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Hedwig Courths-Mahler - Folge 024

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Sie hatten einander so lieb
  4. Vorschau

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Sie hatten einander so lieb

Zu Herzen gehender Romanum Lüge und Missgunst,die ein junges Glückzu zerstören drohen

 

 

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Auf der Terrasse des Gutshauses von Hagenau saßen zwei Herren und sahen schweigend dem Rauch ihrer Zigaretten nach.

Vor ihren Augen lag ein herrliches Landschaftsbild: im Hintergrund eine Bergkette des bayerischen Hochgebirges, davor grüne Matten und blumige Wiesen.

Hagenau hatte kürzlich einen neuen Besitzer bekommen, einen Holländer. Dr. Hendrik van der Straaten. Er war ein sympathischer Mann mit klaren blauen Augen im braun gebrannten Gesicht.

Etwas Frohes, Unbeschwertes ging von ihm aus.

Ganz anders sein Freund Dr. Rüdiger Lersingen, der ihm gegenübersaß. Eiserner Wille und unbeugsame Entschlossenheit gaben seinem Gesicht mit dem schmallippigen Mund fast einen Zug von Härte. Aber aus seinen grauen Augen leuchtete echte Güte, die den strengen Ausdruck milderte.

Dr. van der Straaten merkte man es an, dass seinem Leben schwere Kämpfe ferngeblieben waren. Als einziger Sohn eines reichen holländischen Fabrikherrn hatte er seinen Wunsch, Naturforscher zu werden, ohne Schwierigkeiten durchführen können. Sein Vater hatte später sein Unternehmen in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, deren Hauptaktionär er blieb. Einen Teil seines Vermögens hatte er außerdem in einer großen Besitzung auf Sumatra angelegt, die aufs Beste durch einen tüchtigen Plantagendirektor verwaltet wurde. So hatte er seinen Sohn ohne Sorge studieren lassen.

Hendriks Vater starb, als sein einziger Erbe auf einer deutschen Universität gerade seinen Doktor gemacht hatte. Dann kam der Krieg. Mit seinem Studienfreund Rüdiger Lersingen blieb Hendrik zwar in brieflicher Verbindung, aber erst nach Friedensschluss sahen sich beide in Holland wieder, wohin ihn van der Straaten eingeladen hatte.

Lersingen war durch den Krieg aus seiner Bahn geschleudert worden, und alles, was er in den Kriegsjahren erlebt und erlitten, hatte ihn ernst, fast düster gemacht.

Hendrik nahm den Freund in dem schönen alten Patrizierhaus in Amsterdam gastlich auf, und die beiden Freunde schlossen sich wieder in alter Herzlichkeit einander an. Hendrik hatte dem aus seiner Bahn geschleuderten Freund dann den Vorschlag gemacht, ihn auf einer geologischen Studienreise durch Neuguinea zu begleiten. Zwei Jahre dauerte die Expedition. Mit reicher wissenschaftlicher Ausbeute kehrten sie erst nach Holland zurück und gingen dann nach Deutschland, wo Hendrik van der Straaten in Bayern das Gut Hagenau kaufte. Er liebte diese deutsche Gebirgsgegend sehr, und es reizte ihn, in der Stille dieses ländlichen Idylls mit dem Freund ein Werk über ihre Expedition zu schreiben. Der letzte Besitzer von Hagenau, Georg von Hagenau, war so stark verschuldet, dass seine Gläubiger nach seinem Tod das Gut unter den Hammer brachten. Seine Frau und seine Tochter standen dem Nichts gegenüber, und es war nur Hendriks Großmut zu verdanken, dass sie nicht ganz heimatlos wurden.

Zu Füßen der Anhöhe, auf der das Hagenauer Gutshaus stand, lag am Ende des Parks das so genannte Hagenauer Witwenhäuschen. Dieses Anwesen hatte Hendrik nach Rücksprache mit dem alten Hagenauer Verwalter den beiden Damen überlassen. Frau von Hagenau lebte nun mit ihrer Tochter dort, die der neue Besitzer von Hagenau jedoch noch nicht zu Gesicht bekommen hatte.

Heute wollte Hendrik seinen ersten nachbarlichen Besuch machen, den er immer wieder aufgeschoben hatte. „Einmal muss es doch sein, wenn ich nicht als unhöflich gelten will“, meinte er seufzend zu seinem Freund und erhob sich.

