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Hedwig Courths-Mahler - Folge 017

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Sanna Rutlands Ehe

Roman um eine große Liebe in einem fremden Land

 

 

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Seit dem Tod seiner Eltern wuchs Werner Rutland im Haus seines Onkels Johann Rutland auf. Das große Patrizierhaus der Rutlands war wohl das vornehmste der alten Stadt Danzig, deren Bürger ihren Wohlstand den berühmten Reedereien und Schiffswerften verdankten, und Johann Rutland galt als der reichste Mann in Danzig.

Ein herrlicher Garten, der sich hinter dem Haus fast bis zu den Schiffswerften hinzog, war das Paradies von Werner Rutlands Knabenzeit. Mit seinem Freund Rudolf Rauen und dessen Schwester Käthe verbrachte er hier all seine Freistunden. Manchmal waren auch noch andere Kinder dabei, aber das geschah selten, denn Fräulein Seraphine Münzer, eine entfernte Verwandte des Hausherrn, die seit Jahren dem Haushalt vorstand, liebte Kinder nicht.

Tante Phine – so wurde sie von Werner genannt – hätte auch am liebsten Rudolf und Käthe Raven aus diesem Kindheitsparadies verwiesen, aber das litt der alte Herr Rutland nicht, denn die Geschwister waren die Kinder seines besten Freundes. Und so sehr Tante Phine ihn im Lauf der Jahre sonst unter den Pantoffel gekriegt hatte: In diesem Punkt blieb er der Herr.

So waren die Geschwister Raven Werner Rutlands unzertrennliche Spielgefährten. Werner und Rudolf waren in einem Alter, Käthe vier Jahre jünger. Sie war eine schönes, lustiges und lebenssprühendes Geschöpf, dabei herzensgut und von erfrischender Offenheit. Mit allen Menschen war sie gut Freund, nur mit Tante Phine nicht.

Als die beiden Knaben herangewachsen waren und auch ihre Schlussprüfung bestanden hatten, verließen sie Danzig, um sich ihrem Studium zu widmen. Und als sie nach Beendigung ihrer Studien wieder in der Heimat zusammentrafen – Werner als Dr. phil. und Rudolf als Baumeister –, da war Käthe Raven zu einer reizenden jungen Dame herangewachsen, deren Lebensfreude allen Menschen wohl tat – mit Ausnahme Tante Phines, die fröhliche Menschen im Allgemeinen und Käthe im Besonderen nicht leiden mochte. In Werner Rutland aber, der das Bild seiner früheren Spielgefährtin schon immer im geheimsten Herzensschrein aufbewahrt hatte, erwachte ein heißes Verlangen nach ihrem Besitz.

Er vertraute sich Rudolf an und verriet ihm seinen Entschluss, um Käthe zu werben. Da aber musste Rudolf dem Freund eine herbe Enttäuschung bereiten: Käthe hatte ihr Herz bereits an den Sohn des Geschäftsteilhabers ihres Vaters, Fritz Verhagen, verschenkt, in den nächsten Tagen schon sollte die Verlobung stattfinden.

Werner versuchte sich zu beherrschen, so gut es ging; doch trieb es ihn nun fort aus der Heimat, wo er Käthe nicht täglich begegnen musste. Er bat seinen Onkel, auf einige Jahre eine Forschungsreise nach Afrika unternehmen zu dürfen, und Johann Rutland gab ihm die Erlaubnis.

So verließ Werner Rutland wenige Tage nach Käthe Ravens Verlobung die Heimat.

***

Südöstlich von Windhuk, etwa zwei Tagesreisen entfernt, lag an der Nordgrenze des Namalandes die Farm Klaus Folkhards. Er war in Deutschland Offizier gewesen, hatte dann aber vor langen Jahren seinen Abschied nehmen müssen, weil er ein armes Mädchen heiratete, das ebenso wenig wie er selbst die notwendige Bürgschaftssumme hatte aufbringen können. Beide verwaist und ohne Anhang, verließen sie das deutsche Vaterland, um in den Kolonien eine neue Heimat zu suchen.

