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Hedwig Courths-Mahler - Folge 030

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Feenhände

Ergreifender Roman um ein schönes Mädchen und einen schweren Verdacht

 

 

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Felizitas Rogga saß ihrem Pflegevater, Karl Wernher, gegenüber und las ihm aus der Zeitung vor.

Gerade als Felizitas einen Artikel zu Ende gelesen hatte, trat ein Diener ein und überreichte dem alten Herrn eine Besuchskarte.

Karl Wernher nahm die Karte und las:

Dr. Richard Wernher

Diplomingenieur

Das Gesicht des alten Herrn verfinsterte sich, und in seine Augen trat ein unmutiger Ausdruck, der Felizitas nicht entging.

Sie beugte sich zu ihrem Pflegevater hinüber und sagte: „Onkel Karl, was ist dir?“

Er reichte ihr die Karte. „Da, sieh her: Herr Dr. Richard Wernher! Er hat also seinen Doktor gemacht und offenbar ein Anliegen an mich. Aber er soll mich in Ruhe lassen, ich empfange ihn nicht.“

Felizitas sah betroffen von der Karte auf. „Onkel Karl, willst du ihn wirklich abweisen lassen? Tu es nicht, ich bitte dich darum! Es kann doch nur eine Sache von größter Wichtigkeit sein, die Dr. Wernher zu dir führt. Du müsstest ihn wenigstens anhören.“

„Müssen? Nein, Fee, ich muss ganz gewiss nicht, und ich werde es nicht. Was kann von dieser Seite kommen? Gutes gewiss nicht. Nur alles Schlimme in meinem Leben knüpft sich an diesen Namen!“

Felizitas ergriff die Hand des alten Herrn und sah ihn bittend in die Augen: „Lieber Onkel, was kann Richard Wernher dafür, dass er der Sohn seiner Eltern ist?“, fragte sie leise.

Der alte Herr stutzte. Dann sah er unsicher zu ihr auf. „Dafür kann er natürlich nichts. Aber er ist sicher Art von ihrer Art. Und ich will mit diesen Leuten nichts zu tun haben, nie mehr.“

Felizitas sah ihn traurig an. „Du bist doch sonst nie ungerecht, Onkel Karl. Anhören könntest du ihn doch. Sicher ist er nicht leichten Herzens in dein Haus gekommen.“

Der alte Herr schüttelte energisch den Kopf: „Es bleibt dabei, ich werde den Doktor nicht empfangen!“

Da erhob sich Felizitas und legte den Arm um seine Schultern. „Lieber Onkel, wenn du ihn nicht empfangen willst, so lass es mich wenigstens tun!“

Er blickte sie kopfschüttelnd an. „Du scheinst darauf zu brennen, Fee, zu erfahren, was er will.“

Sie nickte lächelnd. „Freilich, nichts als Neugier, Onkel.“

Er drohte mit dem Finger. „Diese Untugend kenne ich noch nicht an dir. Aber meinetwegen denn – empfange du ihn, frage ihn, was ihn zu mir führt!“

Sie schwankte noch einen Augenblick, dann aber sagte sie zum Diener: „Führen Sie den Herrn Doktor ins Empfangszimmer!“

Als der Diener hinausgegangen war, sah der alte Herr Felizitas mit ernsten Augen an. „Also, du willst dich wirklich dieser unangenehmen Begegnung aussetzen?“

Sie atmete tief auf. „So unangenehm wird diese Begegnung ja nicht sein. Zwischen Richard Wernher und mir liegt nichts, was mich hindern könnte, ihn zu empfangen.“

