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Hedwig Courths-Mahler - Folge 016

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. O Menschenherz, was ist dein Glück?
  4. Vorschau

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O Menschenherz, was ist dein Glück?

Einer der berühmtesten Hedwig Courths-Mahler-Romane

 

 

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Wenn Herr Salfner nach mir fragen sollte, lassen Sie ihn auf mein Zimmer führen, ich erwarte ihn dort.“

„Sehr wohl, mein Herr.“

„Das Zimmer, das ich für Herrn Salfner bestellte, ist doch bereit?“

„Gewiss.“

„Gut. Dann brauche ich noch zwei Zimmer für meine Tochter und ihre Begleiterin. Es sind doch hoffentlich noch Zimmer frei? Die Damen kommen morgen an.“

„Das trifft sich gut. Heute sind zwar alle Zimmer noch besetzt, aber morgen reisen die Herrschaften ab, die die beiden Zimmer bewohnen, die direkt an das Ihre anstoßen.“

„So belegen Sie diese beiden Zimmer für mich.“

„Für längere Zeit, Herr Rottmann?“

„Nein, nur für zwei Tage. Auch Herr Salfner wird dann mit uns zusammen abreisen.“

„Trifft der Herr mit dem Dampfer ein?“

„Ja, er kommt über Lindau.“

„Dann muss er in wenigen Minuten hier sein.“

„Ganz recht. Also ich erwarte ihn auf meinem Zimmer.“

Damit verließ der hoch gewachsene Herr den Raum, in dem die im Insel-Hotel ankommenden und abreisenden Gäste abgefertigt wurden. Der Portier, mit dem er eben gesprochen hatte, sah ihm eine Weile nach.

Sieht aus wie ein verkappter Fürst, das Befehlen scheint er wenigstens gewöhnt zu sein. Reich ist er auch. Na und überhaupt, das hat man so im Gefühl. Er hat eine weite Reise hinter sich, das sieht man aus den Hotelmarken an den Koffern. Sicherlich hat er schon die ganze Welt bereist. Also Klasse – der Herr wird gut bedient werden.

So war der Gedankengang des Portiers, während er dem eleganten, stattlichen Herrn nachsah, der inzwischen das Vestibül durchquert hatte und jetzt durch den hohen Kreuzgang in das Innere des Hotels ging.

Das Insel-Hotel war ehemals ein gewaltiges Kloster. Nur waren die früher als Klosterzellen dienenden Räume zu Gastzimmern eingerichtet worden. Der Kreuzgang war mit kunstvollen Fresken an den Wänden geschmückt, die fortlaufend die Geschichte des Klosters erzählten. Er umgab den kleinen inneren Klosterhof, der durch hübsche Anpflanzungen zum Garten geworden war. Efeu und wilder Wein rankten an den Säulen empor und bedeckten die Wände.

Fritz Rottmann hatte den Kreuzgang verlassen und schritt über eine breite Steintreppe hinauf in den ersten Stock. Breite, hohe Gänge umgaben hier die Zimmerfluchten. Sie waren mit Holzschnitten und Kupferstichen geschmückt. Auch sie stellten die Geschichte des Klosters dar.

Fritz Rottmann betrat sein Zimmer, das direkt nach dem Bodensee hinaus lag. Er trat an das Fenster heran und blickte hinab in den großen Klostergarten, der das mächtige Gebäude umgab und mit dicht bewachsenen Laubengängen bis an die niedrige Kaimauer hinanreichte, die ihn vor den Wellen des Bodensees schützte.

Auf dem See herrschte reger Verkehr von Dampfern, Segel- und Ruderbooten. Versonnen ließ Fritz Rottmann seine Augen darüber hinschweifen. Und er dachte an den Verkehr im heimatlichen Hamburger Hafen, den er von seinen Kontorfenstern aus übersehen konnte. Dieses Bild hier vor ihm war wie ein heiteres Spiel, das Bild von seinen Kontorfenstern aus bedeutete den tiefsten Ernst. Mit ganzer Seele hing Fritz Rottmann an dem alten, ehrwürdigen Handelshaus, das den Namen Rottmann trug und das in seinen mächtigen Speichern aufnahm, was die Schiffe hereinschleppten.

Eine Weltfirma mit erdumspannendem Ruf.

Düster zog er plötzlich die Stirn zusammen. Er dachte daran, dass die Firma Rottmann keinen männlichen Erben hatte, zum ersten Mal seit ihrem Jahrhunderte langen Bestehen.

Schwer ließ er sich in einen Sessel fallen und zog seine Brieftasche hervor. Aus ihr entnahm er zwei Briefe. Der erste, den er entfaltete, zeigte die klare Schrift einer Dame. Er las ihn nochmals durch.

Mein lieber Vater!