Sie erwarben eine kleine Farm, und Klaus Folkhard verlegte sich auf die Viehzucht. Am Anfang war der Betrieb äußerst beschwerlich, da man mit schwierigen Verkehrsverhältnissen und in der regenlosen Zeit mit großem Wassermangel zu rechnen hatte. Und so war es ein schweres, mühevolles Ringen, und Klaus und seine Frau Maria hatten allen Lebensmut nötig, um über die erste Zeit hinwegzukommen.

Ein Jahr, nachdem sie sich in Südwestafrika niedergelassen hatten, wurde ihnen ein Töchterchen geboren. Sie tauften es auf den Namen Susanna. Ein Missionar vollzog die heilige Handlung, als ihn sein Weg just über die Farm führte. Die eingeborene Dienerin aber rief die Kleine von Anfang an nur Sanna, und da die Eltern die Abkürzung gleichfalls bequem fanden, behielt das Kind diesen Namen.

Als Sanna zehn Jahre alt war, erkrankte ihre Mutter sehr heftig. Und ehe Folkhard bei den schwierigen Verhältnissen und weiten Entfernungen einen Arzt hatte herbeischaffen lassen können, starb die tapfere Frau.

Klaus Folkhard war der Verzweiflung nahe, und nur der Gedanke an sein Kind hielt ihn immer wieder ab, seinem geliebten Weib in die andere Welt zu folgen. Nur langsam kamen ihm Mut und Entschlossenheit zurück, dann aber schloss er sich mit inniger Liebe seinem Kind an: Sanna war nun sein einziges Kleinod.

Das Kind wuchs in Luft und Sonne empor wie eine schöne wilde Blume. Der Vater selbst unterrichtete Sanna gewissenhaft, nicht nur in allen Fächern der Schulweisheit, sondern auch in den praktischen Dingen des Lebens. Und eigentlich nur die Musik blieb ihr ein fremdes Gebiet. Sie sang zwar sehr hübsch mit ihrer warmen, kräftigen Stimme, wenn sie über die Steppe streifte oder mit dem Vater abends vor dem Blockhaus saß, aber ein Klavier oder sonstige Musikinstrumente waren ihr so fremd wie die dazugehörigen Noten.

Weltfremd wuchs das Kind freilich auf. Nur selten war sie, seit sie vierzehn Jahre alt war, mit dem Vater nach Windhuk gefahren – auf ihrem geliebten Fahrrad, das ihr der Vater zu ihrem vierzehnten Geburtstag geschenkt hatte, damit sie ihn zuweilen begleiten konnte. Und was hatte Sanna für erstaunte Augen gemacht, als sie die Stadt zum ersten Mal gesehen hatte! Scheu hatte sie sich an den Vater geschmiegt, wenn er mit diesem oder jenem Bekannten sprach.

Auf dem Heimweg hatte ihr der Vater dann von den Städten seiner alten Heimat erzählt, von dem Leben und Treiben dort. Wie ein fremdes Wunderland erschien Deutschland dem Kind. Sie sprachen nun fast täglich davon, wie schön es sein würde, wenn sie erst heimkehren könnten. Des Vaters Sehnsucht nach der Heimat weckte gleiche Gefühle in Sannas Herzen. „Wenn wir erst in die Heimat zurückkehren…“, so begannen fast alle Gespräche zwischen ihnen.

