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Hedwig Courths-Mahler - Folge 027

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Die heimlich Vermählten

Roman um eine große Liebe und einen starrsinnigen Vater

 

 

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Haben Sie noch Aufträge für mich, Herr Kommerzienrat?“, fragte Traude Frensen, vom Notizblock aufsehend.

Kommerzienrat Brenken blickte eine Weile nachdenklich in das Gesicht seiner Sekretärin. Dann schüttelte er den Kopf.

„Nein, das ist alles für heute.“

Traude Frensen erhob sich und begab sich in ihr eigenes Arbeitszimmer, einen kleinen, einfach ausgestatteten Raum.

Drei Jahre war es nun her, seit sie die Stellung im Haus des Kommerzienrats Brenken angetreten hatte, nachdem ihr Vater als Major und ihr jüngerer Bruder als Leutnant im Feld geblieben waren. Die schmale Pension hatte nicht ausgereicht, um für sie und ihre Mutter den Lebensunterhalt zu bestreiten, und so hatte sich Traude kurz entschlossen auf ein Inserat hin bei Brenken vorgestellt.

Der alte Herr hatte sie damals prüfend angesehen und den Kopf geschüttelt.

„Sie sind zu jung und viel zu hübsch, Sie haben außerdem noch nie in einem Büro gearbeitet.“

Aber Traude hatte ihn mit ihren großen Augen angeblickt und gesagt: „Herr Kommerzienrat, ich würde mir alle Mühe geben, Sie zufriedenzustellen. Man kann viel, wenn man ehrlich will, und wenn niemand mit mir den Anfang machen wollte, wäre das sehr schlimm für mich.“ Dann hatte sie ihm in knappen, klaren Worten ihre Verhältnisse dargelegt und dabei einen so guten Eindruck auf ihn gemacht, dass er schließlich einverstanden war.

„Nun gut, ich will es versuchen.“

Und Brenken hatte diesen Versuch nicht bereut. Die fleißige, kleine Offizierstochter hatte ihm bald unbedingte Achtung abgenötigt, so dass Traude trotz ihrer jungen Jahre heute eine Vertrauensstellung bei ihm einnahm.

Das wusste auch Senator Manhart, Brenkens Geschäftsfreund, der den Kommerzienrat häufig in seinem Büro aufsuchte, während Traude gerade anwesend war. So erfuhr sie, dass der einzige Sohn des Senators gleichfalls als Offizier im Feld stand. Sie, die selbst Vater und Bruder im Krieg verloren hatte, wusste, was es hieß, Tag um Tag in Ungewissheit und banger Sorge zu schweben und so beschäftigte sie sich unwillkürlich mit dem Schicksal des jungen Manhart und freute sich mit ihrem Chef, wenn der Senator gute Nachricht von seinem Sohn brachte.

Eines Tages hatte sie wieder im Kontor des Kommerzienrats gesessen – es war kurz nach dem großen Zusammenbruch –, als sich nach kurzem Klopfen die Tür öffnete.

Eine helle Männerstimme rief ins Zimmer: „Onkel Brenken, ich möchte dir guten Tag sagen! Darf ich dich stören?“

Der Kommerzienrat war aufgesprungen, und Traude hatte mit angehaltenem Atem nach der Tür geblickt, direkt in zwei klare, leuchtende Männeraugen hinein. Und ehe der Kommerzienrat noch ein Wort erwidert hatte, dachte sie mit klopfendem Herzen: Das ist Frank Manhart.

Ihr Chef eilte dem jungen Mann entgegen und zog ihn ins Zimmer herein.

„Mein lieber Frank – endlich daheim! Das ist eine Freude für deinen Vater! Und ich freue mich mit ihm. Heil und unversehrt haben wir dich wieder. Sei willkommen, herzlich willkommen!“

Traude war aufgestanden und sah ihren Chef fragend an. Er nickte ihr zu.

„Ja, ja, Fräulein Frensen, jetzt müssen wir unsere Arbeit für ein Stündchen unterbrechen. Ich rufe Sie, wenn ich Sie brauche!“

Traude hatte sich leicht verneigt und verließ das Zimmer. Frank Manhart hatte mit leuchtenden Augen das schöne Mädchen angestarrt. Auch er verneigte sich grüßend vor ihr und sah ihr dann wie gebannt nach, als sie das Zimmer verließ.

