinem Haus vorzustellen. Bisher hatte er sie wenig beachtet und kaum anzugeben gewusst, was für eine Farbe ihr Haar und ihre Augen hatten, obgleich er ihr zuweilen begegnet war. Das Haus des Amtmanns Suntheim lag am anderen Ende des Dorfes Brackenfeld.

Was er sonst von ihr und ihren Verhältnissen wusste, war auch nicht eben viel.

Er wusste, dass sie die zweitjüngste Tochter des Amtmanns Suntheim war, der außer ihr noch drei Töchter und zwei Söhne besaß. Der Amtmann hatte eine große Handelsgärtnerei und Baumschule. Sein fünfundzwanzigjähriger Sohn Otto und der einundzwanzigjährige Willy unterstützten ihn in seinem Betrieb. Für seine Frau sowohl wie für seine Töchter gab es reichlich genug Arbeit, da sie neben dem Haushalt für einige Kühe, Schweine und allerlei Geflügel zu sorgen hatten und außerdem bei Gelegenheit tüchtig in der Gärtnerei mit zugreifen mussten. Auch nähten sie sich Wäsche und Kleider selbst und hatten nur ein einziges Dienstmädchen zur Hilfe. Die älteste Tochter hieß Maria und zählte bereits dreißig Jahre. Sie war, wie alle Suntheimschen Kinder, sehr hübsch gewesen, begann aber schon zu verblühen. Die zweite Tochter, Helene, stand im sechsundzwanzigsten Lebensjahr und lahmte ein wenig. Dann kam Käthe, mit einundzwanzig Jahren. Sie war die hübscheste von allen. Das Nesthäkchen der Familie, die fünfzehnjährige Wally, besuchte noch die Schule in der nahen Stadt.

Alles in allem ging es bei Amtmanns ziemlich knapp her. Für die Töchter würde zur Not eine bescheidene Aussteuer beschafft werden können, das war alles.

Aber nach Geld und Besitz brauchte der Besitzer des Brandnerhofs nicht zu heiraten. Er war ein sehr reicher Mann.

Vor zweihundert Jahren waren die Brandners noch schlichte Bauern gewesen, Hörige des Grafen Brackenfeld, nach dem das Dorf seinen Namen hatte.

Jetzt stand von dem einstigen Grafenschloss nur noch eine malerische Ruine auf der Anhöhe. Aber die einstige Bauernhütte hatte sich zum stattlichen Anwesen ausgewachsen.

Im Mittelpunkt des Brandnerhof befand sich das alte, festgefügte Wohnhaus. Diesem Stammhaus waren mit der Zeit zwei geräumige Seitenflügel angegliedert worden, wie auch die Wirtschaftsgebäude immer weiter ausgebaut worden waren.

Die ganzen Gebäude bildeten ein mächtiges Karree, in dessen Mitte sich der große Wirtschaftshof befand. Es war auf der Ost- und Südseite von riesigen Obst- und Gemüsegärten begrenzt, an der Nordseite von vielen Morgen herrlichen Eichen- und Buchenwaldes. Die Westseite lag nach dem großen Teich hinaus, der zum Brandnerhof gehörte und dessen Fischreichtum jährlich einen großen Gewinn einbrachte. Zwischen Wohnhaus und Teich führte die Fahrstraße vorüber.

Georgs Vater hatte außerdem noch eine Konservenfabrik bauen lassen, in der das selbst gezogene Obst und Gemüse verwendet wurde. Eine Strecke sandigen Bodens, die früher wenig ertragfähig gewesen war, hatte Georg durch Spargelkultur zu einer neuen Geldquelle gemacht.

Es schien alles vom Glück begünstigt, was die Brandners anfassten. Deshalb hatte es Georg also nicht nötig, nach Geld zu heiraten. Und seine kluge Mutter sagte sich, dass eine tüchtige, fleißige Wirtschafterin für den Brandnerhof notwendiger sei als eine reiche, die untüchtig war und größere Ansprüche stellte als die bescheidene Käthe.

„Weißt du denn aber auch, ob sie mich heiraten will, Mutter?“, fragte der Sohn.

Anna Brandner hob stolz den Kopf. „Sie hat dich gern, Georg. Darüber brauchst du dir keine Sorgen zu machen.“

Er richtete sich hastig auf. „Also gut, Mutter. Wenn es denn sein muss. Aber verschone mich möglichst mit allem Drum und Dran. Als zärtlicher Freier auftreten, Süßholz raspeln und dergleichen Sachen – dazu bin ich nicht mehr zu haben. Mach’s kurz und schmerzlos und leite alles in die Wege!“

Frau Brandner nickte eifrig. „Sei unbesorgt, Georg. Du sollst nichts tun als das letzte Wort sprechen. Morgen gehe ich zu Amtmanns und bespreche alles. Käthe ist in strengem Gehorsam erzogen. Sie wird keine Schwierigkeiten machen.“

Georg stellte sich plötzlich mit ernstem Gesicht vor die Mutter hin.

