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Hedwig Courths-Mahler - Folge 021

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Seine große Liebe

Ergreifender Liebesroman der unvergessenen Schriftstellerin

 

 

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Still und einsam war es um die junge Reiterin, die reglos auf ihrem Pferd saß und mit traurigen Augen um sich blickte. Da lag das weite Land vor ihr, mit dem zahlreichen Vieh, das darauf weidete. Dies alles hatte ihrem verstorbenen Vater gehört. Die Mutter hatte es verkaufen müssen, weil sie krank war, krank vor Sehnsucht nach der verlorenen Heimat. Sie wollte wieder heim nach Deutschland, die arme Mutter. Nun, da der Vater tot war, der sie hier mit seinem strengen Willen festgehalten hatte, hoffte sie heimkehren zu können, hoffte, in der Heimatluft gesund zu werden. Aber es war anders gekommen. Gleich nachdem sie den Verkauf der großen Viehfarm abgeschlossen hatte, legte sie sich aufs Krankenlager, um nicht wieder aufzustehen. Nach wenigen Wochen starb auch sie, als habe sie der Vater nachgezogen, der Vater, der sie so heiß geliebt hatte, dass er um ihretwillen alles aufgab und mit dem sie dann doch so unglücklich gelebt hatte bis zu seinem Ende. War die alte Liebe wieder aufgewacht an seinem Sterbebett, oder was hatte sie so fassungslos an seiner Leiche zusammenbrechen lassen? Bussa wusste es nicht; sie war nur sehr erschüttert gewesen von diesem Zusammenbruch der Mutter. Todeinsam hatte sie zwischen den entfremdeten Eltern gelebt, hatte weder bei Vater noch Mutter Verständnis gefunden, keine Wärme, keine Liebe, keinen Trost für all ihre großen und kleinen Leiden.

Und als die Mutter dann die Farm verkaufte und heimwärts drängte, da hatte sie nicht zu widersprechen gewagt. Und nun lag die Mutter an der Seite des Vaters zu Füßen des Hügels. Bussa war es, als werde ihr das Herz mitten durchgerissen, als sie dachte: Dies alles siehst du zum letzten Mal, dies alles – auch das Grab deiner Eltern. Morgen um diese Zeit bist du schon weit fort, auf dem Weg nach der elterlichen Heimat, die sie einst um starrer Standesvorurteile willen verlassen mussten, weil sie nicht voneinander lassen konnten. Und ihr einziges Kind ließen sie leiden, ließen es einsam neben sich aufwachsen.

Bussa von Nordeck hatte freilich mehrere Erzieherinnen gehabt, aber keine von ihnen hatte ihr Liebe und Wärme geben können, sie waren gleichsam selber erstarrt in der eisigen Luft, die in dem großen, weitläufigen Gebäude der Luxusfarm herrschte. Sie taten ihre Pflicht, solange sie es aushielten, und atmeten auf, wenn sie wieder gehen konnten.

So lebte Bussa meistens allein mit den Eltern und den Angestellten, die zur Hälfte aus Eingeborenen bestanden, zur anderen Hälfte alte treu ergebene Leute waren, die dem Grafen Nordeck und seiner Gemahlin aus dem deutschen Herzogtum hierher in die Verbannung folgten. Denn eine Verbannung war es gewesen, in die der ehemalige Prinz Ludwig geschickt wurde, zur Strafe dafür, dass er die Hofdame seiner Mutter, eine schlichte Freiin von Biberstein, heiratete. Aber er liebte sie so sehr, dass er freudig auf all seine Titel, Rechte und Besitztümer verzichtete. Er nahm einzig sein Privatvermögen mit sich, das sich allerdings immerhin auf, gut zwei Millionen Mark belief. Er hatte mit seinem Ehrenwort versprechen müssen, ins Ausland zu gehen, und auch, dass er nie mehr nach Deutschland zurückkehren, überhaupt alle Beziehungen zu seiner Familie aufgeben werde.

Dies alles war im Jahr 1912 geschehen. Er hatte sich für Südwest entschieden, wo er schon einmal kurze Zeit als Offizier gelebt hatte. Eine von seinen zwei Millionen hatte er in einer Farm angelegt. Als Graf Nordeck lebte er dort mit seiner Gemahlin während der ersten Jahre in überschwänglicher Glückseligkeit.

Sie führten ein großes Haus, das ständig voller Gäste war. Graf Nordeck hielt sich die schönsten Pferde, eine große Anzahl Diener und Dienerinnen und lebte, wie er es gewohnt war, auf großem Fuß. Seine junge Gemahlin, eine verwegene Reiterin, gewandt in jedem Sport, war ihm eine Gefährtin, wie er sie sich nur wünschen konnte – solange es aus dem Vollen ging.