Rüdiger Lersingen sah lächelnd zu ihm auf.

„Ich weiß, dass du dich die ganze Zeit vor diesem Besuch gefürchtet hast.“

„Ja, denn ich habe den beiden Damen gegenüber ein unbehagliches Gefühl. Wie ein Eindringling komme ich mir vor, weil ich sie aus ihrem angestammten Besitz vertrieben habe.“

„Mein lieber Hendrik, der andere Käufer, der noch auf Hagenau reflektierte, hätte wohl kaum dieselbe Rücksicht genommen wie du. Ich glaube, die beiden Damen sind sehr zufrieden damit, dass du jetzt Herr auf Hagenau bist.“

„Meinst du?“

„Ganz gewiss, denn die alte Urkunde, nach der der Witwensitz von allen neuen Herren von Hagenau der Witwe des Vorgängers zu überlassen ist, konnte natürlich nur bindend sein, solange der Herrensitz in Händen der Familie von Hagenau blieb. Du heißt aber nicht Hagenau, sondern Hendrik van der Straaten, und hast alles, was zu Hagenau gehört, käuflich an dich gebracht, auch den Witwensitz. Trotzdem bist du in die verbrieften Pflichten der Herren von Hagenau eingetreten.“

„Selbstverständlich, Rüdiger, zur Erleichterung meines Gewissens. Ich will mich doch schließlich an diesem wunderschönen Besitz freuen, und das könnte ich nicht, wenn ich die beiden Frauen ins Elend getrieben hätte.“

Lersingen nickte lächelnd. „Und was für andere Verpflichtungen hast du denn noch auf dich genommen laut der famosen Urkunde?“

„Die Damen haben freie Verfügung über das Obst, das im Garten um das Witwenhäuschen gezogen wird; dann erhalten sie aus dem Gutsbetrieb für den eigenen Gebrauch Milch, Butter und Eier, von jedem hier geschlachteten Schwein ihren Anteil und die nötigen Kartoffeln zum eigenen Gebrauch. Was sie sonst aus dem Gutsbetrieb brauchen, verkauft ihnen der Verwalter auf meine Anordnung hin zu Selbstkostenpreisen.“

„Hoffentlich wird deine Großmut nicht missbraucht! Aber nun lass dich nicht länger aufhalten. Oder soll ich dich begleiten?“

„Nein, nein, bemühe dich nicht! Es wäre mir nur peinlich, wenn man mir in deiner Gegenwart Dankeshymnen sänge. Du kannst später deinen Besuch machen. Also, auf Wiedersehen!“

„Auf Wiedersehen, Hendrik. Ich werde inzwischen ein Stündchen ausreiten.“

„Gut, dann viel Vergnügen! Zu Tisch sehen wir uns wieder.“

Die Freunde trennten sich, und wenige Minuten später schritt Hendrik van der Straaten über die Wiese nach dem Park hinüber, während Rüdiger Lersingen sich ein Pferd satteln ließ.

***

Vor dem kleinen Witwenhäuschen standen zu derselben Zeit, als die beiden Herren diese Unterhaltung führten, zwei junge Damen. Die eine von ihnen trug ein elegantes Kostüm. Sie hatte goldbraunes Haar, das metallisch im Sonnenlicht unter dem kleinen Hut hervorleuchtete. Aus dem reizenden Gesicht strahlten Augen, die an das Blau des Enzians erinnerten. Die schlanke Gestalt lehnte zwanglos an der Tür des Zaunes, der den Witwensitz umgab.

Die andere, fast von der gleichen schlanken Gestalt, trug ein schlichtes blaues Leinenkleid und darüber eine hellgraue Ärmelschürze. Sie hatte kastanienbraunes Haar und samtbraune Augen, in denen es leuchtete, als seien Sonnenfunken darin gefangen. Sie reichte der Freundin jetzt die Hand und sagte: „Also ich danke dir herzlich für deinen Besuch, Malve, ich rechne es dir hoch an, dass du mir deine Freundschaft auch jetzt noch bewahrst, wo wir in so bescheidene Verhältnisse untergetaucht sind, Mama und ich.“

„Wäre das Freundschaft, Dani, wenn solche Äußerlichkeiten den Ausschlag geben sollten?“, fragte Malve Bertram.

