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Hedwig Courths-Mahler - Folge 026

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Mein liebes Mädel

Roman um eine große Liebe und ein seltsames Testament

 

 

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Hallo, kleiner Famulus! Wir haben wohl geträumt und ganz vergessen, dass noch ein Posten Arbeit zu erledigen ist? Das ist ja etwas ganz Neues!“

Richarda Traßberg blieb reglos in ihrer verträumten Pose sitzen. „Wecken Sie mich nicht, Professor! Ich träume gerade so schön“, sagte sie leise.

Professor Marx schüttelte fassungslos den Kopf. „Träumen am hellen Vormittag? Sie sind doch hoffentlich nicht krank, kleiner Famulus?“

„Nein, nein, aber so ziemlich aus dem Gleichgewicht.“

Forschend sah Professor Marx seine sonst so pflichtgetreue Gehilfin an, die ihm bei all seinen Experimenten im landwirtschaftlichen Institut und im Laboratorium hilfreiche Hand leistete und ihm außerdem noch als Sekretärin eine Menge Arbeit abnahm.

Professor Marx war Lehrer an der landwirtschaftlichen Hochschule. Richardas Vater hatte an derselben Hochschule einen Lehrstuhl innegehabt und war sein Freund gewesen. Als Professor Traßberg starb, hinterließ er seine Frau und seine einzige Tochter in ziemlich bedrängter Lage. Richarda hatte Landwirtschaft studieren wollen, kam aber nun nicht weiter, weil sie keine Mittel besaß und weil ihre leidende Mutter ihrer Pflege bedurfte. Der Zustand ihrer Mutter war hoffnungslos. Die wenigen Spargroschen verschlang ihre Krankheit, und als sie einige Jahre nach ihrem Gatten starb, blieb Richarda völlig mittellos zurück.

Aber sie war eine tapfere, unerschrockene Natur und nahm den Lebenskampf auf. In dieser Zeit fügte es sich, dass Professor Marx seinen Assistenten verlor. Da ging Richarda zu ihm.

„Was Ihr Assistent leistete, kann ich auch leisten, Herr Professor. Ich habe Vater so viel geholfen und mich fleißig weitergebildet. Auch kann ich Ihnen als Sekretärin dienen. Und was ich nicht kann, werde ich schnell dazulernen. Wollen Sie es nicht mit mir versuchen?“

Und er war froh, etwas für die verwaiste Tochter seines Freundes tun zu können.

„Gut, es gilt. Aber Sie müssen in mein Haus übersiedeln, denn ich brauche Sie zu den verschiedensten Zeiten und muss Sie immer bei der Hand haben.“

Das entsprach nicht ganz der Wahrheit. Er wollte Richarda nur in den Schutz seines Hauses nehmen, da er wusste, dass sie sogar die letzten Möbel verpfändet hatte, um die Begräbniskosten für die Mutter zu bezahlen.

„Das ist mir eher eine Wohltat als ein Zwang, Herr Professor.“

„Abgemacht. Ich sage meiner Schwester noch heute Bescheid, damit sie Ihnen ein Zimmer richten lässt. Morgen Vormittag um zehn Uhr erwarte ich Sie.“

Und am nächsten Morgen hatte Richarda Traßberg ihren Einzug in die Villa des Professors gehalten.

Frohen Mutes und unverzagt hatte sie ihr neues Amt angetreten und es bisher zur höchsten Zufriedenheit des Professors bekleidet. Sie war stets mit ganzer Seele bei seiner Arbeit und feuerte ihn gleichsam zu neuen Taten an.

Und darum war es ihm heute etwas ganz Ungewohntes, dass er nicht schon alles zu seinen Experimenten Nötige vorbereitet fand, dass sein kleiner Famulus ihn nicht mit frohem Lachen, sondern in träumerisches Sinnen verloren empfing.

„Also aus dem Gleichgewicht? Gibt es das bei Ihnen auch? Was ist denn Weltbewegendes geschehen?“

„Etwas sehr merkwürdiges ist geschehen, Herr Professor“, erwiderte sie versonnen. „Also, als ich heute Morgen Ihr Haus verließ, um ins Labor zu gehen, traf ich den Postboten. Er brachte ein Schreiben an mich, ein eingeschriebenes, von seltsam würdevollem Aussehen. Amtlich und offiziell sah es aus. Ich musste darüber quittieren und kam mir dabei schon sehr wichtig vor. Wer, in aller Welt, hatte mir etwas zu schreiben? Von Neugier geplagt, eilte ich hierher. Aber ich nahm mir fest vor, erst alles fertig zu machen, damit Sie alles in Ordnung fänden, ehe ich das Schreiben öffnete.