„So? Ist das wirklich deine Ansicht, Fee? Hast du vergessen, dass es seine Eltern waren, die sich zwischen mich und deine unvergessliche Mutter drängten und uns einander entfremdeten? Sie allein sind schuld daran, dass ich damals deiner Mutter den Ring zurückschickte und auf Reisen ging, dass sie im Trotz dem ersten besten ihre Hand reichte und damit ihr Unglück besiegelte. Hast du vergessen, was deine Mutter an der Seite deines Vaters gelitten hat? Und in diese Ehe wurde sie durch eben die Menschen hineingetrieben, die mich um das Glück meines Lebens betrogen haben. Ich vergesse das nicht, Fee – nie, niemals!“

Sie strich ihm sanft das Haar aus der Stirn. „Ich habe nichts vergessen, Onkel Karl, weder deiner noch meiner Mutter Leiden. Aber daran waren doch nur Richard Wernhers Eltern schuld und nicht er selbst.“

„So, und dass er dich eine Erbschleicherin genannt hat, ist er daran auch schuldlos?“

Felizitas strich sich über die Stirn, und um ihren Mund zuckte es schmerzlich. „In gewissem Sinn ist er auch daran schuldlos, Onkel Karl. Er sprach nur nach, was er von seinen Eltern gehört hat. Sie grollen mir, weil sie sich durch mich um den Preis ihres Ränkespiels betrogen sehen, denn du hast es ja laut genug vor der Welt erklärt, dass ich deine Universalerbin werden soll. So sieht auch Richard Wernher in mir nur den fremden Eindringling, der ihn aus deinem Herzen und aus deiner Gunst verdrängt hat. Da ist es doch schließlich kein Wunder, wenn er mir keine freundschaftlichen Gefühle entgegenbringt.“

Karl Wernher machte eine abwehrende Handbewegung. „Er ist der Sohn seiner Eltern, und der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.“

Über Felizitas Gesicht fiel ein Schatten. Traurig sah sieden alten Herrn an. „Onkel Karl, ich bin – doch auch die Tochter meines Vaters“, sagte sie leise.

Da stieg die Röte in sein Gesicht. Er zog das Mädchen zärtlich zu sich heran.

„Meine liebe Fee, verzeih mir!“

Ihre Miene hellte sich auf. Entschlossen wandte sie sich zur Tür. Karl Wernher sah ihr mit einem innigen Blick nach.

***

Felizitas blieb vor dem Empfangszimmer einen Augenblick stehen und atmete tief auf. Dann trat sie ruhig ein. Mitten in dem behaglichen Raum stand ein junger Herr, hoch und schlank gewachsen. Sein Gesicht zeigte feste, energische Züge, und um den ausdrucksvollen Mund lag ein herber Zug.

Als er jetzt Felizitas eintreten sah, erschien ein abweisender Ausdruck in seinem Gesicht. „Verzeihung, ich wünschte Herrn Karl Wernher zu sprechen“, sagte er ablehnend.

Sie wurde ein wenig bleich, sah ihn aber ruhig und fest an. „Mein Pflegevater ist nicht wohl, Herr Doktor, und kann Sie daher nicht empfangen.“

Seine Augen blitzten zornig auf. „Sie wollen wohl sagen, dass Sie meinem Onkel nicht gestatten, mich zu empfangen?“

Sie blieb ganz ruhig. „Nein, das will ich nicht sagen.“

„Aber es ist jedenfalls so“, beharrte er.

„Es ist nicht so. Weil mein Pflegevater sich entschieden weigerte, Sie zu empfangen und weil er Sie abweisen lassen wollte, bat ich ihn, mir zu gestatten, Sie empfangen zu dürfen. Denn ich nahm an, nur ganz triftige Gründe könnten Sie dazu bewogen haben, das Haus meines Pflegevaters zu betreten.“

„Allerdings gehörten sehr triftige Gründe dazu, mich zu einem Weg in dieses Haus zu veranlassen, in dem man mich nie mehr empfing, seit Sie sich darin aufhalten.“

„Und da nehmen Sie ohne weiteres an, dass ich daran schuld bin, dass Ihr Onkel jede Beziehung mit Ihnen abgelehnt hat?“