Es freut mich sehr, dass du mir erlaubst, nun endlich heimzukehren – für immer. Ich habe große Sehnsucht nach dir, nach Deutschland, nach meinem Vaterhaus, nach allem, was ich so lange entbehren musste.

Ehe ich dich nach so langer Zeit wiedersehe, muss ich dir einmal, ein einziges Mal nur, und auch nur brieflich sagen, dass ich es als Härte empfunden habe, dass du mich so lange aus der Heimat verbanntest. Auge in Auge mit dir würde mir der Mut fehlen, das auszusprechen, aber aussprechen muss ich es einmal.

Ich habe verstehen können, dass du mich, gleich nach Mutters Tod, in eine Pension brachtest, denn damals war ich kaum fünfzehn Jahre alt und bedurfte noch weiblicher Aufsicht und Fürsorge. Du selbst hattest als vielbeschäftigter Chef der Firma Rottmann keine Zeit, dich um ein dummes kleines Mädel zu kümmern. Ich konnte auch verstehen, dass du mich dann, als ich das Pensionat verließ, nach Basel zu Tante Gertrud schicktest. Sie ist ja die einzige Schwester meiner Mutter und meine einzige Verwandte. Ich glaubte aber damals, es handle sich nur um einen kurzen Besuch bei ihr. Aber es wurden Jahre daraus.

Du sagtest mir damals, dass es die Unruhen in der jungen deutschen Republik ratsam erscheinen ließen, mich in der Schweiz in sicheren Gewahrsam zu bringen, und dass sich Tante Gertrud, sicher freuen würde, mich einige Zeit bei sich aufnehmen zu können. Sie hat sich auch gefreut, aber ich glaube, ich habe ihr doch einige Unruhe bereitet. Sie war gewöhnt, in ihrem Altjungfernheim allein zu sein, und stand mir ziemlich ratlos gegenüber. Auch sie hat wohl kaum geahnt, dass ich jahrelang bei ihr bleiben sollte. Nie, niemals in all der Zeit bin ich die Sehnsucht nach der Heimat losgeworden. Von Jahr zu Jahr wartete ich darauf, heimgerufen zu werden, und wagte es doch nicht, dich darum zu bitten. Ich wartete vergebens. Die Verhältnisse in Deutschland waren doch, trotz allem Schweren, ruhiger geworden, nichts hätte mich gehindert, heimzukehren. Ich war auch so weit erwachsen, dass ich dir keine Last mehr gewesen wäre.

Warum riefst du mich nicht eher heim, Vater? Du ließest mich in der Fremde. Das war hart und grausam. Ich vegetierte nur in dem ängstlich abgeschlossenen Altjungfernheim der Tante. Ich bin stumpf und weltfremd geworden. Du hast durch diese lange Trennung, deren Notwendigkeit ich nicht einsehen konnte, eine Entfremdung zwischen dir und mir, zwischen meiner Heimat und mir herbeigeführt, die mich namenlos bedrückt hat. Seit du mich nach Basel brachtest, habe ich dich nicht wiedergesehen. Kurze drei Tage, das war in fünf Jahren alles, was ich von meinem Vater hatte seit Mutters Tod. War das wirklich nötig, Vater? Ich habe mir sagen müssen, dass du mich nur sehr wenig lieb haben kannst. Als ich das einmal gegenüber Tante Gertrud aussprach, meinte sie, du hättest nie verwinden können, dass dein einziges Kind nur ein Mädchen sei, weil du dir brennend einen Sohn als Erben gewünscht hättest – einen Nachfolger in der Firma Rottmann.

Ich fühlte, dass Tante Gertrud Recht hat. Aber – war es recht von dir, mich entgelten zu lassen, dass ich als Mädchen zur Welt kam? Hättest du mich nicht trotzdem lieben müssen wie dein Fleisch und Blut? Wäre es nicht richtiger gewesen, du hättest mich von früh auf an deine Seite gestellt, hättest mir eine Erziehung gegeben, die mich befähigt hätte, dir einen männlichen Erben zu ersetzen? Wie gern hätte ich gearbeitet und gelernt wie ein Junge, und ich weiß, ich hätte dich zufriedengestellt. Statt dessen hast du mich zu einem nutzlosen Schattendasein verdammt.

Fritz Rottmann hielt im Lesen inne, sann einen Augenblick nach, dann las er weiter.

Ich bin inzwischen einundzwanzig Jahre alt geworden und stehe doch dem Leben ganz fremd gegenüber. Du schreibst in deinem letzten Brief, dass ich nun alt genug geworden sei, um deinem Haus vorzustehen und die Firma Rottmann zu repräsentieren in der Gesellschaft meiner Vaterstadt. Nichts steht in deinem Brief von Sehnsucht nach deinem Kind, nichts von väterlichen Zärtlichkeiten. Nur weil ich alt genug bin, Repräsentationspflichten zu übernehmen, rufst du mich heim. Weißt du denn, ob ich diesen Pflichten gewachsen sein werde, ich, die seit Jahren in einem nur zu engen Kreis lebte und fast nur mit alten Damen von Tante Gertruds Art zusammenkam?

