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Hedwig Courths-Mahler - Folge 029

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Es war keine Untreue

Roman um eine schöne Frau mit Vergangenheit

 

 

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Ein heißer Sommertag ging zur Neige. Ruth Waldeck saß reglos auf dem Balkon vor ihrem Wohnzimmer und sah hinauf zu den Bergen.

Die Konturen des Watzmanns hoben sich scharf vom Himmel ab, der von der untergehenden Sonne in glühende Farben gehüllt war. Unten im Tal lagen schon tiefe Schatten.

Vom Lockstein herüber drang ein jauchzender Schrei zu der Einsamen und verhallte leise ausklingend in der Ferne. Ruth merkte nichts von der feierlichen Stimmung in der Natur. Schmerzliche Gedanken verschlossen ihre Sinne für äußere Eindrücke.

Die Dunkelheit stieg höher und höher. Am Himmel erschienen bereits in blassem Licht die Sterne.

Vor dem Portal, unter dem Balkon, flammte plötzlich das Licht auf und weckte das junge Mädchen aus dumpfen Grübeleien. Es erhob sich aus dem zierlichen Lehnstuhl aus Rohrgeflecht und reckte sich zur vollen Höhe auf. Die schlanken Hände strichen das Haar zurück und verschränkten sich im Nacken.

So stand Ruth eine Weile, ehe sie ins Zimmer trat.

Das Licht, das sie einschaltete, beleuchtete einen harmonischen Raum in hellen Farben. Es schien das Wohnzimmer einer verwöhnten jungen Dame zu sein.

Ruths Erscheinung passte in den Rahmen. Sie war von schlanker Gestalt mit weichen, runden Linien. Sie besaß ein feines Köpfchen, nicht schön im strengen Sinn des Worts, aber mit anmutigen Zügen. Von vollendeter Schönheit waren jedoch die Augen, der Mund und die Hände.

Der traurige, grübelnde Zug passte nicht in das junge Gesicht hinein und war auch sicher noch zu neu, als dass er Zeit gehabt hätte, herbe Linien einzugraben.

Ruth Waldeck hatte im Grunde genommen eine glückliche Jugend gehabt, obwohl ihr das Schicksal schon in jungen Jahren die Mutter genommen hatte. Der Vater aber hatte ihr den Verlust mit so viel Liebe aufgewogen, dass sie diesem traurigen Ereignis schon lange keine Bedeutung mehr beimaß.

Frau Grotthus, die der Vater als Hausdame engagierte, verstand es, in kurzer Zeit das Vertrauen des Kindes zu gewinnen. Sie hielt nicht nur den Hausstand in mustergültiger Ordnung, sondern trachtete auch danach, der kleinen Ruth das Leben so angenehm wie möglich zu gestalten und sie über alle Klippen der Jugend hinwegzuführen.

Ruth war also der Meinung, dass sich das Leben in wohlgeordneten Bahnen vollziehe, war mit sich selbst und ihrer Umgebung zufrieden, stellte keine großen Ansprüche und glaubte, mit ihrem Vater so eng verbunden zu sein, dass die Harmonie, die zwischen ihnen herrschte, durch nichts getrübt werden könnte.

Deshalb stand sie einer Nachricht, die sie vor wenigen Tagen erreichte, umso fassungsloser gegenüber. Ihr Vater wollte noch einmal heiraten und ihr eine neue Mutter geben.

Der Gedanke daran erfüllte sie mit Entsetzen, weil diese neue Frau eine Ordnung zu zerstören drohte, die bis in alle Ewigkeit hinein festgefügt schien.

Sie konnte den Vater nicht verstehen, der sie ihrer Meinung nach beiseite stieß. Noch viel weniger vermochte sie sich vorzustellen, wie sich das Leben nun weiterentwickeln sollte.

Ruth hatte bereits tagelang jedes Essen verweigert, obwohl ihr Frau Grotthus mit aller ihr zu Verfügung stehenden Fürsorge Mut zuzusprechen versuchte.