Mit diesem festen Vorsatz trat ich über die Schwelle. Aber das geheimnisvolle Schreiben hatte es in sich – es zog meine Gedanken an wie ein Magnet, zog sie ab von Retorten, Reagenzgläsern und Mikroskopen, die mir doch sonst so wichtige Dinge sind. Kurzum, ich konnte nicht dagegen ankommen, ich musste das Schreiben öffnen und einen Blick hineintun. Und als das geschehen war, da tanzte das ganze Zimmer einen wilden Reigen um mich, und ich sank in diesen Sessel. Und da sitze ich noch.“

„Und darf ich nun endlich wissen, was Sie so aus den Fugen gebracht hat?“, fragte der Professor.

Richarda musste lachen. Und dann sprang sie auf. „Natürlich, Sie sollen es zuerst erfahren. Wie Sie mich hier sehen, bin ich plötzlich zu einer reichen Erbin avanciert. Ich habe die Nachricht erhalten, dass mich ein mir völlig fremder Herr, Sebastian Kranach, zu seiner Universalerbin eingesetzt hat – das heißt, er hat mir ein großes Gut mit ausgedehnten Forsten, einer eigenen Konservenfabrik und allem Zubehör und außerdem noch ein beträchtliches Barvermögen hinterlassen.“

„Alle Wetter!“, rief der Professor. „Nun kann ich mir freilich erklären, dass mit dieser Eröffnung das ganze Laboratorium vor Ihnen versank. Ist das aber auch kein Irrtum?“

Sie atmete gepresst. „Nicht war, ich bin doch Magdalena Richarda Traßberg, Tochter des Professors Richard Georg Traßberg und seiner Ehefrau Katharina, geborene Halm?“, fragte sie noch ganz benommen.

„Ja, ja, darüber kann ich Sie beruhigen, das sind Sie gewiss.“

„Nun also, dann bin ich auch die Erbin Sebastian Kranachs.“

„Aber wer ist dieser Herr? Oder wer war er, da er doch anscheinend tot ist?“

„Ich habe nie etwas von ihm gehört.“

„Und trotzdem setzt er Sie zu seiner Erbin ein?“

„Ja, trotzdem. Aber das ist noch nicht alles, er stellt mir auch noch drei Freier zur Verfügung – drei, Herr Professor, von denen ich mir einen auswählen soll.“

Der Professor blickte plötzlich besorgt in Richardas Gesicht. „Kind, Sie sind doch hoffentlich nicht krank?“

Sie lachte hell auf. „Nicht wahr, Sie glauben ich spinne? Aber nein, ich bin ganz klar im Kopf, wenn ich auch erklärlicherweise etwas aus den Fugen geraten bin. Bedenken Sie nur, ich, das arme, einsame Mädchen, das von Ihrer Güte abhängt, das in Ihrem Haus eine Zuflucht fand vor der Not des Lebens, ich, die ich es für selbstverständlich ansehen musste, dass ich als einsame alte Jungfer mein Leben beschließen würde, weil so eine arme Kirchenmaus doch von keinem Mann heimgeführt wird – ich soll jetzt mit einem Schlag eine reiche Gutsbesitzerin werden und die Auswahl unter drei Freiern haben, unter dreien, Herr Professor! Ist das nicht überwältigend?“

Noch immer ein wenig besorgt sah der Professor in ihr lachendes Gesicht.