„Mutter, versprich mir aber, wenn sie nicht aus freien Stücken einwilligt, soll sie in keiner Weise beeinflusst werden. Um Gottes willen nicht eine Frau ins Haus nehmen, die nur widerwillig kommen würde!“, sagte er bestimmt.

„Widerwillig? Ich möchte das Mädchen sehen, das sich nicht glücklich preist, wenn es dich zum Mann bekommen kann.“

Er machte eine rasche, abwehrende Bewegung. „Mütter sind doch alle eitel, selbst die vernünftigsten. Aber jetzt wird es Zeit für mich. Ich muss auf die Felder. Auf Wiedersehen heute Mittag.“ Sie reichten sich die Hände, und Georg verließ rasch das Zimmer. Gleich darauf sah ihn die Mutter am Fenster vorüberreiten.

***

Das Haus des Amtmanns Suntheim war ein nüchternes, grau getünchtes Gebäude, das inmitten der großen Gärtnerei lag. Es bestand aus Erdgeschoss und zwei Stockwerken, hatte aber nur vier Fenster und war mit roten Dachziegeln bedeckt. Das einzige, was dem Haus ein freundlicheres Aussehen gab, waren die blanken Fenster mit blütenweißen, wenn auch vielgestopften Vorhängen und eine sehr große, mit Geißblatt bewachsene Laube, die vor dem Hauseingang aufgebaut war und das hässliche Haustor mit üppigem Grün umwucherte. Unweit des Wohnhauses lagen die Gewächshäuser.

Rings um das ganze Anwesen standen Beerensträucher, Zwergobst und Gemüse, das der Amtmann an die Brandnersche Konservenfabrik verkaufte.

Das war die Heimat und die Umgebung, in der Käthe Suntheim aufgewachsen war.

Frau Brandner besuchte zuweilen die Frau Amtmann auf ein Stündchen. So verschieden die beiden Frauen waren und so wenig ihre Verhältnisse einander glichen, verstanden sie sich doch gut.

Schon öfter hatte Anna Brandner darüber mit Frau Suntheim gesprochen, dass es ihr Wunsch sei, eine der Amtmannstöchter zur Schwiegertochter zu bekommen.

Frau Suntheim hatten diese Äußerungen beglückt. Sah sie doch das Los ihrer Töchter durchaus nicht in rosigem Licht. Für arme Mädchen schien es keine Männer mehr zu geben, mochten sie auch noch so hübsch und tüchtig sein.

Sie sah kummervollen Herzens ihre Älteste verblühen. Auch ihre zweite war nun schon da angelangt, wo sich die Resignation einzustellen pflegt. Ihre Käthe, ja, die kam nun auch schon ins heiratsfähige Alter. Wie lange würde es dauern, dann würde auch Wally, das Nesthäkchen, so weit sein! Ach, es war schlimm für eine Mutter, sehr schlimm, dass sie dabei nichts tun konnte als trübe Betrachtungen anzustellen. Welch ein Glück erschien ihr nun die Aussicht, dass Georg Brandner, der hübsche, stattliche Mann mit dem stolzen Besitz, um eine ihrer Töchter werben könnte. In stillen Stunden legte sie sich die Frage vor, welcher von ihnen sie dieses Glück am meisten wünschen möchte.

Um in keiner von ihnen Hoffnungen zu erwecken, hatte sie mit ihren Töchtern nie von den Andeutungen der Frau Brandner gesprochen.

Sie dachte nicht daran, dass sich eine ihrer Töchter bedenken könnte, Georg Brandners Frau zu werden. Die vielgeplagte und vielbeschäftigte Frau hatte nie Zeit gehabt, auf das Seelenleben ihrer Kinder zu achten. Sie war immer nur froh gewesen, wenn sie genügend Speise und Trank schaffen konnte, wenn reihum die vielen Füße in ganzen Schuhen steckten und alle ein leidlich hübsches Sonntagskleid besaßen, denn es ging knapp in der kinderreichen Familie zu. Die Baumschule und die Gärtnerei brachten nicht viel Reingewinn, obwohl die ganze Familie, mit Ausnahme der jungen Wally, fleißig bei der Arbeit war.

Der Amtmann brauchte allerdings ziemlich viel für seine eigene Person. Für ihn durfte nicht gespart werden, für ihn durfte es an nichts fehlen. An Zigarren und Weinen verbrauchte er fast mehr als seine Familie zum gesamten Unterhalt. Jedes Jahr unternahm er eine mehrwöchige Vergnügungsreise, ganz allein, um sich, wie er sagte, von seinen Sorgen zu erholen und ein wenig aufzufrischen.

Dass seiner Frau eine kleine Auffrischung viel nötiger gewesen wäre, sah er nicht ein.

Keiner seiner Angehörigen hätte es gewagt, ihm das zu sagen. Er war ein Despot in seinem Haus, knechtete alles unter seinen Willen und hielt auf strenge Zucht. Vor allen Dingen durften die Weibsleute nicht mucksen, sonst wäre er mit einem Donnerwetter dazwischengefahren. Es war am Morgen des Sonntags, an dem Anna Brandner als Freiwerberin für ihren Sohn ins Haus des Amtmanns gehen wollte. Die Familie des Amtmanns saß in der großen Laube vor dem Haus um den Frühstückstisch.

