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Hedwig Courths-Mahler - Folge 025

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Was tut man nicht für Dorothy?
  4. Vorschau

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Was tut man nicht für Dorothy?

Spannender Liebesromanum eine junge Frauund ihr großes Glück

 

 

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Also auf Wiedersehen, geliebter Paps! Und das schlag dir aus dem Sinn, dass ich einen Mann heirate, den andere Leute mir ausgesucht haben, auch wenn mein eigener Vater darunter ist! Ich werde mir meinen Mann eines Tages selbst auswählen. Und heute komme ich in die Werke und suche mir einen Ingenieur aus, der mich das Fliegen lehren soll. Davon wirst du mich auch nicht zurückhalten können. Wirst schon einen tüchtigen Jungen unter deinen Herren haben, dem du mein kostbares Leben anvertrauen kannst.“

„Aber Kind, du willst doch deinen alten Vater nicht in die Grube bringen? Wie soll ich denn die Angst überstehen, wenn du mit dem Flugzeug in die Lüfte gehst?“

Dorothy küsste ihn auf die Wange.

„Diese Angst musst du dir abgewöhnen, Paps. Ich bin doch kein Flaschenkind mehr! Hast dich genauso angestellt, als ich chauffieren lernte. Und jetzt lässt du dich am liebsten von mir fahren. Du wirst auch noch mit mir in die Luft gehen, eines Tages, wenn ich fliegen gelernt habe.“

„Um Himmels willen! Du bist imstande, mir das auch noch zuzumuten!“

„Eigentlich ist es ja unerhört, dass der Chef der Groner-Werke noch nicht fliegen kann, überhaupt noch nie mit einem Flugzeug unterwegs war.“

„Dazu bin ich zu alt.“

„Paps, du bist ein schmucker junger Mann von fünfzig Jahren. Heute hat man die Verpflichtung, dann noch ganz frisch und unternehmend zu sein. Aber da du dich dazu nicht entschließen kannst, habe ich mir vorgenommen, fliegen zu lernen. Später bringe ich dich schon auch noch hinauf in den Äther. Und dann gucken wir allen Leuten auf die Köpfe, Paps. Sollst mal sehen, wie vergnügt wir dann sein werden!“

„Du bist schrecklich, Dorothy! Deshalb sollst du doch Jim Boker heiraten. Wenn seines Vaters Firma mit der meinen verbunden wird, dann kann er später, wenn ich nicht mehr bin, Chef der Groner-Werke werden. Und er kann fliegen, großartig sogar. Wozu soll ich es da noch lernen?“

„Dieser mir sehr unbekannte, aber jetzt schon sehr unsympathische Jim Boker soll sich gefälligst damit begnügen, in Zukunft der Firma seines Vaters vorzustehen. Ich kann diesen Menschen ganz gewiss nicht leiden, schon weil er sich als Sohn eines deutschen Vaters Jim nennt, statt sich zu seinem deutschen Vornamen Joachim, der doch sehr schön ist, zu bekennen.“

„Aber Kind, du bist doch auch die Tochter eines deutschen Vaters und einer deutschen Mutter und nennst dich Dorothy statt Dorothea.“

Sie stutzte einen Moment, dann zuckte sie die Achseln.

„Ich habe zwingende Gründe dafür. Die deutsche Dorothea – siehe Hermann und Dorothea von Goethe – ist so unausstehlich brav, dass ich ihr um keinen Preis nacheifern will. Stell dir das vor, Paps! Und dann – ihr habt mich ja von Kind auf Dorothy genannt. Was soll man da machen? Als Kind ist man doch wehrlos tyrannischen Eltern gegenüber.“

„Nun gut. Aber vielleicht hat Jim Boker genauso tyrannische Eltern?“

Wieder stutzte sie, sagte indessen gleich darauf. „Wozu ist er ein Mann? Er soll sich das nicht gefallen lassen, dass man ihn Jim nennt. Und überhaupt, ich mag nicht aus geschäftlichen Interessen mit einem fremden jungen Mann verheiratet werden, den ich nicht leiden kann.“