Dann kam der Tag, an dem Graf Nordeck merkte, dass er in einem Jahr zehnmal mehr verbraucht hatte, als er hätte verwenden dürfen.

Die Sorge, die ganz gemeine graue Alltagssorge, machte sich plötzlich auf Farm Nordeck breit. Die Ehegatten erwachten aus ihrem Glücksrausch und machten sich gegenseitig Vorwürfe.

Dann kam der Krieg, und Graf Nordeck wurde ins Internierungslager abgeführt. Die Gräfin konnte und wollte nicht verstehen, dass man sparen müsse, sie lebte weiter so verschwenderisch, wie es ihr in dieser Zeit möglich war. Und als Graf Nordeck aus dem Lager entlassen wurde und nach Hause kam, stand er vor dem Ruin.

Da sollten nun diese beiden verwöhnten Menschen mit dem auskommen, was die Farm einbrachte. Es war wenig genug: Man musste sparen – und konnte es nicht, weil man es nicht gelernt hatte. Und wo die Sorge zur Tür hereinkommt, fliegt die Liebe zum Fenster hinaus. Graf Nordeck und seine Gemahlin machten sich weiter Vorwürfe, die immer härter und schonungsloser wurden. Und als der Graf ihr eines Tages in besonders heftigem Ärger zurief: „Dies alles habe ich dir zu verdanken – hätte ich dich doch nie kennen gelernt!“, da bäumte sich der Stolz der Gräfin auf. Sie verfluchte den Tag, da sie die Seine geworden war.

Von diesem Tag an wurde das Verhältnis zwischen den beiden Gatten geradezu feindselig.

Bussa, das einzige Kind des Grafen, wurde im ersten Jahr seiner Ehe geboren, als die beiden Gatten sich noch in heißer Liebe anhingen. Doch damals war sie zu klein gewesen, um etwas von dieser Liebe und Wärme zu spüren. So lange sie denken konnte, waren die Eltern kalt und ablehnend zueinander gewesen.

Und dann war der Vater gestorben. Als Bussa, die inzwischen zu einem jungen Mädchen herangewachsen war, sah, dass die Mutter sich in haltlosem Schmerz über den Toten warf, hatte sie sich verwundert gefragt: „Warum war Mutter so kalt zu Vater, wenn sie ihn doch so geliebt hat, dass sein Tod sie zusammenbrechen lässt?“

Das war eins der vielen Rätsel des Menschenherzens. In dem Augenblick, als Graf Ludwig Nordeck, der einstige Prinz Ludwig, erkannte, dass er sterben müsse, da war auch in seinem Herzen die alte Liebe wieder erwacht, und er hatte seiner Frau die Hand gereicht und geflüstert: „Nun lasse ich dich allein, Maria, und nun weiß ich wieder – es war doch Liebe, was uns verband – wir hatten nur zusammen weder Glück noch Stern.“

Das waren seine letzten Worte gewesen. Und sie war stumm zusammengebrochen über seiner Leiche – und hatte das Leben ohne ihn nicht lange mehr ertragen können.

Nun war Bussa ganz allein, und morgen würde sie die Reise nach Deutschland antreten.

Von dem, was sie dort erwartete, hatte sie keine Ahnung. Sie wusste nur, dass ihre Mutter eine Waise ohne jeden Familienanhang gewesen war, als sie mit dem Vater nach Südwest ging, wusste auch, dass ihr Vater der Prinz eines einst regierenden Herzoghauses war und dass seine Mutter auf einem ihrer Güter, die ihr erhalten geblieben waren, lebte. Auch lebten wohl noch einige andere Verwandte ihres Vaters, aber sie wusste auch, dass sie sich alle von ihrem Vater abgewandt hatten, als er ihre Mutter heiratete.

Die beiden Brüder ihres Vaters waren gestorben, der jüngere war im Krieg gefallen, der andere bei einer Autofahrt verunglückt. Das hatte Bussa von der Mutter erfahren, die es in Zeitungen gelesen hatte.

„Wir werden also ganz allein im Leben stehen, wenn wir nach Deutschland kommen, aber wir werden doch wieder in der Heimat sein“, so hatte sie gesagt.

Und nun war sie doch nicht mehr heimgekommen!

Bussa schauerte zusammen wie im Frost. Sie war vor der Grabstätte ihrer Eltern angelangt und sah seufzend darauf nieder.

Leise, wie liebkosend strich sie mit der Hand über den Hügel und bestieg dann rasch wieder ihr Pferd.

