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Hedwig Courths-Mahler - Folge 023

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Unser Tag wird kommen

Roman um eine tapfere, aber ungeliebte Frau

 

 

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Es war ein seltsames Brautpaar, das den Ehrenplatz an der glänzenden Hochzeitstafel eingenommen hatte. Der Bräutigam hatte ein aufgedunsenes, rotes Gesicht, einen glatten, runden Kopf, eine massige, untersetzte Gestalt und dicke, fleischige Hände. Die Braut war eine blasse, zarte Erscheinung mit einem noch kindlichen Gesicht und großen, verängstigten Augen.

Der Bräutigam mochte schon an die fünfzig sein, während die Braut noch nicht zwanzig zählte.

Sie aß kaum einen Bissen und befeuchtete auch nur ihre Lippen, wenn wieder ein Hoch auf das Brautpaar ausgebracht wurde und die Gäste mit ihr anstießen. Der Bräutigam hingegen leerte stets ein volles Glas, nickte seinen Freunden und Bekannten mit einem verschmitzten Lächeln zu und forderte die junge Braut immer wieder auf, zu essen und zu trinken.

Die Hochzeitsgesellschaft setzte sich aus Freunden und Bekannten des „jungen“ Ehemanns zusammen. Die Damen waren fast alle mit überladener Pracht gekleidet, und die Herren verrieten in ihrem Benehmen, dass sie leicht reich geworden waren.

Nur zwei Männer fielen aus dem allgemeinen Rahmen. Der eine war der Sekretär des Bräutigams. Er saß ziemlich am unteren Ende der Tafel und schien sich in dieser Gesellschaft durchaus nicht behaglich zu fühlen.

Er sah die Braut seines Chefs heute zum ersten Mal, und tiefes Erbarmen erfüllte sein Herz. Wie hatte dieses zarte, reine Kind es nur vermocht, einen solchen Mann wie Herrn Kronau zu heiraten?

Darüber hätte ihm die zweite markante Erscheinung an der Tafel Auskunft geben können, der Stiefvater der Braut, der oben an der Tafel an ihrer rechten Seite saß.

Herbert Greif war nicht älter als der Bräutigam. Er machte noch immer auf das andere Geschlecht tiefen Eindruck. Der Blick seiner schwarzen Augen hatte beinahe etwas Dämonisches, während um seinen Mund ein geradezu bestrickendes Lächeln spielte. Man nannte ihn überall einen liebenswürdigen, glänzenden Gesellschafter. Seine Frau aber und seine Stieftochter kannten ihn anders: als einen harten, eigenmächtigen, ja beinahe grausamen Menschen. Schon im Alter von drei Jahren hatte die kleine Gilda ihren richtigen Vater verloren. Ihre Mutter, eine Schweizerin, die von ihren Eltern ein großes Vermögen geerbt hatte, verheiratete sich in zweiter Ehe mit Herbert Greif, der es verstanden hatte, die schöne junge Witwe zu betören.

Er brachte es auch fertig, sich das Verfügungsrecht über ihr Vermögen anzueignen und es in elf Jahren restlos zu verprassen. Dabei hatte er Mutter und Tochter immer knapp gehalten und es außerdem verstanden, Gustav Kronau, den jetzigen Gatten seiner Tochter, zu veranlassen, ihm eine große Summe zu leihen, allerdings unter Vorspiegelung falscher Tatsachen.

Alle diese Erlebnisse hatten den Lebensmut und die Lebenskraft von Gildas Mutter untergraben. Sie stand aber immer noch unter dem unheilvollen Einfluss ihres Mannes, wenn das Gefühl, das sie für ihn hegte, jetzt auch mehr dem der Furcht glich als dem der Liebe. Sie machte sich heimlich die bittersten Vorwürfe, dass sie ihrem Mann ihr ganzes Erbe ausgeliefert hatte, statt wenigstens einen Teil davon für ihre Tochter sicherzustellen. Doch sie wagte es nicht, das vor den Ohren ihres Gatten laut werden zu lassen. Irgendwie sorgte er ja auch immer wieder, dass etwas Geld ins Haus kam. Aber die Verhältnisse wurden immer schwieriger, und Gildas Mutter bekam in dieser Zeit noch dazu eine böse Grippe, an der sie lange krank lag.