Daniela von Hagenau lächelte. „Nein, Malve, du hast Recht. Ich habe es auch nicht anders erwartet. Aber nun will ich dich nicht länger aufhalten, sonst bist du nicht rechtzeitig zu Tisch im Lindenhof, und dein gestrenger Herr Vormund zankt.“

Malve atmete tief auf. „Ja, es ist Zeit, dass ich mich auf den Weg mache. Aber ehe ich gehe, noch eine Frage: Hast du Herrn van der Straaten schon gesehen?“

„Nein, leider nicht. Dabei möchte ich ihm so gern einmal danken, dass er uns nicht ganz heimatlos gemacht hat.“

„Das durfte er doch nicht, da war doch noch eine Urkunde.“

Über Danielas Gesicht flog ein leichter Schatten. „Das ist eine sehr seltsame Angelegenheit mit der Urkunde. Ich will dir etwas verraten, Malve; die Urkunde halte ich im Grunde für ungültig, zum mindesten für anfechtbar. Dr. van der Straaten hat Hagenau mit allem Drum und Dran gekauft. Er könnte uns ohne weiteres das Witwenrecht streitig machen, wenn er wollte. Wahrscheinlich weiß er das nicht. Er hat großmütig erklärt, dass er das Witwenrecht anerkennt und alle Pflichten daraus auf sich nimmt. Soll ich ihm nun sagen, dass er das nicht nötig gehabt hätte? Soll ich Mama heimatlos machen? Nein, das kann ich nicht. Ich selbst würde mich wohl durchbringen, aber für Mama könnte ich kaum sorgen. Und deshalb muss ich schweigen, mit etwas beklommenem Gewissen:“

„Aber Dani, ich bitte dich, es kann doch kein Mensch verlangen, dass du selbst euch ein Recht absprichst, das andere anerkennen.“

„Nein, Malve, das kann wirklich niemand von mir verlangen als mein sehr empfindliches Ehrgefühl. Solange Mama lebt, muss ich das aber zum Schweigen verurteilen.“

„Das kannst du ohne Gewissensbisse. Jetzt gehe ich aber wirklich, es ist höchste Zeit.“

„Grüße deine Tante und deinen Vormund.“

„Danke. Noch eine Empfehlung an deine liebe Mutter.“

Sie umarmten sich zum Abschied, und Malve Bertram ging mit elastischen Schritten zwischen Wiesen und Feldern dahin, bis zur Grintelschlucht hinüber, die wie ein schmaler Riss zwei Bergkolosse trennte. Jenseits dieser Schlucht lag das Gut Lindenhof, das Franz Marlitz, dem Vormund Malve Bertrams, gehörte. In seinem Haus lebte die reiche junge Erbin seit dem Tod ihrer Eltern.

Daniela wandte sich, als die Freundin gegangen war, ihrer Arbeit wieder zu. Sie nahm von einem Tisch Bastfäden, mit denen sie die Zweige der Spalierbäume festband. Dabei sang sie leise vor sich hin.

So bemerkte sie nicht das Näherkommen Hendrik van der Straatens, der langsam auf dem weichen Parkboden daherschritt. Unweit des Witwenhäuschens blieb er stehen und sah auf das schlanke Mädchen, als genieße er mit Andacht ein schönes Bild. Trotz der einfachen Kleidung sah er sofort, dass er eine Dame vor sich hatte. Als er endlich näher trat, blickte auch Daniela auf, gerade in seine guten, lebensfrohen Augen hinein. Sie richtete sich hoch auf. Und so standen sie sich einen Augenblick gegenüber und sahen sich schweigend an.

Schließlich raffte sich Hendrik auf. „Verzeihung, mein gnädiges Fräulein, mein Name ist van der Straaten, ich möchte Frau von Hagenau meinen Besuch machen.“

Daniela bekämpfte ihre Befangenheit.

„Ich hätte es mir denken können, dass Sie der neue Gutsherr von Hagenau sind. Bitte, treten Sie ein! Mama wird sich freuen“, sagte sie.

