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Hedwig Courths-Mahler - Folge 031

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Was ist denn Liebe, sag?

Roman um Leid und Glück einer tapferen Frau

 

 

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Gunter Heinersdorf wurde unsanft aus glücklichen Träumen geweckt. Sein Diener Joseph war ins Zimmer gestürzt und rüttelte seinen Herrn bei den Schultern. Das war so gar nicht die Art, wie Gunter sonst geweckt wurde. Erschrocken sah er zu dem Diener empor.

„Was ist los, Joseph?“

„Ach, Herr Doktor, Sie müssen schnell aufstehen. Von der Fabrik haben sie angeklingelt. Dort ist Feuer ausgebrochen!“

Jetzt war Gunter Heinersdorf mit einem Satz aus dem Bett. „Was reden Sie da?“

„Es ist so, Herr Doktor. Die Feuerwehr ist schon alarmiert.“

„Hat der Pförtner gesagt, in welchem Teil der Fabrik das Feuer ausgebrochen ist?“

„Er meint, in der Tischlerei der Küchenmöbel.“

Gunter biss die Zähne zusammen. Es fiel ihm schwer auf die Seele, dass er vergessen hatte, die Feuerversicherung zu erneuern. Wann war denn die, um Gottes willen, fällig gewesen? In diesen Tagen – ja, er hatte in seinem jungen Liebesglück alles andere vergessen.

Eilig kleidete er sich an. Joseph brachte ein Frühstück. Gunter nahm schnell, ohne sich zu setzen, eine Tasse Kaffee. Dann eilte er die Treppe hinab und sprang in das bereits vorgefahrene Auto.

Er brauchte dem Chauffeur nicht erst Eile anzuraten, der legte das schnellste zulässige Tempo vor, denn er wusste von Joseph, was geschehen war.

Es dauerte trotzdem fast eine halbe Stunde, bis der Wagen in den Fabrikhof einbog. Schon von weitem hatte Gunter den Feuerschein erblickt, der aus der abseits stehenden Fabrik emporstieg. Er presste die Lippen fest zusammen. Das sah böse aus! Wann war nur um Gottes willen die Versicherungsprämie fällig? Er konnte fast nichts anderes denken. Wie ein Rausch stieg freilich zuweilen wieder das heiße, glückselige Gefühl in ihm auf, das er gestern Abend in sich hineingetrunken hatte, und seine Lippen formten dann einen Frauennamen. Aber schnell wehrte er dieses Empfinden von sich ab. Es galt jetzt Wichtigeres, das auch Lydia angehen würde. Wenn er Verluste hatte, gerade jetzt, da er eine Ehe eingehen wollte, würden sie nicht nur ihn, sondern auch Lydia treffen, seine süße Braut.

Noch ehe der Wagen hielt, sprang Gunter hinaus. Eine Menge Menschen standen im Hof, zurückgedrängt von der Feuerwehr. Auch ihn wollte man zurückhalten, aber er legitimierte sich als Besitzer der Fabrik, und man ließ ihn durch. Mit großen Sätzen eilte er die Treppe empor und riss oben die Tür zu seinem Privatkontor auf.

Er trat an den Geldschrank heran, wo er, wie er wusste, alles auf die Feuerversicherung Bezügliche verwahrte.

Als er ihn öffnete, kam sein Prokurist herein, der seinen Chef mit blassem Gesicht anstarrte.

„Herr Doktor, haben Sie die Versicherung erneuert? Ich erinnerte Sie vor acht Tagen daran.“

Gunter riss die Geldschranktür auf.

„War das schon vor acht Tagen?“

„Ja. Vorgestern war der letzte Tag. Um Gottes willen – Sie werden es doch nicht zu erledigen vergessen haben?“

Gunters hohe, kraftvolle Gestalt fiel wie vernichtet in einen Sessel.

„Doch, Krüger, ich habe es vergessen. Wie konnte ich denken, dass gerade jetzt …?“

„Allmächtiger Gott! Dann ist ja die Versicherung abgelaufen – der Schaden kommt zu Ihren Lasten. Wie konnten Sie nur das vergessen, Herr Doktor!“

„Ja, wie konnte ich das, Krüger! Ich verstehe es selber nicht. Das war mein erster Gedanke, als Joseph mich heute wach rüttelte. Ich … Nun ja – ich hatte andere Dinge im Kopf, und man denkt doch nicht an so etwas. Meinen Sie wirklich, dass wir jetzt keine Ansprüche mehr an die Versicherungsgesellschaft stellen können?“

„Ausgeschlossen! Die Versicherung wird sich hüten, jetzt noch zu verlängern.“

„Wo ist denn übrigens das Feuer ausgebrochen?“

„Man sagte mir, in der Küchenmöbelabteilung.“

Gunter sprang auf.