Langsam hatte in den letzten Jahren die Zivilisation ihre Arme auch nach dieser weltfernen Farm ausgestreckt. Missionare und Reisende aller Art kamen zuweilen in Klaus Folkhards Blockhaus, auch deutsche Offiziere und Soldaten rasteten hier auf ihren Erkundungsritten und Märschen. Dann war Klaus Folkhard tagelang in gehobener Stimmung. Sanna aber behielt eine gewisse Scheu vor fremden Menschen. Die wilde Anmut ihrer durch keine strenge Form beengten Bewegungen, ihre erblühende, unberührte Schönheit machten auf die Gäste ihres Vaters großen Eindruck; in manchen Männeraugen spiegelte sich das Wohlgefallen an dieser seltsamen Wunderblume wider. Man vergaß zuweilen über dem Liebreiz des seltenen Geschöpfs, dass es noch ein Kind war. Aber wer dann in die unschuldsvollen Augen blickte, der erkannte bald genug, dass die Seele dieses Kindes noch ein völlig unbeschriebenes Blatt war.

Immer ungeduldiger sehnte sich Klaus Folkhard von Jahr zu Jahr nach der Heimat, nicht zuletzt Sannas wegen. Er rechnete wieder und wieder, wann es so weit sein würde, dass er seine Farm um einen Preis verkaufen könnte, der es ihm ermöglichen würde, sich in Deutschland eine Existenz zu gründen. Aber immer musste er sich sagen, dass seine Zeit noch nicht gekommen sei. Dann wurde er oft so ungeduldig, dass Sanna, wie früher ihre Mutter, ihm gut zureden musste. Wurde ihm in solchen Zeiten von den noch immer umherstreifenden räuberischen Stämmen ein Stück Vieh geraubt, dann war er imstande, diese Wilden bis tief in die Felsschluchten zu verfolgen, um ihnen ihre Beute wieder abzujagen, so gefährlich das auch war.

Als Sanna eben fünfzehn Jahre alt geworden war, fehlten eines Tages wieder zwei der besten Kühe. Folkhard wusste, wo sie hingekommen waren, warf sich auf sein Pferd und jagte den Räubern nach.

Er kannte Steg und Weg in der unwirtlichen Wildnis, und auf sein Pferd konnte er sich verlassen. Nachdem er jedoch stundenlang die Spur der Räuber verfolgt hatte, sah er ein, dass es vergeblich sein würde, weiter vorzudringen. Im Bestreben, den Rückweg zu verkürzen, stieg er schließlich ab und führte sein Pferd über einen Felsgrat in eine Nebenschlucht, die mit wildem Gestrüpp bewachsen war.

Da drang plötzlich der Schall verworrener Stimmen an sein Ohr. Sollte er hier unvermutet den Viehräubern nahe gekommen sein?

Er band sein Pferd an dem knorrigen Gestrüpp fest und schlich sich vorwärts. Noch sah er niemand, aber er hörte deutlich Ausrufe in der Sprache der wilden Stämme. Und dann plötzlich stockte sein Fuß: Ganz deutlich vernahm er zwischen diesen Lauten den Ausruf eines Mannes in deutscher Sprache: „So schieß doch endlich, schwarze Bestie!“

Wildes Geschrei antwortete auf diesen Ausruf. In Klaus Folkhards Gesicht aber spannte sich jeder Muskel. Erst vor zwei Jahren hatte man hier in der Nähe einen französischen Forschungsreisenden ermordet und ausgeplündert gefunden. Sollte er hier, statt seiner geraubten Kühe, einen deutschen Landsmann in Gefahr finden?

Mit dem Gewehr im Anschlag schlich er weiter vorwärts. Da sah er, ungefähr zwanzig Schritte vor sich, einen schlanken, hoch gewachsenen jungen Mann gefesselt an einem Baumstamm stehen. Im Reisegepäck des Mannes wühlten johlend vier oder fünf Schwarze. Dicht vor dem Deutschen jedoch stand ebenfalls ein Schwarzer und hielt ihm eine Pistole vor. Klaus konnte so viel verstehen, dass sie sich nicht einig waren, ob sie den Fremden niederschießen oder einfach hier in der Wildnis allein zurücklassen und dem Hungertod preisgeben wollten.

