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Hedwig Courths-Mahler - Folge 019

Renate schreckte jäh aus dem Schlaf auf. Hatte da nicht jemand ihren Namen gerufen? Sie richtete sich empor und sah in das dämmernde Morgenlicht, lauschend, als müsse sich der Ruf wiederholen.

Nein – es blieb still, still und einsam.

Nach und nach erwachten auch ihre Gedanken, und seufzend ließ sie sich von ihnen gefangen nehmen. Dann erhob sie sich, kleidete sich zögernd, mechanisch an und blieb dazwischen immer wieder horchend stehen.

Regte sich wirklich nichts um sie her? War es wirklich so totenstill im Haus, war kein Laut erwachenden Lebens, keine trippelnden Kinderfüßchen, kein lallendes, kosendes Rufen vernehmbar?

Nein – sie war wirklich einsam und verlassen, ein loses Blatt, den Stürmen des Lebens preisgegeben, sobald sie den Schritt über die Schwelle ihres Heims setzte.

Ihr Heim.

Renate überfiel plötzlich ein Gefühl dumpfer Angst. Sie öffnete ihr Schlafzimmer und lief wie gejagt durch die ganze Wohnung.

Wirr und unordentlich standen die Möbel umher, die Teppiche waren zusammengeschnürt und die Fenster der Gardinen beraubt.

Mit trüben Augen sah sie um sich. Sie kam sich vor wie eine Fremde in ihrer eigenen Wohnung.

Müde, mit schweren Schritten, kehrte sie in ihr Schlafzimmer zurück. Neben ihrem Lager stand ein Kinderbettchen mit Spitzengardinen und seidenbezogenen Kissen. Renate ließ sich auf einen Stuhl gleiten und starrte mit trockenen, brennenden Blicken vor sich hin.

Sie grübelte über die letzten Jahre ihres Lebens. Was hatten sie aus ihr gemacht?

Vor vier Jahren noch die glückstrahlende Erbin des reichen Fabrikanten Johann Werkentin, ein lebenssprühendes, übermütiges Mädchen mit lachenden Augen und überschwänglicher Seligkeit, dann die Braut und die Frau eines der schneidigsten und schönsten Offiziere – und heute ein gebrochenes Weib, verlassen, betrogen von dem ehrlosen Mann, der ihr am Altar ewige Treue geschworen hatte, des Kindes beraubt, das ihr auf dem Gipfel ihres Glücks das Schicksal in die Arme legte und im Unglück wieder nahm, der Vater tot, das Vermögen verloren.

Als bankrotter Selbstmörder sollte der Vater geendet haben, wie ihr Mann, der Leutnant von Trachwitz, ihr ins Gesicht geschrien hatte.

Und dann wurde alles verkauft, Möbel, Silberzeug, Pferde und Wagen, alles machte Trachwitz zu Geld; nur ihre Wäsche, ihren Schmuck und ihre Kleider ließ er ihr. Er gab vor, nach Berlin ziehen zu wollen, um dort eine Stellung zu finden. Irgendwie müsse er Geld zu verdienen suchen, um sich und seine Frau zu erhalten.

Man bemitleidete ihn ein wenig, ein wenig gönnte man ihm auch das Unglück, aber man ging über ihn hinweg bald zur Tagesordnung über.

Renate ließ alles geschehen. Gedankenlos packte sie ihre Sachen ein und bereitete sich zur Abreise vor.

Die Dienstboten wurden entlassen, die Händler kamen und kramten in den verkauften Sachen herum.

Als sie Hans von Trachwitz am letzten Abend vergeblich zum Essen erwartet hatte, war sie in sein Zimmer gegangen, um ihn zu rufen. Es war leer, aber ein Brief an sie lag auf dem Tisch.