„Gleich darunter liegt die Abteilung für die Kunsttischlerei. Kommen Sie, Krüger, die Feuerwehr muss vor allem diese Abteilung zu schützen versuchen, sonst wächst der Schaden ins Uferlose.“

Die beiden Herren stürmten davon, wandten sich unten an den Führer der Feuerwehr, und Gunter machte ihm klar, dass die Kunstmöbelabteilung unbedingt geschützt werden müsse.

„Das ist leider zu spät, Herr Doktor, die eine Decke ist bereits eingestürzt, und die Flammen wüten auch schon im Stockwerk unter dem Feuerherd.“

Gunter taumelte zurück.

„Und ich habe die Versicherungspolice verfallen lassen!“, stöhnte er.

„Wir tun, was in unserer Macht liegt, Herr Doktor.“

Damit ließ er Gunter stehen, der wie benommen in das immer größer werdende Flammenmeer starrte. Die Fabrik bot ja nur zu gutes Futter für die gefräßigen Flammen. Alles gutes, ausgetrocknetes Holz, dazu Öle und Farben. Eine fast unerträgliche Hitze entwickelte sich auf dem Hof.

Gunter Heinersdorf war verzweifelt wieder in sein Kontor zurückgegangen. Sein Prokurist begleitete ihn. Die Herren telefonierten mit der Versicherungsgesellschaft, und es wurde ihnen natürlich bestätigt, dass die Versicherung erloschen war.

Gunter stürzte wieder auf den Hof hinaus, als müsse er durch seine Anwesenheit das Sichausbreiten der Flammen verhindern. In diesem Augenblick flog ein brennender Dachsparren dicht über Gunter Heinersdorfs Kopf herab. Ein Feuerwehrmann zog ihn mit aller Kraft beiseite, so dass der brennende Dachsparren nur sein Ohr streifte und mit nur halber Wucht die Schulter traf. Man riss ihm den brennenden Rock ab. Er war aber doch so heftig getroffen worden, dass die Schulter und der linke Arm schwer verletzt waren, auch das Ohr war in Mitleidenschaft gezogen worden. Man trug ihn in sein Privatkontor, und der anwesende Feuerwehrarzt untersuchte ihn sogleich. Gunter hatte den Arm gebrochen, die Schulter zeigte eine ziemlich tiefe Fleischwunde. Der Arm wurde eingerichtet und geschient, die Schulterwunde verbunden, und der Arzt sagte dem Verwundeten, als er aus seiner Bewusstlosigkeit erwachte: „Sie können Gott danken, Herr Doktor, es ist noch gut abgelaufen. Ein glatter Armbruch, und das andere nur Fleischwunden. Das Ohr heilt auch schnell wieder. Sie sind ja gottlob kerngesund.“

Gunter sah nach seinem Prokuristen hinüber, der, fast bleicher als er selbst, an der Tür stand und angstvoll zu ihm herübersah.

„Wie steht es mit dem Feuer, Krüger?“, fragte er, als sei das wichtiger als seine Wunden.

„Man hofft, dass es jetzt keine weitere Ausdehnung finden wird. Aber das Möbelwerkstättenhaus und die Polsterei und Malerwerkstätten sind nicht mehr zu retten, da brennt alles aus.“

Gunter biss die Zähne zusammen.

„Genug, um mich zu ruinieren, Krüger. Den Verlust kann ich nicht ersetzen.“

Krüger wusste das sehr wohl, aber ein Blick des Arztes sagte ihm, dass der Verwundete geschont werden müsse.

„So schlimm wird es ja nicht werden, Herr Doktor. Die Hauptsache ist, dass Sie wieder gesund werden. Ihr Unfall ist doch das Schlimmste an der Sache.“

„Mir nicht, Krüger, das heilt ja wohl alles wieder. Aber meine Fabrik ist vernichtet. Diese Schlappe überstehen wir nicht.“

„Sie sollten jetzt ruhen, Herr Doktor. Es sieht am Anfang oft schlimmer aus, als es sich nachher herausstellt“, sagte der Arzt und reichte Gunter eine beruhigende Arznei.

