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Hedwig Courths-Mahler - Folge 020

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Was tat ich dir?

Ergreifender Liebesroman der unvergessenen Schriftstellerin

 

 

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Die Standuhr in Romana Nordeggs Arbeitszimmer schlug die neunte Stunde.

Romana hob einen Augenblick den Kopf, der über Rechnungsbücher gebeugt war. Sie sah nach der Uhr hinüber.

Doris wird wieder schelten, dachte sie.

In diesem Augenblick wurde leise die Tür geöffnet. Auf der Schwelle des Zimmers stand eine alte Frau in einem einfachen Wollkleid.

„Fräulein Romana!“, rief sie vorwurfsvoll.

„Was willst du, Doris?“, fragte Romana lächelnd.

Doris kam näher heran. „Ach, Kindchen, wollen Sie noch immer nicht Feierabend machen? Es ist neun Uhr, und Sie haben noch nicht einmal zu Abend gegessen.“

Romana atmete tief auf. „Dachte ich es doch, dass meine gestrenge Doris wieder schelten würde“, sagte sie.

Doris hob die Hände. „Schelten? Ach, Gott behüte! Das besorgen leider Gottes hier im Haus genug andere Leute. Nein, schelten will ich nicht. Aber ich kann es nicht ruhig mit ansehen, wie Sie sich abrackern und nicht an sich selbst denken. Das Herz drückt es mir ab. Jawohl, das tut es.“

Romana ergriff ihre Hand. „Aber Altchen“, sagte sie begütigend.

„Ist doch auch wahr, Fräulein Romana! Drüben in den Zimmern der Gnädigen geht es wieder hoch her. Das ist ein Lachen und Jubilieren, und die Sektpfropfen knallen um die Wette. Und Sie sitzen hier mutterseelenallein bei der Arbeit, den ganzen Tag rackern Sie sich draußen in der Fabrik ab, und abends quälen Sie sich mit den Rechnungsbüchern herum und vergessen darüber Jugend und Leben.“

Über Romanas Gesicht war ein Schatten geflogen, als Doris von „drüben“ sprach. Da gab ihre Stiefmutter wieder eines ihrer „entzückenden“ Feste, von denen die vergnügte Welt schwärmte und bei denen es immer, wie Doris sagte, „hoch herging“.

Romana wusste sehr gut, was solch eine Festlichkeit kostete. Sie hatte oft genug hohe Rechnungen bezahlen müssen, obwohl sie immer wieder zum Sparen mahnte. Aber ihre Stiefmutter hatte eine tief gehende Abneigung gegen alles Sparen und ignorierte Romanas Mahnungen nach Kräften. Nicht einmal während des Trauerjahrs um Romanas Vater hatte die Stiefmutter ihre Empfangstage eingestellt.

Romana seufzte leise vor sich hin. „Du kannst mir eine Tasse Tee und einen Imbiss hier herbringen, Doris, ich habe noch eine halbe Stunde zu tun“, sagte sie.

„Immer noch eine halbe Stunde, Fräulein Romana? Da können Sie ja kaum noch am Fest teilnehmen.“

Romana zuckte die Schultern. „Es liegt mir nichts daran, Doris, das weißt du. Ich gehe immer nur hinüber, damit man sich nicht über meine Abwesenheit aufhält. Und heute habe ich besonders viel Arbeit. Morgen ist Ultimo, und morgen Früh habe ich mit Hoyer eine wichtige Konferenz.“

Doris nickte bekümmert. „Ja, ja, ich weiß, der Ultimo ist immer ein abscheulicher Tag für Sie. Da sind Sie nie froh.“

Romanas Augen leuchteten auf.

„Doch, Doris, morgen ist ein Ultimo, an dem ich froh sein werde.“

„Ach, Sie und froh! Das gibt es seit Jahren nicht mehr – seit die Gnädige hier ihren Einzug hielt. Und es ist eine Sünde und Schande, dass Sie Ihr junges Leben hinter Büchern und draußen in der Fabrik vertrauern müssen, während die Gnädige mit Fräulein Beatrix und dem jungen Herrn dahinlebt, als wenn alle Tage Festtag wäre. Und recht ist es vom seligen Herrn Vater nicht gewesen, dass er Ihnen diese Last aufgepackt hat.“

Romana hob mit einem strengen Blick die Hand.