„Sieh ihn dir doch wenigstens erst mal an!“

„Unnötige Mühe! Er soll getrost in Philadelphia bleiben, dieser unausstehliche Jim, der sich eine Frau aufnötigen lassen will, die sein Vater ihm aus geschäftlichen Interessen ausgesucht hat. Nee, Paps, ich will nicht! Das ist nichts für mich, Und überhaupt, was brauchen wir einen männlichen Chef für die Groner-Werke? Ich will selber einmal Chef werden, wenn du – hoffentlich in hundert Jahren – einmal sterben solltest. Also schreibe deinem Freund Boker, er soll seinen Jim einer anderen Jungfrau zum Mann geben. Dorothy Groner dankt und sucht sich selbst einen Mann, wenn es unbedingt mal sein muss.“

„Du wirst es dir noch überlegen, Dorothy, und ihn erst mal ansehen.“

„Nichts zu machen! Und nun geh, Paps, du kommst sonst zu spät in die Werke, und das Auge des Herrn fehlt. Ich komme also im Laufe des Vormittags und suche mir einen Fluglehrer unter deinen Ingenieuren aus.“

„Du bist schrecklich, Dorothy!“

Sie küsste ihn herzlich, setzte ihm den Hut auf, zupfte ihm seine Krawatte zurecht und lachte ihn an, dass die beiden kleinen Grübchen in ihren Wangen zu sehen waren.

Dann schob sie den Vater zum Portal, und er musste abfahren, ob er wollte oder nicht.

Dorothy sah ihm lachend nach, wandte sich ins Haus zurück und trällerte ein Liedchen vor sich hin.

Ihr Vater fuhr inzwischen zu den Werken. Seine Tochter machte ihm Sorgen. Er hatte sie sich über den Kopf wachsen lassen, weil er sie allzu zärtlich liebte. Nun war es so gekommen, dass alles nach ihrem Willen gehen musste. Er hatte sich dabei auch immer ganz behaglich gefühlt, nur manchmal hatte sie ihm eine harte Nuss zu knacken gegeben. Wie damals, als sie chauffieren lernen wollte. Aber sie konnte es nun wirklich großartig.

Mit dem Fliegen war das jedoch etwas anderes. Das war keine Sache für ein junges Mädchen. Dorothy würde es allerdings durchsetzen. Was setzte sie nicht durch? Es war wirklich an der Zeit, dass sie in die festen Hände eines Mannes kam. Und Jim Boker schien ein sehr energischer junger Mann zu sein. Sooft er mit ihm zusammengetroffen war – es war ja nur selten der Fall –, hatte er sich gesagt: Das wäre ein Mann für deine Dorothy. Und eigentlich war er zuerst darauf gekommen, das Bokersche Unternehmen mit den Groner-Werken zu vereinigen, und zwar durch eine Heirat der beiden jungen Leute.

Jim Boker war auch nicht ohne weiteres auf diesen Heiratsplan eingegangen und hatte den beiden Vätern, als sie ihm diesen Vorschlag machten, gesagt: „Erst muss ich Dorothy Groner kennen lernen, dann werde ich sagen, ob ich will oder nicht.“

Und heute Vormittag sollte er nun ankommen. Vielleicht fand er ihn schon in den Werken vor. Was sollte er ihm nun sagen? „Meine Tochter will nicht, also kann nichts daraus werden.“ So konnte er sich doch nicht blamieren!

Er war sehr gedrückter Stimmung, und als er in den Werken ankam, erfuhr er, dass Jim Boker tatsächlich schon im Privatkontor auf ihn wartete.

Albert Groner begab sich sofort dahin. Als er eintrat, erhob sich ein junger Mann aus dem Sessel vor dem Schreibtisch. Er hatte die große Fotografie Dorothys, die sie vor kurzem ihrem Vater dort hingestellt hatte, in den Händen. Anscheinend hatte er das Bild sehr aufmerksam betrachtet.

Nun stellte er es behutsam hin, kam auf den Vater Dorothys zu und reichte ihm die Hand.