Ihr Pferd?

Nein, auch das gehörte ihr nicht mehr – es war mit allem lebenden und toten Inventar der Farm an den neuen Besitzer verkauft worden. Morgen früh würde sie es noch einmal reiten, auf dem Weg nach dem stundenweit entfernten kleinen Bahnhof, von dem sie abreisen würde. Ihre Koffer waren schon dorthin unterwegs.

Schnell ritt sie nach ihrem Vaterhaus hinüber und begab sich sogleich in ihr Zimmer, das man ihr noch bis morgen zur Verfügung gestellt hatte. Es war ihr jetzt unmöglich, sich ihren Wirten zu zeigen, so freundlich und gastlich sie sich ihr gegenüber auch erwiesen hatten.

Still kauerte sie sich in einen Lehnstuhl und ließ ihre traurigen Augen, wie Abschied nehmend, durch das Zimmer schweifen. Auf dem Bild ihrer Eltern, das noch auf der Kommode stand, blieb ihr Blick haften: Es war ein Bild aus glücklichen Zeiten, als noch kein Schatten auf die heimliche Liebe des jungen Prinzen zu der Hofdame seiner Mutter fiel. Er trug eine Rose in der Hand. Symbol des blühenden Lebens. Was war daraus geworden!

Wie lange Bussa so gesessen hatte, wusste sie nicht, als es an ihrer Tür klopfte. Erschrocken erhob sie sich. Ein Blick in den Spiegel – sie wollte sich nicht in unordentlichem Zustand vor der Dienerschaft sehen lassen.

Es klopfte noch einmal, und sie rief zum Eintritt. Es war einer der weißen Diener, die der neue Besitzer mit übernommen hatte. Er überreichte ihr auf einem kleinen silbernen Tablett ein Schreiben, das sie verwundert aufnahm. Dann winkte sie dem Diener ab.

Wer hatte ihr etwas zu schreiben? Sie sah auf den steifen, elfenbeinfarbenen Umschlag herab. Er zeigte eine deutsche Marke und einen deutschen Poststempel. Und auf der Rückseite war ein Wappen eingeprägt. Sie kannte dieses Wappen. Unwillkürlich richtete sie sich hoch auf. Es war ihr eigenes Wappen, das ihres verstorbenen Vaters – das des herzoglichen Hauses, aus dem ihr Vater stammte. Etwas wie Angst durchzuckte ihr Herz. Was wollten diese Menschen, die dieses Wappen führten, von ihr?

Sie sank in einen Sessel zurück und öffnete den Brief. Langsam zog sie den steifen Bogen heraus und entfaltete ihn. Dann las sie:

Meine geliebte Enkelin Bussa!

Sie wagte nicht weiterzulesen. Wer nannte sie da ihre geliebte Enkelin? Es gab nur einen Menschen auf der Welt, der sie so nennen konnte, aber dieser eine Mensch würde das doch nicht tun?

Scheu sah sie auf der Rückseite nach der Unterschrift.

Deine Großmutter, Libussa von

Nordeck.

Ein seltsames Gefühl beschlich Bussa – wirklich ihre Großmutter, nach der ihr Vater sie getauft hatte! Was hatte sie ihr zu schreiben? Sie gab sich einen Ruck, wie in Abwehr, und begann zu lesen:

Meine geliebte Enkelin Bussa!

Durch einen ehemaligen Freund deines Vaters, der einige Jahre in Südwest war und mir von deinem Vater alles erzählen musste was er wusste, hörte ich, dass er gestorben ist. Mein liebes Kind, was eine Mutter bei dieser Kunde fühlt, möge dir immer unbekannt bleiben. Ich musste diese Kunde von dreien meiner Söhne erfahren. Dein Vater war mir schon einmal gestorben, als er sich von meinem Herzen riss, um der Frau seiner Liebe zu folgen – ich gestehe dir, dass ich deine Mutter hasste, weil ich um ihretwillen meinen Sohn verlor. Und solange sie lebte, trennte mich dieser Hass auch von dir. Ich konnte mich nicht entschließen, mit ihr in Verbindung zu treten, obwohl inzwischen in Deutschland eine neue Zeit anbrach, die mit den Vorurteilen des Adels und der regierenden Häuser gründlich aufräumte. Alles hat sich verändert, ich selbst bin jetzt eine schlichte Privatperson und gottlob nicht mehr gezwungen, zu repräsentieren. Den Namen, den auch dein Vater annahm, als er von uns ging, und der einer unserer vielen Namen ist, habe auch ich angenommen, als ich meine Würden und Bürden niederlegen musste. Vielleicht wollte uns der Himmel für unseren Hochmut strafen dadurch, dass wir aller Rechte verlustig gingen, die mit dem Herzogtitel verbunden waren. Mich hat es nicht getroffen, ich bin nur entlastet worden. Und ich lebe auf unserem alten Schloss Nordeck so ruhig und friedlich, wie ich es überhaupt noch tun kann, nachdem der Tod mir alles nahm, was mir lieb war.