„Da ich meinem Onkel niemals Veranlassung gegeben habe, mir zu zürnen, so muss meine Annahme wohl zutreffen. Denn von dem Tag an, da Sie in diesem Haus Ihren Einzug hielten, habe ich es nie mehr betreten dürfen.“

Sie blieb vollkommen ruhig und erwiderte: „Ich gebe Ihnen zu bedenken, dass ich damals ein Kind von zehn Jahren war! Im Übrigen verkennen Sie mich vollständig. Wer Ihnen gesagt hat, dass ich eine Erbschleicherin sei – ich weiß, dass Sie das in einer Gesellschaft von mir behauptet haben –, der hat Sie falsch unterrichtet, entweder aus Unwissenheit oder aus Bosheit. Nichts liegt mir ferner, als Onkel Karl gegen Sie zu beeinflussen.“

Er sah sie scharf und forschend an. „Onkel Karl erklärt es aber ganz öffentlich, dass er Sie allein zu seiner Erbin einsetzen will. Und er hat doch Verwandte, die ihm näher stehen als Sie; er hat früher auch oft genug bewiesen, dass er einen stark ausgeprägten Familiensinn hat, und mir persönlich versichert, dass ich ihm lieb und wert sei wie ein Sohn. Das alles scheint er vergessen zu haben und heute nur noch Sie zu lieben.“

Felizitas bot alle Kraft auf, um ruhig zu bleiben. „Haben Sie noch niemals gehört, dass es festere Bande zwischen zwei Menschen geben kann als die des Blutes? Zwischen Ihrem Onkel und mir bestehen solche, und was er meinem Herzen geworden ist, kann nur ich ermessen. Aber sein Reichtum lockt mich nicht, und der Gedanke, dass er mich zu seiner Alleinerbin machen will, schreckt mich mehr, als dass er mich beglückt. Und überdies – für den Verlust seiner Person würde mich kein Reichtum der Welt entschädigen können. Denn er ist der einzige Mensch auf Erden, der mich liebt und den ich lieben darf. Wollen oder können Sie mir daraus einen Vorwurf machen?“

Es lag eine so überzeugende Wahrhaftigkeit in ihren Augen, dass Richard Wernher seinen Groll und sein Misstrauen gegen sie dahinschwinden fühlte. Dieses Mädchen machte einen so ganz anderen Eindruck auf ihn, als man sie ihm geschildert hatte.

Er atmete tief auf, strich sich das Haar aus der Stirn und griff Felizitas’ letzte Worte auf: „Daraus wird Ihnen gerechterweise niemand einen Vorwurf machen können. Ich gestehe ganz offen, dass ich Sie einmal in der Erregung in Gesellschaft einigen Freunden gegenüber eine Erbschleicherin nannte, weil mir von meinen Eltern die Überzeugung beigebracht worden war, dass Sie es auf das Erbe meines Onkels abgesehen haben. Aber vielleicht befinden sich meine Eltern damit in einem Irrtum. Wenn ich Ihnen mit meinem Vorwurf Unrecht tat, nehme ich ihn in aller Form hiermit zurück. Und wenn Sie so hoch über allen niedrigen Regungen stehen, werden Sie mir vielleicht Ihre Hilfe nicht versagen. Ich bitte Sie, verschaffen Sie mir eine Unterredung mit meinem Onkel! Ich will ihm eine Bitte aussprechen, von deren Erfüllung vielleicht mein ganzes Lebensglück abhängt. Nicht nur das meine, sondern – was noch schwerer wiegt – auch das eines mir lieben Menschen. Ich habe mich weiß Gott schwer genug zu diesem Schritt entschlossen; ich bin nicht gewohnt, zu bitten, sondern ich habe mich durchs Leben gekämpft. Jetzt aber brauche ich Hilfe. Und deshalb bitte ich Sie: Verschaffen Sie mir Zutritt zu meinem Onkel! Ganz wird er doch noch nicht vergessen haben, dass ich ihn einst wie ein Sohn liebte und er mir in väterlicher Güte gegenüberstand.“

Der harte, herbe Klang seiner Stimme hatte sich verloren, und auch seine Augen blickten nicht mehr so kalt wie zuvor auf das schöne Mädchen vor ihm.