„Well! Da bin ich! Und habe schon Bekanntschaft geschlossen mit Miss Dorothy. Wenn das Bild ähnlich ist, dann ist sie entzückend.“

Groner schüttelte ihm die Hand.

„Es freut mich, dass sie Ihnen gefällt, Jim, aber … es ist wohl gut, Sie befassen sich nicht allzu intensiv mit ihr. Sie will nämlich nicht!“

Es glänzte in Jims Augen auf.

„Was will sie nicht? Mich heiraten?“

„Nein, das eben will sie nicht. Sie hat mir, als ich ihr unseren Plan heute Morgen eröffnete, rundweg gesagt, sie ließe sich aus geschäftlichen Gründen nicht von dritter Seite einen Mann aussuchen, sie wolle sich, wenn es ihr an der Zeit erscheine, selbst einen wählen.“

Jim lachte.

„Famos! Nun gefällt sie mir erst recht.“

„Und was soll daraus werden?“

„Ich hoffe, ein glückliches Ehepaar.“

„Ach, Jim, stellen Sie sich das nicht so einfach vor! Dorothy ist mir völlig über den Kopf gewachsen. Ich habe keine Macht über sie. Jetzt will sie unbedingt fliegen lernen, will nachher hierher kommen und sich unter meinen Flugingenieuren einen als Lehrer aussuchen. Und ich soll dann auch noch mit ihr in die Luft gehen. So sehr ich mich dagegen sträuben werde, sie bringt es doch so weit. So ist sie! Unrettbar bin ich ihr verfallen und fühle mich dabei noch unerhört glücklich. Sie müsste einen Mann mit festen Händen bekommen. Jim, und so einer wären Sie. Aber sie will doch nun einmal nicht!“

Jim trat wieder an den Schreibtisch, nahm Dorothys Bild erneut auf und sah lange darauf nieder.

Dann sagte er ruhig: „Nun, wenn ich will, wird auch sie wollen müssen.“

„Ach, Jim! Sie kennen Dorothy nicht. Und wenn es Ihnen gelänge – eine bequeme Frau wird sie ganz gewiss nicht.“

„Wir werden sehen. Hören Sie zu, Mr. Groner! Ich werde mir Miss Dorothy ansehen. Ist sie so wie ihr Bild, dann soll sie meine Frau werden. Ich will sie schon zahm machen, das widerspenstige Käthchen. Wann wird sie hier sein?“

Albert Groner sah ihn erstaunt an. Dieser junge Mann schien wirklich viel Mut zu haben.

„Ich denke, in einer Stunde.“

„Gut. Wollen Sie mir helfen, Dorothy zu gewinnen?“

„So weit ich dazu imstande bin. Das ist aber nicht viel.“

Jim lachte, dass seine weißen Zähne blitzten. Sein Gesicht verriet sehr viel Energie. Er hatte graue Augen, die klug und zielsicher blickten, eine schön gebaute, hohe Stirn und dichtes blondes Haar, das glatt zurückgestrichen war, die einfachste Frisur, die er immer schnell wieder in Ordnung bringen konnte, wenn sie durch Wind und Wetter oder durch das schnelle Abreißen der Fliegerkappe in Unordnung geraten war.

„Also hören Sie zu, Mr. Groner. Ich warte hier, bis Miss Dorothy kommt. Sie stellen mich als neu eingestellten Ingenieur Harry Wight vor. Das ist einer unserer Ingenieure, der mir zur Not mal seine Papiere überlässt. Wenn Miss Dorothy mir in Wirklichkeit so gut gefällt wie ihr Bild, dann … Ja, dann werde ich Ihnen zublinken – so – und dann werden Sie mich mit einigen anderen Ingenieuren Ihrer Tochter als Lehrer zur Verfügung stellen. Wählt sie mich, dann ist schon viel gewonnen, denn dann bin ich ihr sympathisch. Alles übrige lassen Sie dann meine Sorge sein. Wählt sie mich nicht, werden wir weitersehen. Und gleich noch eins: Ich werde, falls sie mich wählt, ein wenig kategorisch vorgehen, um sie zahm zu machen. Mir ist da im Moment schon ein Plan gekommen. Sie dürfen sich auch nicht sorgen, wenn wir einmal auf einem Flug sehr lange ausbleiben werden. Weiter will ich nichts verraten. Mein Plan ist noch nicht ganz fertig, aber das wird sehr bald der Fall sein. Nun machen Sie sich bitte keine Sorgen mehr. Ich hoffe, es wird alles gut gehen. Und vergessen Sie nicht, ich bin Harry Wight, ein armer Ingenieur, der heilfroh ist, eine Anstellung gefunden zu haben!“