In Klaus Folkhards Augen trat ein stählerner Glanz. Nur einen Blick warf er auf das düstere Gesicht des Fremden. Dann sprang er mit einem drohenden Ruf plötzlich hervor und legte das Gewehr auf den Pistolenschützen an. So unerwartet stand er unter der Bande, dass sie in feiger Flucht auseinander stob, in der Meinung, dass Folkhard nicht allein sei.

Klaus benutzte sofort den günstigen Augenblick und schnitt mit dem Dolch die Fesseln des Fremden durch. Schnell reichte er ihm seinen eigenen Revolver und sagte hastig: „Folgen Sie mir, so schnell Sie können! Wenn die Kerle merken, dass ich allein gekommen bin, kehren sie zurück.“

Der Fremde folgte seinem Retter schweigend durch das Gestrüpp. Noch hatten sie aber das Pferd Folkhards nicht erreicht, als sie merkten, dass die Eingeborenen umkehrten und ihnen folgten.

„Wir feuern nur im Notfall“, gebot Folkhard ruhig. „Sind wir über den Felsen, folgen sie uns kaum, falls wir nicht einen von ihnen über den Haufen geschossen haben. Sind wir jedoch gezwungen, einen oder den anderen zu töten, verfallen wir der Blutrache der anderen und kommen schwerlich mit dem Leben davon. Sie sind in der Überzahl. Also Vorsicht!“

Jetzt hatten sie das Pferd erreicht, und nun ging es in wilder Hast aufwärts. Aber die Verfolger waren hinter ihnen her. Endlich waren sie oben, und ein freier Weg lag vor ihnen.

„Wir müssen beide aufs Pferd“, sagte Folkhard und ließ den Fremden aufsteigen. In dem Augenblick jedoch, als er selbst aufstieg, sah er eben einen schwarzen Kopf über den Grat emportauchen. Folkhard riss dem Fremden den Revolver aus der Hand. Ein Blitz, ein Knall, ein Aufschrei, das dumpfe Aufschlagen eines menschlichen Körpers – Folkhard hatte gut getroffen.

Die Zügel straffend, jagten die beiden Männer den Abhang auf der anderen Seite hinunter. Hinter ihnen her mit wildem Geschrei die Verfolger. Folkhard wusste, dass nur schnelle Flucht jetzt helfen konnte. Das Tier war freilich doppelt belastet, aber es war zäh und die Verfolger zu Fuß.

„Ich glaube, wir sind in Sicherheit“, sagte der Fremde.

„Wenn wir keinen von ihnen getötet hätten, wären wir vor ihnen sicher. Ich halte aber ihr scheinbares Zurückbleiben jetzt nur für eine List.“

Und er sollte Recht behalten. Schon waren die beiden Männer glücklich aus den Schluchten heraus und ritten ins freie Steppenland. In der Ferne sah man bereits Folkhards Farm liegen, als plötzlich aus dem Hinterhalt eine Kugel herüberpfiff:

„Ich bin getroffen“, murmelte Klaus und wankte im Sattel.

Der Fremde wandte sich erschrocken um und sah in das blasse Gesicht seines Retters. Mit einem Schreckenslaut sprang er vom Pferd, um ihn zu stützen. Folkhard glitt hinab zur Erde.

„Es ist nicht schlimm“, sagte er halblaut, die Zähne zusammenbeißend, „ich will bei den Kerlen nur den Anschein erwecken, dass ich tot bin. Dann geben sie sich zufrieden. In die Ebene heraus wagen sie sich nicht. Feuern Sie, bitte, schnell hintereinander dreimal in die Luft – das ist das Zeichen für meine Leute. Sie werden es hören und herbeikommen.“

Der Fremde – es war Werner Rutland – tat, wie ihm geheißen, und kaum waren die drei Schüsse verknallt, wurde es auf der Farm lebendig. Folkhards Diener kamen in wildem Lauf herbei, allen voran aber jagte Sanna auf ihrem Pony. Einen Augenblick scheute sie vor Werner Rutland, aber dann sah sie den Vater am Boden liegen, und mit einem herzzerreißenden Schrei sprang sie vom Pferd und warf sich neben ihn auf die Knie. „Vater, lieber Vater, was ist dir?“

Folkhard nahm alle Kraft zusammen und lächelte. „Keine Angst, Sanna, es ist nichts – ein Streifschuss“, sagte er leise, und auf Werner deutend, fuhr er fort: „Unser Gast, Kind, ein Deutscher.“

Dann wurde er ohnmächtig.

