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Hedwig Courths-Mahler - Folge 018

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Ohne dich kein Glück

Zu Herzen gehender Roman der berühmten Schriftstellerin

 

 

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Eva-Marie! Eva-Marie! Komm schnell herüber! Tante Berta will sich verabschieden“, rief Maria von Recklingen und machte ihrer Tochter zugleich heimlich beschwörende Zeichen. Eva-Marie hatte am Fenster ihres Zimmers gestanden und mit verlorenem Blick hinausgesehen. Ihre Gedanken weilten oben im Schloss des regierenden Herzogs.

„Ich komme, Mama.“

Exzellenz machte wieder ein Zeichen hinüber nach dem Wohnzimmer.

„Tante Berta ist schon böse, dass du dich zurückgezogen hast, als sie kam“, flüsterte sie erregt.

Eva-Marie sah ihre Mutter achselzuckend an. „Es ist das Beste, wenn ich ihr aus dem Weg gehe, Mama. Ich kann ihre Art so wenig vertragen wie sie die meine.“

„Kind, ach Kind! Vergiss nicht, dass Tante Berta die einzige Erbtante in der Familie ist! Man muss ihr manches zugute halten. Sei vernünftig!“

Eva-Maries Gesicht zuckte. „Du weißt, Mama, dass ich kein Talent zur Erbschleicherin habe.“

Die alte Dame zog ängstlich die Tür hinter sich zu. „Erbschleicherin? Wie kannst du so ein Wort gebrauchen?“

Eva-Marie umfasste die Mutter mit beiden Armen und küsste sie zärtlich. „Für garstige Dinge gibt es nur garstige Worte, mein goldenes Muttchen.“

„Ach, Kind, ein bisschen nett sein gegen eine reiche Tante ist noch lange keine Erbschleicherei. Dein törichter Stolz wird dir noch viel schaden. In unserer Lage muss man mancherlei auf sich nehmen, was man nicht möchte. Komm schnell!“

Damit eilte Frau von Recklingen hinaus.

Eva-Marie folgte ihr langsam. Sie wusste im Voraus, dass Tante Berta ihr das Nettsein sehr schwer machen würde.

Zögernd betrat sie das behagliche Wohnzimmer.

Da stand Frau Berta, geborene Seidel, verwitwete von Recklingen, die Herrin des großen, reichen Landsitzes Recklingen, der etwa zwei Stunden von der Residenz entfernt lag. Eben zog sie mit großem Aufwand ihre Handschuhe an und sah dabei mit bösen Blicken nach der Tür.

Sie war mittelgroß, derbknochig, mit grob geschnittenem, unschönem Gesicht, aus dem ein Paar kleine schwarze Augen unwillig funkelten.

„Da ist Eva-Marie, Berta“, sagte Exzellenz Recklingen mit einem um Entschuldigung bittenden Lächeln.

„Ah, lässt sich das gnädige Fräulein wirklich herab, sich noch einmal sehen zu lassen?“, höhnte sie und funkelte Eva-Marie boshaft an. „Es ist wirklich merkwürdig, Eva-Marie, wann ich euch auch besuche, immer sehe ich dich nur einen Augenblick bei meiner Ankunft und dann ebenso kurze Zeit, wenn ich mich entferne.“

Die junge Dame trat tiefer ins Zimmer herein und stand, vom Sonnenlicht umflossen, wie eine Lichtgestalt vor Tante Berta, die sie missbilligend ansah, als ärgere sie so viel Schönheit und Liebreiz.

„Das ist nicht so merkwürdig, Tante Berta, wie du glaubst. Dein Besuch gilt, so nehme ich wenigstens an, Mama, und da ich euch nicht stören will, ziehe ich mich zurück, bis ich gerufen werde“, antwortete Eva-Marie ruhig.

Die Herrin von Recklingen fand diese Ruhe der jungen Dame anmaßend. Man wusste doch, dass sie von einem Gnadengehalt lebten, das Herzog Karl Ferdinand der Witwe seines ehemaligen Ministers ausgesetzt hatte.

Grollend sah sie in Eva-Maries schöne Augen.