***

Sie besprachen noch einiges. Dann wurden mehrere Ingenieure gerufen, die mit Jim zusammen Dorothy zur Wahl gestellt werden sollten. Auf Jims Wunsch nannte Albert Groner ihn auch den anderen Herren gegenüber Harry Wight.

„Meine Tochter wird gleich erscheinen und sich unter Ihnen einen Lehrer aussuchen“, sagte Groner.

Die jungen Herren warteten sehr gern, denn alle schwärmten für Miss Dorothy. Sie war immer freundlich und liebenswürdig, und ihre reizende Erscheinung bezauberte alle Männer. Selbstverständlich stand sie als Tochter des Chefs unerreichbar hoch für alle da. Aber verehren dufte man sie doch, und ihr Lehrer zu werden, betrachtete jeder als den Gipfel des Glücks.

Groner war ziemlich gespannt, wie alles ablaufen würde. Aber Jims ganzes Verhalten flößte ihm Vertrauen ein. Vielleicht gelang es ihm doch, Dorothy zu zähmen und zu einer fügsamen Frau zu machen. Aber dabei dachte er schon wieder, Jim dürfe nicht gar zu streng vorgehen. Das musste er ihm noch sagen, wenn seine Kleine ihn wirklich als Lehrer wählte.

Prüfend sah er die anwesenden Ingenieure der Reihe nach an. Wenn er ein junges Mädchen gewesen wäre, er hätte bestimmt Jim bevorzugt, denn er war auch in seinem Äußeren ein ganzer Mann und hatte ein sehr angenehmes Wesen. Aber Dorothy war eben unberechenbar, bei ihr musste man immer auf Überraschungen gefasst sein.

Endlich fuhr Dorothys kleiner schnittiger Wagen, den sie selbst lenkte, unten vor. Jim hatte sich so gestellt, dass er sie aussteigen sehen konnte, und als dies so elastisch und elegant geschah und sie an dem Direktionsgebäude emporsah, dass er direkt in ihr Gesicht sehen konnte, klopfte ihm das Herz gewaltig.

Sie ist entzückend, dachte er und sah nun erwartungsvoll zur Tür, durch die sie eintreten musste.

Das geschah nach wenigen Minuten. Sie blickte etwas erstaunt auf die anwesenden Herren. Dann flog ein sonniges Lächeln über ihr reizendes Gesicht, und sie grüßte die Herren mit einem freundlichen Neigen des Kopfes.

„Paps, das ist ja fabelhaft von dir! Kaum habe ich einen Wunsch ausgesprochen, schon hast du ihn erfüllt. Ich nehme jedenfalls an, dass dies die Herren sind, unter denen ich mir einen Lehrer aussuchen darf?“

Sie küsste ihren Vater auf die Wange. Er aber sagte verdrießlich: „Du lässt mir ja doch keine Ruhe, also habe ich die Herren herbestellt. Sie sind durch die Bank tüchtige Flieger und Ingenieure. Nun kannst du deine Entscheidung treffen, denn auswählen willst du deinen Lehrer ja selber, nicht wahr?“

„Ja, Paps, weißt du, man muss gleich merken, mit wem man am besten auskommen kann. Dafür, dass sie alle mir gute Lehrer sein können, musst du selbstverständlich die Garantie übernehmen.“

„Jawohl.“

Dorothy wandte sich mit ihrem bezauberndsten Lächeln den Herren zu.

