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Hedwig Courths-Mahler - Folge 028

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Vergangenheit

Roman um das Schicksal einer liebenden Frau, deren Glück fast an fremder Schuld zerbach

 

 

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In einem exklusiven Berliner Hotel war im Festsaal eine glänzende Gesellschaft versammelt. Es fand ein Empfang zu Ehren einer amerikanischen Delegation statt.

Die Mitglieder der amerikanischen Botschaft mit ihren Damen, Diplomaten, Vertreter der Wirtschaft, verschiedene Finanzgrößen waren zusammengekommen, um miteinander Fühlung zu nehmen.

Nach aufgehobener Tafel bildeten sich überall einzelne Gruppen. Man plauderte angeregt miteinander und hofierte die schönsten Damen – oder die einflussreichsten.

So fand sich auch eine Gruppe in einem Nebenzimmer unter einem großen Wandspiegel zusammen, in deren Mittelpunkt Alfred Letzingen stand. Er war Gutsbesitzer; hier jedoch weilte er in seiner Eigenschaft als Mitglied einer Handelsdelegation. Er war eine imponierende Erscheinung mit vollem, grau meliertem Haar und Augen, die noch in jugendlichem Feuer strahlten.

Zu dieser Gruppe trat der Vertreter der amerikanischen Delegation, Mr. Howard, in Gesellschaft eines jungen Deutschamerikaners. Der junge Mann sah unverwandt in das Gesicht Letzingens. Es lag Staunen im Ausdruck seines Gesichts.

Mr. Harry Howard hatte während der Tafel zu ihm gesagt: „Sieh dir dort Alfred Letzingen an, Fred! Solange ich ihn kenne, habe ich ihn immer mit dem vagen Gefühl angesehen, als seien mir seine Züge von früher her bekannt oder als erinnere er mich an jemand. Ich konnte nur nicht ergründen, an wen. Jetzt weiß ich es – er hat mich an dich erinnert. Es ist eine ganz frappierende Ähnlichkeit zwischen euch beiden. Sieh ihn dir an!“

Fred Gartner hatte mit seinen Augen Letzingen gesucht, und als er ihn erblickte, stutzte er.

„Wahrhaftig, Harry, du hast Recht! So ungefähr wie er werde ich einmal aussehen, wenn mein Haar grau ist.“

Howard nickte.

„Und so wie du muss er ausgesehen haben, als sein Haar noch braun war. Nach der Tafel werde ich dich dem alten Herrn vorstellen.“

Lächelnd sah Fred Gartner den Freund an.

„Bist du näher mit ihm bekannt?“

Das hübsche Gesicht Mr. Howards rötete sich ein wenig. Er lachte sichtlich verlegen. „Oh, ich verkehre viel in seinem Haus.

„Unterhält man sich dort gut?“

„Ausgezeichnet.“

„Ist die Gattin Letzingens auch anwesend?“

„Er ist Witwer. Seine Gattin ist vor einigen Jahren gestorben. Dafür hat er eine sehr schöne Tochter und eine ebenso schöne Nichte.“

„Ah! Ein ernster Fall, Harry?“

Mr. Howard erwiderte den Blick. „Von meiner Seite – ja.“

„Und die Gegenpartei?“

Ein leises Lächeln spielte um Howards Lippen. „Ich hoffe, dass auch ich für die Gegenpartei ein ernster Fall bin.“

Auch Fred Gartner lächelte. „Dann ist ja alles in bester Ordnung.“

Mit einem leisen Seufzer schüttelte Howard den Kopf.

„Nicht so ganz, wie du glaubst. Es ist nicht so leicht für einen freien Amerikaner, um eine Deutsche zu werben. Du ahnst nicht, welcher Kastengeist noch bei alten deutschen Familien herrscht. Obwohl du Deutscher von Geburt bist, kennt du die Verhältnisse weniger als ich. Die deutsche Eigenbrötlerei habe ich an der Quelle studiert. Freilich gibt es auch unter diesen Deutschen freidenkende Männer; zu ihnen gehören gottlob Letzingen und sein Schwager Kanitz.“

„Ist das derselbe Kanitz, der jetzt der Handelsmission in Washington zugeteilt werden soll?“

„Er ist es.“

„Nun, so, wie du die Herren schilderst, kann ich mir nicht vorstellen, dass dir von dieser Seite Schranken gesetzt werden.“

Harry Howard warf den Kopf zurück.