Sie hatte ihn aufmerksam angehört und sah nun traurig vor sich nieder. „Ich habe Onkel Karl eben dringend gebeten, Sie zu empfangen. Er weigerte sich, obwohl ich ihm zu bedenken gab, dass nur etwas außerordentlich Wichtiges Sie zu ihm führen können. Wollen Sie mir nicht sagen, was das ist? Ich verspreche, dass ich Onkel Karl Ihr Anliegen mitteile und Ihre Sache nach Kräften bei ihm führen werde.“

Seine Stirn legte sich in Falten. „Es hat dann wohl keinen Zweck.“

Felizitas trat auf ihn zu und sah ihn bittend an. „Sagen Sie das nicht! Ich bitte Sie, vertrauen Sie mir, und helfen Sie, auf diese Weise eine Brücke zu schlagen, auf der Sie sich eines Tages mit Onkel Karl begegnen können. Im Grunde leidet er ja selbst unter seinem Groll, und ich habe keinen innigeren Wunsch, als eine Aussöhnung zwischen Ihnen beiden anzubahnen. Ich betone absichtlich, dass ich nur Sie allein mit Ihrem Onkel versöhnen möchte. Denn mit Ihren Eltern wird er sich nie wieder aussöhnen, dazu liegt zu viel Schweres zwischen ihnen. Aber ganz hat Onkel doch noch nicht vergessen, dass Sie ihm einst lieb waren. Ich kenne ihn zu gut und sehe manches, was er verbergen und vor sich selbst ableugnen möchte. Also nochmals bitte ich Sie dringend in Ihrem eigenen Interesse, vertrauen Sie mir an, was Sie Onkel zu sagen wünschen!“

Einen Augenblick zögerte er noch. Dann erhob er entschlossen den Kopf. „Nun gut, ich will Ihnen vertrauen. Ich gestehe, dass Sie einen anderen Eindruck machen, als ich erwartet habe. Vielleicht befinden sich meine Eltern über Sie auch im Irrtum. Ich will versuchen, sie umzustimmen.“

Felizitas’ Augen blitzten stolz. „Die Meinung Ihrer Eltern hat keinen Wert für mich, Herr Doktor. Bemühen Sie sich nicht! Es liegt mir nur daran, von Ihnen nicht verkannt zu werden, eben weil ich Sie an allem für so schuldlos halte, wie ich es selber bin.“

„Und meine Eltern halten Sie also demnach an dem Zerwürfnis mit Onkel Karl nicht für schuldlos?“, fragte er.

Sie sah an ihm vorbei. „Auf diese Frage erlassen Sie mir die Antwort. Ich will weder lügen noch Sie und Ihre Eltern verletzen. Bitte, nehmen Sie Platz!“

Dr. Richard Wernher sah eine Weile vor sich hin; dann hob er seine Augen und sah Felizitas ernst an. „Ich will ganz offen zu Ihnen sein, und wenn ich ein wenig weitschweifig werde, dann verzeihen Sie mir! Ich bin Ingenieur und habe eine Erfindung gemacht, von der ich mir viel Erfolg verspreche. Um sie ausnützen zu können, brauche ich für den Anfang ein Kapital von dreißigtausend Mark, bin aber völlig ohne Vermögen, ebenso wie meine Eltern. Mit Mühe und Not habe ich mein Studium absolvieren können. Meinen Zeugnissen verdanke ich es, dass ich gleich eine gute Anstellung bei den Seidelund-Schubert-Werken bekommen habe. Doch da ich durch mein Studium den letzten Notgroschen meiner Eltern aufgebraucht habe, bin ich nun verpflichtet, einen Teil meines Einkommens an meine Eltern abzugeben. So muss ich mit jedem Pfennig rechnen und kann keine Ersparnisse machen. In meiner Lage ist es schwer, dreißigtausend Mark geliehen zu bekommen. Ich habe verschiedentlich versucht, ein solches Darlehen zu erhalten, aber immer vergeblich. Man gab mir höchstens den Rat, mich an meinen reichen Onkel zu wenden, der würde mir doch sicher das Geld geben, wenn meine Erfindung wirklich Erfolg verspräche. Aber verzeihen Sie, wenn ich Sie langweile.“