Mein Sohn Arnim hat eine Witwe hinterlassen, sie hat sich mit einem Bürgerlichen in zweiter Ehe vermählt. Wie leicht ist das jetzt? Dein Vater wurde aus der Heimat, aus der Familie verbannt, weil er seinem Herzen folgte. Doch das alles können wir uns mündlich berichten, denn – ich habe gehört, dass auch deine Mutter gestorben ist und du nun allein auf der Welt stehst, so allein wie ich, meine liebe Enkelin. Und deshalb bitte ich dich herzlich – komm zu mir nach Schloss Nordeck! Ich sehne mich nach dir und möchte an dir gutmachen, was wir deinem Vater antun mussten. Mussten, mein Kind, davon sei überzeugt, nach den Gesetzen unseres Hauses. Warum wurden sie nicht schon umgestoßen und ungültig, ehe ich meinen Sohn hingeben musste? Komm zu mir, Bussa, Kind meines geliebten Sohnes, du sollst mir herzlich willkommen sein. Sende mir ein Telegramm, mit welchem Dampfer ich dich erwarten darf. Ich sende dir dann meine Kammerfrau an Bord, die dich empfangen und zu mir führen wird. Zögere nicht – ich bin eine alte Frau und fühle mich sehr einsam. Wir wollen uns beide lieb haben und uns gegenseitig die Einsamkeit erträglich machen.

Deine Großmutter, Libussa von

Nordeck

Ein Zittern lief über Bussa hin, als sie den Brief sinken ließ. Die Worte der fernen Großmutter schmeichelten sich in ihr einsames Herz.

Ein weiches, sehnsüchtiges Gefühl erwachte in ihr.

Gewiss, die Großmutter hatte ihre Mutter gehasst, aber doch nur, weil sie ihr den Sohn nahm, ihn für alle Zeiten aus dem Kreis seiner Familie riss! War ein solcher Hass nicht verzeihlich?

Sie las den Brief noch einmal, langsam und bedächtig. Und wieder griff en ihr die Worte der fernen Großmutter seltsam ans Herz.

Sie raffte sich auf und strich sich das Haar aus der Stirn. Verträumt sah sie noch eine Weile vor sich hin, dann setzte sie sich an ihren Schreibtisch, nahm einen der letzten Briefbogen und setzte ein Telegramm auf:

abreise sechsten mai stopp mit dampfer „wangonie“ stopp innigen dank stopp deine enkelin bussa

Damit ging sie hinunter, um den neuen Besitzer der Farm zu bitten, das Telegramm für sie besorgen zu lassen. Es war adressiert an die Gräfin Libussa Nordeck, Schloss Nordeck.

***

Schloss Nordeck lag im westlichen Norden Deutschlands. Es war ein Gebäude aus der Spätrenaissance und lag sehr stattlich und malerisch auf dem Gipfel einer Anhöhe.

Rund um das Schloss erstreckte sich ein ausgedehnter Park, und auch die ganze Anhöhe war dicht mit hohen Bäumen, Eichen, Buchen und Tannen, bedeckt. Diesen Bergwald benutzten die Bewohner der kleinen Stadt, die zu Füßen des Schlosses lag, zum sonntäglichen Spaziergang, und wenn sie dabei an den Parkzaun kamen, versuchten sie, etwas von den Bewohnern des Schlosses zu erspähen.

Natürlich wusste man, dass hier die einstige Herzogin seit dem Tod ihres Gemahls in aller Stille lebte. Ihr Gemahl hatte seine Entthronung nur um ein Jahr überlebt. Ihm war es nicht möglich gewesen, sich in die neue Zeit zu finden, in der es keine regierenden Herren mehr gab. Innerlich hadernd und grollend, hatte er sich in sein immerhin noch recht beneidenswertes Schicksal fügen müssen; denn er war einer der Fürsten, die über ein großes Privatvermögen verfügten. So hätte er auch nach seiner Abdankung recht sorglos und angenehm leben können, aber er war in der Hofluft groß geworden, auf die er einfach nicht verzichten zu können glaubte.

So hatte er streng darauf gehalten, dass der Hofton auch auf Schloss Nordeck aufrechterhalten blieb.