„Kann ich nicht aufstehen, Herr Doktor? Ich möchte doch hinaus und sehen, was weiter geschieht.“

„Ausgeschlossen! Wir bringen Sie jetzt in Ihre Wohnung. Haben Sie jemand, der Sie pflegen kann?“

Es zuckte in Gunters Gesicht. Dass er jetzt so hilflos war, quälte ihn am meisten.

„Mein Diener kann das wohl besorgen?“

„Kaum. Es ist besser, ich schicke Ihnen eine Schwester, wenigstens für die ersten Tage, bis wir wissen, dass alles glatt verheilen wird.“

„Kann ich nicht hier bleiben, bis das Feuer gelöscht ist?“

„Nein. Helfen können Sie doch nicht.“

„Ich gebe Ihnen fortlaufend telefonische Nachricht, Herr Doktor“, sagte der Prokurist.

Damit musste sich Gunter zufrieden geben. Er wurde auf die schonungsvollste Art nach seiner Wohnung gebracht.

Die Arznei, die ihm der Arzt gereicht hatte, enthielt wohl ein starkes Beruhigungsmittel. Er dämmerte auf dem Transport schon hinüber, und sein letzter Gedanke flog zu der Frau, die er liebte und mit der er sich gestern Abend, vorläufig geheim, verlobt hatte. Er hatte ihr gesagt, dass er in einigen Tagen zu ihrem Vater kommen und um ihre Hand bitten wollte.

Lydia, seine Lydia!

Wie ein Rausch war die Liebe zu ihr über ihn gekommen. Erst war ihm ihre Schwester Lena lieb und teuer gewesen, er hatte zuweilen daran gedacht, dass sie als seine künftige Gattin in Frage kommen könne, wenn er auch noch mit keinem Wort daran gerührt hatte. Aber dann war vor einigen Monaten Lydia Ritter, die bisher bei einer Tante gelebt hatte, in der Gesellschaft erschienen und hatte verschiedene Männerköpfe verdreht durch ihre Schönheit und ihre bewusste, aber sehr geschickte Koketterie. Auch Gunter ließ sich sofort von ihr fesseln, und er hatte seither keinen Blick, keinen Gedanken mehr für die zurückhaltende Lena.

Wie bitter Lena Ritter durch dieses Abwenden des von ihr heimlich geliebten Mannes hatte leiden müssen, ahnte er nicht. Er war nur froh, dass er sich noch nicht an Lena gebunden hatte.

Lydia hatte es mehr und mehr verstanden, ihn in ihre Netze zu ziehen, und nun hatte ihn der leidenschaftliche Rausch seiner Liebe so stark eingesponnen, dass er alles darüber vergaß, zumal in den letzten Tagen, da Lydia stark darauf ausging, ihn fürs Leben zu binden, nachdem sie sich klar geworden war, dass er die beste Partie für sie sein würde. Sogar die Verlängerung der Feuerversicherung hatte er darüber vergessen. Gestern Abend hatte er endlich in einer Gesellschaft Gelegenheit gefunden, seine Werbung bei Lydia anzubringen, und sie hatte ihm so vorzüglich die Braut vorgespielt, dass er glückselig von ihr gegangen war und ihr gesagt hatte, dass er in den nächsten Tagen bei ihrem Vater um sie anhalten würde. Und nun?