„Bitte, betrachten Sie es auf keinen Fall als ein Werturteil, wenn ich einen von Ihnen als Lehrer auswähle. Ich werde mich dabei nur von meinem Impuls leiten lassen.“

„Wie bei allem anderen“, sagte der Vater ein wenig knurrig.

Jim hatte ihm schon längst zugeblinkt, und er wusste somit, dass auch er sich zur Wahl stellte. Sonst hätte er sich gewiss unter irgendeinem Vorwand entfernt.

Dorothy sprach nun mit jedem der jungen Herren einige Worte. Sie prüfte sie dabei, ohne das einzugestehen, auf ihre Schlagfertigkeit. Bei diesem Examen schnitten die wenigsten gut ab. Nur einer hatte eine treffende Antwort gegeben.

Nunmehr wandte sie sich Jim zu, den der Vater ihr als Ingenieur Harry Wight vorstellte.

Einen Moment zuckte Dorothy leicht zusammen, als sie in diese grauen Augen schaute, aus denen ihr eine so konzentrierte Willenskraft entgegenstrahlte, dass sie im Moment von ihm gefesselt war.

„Also auch Sie würden bereit sein, mein Lehrer zu werden?“, fragte sie mit leichter Verlegenheit, die sie jedoch gleich wieder niederzwang.

„Unter einer Bedingung“, erwiderte er kurz und hart.

Erstaunt, fast betroffen sah sie ihn an. Dieser Mann stellte Bedingungen, wenn sie, Dorothy Groner, ihm die Ehre erweisen wollte, ihn als Fluglehrer zu akzeptieren? Ein wenig hochmütig warf sie ihr Köpfchen zurück.

„Ah! Sie stellen Bedingungen?“

„Ja.“

„Und zwar welche?“

„Dass Sie mir unbedingt gehorchen, solange Sie sich meiner Leitung anvertrauen, also solange wir beide uns im Flugzeug befinden. Auch müsste ich die Maschine selbst auswählen dürfen.“

Dorothy sah sich nach ihrem Vater um, als wollte sie sagen: Was hältst du von dieser Frechheit? Aber der Vater zuckte nur die Achseln.

Dorothy wandte sich Jim wieder zu.

„Sie haben gehört, dass keiner dieser Herren hier mir Bedingungen gestellt hat.“

Er richtete sich hoch auf und sah sie wieder mit seinem bezwingenden Blick an.

„Wenn ich Ihr Lehrer werde, muss ich auch alle Verantwortung tragen, und es gehört zu Ihrer Sicherheit, dass Sie mir während der Flüge gehorchen.“

Es zuckte trotzig in Dorothys Gesicht.

„Und wenn ich diese Bedingung nicht erfülle?“

„Dann werde ich eben Ihrer Lehrer ganz sicher nicht sein, Miss Groner.“

Sie war sprachlos. Gewöhnt, dass alles, was in den Groner-Werken kreuchte und fleuchte, stets ihren Willen tat, vom kleinsten Lehrbuben an bis zu ihrem Vater hinauf, war sie verblüfft, dass so ein armer, kleiner Ingenieur ihr Bedingungen stellte, wenn er sie als Schülerin annehmen sollte. Und dabei, ja, dabei sah er unerhört vertrauenswürdig aus! Er war von allen diesen jungen Leuten der einzig richtige Mann. Und er imponierte ihr, denn immerhin setzte er allerlei aufs Spiel, wenn er sich so wenig entgegenkommend ihr gegenüber verhielt.

Forschend sah sie noch einmal in sein festes, ruhiges Gesicht, in dem nur die Muskeln ein wenig, ein ganz klein wenig vibrierten.

Plötzlich richtete sie sich auf.

„Gut. Ich füge mich dieser Bedingung, solange wir uns im Flugzeug befinden.“

Sein Gesicht entspannte sich.

