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Hedwig Courths-Mahler - Folge 022

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Das verschwundene Dokument
  4. Vorschau

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Das verschwundene Dokument

Spannender Schicksalsroman der unvergessenen Schriftstellerin

 

 

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Ruth Alving stand mit bedrückter Miene am Fenster und sah hinaus in den verschneiten Garten. Sie hatte den Mund fest zusammengepresst, und in die klare weiße Stirn hatte sich eine senkrechte Falte eingegraben.

Aus dem Nebenzimmer klangen Stimmen an ihr Ohr. Dort befanden sich der Hausherr, Rochus Bernd, und seine beiden einzigen Verwandten, die Enkelkinder eines Cousins von ihm, die auch seinen Namen trugen.

Rochus Bernd war ein weißhaariger Greis. Er saß in müder, abgespannter Haltung in einem Lehnstuhl und sah unter den weißen buschigen Brauen hervor auf die beiden jungen Menschen, die ihm gegenüber Platz genommen hatten.

In seinen grauen Augen lag kein freundlicher Ausdruck. Er war nicht sehr gut auf seine beiden Verwandten zu sprechen und sah es nicht gern, wenn sie ihn besuchten.

Lena und Kurt Bernd waren weit davon entfernt, die Schuld daran bei sich selbst zu suchen. Sie waren fest davon überzeugt, dass Ruth Alving, das Mündel ihres Großonkels, ihn gegen sie beeinflusste. In ihren Augen war Ruth Alving eine gefährliche Erbschleicherin.

Rochus Bernd hatte Ruth Alving zu seinem Mündel gemacht, nachdem ihre beiden Eltern bei einem Eisenbahnunglück ums Leben gekommen waren: Sie hatten ein Landgut, das Rochus Bernd gehörte, bewirtschaftet und waren ihm treu ergeben gewesen.

Eines Tages hatte er sie, wie zuweilen, nach Berlin beordert, um mit ihnen Geschäfte zu besprechen. Er selbst stand damals noch mitten im geschäftlichen Leben, und seine Zeit war ihm zu kostbar, um auf das Gut zu reisen.

Kurzum, auf seinen Wunsch hatten sie auch diese Reise angetreten, die ihre letzte sein sollte. Der von ihnen benutzte Zug war entgleist. Unter den Toten, die der Unglücksfall forderte, befand sich das Ehepaar Alving. Mitten aus einem blühenden, schaffensfreudigen Leben wurden sie herausgerissen.

Rochus Bernd hatte sich nicht freimachen können von dem Gedanken, er sei indirekt schuld am Tod von Ruths Eltern, und dieses Gefühl trieb ihn dazu, sich in großmütigster Weise der verwaisten Ruth anzunehmen. Eine Tat, die ihm in Zukunft reichen Segen bringen sollte, denn Ruth wurde ihm lieb wie ein eigenes Kind und erhellte und erwärmte sein einsames Alter.

Rochus Bernd war seit langen Jahren Witwer, und seine einzige Tochter, die er sehr geliebt hatte, war ihm, als sie zweiundzwanzig Jahre zählte, auf tragische Weise genommen worden. So stand er ganz allein im Leben, bis er Ruth in sein Haus nahm.

Sie war jetzt zwanzig Jahre alt und Rochus Bernds rechte Hand in allen Dingen. Sie versah das Amt einer Sekretärin bei ihm und nahm sich des Haushalts in jeder Weise an. Sie erhielt alle Schlüssel von Wäschekammern, Vorratsräumen und Silberschränken, bestellte bei Lieferanten, rechnete mit ihnen ab und führte so genau über alles Buch, dass Onkel Rochus, wie sie ihren Vormund auf seinen Wunsch nannte, sie oft neckend damit aufzog und sich weigerte, die Bücher zu kontrollieren.

Dann pflegte sie ihn ernst und bittend anzusehen und zu sagen: „Ich tue das nicht deinetwegen und nicht meinetwegen, Onkel Rochus, du vertraust mir, wie ich mir selber vertraue. Aber ich will auch jederzeit imstande sein, anderen Menschen zu beweisen, dass alles korrekt ist. Du weißt, dass man mich mit misstrauischen Augen ansieht.“

Sie wussten beide, dass Ruth damit Lena und Kurt Bernd meinte, und so ließ der alte Herr sie gewähren und machte unter jede Monatsabrechnung, die Ruth ihm vorlegte, sein Abschlusszeichen.