Aber alles war so furchtbar schnell gekommen – wie ein Gewitter, das man nach einem schönen Tag nicht erwartet hatte. Ein Brief nur, und sie sollte sich einfach damit abfinden, dass nicht nur ihr Vater eine neue Frau hatte, sondern auch sie zu dieser fremden Frau in Zukunft Mutter sagen musste.

***

Es war nicht nur für Ruth schnell gekommen, sondern auch für ihren Vater; denn er kannte die ihm als seine Gattin jetzt bereits angetraute Frau noch gar nicht lange.

Obwohl es ihn Überwindung gekostet hatte, all die Jahre auf eine neue Heirat zu verzichten, hatte er sich gesagt, dass er es um seiner Tochter willen nicht tun könne.

Er war mittlerweile immerhin fünfzig Jahre alt geworden und glaubte schon, alles überwunden zu haben, als jene Sängerin in seinen Gesichtskreis trat.

Wie ein Schwindel hatte ihn die lang entbehrte Liebe erfasst. In den ersten Tagen hatte er sich wenig Hoffnung auf Gegenliebe gemacht, da Erna Setten noch jung war. Als er aber spürte, dass sie ihm entgegenkam und er aus ihrem Verhalten entnehmen konnte, dass er ihr keinesfalls gleichgültig war, zerrannen alle Bedenken.

Er liebte dieses junge Mädchen wie er noch nie im Leben eine Frau geliebt zu haben glaubte, und wäre bereit gewesen, alles, einschließlich seiner Tochter, zu opfern, wenn sie es von im verlangt hätte.

Er, der gewissenhafte und in allen Lebenslagen überlegene Geschäftsmann, der Winkelzüge und Raffinessen seiner Geschäftspartner bei Gesprächen innerhalb der ersten halben Stunde durchschaute, schlug sogar Warnungen in den Wind, die ihm gut gesinnte Freunde zukommen ließen. Alles ging in den Zärtlichkeiten unter, die Erna Setten ihm schenkte.

Dabei waren die Warnungen, die ihm zugetragen wurden, nicht ganz unberechtigt. Erna Setten war als arrogant, überheblich, ja sogar als raffiniert bekannt.

Wer aber wollte es Herrn Waldeck übel nehmen, dass er diese Eigenschaften nicht erkannte, zumal Liebe ohnehin blind macht? Er sah ihr Lächeln, ihre leidenschaftlichen Augen, ihre anmutige Gestalt und war bezaubert. Erna Setten allerdings war nicht ganz sicher, dass dieser Rausch, in dem sich Herr Waldeck befand, lange anhalten würde. Deshalb trachtete sie danach, ihn so schnell wie möglich an sich zu binden.

„Liebling“, sagte sie eines Abends, als sie beisammen saßen, und legte all ihre Verführungskraft in ihre Stimme, „ich wollte es dir nicht sagen. Ich glaube jedoch, dass es besser ist, denn es könnte deinem Ruf schaden.“

Er blickte sie erschrocken an, weil er sich nicht denken konnte, was seinem Ruf schaden sollte. Hastig überlegte er, ob vielleicht mit seinen geschäftlichen Beziehungen eine Änderung vor sich gegangen sein könnten.

Sie schlug die Augen nieder. „Du bist immer so lieb zu mir“, flüsterte sie. Dann fuhr sie fort: „Ich würde es nicht ertragen, wenn wir uns wieder trennen müssten. Mein ganzes Leben wäre verfehlt.“

„Aber Erna, Liebste! Wovon sprichst du? Ich verstehe dich nicht. Nie werden wir uns trennen, nie, hörst du, denn ich liebe dich, wie ich noch nie eine Frau liebte.“

Er zog sie dicht zu sich heran und wischte ihr die Tränen fort, die über ihre Wangen liefen. „Herzkind, so sprich doch! Lass mich nicht in solch furchtbaren Zweifeln. Ich meinte, dass du glücklich bist. Es war vielleicht vermessen von mir, das anzunehmen.“