Nachdem sie verschwunden war, fragte er lebhaft: „Wer war die junge Dame, Onkel Brenken?“

So nannte er den Kommerzienrat von seinen Knabenjahren her, obwohl keinerlei Verwandtschaft zwischen ihnen bestand.

Der Kommerzienrat hatte Frank einen Sessel hingeschoben.

„Das ist meine Sekretärin Fräulein Frensen, die Tochter eines Majors; Vater und Bruder hat sie im Krieg verloren und steht nun mit ihrer kranken Mutter allein im Leben. Sie ist eine junge Dame von tadellosem Ruf und bester Erziehung, und ich möchte sie als solche respektiert sehen, obwohl sie sich in abhängiger Stellung befindet.“

Frank verstand den Wink und sagte lächelnd: „Keine Sorge, Onkel Brenken! Mir scheint, die junge Dame weiß sich selbst den nötigen Respekt zu verschaffen. Und außerdem musst du bedenken, dass ich als ein anderer Mensch wieder heimgekommen bin. Kriegsjahre zählen doppelt – oder dreifach.“

Der alte Herr sah den ernsten Ausdruck in Franks Augen und fasste seine Hand.

„Es sollte keine Mahnung für dich sein, mein Junge. Aber die junge Dame ist mir lieb und wert geworden, weil sie ein so tapferer, unverzagter Mensch ist. Und sie steht schutzlos und allein in der Welt. Da helfe ich ihr gern, so weit es geht. Doch nun komm, setz dich und erzähle mir von deinem Heimkommen!“

Frank Manhart machte eine Bewegung, als schneide er die Luft mit der Hand. Seine Stirn legte sich in Falten.

„Schweigen wir davon! Du weißt doch, wie demütigend diese Heimkehr war. Dafür hat man also all die qualvollen Jahre durchlebt. Aber man muss versuchen, darüber hinwegzukommen, am besten durch Arbeit, viel Arbeit.“

Der Kommerzienrat neigte den Kopf. „Daran wird es nicht fehlen.“

Und dann hatten die Herren wohl eine Stunde lang miteinander gesprochen von allem, was die Herzen in jener Zeit bewegte.

Traude Frensen hatte inzwischen in ihrem Zimmer verschiedene Briefe geschrieben. Und dann hörte sie die Tür öffnen. Bald darauf sah sie Frank Manharts schlanke Gestalt über den Hof gehen. Ihre Augen folgten ihm, bis er das Tor passiert hatte und verschwunden war.

Einer, der wiedergekommen ist, dachte sie fast bitter.

Gleich darauf zuckte sie zusammen. Das Telefon auf ihrem Schreibtisch klingelte. Es war der Kommerzienrat, der sie zur Weiterarbeit rief.

***

Mehr als ein Jahr war vergangen, und es hatte kaum einen Tag gegeben, an dem sie sich nicht gesehen hätten, denn Frank Manhart liebte es, auf einen Sprung zu Onkel Brenken heraufzukommen, wenn er sich in das Geschäftshaus der Firma Manhart begab, das ganz in der Nähe lag. Und fast immer war Traude bei diesen Besuchen zugegen, die zumeist irgendeiner geschäftlichen Rücksprache galten.

Gelegentlich richtete Frank auch einige artige Worte an Traude, der das Herz dann rascher klopfte. Auch auf der Straße begegnete sie ihm häufiger. Er grüßte sie dann stets sehr höflich. Dabei ahnte sie nicht, dass er diese Begegnungen absichtlich herbeiführte. Nur eines wusste sie, dass es für sie immer wie ein Sonnenstrahl war, wie ein Lichtblick in dem Einerlei ihres Lebens, wenn sie ihn sah. Frank Manhart hatte ihr Herz im Sturm gewonnen, sie hatte gar keine Zeit gehabt, sich gegen diese Gefühle zu wehren.

Und Frank Manhart?