Als der Vormund im Spätherbst ernstlich an einer schweren Grippe erkrankte, war ihm Ruth eine treue, nimmermüde Pflegerin. Sie teilte sich mit seinem alten Diener Heinrich die Nachtwachen und ließ dem verehrten Greis liebevolle Fürsorge angedeihen.

Das brachte die beiden Menschen einander noch näher, ein Umstand, der seinen auf seine Erbschaft wartenden Verwandten natürlich ein Dorn im Auge war.

Als er Ruth ganz zu sich ins Haus nahm, lebte der Vater von Lena und Kurt Bernd noch. Schon er hatte vergeblich von Tag zu Tag auf den Tod des alten Herrn gewartet. Er war Zeit seines Lebens ein Leichtfuß gewesen. Jede ernste Arbeit war ihm verhasst; er verbrachte seine Tage im Bett, seine Nächte in Bars und im Spielklub. Seine Gattin hatte auch nur ihrem Vergnügen gelebt und die Kinder sich selbst und den Dienstboten überlassen. Als sie an den Folgen einer Erkältung, die sie sich nach einer durchtanzten Ballnacht zugezogen hatte, starb, hinterließ sie keine Lücke. Aber nach ihrem Tod wurden die Verhältnisse ganz unhaltbar. Ihr Gatte gab sich vollends seinem ausschweifenden Leben hin, und die inzwischen unter der Obhut gewissenloser Dienstboten aufgewachsenen Kinder, die nie ein gutes Beispiel vor Augen gehabt hatten, traten ganz in die Fußstapfen der Eltern.

Lena, eine üppige Brünette mit schwarzen Feueraugen, hielt fleißig Umschau nach einem reichen Freier und entwickelte sich mehr und mehr zu einer raffinierten Kokotte. Aber reiche Freier waren auch in der zügellosen Nachkriegszeit nicht so leicht zu finden. Und so richteten sich Lenas Gedanken mehr und mehr auf das Erbe, das der Großonkel hinterlassen würde.

Kurt war das getreue Abbild seines Vaters. Er war faul, genusssüchtig, hatte trotz seiner Jugend schon einen durch Ausschweifungen zerrütteten Körper und pendelte zwischen Tanzbars und Spieltischen hin und her. Und sehr oft nahm er seine Schwester mit zu solchen Veranstaltungen, denn sie hingen wie die Kletten aneinander, nicht, weil sie sich liebten, sondern weil sie die gleichen Lebensziele hatten.

Einen Beruf übte Kurt so wenig aus, wie es sein Vater getan hatte. Wie er, suchte auch der Sohn am Spieltisch, beim Rennen oder durch nicht sehr einwandfreie Gelegenheitsgeschäfte zu Geld zu kommen. Und wenn er einmal ganz auf dem Trockenen war und nicht mehr aus und ein wusste, dann ging er zu Rochus Bernd, jammerte ihm von den schlechten Zeiten vor und bat um seine Hilfe.

Der alte Herr versagte diese Hilfe nie, obwohl ihm der Lebenswandel seiner Verwandten so gut bekannt war wie ihre Charaktereigenschaften. Aber er wollte sie nicht vollends in die Gosse kommen lassen, weil sie doch nun einmal seinen Namen trugen. Er half aber immer nur so weit, wie es unbedingt nötig war, denn er hatte keine Lust, sein in einem arbeitsreichen Leben erworbenes Vermögen sinnlos verschwenden zu lassen.

Als Rochus Bernd sein Mündel Ruth Alving ins Haus nahm, erfüllte seine Verwandten großes Missbehagen. Sie fürchteten, dass Ruth Alving ihren Einfluss geltend machen könnte, um sich zum mindesten einen Teil der Erbschaft zu erschleichen. Sie begrüßten es als ein großes Glück, dass Rochus Bernd, wie viele alte Leute, sich immer noch nicht entschließen konnte, ein Testament zu machen. Starb er, ohne ein Testament zu hinterlassen, dann musste ihnen alles zufallen. Machte er aber ein Testament, dann würde er sicher Ruth Alving hervorragend bedenken.