„Still, Doris! Kein Wort gegen meinen Vater, wenn du nicht willst, dass ich dir zürnen soll! Und meine Stiefmutter – auch davon sollst du nicht reden. Ich weiß, du meinst es gut; deine Liebe zu mir drängt dir die harten Worte über die Lippen, aber ich will sie nicht hören.“

Doris seufzte vernehmlich. „Na ja, ich bin schon still. Ich gehe jetzt und hole Ihnen etwas zu essen, damit Sie wenigstens bei Kräften bleiben. Weiter kann eine alte, arme Dienerin ja nichts für Sie tun.“

***

Zehn Uhr hatte die Uhr längst geschlagen, als Romana endlich mit einem tiefen Atemzug das Buch zusammenklappte. „Noch ein Jahr so weiter, dann ist die Firma Nordegg wieder, was sie früher war“, sagte sie leise vor sich hin.

Entschlossen erhob sie sich und sah zu dem lebensgroßen Porträt empor, das über ihrem Schreibtisch hing. Es stellte einen Mann am Beginn der fünfziger Jahre dar mit schmalem, durchgeistigtem Gesicht und dunklen gütigen Augen.

„Bist du zufrieden, Vater?“, fragte sie leise.

Sie hatte ihren Vater von Herzen geliebt. Er war ihr alles gewesen, nachdem sie als zehnjähriges Mädchen ihre Mutter durch den Tod verloren hatte. Alle Zärtlichkeit, die sie erst zwischen Vater und Mutter geteilt hatte, war nun dem Vater ungeteilt zugefallen. Und er hatte seine Tochter ebenso herzlich wiedergeliebt, bis zwischen Vater und Tochter ein anderes weibliches Wesen getreten war. Einige Jahre nach dem Tod seiner ersten Frau hatte Heinrich Nordegg seiner Tochter eine Stiefmutter gegeben.

Bylla Rhoden war Witwe. Sie hatte kostspielige Passionen und mit ihrer Verschwendungssucht bereits den Ruin ihres ersten Gatten verschuldet. Als er starb, hinterließ er seine Witwe und seine Kinder, einen Sohn und eine Tochter, in äußerst zerrütteten Verhältnissen. Aber Frau Bylla gehörte zu den kalt entschlossenen Naturen, die immer wieder auf irgendeine Weise zu Geld kommen. Als sie nach dem Tod ihres Gatten ziemlich ratlos dem Nichts gegenüberstand, fand sie zunächst in dem jüngeren Stiefbruder ihres Gatten einen Helfer, Gerald Rhoden war im Besitz eines großen, von seiner Mutter ererbten Vermögens. Er war Chemiker und hatte trotz seiner Jugend bereits wertvolle Erfindungen gemacht, die ihm ebenfalls viel Geld einbrachten.

Und siehe da – als es gerade wieder sehr bedenklich stand mit ihren Finanzen, lernte sie Heinrich Nordegg kennen, von dessen Reichtum sie gehört hatte.

Dass das große Vermögen, das man ihm nachsagte, von seiner Frau stammte, wusste sie nicht.

Mit einem Teil dieses Vermögens hatte er die vor seiner Verheiratung ziemlich bescheidene Fabrik vergrößert. Der andere Teil dieses Vermögens war für seine Tochter Romana sichergestellt worden. jedenfalls genügte es Bylla Rhoden, zu wissen, dass Heinrich Nordegg ein reicher Fabrikbesitzer war. Es gelang ihr bald, den ernsten Mann so völlig zu bezaubern, dass er ihr Herz und Hand antrug und sie zu seiner Gattin machte.

Romana hatte ein Gefühl, als müsse sie vor Herzleid aufschreien, als die Stiefmutter ihren Einzug hielt in die Räume, die vorher ihre Mutter bewohnt hatte. Aber als sie die glücklich leuchtenden Augen ihres Vaters sah, presste sie die Zähne fest aufeinander und schwieg.