„Ich würde auch im gegenteiligen Fall nicht daran denken, die Waffen zu strecken. Aber das bleibt unter uns Fred.“

„Selbstverständlich.“

Sie sahen sich lächelnd an und tranken sich zu.

Bald darauf wurde die Tafel aufgehoben, und nun standen die beiden Freunde in nächster Nähe Letzingens und warteten auf eine Gelegenheit, mit ihm zu sprechen.

Es dauerte eine Weile, und während dieser Zeit verglich Howard das Gesicht seines Freundes mit dem Letzingens. Die Ähnlichkeit zwischen diesen beiden Männern verwischte sich in der Nähe durchaus nicht. Sie trat sogar noch schärfer hervor. Beide Männer besaßen die gleiche schön geformte Stirn, unter der dieselben entschlossenen Augen blitzten. Dieselben dunklen, eigenartig gezeichneten Brauen wölbten sich über den Augen und verliefen an den Schläfen wie feine Striche.

Es machte Howard Vergnügen, alle Einzelheiten dieser beiden Gesichter zu vergleichen. Und er konstatierte, dass eine so auffallende Ähnlichkeit zwischen zwei sich fernstehenden Menschen kaum noch einmal existieren könne.

Die einzigen Unterschiede bestanden in der Farbe der Haare und in dem verschiedenen Alter; denn auch die schlanken, sehnigen Gestalten zeigten große Gleichheit.

Schließlich aber entdeckte Howard noch eine Ähnlichkeit, die ihm ein staunendes Lächeln entlockte. Dicht neben dem feinen Strich der verlaufenden rechten Augenbraue befand sich bei beiden Herren ein kleiner brauner Leberfleck von der Größe einer Linse.

Howard machte seinen Freund darauf aufmerksam, und lächelnd betrachtete auch Fred Gartner dieses seltene Naturspiel.

„Ist das nicht fabelhaft?“, fragte Howard.

Fred Gartner nickte lächelnd. Inzwischen war die Ähnlichkeit einigen Herren in der Gruppe aufgefallen, und sie nahmen wohl an, Fred Gartner sei ein Verwandter des alten Herrn, denn sie traten zurück und ließen die beiden Freunde vor.

Letzingen bemerkte nun zuerst Howard und begrüßte ihn freundlich.

„Ich habe noch keine Gelegenheit finden können, Sie zu begrüßen, Herr Letzingen“, sagte Howard.

„Auch mir war es noch nicht vergönnt, Sie zu sprechen. Ich kam sehr spät, fast hätte ich nicht kommen können, da eine Verwandte gerade heute Berlin passierte. Meine Tochter hat sich geopfert und ist bei ihr geblieben.“

„Ich habe schon mit Bedauern bemerkt, dass Ihr Fräulein Tochter nicht anwesend ist. Gestatten Sie mir, Herr Letzingen, Ihnen einen Freund vorzustellen.“

Damit trat Howard beiseite, und Alfred Letzingen erblickte nun Fred Gartner.

Er stutzte sichtlich und sah forschend in das Gesicht des jungen Deutschamerikaners.

Howard lächelte.

„Ich sehe an Ihrem Erstaunen, Herr Letzingen, dass auch Ihnen, gleich uns, die große Ähnlichkeit aufgefallen ist, die zwischen Ihnen und meinem Freund besteht.“

Letzingen neigte, noch etwas überrascht, den Kopf.

„Allerdings. Ich war einen Moment fassungslos – das ist ja, als sähe ich mein Spiegelbild vor dreißig Jahren. Verzeihen Sie, und, bitte, machen Sie mich mit Ihrem Freund bekannt.“

Mr. Howard verneigte sich.

„Mr. Gartner – Herr Letzingen“, sagte er.

Es war, als stehe Letzingen einen Moment wie erstarrt. Seine Augen bohrten sich forschend in Fred Gartners Gesicht, als wolle er alle Einzelheiten in sich aufnehmen. aber er blieb Herr der Situation, und niemand hatte bemerkt, welch ein heißes, tiefes Erschrecken plötzlich seine Seele durchzuckt hatte, als er den Namen des jungen Deutschamerikaners hörte.