„Ich habe die Ehre, Fräulein von Hagenau vor mir zu sehen?“

„Ja, Herr Doktor, und ich freue mich, Sie kennen zu lernen. Ich möchte Ihnen so gern danken für alle Liebenswürdigkeit und Güte, die Sie uns erwiesen haben.“

„Oh, ich habe nichts getan als meine Pflicht“, wehrte er ab.

„Nichts als Ihre Pflicht?“, sagte sie und sah ihn mit einem leuchtenden Blick an, so dass es seltsam warm in seinem Herzen aufstieg.

„Nein, nichts als meine Menschenpflicht. Ich bitte Sie, machen Sie kein Aufhebens davon, es beschämt mich! Ich komme mir ohnedies wie ein Eindringling vor.“

Wieder sah sie ihn mit einem großen Blick an. Dann sagte sie lächelnd: „Also Sie wollen sich meinen Dank nicht gefallen lassen? Dann muss ich ihn aufheben für eine gelegenere Zeit. Übrigens bin ich erstaunt, dass Sie als Holländer ein so reines Deutsch sprechen.“

„Das ist nicht zu verwundern, mein gnädiges Fräulein. Erstens hatte ich eine deutsche Mutter, zweitens habe ich an einer deutschen Universität studiert, und drittens habe ich einen Deutschen zum Freund.“

„Dann allerdings, Herr Doktor. Aber bitte, treten Sie ins Haus, ich will Sie zu meiner Mutter führen.“

Er verneigte sich und ließ seine Augen mit warmen Glanz auf dem schönen Mädchen ruhen.

Sie ließ ihn in ein kleines, behaglich mit Biedermeiermöbeln eingerichtetes Zimmer treten.

„Bitte, nehmen Sie Platz! Ich rufe Mama.“

Damit ließ sie ihn allein.

Er sah mit sinnenden Augen hinter ihr her. „Ein wundervolles Mädchen“, sagte er vor sich hin.

Wenige Augenblicke später trat Daniela mit ihrer Mutter wieder ein. Sie hatte die Schürze abgelegt und sah nun trotz des einfachen Leinenkleides sehr vornehm aus.

Frau von Hagenau war eine feine, aristokratische Erscheinung mit einem blassen Leidensgesicht, das von vielen Sorgen und Kämpfen sprach.

Sie reichte Hendrik die Hand. „Es freut mich sehr, Herr Doktor, dass Sie uns aufsuchen. So kann ich Ihnen doch noch einmal für all Ihre Güte danken.“

Er küsste ihre Hand, sah aber dann so unglücklich und verlegen auf Daniela, dass sie fröhlich auflachte.

„Du darfst dem Herrn Doktor nichts von Dankbarkeit sagen, Mama, das mag er nicht hören. Soviel weiß ich nun schon von ihm.“

Er nahm den beiden Damen gegenüber Platz und beantwortete höflich die Fragen, die Frau von Hagenau an ihn richtete.

„Ich habe die Berge immer geliebt, obwohl ich in Holland geboren bin. Aber meine Mutter stammte aus dem Allgäu, und von ihr habe ich wohl die Bergsehnsucht geerbt, die mich bestimmte, mich hier anzukaufen. Ich würde mich noch viel behaglicher hier fühlen, wenn ich nicht sozusagen mit einem etwas bedrückten Gewissen herumliefe, weil ich Sie verdrängt habe.“

„Aber lieber Herr Doktor, das brauchen Sie gewiss nicht. Wir sind so froh, dass Sie Hagenau gekauft haben. Wie wäre es uns ergangen, wenn es der andere Reflektant gekauft hätte, dieser unsympathische Mensch! Wie habe ich Gott gedankt, dass Sie ihm zuvorkamen! Wir wären heimatlos geworden.“

„Ganz gewiss nicht, verehrte gnädige Frau, Sie haben doch ein verbrieftes Recht, hier zu bleiben.“

„Nun ja, das wohl, aber man hätte es uns ganz sicher streitig zu machen versucht. Nein, ich danke Gott, dass Sie Herr von Hagenau geworden sind. Sie müssen mir verzeihen, dass ich Ihnen neulich etwas vorgeweint habe, aber wir haben so viel Schweres durchlebt – da streiken die Nerven!“

„Aber jetzt ist Mama wieder ganz tapfer, Herr Doktor“, warf Daniela lächelnd ein.