Felizitas schüttelte den Kopf. „Sie langweilen mich nicht. Bitte, sprechen Sie weiter!“

Richard Wernher fuhr fort: „Vor einigen Wochen schien sich mir eine Hoffnung aufzutun. Ich liebe seit Jahren eine junge Dame, deren Vater als vermögender Mann gilt und ein großes Haus führte. Gerade darum aber wagte ich lange nicht, der jungen Dame meine Gefühle zu zeigen. Ich wollte nicht in den Verdacht eines Mitgiftjägers kommen. Aber schließlich fanden sich unsere Herzen doch, obwohl sie mir mitteilte, dass ihr Vater ganz andere Absichten mit ihr habe und sie mit einem reichen Fabrikbesitzer zu verheiraten wünsche, dem sie aber niemals angehören werde. Noch ehe meine Braut sich ihren Eltern anvertrauen konnte, traf sie ein furchtbarer Schlag. Ihr Vater machte Bankrott. Sein Reichtum war in den letzten Jahren nur Schein gewesen, er hatte schon lange weit über seine Verhältnisse gelebt und war nun plötzlich ein Bettler. Unfähig, den Schlag zu überwinden, schied er freiwillig aus dem Leben.“

Felizitas sah überrascht auf. Sie hatte ihm voll Teilnahme zugehört. Nun blitzte es in ihren Augen auf. „Sie sprechen von Judith Walberg und ihrem Vater?“, fragte sie in atemloser Spannung.

Er neigte bejahend das Haupt. „Da Sie es erraten haben, will ich es nicht leugnen, aber ich bitte Sie um strengste Verschwiegenheit.“

„Die halte ich für selbstverständlich.“

„Ich danke Ihnen. Nun habe ich Ihnen nicht mehr viel zu sagen. Meine Hoffnungen sind durch den jähen Zusammenbruch Friedrich Walbergs vernichtet worden. Aber das allein hätte mich nicht zu Onkel Karl getrieben. Es ist die Sorge um Judith. Sie ist in Reichtum und Glanz aufgewachsen, ist gewöhnt, aus dem Vollen zu schöpfen, und steht nun dem Nichts gegenüber. An Entbehrungen ist sie nicht gewöhnt, und wenn ich ihr nicht wenigstens ein annehmbares, sorgenfreies Dasein schaffen kann, dann – dann darf ich sie nicht an meiner Seite halten, dann muss ich sie freigeben.“

Die letzten Worte sprach er in fieberhafter Erregung, und sein Gesicht zeigte den Ausdruck düsteren Schmerzes.

Felizitas wagte nicht, ihn zu unterbrechen. Mitleidig sah sie ihn an. Er richtete sich auf. „Verzeihen Sie, ich ließ mich gehen!“

Ihre Augen leuchteten. „Ich habe nichts zu verzeihen, nur zu danken für Ihr Vertrauen.“