Er hatte den Namen Graf Nordeck angenommen, aber er und seine Gemahlin wurden weiter mit „Königliche Hoheit“ oder wenigstens mit „Hoheit“ angeredet.

Als der Herzog gestorben war, folgte ihm einer seiner Hofbeamten nach dem anderen, es waren ja alles schon alte Herren und Damen. Und seltsamerweise zeigte sich nach dem Tod des Herzogs, dass seine Gemahlin entschieden anders geartet war. Sie unterdrückte das unangebrachte Hofzeremoniell, so viel es ging, vereinfachte das ganze Leben und Treiben im Schloss und verwandte die so ersparten Gelder, um auf ihre Art dem Volk zu helfen. Sie ließ für ihre Schützlinge in der Schlossküche ganze Kessel voll kräftiger Speisen kochen, stellte Schneider und Schuster an, um Kleidungsstücke für Bedürftige zu arbeiten, stattete Bräute aus und sorgte dafür, dass arme Wöchnerinnen alles hatten, was sie brauchten, um wieder gesund und kräftig zu werden.

Sie wurde sehr freiheitsliebend, die alte Herzogin, und fand, dass eigentlich jetzt erst das Leben so recht lebenswert sein könnte, wenn man nur nicht so allein gewesen wäre.

Als sie dann an ihre Enkelin geschrieben hatte, wartete sie ungeduldig auf Antwort. Sie wurde vor Freude blass und rot, als sie Bussas Telegramm erhielt und sich ausrechnete, dass nur noch einige Wochen vergehen würden, bis sie die Enkelin in ihre Arme schließen konnte. Sie hatte es der Witwe ihres ältesten Sohnes durchaus nicht verdacht, dass sie bei einer zweiten Ehe, die sie einging, nur ihr Herz sprechen ließ und einen Bürgerlichen geheiratet hatte, der allerdings sehr reich war und große Ländereien besaß.

Der zweite Mann ihrer Schwiegertochter hatte einen Bruder, und dieser war der nächste Nachbar von Nordeck. Er besaß gleichfalls große Ländereien, deren Verwaltung er selbst in Händen hatte. Sein Gut Hasselrode lag kaum eine Stunde entfernt von Nordeck. Durch die Heirat ihrer Schwiegertochter mit seinem Bruder war die Gräfin Nordeck näher mit ihm bekannt geworden.

An dem Tag, da die Gräfin Nordeck das Telegramm von Bussa erhalten hatte, machte Will Wendland wieder, wie oft, einen Besuch bei der alten Dame. Er war eine interessante Erscheinung mit breiten Schultern und einer kraftvollen und doch schlanken Gestalt. Seinem energischen Gesicht merkte man an, dass er wusste, was er wollte. Und das war nicht wenig.

Von frühester Jugend an zog es die Brüder Wendland zur Natur, zur Landwirtschaft. Ihr Vater war ein reicher Mann, der sein Vermögen auch über die Inflation hinaus sicher anzulegen gewusst hatte. Seine Söhne hatte er zu weitblickenden Menschen erzogen, und es fiel ihm nicht ein, sie in einen Beruf zu zwingen, für den sie keine Neigung hatten. Er konnte sich den Luxus leisten, ihnen freie Wahl zu lassen, und seltsamerweise verlangten sie beide, Landwirte zu werden und besuchten nacheinander landwirtschaftliche Hochschulen. Inzwischen sah sich ihr Vater nach Grundstücken um, die seine Jungen bewirtschaften konnten, und er war auch hierbei vom Glück begünstigt. Für den älteren Sohn Jürgen kaufte er in der Rheingegend eine große Besitzung und für den jüngeren im Nordwesten des Landes. So wurde Will der Gutsnachbar des früheren Herzogs. Sein älterer Bruder besuchte ihn dort einige Male und lernte die Witwe des Prinzen Arnim kennen und lieben. Diese Liebe war gegenseitig. Prinzessin Herta, die dem viel älteren Prinzen Arnim zur Gattin bestimmt worden war, ohne dass sie ihn liebte, hatte sich fügen müssen, wie so viele andere Prinzessinnen der alten Zeit. Sie lebte trotzdem in einer harmonischen Ehe mit ihm und betrauerte ihn aufrichtig, als er mit dem Auto tödlich verunglückte. Zwei Jahre nach seinem Tod lernte sie Jürgen Wendland kennen, und sie verliebte sich leidenschaftlich in ihn. Wie ein Freiheitsrausch ergriff es die noch junge und reizende Frau, und da ihr Schwiegervater schon tot war und keinen Einspruch ...

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