Er sah sie forschend an. „Und Sie sind es vermutlich immer gewesen, mein gnädiges Fräulein?“

„Nicht immer, Herr Doktor, es gab Zeiten, wo mir das Herz vor Sorge und Angst oft genug schwer war. Aber nun ist alles gut, wir sind die Gläubiger los, schulden keinem Menschen einen Pfennig und haben ein sicheres Dach über dem Kopf.“

„Und damit sind Sie zufrieden?“

„Herzlich zufrieden.“

„Sie fühlen sich also wunschlos glücklich in Ihrem neuen Heim?“

Mit einem schelmischen Lächeln, das ihn entzückte, sah sie ihn an. „Wunschlos? Nein, das bin ich denn doch nicht. Ich stecke voller Wünsche und Pläne und habe dabei sogar ein Attentat auf Sie vor.“

Er lachte. „Es wird mir ja nicht gleich ans Leben gehen. Bitte, nennen Sie mir Ihre Wünsche, und es wird mich glücklich machen, wenn ich sie erfüllen kann.“

Sie presste die Handflächen zusammen.

„Ich habe die Absicht, auf dem Witwensitz eine richtige kleine Landwirtschaft einzurichten. Jedes Fleckchen Erde möchte ich nutzbringend verwenden. Außer Obst möchte ich noch Gemüse ziehen, und dann möchte ich eine Hühnerzucht anlegen und habe mir voreilig schon von unserer Dienerin einen Hahn und vier Hühner beim Verwalter kaufen lassen. Nun möchte ich nur erst wissen, ob Sie das gestatten werden.“

Er sah sie lächelnd an. „Warum soll ich das nicht gestatten? Sie sind doch freier Herr über den Witwensitz.“

„Unser kleiner Besitz liegt aber in Ihrem Park, Herr Doktor, und es könnte Sie vielleicht stören, wenn meine Hühner dort herumvagabundieren. Ich könnte nicht dafür garantieren, dass sie nicht zuweilen durch den Zaun schlüpfen.“

Hendrik schüttelte lächelnd den Kopf und fragte: „Aber wird Ihnen das alles nicht zu viel Mühe machen?“

Sie atmete froh auf. „Das ist nicht so schlimm. Und unsere brave Burgel hilft mir dabei.“

„Aber Dani, du hast doch schon mit dem Obstgarten genug zu tun“, warf Frau von Hagenau ein.

„Ich habe das gnädige Fräulein selbst bei der Arbeit gesehen, gnädige Frau, und gestaunt“, sagte Hendrik, bewundernd auf Danielas Hände blickend.

„Es geht mir alles schnell und leicht von der Hand, und, gottlob, gedeiht alles prächtig. Papa pflegte zu sagen, ich hätte eine glückliche Hand, unter der sich alles wohl fühlt.“

„Eine glückliche Hand – das ist sehr wichtig. Aber wichtiger ist ein glückliches Herz“, sagte Hendrik.

„Das habe ich auch, Herr Doktor, weil ich arbeiten und nützen kann. Gottlob, jetzt fragt kein Mensch mehr danach, ob Fräulein von Hagenau salonfähig ist. Ich habe Sie ohne Skrupel im Arbeitskleid empfangen dürfen. Das ist eine wohltätige Errungenschaft unserer neuen Verhältnisse. Das Einzige, was mich betrübt ist, dass Mutter darunter leidet.“

„Darüber wollen wir jetzt nicht mehr reden“, sagte die alte Dame. Sie wandte sich wieder Hendrik zu. „Gedenken Sie dauernd Ihren Wohnsitz in Hagenau zu nehmen, Herr Doktor?“

„Vorläufig auf einige Monate, bis wir, mein Freund und ich, unser wissenschaftliches Werk wenigstens in großen Umrissen beendet haben.“

„Sie haben eine Forschungsreise hinter sich, Herr Doktor?“, fragte Daniela interessiert.

„Ja, gnädiges Fräulein. Mein Freund Lersingen und ich haben das Innere von Neuguinea durchforscht. Wenn unsere wissenschaftliche Arbeit beendet ist, muss ich für einige Zeit nach Holland zurückgehen, um nach meinen Geschäften zu sehen. Auch werde ich zuweilen einige Zeit auf meinen Besitzungen auf Sumatra weilen müssen. In Hagenau werde ich demnach immer nur einige Monate im Jahr leben.“

„Es muss wundervoll sein, so ungehindert die Welt durchstreifen zu können“, sagte Daniela aufatmend.