In hilflosem Entsetzen sah Sanna zu Werner empor.

„Wir müssen ihn ins Haus bringen, mein Kind, und einen Arzt herbeischaffen“, sagte Werner Rutland erschüttert. Sanna machte ihm in ihrem kurzen Kleid ganz den Eindruck eines Kindes.

Nachdem Sanna den ersten Schreck überwunden hatte, zeigte sie sich tapfer wie eine kleine Heldin. Kein unnützes Wort, kein Klagelaut kam mehr über ihre Lippen. Nur sehr bleich sah sie aus, und in den scheuen Augen, die zuweilen nach Werner Rutlands düsterem Gesicht hinüberstreiften, lag eine heiße Angst um den geliebten Vater.

***

Wochenlang schwebte Klaus Folkhard zwischen Leben und Tod, und während der ganzen Zeit wich Werner Rutland nicht von seinem Lager. Er dachte nicht daran, seinen Retter zu verlassen, bevor er wusste, ob er am Leben bliebe. Der Arzt, der sich zum Glück vorübergehend in dem einige Stunden entfernten Missionshaus aufgehalten hatte, hatte festgestellt, dass die Kugel Folkhards Lunge gestreift habe.

Sanna und Rutland pflegten den. Kranken mit großer Sorgfalt und Aufopferung. Sannas Scheu vor Werner verlor sich ein wenig, als sie sah, wie sehr sich der junge Mann das Leiden des Vaters zu Herzen nahm. Er hatte ihr erzählt, wie nah er selber dem Tod gewesen sei und wie ihn nur ihres Vaters Mut gerettet habe. Tief beklagte er, dass nun Folkhard statt seiner das Opfer der Bande geworden war, die er sich als Führer und Gepäckträger gedungen hatte und die ihn dann beraubte. „Ohne deines Vaters Dazwischentreten wäre ich längst ein toter Mann“, hatte er seinen Bericht geschlossen.

Als endlich das Fieber wich und der Kranke wieder bei Besinnung war, hatte Werner oft Gelegenheit, das unendlich zarte Verhältnis zwischen Vater und Tochter zu bemerken. Aber auch zwischen den beiden Männern, die sich in der Stunde der Gefahr kennen gelernt hatten, entspann sich in diesen Wochen eine innere Freundschaft.

Rutland konnte sich nicht genug tun in Liebesbeweisen für seinen Retter, der ihn dem sicheren Tod entrissen hatte. Und so wurde auch Sanna von Tag zu Tag zutraulicher gegen Werner Rutland, da sie sah, wie ihn der Vater liebte. Ihr junges Herz erschloss sich dem fremden Mann in kindlicher Zuneigung, und bald nannte sie ihn auf seinen Wunsch Onkel Werner.

Einige Tage nach Werner Rutlands Rettung hatten Folkhards Leute die Schlucht nach dem Gepäck des Reisenden abgesucht. Sie fanden aber nichts als Papiere und einige Instrumente. Das aber war gerade für Werner das Wichtigste, denn die Papiere enthielten seine wissenschaftlichen Aufzeichnungen über seine fast vollendete Reise.