***

Lydia und Lena Ritter waren an diesem Morgen etwas später als sonst aufgestanden, weil sie nach der gestrigen Gesellschaft spät zu Bett gekommen waren. Lydia ahnte sehr wohl, dass ihre Halbschwester – sie hatten nur denselben Vater, aber verschiedene Mütter – Gunter Heinersdorf ins Herz geschlossen hatte. Vielleicht war dies aber gerade der Hauptgrund, der sie bewogen hatte, ihn an sich zu fesseln. Denn sie liebte ihre Schwester durchaus nicht, vor allem deshalb, weil sie Lena brennend beneidete. Zwar war sie nicht so schön, aber sie war die reiche Erbin ihrer verstorbenen Mutter, die bei ihrer Geburt starb: Ihr Vater hatte bald nach dem Tod seiner ersten Frau, die er nur ihres Reichtums wegen geheiratet hatte, eine zweite Frau genommen, die ihm schon bei Lebzeiten seiner ersten Frau gefährlich geworden war. Sie hatte nicht gezögert, dem, wie sie glaubte wohlhabenden Mann ihre Hand zu reichen, hatte aber dann mit großer Enttäuschung gemerkt, dass nicht er, sondern seine Tochter aus erster Ehe die Erbin aller Reichtümer ihrer Mutter geworden war. Er selbst hatte bis zu Lenas Mündigkeit nur die Nutznießung dieses Vermögens. Das hieß wenigstens, dass bis zu Lenas einundzwanzigstem Geburtstag auf großem Fuß gelebt werden konnte. Was später kam, das kümmerte Lydias Mutter vorläufig nicht. Sie erlebte auch nicht den einundzwanzigsten Geburtstag ihrer Stieftochter, sondern starb ein Jahr vorher. Ihre Tochter Lydia war beim Tod der Mutter neunzehn Jahre alt. Sie war die letzten Jahre sehr viel im Haus ihrer Tante, die reich verheiratet war, gewesen, und es gefiel ihr dort sehr gut. Als aber ihre Tante starb, wurde sie von deren Angehörigen nicht mehr aufgefordert, zu bleiben.

Die beiden Töchter der Tante fanden, dass Lydia kokett war und ihnen alle Verehrer abspenstig machte. Sie bestimmten ihren Vater, Lydia nahe zu legen, dass es besser sei, wenn sie jetzt wieder nach Hause zurückkehrte. Er tat das auch in sehr deutlicher Weise, denn er hatte nie die große Vorliebe seiner Frau für diese Tochter ihrer Schwester begriffen.

So kam also Lydia wieder ins Haus ihres Vaters zurück, das im Grunde aber das Haus ihrer Stiefschwester war. Gerade in diese Zeit fiel Lenas einundzwanzigster Geburtstag, und Lydia war sehr ärgerlich, dass die Halbschwester jetzt plötzlich über den gesamten vorhandenen Reichtum verfügen konnte.

Das erfüllte sie mit großem Neid auf Lena, deren Wohltaten sie zwar annahm, die sie aber mehr hasste als liebte.

Die beiden Schlafzimmer der Schwestern lagen nebeneinander, und fast war das Lydias reicher eingerichtet, als das der jungen Herrin des Hauses. Großmütig gönnte Lena der schönen Schwester, dass sie alles an sich raffte, was ihr erstrebenswert erschien, obwohl es auf ihre Kosten ging. Aber eins tat ihr furchtbar weh – dass Lydia auch den Mann, den sie liebte und auf dessen Gegenliebe sie schon gehofft hatte, in ihre Netze zog. Blass und stumm stand sie abseits, wenn Lydia sich in verführerischer Weise Gunter Heinersdorf näherte. Und mit schwerem Herzen fühlte Lena, wie ihr Gunter Heinersdorf mehr und mehr entglitt, wie er sich mehr und mehr um Lydia bemühte. Und gestern Abend hatte sie sehr wohl bemerkt, dass Gunter und Lydia für eine ziemlich lange Zeit auch aus der Gesellschaft verschwunden waren und wie sie dann, Gunter mit glückstrahlenden, Lydia mit triumphierenden Augen, wieder auftauchten. Ihr Herz sagte ihr, dass es zwischen den beiden zu einer Aussprache gekommen sein musste.

Sie hatte in der Nacht wenig geschlafen und sah blass und übernächtigt aus, während Lydias Schönheit strahlender schien als je.

Nachdem die Schwestern ihr Bad genommen und sich angekleidet hatten, begaben sie sich hinunter ins Frühstückszimmer, in das eben erst auch Georg Ritter, der Vater, eingetreten war und die Zeitung durchsah. Das war, außer einigen unbezahlten Ehrenämtern, die er versah, seine einzige Beschäftigung. Er hatte nie viel von Arbeit gehalten, hatte sich sehr gern vom Reichtum seiner ersten Frau versorgen lassen, kam sich aber trotzdem als sehr wichtiges Mitglied der menschlichen Gesellschaft vor. Bisher hatte er wenigstens das Vermögen seiner Tochter verwaltet, damit sollte es aber nun zu Ende sein laut testamentarischer Bestimmung von Lenas Mutter, die bestimmt hatte, dass Lena, falls sie nicht schon einen Gatten besaß, der ihr Vermögen weiterverwalten würde, sich selbst dieser Mühe unterziehen müsse, wobei ihr ein Vetter ihrer Mutter, Justizrat Wallner, behilflich sein solle.