Und damit vermuteten sie richtig. Wenn Rochus Bernd schon einmal den Gedanken an ein Testament erwog, dann stand es bei ihm fest, dass Ruths Zukunft unbedingt sichergestellt werden sollte. Sie stand ihm näher als seine Verwandten. Und wenn er auch nicht daran dachte, sie zu übergehen, so war er doch willens, ganz anders zu testieren, als sie es erhofften. Der alte Herr hatte auch schon zuweilen mit seinem Notar, Dr. Jungmann, über seine Testamentspläne gesprochen, aber zur Ausführung waren diese Pläne noch nicht gekommen. Jedenfalls aber feindeten seine Verwandten die völlig unschuldige Ruth in gehässiger Weise an, und wenn in ihren frivolen Herzen noch Raum für ein Gebet gewesen wäre, so hätten sie sicher darum gebetet, Rochus Bernd möge recht bald, und ohne ein Testament zu hinterlassen, sterben.

Der Vater der beiden Geschwister sollte jedoch nicht in die Lage kommen, Rochus Bernd zu beerben. Er starb nach einem kurzen Krankenlager und ließ seine Kinder in nichts weniger als geordneten Verhältnissen zurück. Die Geschwister verkauften einen Teil der Möbel, bezogen zusammen eine Dreizimmerwohnung, hielten sich zur Bedienung ein Dienstmädchen und verjubelten bald den Erlös aus diesen Verkäufen. Und wenn sie nichts mehr hatten, musste der Großonkel helfen. Oft genug malten die Geschwister sich aus, wie sie leben wollten, wenn erst des Oheims Reichtum ihnen gehörte, wenn sie in der Villa Bernd wohnen und mit dem eigenen Auto fahren würden.

Sooft es der Großonkel erlaubte, besuchten sie ihn, schon um Ruth Alving zu kontrollieren, ihr das Leben schwer zu machen und sie in den Augen des alten Herrn herabzusetzen.

Auch heute hatten sie bei ihrer Ankunft Ruth in ziemlich ungezogener Art behandelt. Ruth hatte sie im Vestibül empfangen und hatte ihnen gesagt, Onkel Rochus sei noch immer nicht ganz wohl, sie möchten daher recht vorsichtig sein, um den alten Herrn nicht aufzuregen.

Während Kurt mit seinen begehrlichen Augen Ruths Jugendschöne Gestalt sah, saß Lena sie von oben herab ab.

„Wir bedürfen keiner Verhaltensmaßregeln, Fräulein Alving, die können Sie sich sparen.“

Und Kurt fuhr mit überlegenem Lächeln fort: „Ihre Fürsorge für unseren teuren Verwandten ist rührend, aber Ihre Verhaltensmaßregeln sind in der Tat überflüssig.“

Ruth, die diesen Ton von den Geschwistern gewöhnt war, blieb ruhig.

„Ich wollte Ihnen keine Vorschriften machen, sondern Ihnen nur mitteilen, dass Onkel Rochus noch nicht wieder ganz gesund ist.“

Lena hatte mit den Schultern gezuckt und Ruth von oben bis unten angesehen.

„Mein Gott, diese Anmaßung! Und das ist es doch wohl, wenn Untergebene widersprechen.“

Ruths Lippen zuckten, aber sie verlor ihre Selbstbeherrschung nicht.

„Ich bin nicht Ihre Untergebene, Fräulein Bernd, und was ich für meine Pflicht halte, werde ich tun, ob es Ihnen gefällt oder nicht.“

„Unverschämt!“, zischte Lena sie an und ging an ihr vorüber ins Zimmer.