Er musste mehr, als es seiner Herzensruhe zuträglich war, an Traude Frensen denken, und die Sehnsucht nach ihr führte ihn immer wieder in ihren Weg. Es nützte nichts, dass er sich Vernunft predigte – ein Tag, an dem er Traude nicht wenigstens einmal begegnete, schien ihm ein verlorener Tag.

Trotzdem hatte er es bisher nicht gewagt, sich ihr zu nähern, denn etwas in ihrem Wesen hielt ihn in respektvoller Entfernung. Heute aber wollte er die Gelegenheit, sie zu sprechen, nicht ungenutzt vorübergehen lassen. Er wusste, dass ihr Weg an dem Geschäftshaus seines Vaters vorüberführte, und als dies nach Geschäftsschluss auch heute der Fall war, trat Frank Manhart aus der Toreinfahrt.

Grüßend zog er den Hut.

Traude dankte errötend und wollte hastig weitergehen, aber er sprach sie an.

„Guten Tag, Fräulein Frensen! Verzeihen Sie, wenn ich Sie aufhalte. Ist der Herr Kommerzienrat noch in seinem Kontor?“

Traude fasste sich schnell und antwortete scheinbar ruhig: „Nein, Herr Manhart, er ist eben heimgefahren.“

Frank blieb an ihrer Seite.

„Ich hätte ihn gern noch gesprochen, aber ich kann es auch morgen Früh nachholen. Da ich Sie aber gerade getroffen habe, möchte ich noch eine ganz persönliche Bitte aussprechen. Sie wissen doch bestimmt, dass im nächsten Monat die Firma Brenken ihr Geschäftsjubiläum feiert?“

„Gewiss. Der Herr Kommerzienrat hat gerade heute mit mir davon gesprochen und mir die Namen der Herrschaften diktiert, die dazu geladen werden sollen. Er hat auch die Absicht, das ganze Geschäftspersonal an der Feier teilnehmen zu lassen.“

„Ja, ich weiß, mein Vater und ich sind auch geladen. Ich habe nun die Absicht, zu diesem Jubiläum ein Festspiel aufführen zu lassen, um Onkel Brenken eine besondere Freude zu machen. Ein junger, mir bekannter Schauspieler hat es nach meinen Angaben verfasst, eine Art Allegorie, und ich glaube, dass es sehr hübsch geworden ist. Ich brauche nun zur Aufführung zwei Damen und drei Herren, außerdem ein Kind. Diese beiden Damen sollen die Pflicht und die Treue darstellen. Fräulein Herter, die Tochter des Prokuristen der Firma Brenken, hat sich bereit erklärt, die Rolle der Pflicht zu übernehmen, für die Rolle der Treue habe ich an Sie gedacht. Würden Sie wohl die Liebenswürdigkeit haben, die Rolle zu übernehmen?“

Traude sah überrascht zu ihm auf. Ein leichtes Rot der Verlegenheit flog über ihre Wangen.

„Ich?“, fragte sie unsicher.

Er nickte und streifte sie mit einem Blick offener Bewunderung. „Ja, Fräulein Frensen, ich wüsste keine Dame, die besser für die Rolle geeignet ist als Sie. Wollen Sie meine Bitte erfüllen?“

Sie atmete tief auf.

„Oh, ich bin noch nie in meinem Leben öffentlich aufgetreten und weiß wirklich nicht, ob ich Ihnen nicht das ganze Festspiel verderben würde.“

Er schüttelte lachend den Kopf und meinte: „Das werden Sie ganz gewiss nicht tun. Es ist keine besonders schwierige Aufgabe, die Ihnen gestellt wird. Ein paar Verse mit Verständnis zu deklamieren, wird Ihnen mit Ihrem klangvollen Organ nicht schwer fallen.“

„Wenn sonst keine schauspielerischen Leistungen von mir verlangt werden – das traue ich mir wohl zu“, gab sie, immer noch zögernd, zur Antwort.

„Nein, sonst wird nichts von Ihnen verlangt, und genügend viele Proben werden wir auch abhalten. Ich übernehme die Regie. Der Schriftsteller Wend, der Neffe des Herrn Kommerzienrats und Kapitän Walter übernehmen die drei Herrenrollen. In der Knabenrolle wird der Enkel des Kommerzienrats auftreten. Sie sind also in der besten Gesellschaft, Fräulein Frensen. Sie geben mir doch keinen Korb, nicht wahr?“

Traude zögerte noch einen Moment, dann neigte sie das Haupt.