Er sah sie lächelnd an. „Möchten Sie das auch tun?“

„Sehr gern! Aber ich werde es immer nur im Geist tun können. Wenn ich ein Mann wäre, ja, dann wäre ich Mama wohl schon längst auf und davon gegangen und hätte versucht, draußen in der Welt das Glück zu finden.“

„Was verstehen Sie in diesem Fall unter Glück?“

Ihre Augen strahlten auf. „Neues sehen, Neues lernen – und nebenbei so viel Geld verdienen, dass ich Mama jeden Wunsch erfüllen könnte.“

„Das würde Sie glücklich machen?“

„Ich glaube wohl.“

„Junge Damen pflegen sonst ihr Glück in anderen Dingen zu suchen.“

Ihre Augen wurden ernst. „Ach, Sie meinen unter diesen anderen Dingen einen Mann und alles, was mit ihm zusammenhängt?“

„Aber Daniela!“, rief die Mutter.

„Ist es ungehörig, wenn ich das ausspreche, Mama, was der Herr Doktor denkt? Nicht wahr, Herr Doktor, es ist doch so? Sie meinen, eine junge Dame müsse ihr Glück immer und überall nur in der Vereinigung mit einem Mann suchen.“

„Allerdings, mein gnädiges Fräulein, das ist meine Ansicht.“

Daniela sah sinnend vor sich hin. „Nun, ja, es muss wunderschön sein, wenn eine Frau auf ihrem Lebensweg einen Mann findet, den sie liebt und von dem sie wiedergeliebt wird. Aber ich glaube, dieses Glück finden nur wenige Frauen. Aber Mama sieht mich ganz entsetzt an, dass, ich mit einem Herrn über solche Dinge rede.“

„Das solltest du auch nicht tun, Dani. Was soll der Herr Doktor davon denken?“

Daniela sah Hendrik ernst an. „Hoffentlich denkt er, dass ich ein ehrlicher Mensch bin, Mama.“

Hendrik verneigte sich, und seine Augen leuchteten warm in die ihren: „Ein tapferer, ehrlicher Mensch und, so viel ich mich auf Menschen verstehe, auch ein sehr wertvoller“, sagte er herzlich.

Nachgerade hielt es Frau von Hagenau für angebracht, der Unterhaltung eine andere Wendung zu geben, und so fragte sie: „Haben Sie schon in der Nachbarschaft Besuche gemacht, Herr Doktor?“

„Nein, gnädige Frau, ich kam noch nicht dazu. Ihnen galt mein erster Besuch. Aber in diesen Tagen will ich es tun.“

„Oh, viel Nachbarschaft haben Sie ja nicht, nur Lindenhof und Gundlingen. Lindenhof ist durch die Grintelschlucht in einer halben Stunde zu erreichen. Nach Gundlingen braucht man etwas länger.“

„Ich danke Ihnen für diese Auskunft. Wenn Sie Ihrer Liebenswürdigkeit die Krone aufsetzen wollen, dann informieren Sie mich bitte auch noch ein wenig über die Bewohner von Lindenhof und Gundlingen“, bat Hendrik.

„Das kann ich am besten“, sagte Daniela munter. „Also, Lindenhof liegt ganz isoliert jenseits der Grintelschlucht und gehört einem Herrn Marlitz. Er ist ein etwas schwieriger Herr; man kommt nicht leicht auf einen guten Fuß mit ihm. Seine Gattin ist sehr nett, ganz unkompliziert und eine tüchtige Hausfrau. Die beiden Töchter sind verheiratet und leben schon seit Jahren fern von Lindenhof. Sie halten sich nur selten besuchsweise mit ihren Kindern in Lindenhof auf. Aber das Mündel des Herrn Marlitz, Malve Bertram, eine reiche Erbin, lebt ständig in Lindenhof, mit Ausnahme von einigen Winterwochen, die sie mit ihrer Tante in München verbringt, um etwas Geselligkeit zu genießen und Theater und Konzerte zu besuchen. Malve Bertram ist meine einzige Freundin, ein guter, liebenswerter Mensch von vornehmer Gesinnung. So, das ist Lindenhof.“

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