„Nein, nein“, wehrte sie mit einem müden Lächeln ab und streichelte zärtlich über seine Hand. „Es wäre ja nur mein Lebensinhalt, mein einziger, dich glücklich zu wissen. Alles würde ich daransetzen, aber … man spricht über uns, Liebster. Man tuschelt hinter vorgehaltener Hand, dass wir ein gesetzloses Leben führen. Nein, nein“, fuhr sie auf, als er sie unterbrechen wollte, „lass mich zu Ende sprechen! Dein Glück liegt mir so sehr am Herzen, dass ich auf alles verzichten würde, auch auf dich, wenn ich nur die Gewissheit hätte, dass du glücklich sein könntest.“

„Ich kann ohne dich nicht glücklich sein, Erni, liebe, geliebte Frau. Wenn du von mir gehen wolltest, würde ich der unglücklichste Mensch auf dieser Erde sein.“ Er war von ihrem Opfermut tief gerührt. „Alles lege ich dir zu Füßen, Liebste, mein Leben, meinen Besitz. Alle Unbilden will ich von dir fernhalten. Über mich mag man sprechen. Es ist ja doch nur der Neid, der derartige Äußerungen hervorbringt. Aber um deinetwillen wird es besser sein, wenn wir so rasch wie möglich heiraten.“

„Du willst – du willst mich wirklich heiraten?“ Sie schlang ihre Arme um seinen Nacken und schmiegte sich ganz fest an ihn.

„Ich nehme doch nicht an, dass du jemals daran gezweifelt hast, Herzkind?“

„Nein, nein, gewiss nicht“, erwiderte sie. „Aber du hast immerhin eine große Tochter, wie du mir erzähltest, und da du es bis jetzt vermieden hast, uns beide bekannt zu machen, dachte ich … Ach, Lieber! Deine Worte beglücken mich ja so sehr!“

Die Erwähnung seiner Tochter machte ihn etwas unsicher. Er löste sich aus ihren Armen, erhob sich und ging mit langen Schritten durch das Zimmer. Schließlich blieb er vor ihr stehen.

„Du hast da einen Punkt erwähnt, Liebe Erna, den ich bis jetzt eigentlich unbeachtet ließ. Wir müssen darüber sprechen. Ruth wird es sicherlich nicht leicht fallen, dich als meine Frau und damit als ihre Stiefmutter aufzunehmen. Sie ist aber jung und wandelbar, und so hoffe ich, dass sie über dieses für sie im ersten Augenblick schmerzliche Ereignis hinwegkommen wird. Ich habe ihr eigentlich unabsichtlich meine Bekanntschaft mit dir verschwiegen. Du hast aber Recht, wenn du mich daran erinnerst.“

„Wir werden uns sicherlich gut miteinander verstehen; denn ich bin kaum älter als sie. Wir könnten Freundinnen werden.“

„Das hoffe ich von ganzem Herzen. Nur – wie soll ich es ihr sagen? Es fällt mir doch etwas schwer, sie Auge in Auge über das, was ich vorhabe, zu unterrichten.“

„Soll ich es tun?“, schlug Erna Setter vor und verfolgte den Mann mit ihren Blicken.

„Nein, nein“, wehrte er nach einigem Zögern ab. „Ich glaube, dass ich bereits eine Lösung gefunden habe.“

***

Natürlich hatte Ruth von diesen Ereignissen keine Ahnung. Ihr zu dieser Zeit noch kindliches Herz hatte bei dem Vater keine Veränderung festgestellt. Er war oft in Geschäften fort und zeigte sich ihr gegenüber genauso lieb und fürsorglich, wie er es vorher war.

Ruth warf sich in ungestümem Weh auf den Diwan und griff nach einem Brief, der daneben auf einem kleinen Tisch lag. Oft schon hatte sie ihn gelesen, nun tat sie es nochmals, als könne sie sich den Inhalt nicht genug einprägen. Er lautete:

Mein geliebtes Kind!

Deinen lieben Brief voll rührender Sehnsucht habe ich oft gelesen. Wie gern wäre ich gekommen, um dich in meine Arme zu schließen und wie sonst all die Jahre mit dir in den Bergen herumzustreifen. Diesmal ging es aber nicht, meine kleine große Ruth. Warum? Sieh, mein Herzkind, nun muss dein Papa mit einer Beichte zu dir kommen, und es wird mir schwer, die richtigen Worte dafür zu finden.