Sie schwieg auch zu allem, was in der Folge geschah, schwieg zu dem lauten, geselligen Treiben. Schwieg selbst dann, als sie bemerkte, wie das Leben der Stiefmutter den Ruin ihres Vaters herbeizuführen begann.

Romana krampfte sich das Herz zusammen vor Sorge. Angstvoll starrte sie des Nachts nach dem Lichtschein, der aus des Vaters Zimmer fiel; sie wusste, wie sehr er sich bemühte, das drohende Verhängnis aufzuhalten.

Seiner Frau verschwieg er, wie es um die Firma stand. Er konnte ihr auch jetzt noch keinen Wunsch versagen, obwohl er schon in den Abgrund sah, dem sie ihn zutrieb. Ja, er wagte nicht einmal, ihr Vorstellungen zu machen, und litt unsäglich unter dem Gedanken, dass ein Tag kommen würde, an dem er ihre Wünsche nicht mehr erfüllen konnte. Die Angst vor diesem Zeitpunkt, dem er mit Riesenschritten näher kam, machte ihn elend und verzweifelt.

Was kommen musste, kam.

Heinrich Nordegg wurde das Opfer dieser qualvollen Sorgen und Aufregungen. Seine Gesundheit schwand mit dem Wohlstand seines Hauses. Er fühlte sich machtlos, den Ruin länger aufzuhalten.

Frau Bylla hatte keine Ahnung, was ihr drohte. Sie fand es störend und lästig, als ihr Gatte krank wurde. Krankenstubenluft war ihr einfach unerträglich, und willig überließ sie Romana die Pflege des Vaters.

Und nun vertraute er Romana seine geheimsten Sorge und Ängste an. Er sagte ihr, dass er ruiniert, dass er schlimmer dran sei als ein Bettler. Er wusste nicht einmal, ob er seinen ehrlichen Namen retten konnte.

Eines Morgens kam der Prokurist Hoyer und wollte Heinrich Nordegg sprechen. Romana ließ ihn nicht herein und sprach selbst mit Hoyer. Er eröffnete ihr erregt, dass die Firma zahlungsunfähig sei.

Da überlegte Romana eine Weile, und dann gab sie Hoyer eine Antwort, die ihn mit einem erleichterten Gesicht fortgehen ließ, hinaus nach der Fabrik.

Am gleichen Tag trat Frau Bylla mit ihrer Tochter eine seit längerem geplante Reise in ein teures Modebad an. Ihren Sohn Hans, der das Gymnasium besuchte, überließ sie sich selbst. Sie hatte nicht viel für ihn übrig.

Als Romana erfuhr, dass ihre Stiefmutter trotz der Krankheit des Vaters ihre Vergnügungsreise angetreten hatte, wurde sie totenbleich. Sie beugte sich zu dem kranken Vater hinab und umschlang ihn, als müsse sie ihn vor dieser Lieblosigkeit schützen.

„Du hättest sie nicht reisen lassen sollen, Vater“, sagte sie hart.

Er sah bittend zu ihr auf. „Schilt nicht über sie! Sie soll nicht im Krankenzimmer sein – soll nicht Zeuge meines Sterbens werden“, erwiderte er matt.

Ein bitterer Zug legte sich um Romanas Mund.

„Du solltest sie nicht so ins Blaue hineinleben lassen, Vater.“

Er ergriff ihre Hand. „Ich bitte dich, Romana, sag nichts gegen sie! Sie ist trotz allem meines Lebens schönster Sonnenschein gewesen.“

Romana sank an seinem Bett in die Knie. „Vater, lieber Vater, bist du nicht elend geworden durch sie?“

Er seufzte tief auf. „Sag das nicht, Kind! Du kannst das nicht verstehen. Elend bin ich nur geworden in der Angst um sie. Und die macht mir auch das Sterben schwer. Wie leicht würde es mir werden, wüsste ich sie vor Not und Entbehrung geschützt. Aber ich muss sie in Sorgen zurücklassen. Was soll aus ihr und den Kindern werden? Es ist kein Pfennig Geld mehr in meiner Kasse. O barmherziger Himmel – ich bin so machtlos!“

Da hatte Romana des Vaters Hände erfasst. Ein stilles Leuchten lag auf ihrem Antlitz.