„Wenn du wenigstens ehrlich eingestehen wolltest, dass du vor mir davonläufst“, sagte sie schroff.

Ein Lächeln huschte um Eva-Maries fein geschnittenen Mund. „Wie würdest du das wohl nennen, Tante Berta, wenn ich das sagen würde?“

Berta von Recklingen war endlich mit ihren Handschuhen fertig. Aber das straffe Leder drückte sie und erhöhte ihr Unbehagen. „Ich habe eben gesagt, ehrlich würde ich das nennen.“

„Nun, ich weiß nicht, Tante Berta, ob du es nicht eher ungezogen finden würdest. Ich denke, du hast auch so keine Veranlassung, an meiner Ehrlichkeit zu zweifeln. Könnte und wollte ich heucheln, so würdest du vielleicht weniger an mir auszusetzen finden.“

„Meinst du? Jedenfalls weiß ich das eine, dass du mir stets sehr unliebenswürdig entgegenkommst. Von all meinen Verwandten bist du die einzige, die sich einen solchen Ton mir gegenüber herausnimmst.“

„Ich nehme mir nichts heraus, Tante Berta. Ich begegne dir, wie es meine Wahrhaftigkeit von mir verlangt. Zum Umschmeicheln aus berechnenden Motiven bin ich zu stolz.“

„Bettelstolz!“, entfuhr es Frau Berta.

Eva-Marie richtete sich hoch auf und warf den Kopf zurück. „Wenn wir auch arm sind, Tante Berta, gebettelt haben wir nicht und werden es auch nie tun. Am wenigsten bei dir, darauf kannst du dich verlassen“, sagte sie mit mühsam beherrschter Stimme.

Frau Berta zuckte die Achseln. „Nun, wer weiß, man soll nichts verreden“, höhnte sie.

„Lieber würden wir hungern, Mama und ich, als dich um etwas bitten“, sagte Eva-Marie mit unterdrückter Stimme.

„Mein Gott, hab dich doch nicht so, Eva-Marie, du sprichst immer in so großen Tönen! Es hungert sich nicht so leicht“, erwiderte Tante Berta mit einem Auflachen.

Da zuckte es leise, fast wie Schelmerei, um Eva-Maries Mund. „Ich glaube, Tante Berta, dass ich das besser weiß als du.“

Die alte Dame sah sie einen Augenblick konsterniert an. Dann zuckte sie die Achseln. „Du weißt ja immer alles besser und musst das letzte Wort haben.“

Damit verabschiedete sich Berta von Recklingen und ging hinaus. Diesmal hatte sie jedenfalls das letzte Wort.

Eva-Marie trat ans Fenster. Sie hatte die Lippen zusammengepresst und sah mit trüben Augen auf das elegante Gespann, das vor der Haustür auf Berta von Recklingen wartete.

Nach dem Tod ihres Vaters hatten Eva-Marie und ihre Mutter in einer Art Witwenhaus eine kleine Etage bezogen. Hier lebten Mutter und Tochter von der Pension, die ihnen der Herzog ausgesetzt hatte.

Aber sie standen noch immer in Verbindung mit dem herzoglichen Hof.

Eva-Marie seufzte auf, als unten Tante Berta aus dem Haus trat und den Wagen bestieg.

Sehr elegant sah die Wagenlenkerin nicht aus auf dem vornehmen Gefährt, aber sie verstand scheinbar gut mit Pferden umzugehen.

Während Eva-Marie ihr noch nachsah, trat ihre Mutter wieder ins Zimmer. Eva-Marie wandte sich ihr mit einem schwachen Lächeln zu.

„Du bist natürlich unzufrieden mit mir, Mama?“

Exzellenz sah ihre Tochter bekümmert an. „Es ist ein Jammer, Kind, dass du dich nicht besser zu Tante Berta stellen kannst.“

Zärtlich legte die junge Dame ihren Arm um die Schultern der Mutter.

„Mein armes Muttchen, nun sorgst du dich wieder schrecklich, dass ich so tief in Tante Bertas Ungnade sitze. Gelt, ich mache dir Sorge mit meinem Dickkopf?“, fragte sie liebevoll.