Warum ich dich diesmal allein mit unserer verehrten Frau Major nach Berchtesgaden schickte? Weil ich es nicht übers Herz brachte, dir Aug’ in Aug’ zu sagen, was du nun hören musst.

Deine liebe Mutter starb, als du noch ein kleines Mädchen warst. Die Witwe meines besten Freundes, unsere liebe Frau Grotthus, zog dich mit mir zusammen auf und vertrat in unserem großen Haushalt die Herrin. Das weißt du freilich alles selbst, auch wie lieb ich dich habe. Du wirst in deinem jungen Herzen nicht begreifen, dass ich dennoch einsam blieb seit deiner Mutter Tod. Nun soll es anders werden. Ich habe ein neues Glück gefunden und will es festhalten für immer.

Kurzum, mein Kind. Du bekommst eine zweite Mutter. Jetzt sehe ich im Gesicht deine erschrockenen Augen; ich habe dir weh tun müssen, und du kannst nicht begreifen, dass mir die Liebe eines Kindes nicht zum Glücklichsein genügte.

Du bist zu jung, um mich verstehen zu können; ich wusste, dass dir diese Mitteilung Schmerz bereiten würde, und fürchtete mich vor deinen traurigen Augen. Deshalb schickte ich dich fort. Du musst dich nun mit dem Gedanken abfinden. Wir zwei bleiben die alten, nicht wahr, das weißt du?

Wenn du dieses Schreiben in den Händen hältst, bin ich bereits in aller Stille vermählt. In einigen Wochen komme ich zu dir und bringe dir deine neue Mutter. Sie ist nur wenige Jahre älter als du und will dir eine treue Freundin sein. Nicht wahr, du versuchst es mir zuliebe, freundlich an sie zu denken und sie nicht fühlen zu lassen, dass sie dir nicht erwünscht kam?

Ich lege dir ein Bild von ihr bei. Ist sie nicht wunderschön? Wir besuchen dich in der ersten Woche im August und gehen dann in die französische Schweiz.

Ende September kehren wir alle nach Berlin zurück und verleben einen geselligen Winter mit Bällen, Theater und allem, was dir Freude macht. Du sollst sehen, es wird ein schönes Leben.

Frau Grotthus will, bei uns bleiben und auch in Zukunft unseren Haushalt leiten. Das ist dir lieb, nicht wahr?

Und nun sei vernünftig, Herzkind! Solange du traurig bist, schreibe mir nicht, erst wenn du überwunden hast und wieder fröhlich bist, erfreue mit einigen lieben Worten

deinen treuen Papa

In Ruths Augen waren Tränen aufgestiegen. Sie wischte sie zornig fort und griff nach dem Bild, das dem Schreiben beigelegen hatte. Mit grübelndem Blick sah sie auf das schöne, lebenssprühende Weib, das sie nun Mutter nennen sollte.

Es gefiel ihr gar nicht, dieses lächelnde Gesicht mit dem herausfordernden Blick. Nein, diese Frau würde ihr nie sympathisch sein! Das fühlte Ruth mit entschiedener Sicherheit.

Sie seufzte schmerzlich und barg den Kopf in den weichen Diwankissen.

Im selben Augenblick wurde die Tür geöffnet. Eine ältere Dame trat herein und schritt auf das junge Mädchen zu. Liebevoll legte sie ihren Arm um ihre Schultern.

„Immer noch so niedergeschlagen, Ruth?“

Das junge Mädchen richtete sich schnell auf.

„Ach, du bist es, Tante Grotthus!“

Sie wischte sich über das Gesicht und sah traurig in die freundlichen Augen, die sie besorgt betrachteten.

„Ja, mein Kind, ich bin es. Ich habe dich lange, genug mit deinem Kummer allein gelassen. Komm, wie kannst du nur so unvernünftig sein!“

„Du wunderst dich, dass ich mich über diese Heirat nicht freue?“

Frau Grotthus lächelte.