„Vater, lieber Vater, sei ruhig, sorge dich nicht mehr! Lege alle deine Sorgen in meine Hände, auch die um Frau Bylla und ihre Kinder. Ich bin gottlob reich genug, um die Firma Nordegg zu retten. Hör zu, Vater, was ich beschlossen habe: Hoyer war hier und sagte mir, dass unsere Firma den Konkurs erklären muss. Ich habe ihm gesagt, dass ich als Teilhaber in die Firma eintrete und alle Forderungen decken werde. Mit meinem ganzen Vermögen trete ich dafür ein – ich kaufe dir die Firma Nordegg ab und führe sie weiter, solange du lebst, als dein Kompagnon, später als Chef der Firma. Und ich gelobe dir, ich bringe sie wieder hoch. Kein Makel soll auf deinem Namen ruhen. Und um dir die quälende Last von der Seele zu nehmen, verspreche ich dir, für deine Frau und ihre Kinder zu sorgen. Sie sollen vor Not und Entbehrungen geschützt sein.“

Ihr Vater sah sie an mit verklärten Zügen. „Das – das wolltest du tun, Romana?“

„Ja, Vater. Aber eine Bedingung stelle ich. Von heute an habe ich darüber zu bestimmen, was in unserem Haus ausgegeben wird. Wenn ich mein ganzes Vermögen drangebe, ist weise Sparsamkeit Bedingung. Ich gebe dir mein Wort, deine Frau und ihre Kinder sollen nichts entbehren, sollen gut und sorglos leben. Nur der unsinnigen Verschwendung will ich steuern und gesunde Zustände schaffen. So wie jetzt kann es nicht weitergehen, sonst würde auch mein Vermögen bald in alle Winde zerstreut sein, und auch ich könnte dann den Untergang nicht mehr aufhalten.“

Heinrich Nordegg fasste nach den Händen seiner Tochter wie der Ertrinkende nach dem Rettungsseil.

„Romana, mein liebes, hochherziges Kind, wie soll ich dir danken? Du nimmst Bergeslasten von meinem Herzen. Du bist edel und klug – und du bist stark. Du wirst alles zum guten Ende führen, mein kleiner Kompagnon. Und du wirst Bylla gegenüber energischer sein, als ich es sein konnte. Es ist ja auch zu ihrem Besten. Aber sei nicht hart mit ihr, demütige sie nicht! Es wird sie schwer ankommen, von dir anzunehmen, was ich ihr hätte hinterlassen müssen.“

Romana streichelte seine Hände.

„Sei ruhig, Vater! Solange es irgend geht, werde ich ihr verschweigen, dass ich es bin, die für ihren Unterhalt sorgt. Sie mag glauben, dass du mich nur zu deinem Sachwalter, zu deinem Nachfolger im Geschäft ernannt hast. Sie braucht, wenn es nicht nötig wird, nicht einmal zu wissen, dass die Firma vor dem Bankrott stand. Nur musst du mir auch testamentarisch alle Vollmacht geben.“

Heinrich Nordegg hatte unter seinen qualvollen Sorgen zu sehr gelitten, als dass er nicht freudig in alles eingewilligt hätte.

Hoyer wurde gerufen und ein Notar. Und unter der Zeugenschaft dieser beiden Menschen wurde Romana Nordegg Besitzerin der Nordeggschen Fabrik.

Diese aufregende Konferenz hatte die letzten Kräfte Heinrich Nordegg aufgezehrt. Als alles geordnet war, verfiel er zusehends.

Aber auf seinem abgezehrten Gesicht lag seliger Frieden, und seine Augen dankten seiner Tochter, bis sie im Todeskampf brachen.

Frau Bylla amüsierte sich inzwischen herrlich in dem eleganten Modebad und war ärgerlich über die Störung ihres Vergnügens, als sie telegrafisch an das Sterbelager ihres Mannes gerufen wurde.