Justizrat Wallner war auch schon vorher, gewissermaßen als Gegenvormund, berechtigt gewesen, sich von Georg Ritter jederzeit Rechenschaft über die Verwaltung des Vermögens ablegen zu lassen. Hauptsächlich diese Bestimmung hatte Georg Ritter immer sehr verstimmt, zeigte sie ihm doch, dass seine erste Frau, obwohl sie ihn geliebt hatte, ihm nicht ganz vertraute. Und wie notwendig diese Bestimmung gewesen war, hatte die Verstorbene nicht einmal geahnt, sie hatte nur besonders gewissenhaft für ihr Kind, das sie damals erwartete, sorgen wollen.

So hatte also Georg Ritter mit der Mündigkeitserklärung seiner ältesten Tochter die Vermögensverwaltung in Lenas Hände legen müssen, und das junge Mädchen versuchte, sich in diese Geschäfte gewissenhaft einzuarbeiten und alles nach dem Wunsch der toten Mutter zu ordnen. Dass sie dabei von Vater und Schwester mit spöttischen Worten bedacht wurde, nahm sie in ihrer gelassenen Art hin. Die Mutter hatte es so bestimmt, und sie wusste sehr wohl, dass der Vater nicht der beste Verwalter ihres Vermögens gewesen war, wenn sie auch nie ein Wort darüber verlor. Die Herzenskälte des Vaters ihr gegenüber, die besonders gegen seine anbetende Liebe zu Lydia abstach, hatte auch in Lenas Herzen mehr und mehr die erst so warmen Gefühle für ihn absterben lassen. Sie lebte als einsamer Mensch zwischen Vater und Schwester dahin.

Der Vater ließ die Zeitung ein wenig sinken und sah den Schwestern entgegen.

„Nun, ihr habt heute lange geschlafen!“, rief er ihnen zu.

„Ja, Vater, es ist ein wenig spät geworden. Verzeih, wenn wir dich warten ließen“, sagte Lena bittend.

Lydia lachte.

„Ach Lena, glaub doch nicht, dass Vater viel früher zur Stelle war als wir; er hat auch lange geschlafen, ich hörte ihn erst vor einigen Minuten hinuntergehen.“

Lydia war durchaus nicht im Unklaren über die vielen kleinen und großen Fehler ihres Vaters, sie kannte ihn genau, aber sie verurteilte ihn nicht. Er mochte ruhig nach seiner Art leben.

Ziemlich stumm und in sich gekehrt saß Lena Vater und Schwester gegenüber und wartete herzklopfend darauf, dass Lydia dem Vater sagen würde: Ich habe mich gestern Abend mit Dr. Heinersdorf verlobt, er wird kommen und dich um meine Hand bitten.

Das geschah aber nicht.

Nach eingenommenem Frühstück erhob sich der Vater, um seinen morgendlichen Spaziergang zu machen, woran sich immer ein ziemlich ausgedehnter Frühschoppen in einer bekannten Weinstube anschloss.

Die Schwestern blieben allein zurück und suchten ein kleines Zimmer auf, wo Lena sich über eine Handarbeit machte, da es ihr unmöglich war, untätig dazusitzen. Lydia dehnte sich träge in einem Sessel und sagte spöttisch: „Wozu stichelst du nur ewig an irgendeiner belanglosen Stickerei herum, Lena?“

„Es macht mir Freude, Lydia“, antwortete Lena ruhig.

„Mein Gott, wenn du Handarbeiten so liebst, könntest du doch eine arme Stickerin mit Aufträgen beglücken.“

„Das könnte ich wohl, aber dann machte es mir keine Freude. Und die armen Stickerinnen sind wahrscheinlich viel zufriedener, wenn ich Ihnen einen Betrag zukommen lasse, ohne sie dafür mit Arbeit zu belasten. So sparen sie Zeit für andere Arbeiten, die sie schwer genug anfertigen müssen und schlecht bezahlt bekommen.“

Lydia tippte die Fingerspitzen gegeneinander.

„Wie rührend!“, sagte sie spöttisch.

Lena sah ruhig zu ihr hinüber.