Er lächelte scheinbar amüsiert, als er sich nun an Fred wandte.

„Ich bin frappiert von der großen Ähnlichkeit, die zwischen uns herrscht. Verzeihen Sie, dass ich ein wenig konsterniert bin. Sie sind Amerikaner, Mr. Gartner – nicht wahr, so war Ihr Name?“

Fred Gartner verneigte sich.

„Ja, Herr Letzingen, Deutschamerikaner.“

„Deshalb sprechen Sie ein so reines Deutsch – wie Ihr Freund Howard, der wie ich weiß, zwar einen englischen Vater, aber eine deutsche Mutter hat. Sie haben jedenfalls umgekehrt einen deutschen Vater?“

Es lag ein heimliches Forschen in dieser Frage, das aber Fred Gartner entging.

„Meine Eltern sind beide in Deutschland geboren.“

„Und sind auch Sie gleich Ihrem Freund Howard der amerikanischen Handelsdelegation zugeteilt?“

„Nein, ich bin privat in Deutschland, um die Heimat meiner Eltern näher kennen zu lernen.“

„Also sind Sie das erste Mal in Deutschland?“

„Nein, ich war schon vor einigen Jahren hier und habe damals sogar ein Semester an einer deutschen Universität studiert.“

„Sie haben die Absicht, auch diesmal länger hier zubleiben?“

„Einige Monate.“

„Nun, so hoffe ich, noch öfter das Vergnügen zu haben, mit Ihnen zusammenzutreffen.“

Fred Gartner verneigte sich.

„Es würde mir eine große Ehre sein, Herr Letzingen.“

Letzingen wandte sich zu Howard. „Sie wissen ja, Mr. Howard, dass in meinem Haus donnerstags Empfangstag ist; ich hoffe, Sie bringen uns Ihren Freund ins Haus.“

„Wenn Sie es erlauben, gern. Aber wir wollen Sie jetzt nicht länger stören. Komm, Fred, gehen wir in den Saal zurück.“

Die beiden Freunde verneigten sich und merkten nicht, dass es seltsam im Gesicht Letzingens zuckte, als er hörte, dass Howard seinen Freund Fred nannte. Mit einer leichten Handbewegung hielt er Fred Gartner zurück.

„Ich hörte eben, dass Mr. Howard Sie beim Vornamen nannte – Fred. Es sollte mich nicht wundern, wenn wir nun auch noch einen gemeinsamen Vornamen hätten. Ich heiße Alfred“, sagte er mit einem Lächeln.

Fred merkte nicht, dass dieses Lächeln erzwungen war und dass ein unruhiges Forschen in den Augen des alten Herrn lag. Auch er lächelte überrascht.

„Auch ich heiße Alfred.“

Letzingen lachte amüsiert auf, aber seine Augen starrten grübelnd vor sich hin.

„Das ist wirklich ein drolliger Zufall! Also, auf Wiedersehen, Mr. Gartner – auf Wiedersehen!“

Die beiden Freunde zogen sich zurück, und Letzingen wurde sofort von anderen Herren ins Gespräch gezogen. Er stand auch Rede und Antwort, aber er wusste nicht, was er sprach.

Es war, als lausche er in sich hinein, und sein Blick folgte verstohlen Fred Gartners schlanker, kraftvoller Gestalt.

Sobald er eine Gelegenheit dazu fand, brach er das Gespräch mit den Herren ab und trat in den menschenleeren Wintergarten des Hotels.

Hier ließ er sich mit einem Aufatmen, das eher einem Stöhnen glich, in einen Sessel fallen und verbarg das Gesicht in den Händen.

So saß er eine Weile, und seine Gedanken flogen wie aufgescheuchte Vögel in seine Jugend zurück. In seinem Herzen war die Vergangenheit plötzlich mit quälender Deutlichkeit lebendig geworden.

Endlich erhob er sich wieder und ging zur Gesellschaft zurück. Am Saaleingang traf er mit Howard zusammen. Letzingen hielt ihn an.

„Ich hatte vorhin keine Zeit, mich länger mit Ihnen zu unterhalten, Mr. Howard. Sie haben mir eine recht interessante Bekanntschaft vermittelt. Die Ähnlichkeit Ihres Freundes mit mir ist sehr auffallend, zumal wenn man bedenkt, dass keinerlei Verwandtschaft zwischen uns besteht.“

Howard verneigte sich lächelnd.