„Ach, Eva-Marie, im Grunde kann ich dich gut verstehen! Tante Berta ist, unter uns gesagt, meist recht unausstehlich. Aber du solltest bedenken, dass sie die einzige ist, die vielleicht helfen könnte, dein Lebensglück zu begründen. Denke, was soll werden, wenn Joachim seinen Prozess verliert? Ich halte es nicht für sicher, dass er gewinnt und die strittigen hunderttausend Mark ausbezahlt bekommt, die euch allein eine Verbindung ermöglichen. Verliert er, so stehen euch Jahre qualvollen Wartens bevor, wenn ihr nicht Tante Berta bewegen könnt, euch eine Zulage zu geben.“

Der feine Mund Eva-Maries zuckte ein wenig. „Liebe Mama, diese Hoffnung gib auf! Tante Berta würde sich nie dazu verstehen, uns zu helfen, und ich würde sie nie darum bitten. Lieber warten wir noch jahrelang auf die Erfüllung unseres Herzenswunsches!“

„Und wenn Joachim die Geduld verliert? Männer sind weniger geduldig als Frauen, und ihren Naturen fällt das Warten wohl auch schwerer.“

„Er würde sieben Jahre um mich dienen wie Jakob und Rahel“, sagte sie mit gläubigem Vertrauen. Und lächelnd fügte sie hinzu: „Damit ihm das Dienen und Warten aber nicht gar so schwer wird, habe ich mir etwas ausgedacht.“

„Was denn, Kind?“

„Ich werde mich um den Posten einer Hofdame bei Ihrer Hoheit, der Herzogin Elisabeth, bewerben. Baroness von Hasten hat sich, wie du weißt, verlobt und will demnächst nach Hause zurückkehren. Und dass Ihre Hoheit mich gern leiden mag, habe ich schon oft herausgefühlt. Ich glaube, dass sie meiner Bewerbung nicht ablehnend gegenüberstehen würde.“

„Sicher nicht. Aber du würdest dann ins Schloss übersiedeln müssen.“

„Das wohl, Mama. Aber ich hätte trotzdem viel freie Zeit für dich. Du weißt, Ihre Hoheit verlangt von ihren Hofdamen keinen anstrengenden Dienst. Und wenn sie meiner nicht bedarf, erhalte ich gewiss Urlaub, um dich zu besuchen. Außerdem bist du so oft ins Schloss geladen, vor allem zu den intimen Teeabenden Ihrer Hoheit. Sie hat dich mindestens so gern wie mich, und ich habe immer das Gefühl, als möchte sie viel lieber dich zur Oberhofmeisterin haben als die Gräfin Hartleben, von der sie oft gräulich tyrannisiert wird. Aber die Gräfin versteht es, sich bei Seiner Hoheit in Gunst zu setzen, und sein Wille gilt natürlich mehr als der Ihrer Hoheit. Also, nicht wahr, Muttchen, ich darf mich um die Stelle bewerben?“

„Ich will dich gewiss nicht hindern. Aber Joachim? Was wird er dazu sagen?“

In Eva-Maries Augen leuchtete es auf.

„Oh, er wird sich freuen! Da er Adjutant des Prinzen Adalbert ist und sich täglich in der nächsten Umgebung des hohen Herrn befindet, wird uns manche Gelegenheit zu einem Zusammentreffen führen. Herzensmuttchen, dann wird uns die Zeit des Wartens ein wenig leichter gemacht! Freust du dich nicht mit mir?“

„Ach Kind! Ich freue mich immer, wenn das Schicksal meiner Einzigen einen Sonnenstrahl gönnt! Und ich will dir also gern die Erlaubnis geben, dich für den Posten der Baroness Hasten vormerken zu lassen.“

***

Eva-Marie hatte der Oberhofmeisterin Gräfin Hartleben einen Besuch gemacht und war von ihr auffallend liebenswürdig empfangen worden.

Als die junge Dame ihre Absicht kundgab, sich um die Hofdamenstelle zu bewerben, war die Ge-

strenge noch liebenswürdiger geworden.

Eva-Marie ahnte nicht, dass sie diese Liebenswürdigkeit Seiner Hoheit, dem Herzog Karl Ferdinand, zu danken hatte.