„Ich weiß, dass du es nicht rührend findest, und verlange das auch nicht von dir. Aber ich bitte dich, diese immerwährenden Kritiken an mir zu unterlassen. Ich werde es mir nie einfallen lassen, an dir und dem, was du tust, Kritik zu üben.“

„Ei, ei, meine kleine sanfte Schwester kann auch wiederstechen, wenn sie gestochen wird, das wusste ich ja gar nicht. Ich hielt dich für sehr sanft.“

„Wodurch du dich beeinflussen ließest, deinen Spott mit mir zu treiben. Ich habe dir das bisher ruhig hingehen lassen, doch hat alles einmal seine Grenzen erreicht, und der Topf läuft auch von einem Tropfen über.“

Es glitzerte in Lydias Augen.

„Aha, ich verstehe, die reiche Schwester weist die arme in ihre Grenzen zurück.“

Lena zuckte die Achseln.

„Ich kann dir nicht verwehren, meinen Worten diese Deutung zu geben.“

Lydia war rachsüchtig. Und sie wusste nur zu gut, wie sie Lena treffen konnte. Ihre Augen schossen Blitze, als sie sagte: „Nun, Gott sei Dank werde ich nicht lange mehr als arme Schwester hinter dir zurückstehen müssen.“

Lena wurde ein wenig blasser. Sie ahnte schon, was jetzt noch kam, zwang sich aber zur Ruhe.

„Ich glaube nicht, dass du je in irgendeiner Weise einmal hinter mir hast zurückstehen müssen. Du wirst zugeben, dass in unserer Lebensführung bisher doch nicht der kleinste Unterschied zwischen uns beiden gemacht wurde.“

Lydia warf den Kopf zurück.

„Ah, damit willst du mir wohl vorwerfen, dass du großmütig deine arme Schwester an deinem üppigen Leben teilnehmen lässt?“

„Nein, das will ich nicht. Ich betrachte es als selbstverständlich, dass du an allem, was mir gehört, teilnimmst.“

„Soso! Na, jedenfalls wirst du dann erlöst aufatmen, wenn du nicht mehr für mich zu sorgen brauchst.“

„Das werde ich bestimmt nicht. Aber wenn sich dein Schicksal, wie aus deinen Worten hervorgeht, mehr zum Guten wendet, so will ich dir dazu von Herzen Glück wünschen.“

Mit einem lauernden Blick, der ihr schönes Gesicht fast hässlich erscheinen ließ, sagte Lydia: „Vorläufig nehme ich keine Glückwünsche entgegen. Aber da wir nun einmal Schwestern sind, sollst du als Erste erfahren, dass ein Mann, der mich wahnsinnig liebt und mich auf Händen tragen wird, sich danach sehnt, mir alle Wünsche zu erfüllen.“

Lydia hatte die Genugtuung, dass Lena zusammenzuckte. Doch vermochte sie sich auch jetzt zu beherrschen und sagte ruhig: „Das freut mich für dich, Lydia.“

„Und du fragst gar nicht, wer der Glückliche ist, der sich mein Jawort gestern errungen hat?“

Lena nahm alle Kraft zusammen, um den Schlag, der sie treffen sollte, mit Fassung zu ertragen.

„Du wirst es mir sagen, wenn du davon sprechen willst, ohne dass ich danach frage.“

„Oh, welch weise Selbstbeherrschung! Es wird dich ein bisschen ärgern, denn so viel ich weiß, ist mein Verlobter bisher sehr viel deinen Spuren gefolgt.“

Lena richtete sich empor.

„Es gibt keinen Mann, dessen Verlobung mit einer anderen mich ärgern könnte, da kannst du ruhig sein“, sagte sie stolz.

Lydia lachte schrill auf.

„Nun, wir werden sehen. Also, mein Verlobter heißt Gunter Heinersdorf.“

Dabei beugte sich Lydia weit vor und bohrte ihren Blick in Lenas blasses Gesicht. Sie hatte aber nicht die erhoffte Genugtuung. Lena hatte gewusst, was kam, und konnte sich beherrschen. Ihre Stimme klang nur ein wenig heiser, als sie sagte: „Das dachte ich mir schon.“

„Wieso?“, fuhr Lydia auf, ärgerlich, dass ihre Worte nicht mehr gewirkt hatten.

Lena vermochte sogar zu lächeln.

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