Mit erzwungener Ruhe fuhr er fort: „Könnt ich meine Erfindung ausnutzen, würde ich imstande sein, einer Frau an meiner Seite ein sorgenfreies Leben zu bieten. Aber das kann ich nicht, wenn ich nicht mindestens ein Kapital von dreißigtausend Mark zur Verfügung habe. Nur geliehen; nur auf fünf Jahre. Für mich heißt es jetzt, das Geld verschaffen oder auf das Mädchen zu verzichten. Und so unternahm ich den Gang hierher. Es handelt sich um das Schicksal zweier Menschen. Und deshalb bitte ich Sie, helfen Sie, meinen Onkel zu bewegen, dass er mir das Geld vorschießt. Wollen Sie das tun?“

Felizitas atmete tief auf. „Ich will Ihre Sache zu der meinen machen, mein Wort darauf. Lassen Sie mich mit Onkel sprechen, geben Sie mir bis morgen oder übermorgen Zeit, dann sollen Sie hören, was ich erreicht habe. Bitte, geben Sie mir Ihre Adresse, ich werde Ihnen schreiben, sobald ich die Entscheidung habe!“

Er reichte ihr seine Karte, auf die er seine Adresse schrieb. „Ich danke Ihnen und werde Ihnen nie vergessen, was Sie für mich tun wollen.“

Er erhob sich.

Sie reichte ihm die Hand. „Es bedarf keines Dankes. Leben Sie wohl, Herr Doktor, und hoffentlich auf Wiedersehen!“

Er führte ihre Hand an seine Lippen, bezwungen von dem guten, warmen Blick ihrer Augen.

Dann verneigte er sich und ging.

Felizitas sah ihm eine Weile nach. Sie kannte Judith Walberg, sie war ihr oft in Gesellschaften begegnet, und ihre stolze Schönheit hatte ihre Bewunderung erregt. Und Judith Walberg hatte einen Bruder, für den Felizitas herzliche Sympathie hegte.

***

Sie fuhr aus ihrem Sinnen empor und ging zu ihrem Pflegevater hinüber, der ihr mit gespanntem Blick entgegensah. „Nun, Fee, hatte ich Recht? Sicher wollte Richard Wernher Geld von mir haben.“

Sie trat neben seinen Lehnstuhl. Liebevoll umfasste sie seine Schultern und legte ihre Wange an die seine.

„Onkel Karl, du musst mich einmal ganz ruhig anhören.“

Er schüttelte heftig das Haupt. „Nein, nein, ich brauche nichts zu hören, will nichts hören. Es genügt mir vollständig, zu wissen, dass er Geld haben wollte. Was sollte ihn auch sonst zu mir führen? Er macht es wie seine Eltern. Die haben ja auch nie etwas anderes haben wollen als Geld, Geld und wieder Geld. Und nun der Sohn – dasselbe Lied!“

Sie streichelte seine Hand. „Rede dich doch nicht in Zorn, Onkel Karl, und lass dir erst einmal alles erzählen, was ich mit ihm gesprochen habe!“

„Ich bitte dich – ich will nichts davon hören, Fee.“

Sie sah ihn bittend an.

„Mir zuliebe, bitte, Onkel!“

Er streichelte über ihre blühende Wange. „Nun, also, anhören kann ich dich ja. Aber das versichere ich dir; Geld bekommt er nicht von mir, nicht einen Pfennig!“

„Onkel Karl, ich glaube, du tust Richard Wernher Unrecht. Wenn du ihn gesprochen hättest, wenn du in sein ehrliches Gesicht gesehen hättest, dann wüsstest du so gut wie ich, dass er kein niedriger Mensch ist.“

Er sah sie forschend an. „Du bist ja eine sehr warme Fürsprecherin für ihn.“

„Weil ich glaube, dass er es verdient. Er will auch das Geld nur geliehen haben auf fünf Jahre.“

Karl Wernher lachte höhnisch auf. „Geliehen! Ja, so sagte sein Vater auch immer, wenn er ähnliche Anliegen an mich hatte. Man vergisst dann einfach das Wiedergeben.“

„Das würde Richard Wernher nicht tun.“

Wieder sah er sie an. „So schnell willst du einen Menschen durchschaut haben, dem du das erste Mal im Leben gegenübergetreten bist?“