Seine Hoheit war gegen Frauenreize durchaus nicht unempfänglich. Obwohl seine Gemahlin dreizehn Jahre jünger und eine sympathische Erscheinung war, hatte sie ihn nicht zu fesseln vermocht. Diese aus Staatsrücksichten geschlossene Ehe blieb auf beiden Seiten kühl. Es war kein Geheimnis, dass Seine Hoheit seiner Gemahlin nicht viel mehr als achtungsvolle Duldsamkeit entgegenbrachte und im Übrigen gern anderen Frauen huldigte.

Zufällig war er bisher Eva-Marie von Recklingen nur flüchtig begegnet, da er sich bei den intimen Teeabenden seiner Gemahlin selten sehen ließ. Als er jedoch neulich gegen seine Gewohnheit in den Salon der Herzogin trat, in dem Eva-Marie gerade ein Lied sang, war er zum ersten Mal auf das schöne Mädchen aufmerksam geworden und hatte gefesselt in das liebreizende, beseelte Gesicht gesehen.

Seither fand er plötzlich Geschmack an den Teeabenden seiner Gemahlin. Pünktlich stellte er sich jetzt dazu ein und war meist in außerordentlich angeregter Stimmung.

Seine Gemahlin war einigermaßen erstaunt über sein Erscheinen. Aber sie verlor kein Wort darüber.

Die Oberhofmeisterin aber war eine kluge Frau. Sie kannte Seine Hoheit ziemlich genau. Sie nahm an, dass ein besonderer Magnet den Herzog anzog, und beobachtete scharf. Es entging ihr nichts so leicht, was bei Hof geschah.

Und bei einer passenden Gelegenheit hatte Seine Hoheit ihr endlich auf den rechten Weg geholfen. Er hatte zu ihr gesagt: „Liebe Gräfin, ich habe gehört, dass Baroness von Hasten sich demnächst vermählen und ihre Stellung bei Hof aufgeben will. Sie sehen sich wohl schon nach Ersatz um?“

„Gewiss, Eure Hoheit“, hatte die Gräfin geantwortet.

„Man müsste bei der Neubesetzung dieser Stelle darauf achten, dass man eine Ihrer Hoheit sympathische junge Dame ins Auge fasst. Wie ich weiß, hegt Ihre Hoheit eine große Vorliebe für Fräulein von Recklingen. Vielleicht berücksichtigen Sie das, liebe Gräfin, und versuchen, die junge Dame für diesen Posten zu gewinnen. Ich glaube, Sie tun Ihrer Hoheit damit einen großen Gefallen, wenn Sie die junge Dame in Vorschlag bringen.“

Die Oberhofmeisterin hatte sich verneigt und mit einem feinen Lächeln behauptet, ihr Augenmerk in dieser Angelegenheit bereits auf die junge Dame gerichtet zu haben.

Das entsprach zwar nicht der Wahrheit; umso zufriedener war sie, als Eva-Marie an einem der nächsten Tage selbst zu ihr kam und sich für die Hofdamenstelle meldete.

So fügte sich gewissermaßen alles wie von selbst.

Eva-Marie freute sich von Herzen, als sie schon sehr bald die Nachricht vom Schloss erhielt, dass ihr Gesuch berücksichtigt worden war.

Ihre Mutter freute sich allerdings weniger. Immerhin war es für sie ein schmerzlicher Gedanke, sich von ihrer Tochter trennen zu müssen, wenn sie ja auch ganz in ihrer Nähe blieb.

Einige Tage des Beisammenseins blieben Mutter und Tochter noch. Und an einem dieser Tage wurden sie nochmals zur Herzogin zum Tee befohlen.

Wie gewöhnlich gingen beide Damen zu Fuß nach dem Schloss. Der Weg war nicht sehr weit. Sie hatten nur den Marktplatz zu überqueren und dann die breite Steintreppe emporzusteigen, die zum Plateau des Schlosses führte.

Im Vorzimmer empfing sie Baroness Hasten, deren Stelle Eva-Marie einnehmen sollte, und ein Kammerherr.