Erst jetzt erkannte auch Gilda, dass die Verhältnisse zu Hause nicht einwandfrei waren. Der Arzt verlangte für die Mutter eine Reise nach dem Süden und verhehlte dem Gatten nicht, dass dies die einzige Möglichkeit war, seine Frau am Leben zu erhalten, da die Lunge durch die Krankheit angegriffen sei. Gilda hörte diesen Ausspruch des Arztes, und obwohl sie immer Furcht vor ihrem Stiefvater hatte, bestürmte sie ihn dennoch, die Mutter in den Süden zu schicken.

Er lachte sie jedoch nur aus. Was galt ihm seine Frau jetzt noch, da sie verarmt war?

„Willst du mir nicht sagen, womit ich diese Reise bezahlen soll? Deine Mutter müsste, wie der Arzt mir sagt, monatelang im Süden bleiben, wenn sie wieder genesen soll.“

„So muss eben das Geld dafür beschafft werden, Vater. Wenn es nicht anders geht, muss man Muttis Schmuck verpfänden.“

Herbert Greif lachte rau auf.

„Ist schon längst geschehen. Und nicht der Schmuck allein. Das meiste von dem, was du hier um dich siehst, ist verpfändet. Und hier – eben ist eine Aufforderung von Herrn Kronau gekommen, ihm sogleich die fünfzigtausend Mark zurückzuzahlen, die er mir geliehen hat!“

Entsetzt hatte Gilda ihren Stiefvater angesehen.

„Wir haben Schulden?“, hatte sie angstvoll gefragt.

„Mehr als uns lieb sein kann.“

„Aber wie ist das möglich – Mutter besitzt doch von ihren Eltern her ein reiches Erbe?“

„Besaß! Davon ist längst nichts mehr übrig. Was denkst du denn, was unsere Lebensführung verschlungen hat?“

Gilda war es bisher niemals zu Bewusstsein gekommen, dass sie besonders üppig lebten.

„Aber Mutter muss doch geholfen werden!“, rief sie außer sich.

Da hatte Greif sie mit seinen schwarzen Augen durchdringend angesehen und mit harter Stimme geantwortet: „Es liegt einzig und allein in deiner Hand, deiner Mutter zu helfen.“

„In meiner Hand?“

Sie erschauerte unter dem Blick seiner Augen.

„Und was – was müsste ich tun?“

Er fasste ihre Hand, was sie nie hatte leiden mögen; unwillkürlich war sie jeder Berührung ihres Stiefvaters ausgewichen.

„Du brauchst nichts weiter zu tun, als – als einen reichen Mann zu heiraten.“

Mit großen Augen, mehr betroffen als erschrocken, sah sie ihn an und zuckte hilflos die Schultern. Beklommen sagte sie: „Wo soll ich denn plötzlich einen reichen Mann hernehmen?“

Greif lachte schallend auf, wurde dann aber sehr liebenswürdig.

„Aber Schäfchen, der ist ja schon vorhanden. Du brauchst nur ja zu sagen, und alles wird gut sein.“

„Und Mutter könnte dann sofort in den Süden fahren?“

„Sofort. Sie könnte in ein vornehmes Sanatorium gehen, würde sorgfältig verpflegt werden, könnte sich alles leisten, was sie haben will und … würde bald wieder gesund sein. Auch wir wären aus aller Not heraus. Ich würde meine Schulden los, wir könnten alles, was wir verpfändet haben, wieder einlösen und in dieser Wohnung bleiben, aus der wir sonst sehr bald vertrieben werden. Ich denke doch, dass dir da die Entscheidung nicht schwer fallen wird.“

Gilda strich sich das Haar aus der Stirn und sagte leise: „Mutter muss unbedingt geholfen werden! Und … das soll gewiss geschehen, wenn ich diesen reichen Mann heirate?“

„Ganz gewiss.“

Sie sah ihn noch immer an.