Als sie mit Beatrix eintraf, war Heinrich Nordegg bereits aufgebahrt.

Bei der Beerdigung ihres Gatten stand Bylla in rührender Pose, schön und lieblich anzusehen, neben dem Sarg. Und die liebreizende Beatrix Rhoden neben ihrer Mutter gab ein ebenso rührendes herzbewegendes Bild effektvoll zur Schau gestellter Tochter.

Die Trauergäste blickten voll Mitleid, Bewunderung und Entzücken auf die beiden schönen Frauen, die ihren Schmerz so wirkungsvoll zur Geltung brachten. Auf Romana Nordegg achtete kaum jemand.

Nach Heinrich Nordeggs Beerdigung wollte Frau Bylla zu ihrer Erholung abermals eine kostspielige Badereise unternehmen. Still als trauernde Witwe zu Hause sitzen, war nicht nach ihrem Geschmack.

Sie war durch das Testament ihres Gatten sehr verstimmt. Da sie ihn für einen Mann gehalten hatte, dessen Reichtum unerschöpflich war, hatte sie als sicher angenommen, dass er ihr ein großes Vermögen zur persönlichen Verfügung hinterlassen würde. Und nun sollte sie leer ausgehen, sollte lediglich auf das angewiesen sein, was ihr Romana zubilligen würde. Das empörte sie. Ihre Stieftochter war ihr nie sympathisch gewesen, jetzt wurde sie ihr verhasst. Zu ihrer Tochter Beatrix sprach sie ganz unverhohlen von Erbschleicherei, und Beatrix stimmte lebhaft bei. Aber alle Empörung und alle gehässigen Bemerkungen halfen nichts. In ihrer Leichtlebigkeit machte sich Frau Bylla jedoch nicht lange Kopfschmerzen. Schließlich konnte es ihr ja gleich sein, wer ihr das Geld gab für die Erfüllung ihrer Wünsche. Und dass nun eben Romana dieses Geld beschaffen musste, stand bei ihr fest.

So erklärte sie also Romana, dass sie zur Erholung abermals ins Bad reisen wollte, und forderte von ihr eine hohe Summe zu diesem Zwecke.

Da erwiderte ihr aber Romana ruhig und bestimmt, dass kein Geld vorhanden sei für eine solche Reise. Alles flüssige Kapital sei jetzt im Geschäft nötig.

Frau Bylla zuckte ungeduldig die schönen Schultern.

„Das ist lächerlich, Romana! Eine solche Lappalie wirst du doch flüssig machen können.“

„Nein, Mama, das kann ich nicht“, erwiderte Romana ruhig.

„Sag lieber, du willst nicht. Vielleicht macht es dir Vergnügen, auf diese lächerliche Vollmacht zu trumpfen, zu der du wohl deinen Vater während meiner Abwesenheit überredet hast. Weil er krank und schwach war, vermochte er deinem Drängen nicht zu widerstehen.“

Romana sah sie ruhig an.

„Glaub, was du willst, Mama. Jedenfalls ist es mir nicht möglich, dir jetzt eine hohe Summe für eine Badereise zu bewilligen.“

Frau Bylla war außer sich. Sie und Beatrix belegten Romana mit wenig schmeichelhaften Namen. Aber die Badereise unterblieb. Und in der Folge musste noch manches andere unterbleiben, was Frau Bylla und die nicht minder verwöhnte Beatrix bisher für unerlässlich gehalten hatten.

Das gab böses Blut. Romana musste sich viele Schmähungen gefallen lassen. Aber sie blieb mutig bei dem, was sie für gut und recht hielt.

Zwei Jahre waren seit dem Tod Heinrich Nordeggs vergangen. Frau Bylla und ihre Kinder hatten sich, wenn auch widerwillig, in die veränderten Verhältnisse gefügt.

Freilich gab es auch heute noch immer Entgleisungen, und Romana musste immerfort scharf auf dem Posten sein, um nicht das alte verschwenderische Treiben aufkommen zu lassen. Es gab noch immer Kämpfe und Reibereien, und man tat alles, um Romana das Leben schwer zu machen.