Er war sehr kurz und lautete:

Ich muss dich verlassen. Mit dir zusammen kann ich mir keine neue Existenz gründen. Du bist verwöhnt und unpraktisch, und überdies – uns bindet ja längst nichts mehr aneinander. Du wirst bei Freunden und Bekannten deines Vaters wohl ein Unterkommen finden. Fürs erste kannst du deinen Schmuck und deine Gesellschaftstoiletten verkaufen, es wird sich ein Käufer dafür bei dir melden. Glückt es mir drüben – ich gehe nicht nach Berlin, sondern nach Amerika –, dann kannst du nachkommen, oder ich sorge sonst für deinen Unterhalt. Wenn nicht, dann sehen wir uns nicht mehr. Leb wohl und vergiss mich, das ist alles, was ich dir wünschen kann.

Das war gestern gewesen. Sie hatte nur bitter vor sich hin gelächelt, hatte später ruhig und bestimmt das Geschäft mit dem Händler abgeschlossen und sich dann todmüde zum letzten Mal niedergelegt.

Nun war die Nacht zu Ende. Ihrer Abreise stand nichts mehr im Weg.

Sie erhob sich und machte sich zum Gehen bereit. Eine große Ruhe war über sie gekommen. Das Blut fleißiger, tüchtiger Kaufleute, die ihre Vorfahren gewesen waren, regte sich in ihr. Sie raffte sich auf aus nutzlosem Grübeln, gewillt, den Kampf mit dem Leben aufzunehmen, mochte er auch noch so schwer sein.

***

Die Sprechstunde Dr. Hellmanns war eben zu Ende. Der Arzt erhob sich und wollte das Sprechzimmer verlassen, als der Diener ihm noch eine Dame meldete.

„Haben Sie nicht gesagt, dass die Sprechstunde beendet ist?“

„Gewiss, Herr Doktor. Die Dame bat aber dringend, vorgelassen zu werden, da sie von auswärts kommt.“

„So? Na, dann herein mit ihr! Melden Sie meiner Frau, dass sie mit dem Essen noch eine Weile warten soll.“

Der Diener entfernte sich und ließ gleich darauf eine Dame in Trauerkleidung eintreten.

Hellmann sah überrascht in ihr feines, blasses Gesicht, aus dem große dunkle Augen mit dem Ausdruck tiefer Seelenpein herausleuchteten.

„Fräulein Renate – Verzeihung Frau von Trachwitz! Sind Sie es wirklich?“

„Ich bin es, Herr Doktor.“

Er beeilte sich, ihr einen Sessel hinzuschieben. „Bitte, nehmen Sie Platz, gnädige Frau. Sie sehen krank aus. Suchen Sie meine ärztliche Hilfe?“

Sie ließ sich müde in den Sessel gleiten und schüttelte den Kopf. Dann sah sie eine Weile stumm zu ihm auf. Sein Gesicht, ein frisches, fröhliches Männerantlitz, nahm einen Ausdruck von tiefer Bekümmernis an. Wie in stummer Frage sahen sie seine Augen an.

„Ja, lieber Doktor, das ist aus Renate Werkentin geworden“, sagte sie leise.

Er nahm ihre Hand in die seine. „Liebe gnädige Frau, Sie haben wohl schweres Leid erfahren, aber so mutlos und elend sollten Sie doch nicht aussehen!“

Sie lächelte schmerzlich. „Was wissen Sie von dem, was mich betroffen hat!“

„Dass Sie den besten, gütigsten Vater verloren haben und… Ihr Vermögen.“

„Das war das Schlimmste noch nicht, lieber Doktor. Ich verlor mehr in diesen schrecklichen Tagen. Meine kleine Magda ist mir auch gestorben und…“, sie presste die Handflächen fest gegeneinander, „… mein Mann hat mich verlassen. Er ist nach Amerika abgereist, um sich dort eine Existenz zu gründen. Mich konnte er dabei nicht brauchen.“

Hellmann fuhr erschrocken zurück. „Unmöglich! Er hätte Sie… Nein, das kann ja nicht sein!“

„Doch, glauben Sie es nur. Seit ich meines äußeren Glanzes entkleidet bin, lohnte es sich nicht mehr, bei mir zu bleiben.“