„Ich stehe gern zur Verfügung, wenn Sie mich brauchen können, Herr Manhart.“

Sie waren jetzt an der Haltestelle der Elektrischen angelangt, die Traude zu benutzen pflegte, und sie blieb stehen.

„Ihre Wohnung liegt wohl weit ab vom Geschäft?“

„Drüben in Altona, am Elbufer.“

„Da haben Sie täglich einen weiten Weg.“

„Allerdings, aber meiner kranken Mutter wegen haben wir diese Wohnung gewählt, die wenigstens im Grünen liegt.“

„Ich hörte, ihr Vater sei gefallen?“

Traudes Augen wurden ernst. Ein weher Ausdruck zuckte um ihren Mund.

„Mein Vater und mein Bruder.“

„Und Sie müssen nun allein den harten Kampf ums Dasein führen! Wie schmerzlich muss Ihnen das alles gewesen sein!“

Sie sah in seine teilnahmsvollen Augen und atmete tief auf. „Ich bin jung und stark, und meine Arbeit hilft mir darüber hinweg. Aber meine arme Mutter …“ Sie brach ab. „Verzeihen Sie, aber da kommt meine Elektrische!“

Er wäre am liebsten mit eingestiegen, um noch in ihrer Gesellschaft bleiben zu könnten. Aber das konnte er nicht tun, ohne aufdringlich zu erscheinen. So musste er, als er ihr artig beim Aufsteigen geholfen hatte, zurücktreten. Er grüßte noch einmal zu ihr empor und blieb stehen, bis der Wagen weiterfuhr.

Als er dann allein weiterging, war er doch unzufrieden mit sich. Er hatte eine Torheit begangen, und klüger wäre es gewesen, wenn er diesem lieben Mädchen aus dem Weg gegangen wäre, denn er war der einzige Sohn des reichen Senators Manhart, der sich nicht gestatten durfte, die Sekretärin des Kommerzienrats Brenken heimzuführen. Es war auch nicht recht von ihm, dass er Traude um ihre Mitwirkung bei dem Festspiel gebeten hatte. Aber nun war es einmal geschehen, und nun musste er vernünftig sein und durfte das arme Geschöpf, das schon so viel hatte leiden müssen, nicht noch mehr beunruhigen.

Er wusste ja, dass in den Kreisen, denen er angehörte, die alten starren Anschauungen noch herrschten, und es bestand kein Zweifel für ihn, dass es sein Vater von ihm erwartete, dass er ihm einst eine vermögende Patriziertochter aus alteingesessenem Geschlecht als Schwiegertochter ins Haus bringen würde. Obgleich der Senator diesem Wunsch noch keinen Ausdruck gegeben hatte, erschien Frank das einfach selbstverständlich.

Es konnten wohl Throne stürzen und Fürsten ins Nichts untertauchen, aber ein Hamburger Senator behauptete noch immer seinen Platz.

***

In der vornehmen Villa des Senators wurde Frank schon von seinem Vater erwartet.

Heinrich Manhart glich seinem Sohn sehr. Beide hatten dieselbe klare, hohe Stirn, den schmallippigen Mund, der so ausdrucksvoll zu schweigen verstand, und dieselben tief unter der mächtigen Stirn liegenden Augen.

Vater und Sohn begrüßten sich herzlich, aber es lag trotzdem in der Art des alten Herrn jene etwas steife, respektheischende Reserve, die eine allzu große Vertraulichkeit ausschließt. Franks Mutter war schon seit zehn Jahren tot, und seitdem führte Frau Leopoldine Kraker, die Schwester des Senators, den Haushalt. Sie war mit einem Gutsbesitzer im Holsteinischen verheiratet gewesen, hatte nach dessen Tod das Gut in Pacht gegeben und sich nur das Herrenhaus vorbehalten, wo sie jedes Jahr im Sommer einige Wochen verbrachte, um nach dem Rechten zu sehen.