Es befanden sich noch eine Anzahl Personen in diesem Vorzimmer, Gäste der Herzogin, die gleichfalls zum Tee befohlen waren und nun auf den Augenblick warteten, wo ihnen die Flügeltüren zum Salon Ihrer Hoheit aufgemacht wurden.

Eva-Marie und ihre Mutter wurden von allen Seiten freundlich begrüßt. Sie waren allgemein beliebt. Außerdem wusste man, dass sie bei den hohen Herrschaften in Gunst standen.

Bald nach dem Eintreffen der beiden Damen erschien die Oberhofmeisterin und begrüßte die Gäste mit herablassender Leutseligkeit, die nur schlecht einen versteckten Hochmut barg.

Nach einer Weile verschwand die Gräfin in den Gemächern der Herzogin, und gleich darauf wurde die hohe Flügeltür von zwei Lakaien geöffnet.

Freundlich lächelnd empfing Herzogin Elisabeth ihre Gäste.

In der Nähe des hohen Marmorkamins nahm die Herzogin an einem etwas größeren Tisch Platz und rief Frau von Recklingen und einige andere Damen an ihre Seite.

Eine der Hofdamen hatte sich an den Tisch begeben, wo ein großer Samowar behaglich summte. Die Hofdame mischte das Getränk, füllte die feinen Porzellanschalen und ließ sie von einem Lakaien herumreichen. Ein anderer Lakai bot Toast, Sandwichs und kleine Kuchen an.

Kaum war die erste Tasse Tee herumgereicht, als Prinz Adalbert mit seinem Adjutanten, Joachim von Eckstädt, erschien. Die beiden Herren gehörten zu den ständigen Besuchern der Teeabende. Prinz Adalbert nahm am Tisch der hohen Frau Platz.

Joachim von Eckstädt hatte sofort mit scharfem Blick den Tisch herausgefunden, an dem Eva-Marie von Recklingen mit einigen jüngeren Herren und Damen saß.

Die Augen der beiden versanken für eine Sekunde aufstrahlend ineinander, während sich der junge Offizier vor Eva-Marie verneigte. Aber gleich hatten sie sich wieder in der Gewalt und tauschten unverbindliche Worte.

Prinz Adalbert plauderte angeregt mit der Herzogin und den Damen und Herren, die an ihrem Tisch saßen. Er liebte eine geistvolle Unterhaltung und war in seinem Wesen ebenso freimütig wie Ihre Hoheit. Er war ein ernster Charakter und beschäftigte sich in seinen Mußestunden mit Musik. Er hatte sich wiederholt als Komponist versucht. Einige tief empfundene Lieder verrieten ein reiches Gemütsleben.

Prinz Adalbert war beliebt, und wer mit ihm zusammenkam, empfand, dass er einem wertvollen Menschen gegenüberstand. Er war Soldat mit Leib und Seele und erfüllte seine Pflichten als Kommandierender General mit großer Gewissenhaftigkeit. Trotz seiner achtunddreißig Jahre war Prinz Adalbert noch unvermählt. Man sagte, ein Herzensroman habe ihn gehindert, eine standesgemäße Ehe zu schließen. Damit kam man auch der Wahrheit nahe. Eine schöne Hofdame seiner Mutter hatte vor reichlich zehn Jahren sein Herz gewonnen, und er war willens gewesen, sie zu heiraten. Seine Mutter aber und sein Bruder, der damals schon regierender Herzog war, hatten ihn davon abgebracht. Die schöne Hofdame hatte man aus seiner Nähe entfernt, und er hatte verzichtet.

Verschiedene Mal hatte seitdem der Herzog versucht, seinen Bruder standesgemäß zu verheiraten; aber diese Versuche waren gescheitert an dem festen Willen des Prinzen, unvermählt zu bleiben.

Im Verlauf des Abends trat Prinz Adalbert auch an die Gruppe junger Herrschaften heran, bei denen Joachim von Eckstädt und Eva-Marie saßen. Gerade war es Joachim gelungen, seiner Braut einige zärtliche Worte zuzuflüstern, als sich der Prinz an die junge Dame wandte.