„Sie so sprechen zu hören, tut mir von Herzen Leid.“

„Sparen Sie Ihr Mitleid, lieber Doktor, denn über diese Sache bin ich hinweg. Etwas anderes führt mich zu Ihnen, etwas, was mich nicht zur Ruhe kommen lässt. Sie sollen mir auf Ehre und Gewissen eine Frage beantworten. Wie starb mein Vater?“

Er machte eine erstaunte Miene. „Haben Sie denn seinerzeit meinen Bericht nicht erhalten? Ich habe Ihnen doch mitgeteilt, dass Ihr Vater einem Herzschlag erlegen ist.“

„Und das ist die reine, lautere Wahrheit? Lieber, bester Doktor, sagen Sie mir aufrichtig: Ist das wirklich wahr?“

„So wahr, wie ich hier vor Ihnen stehe.“

Sie atmete tief, wie von schwerem Druck befreit auf. „Gott sei Dank! Nun, ich hätte es ja wissen sollen.“

„Haben Sie daran gezweifelt?“

„Mein Mann warf mir vor, mein Vater sei als Selbstmörder gestorben.“

Hellmann fuhr entrüstet auf. „Das ist empörend! Gnädige Frau, das haben Sie doch im Ernst nicht von Ihrem Vater geglaubt?“

„Nein, geglaubt habe ich’s nicht, aber gefürchtet. Sie wissen ja als Arzt und Freund meines Vaters, wie viel meine Heirat dazu beigetragen hat, den Fall der Firma Werkentin zu begünstigen. Ich müsste mich anklagen, schuld am Tode meines Vaters zu sein, wenn ihn die pekuniären Verluste wirklich in den Tod getrieben hätten. Es wäre das Schlimmste für mich gewesen, diese Angst mit mir herumzutragen, deshalb kam ich zu Ihnen, um mir Gewissheit zu holen. Bitte, erzählen Sie mir vom Ende meines Vaters, was Sie wissen.“

Hellmann sah ihr ernst ins Gesicht. „Schwere Sorge hatte Ihre Verheiratung Ihrem Vater allerdings gemacht. Er bangte für Sie, weil er Trachwitz besser kannte als Sie. Er hatte sich Vorwürfe gemacht, dass er nicht energisch seine Einwilligung versagte, denn er war die Furcht nicht los geworden, dass Sie unglücklich würden. Er gab das Geld mit vollen Händen für Sie hin, weil er glaubte, Trachwitz würde Sie dafür auf den Händen tragen. Um mehr geben zu können, hat er dann spekuliert – doch das wissen Sie ja alles. Ich will Ihnen nur zeigen, dass ich orientiert bin und dass mein Bericht den Tatsachen entspricht. Ihr Vater litt schon seit langen Jahren an einem Herzfehler, und ich habe ihn immer vor Aufregungen warnen müssen. Ich wusste, dass sein Leiden ihm einen schnellen Tod bringen konnte, und ich habe ihm wieder und wieder Ruhe und Schonung anempfohlen. Nun kam der Zusammenbruch seines Hauses, und die damit verbundene Aufregung brachte ihm den Tod.“

„Also trage ich dennoch die Schuld, dass er so früh starb.“

„Solche Vorwürfe brauchen Sie sich nicht zu machen, das führt zu nichts. Das Leiden Ihres Vaters war derart, dass jede andere Veranlassung das Ende ebenso rasch hätte herbeiführen können.“

„Mein armer Vater!“

„Gönnen Sie ihm den Frieden! Ich wünschte ihm nicht, dass er Sie so vor sich sehen müsste. Sein geliebtes Kind verlassen, der Not preisgegeben, vom Schicksal gebeugt – nein, es ist besser so, glauben Sie mir.“

„Wenn ich ihn noch hätte, wollte ich glücklich sein.“

„Unabänderlichem soll man gar nicht nachgrübeln. – Darf ich fragen, wie Sie sich Ihr Leben nun gestalten wollen? Es ist nicht Neugier, die mich fragen lässt. Ihr Vater war mein Freund; Sie selbst kannte ich schon, als Sie noch in kurzen Kleidern herumliefen. Da können Sie sich denken, dass mir Ihr ferneres Schicksal nicht gleichgültig ist.“