Werner Rutland blieb länger als zwei Monate auf der Farm seines neu gewonnenen Freundes. Folkhard erzählte, als er auf dem Weg zur Besserung war, seinem jungen Gast von seinen Plänen und Hoffnungen für die Zukunft und von seiner Sehnsucht, mit seinem Kind nach Deutschland zurückkehren zu können. Auch Werner gab dem Freund Aufschlüsse über sein früheres Leben – nur über das sprach er nicht, was ihn aus der Heimat getrieben hatte. So war Folkhard der Meinung, dass nur der Forschungstrieb seinen Gast in diese Gegend geführt habe. Und er konnte Werner noch manchen wichtigen Aufschluss geben über Land und Leute. Sanna saß meist dabei, wenn die Freunde miteinander sprachen. Mit angehaltenem Atem und großen Augen lauschte sie, wenn Werner dem Vater allerlei Neues aus der Heimat berichtete.

Werner strich dann. wohl lächelnd über Sannas wundervolles Haar, das im Sonnenlicht so seltsam kupferfarbige Lichter bekam wie reife Kastanien.

„Ja, ja, kleine Sanna, du wirst Augen machen, wenn du erst in Deutschland bist“, sagte er dabei.

Sie blickte ihn erregt an.

„Werde ich dich auch dort wiedersehen, Onkel Werner?“, fragte sie hastig.

Er nickte.

„Ganz gewiss. Ich freue mich schon darauf, dir all das Neue, Fremdartige zu zeigen und es mit deinen Augen anzusehen.“

Sie presste die Handflächen zusammen.

„Oh, nun will ich mich doppelt auf die Heimkehr freuen. Wie lange wird es noch dauern, Vater?“

Folkhard seufzte.

„Kind, einige Jahre werden immerhin noch vergehen“, sagte er, und ein weher Ausdruck lag in seinen Augen. Werner sah es, und ein nachdenklicher Zug erschien in seinem Gesicht.

Wenn du hier helfen – wenn du deine Dankesschuld abtragen könntest, dachte er und machte heimliche Pläne.

Eines Tages traf dann für Werner eine Nachricht aus Deutschland ein. Sein Onkel war erkrankt und wünschte die baldige Rückkehr seines Neffen.

So musste Werner an die Abreise denken. Bewegten Herzens schied er von dem Freund.

„Ich komme wieder, Klaus, sobald ich mich daheim losmachen kann. Und dann hoffe ich, dich mit heimnehmen zu können“, sagte er herzlich.

Folkhard saß draußen auf der Holzveranda und wandte das blasse, von der Krankheit abgezehrte Gesicht dem Freund zu. In seinen Augen lag ein schwermütiger Ausdruck.

„Wie schön, wenn sich diese Hoffnung erfüllte! Ich fühle es, lange halte ich es hier nicht mehr aus. Mein selbst gestecktes Ziel zu erreichen, dauert mir zu lange. Ich will mich langsam nach einem Käufer umsehen für meine Farm, und wenn ich sie unterm Preis losschlagen sollte. Von den Zinsen allein kann ich ohnedies in Deutschland nicht leben, so muss ich sehen, dass ich noch etwas dazu verdiene. Nur heimkehren – das Heimweh lässt mich nicht mehr los.“

Werner drückte ihm stumm die Hand, und wieder erwog er, wie er dem Freund helfen könnte. Er nahm sich vor, mit seinem Onkel zu sprechen, ihn zu bitten, Klaus in irgendeiner Weise zu helfen.

Auch von Sanna nahm er zärtlichen Abschied. Das Kind schmiegte sich in seiner scheuen Art in seine Arme, und er hörte den lauten Schlag ihres Herzens.

„Vergiss mich nicht, kleine Sanna!“

Sie schüttelte ernst das Köpfchen. Wie verstreute Goldfunken glänzte es über ihrem Haar. Noch nie hatte er so wundervolles Frauenhaar gesehen.

„Ich vergesse dich nie – niemals, Onkel Werner!“, sagte sie mit verhaltener Stimme. Da küsste er ihre Stirn und ihre großen dunklen Augen.

„Lebe wohl – und auf Wiedersehen!“, sagte er. Dann riss er sich los und eilte die Treppe hinab.

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