Ihr Bruder folgte, Ruth mit einem unverschämten Lächeln musternd. Das junge Mädchen blieb, nach Fassung ringend, zurück und musste hören, wie Fräulein Bernd zu dem alten Herrn sagte: „Weißt du, Großonkelchen, dieses Fräulein Alving benimmt sich, als sei sie die Herrin dieses Hauses. Sie bekommt immer mehr Prinzessinnenallüren. Ich begreife nicht, dass du diese anmaßende und dabei langweilige Person Tag für Tag um dich leiden magst.“

Der alte Herr sah Lena bei diesen Worten mit seinen durchdringenden Augen seltsam an. „Hast du schon wieder etwas an Ruth auszusetzen? Sie ist mir eine treue, aufopfernde Pflegerin, eine nimmermüde Gesellschafterin. Ohne sie wäre mein Leben einsam und leer.“

„Aber liebes Großonkelchen, wenn du mir doch gestatten würdest, immer bei dir zu bleiben, ich würde dich noch viel aufopfernder und liebevoller pflegen.“

Mit einem sarkastischen Lächeln sah er sie an. „Du hast ja nicht einmal deinen Vater gepflegt, als er krank war. Er starb, während du dich auf einem Tanztee amüsiertest.“

„Ich konnte doch nicht vorher wissen, dass er starb.“

„Nein, aber du wusstest, dass er todkrank war und ließest ihn doch allein. Du besitzt jedenfalls nicht die aufopfernden Eigenschaften einer Krankenpflegerin, und ich würde einen sehr schlechten Tausch machen.“

Lena machte ein allerliebstes Schmollmäulchen und sah ihn kokett an. „Das käme doch auf die Probe an.“

Er wehrte ab. „Darauf will ich es nicht erst ankommen lassen.“

„Nun, ich stehe dir doch näher als Fräulein Alving.“

„Meinst du?“, fragte er mit seltsamer Betonung.

Lena konnte nur schwer ihren Ärger meistern.

„Sie darf immer bei dir sein – uns hältst du fern“, schmollte sie.

Der alte Herr sah sie scharf an. „Das hat seine Gründe, Lena.“

Nun verlor sie ihre Ruhe. „Oh, ich weiß, Fräulein Alving macht sich breit in deinem Herzen und verdrängt uns daraus. Sie berichtet dir allerlei Ungünstiges über uns, um sich bei dir einzuschmeicheln und uns in deinen Augen herabzusetzen.“

Rochus Bernd lachte hart und trocken auf. „Da kennst du Ruth Alving schlecht, die ist von anderer Art als ihr. Und von euch braucht sie mir nichts Ungünstiges zu berichten, das besorgen andere Leute zur Genüge. Also, lasst mir endlich Ruth ungeschoren! Sie ist der Sonnenschein meines einsamen Alters, und ich habe sie viel zu lieb, um zu dulden, dass ihr sie mit Feindseligkeiten verfolgt.“

Ruth hatte auch diese Worte gehört. Sie trieben ihr das Blut ins Gesicht. Und hastig wandte sie sich vom Fenster ab, um ins Zimmer zu treten. Es wurde ihr bewusst, dass Onkel Rochus nicht wusste, dass sie sich hier nebenan befand und alles hören konnte, was über sie gesprochen wurde. Deshalb trat sie schnell über die Schwelle des Zimmers.

„Ich bin hier, Onkel Rochus. Wenn du mich nicht brauchst, kann ich mich wohl zurückziehen?“

Der alte Herr richtete sich lächelnd auf. „Nein, bleib hier und komm herein! Ich wusste nicht, dass du nebenan warst. Hast du gehört, was gesprochen wurde?“

„Ja, ich konnte es leider nicht verhindern.“

Lächelnd nickte er ihr zu. „Es war wohl nicht für deine Ohren bestimmt; aber da du es gegen deinen Willen hörtest, mache es dir zunutze. Man hat hier nicht viel Gutes über dich gesagt.“

„Ich habe es gehört.“

„Hat es dich geärgert, Ruth?“

„Du sprachst ja Gutes von mir. Geärgert habe ich mich nicht.“

„Das ist gescheit, Ruth, manche Dinge muss man nicht so wichtig nehmen, dass man sich darüber ärgert. Aber nun lass den Tee servieren, kleine Hausfrau, denn nach dem Tee wollen die Herrschaften gewiss wieder aufbrechen!“

Ruth entfernte sich, und die Geschwister sahen ihr mit feindseligen Augen nach.