„Kind, ich bin mindestens so benommen, wie Sie es waren. Ich verstehe das alles noch nicht.“

„Offen gesagt – ich auch nicht. Nur so viel weiß ich, dass ich das alles hier schwarz auf weiß habe mit amtlichen Stempeln und so. Wenn Sie mir noch ein Weilchen Ihrer kostbaren Zeit opfern wollen, dann würde ich Sie bitten, alles selbst zu lesen, aber bitte laut, damit ich es von einer menschlichen Stimme höre und mich überzeugen kann, dass ich recht gelesen habe.“

„Nun, so viel Zeit habe ich schon, kleiner Famulus. Ich bin selbst sehr … wissbegierig. Wenn sich da nur nicht jemand einen dummen Scherz gemacht hat.“

Sie zuckte hilflos mit den Achseln. „Darauf kam ich auch. Aber es sind ja amtliche Stempel, und der Name des Notars steht auch auf dem Briefbogen. Also bitte, wollen Sie die Güte haben! Da – zuerst dieses große, amtlich aussehende Schreiben des Notars, dann die Testamentsabschrift und zuletzt dieser sonderbare Brief des Herrn Sebastian Kranach an mich.“

Der Professor legte diese drei Schreiben in der richtigen Reihenfolge vor sich hin und las das erste:

Sehr geehrtes gnädiges Fräulein!

Herr Sebastian Kranach auf Herrenfelde hat Sie zu seiner Universalerbin eingesetzt. Ich lege Ihnen eine beglaubigte Abschrift des Testaments bei und bitte ergebendst um Ihre Mitteilung, ob Sie gesinnt sind, das Erbe anzutreten und die Ihnen auferlegten Bedingungen zu erfüllen. Außer der Testamentsabschrift lege ich Ihnen im Original den versiegelten Brief des Herrn Sebastian Kranach bei, von dem im Testament die Rede ist. Ihrer baldigen Antwort entgegensehend, empfehle ich mich Ihnen.

Hochachtungsvoll

Justizrat Dr. Seltmann,

Rechtsanwalt und Notar

Richarda nickte, als der Professor das vorgelesen hatte.

„Und nun bitte die Testamentsabschrift, Herr Professor.“

Er nahm das zweite Schreiben auf, und zwar mit allen Anzeichen der Erregung, und las:

Mein letzter Wille.

Zu meiner Universalerbin über meinen gesamten Nachlass, mit Ausnahme einiger Leute, die nachstehend näher bezeichnet werden, setze ich Fräulein Magdalena Richarda Traßberg, Tochter des verstorbenen Professors an der Landwirtschaftlichen Hochschule in Halle, Richard Georg Traßberg, und seiner ebenfalls verstorbenen Ehefrau Katharina, geborene Halm, ein.

Zu meinem Nachlass gehört meine Besitzung Herrenfelde mit sämtlichem lebenden und toten Inventar, mit den gesamten Forsten nebst Forsthaus und mit der vor vier Jahren erbauten Konservenfabrik. Desgleichen soll mein auf der Bank deponiertes und in Wertpapieren angelegtes Vermögen meiner Universalerbin gehören. Ausgenommen davon sind nur folgende Legate: Meine Haushälterin Amalie Wesemann erhält dreißigtausend Mark.

Mein langjähriger Diener Justus Gerlach, erhält ebenfalls dreißigtausend Mark.

Die übrige Dienerschaft des Hauses erhält je ein Jahresgehalt extra ausbezahlt.

Alles übrige geht unbeschränkt in den Besitz meiner Universalerbin über – unter folgender Bedingung:

Ich habe in Erfahrung gebracht, dass diese meine Erbin eine tüchtige Persönlichkeit ist. Aber sie ist eine Frau und als solche nicht fähig, einem so großen Besitz vorzustehen. Ich will aber, dass mein Besitz gut und richtig verwaltet wird und will selbst bestimmen, wen ich für würdig halte, die Oberleitung über meinen Besitz in die Hand zu nehmen. Deshalb bestimme ich, dass meine Universalerbin einen der drei Männer, die ich ihr in Vorschlag bringe, zum Gatten erwählt und sich binnen Jahresfrist nach meinem Tod mit ihm vermählt.

Spätestens vier Wochen nach meinem Tod soll Fräulein Richarda Traßberg erklären, ob sie unter dieser Bedingung mein Erbe antreten will. Weigert sie sich, diese Bedingung zu erfüllen, so fällt mein gesamter Besitz, mit Ausnahme der Legate, dem Fiskus zu, mit der Bedingung, dass die drei Männer, die ich Fräulein Richarda Traßberg zur Wahl stellte, auf Lebenszeit ihre Posten behalten. Auch wenn sie einen der drei Herren zum Mann wählt, sollen die beiden anderen ihren Posten behalten, solange sie selbst nicht zurücktreten wollen. Diese drei Männer sind:

Herr Alfred Karl Heine, Direktor der Konservenfabrik Herrenfelde.