„Also wünschen Sie, das Fliegen von mir zu lernen?“

„So ist es, Mr. Wight.“ Und zu den anderen Herren gewandt, sagte sie dann mit liebenswürdigem Lächeln:

„Jeder von Ihnen wäre gewiss etwas liebenswürdiger zu mir gewesen, aber ich glaube, von Mr. Wight lerne ich am meisten, weil ich ihm parieren muss.“

Die Ingenieure entfernten sich, nachdem ihnen der Chef dankend zugewinkt hatte. Nur Jim Boker blieb zurück.

„Also, Mr. Wight, ich vertraue Ihnen meine Tochter an, da Sie mir als sehr gewissenhafter und vertrauenswürdiger Mann geschildert worden sind.“

Jim verneigte sich artig, aber durchaus nicht unterwürfig, was Dorothy wieder sehr gefiel, obwohl sie sich in einen gewissen Trotz gegen diesen Mr. Wight hineinsteigerte.

„Wann fangen wir an?“

Jim sah sie prüfend an.

„Morgen Vormittag um zehn Uhr auf dem Flugplatz.“

Das klang wieder sehr kurz und bestimmt.

Sie riskierte einen kleinen koketten Blick.

„Vielleicht.“

„Nein, bestimmt!“

„Und wenn ich nicht da sein kann?“

„Werde ich den Unterricht gar nicht erst beginnen, das hat dann doch keinen Zweck. Ich denke, Sie wollen ernsthaft fliegen lernen?“

Nun musste sie lachen. Er reagierte nicht auf Koketterie.

„Ja doch. Aber an Ihren Kommandoton muss ich mich erst gewöhnen.“

„Das dürfte allerdings notwendig sein, wenn Sie wirklich etwas lernen wollen, Miss Groner.“

„Gut. Ich werde pünktlich zur Stelle sein, um den gestrengen Herrn Lehrer nicht zu erzürnen.“

„Besitzen Sie alles, was zur Ausrüstung nötig ist?“

„Nein, gar nichts!“

„Dann beschaffen Sie sich das sofort. Ich werde Ihnen aufnotieren, was Sie selbst besorgen müssen. Alles andere schaffe ich zur Stelle.“

Darauf verabschiedete Dorothy sich von ihrem Vater mit einem kleinen Scherz und einem Kuss auf seine Wange, von Jim aber mit einer stolzen damenhaften Verbeugung.

Jim sah ihr nach und eilte dann an eines der Fenster, um sie in den Wagen steigen zu sehen, aber so, dass sie ihn nicht erblicken konnte. Sie sah jedoch gar nicht herauf und fuhr schneidig an.

Langsam wandte Jim sich dann Mr. Groner zu.

„Sie ist entzückend! Man muss sich sehr zusammennehmen, um sich nicht von ihr unterkriegen zu lassen.“

Groner atmete tief auf.

„Das weiß Gott! Aber ich bin fassungslos, dass sie trotz allem Sie zum Lehrer genommen hat. Ich dachte jeden Moment, sie würde Ihnen eine abweisende Antwort geben.“

Jim lachte.

„Offen gesagt, ich glaubte das auch. Es war eben eine Machtprobe. Und dass ich diesen ersten kleinen Sieg erfochten habe, macht mich hoffnungsvoll. Was ist sie für ein süßes Geschöpf! Ich bin Feuer und Flamme für diese Verbindung, lieber Schwiegervater!“

„Langsam, langsam, Jim! Denken Sie nur nicht, dass dies alles so glatt weitergeht!“

„Oh, ich bin so anmaßend, mir einzubilden, dass ich trotz allem einen guten Eindruck auf sie gemacht habe. Und das ist die Hauptsache. Jetzt gilt es, mir ihre Hochachtung und ihr Vertrauen zu gewinnen. Dann werde ich sie zähmen. Eine süße kleine Frau soll sie werden, das steht bei mir fest.“

Groner machte ein zweifelndes Gesicht. Er seufzte tief auf und sagte: „Meinen Segen haben Sie, Jim.“

„Und, nicht wahr, Sie vertrauen mir vollständig, auch dann, wenn ich eines Tages auf längere Zeit mit ihr verschwunden sein werde? Das gehört nämlich zu meinem Plan.“

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