„Und wer ist dieser Mann?“

„Gustav Kronau, der vielfache Millionär.“

Sie zuckte zurück.

„Der? O mein Gott!“

Nur einige Male hatte sie Herrn Kronau gesehen. Er war immer aufdringlich freundlich zu ihr gewesen. Kürzlich hatte er ihr sogar einmal mit seinen fleischigen Fingern das Gesicht gestreichelt, als sie dazugekommen war, wie er mit dem Vater verhandelte. Da war sie zusammengeschauert. Und den sollte sie heiraten?

Ängstlich sah sie den Stiefvater an.

„Das – das kann doch nicht sein!“

„Warum denn nicht?“

„Oh, er – er ist mir so zuwider!“

Er wurde zornig. „Also ist es nur Gerede von dir, dass du deiner Mutter helfen willst. Du bist ja eine schöne Tochter!“

Wieder schauerte sie zusammen.

„Ist denn keine andere Hilfe möglich? Ich – ich fürchte mich unbeschreiblich davon!“

„Opfer zu bringen, ist niemals leicht! Aber wie du willst – ich zwinge dich nicht dazu. Du wirst dir aber später Vorwürfe machen, dass du deine Mutter hättest retten können und es nicht getan hast.“

Gilda konnte den Blick seiner Augen nicht mehr ertragen. Sie lief plötzlich davon und flüchtete an das Krankenlager der Mutter. Dort brach sie in die Knie und presste ihr blasses Gesicht, das noch die Spuren des Entsetzens trug, in die Kissen.

„Was ist dir, Gilda?“, fragte die Mutter ahnungslos.

Gilda fasste sich mühsam.

„Ich sorge mich um dich, Mutti. Wenn du doch nach dem Süden reisen könntest!“

„Das ist unmöglich, Gilda.“

„Wie fühlst du dich heute?“

„Matt und müde, zum Sterben müde, Gilda. Ich wollte, es wäre alles aus.“

Das zerriss Gilda das Herz. Sie hob den Kopf und sah die Mutter an, als müsse sie sich aus ihrem Anblick Kraft holen für das Opfer, das sie bringen wollte.

„Du wirst in den Süden gehen, Mutter. Ich … Ja – ich habe es schon mit Vater besprochen. Es wird noch alles gut werden, Mutter.“

Sie küsste die Mutter, erhob sich schnell und lief zu ihrem Stiefvater zurück. Ohne sich Zeit zu lassen, noch einmal ihren Entschluss zu prüfen, nur in dem Bestreben, die Mutter zu retten, sagte sie hastig zu ihm: „Ich tue es, um Mutter zu retten. Aber sorge dafür, dass sie sofort in den Süden kommt. Das ist meine Bedingung.“

Damit schloss sie die Tür wieder und eilte in ihr Zimmer, wo sie mit einem dumpfen Aufschluchzen auf dem Diwan zusammenbrach.

Am nächsten Vormittag hatte sie dann Gustav Kronau ihr Jawort gegeben, und einige Tage später war die Mutter mit einer Pflegerin in den Süden gereist.

Beim Abschied von ihrer Tochter hatte sie aus einer dunklen Ahnung heraus gefragt: „Warum heiratest du eigentlich Kronau, Gilda? Tust du das etwa meinetwegen?“

Gilda hatte gelächelt.

„Aber nein, Mutter, er ist doch gut zu mir; ich werde sehr von ihm verwöhnt werden.“

Die Mutter aber war viel zu elend, um der Sache auf den Grund zu gehen, und reiste ab.

Der Stiefvater hatte dann die Hochzeit mit größter Eile betrieben, denn er fürchtete, dass Gilda sich anders besinnen könnte, sobald sie die Mutter gut aufgehoben wusste.