Herr Gerhard Rudolf Folkner Verwalter von Herrenfelde.

Herr Fritz Herbert Stockmer, Forstmeister von Herrenfelde.

Ich hoffe, dass Fräulein Traßberg in der Vereinigung mit einem dieser Männer ihr Glück findet. Es sollte mir Leid tun, wenn sie sich weigert, diese Bestimmung zu erfüllen wodurch sie des Erbes verlustig gehen würde. Der Grund, der mich veranlasste, sie zu meiner Universalerbin einzusetzen, ist in einem Schreiben enthalten, das ihr nach meinem Tode von Justizrat Seltmann zugesandt wird.

Gegeben zu Herrenfelde

den 7. August.

Heinrich Sebastian Kranach

Aufatmend sah der Professor von diesem Schreiben auf und faltete es bedächtig zusammen.

„Nun bin ich wirklich neugierig auf diesen Grund.“

„So lesen Sie bitte auch noch den Brief, Herr Professor“, bat Richarda.

Und Professor Marx machte sich interessiert auch an diese Lektüre:

Fräulein Magdalena Richarda Traßberg!

Es wird Sie in Erstaunen versetzen, dass ich, ein Ihnen völlig fremder Mensch, Sie zu meiner Universalerbin einsetze, und ich fühle mich verpflichtet, Ihnen eine Erklärung dafür zu geben. Ich tue es aus einem Gefühl der Dankbarkeit gegen Ihre verstorbene Mutter, die ich liebte und nie vergessen konnte, obwohl sie mir einen Korb gab. Sie zog es vor, einem armen Studenten die Treue zu bewahren; bis er sie heimführen konnte. Dass er ihr nur ein mühseliges Dasein schaffen konnte, wissen Sie aus eigener Erfahrung. Aus der Ferne habe ich Anteil an ihrem sorgenvollen Dasein genommen. Sie hätte es besser haben können, hat es aber nicht gewollt. Ich weiß auch von Ihrer Existenz, Richarda Traßberg, und habe Sie zuweilen gesehen, ohne dass Sie es ahnten – und Sie werden von Jahr zu Jahr Ihrer Mutter ähnlicher. Deshalb sollen Sie nach meinem Tod Herrin meines Besitzes sein. Sie sollen durch die Räume schreiten, die Ihre Mutter nicht bewohnen wollte.

Ich weiß viel über Sie, weiß, dass Sie tapfer mit einem schweren Schicksal kämpfen und Ihrer Mutter bis zum Tod freudig tausend Opfer brachten. Alles haben Sie hingegeben, um ihr Leben erträglicher zu machen. Solange ich am Leben bin, darf ich Ihnen nicht helfen, aber mein Leben währt nicht mehr lange, dann sollen Sie entschädigt werden. Von einem Toten dürfen Sie alles annehmen.

Ich weiß, dass Ihr Herz noch frei ist und dass Sie ein vernünftiges Frauenzimmer sind. Und unter den drei Männern, die ich Ihnen zur Wahl stelle, wird ja einer Gnade vor Ihren Augen finden. Wenn Sie klare Augen im Kopf haben und ein wenig Menschenkenntnis, werden Sie sich den Besten von den dreien aussuchen – das ist mein Verwalter Rudolf Folkner. Ihn würde ich am liebsten an Ihrer Seite als Herrn von Herrenfelde sehen. Aber junge Mädchen haben in der Regel einen anderen Geschmack als alte Männer, deshalb stellte ich Ihnen drei zur Wahl.

Und lassen Sie es sich wohl sein in Herrenfelde! Sorgen Sie dafür, dass meine alte Haushälterin, Amalie Wesemann, bald von ihrem Posten abgelöst wird. Sie braucht Ruhe und will ihren Lebensabend bei ihren Kindern verbringen. Ich traue Ihnen den nötigen praktischen Sinn zu, bald einen tüchtigen Ersatz für sie zu engagieren. Sie selbst werden ja auch, wie ich Sie kenne, die Hände nicht in den Schoß legen. Genügende Vorkenntnisse haben Sie gesammelt, alles übrige bringt die Praxis.