„Mein gnädiges Fräulein, ich möchte Ihnen eine Bitte aussprechen – darf ich hier ein wenig Platz nehmen?“, sagte er freundlich zu ihr.

Eva-Marie verneigte sich zustimmend, und Joachim von Eckstädt wollte aufspringen und seinen Sessel zur Verfügung stellen. Aber Prinz Adalbert hielt ihn zurück und zog sich schnell einen anderen Sessel heran.

„Bleiben Sie nur, Eckstädt, ich will nicht lange Ihre Unterhaltung mit Fräulein von Recklingen stören. Nur eine Bitte will ich aussprechen. Sie wissen ja, mein gnädiges Fräulein, dass ich in meinem Nebenberuf als Musiker großes Interesse für Ihren herrlichen Mezzosopran habe. In meiner Sucht, den Komponisten ins Handwerk zu pfuschen, habe ich wieder einmal ein Lied komponiert. Und das möchte ich gern von Ihnen hören. Würden Sie die Güte haben, das Lied einmal durchzusehen?“

„Eure Hoheit dürfen überzeugt sein, dass ich das gern tun werde“, erwiderte Eva-Marie liebenswürdig.

„Dann werde ich mir erlauben, Ihnen das Manuskript zu senden. Herr von Eckstädt wird so freundlich sein, es Ihnen zu überbringen. Und bei nächster Gelegenheit singen Sie es mir dann bitte einmal vor.“

Eva-Marie neigte das Haupt. „Es wird mir eine Ehre und ein Vergnügen sein, und ich wünsche nur, dass es mir gelingen möge, Eure Hoheit zufrieden zu stellen“, erwiderte sie.

„Oh, das ist außer Zweifel. Ich danke Ihnen für Ihre Bereitwilligkeit. Und nun will ich nicht länger stören.“

Damit trat der Prinz schnell wieder zu seiner Schwägerin heran. Sie hatte die Unterhaltung gehört und sah lächelnd zu ihm auf.

„Du warst fleißig, Adalbert? Ich höre, du hast ein neues Lied komponiert. Da wird uns wieder ein Genuss bevorstehen.“

Prinz Adalbert lachte. „Komponiert habe ich freilich, Elisabeth. Ob es aber ein Genuss wird, das Lied anzuhören, weiß ich nicht. Da sich aber Fräulein von Recklingen bereit erklärt hat zu singen, habe ich immerhin einige Chancen, nicht ausgepfiffen zu werden.“

„Das würdest du auch sonst nicht befürchten müssen, Adalbert. Was ich von deinen Kompositionen kenne, ist außerordentlich schön“, sagte sie mit einem warmen Blick.

„Du bist Partei, Elisabeth“, scherzte er.

„Durchaus nicht. Aber ich möchte gern ein wenig Musik hören heute Abend. Fräulein von Recklingen, würden Sie wohl die Güte haben, uns einige Lieder vorzusingen?“

Eva-Marie erhob sich sofort. „Wie Eure Hoheit befehlen.“

Freundlich blickten die Augen der Herzogin auf das schöne schlanke Mädchen, das in seinem schlichten weißen Kleid so stolz und anmutig vor ihr stand.

„Nicht befehlen will ich, sondern bitten“, erwiderte sie lächelnd.

Die junge Dame verneigte sich. „Wollen Eure Hoheit gnädigst bestimmen, was ich singen soll?“

„Bitte, Fräulein von Recklingen, die Komposition von mir singen Sie aber zuletzt“, warf Prinz Adalbert lachend ein. „In Gesellschaft von so bedeutenden Komponisten bekomme ich sonst Lampenfieber.“

„Herr von Eckstädt, wollen Sie bitte Fräulein von Recklingen begleiten?“, bat Ihre Hoheit.

Joachim von Eckstädt schlug die Hacken zusammen. Dann führte er Eva-Marie in den anstoßenden Musiksaal, zu dem die Flügeltüren weit offen standen. Er beherrschte den Flügel meisterhaft, und zum Teil hatte er es seiner großen musikalischen Begabung zu verdanken, dass ihn Prinz Adalbert zu seinem Adjutanten erwählt hatte.

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