Sie hatte es als ganz selbstverständlich angesehen, nach dem Tod ihrer Schwägerin dem Haushalt ihres verwitweten Bruders vorzustehen und sie hatte wieder ein strenges Regiment eingeführt, vor allem auch wieder den reservierten, förmlichen Ton, den sie von ihrem Elternhaus her gewöhnt war.

Das Bewusstsein, eine Senatorentochter und die Schwester eines Senators zu sein, erfüllte sie mit einem fast komischen Stolz; für sie rangierte ein Hamburger Senator direkt hinter dem lieben Gott, und die neue Zeit war für sie eine wahre Heimsuchung.

Frank Manhart behandelte seine Tante Leopoldine mit humorvoller Duldung. Er war der Sohn einer lebensfrohen, freigeistigen Mutter, die dem Leben mit offenen Augen und warmem Herzen gegenübergestanden hatte. Das hatte auch zu ihren Lebzeiten zu einem ziemlich gespannten Verhältnis mit ihrer Schwägerin Leopoldine geführt.

Obwohl auch sie eine Patriziertochter gewesen war – aus einem alten augsburgischen Geschlecht –, war ihre freiere süddeutsche Art oft hart mit Tante Leopoldines Steifheit zusammengeprallt. Und nach ihrem Tod hatte Leopoldine Kraker nichts Eiligeres zu tun, als die süddeutsche Nachlässigkeit, wie sie sich ausdrückte, aus der Lebensführung ihres Bruders und ihres Neffen zu beseitigen. Solange Franks Mutter gelebt hatte, war ihr Einfluss auf den Gatten bedeutend. Eine herzliche Liebe hatte die beiden verbunden; aber als Tante Leopoldine wieder das Zepter im Haus ergriff, verwischte sich dieser wohltätige Einfluss mehr und mehr.

Heute hatten sich Vater und Sohn eben erst begrüßt, als Tante Leopoldine eintrat. Ihre große, hagere Gestalt steckte in einem silbergrauen Taftkleid, das sich steif um ihre Glieder bauschte.

Sie reichte ihrem Neffen die Hand zum Kuss.

„Wie geht es dir, Tante Leopoldine?“, fragte er.

„Ich danke dir. Es geht mir so gut, wie es einem Menschen in dieser fürchterlichen Zeit gehen kann. Wenn es euch recht ist, wollen wir jetzt den Tee einnehmen.“

Man nahm an dem runden Tisch im Erker Platz und plauderte eine Weile über die politischen Ereignisse. Als jedoch Tante Leopoldine immer gereizter wurde, brachte Frank das Gespräch auf die Jubiläumsfeier bei Brenkens.

„Ich habe nun alle Rollen für das Festspiel besetzt, das ich zu Onkel Brenkens Jubiläum aufführen lasse.“

Sein Vater sah ihn interessiert an. „So? Wen hast du denn für die Treue gefunden?“

„Fräulein Frensen, die Sekretärin von Onkel Brenken.“

„Die eignet sich allerdings vorzüglich, an sie hatte ich gar nicht gedacht“, meinte der Senator.

„Kennst du denn diese Person?“, fragte Leopoldine von oben herab.

Franks Stirn rötete sich jäh. „Von einer Person kann hier keine Rede sein, Tante Leopoldine. Die junge Dame ist aus guter Familie.“

„Aber doch immerhin eine Angestellte.“

Ehe Frank antworten konnte, warf sein Vater ein: „Das Festspiel wird doch gelegentlich einer Feier aufgeführt, zu der das gesamte Personal der Firma eingeladen ist.“

„Ach so! Nun, lieber Heinrich, dann machst du es deinem Freund Brenken wohl begreiflich, dass ich an einer derartigen Feier nicht teilnehmen kann.“

„Gut, ich sage also für dich ab.“

„Ich bitte dich darum. Frank scheint übrigens viel von den freigeistigen Ideen seiner Mutter geerbt zu haben.“

Franks Augen blitzten auf. „Liebe Tante, du vergisst, dass die Familie meiner Mutter ihre Vorfahren bis ins fünfzehnte Jahrhundert zurückverfolgen kann.“

„Wir kommen ja ganz von unserem Thema ab“, lenkte der Senator ein. „Also, du hast Fräulein Frensen die Rolle übertragen, Frank?“

„Ich bat sie darum, und sie hat sich liebenswürdigerweise bereit erklärt, sie zu übernehmen.“

„Gott, was machst du für Umstände mit diesem Mädchen!“, warf die Tante ein.