Er hatte sich auch Kronau vorgenommen und ihn überredet, Gilda nicht mit Zärtlichkeiten zu bestürmen; sie sei ja noch unerfahren, und man müsse sie erst langsam an Zärtlichkeiten gewöhnen.

Kronau hatte das eingesehen und tat alles, was er Gilda an den Augen absehen konnte; denn gleich beim ersten Sehen war eine unsinnige Leidenschaft in ihm für dieses feine, zarte Geschöpf erwacht. Er konnte kaum die Zeit erwarten, diese Blüte zu pflücken.

Gilda aber sah den Tag ihrer Hochzeit mit immer größer werdender Unruhe näher kommen. Mit ihren neunzehn Jahren war sie, da sie fast immer nur mit der Mutter gelebt hatte, noch sehr unerfahren.

Und nun saß sie neben ihrem weinfrohen Gatten und fragte sich immer wieder, ob sie sich nicht in einem quälenden Traum befindet. Wie konnte es sein, dass sie nun ein ganzes Leben lang mit diesem Mann zusammen sein würde, der ihr heute widerwärtiger als je erschien? Der Weindunst, den er ausströmte, verursachte ihr Übelkeit und wenn seine dicken Hände mehr oder minder verstohlen die ihren tätschelten, hätte sie ihn zurückschleudern mögen.

Ängstlich schaute sie auf. Überall leere, gewöhnliche Gesichter.

Da blieb ihr Blick auf den markanten Zügen des Sekretärs haften. Und als fühle er ihren Blick, wandte er sich ihr zu und sah sie voller Erbarmen an. Gleich sah sie wieder zur Seite, aber dieser eine Blick hatte genügt, um eine unsichtbare Brücke zwischen ihnen zu schlagen. –

Die Stimmung der Gäste wurde unter dem Einfluss der schweren Weine, die verabreicht wurden, immer lauter, und Gilda sehnte sich danach, die Festtafel verlassen zu können und Ruhe zu bekommen.

Sehr froh war sie darüber, dass Kronau nicht auf einer Hochzeitsreise bestanden hatte.

Ihr Mann neigte sich jetzt wieder mit verliebten Blicken zu ihr und flüsterte ihr zu: „Was meinst du, Mäuschen, wollen wir aufbrechen?“

Da sagte sie aufatmend: „Gern, Gustav. Alle hier sind so schrecklich laut.“

Er lachte. „Sie sind eben vergnügt, Maus. Das musst du auch noch lernen. Also: Wenn jetzt die Tafel aufgehoben wird, verschwinden wir. Ich lasse das Auto vorfahren.“

Während die junge Frau sich heimlich hinausschlich aus dem Festsaal, um sich oben in einem der Hotelzimmer für die Fahrt umzukleiden, trat Kronau an seinen Sekretär heran.

„Eckhart, fahren Sie bitte sofort mit einem Taxi zur Villa hinaus und verständigen Sie die Dienerschaft! Ich folge in zehn Minuten mit meiner jungen Frau.“

Rainer Eckhart machte eine Verbeugung und entfernte sich sofort. Er war froh, dass er nicht noch länger hier bleiben musste.

Zwei Minuten später, nachdem er sich Hut und Mantel hatte geben lassen, bestieg er das erste beste Auto, das vor dem Hotelportal hielt.

Tief aufatmend lehnte er sich in die Wagenpolster und schloss die Augen. Vor seinem geistigen Auge erschien das holde Bild der jungen Frau, die ihn mit ihren weit geöffneten Augen ängstlich ansah.

Rainer Eckhart war Offizier gewesen und hatte versucht, neuen Boden unter die Füße zu bekommen. Seine um zehn Jahre jüngere Schwester war nach dem Tod ihrer Eltern von einer Tante, der Schwester ihrer Mutter, aufgenommen worden. Diese Tante, eine Witwe, hatte jedoch in der Inflationszeit alles verloren, was ihr verstorbener Mann hinterlassen hatte, und nun mussten die beiden Frauen sich mühsam durchs Leben schlagen. Rainer Eckhart hatte es daher als ein großes Glück betrachtet, als er vor drei Jahren die Stelle als Sekretär bei Gustav Kronau erhielt. So konnte er Tante und Schwester ein wenig unterstützen. Er bekam ein gutes Gehalt, hatte freie Station im Haus Kronau und konnte von seinem Einkommen gut etwas entbehren.