An all diese Kämpfe musste Romana denken, als sie jetzt vor dem Bild ihres Vaters stand. Leicht waren ihr diese beiden letzten Jahre nicht geworden. Aber sie war nicht die Natur, sich vor Schwierigkeiten zu fürchten oder sich von ihnen unterkriegen zu lassen.

„Du kannst ruhig schlafen, mein lieber Vater. Es ist nun alles wieder in Ordnung. Firma und Haus Nordegg sind gerettet.“

Sie wandte sich langsam von dem Bild des Vaters ab und ging hinüber in ihr Ankleidezimmer, um sich für die Festlichkeit in den Salons ihrer Stiefmutter umzukleiden.

Diese Feierlichkeiten musste Romana zuweilen bewilligen, wenn sie auch nicht mehr litt, dass Unsummen dafür ausgegeben wurden. Auch musste sie sich dabei zeigen, um dummen Redereien Einhalt zu tun.

***

Als Romana die Festräume betrat, merkte sie gleich, dass hier eine sehr übermütige Stimmung herrschte. Niemand achtete sonderlich auf ihr Erscheinen. Nur Frau Bylla wandte sich mit einem wenig freundlichen Blick zu ihr.

„Nun, lässt du dich endlich herab, unsere Gäste zu begrüßen? Es ist schon bald Zeit zum Aufbruch“, sagte sie halblaut.

„Es sind ja deine Gäste, Mama, nicht die meinen. Ich hatte bis jetzt zu arbeiten, sonst wäre ich eher gekommen.“

Frau Bylla zuckte die Schultern. „Mein Gott, tu nur nicht immer so wichtig mit deiner Arbeit. Hoyer besorgt das zur Not allein. Ich finde es grässlich langweilig, dass du ewig hinter den Geschäftsbüchern sitzt.“

Romana blieb ruhig. „Ja, kurzweilig ist es nicht, aber nötig.“

„Ach, Unsinn! Engagiere noch einen Schreiber mehr, der kann deine Arbeit verrichten.“

„Das kann er nicht, Mama. Aber streiten wir nicht darüber. Ich glaube nicht, dass ich hier vermisst worden bin.“

„Nun, ein Wunder wäre es nicht. Man findet dich, wie ich leider weiß, uninteressant. Eine Frau, die nichts als Zahlen im Kopf hat und an Stelle des Herzens eine Rechenmaschine – brr, das ist für die Herrenwelt nicht anziehend.“

Gleichmütig ließ Romana ihren Blick über die lustige Gesellschaft gleiten. Nicht einer war unter den Herren, die Beatrix und anderen jungen Damen eifrig den Hof machten, der ihr Herz hätte schneller schlagen lassen.

„Ich habe nicht die Absicht, anziehend auf die Herrenwelt zu wirken, Mama“, sagte sie ruhig.

Frau Bylla, die blendend aussah, zumal bei Abendbeleuchtung, und deren ganzes Wesen dokumentierte, dass sie es durchaus noch nicht aufgegeben hatte, anziehend auf die Herrenwelt zu wirken, sah ihre Stieftochter forschend an. Sie konnte nicht glauben, dass Romanas Gleichmut in dieser Frage echt war. Viel eher nahm sie an, dass es der Stieftochter wie dem Fuchs mit den Trauben ging, denn sie wurde nicht umschwärmt wie Beatrix.

„Nun, bei dieser Ansicht wirst du mit der Zeit eine alte Jungfer werden“, sagte sie spöttisch und ließ ihre Augen befriedigt auf ihrer eigenen Tochter ruhen. Die würde sicher bald einen reichen Freier finden! Da war zum Beispiel unter den Kavalieren, die Beatrix umschwärmten, der junge Bankier Herder. Er wäre wohl einzufangen, wenn Beatrix sich ernstlich Mühe gab. Aber vorläufig wollte sie noch nicht. Herder war ihr in seinem Äußeren zu vulgär. Beatrix träumte von einem eleganten Mann, der natürlich sehr reich sein musste.

Frau Bylla hielt sich nicht länger bei Romana ...

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