Sie lächelte. „Du nennst mich doch immer im Scherz eine Hellseherin, Onkel Karl. So oft hast du mir gesagt, ich sei trotz meiner Jugend eine gute Menschenkennerin.“

„Nun ja, instinktiv triffst du zumeist das Richtige.“

„Nun, also! Und in diesem Fall sagt mein Instinkt: Richard Wernher ist von anderer Wesensart als seine Eltern. Er ist ein ehrlicher, tüchtiger Mensch, der im Lebenskampf steht und sich darin behauptet.“

Karl Wernher machte ein spöttisches Gesicht. „Du schwärmst ja förmlich für diesen Menschen! Fee, du wirst dich doch, um Gottes willen, nicht in ihn verliebt haben?“ Eine heiße Angst sprach aus seinen Worten.

Felizitas lachte fröhlich auf. „Da kannst du unbesorgt sein, Onkel Karl.“

„Gott sei Dank!“

Sie wurde ernst. „Darf ich dir nun alles erzählen?“

Der alte Herr zuckte die Achseln. „Wenn es denn durchaus sein muss, du gibst mir ja sonst doch keine Ruhe. Aber ehe du beginnst, lass dir eins sagen: Nie mehr bekommt einer von der Familie Wernher einen Pfennig Geld von mir, weder geliehen noch geschenkt; weder zu meinen Lebenszeiten noch nach meinem Tod. Es hieße, mich an deiner Mutter noch im Grab versündigen, wenn ich diesen Menschen jemals eine Wohltat erweisen würde.

Sie strich sich das Haar aus der Stirn. „Nun lohnt es sich kaum noch, dass ich dir erzähle, was Richard Wernher mir gesagt hat.“

„Nun, die Hauptsache wusste ich ja schon, dass er Geld wollte. Wie viel sollte es denn sein?“

„Dreißigtausend Mark. Er hat eine Erfindung gemacht, und um sie auszunutzen, brauchte er das Geld.“

„Soso, eine Erfindung?“

Er hörte nun doch interessiert zu. Aber sein Gesicht blieb hart und unbeweglich. Und als Felizitas zu Ende war, merkte er, dass ihm unversehenes etwas von seinem Groll abhanden gekommen war. Aber er ließ es sich nicht anmerken, sondern sagte nur: „Es ist Zeit, zu Tisch zu gehen.“

Felizitas kannte ihren Pflegevater sehr gut. Sie fühlte trotz seiner Abwehr, dass er nicht so unberührt geblieben war, wie er sich stellte. Aber sie wusste auch, dass er sich hinter seinem Wort wie hinter einem uneinnehmbaren Bollwerk verschanzen würde.

Karl Wernher entstammte einer alten Tuchfabrikantenfamilie, die es im Lauf von Generationen zu beträchtlichem Wohlstand gebracht hatte. Seine eigene Fabrik hatte er schon vor Jahren in ein Aktienunternehmen umgewandelt und sich seines leidenden Zustands wegen ganz vom Geschäft zurückgezogen. Neben seinem bedeutenden Vermögen besaß er als Erbe seiner Eltern ein altes, schönes Patrizierhaus mitten in einem großen parkartigen Garten. Aber er wurde seines Reichtums nicht froh, denn den schweren Schlag, der ihn damals getroffen hatte, als er durch das Ränkespiel seiner Verwandten, die über alles geliebte Braut verlor, hatte er nie überwinden können.

Karl Wernher war damals in die weite Welt gegangen und hatte aus den Tropen den Keim zu seinem Leiden mitgebracht. Die einstmals Geliebte hatte in ihrer Verzweiflung einem anderen die Hand gereicht, einem Unwürdigen, der in wenigen Jahren ihr ganzes Vermögen verspekuliert hatte, so dass ihr bei seinem frühen Tod nichts ...

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