Die Stellung war allerdings sehr schwierig; es war keine Freude, Gustav Kronau jede Minute zu Diensten sein zu müssen, manchmal auch des Nachts, wenn es ihm gerade einfiel. Aber Rainer Eckhart war trotzdem glücklich, und er fügte sich willig in alles, was seine Stellung mit sich brachte.

Da er so ziemlich in alle Geschäfte seines Chefs eingeweiht war, wusste er selbstverständlich auch, dass der Stiefvater der jetzigen Frau Kronau der Schuldner seines Chefs war und dass Kronau eines Tages darauf gedrungen hatte, gegen Herbert Greif mit aller Strenge vorzugehen. Er habe seine Schulden sofort zurückzuzahlen.

Plötzlich aber, als die Sache schon auf die Spitze getrieben war, wurde auf Weisung Kronaus alles beigelegt: die Schuld wurde erst gestundet und dann, als Kronau sich mit der Stieftochter Greifs verlobte, völlig gestrichen. Es wurde auch eine annehmbare Summe für Frau Greif ausgeschrieben, um ihr eine Kur in Davos zu ermöglichen. Von alledem wusste Rainer, aber die Braut hatte er erst bei der Hochzeitsfeier kennen gelernt.

Das alles überdachte Rainer noch einmal, als er jetzt der Villa Kronau entgegenfuhr. Er glaubte nun zu wissen, warum die Schuld Greifs gestrichen worden war und wie es kam, dass dessen Frau plötzlich zur Erholung in den Süden reiste.

Hatte Gilda Kronau vielleicht ein Opfer gebracht?

Jedenfalls würde viel Schweres in dieser Ehe auf die junge Frau warten. Sie war bedingungslos der Derbheit ihres Gatten ausgeliefert. Dabei machte sie den Eindruck, als sei sie noch ein halbes Kind.

Hatte alles an ihr nicht qualvolle Angst verraten?

Rainer Eckhart reckte sich empor und wehrte den ihn bedrängenden Gedanken. Was ging das alles ihn an? Er hatte sich um anderes zu kümmern.

Wenn die Augen der jungen Frau nur nicht so ängstlich geblickt hätten! Das konnte er nicht vergessen.

Als er in der Villa Kronau angekommen war, trommelte er sämtliche Hausangestellten zusammen. Sie nahmen in der Halle Aufstellung. Rainer stand eine Weile unentschlossen zwischen ihnen. Sollte er sich nicht lieber zurückziehen? Wozu die Qual auf sich laden, mit anzusehen, wie das arme Opfer zur Schlachtbank geführt wurde?

Dennoch blieb er. Irgendetwas ließ ihn nicht fort. Als er den Wagen vorfahren hörte, entnahm er sogar einer großen, auf dem Kaminsims stehenden Vase einen Strauß und stellte sich dicht neben dem Eingang auf.

Einer der Diener hatte das Portal geöffnet, und nun erschien das neu vermählte Paar und betrat Arm in Arm die Halle.

Rainer Eckhart sah wieder in die großen, angstvoll umherblickenden Augen und in das jetzt todblasse Gesicht der jungen Frau, das sich ein wenig entspannte, als sie die Angestellten erblickte.

Rainer trat einen Schritt vor und überreichte der jungen Frau mit einer Verbeugung die Blumen.

„Im Namen aller Angestellten beglückwünsche ich Sie auf der Schwelle Ihres Hause. Möge das Glück mit Ihnen seinen Einzug halten!“

Gilda fasste nach den Blumen, und Rainer bemerkte, dass ihre Hand zitterte. Sie sah fast Hilfe suchend zu ihm auf und sagte leise: „Ich danke Ihnen und allen anderen für diesen Glückwunsch.“

Mehr brachte sie nicht über die Lippen, aber Rainer war es, als habe sie noch hinzugefügt: Lass mich nicht allein mit diesem Mann!