Rochus Bernd fing diese Blicke auf und wurde nachdenklich.

Als Ruth in Begleitung des alten Dieners Heinrich zurückkam, der den Teewagen hereinrollte, wurde der Tee eingenommen. Die Geschwister wagten keine weiteren Ausfälle gegen Ruth. Sie begnügten sich damit, sie voll Gehässigkeit anzusehen.

Als der Tee eingenommen war, verabschiedete Rochus Bernd die Geschwister ohne viel Umstände. Er bedürfe der Ruhe, sagte er.

Sie entfernten sich ohne Widerrede und verließen stumm das Haus. Sie sprachen auch kein Wort, während sie durch den großen, winterlich verschneiten Garten gingen, der die Villa Bernd umgab. Erst als sie die Straße hinabschritten, stieß Kurt Bernd zwischen den Zähnen hervor: „Ich könnte diese scheinheilige Erbschleicherin kalten Bluts umbringen.“

Seine Schwester sah ihn mit ihren schwarzen Flammenaugen spöttisch an. „Ich dachte, du hättest sie neulich mit sehr verliebten Blicken angesehen.“

Er zuckte die Schultern. „Nun ja, hübsch ist diese Person. Aber um mich in sie zu verlieben, ist sie mir zu gefährlich. Der alte Schwachkopf ist imstande, ihr den größten Teil seines Vermögens zu vererben, wenn er dazu kommt, ein Testament zu machen. Ein Glück, dass er immer wieder zögert, aus Angst, dass er abfahren muss, wenn er seinen letzten Willen niedergelegt hat. Er denkt durchaus nicht gern an den Tod und an alles, was damit zusammenhängt. So ist unsere einzige Hoffnung, dass er sich so lange vor einem Testament fürchtet, bis es zu spät ist. Sonst schnappt sie das fette Erbe, und wir werden mit einem Bettelgroschen abgespeist.“

Lenas dunkle Augen bekamen einen raubtierähnlichen Ausdruck. „Dann soll sie sich hüten; ich weiß nicht, wozu ich imstande wäre, wenn ihre Erbschleicherei Erfolg hätte.“

„Was könnte man nur tun, um sie unschädlich zu machen?“

Lena wickelte sich fröstelnd in ihren weiten schwarzen Samtmantel, der mit Skunkspelz besetzt war.

„Ich habe mir schon den Kopf zerbrochen, aber es fällt mir nichts ein. Sie sitzt zu fest in seiner Gunst, das hast du ja heute wieder gesehen. Unsere einzige Hoffnung bleibt, dass er sich fürchtet, ein Testament zu machen.“

„Anscheinend denkt er noch nicht an den Tod. Du hast ja gehört, er macht Reisepläne. Sobald er sich wieder kräftig genug fühlt, will er nach Italien, um sich vollends zu erholen.“

„Und diese Person wird ihn begleiten! Sie reist mit nach Italien – und wir bleiben zu Hause; sie fährt im Auto nach der Stadt, und wir stapfen hier durch den Schnee nach der Elektrischen; sie lebt wie eine Prinzessin in der Villa und wir müssen uns in einer Dreizimmerwohnung ducken. Wie ich sie hasse, diese hergelaufene Person!“

„Dass man so ohnmächtig zusehen muss“, knirschte Kurt zwischen den Zähnen hervor. „Sie sitzt in der Wolle, hat alles, was ihr Sinn begehrt, und wir müssen uns begnügen mit den Brosamen, die von seinem Tisch fallen.“

„Dabei spielt sie sich auf wie die Herrin des Hauses! Aber das kann ich dir sagen, Kurt, ich zahle es ihr heim, wenn wir erst mal die Erbschaft antreten. Dann kann sie etwas erleben!“

***

Ruth Alving hatte, als die Geschwister fortgegangen waren, Rochus Bernd in sein Arbeitszimmer begleitet. Er hatte ihr einige geschäftliche Briefe diktiert. Ruth kannte alle seine geschäftlichen Angelegenheiten. Sie wusste Bescheid über den Stand seines Vermögens, über seine Einkünfte, seine Ausgaben und war ihm auch sonst in allen Dingen eine verständnisvolle Helferin. Aber nie war ihr dabei der Gedanke gekommen, dass Rochus Bernd sie einmal in seinem Testament bedenken könne. Es erschien ihr zweifellos, dass die Geschwister Bernd als die einzigen Verwandten von Rochus Bernd auch seine Erben sein würden. Wenn auch der alte Herr nicht viel von ihnen hielt, so war er doch ein Mann, der Familienbande hochhielt.