„In meinen Jahren wundert man sich nicht so leicht über etwas Menschliches. Ich verstehe, dass dich diese unerwartete Nachricht erschreckte. Aber du sollst nun den Kopf nicht hängen lassen und einer Sache nachweinen, die sich nicht mehr ändern lässt. Sieh dir’s doch auch einmal von einer anderen Seite an, sei weniger egoistisch und denk an deinen Vater. Versuche, dich über sein Glück zu freuen! Er hat all die Jahre ein sehr einsames Leben geführt.“

„Aber ich war bei ihm und du, und wir waren so froh und glücklich.“

„Weil du es warst, meinst du, dein Vater müsste es auch gewesen sein.“

„Also habe ich ihm nichts bedeutet.“

Die alte Dame schüttelte unwillig den Kopf.

„Schäme dich, Ruth, so etwas auszusprechen! Muss ich dich daran erinnern, wie oft er dich sein einziges Glück, seinen Sonnenstrahl nannte?“

Ruth lehnte ihren Kopf an Frau Grotthus’ Schulter:

„Und nun soll das mit einem Mal anders werden. Das ist es ja, was mir so weh tut.“

„Gar nichts wird anders in deinem Verhältnis zu dem besten aller Väter, wenn du es nicht willst.“

„Ach, ich! Ich hätte das Papa nie angetan, was er mir antut.“

Frau Grotthus strich lächelnd über Ruth Köpfchen.

„Kind, wenn eines Tages der Rechte kommt, folgst du ihm, wohin er will. Sieh, und dann wäre dein Vater ganz allein. Freue dich, dass er dann jemand hat, der ihn trösten kann!“

„Ach, Liebe, Beste. Du bist so gut, und Recht hast du auch mit allem, was du sagst. Wenn es nur nicht so hart wäre, sich mit einem Mal so überflüssig zu fühlen. Niemand braucht mich, und ich möchte so gern einem Menschen notwendig sein.“

„Sag das nicht, Ruth!“, erwiderte die alte Dame ernst. „Vielleicht hat dich dein Vater jetzt doppelt nötig.“

Das junge Mädchen sah erschrocken auf.

„Wie meinst du das?“

„Lass, Kind, das war nur so ein gedankenloses Wort!“

„Nein, weich mir nicht aus, sei ehrlich, Tante! Nicht wahr, auch du kannst kein Herz fassen zu dieser Frau?“

Sie zeigte auf das Bild.

Frau Grotthus nahm es auf und sah es lange an.

„Du siehst Wolken, wo keine sind. Deine Stiefmutter ist ein bildschönes Geschöpf. Schöne Menschen müssten es leicht haben, gut zu sein.“

„Ich merke schon, du willst mir deine Meinung vorenthalten. Mag es sein. Aber einige Fragen wirst du mir wenigstens beantworten. Wie und wo lernte Papa seine Frau kennen, und wer ist sie?“

„Bei einem Wohltätigkeitskonzert. Deine Stiefmutter war Sängerin und wurde deinem Vater, der zum Komitee gehörte, vorgestellt. Es war im März dieses Jahres, als du wegen einer Erkältung zu Hause bleiben musstest.“

„Ich habe nie von ihr gehört.“

„Sie war wohl keine Berühmtheit. Ihr Gesang wurde nicht sehr gelobt, die Kritik ging sogar ziemlich scharf mit ihr um.“

„Hast du sie jemals singen hören?“

„Wie sollte ich! Sie ist ja auf Wunsch deines Vaters nie mehr aufgetreten.“

„Hat sie noch Eltern?“

„Nein, sie ist Waise.“

„Glaubst du, dass sie Papa aus Liebe heiratet?“

Die alte Dame sah vor sich hin.

„Wer will das ergründen! Dein Vater ist trotz seiner fünfzig Jahre noch ein stattlicher Mann. Warum soll ihn seine junge Frau nicht lieben?“

Ruth stützte nachdenklich das Kinn auf die Hand.