„Dieselbe Betrachtung stellte auch ich vorhin an. Mein Freund Gartner hat sogar, wie ich vorhin zu beobachten Gelegenheit hatte, dasselbe kleine Muttermal, das auch Sie neben der Augenbraue an der rechten Schläfe haben – genau an derselben Stelle.“

Letzingens Blick irrte nach dem Wandspiegel hinüber.

„Das habe ich nicht bemerkt. Ich muss es mir ansehen, wenn ich wieder mit Mr. Gartner zusammentreffe. Ist er in New York ansässig?“

„Ja. Die großen Fabriken, die seine Mutter besitzt, befinden sich in New York. Er ist seit einigen Jahren Kompagnon der Firma. Im Winter bewohnt er ein Haus in New York und im Sommer eine Villa am Meer.“

Letzingens Gesicht zeigte eine heimliche Spannung.

„Sie sagen, die Fabriken gehören seiner Mutter – also lebt sein Vater wohl nicht mehr?“

„Nein. So viel ich weiß, hat er seinen Vater schon in frühester Kindheit verloren.“

„Aber er ist in New York geboren?“, fragte Letzingen.

„Das kann ich Ihnen im Augenblick nicht einmal beantworten. Jedenfalls besitzt seine Mutter seit fast dreißig Jahren die großen Keksfabriken in New York, das heißt – vor fünfundzwanzig Jahren war dieses Riesenunternehmen nur in den bescheidensten Anfängen. Man sagt, Mrs. Gartner, die Mutter meines Freundes, habe damals die Kekse noch eigenhändig gebacken, und deshalb seien sie so berühmt geworden. Jedenfalls erfand sie all die guten Rezepte selbst, und die Harald-Kekse fehlen in Amerika auf keinem Teetisch.“

Sinnend sah Letzingen vor sich hin.

„Und damit hat Mrs. Gartner ein großes Vermögen gemacht?“, fragte er lächelnd, als amüsiere ihn dieser Gedanke.

Mr. Howard sah ihn mit seinen hellen, scharfen Augen fest an.

„Mrs. Gartner ist allerdings eine sehr reiche Frau. Ihr Vermögen zählt nach Millionen – ihr selbst verdientes Vermögen. So etwas findet man drüben bei uns bewundernswert. Man schätzt Mrs. Gartner wegen ihrer geschäftlichen Tüchtigkeit und ihres Fleißes. Sie ist außerdem eine kluge, geistvolle Frau, und ich kenne bedeutende Männer, die es nicht verschmähen, sich bei ihr Rat zu holen. Sie gilt sehr viel, und man schätzt sie hoch. Meine Eltern zählen sie stolz zu ihren Freunden.“

Letzingen verneigte sich.

„Dann wird sie es sicher auch verdienen. Und Ihr Freund – ist er Kaufmann? Ich meine, er hätte mir gesagt, dass er eine deutsche Universität besuchte.“

„Er hat eine ausgezeichnete Erziehung genossen und hat mit mir zusammen studiert. Auch er ist ein äußerst intelligenter und tüchtiger Mensch. Nach Beendigung seiner Studien ist er neben seiner Mutter an die Spitze ihres Unternehmens getreten und hat es noch bedeutend vergrößert.“

„Soso! Nun, es soll mich freuen, ihn näher kennen zu lernen. Ich hörte jedenfalls den Namen des Unternehmens heute zum ersten Mal, obwohl ich gut orientiert bin über die Verhältnisse drüben.“

Howard verneigte sich lächelnd.

„Ich weiß, Sie waren früher selbst einige Jahre in Amerika.“

„Woher wissen Sie das?“

„Ihr Fräulein Tochter hat es mir erzählt.“

Letzingen nickte hastig.

„Ganz recht, in meiner Jugend war ich einige Jahre drüben – nicht gerade zu meinem Vergnügen. Deshalb spreche ich nicht gern davon. Aber jedenfalls danke ich es diesem Aufenthalt, dass ich Land und Leute kennen gelernt habe.“

Wieder verneigte sich Howard.