„Ich danke Ihnen für Ihre Teilnahme. Was ich zu tun gedenke, ist bald gesagt. Ich will arbeiten lernen, lieber Doktor, ich muss es tun, um mir meinen Lebensunterhalt zu verdienen und um mein Leid zu vergessen. Ein wahrer Heißhunger nach Arbeit ist in mir wach geworden, gleichviel welcher Art sie ist. Nur muss sie meine Zeit ausfüllen und darf mir keine Muße zum Grübeln lassen.“

„Bravo, das gefällt mir! Wollen Sie hier in Berlin bleiben?“

„Vorläufig ja. Ich hoffe, hier am raschesten etwas zu finden. Am liebsten nähme ich eine Stellung als Gesellschafterin oder als Hausdame an, meinetwegen sogar als sogenannte Stütze, mir ist alles recht. Zur Erzieherin fehlen mir die Kenntnisse und dann – ich möchte nicht zu Kindern, jetzt noch nicht.“

„Glauben Sie, bald eine solche Stelle zu finden?“

„Ich hoffe es und werde mir alle Mühe geben.“

„Was aber soll bis dahin mit Ihnen geschehen? Darf ich Ihnen einstweilen den Aufenthalt in meinem Haus anbieten?“

Renate wehrte entschieden ab. „Nein, nein, ich danke Ihnen tausendmal! Sie sind so gütig zu mir. Aber erstens will ich mich lieber gleich auf eigene Füße stellen und dann – ich würde mich unfrei fühlen, Ihre Güte würde mich erdrücken. Sie nehmen mir meine Ablehnung doch nicht übel?“

„Das tue ich gewiss nicht. Es schmerzt mich nur, dass ich so gar nichts für Sie tun kann. Ihr Vater hat mich durch allerlei Gefälligkeiten sehr verpflichtet. Es würde meiner Frau und mir wirklich Freude machen, Ihnen irgendwie helfen zu dürfen.“

„Das können Sie auch, lieber Herr Doktor. Sie haben doch eine ausgedehnte Praxis, kommen mit vielen Menschen zusammen, vielleicht hören Sie zufällig einmal, wo so ein Menschenkind wie ich einen Wirkungskreis finden kann. Dann denken Sie an mich. Und außerdem, wenn ich etwas finden sollte, und man verlangt Referenzen, darf ich mich dann auf Sie und Ihre Frau Gemahlin berufen? Ich habe ja keine Zeugnisse, keine Empfehlungen und werde es sehr nötig haben, dass jemand für mich eintritt.“

„Selbstredend, liebe gnädige Frau. Ich werde mich bei jeder Gelegenheit für Sie verwenden.“

„Dann werde ich Ihnen herzlich dankbar sein. Aber nun will ich nicht länger stören.“

„Sagen Sie wenigstens noch meiner Frau guten Tag und bleiben Sie zu Tisch bei uns.“

„Das erstere will ich gern tun, für das zweite muss ich aber danken. Ich habe mich hier in einer einfachen Pension eingemietet und werde zu Tisch erwartet.“

„Also lauter Absagen. Nun nur noch eine Frage – eine delikate, die Sie nur meiner Sorge zuschreiben müssen. Verfügen Sie über die Mittel, sich eine Weile erhalten zu können?“

„Ich danke Ihnen. Ich habe meinen Schmuck und einige Kostüme verkauft, und wenn ich auch kein Vermögen daraus erlöste, so glaube ich immerhin, bei einiger Sparsamkeit ein halbes Jahr leben zu können. Bis dahin wird sich hoffentlich etwas für mich gefunden haben. So lieber Herr Doktor, nun wissen Sie alles, nun will ich Ihre Frau Gemahlin begrüßen und Sie dann schnell an Ihre Mahlzeit gehen lassen. Hier meine Adresse, falls Sie etwas für mich erfahren sollten. Und tausend Dank, dass Sie mich von meinem bangen Zweifel erlösten.“

Frau Hellmann hatte unterdessen ihre liebe Not gehabt, ihre drei Buben und ihr kleines Mädchen darüber zu trösten, dass der Vater noch immer nicht zu Tisch kam. Das Jungvolk hatte grässlichen Hunger.