„Sie ist die Tochter eines Majors, der im Krieg gefallen ist“, sagte Frank ziemlich schroff.

„Nun ja, aber das ändert doch nichts daran, dass sie eine Angestellte ist und bleibt.“

Frank richtete sich auf. „Ihr Vater hat sein Leben fürs Vaterland lassen müssen, ihr Bruder ebenfalls. Sie steht schutzlos und allein, sie muss für sich und ihre kranke Mutter den Unterhalt verdienen. Alle Achtung davor! Und Onkel Brenken ist sehr zufrieden mit ihr.“

Der Senator sah seinen Sohn etwas verwundert an, weil er so heftig wurde. Die Tante aber zuckte die Achseln.

„Warum ereiferst du dich, Frank? Ich bin mit meinen Ansichten alt geworden und will nicht mehr umlernen. Und hier im engsten Familienkreis werde ich doch wohl Verständnis für diese Ansichten finden. Es ist schlimm genug, dass sich heutzutage alle Gegensätze verwischen und dass sich überall diese entsetzliche Gleichmachungstheorie breit macht. Sie ist grau wie alle Theorien und eine Krankheit unserer Zeit, von der wir hoffentlich bald genesen werden.“

„Ich glaube nicht, dass wir jemals wieder zu den alten Ansichten zurückkehren werden“, fiel Frank ihr ins Wort, „und so wenig ich auch mit den jetzigen Verhältnissen zufrieden bin – das eine Gute haben sie gebracht, dass man mit vielen veralteten Vorurteilen aufgeräumt hat, dass man den Menschen als Menschen gelten lassen will, unabhängig von seinen Verhältnissen.“

„Nennst du die gesellschaftlichen Grenzen, die wir stets gezogen haben, veraltete Vorurteile?“

„In gewissem Sinn ja, Tante Leopoldine.“

Die alte Dame warf den Kopf steif in den Nacken. „Aber Frank! Frank, ich bin starr über deine Auffassung! Sollen wir vielleicht in Zukunft mit unserem Kutscher am Teetisch sitzen?“

„Wir sprechen nicht von der Dienerschaft, sondern von der Sekretärin Frensen. Ich erkenne sehr wohl Unterschiede an, sie müssen sein. Aber ich halte es für eine veraltetes Vorurteil, wenn du einer Dame wie Fräulein Frensen, einem gebildeten Mädchen von bester Erziehung, die Gesellschaftsfähigkeit aberkennen willst, nur weil sie sich ehrlich ihr Brot verdient. Ich kann dir versichern, sie ist mehr Dame als manches Senatorentöchterchen, das ich kenne. Du selbst würdest nicht den leisesten Grund zum Tadel an ihrem Auftreten finden, wenn du dir die Mühe machen wolltest, sie kennen zu lernen. Lieber Vater, sag selbst, du kennst doch Fräulein Frensen persönlich – ist sie nicht vollkommen gesellschaftsfähig in ihrer ganzen Art?“

Der Senator fühlte mit großem Unbehagen, dass sein Sohn erregter war, als es nötig erschien. Mit einem forschenden Blick in seine Augen sagte er zögernd: „Gewiss, Fräulein Frensen ist eine sehr wohlerzogene junge Dame. Sie besitzt auch Takt genug, um zu wissen, dass sie durch ihr Abhängigkeitsverhältnis in eine andere Sphäre gerückt ist. Es hat gar keinen Zweck, über dieses Thema zu streiten. Bei diesem Jubiläumsfest ist sie natürlich an ihrem Platz. Dass sie zu intimeren Geselligkeiten in unseren Kreisen geladen wird, ist ja nicht vorauszusehen. Und damit halte ich die ganze Frage für erledigt.“

Frank biss sich auf die Lippen. Die Unterhaltung hatte seinen Trotz geweckt. Sein ritterliches Empfinden hatte ihn bewogen, für Traude Frensen einzutreten.

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