„Man hätte in meiner Heimat viel Wert darauf gelegt, wenn Sie den Posten angenommen hätten, den man nun Ihrem Herrn Schwager zugewiesen hat. Herr Kanitz wurde nach Ihrer Ablehnung in Vorschlag gebracht.“

Letzingen wehrte leicht ab.

„Ich kann Deutschland nicht auf Jahre verlassen. Als Hüter unseres Gutes habe ich Verpflichtungen, obwohl ich es keinem Sohn hinterlassen kann – oder gerade deshalb. Außerdem hoffe ich auch hier meinem Vaterland zu nützen.“

„Das ist außer Zweifel, Herr Letzingen. Aufrechte Männer kann jeder Staat brauchen. Im Übrigen ist Herr Kanitz eine zuverlässige Persönlichkeit und nach Ihnen wohl am besten geeignet, sein schwieriges Amt zur Zufriedenheit beider Staaten auszufüllen.“

Letzingen nickte. „Wenn es einer ausfüllen kann, ist er es. Er ist ein aufrechter Mann, der weiß, was er will und seinem Willen Geltung verschafft, auch wenn es diesem und jenem unbequem ist.“

Hier wurden die beiden Herren gestört.

Harry Howard ging nach kurzem Zögern in den Saal, um seinen Freund aufzusuchen, der dem beginnenden Tanz zuschaute.

Als er zu ihm trat, fasste Fred ihn beim Arm.

„Kennst du die junge Dame, die da drüben an der Säule mit einem alten Herrn steht? – eben tritt Letzingen zu ihnen!“

Howard sah unauffällig in die bezeichnete Richtung und neigte das Haupt. „Das ist Regina Kanitz, die Nichte Letzingens. Der Herr, der neben ihr steht, ist ihr Vater.“

„Ah – dies ist also Kanitz, der den Posten in Washington erhalten hat?“

„Ja. Seine Frau und die verstorbene Gattin Letzingens waren Schwestern. Willst du noch mehr Aufschlüsse?“

Fred Gartner sah interessiert nach der anmutigen Dame hinüber und lächelte. „Ich möchte nur noch wissen, ob du mich der jungen Dame vorstellen kannst. Ich möchte mit ihr tanzen.“

Mr. Howard sah mit einem forschenden Blick in das Gesicht seines Freundes, sagte aber dann ruhig: „Das kann ich tun. Komm, lass uns gleich hinübergehen, dann kann ich dich mit Kanitz bekannt machen.“

Sie schritten langsam durch den Saal. Letzingen stand noch mit seinem Verwandten zusammen und blickte Gartner mit brennenden Augen entgegen. Während Howard den Freund Kanitz und seiner Tochter vorstellte, hefteten sich seine Blicke auf das kleine braune Mal an Fred Gartners Schläfe.

Auch Kanitz und seiner Tochter fiel sofort die Ähnlichkeit des jungen Deutschamerikaners mit Letzingen auf, und als sich nach einer Weile Regina Kanitz plaudernd mit den beiden Freunden entfernte, legte Kanitz seine Hand auf Letzingens Arm.

„Hast du dir diesen Mr. Gartner angesehen, Alfred?“

Der alte Herr schrak aus seinem Grübeln auf. „Ja, Rudolf.“

„Und ist dir nicht aufgefallen, dass er dir unglaublich ähnlich sieht?“

Kein Zug regte sich in Letzingens Gesicht. „Es ist mir natürlich auch aufgefallen. Außerdem machte mich Mr. Howard auf diese Ähnlichkeit aufmerksam.“

„Also dem ist es auch nicht entgangen!“

„Ja, es muss auffallen, wenn sich zwei völlig fremde Menschen so ähnlich sind.“ Mit heimlichem Entsetzen hatte Letzingen das kleine Muttermal entdeckt, das gleiche, das er selbst trug. „Ein seltsames Naturspiel!“

Kanitz sah ihn verblüfft an.

„Frappant! Mein lieber Alfred, man könnte da auf seltsame Gedanken kommen.“ Die letzten Worte Kanitz’ klangen scherzhaft.

„Auf was für Gedanken?“, fragte Letzingen hastig.

„Nun, du warst vor ungefähr dreißig Jahren auf längere Zeit drüben im Amerika. Wenn man diesen jungen Deutschamerikaner ansieht, kann man auf den Gedanken kommen, dass du damals einen illegitimen Spross drüben zurückgelassen hast. Es könnte so ungefähr mit dem Alter des jungen Mannes stimmen.“

Letzingen stieg eine leichte Röte in die Stirn, und sein Gesicht bekam einen unwilligen Ausdruck.