Und nun Gott befohlen, Richarda Traßberg! Lassen Sie Ihr frohes Lachen durch mein stilles Herrenfelde klingen – ich weiß, Sie können herzlich lachen, aber auch weinen, wie ich sah, als ich von Ferne dem Begräbnis Ihrer Mutter beiwohnte. Hoffentlich brauchen Sie in Herrenfelde nie zu weinen. Bringen Sie Sonne und Glück in mein stilles Haus! Und sehen Sie sich Rudolf Folkner genau an, ehe Sie wählen! Er ist der Wertvollste von den dreien. Ihr Ihnen wohlgesinnter

Sebastian Kranach

Nun blieb es eine Weile still im Laboratorium. Der Professor und Richarda sahen sich ernst und schweigend an. Endlich sagte der Professor: „Er muss Ihre Mutter sehr lieb gehabt haben.“

Aufatmend nickte die junge Dame. „Aber meine Mutter hat mir nie von ihm erzählt. Sie ahnte wohl nicht, dass er sie nie vergessen hat. Wie seltsam, dass er mich die ganzen Jahre beobachtet hat und scheinbar alles von mir weiß.“

„Und nun bietet er Ihnen den Reichtum, den Ihre Mutter verschmäht hat. Sie werden doch vernünftig sein, Kind, und die Erbschaft antreten? So etwas wird Ihnen nie wieder geboten.“

„Ach, lieber Professor, ich weiß, was das für mich heißt. Aber …“

„Nun, aber?“

Sie lachte ein wenig verwirrt. „Ach, es ist doch eine komische Sache, so glatt sitzt mir das noch nicht. Ich habe ja keine Ahnung, wie diese drei Männer sind. Wird mich denn überhaupt einer haben wollen?“

Er sah sie schmunzelnd an. „Nun, den Mann möchte ich sehen, der da nicht mit beiden Händen zufasst, ganz abgesehen von dem Reichtum, den Sie ihm zubringen.“

„Nun ja, aber ansehen muss ich mir diese drei Freier erst.“

„Das müssen Sie allerdings. Aber ich bin sicher: Einer wird Ihnen bestimmt gefallen.“

„Meinen Sie?“

„Ich hoffe es für Sie, kleiner Famulus, wenn mir auch das Herz schwer wird bei dem Gedanken, dass Sie von mir gehen werden.“

„Ach, lieber Professor, Sie werden schnell für mich Ersatz finden. Ich weiß sehr wohl, dass Sie sich mit mir nur beholfen haben, um mir eine Daseinsberechtigung zu geben.“

„So? Da sind wir sehr verschiedener Meinung. So bald finde ich keine so tüchtige Hilfe wieder. Aber ich darf natürlich nicht an mich denken. Geben Sie mir mal Ihre Hand! So – und nun meinen herzlichen Glückwunsch! Ich gönne es Ihnen von Herzen, dass sich Ihr Los gebessert hat.“

Sie drückte herzhaft die Hand. „Und wenn das wirklich alles Wahrheit ist und ich auf Herrenfelde sitze, dann, das müssen Sie mir versprechen, dann kommen Sie jeden Sommer in den Ferien mit Fräulein Settchen zu mir. Dann will ich mich revanchieren für alle Güte und Freundlichkeit, die Sie mir erwiesen haben.“

Er tätschelte ihre Hand. „Ich komme, ich komme ganz bestimmt! Aber erst wollen wir sehen, ob sich alles nach Wunsch regeln lässt.“

Sie seufzte tief auf. „Ja, ja – mit den drei Freiern, das ist eine harte Nuss. Aber ich gehe jedenfalls mit dem besten Vorsatz an die Sache heran, mich in einen von ihnen bis über beide Ohren zu verlieben.“

Sie lachten beide. „Das scheint mir auch das Gescheiteste zu sein“, sagte der Professor.

Aber Richarda wurde gleich wieder ernst. „Jetzt will ich endlich an die Arbeit gehen.“

„Nein, nein, heute dispensiere ich Sie.“

Energisch schüttelte sieden Kopf. „Das gibt es nicht. Ich weiß, wie Ihnen die Arbeit auf den Nägeln brennt, und ich will nicht fahnenflüchtig werden. Bis Sie Ersatz für mich haben, erfülle ich meine Pflicht.“

Er schmunzelte. „Nun also, dann ran an die Arbeit.“

Schnell schlüpfte sie in ihren weißen Arbeitskittel und holte eifrig nach, was sie versäumt hatte. Und sie nahm sich zusammen, damit ihre Gedanken nicht abirrten.