„Warum? Ich weiß es nicht. Es liegt mir so im Gefühl. Ihre Augen sehen aus, als wäre sie keines innigen Gefühls fähig.“

„Nach einem Bild kann man keinen Menschen beurteilen.“

„Das ist wahr. Und trotzdem glaube ich, sie hat meinen Vater nur aus Berechnung geheiratet. Er ist doch doppelt so alt wie sie. Ach, Tante Grotthus, schüttle nur nicht dein Haupt! Im Grund genommen denkst du wie ich.“

„Nun gut, und wenn es so wäre? Dein Vater ist glücklich. Er liebt und glaubt sich geliebt. Gönne es ihm! Sei tapfer, Ruth, bezwinge dich und trübe ihm sein Glück nicht, sondern versuch es ihm zu erhalten. Ob die Heirat zum Guten oder Bösen ausschlägt, steht in Gottes Hand, aber wenn du deinem Vater deine Liebe beweisen willst, so nimm den einzigen Schatten von seiner Seele und schreibe ihm ein paar liebe Worte!“

Ruth legte ihren Arm um den Hals der alten Dame und küsste sie. Frau Grotthus lächelte.

„Sieh, so gefällst du mir schon besser! Und nun komm ins Speisezimmer hinüber. Ich habe so gute Sachen für dich bereiten lassen, und köstliche Pfirsiche sind auch gekommen. Sollst sehen, wie gut es dir schmeckt.“

Das junge Mädchen sah sie mit einem liebevollen Blick an.

„Ich bin für dich noch immer das kleine dumme Ding, das sich mit Leckerbissen über Leid und Ungemach trösten lässt.“

„So dumm finde ich das gar nicht, mein Herz. Ein guter Appetit ist für manches gut.“

Arm in Arm begaben sich die beiden Frauen hinüber ins Speisezimmer, das mit vornehm-gediegenem Geschmack eingerichtet war.

Frau Grotthus war geradezu glücklich, dass sie es vermocht hatte, dem jungen Mädchen seine Bedenken auszureden.

Frau Grotthus wusste wohl einiges über den nicht gerade ehrenhaften Lebenswandel der ehemaligen Sängerin. Es war aber nicht viel. Sie hätte wahrscheinlich selber die stärksten Bedenken gehabt, wenn sie mehr gewusst hätte.

Da war Heinrich Rehling, ein junger und begabter Pianist, der die Sängerin bei ihren Vorträgen zu begleiten pflegte. Er liebte Erna und glaubte sich von ihr wiedergeliebt. Wie hätte er auch etwas anderes annehmen können, da sie doch bereit war, sich heimlich mit ihm zu verloben und mit ihm zusammenzuleben?

Die Heimlichkeit der Verlobung hatte Erna mit ihrem Beruf als Sängerin begründet. Eine Künstlerin dürfe sich nicht als gebunden in der Öffentlichkeit präsentieren, hatte sie gesagt.

Heinrich Rehling gab sich damit zufrieden.

Ihre Flirts mit anderen Männern unterhielt sie, wie sie ihm versicherte, nur, um ihren Ruf als Künstlerin auszubreiten.

„Gerade diese Kreise, Liebling“, pflegte sie zu sagen, „sind wichtig für uns. Der persönliche Kontakt hebt den Ruf. Man spricht in der Gesellschaft von mir – und natürlich auch von dir; denn man weiß ja, dass ich ohne dich nichts wäre.“

Ihre Zärtlichkeiten, die sie fast genauso meisterhaft beherrschte, wie er den Flügel, waren immer wieder ausschlaggebend, dass er ihr glaubte.

Den Flirt, den sie mit dem alternden Konsul Waldeck begann, hatte er von Beginn an beobachten können. Anfangs lächelte er darüber, weil er diesen Mann für weit weniger gefährlich hielt als manchen anderen, jüngeren Herrn der Gesellschaft.

Als er sie jedoch immer öfters mit ihm zusammen sah und erfuhr, dass sie seinen Einladungen in die Oper, zu Konzerten und Spaziergängen folgte, begann er eifersüchtig zu werden.

„Ich bringe dich um, wenn ich dahinterkomme, dass du mich betrügst“,

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