„Mutter, das kannst du mir wohl glauben, wenn ich jetzt nichts zu essen bekomme, falle ich – bums – mausetot hin“, versicherte der Älteste, ein Blondkopf von dreizehn Jahren.

„Ich auch, Mutter, ich auch. Ganz elend ist mir schon, und der Pudding wird gar nicht reichen, um mich satt zu machen“, warf der Jüngste, ein Knirps von neun Jahren, ein.

Frau Hellmann lachte. „Geht, ihr dummen Buben, darauf falle ich nicht herein. Wenn der Pudding nicht reicht, wird trockenes Brot gefuttert. Ihr sollt sehen, wie schnell ihr dann satt seid!“

Die kleine bewegliche Frau atmete aber doch erlöst auf, als endlich ihr Mann erschien. Verwundert blickte sie auf seine Begleiterin, begrüßte sie dann aber mit warmer Herzlichkeit. Als sie hörte, dass Renate ihr Kind verloren hatte, wurde ihr frisches, fröhliches Gesicht ganz blass. Instinktiv zog sie ihr eigenes kleines Mädchen einen Moment an ihr Herz, als müsse sie sich überzeugen, dass es heil und gesund sei.

Renate musste tapfer gegen Tränen kämpfen, als sie die muntere Kinderschar betrachtete. Sie blieb nur wenige Minuten und atmete wie erlöst auf, als sie endlich wieder im Freien war.

Die glückliche Mutter aber seufzte vor Mitleid und füllte ihren hungrigen Sprösslingen schnell die Teller.

Nach Tisch erzählte Hellmann seiner Frau von der Unterredung mit Renate. Sie bedauerte die Unglückliche von Herzen.

„Es wird sie sauer ankommen, sich in fremde Launen zu schicken und den Groschen vor dem Ausgeben dreimal umdrehen zu müssen. Das arme Ding! Wenn ich bedenke, was für eine überselige Braut sie war, wie schön und strahlend sie aussah! Der Trachwitz ist doch ein Lump – wie kann er die Frau allein lassen?“

„Sie soll froh sein, dass sie ihn los ist. Glaub mir, sie lernt es bald, auf eigenen Füßen zu stehen, sie lässt sich nicht unterkriegen. Wer weiß, wozu es gut ist, dass sie vom Leben in die Schule genommen wurde. Jetzt wird es sich zeigen, ob sie aus gutem Holz geschnitzt ist.“

***

Über drei Monate war Renate schon in Berlin, und noch immer hatte sie, trotz aller Mühe, keine Stellung gefunden. Sie begann schon, mutlos zu werden, denn alles schlug fehl, und ihr Geld war sehr zusammengeschmolzen – trotz aller Sparsamkeit. Sie hatte verschiedene Anzeigen in die Zeitungen setzen lassen. Es kamen aber nur wenige Antworten darauf, und wenn sie sich irgendwo vorstellte, bedauerte man. Sie sah entschieden zu vornehm aus, obwohl sie die einfachsten Kostüme ihrer Garderobe trug. Anderen wieder war sie zu hübsch, oder man verlangte Zeugnisse – kurzum, es wollte nichts gelingen.

Mit Mühe und Not hatte sie feine Handarbeiten in Auftrag erhalten, aber was sie damit verdiente, war nicht genug, um nur halbwegs ihren Unterhalt zu bestreiten.

Die Besitzerin ihrer Pension riet ihr, Krankenpflegerin zu werden, und obwohl sie sich innerlich dagegen sträubte, sah sie endlich doch ein, dass dies vielleicht der einzige Ausweg sei. Dabei konnte ihr sicher auch Hellmann helfen. Sie nahm sich schon vor, ihn aufzusuchen, da erhielt sie ein Schreiben von ihm. Es lautete:

Liebe gnädige Frau! Endlich glaube ich, etwas für Sie gefunden zu haben. Bitte, besuchen Sie mich morgen um zwölf Uhr. Ich erwarte Sie bestimmt. Mit herzlichem Gruß Ihr

Fritz Hellmann

Renate konnte kaum die Zeit erwarten. Zwischen Hoffen und Bangen verbrachte sie die Nacht. Würde sie endlich ein Unterkommen, eine Lebensaufgabe finden, oder war es nur eine trügerische Verheißung? Sie fühlte, es ging zu Ende mit ihrem Mut, ihrem Vertrauen zu sich selbst. Wenn sich nicht bald ein Ausweg fand, war es zu spät.