Der Professor beobachtete lächelnd, wie sie mit zusammengebissenen Zähnen und krampfhafter Aufmerksamkeit mit den Apparaten hantierte.

Prachtkerlchen! Das wird eine famose Gutsfrau, dachte er.

Und das Pensum des Vormittags wurde gewissenhaft erledigt. Als beide fertig waren, sahen sie sich lachend an.

„Jetzt ist es geschafft, Herr Professor.“

„Famos haben Sie sich gehalten, kleiner Famulus! Nicht eine einzige Dummheit haben Sie gemacht. Und heute wäre es doch kein Wunder gewesen.“

„Aber geschämt hätte ich mich vor Ihnen, wenn ich versagt hätte.“

„Also jetzt machen wir Schluss und gehen nach Hause zum Essen. Meine Schwester wird staunen, wenn Sie sich plötzlich als reiche Erbin entpuppen.“

***

Fräulein Settchen hatte wirklich gestaunt und dann ganz aufgeregt Richarda in die Speisekammer gezogen.

„Da sehen Sie doch, unsere Gemüse- und Obstkonserven. Das ist alles aus der Herrenfelder Konservenfabrik“, sagte sie.

Richarda staunte. Und dann umarmte sie das alte Fräulein lachend und sagte schelmisch: „Sie werden mir hoffentlich in Zukunft nicht Ihre Kundschaft entziehen.“

Bei Tisch gab es gerade heute junge Schnittbohnen, die auch auf Herrenfelder Grund und Boden gewachsen waren. Richarda verzehrte sie mit Andacht.

Und nach Tisch besprach sie mit dem Professor, wie er zu einem neuen Assistenten kommen sollte. Richarda wusste, Rat. Sie schlug dem Professor einen jungen Studenten vor.

„Ernst Heckner ist fleißig und tüchtig, und er wird glücklich sein, unter Ihrer Aufsicht arbeiten zu können. Er wird sich sehr gern etwas verdienen, denn seit seines Vaters Tod hat er Mühe, die letzten Semester durchhalten zu können. So ist ihm und Ihnen geholfen.“

„Nun gut, ich werde es versuchen.“

Der Professor musste gleich nach Tisch zu einer Konferenz aufbrechen, und er bat Richarda darum, noch einige wichtige Schriftstücke für ihn zu kopieren.

„Dann sind Sie für heute aller Pflichten ledig, kleiner Famulus.“

„Es ist gut, Herr Professor.“

Und Richarda erledigte die ihr aufgetragenen Arbeiten und half dann auch noch Fräulein Settchen eine Stunde im Haushalt. Aber dazwischen überlegte sie hin und her, wie sie in der Erbschaftsangelegenheit am besten entscheiden sollte.

Und als sie dann das Abendessen mit dem Professor und seiner Schwester eingenommen hatte, sagte sie lächelnd: „Ich möchte Ihnen gern einmal einen Plan unterbreiten in meiner Erbschaftssache, Herr Professor. Haben Sie einige Minuten Zeit für mich?“

„Den ganzen Abend, Kind, ich habe nichts anderes vor. Also, schießen Sie los! Was hat sich Ihr kluges Köpfchen ausgedacht?“

Richarda lachte. „Eine ganz abenteuerliche Geschichte, Herr Professor.“

„Da bin ich aber neugierig.“

„Ich wahrhaftig auch!“, rief Fräulein Settchen aufgeregt.

„Also, ich werde dem Justizrat Seltmann mitteilen, dass ich gesonnen bin, das Erbe anzutreten und auf die Bedingungen einzugehen.“

„Bravo! Das ist vernünftig.“

„Aber nun weiter, Herr Professor. Ich werde ihm zugleich mitteilen, dass der Herr Professor Marx mich erst in sechs Wochen meinen Pflichten entbinden und ich daher erst in sechs Wochen in Herrenfelde eintreffen kann.“

„Das ist ja Unsinn, Kind! Ich habe am Nachmittag noch mit Ernst Heckner gesprochen. Er ist bereit, morgen schon bei mir anzufangen. Sie können also jederzeit abreisen.“

„Will ich auch. Aber das soll in Herrenfeld niemand wissen. Glauben Sie, Herr Professor, dass man sich binnen sechs Wochen in einen Menschen verlieben kann?“

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