Der Amtmann war, wie meist, schlechter Laune. Er pflegte des Abends einen gehörigen Schlaftrunk zu nehmen und hatte dann am Morgen einen dicken Kopf. Sein gerötetes volles Gesicht hatte sich in drohende Falten gezogen, und auf der Stirn lag es wie Wetterwolken.

Seine Frau saß ihm mit vergrämten, freudlosen Zügen gegenüber. Ihre hagere Gestalt war von vieler schwerer Arbeit gebeugt, und ihre Augen blickten erloschen. Sie sah zuweilen ängstlich in das unheildrohende Gesicht ihres Gatten und blickte dann immer wieder beschwörend zu dem Backfisch Wally hinüber, damit sie nicht durch eine unbedachte Äußerung das Unwetter entlüde, das auf der väterlichen Stirn drohte.

Wally war die ganze Woche in der Stadt im Haus der verwitweten Frau Dr. Birkner untergebracht, damit sie regelmäßig die Oberschule besuchen konnte. Dass ihre Töchter wenigstens diesen Bildungsgang genießen konnten, hatte die Mutter mit Aufwand ihrer ganzen Energie durchgesetzt. Auch die anderen Schwestern waren der Reihe nach auf diese Weise Kostgängerinnen der Frau Dr. Birkner gewesen, die den jungen Mädchen zugleich den nötigen Schliff beigebracht hatte. Sie erhielt keine fürstliche Bezahlung dafür, aber es wanderte manches Suppenhuhn, Butter und Eier aus dem Amtmannshaus in die Küche der Frau Doktor. Und damit war sie sehr zufrieden.

Wally kam jeden Sonnabend mit dem Milchauto nach Hause gefahren und fuhr montags früh mit demselben Lieferwagen wieder zurück.

Sie war durch ihre Abwesenheit von daheim der väterlichen Zucht etwas entwachsen. Zuweilen maulte sie, wenn er gar zu unausstehlich war, und manchmal entfuhr ihr ein vorwitziges Wort. Das genügte dann jedes Mal, um eine Katastrophe mit Hagel, Blitz und Donnerschlag herbeizuführen.

Die Frau Amtmann war deshalb auch immer in tausend Ängsten, dass ihre Jüngste ein vorlautes Wort fallen ließ und hielt sie beständig unter dem Bann ihrer beschwörenden Blicke.

Wally liebte ihre Mutter innig und bezwang sich, um sie nicht zu betrüben.

Das Frühstück ging zu Ende, ohne dass der Amtmann Gelegenheit gefunden hätte, seiner schlechten Laune Luft zu machen. Alle atmeten heimlich auf, als er Tasse und Teller von sich schob und sich eine seiner teuren Zigarren von seinem jüngsten Sohn Willy anstecken ließ, der begehrlich den feinen Duft einsog. Dann verließ er mit einem brummigen Gruß die Laube, um einen Verdauungsspaziergang durch den Garten zu machen.

Wally stieß einen abgrundtiefen Seufzer aus und sagte laut und vernehmlich: „Gott sei Dank!“ Dann erbeutete sie schleunigst die einzige Schinkenschnitte, die der Vater übrig gelassen hatte und die sich eben ihr Bruder Otto zu Gemüt führen wollte.

„Du Krabbe“, sagte er lächelnd.

Wally lachte ihn an.

„Geschwindigkeit ist keine Hexerei. Willst du die Hälfte haben?“

„Danke, dann bleibt für keinen was übrig.“

„Du solltest Otto den Schinken geben“, mahnte die Mutter.

„Lass sie nur, Mutter!“, sagte Otto gutmütig. „Aber ein Frechdachs bist du doch.“

Wally verzehrte gemütsruhig den Schinken.

„Wieso denn, Otto? Hier geht ja doch Gewalt vor Recht. Und der Schinken schmeckt köstlich. Wenn ich ‚Zeus‘ wäre, würde ich auch jeden Morgen zum Frühstück mein Brot damit belegen.“

„Du sollst nicht immer ‚Zeus‘ sagen, Wally“, sagte die Mutter verweisend.

Wally sprang auf und umschlang sie zärtlich.

„Ach, Herzensmutter, das verstößt doch nicht gegen den Respekt! Zeus war ein Donnergott mit Blitz und Krach und so. Und ich muss eben Vater immer mit ihm vergleichen. Zeus spricht sich auch schneller aus als Vater, und dann hat es den Vorteil, dass niemand weiß, wer gemeint ist. Nun schilt mich nicht, Herzensmutter, heute ist ja Sonntag, und morgen bist du deinen Wildfang wieder auf eine Woche los.“ Die Mutter strich ihr seufzend über das Haar und konnte nicht mehr schelten.

Willy und Otto verließen die Laube, um noch einige auch am Sonntag nötige Arbeiten im Garten zu verrichten. Maria räumte den Tisch ab, Helene setzte sich mit einem Stoß Handtücher vor die Laube, und die Mutter ging ins Haus.

Käthe folgte ihr und kehrte gleich darauf mit einem Handkorb zurück.

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