Als sie sich pünktlich bei Hellmann einfand, kam er ihr mit strahlender Miene entgegen.

„Guten Tag, Frau von Trachwitz! Endlich habe ich etwas für Sie. Doch setzen wir uns erst.“

Er führe Renate zu einem Diwan und nahm ihr gegenüber Platz. Sie sah ihn erwartungsvoll an. Ihr Herz klopfte zum Zerspringen.

„Ich danke Ihnen, dass Sie sich bemüht haben, Herr Doktor. Ich bin wahrhaftig zu Ende mit meinem Latein, wenn es wieder nichts ist.“

„Diesmal passt es vorzüglich. Geben Sie Acht: Voriges Jahr operierte ich eine Frau von Tornau, die Witwe eines Gutsbesitzers, die dann einige Wochen in meiner Klinik zubringen musste. Es ist eine liebe, sanfte Frau, eine fein gebildete Dame. Obgleich ich sie von ihrem Leiden vollständig befreit habe, fühlte sie sich doch nicht mehr kräftig genug, um dem großen Haushalt vorzustehen. Ihr Sohn, der das Gut bewirtschaftet, ist unverheiratet. Nun schreibt er mir, ob ich ihm nicht eine Hilfe für seine Mutter verschaffen könnte. Er sucht eine feinfühlige, taktvolle Persönlichkeit, die gleichzeitig die Stütze und Gesellschafterin seiner Mutter sein kann. Allerdings stellt Herr von Tornau eine Bedingung.“

„Und welche?“

„Herr von Tornau wünscht eine Dame ohne allen Anhang, die imstande ist, sich seiner Mutter voll und ganz zu widmen und die nicht durch Familienrücksichten gezwungen werden kann, Tornau wieder zu verlassen. Es mag für die alte Dame nicht leicht sein, sich an das Zusammenleben mit einer Fremden zu gewöhnen, und es ist erklärlich, dass sie vermeiden will, bald schon wieder vor einem Wechsel zu stehen. Ich schlage Ihnen deshalb vor, sich als Witwe auszugeben, und Sie können ja wahrheitsgemäß bestätigen, dass Sie ganz allein stehen.“

„Wenn dies die einzige Bedingung ist – darauf gehe ich gern ein. Am besten ist es, ich lasse auch den Namen meines Mannes aus dem Spiel und stelle mich als Renate Werkentin vor. Das ist einfacher; und mir ist, als müsste mit diesem Namen ein Gefühl der Freiheit über mich kommen. Eine Sünde wird es ja nicht sein, wenn ich aus Not einen Umstand verschweige, der eigentlich für niemand Interesse hat als für ich selbst.“

„Das ist auch meine Ansicht. Es freut mich, dass Sie so vernünftig denken.“

Sie lächelte ein wenig ironisch. „Bleibt mir denn eine Wahl? Es ist die höchste Zeit, dass ich Gelegenheit finde, mir meinen Unterhalt zu verdienen.“

„Und ich glaube, das Schicksal meint es gut mit Ihnen. So weit ich Sie kenne, kann es nicht schwer fallen, mit Ihnen auszukommen.“

„Wenn ich nur den Ansprüchen genügen werde, die man an mich stellt.“

„Das wird sich schon machen. Nur Mut und Vertrauen in die eigene Kraft!“

„Wie soll ich Ihnen nur für alle Mühe danken?“

„Indem Sie sich in das Unvermeidliche fügen und das Leben wieder lieb zu gewinnen versuchen.“

„Das tue ich schon im eigenen Interesse. Wenn es ein wenig zu langsam geht, verlieren Sie bitte die Geduld nicht, ...

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