Was aus ihr selbst wurde, wenn ihr Wohltäter eines Tages starb, darüber machte sich Ruth keine Sorgen. Sie traute sich zu, auf eigenen Füßen stehen zu können. Auch besaß sie für den Fall der Not ein Sparkassenbuch, auf das sie einzahlte, was sie von ihrem Taschengeld, das Onkel Rochus ihr auszahlte, übrig behielt.

Sie war ein tapferes, unverzagtes Geschöpf und ein vornehmer, uneigennütziger Charakter. An ihren Vormund band sie tiefe Dankbarkeit und große Verehrung: Er galt nach außen als ein harter, stolzer Mann, aber im Innern war er gütig und herzlich. Freilich, einmal hatte er, vor vielen Jahren, seiner Härte und seinem Stolz ein Opfer gebracht, er hatte mit dieser Härte sein eigenes Kind, seine einzige Tochter, gequält und hatte noch geglaubt, im Recht zu sein. Aber der tiefe Schmerz über den Verlust dieser geliebten Tochter hatte alle Härte in ihm ausgelöscht.

Zuweilen sprach er mit Ruth von seiner Tochter Maria, deren Bild über seinem Schreibtisch hing. Er hatte ihr erzählt, was geschehen war, ehe er sie verlor. Sie hatte ihm den Schmerz angetan, sich in einen Mann zu verlieben, den er nicht als Schwiegersohn anerkennen wollte, weil er ein Angestellter in seinem Geschäftsbetrieb war. Er war als Korrespondent bei der Firma Bernd tätig gewesen, war ein tüchtiger, fleißiger Mensch und aus guter Familie. Aber Rochus Bernd, der für seine schöne Tochter die Sterne vom Himmel hätte herabholen mögen, fand es unerhört, dass dieser Mann es gewagt hatte, seine Augen zu der Tochter seines Chefs zu erheben.

Als seine Tochter behauptete, sie heirate nur diesen Mann oder keinen, war er in Zorn geraten. Er wollte ihr diese unvernünftige Liebelei gründlich austreiben und schickte sie kurzerhand auf ein Jahr nach England zu einer Cousine ihrer verstorbenen Mutter, die in dem Dorf Longvillage ein reizendes Häuschen bewohnte.

Den Korrespondenten hatte er noch vorher entlassen und so die Beziehungen zwischen den beiden Liebenden unterbrochen.

Schwer genug war es ihn angekommen, sich auf ein Jahr von seiner Tochter zu trennen, aber er hatte seinem Stolz dieses Opfer gebracht; die einzige Tochter von Rochus Bernd sollte nicht mit einem simplen Angestellten ihres Vaters Hochzeit machen.

Als das Jahr der Trennung vorüber war, ließ er seine Tochter wieder heimkehren. Sie war auch gekommen, und er hatte seine Augen ergötzt an ihrer reifer gewordenen Schönheit, und zugleich hatte ihm das Herz weh getan, weil sie blasser und zarter als sonst aussah, fast, als sei sie krank gewesen. Einige Zeit lebten sie nebeneinander dahin, einer den anderen schonend und jede kritische Frage vermeidend. Maria war dem Vater gegenüber sehr lieb und zärtlich, und er überhäufte sie mit liebevollen Aufmerksamkeiten. Und eines Tages nahm er sie bei den Schultern und fragte lächelnd: „Nun, Maria, hast du nun die Torheit überwunden, um derentwillen ich dich von mir gehen ließ?“

Da war ein Zittern über sie dahingeflogen und eine dunkle Glut in ihr Gesicht gestiegen.

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