„Ich bitte dich, Rudolf, solche Witze sind nicht am Platz!“

Kanitz lachte. „Aber Alfred, sei nicht so heftig! Ein harmloser Scherz. Du bist doch sonst nicht so leicht verletzt.“

Letzingen atmete tief auf.

„Verzeih! Aber du weißt, an die Jahre drüben lasse ich mich nicht gern erinnern.“

Kanitz nickte und schob die Hand unter seinen Arm.

„Ich weiß, ich weiß, an so schlimme Zeiten erinnert man sich nicht gern. Das war damals eine verzweifelte Situation für dich. Dein Onkel war immer knickerig. Er hätte deine Schulden wohl bezahlen können, hätte nicht den unversöhnlichen Richter zu spielen brauchen. Lieber Gott, jung und leichtsinnig sind wir alle einmal gewesen. Na, es hat dir nichts geschadet, dass du dir fremden Wind um die Nase hast wehen lassen müssen. Es war freilich eine riskante Sache, dass dir dein Onkel weiter nichts als die Überfahrtskarte zur Verfügung stellte und den guten Rat, dass ein armer Schlucker nur eine Existenzberechtigung hat, wenn er sie sich durch eigene Arbeit erwirbt. Es hätte schlecht ablaufen können. Du konntest ebenso gut vor die Hunde gehen. Er war ein verdammt rigoroser Herr.“

„Aber er war im Recht, Rudolf. Ich war leichtsinnig und musste es büßen. Und das habe ich getan. Aber zugleich habe ich auch arbeiten gelernt und den Ernst des Lebens erfasst.“

„Richtig. Du bist als ganzer Mann zurückgekommen, nachdem deinen Onkel der Schlag getroffen hatte, als er hörte, dass sein einziger Sohn beim Rennen zu Tode gestürzt war. Das hattest du freilich nicht erwarten können, dass du einmal Erbe auf Letzingen werden würdest.“

„Nein, bei Gott nicht, sonst – sonst hätte ich jene Zeit vielleicht anders verlebt.“

„Nun ja, aber das hat dir nicht zum Schaden gereicht. Und deshalb könntest du mit Stolz und Genugtuung an jene Zeit zurückdenken, da du den Lebenskampf siegreich bestanden hast.“

Letzingen strich sich über die Stirn.

„Trotzdem – man möchte manches ungeschehen machen. Und wie gesagt – ich erinnere mich nicht gern an jene Zeit.“

„Die Sturm- und Drangperiode ist längst überwunden, und du bist jetzt auf der Höhe des Lebens und kannst lächelnd auf Jugendtorheiten zurücksehen. Aber natürlich hätte ich den dummen Scherz vorhin unterlassen können. Nichts für ungut! Komm, lass uns einen Kognak trinken! Der Erbe von Letzingen kann über diese längst vergangene Epoche lachen.“

Damit führte Kanitz seinen Schwager zum Büfett. Letzingen versuchte in den heiteren Ton mit einzustimmen, aber in seinen Augen blieb der grübelnde Ernst zurück.

Wie kam dieser Ähnlichkeit Mann zu der auffallenden Ähnlichkeit mit ihm?

***

Inzwischen stand Fred Gartner Regina Kanitz gegenüber und plauderte mit ihr. Mr. Howard war von einem anderen Herrn fortgeführt worden. Regina hatte lachend in Freds Gesicht gesehen und gesagt: „Ich war sprachlos, als ich Sie sah, Mr. Gartner.“

Er sah lächelnd in ihr reizendes Gesicht. Sie hatte braune Augen, die klar ins Leben sahen. Über ihrer ganzen Erscheinung lag ein Hauch lebensfrischer Anmut, gesunder Lebensfreude und ein gewisses Etwas, das die Herzen warm machte.

„Warum waren Sie sprachlos, mein gnädiges Fräulein?“, fragte er.

„Weil Sie meinem Onkel so ähnlich sehen. Das ist beinahe unheimlich.“

„Ich hoffe, Sie rechnen es mir nicht als Verbrechen an“, scherzte er.

Sie schüttelte den Kopf.

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