Kronau klopfte Rainer mit einem etwas heiseren Lachen auf die Schultern.

„Das haben Sie wieder einmal großartig gemacht, Eckhart! Sie sind doch ein feiner Kerl.“

Rainer verbeugte sich leicht und trat zurück, aber seine Blicke waren dabei nur auf Gilda gerichtet.

Kronau rief einem Angestellten zu: „Bringen Sie mir noch eine Flasche Sekt!“

Damit führte er Gilda die breite Marmortreppe hinauf.

Gilda hatte, als Kronau den Sekt bestellte, erschrocken zu ihrem Mann aufgesehen. Es war, als wollte sie etwas sagen, aber sie presste nur die Lippen fest aufeinander. Zögernd stieg sie die Stufen hinauf, so dass es aussah, als würde sie von ihrem Mann gezogen.

Rainer blieb zurück und stand noch immer unbeweglich da, als die Dienerschaft sich bereits verzogen hatte und das Ehepaar längst oben verschwunden war.

Er hätte nun ebenfalls zur Ruhe gehen können, aber irgendetwas hielt ihn in der Halle zurück.

Sie war jetzt nur noch schwach erleuchtet. Alle Lampen waren ausgedreht, bis auf eine, die die ganze Nacht über brennen blieb. Das Portal war gleich nach dem Eintritt des jungen Paares von einem Hausangestellten abgeschlossen worden, und der Schlüssel hing nun, wie Rainer wusste, in einer verborgenen Nische an der Wand. Der, dem dieser Platz unbekannt war, konnte in der Nacht das Haus nicht verlassen. Für die Dienerschaft bestand noch ein Nebeneingang, der auch von Lieferanten benutzt wurde. Er führte von den im Kellergeschoss befindlichen Wirtschaftsräumen über eine kleine Steintreppe ins Freie.

Auch Rainer pflegte diesen Nebeneingang zu benutzen, wenn er einmal später nach Hause kam, was allerdings meist nur dann geschah, wenn er abends seine Tante und seine Schwester besucht hatte.

Er ließ sich in einen Sessel nieder und zündete sich eine Zigarette an. Er wusste, dass es für ihn keinen Zweck hatte, schon zu Bett zu gehen; er würde doch noch nicht schlafen können.

Eine halbe Stunde mochte er wohl so gesessen haben, als er plötzlich zusammenschrak. Von oben herab vernahm er unklare Laute. Er wusste, dass dort oben unmittelbar an der Treppe das Schlafzimmer des jungen Paares lag. Er hörte die weinselige Stimme des Hausherrn, erst bittend und lachend, dann befehlend und zuletzt fordern. Und dazwischen hörte er eine ängstlich flehende Stimme, dann ein Wimmern, das erstickt wurde und … dann plötzlich einen lauten, jammervollen Aufschrei. Eine Tür wurde mit aller Wucht aufgestoßen, und die Treppe herab flog eine zarte weiße Gestalt – Gilda Kronau. Sie schien wirklich die Treppe hinabzufliegen. Hinter ihr her erschallte ein seltsames Röcheln.

Rainers Aufmerksamkeit war allein auf die junge Frau gerichtet, die beide Arme weit von sich streckend, auf die Tür zujagte, durch die sie das Haus betreten hatte. Ehe er sich fassen konnte, sah er, wie sie angstvoll an der verschlossenen Tür rüttelte. Ein Stöhnen entrang sich ihren Lippen. Da aber war Rainer schon an ihrer Seite.

„Frau Kronau, beruhigen Sie sich doch!“

Gilda schrak zusammen, wandte ihm ihr angstverzerrtes Gesicht zu und stieß keuchend hervor: „Bitte, lassen ...

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