Werde ich diese Rolle zu deiner Zufriedenheit spielen können? Werde ich nicht deinen Unwillen erregen, wenn ich es nicht kann? Mir ist bange vor der Heimat, vor dem Wiedersehen mit dir, das ich doch so lange herbeigesehnt habe, und ich muss mir diese Bangigkeit vom Herzen schreiben: Denn dir das alles sagen Auge in Auge, das kann ich nicht. Dazu bin ich zu scheu und ängstlich. Schreiben kann ich das alles so, wie ich es empfinde.

Und deshalb will ich dich brieflich bitten, habe Nachsicht mit mir, wenn ich am Anfang unsicher und unbeholfen bin. Ich will mir Mühe geben, mich so rasch wie möglich in meine neuen Pflichten einzuleben, aber lernen muss ich erst. Du wirst Geduld haben müssen. Dies alles schreibe ich dir, um dich vorzubereiten – wir wollen nicht von diesem Brief sprechen, wenn wir zusammen sind. Nimm meine Worte auf als das, was sie sind – der Ausdruck meines innersten Empfindens.

Trotz allem freue ich mich, heimzukommen. Es soll so sein, wie du es haben willst. Ich werde am 8. Juni mit dir im Insel-Hotel in Konstanz zusammentreffen, wenn du von deiner Auslandsreise zurückkommst. Tante Gertrud will mich begleiten, weil sie mich, das ihr anvertraute Gut, wohlbehalten an dich abliefern will. Sie wird schon am nächsten Tag nach Basel zurückkehren, wahrscheinlich froh, ihrer schweren Pflichten entledigt zu sein. So gefügig ich mich auch ihrem Haushalt angegliedert habe, manchmal habe ich doch in meiner stürmenden Ungeduld nach Leben und Bestätigung ihren Frieden gestört, und es hat sie nervös gemacht, dass ich nicht so zufrieden war mit der Stille ihres Lebens wie sie selbst. Es scheint mein Schicksal zu sein, dass sich die Menschen leichter von mir trennen, als ich mich von ihnen.

Also, ich treffe pünktlich in Konstanz ein.

Auf baldiges Wiedersehen, mein lieber Vater

deine Tochter Carla

Fritz Rottmann faltete den Brief zusammen und sah nachdenklich vor sich hin. Seine Stirn bildete über der Nasenwurzel eine tiefe Falte. Er atmete tief auf.

Seine Tochter hatte Recht. Er hatte nie die echte, rechte Vaterliebe für sie gefühlt, weil sie ein Mädchen war. Der heiß ersehnte Sohn war ihm versagt geblieben. Das hatte er nicht nur seine früh verstorbenen Frau fühlen lassen, sondern auch seine Tochter. Und er hatte sich dabei all die Zeit über im Recht gefühlt. Was sollte er mit einer Tochter anfangen? Was konnte sie ihm sein?

Aber dieser Brief Carlas, den er vor kurzem erhalten hatte, war doch nicht ohne Eindruck auf ihn geblieben. Bisher hatte er seine Tochter, gleich allen Frauen, als ein sehr unwichtiges Wesen betrachtet. Ihre Schüchternheit ihm gegenüber war ihm unlieb gewesen, und er sagte sich nicht, dass er selbst die Schuld daran trug.

Und nun hatte sie es plötzlich gewagt, in einem so ganz anderen Ton mit ihm zu reden. Furchtlos hatte sie sein Verhalten kritisiert und beleuchtet. Ruhig und bestimmt sagte sie ihm, dass er ein Unrecht an ihr begangen habe.

Zuerst war eine zornige Aufwallung in ihm emporgestiegen. Was fiel diesem kleinen dummen Mädel ein? Aber dann, als er den Brief wieder und wieder las, erwachte doch wider Willen ein anderes, besseres Gefühl in ihm. Er wollte es sich in seiner selbstherrlichen Art nur nicht eingestehen, dass er ihm imponierte. Ein klarer Geist leuchtete daraus hervor, und im Grunde sprach sie doch nur die Wahrheit. Ein wenig, ein ganz klein wenig schämte er sich nun doch, seine Tochter vernachlässigt zu haben.

„Wenn sie ein Junge geworden wäre – das wäre ein ganzer Kerl geworden“, sagte er jetzt, widerwillig anerkennend, vor sich hin.

Aber als er den Brief wieder in seine Brieftasche steckte, trotzte er doch gegen dieses Gefühl auf.

„Eine unbotmäßige Tochter, das könnte mir fehlen! Ich werde sie möglichst schnell verheiraten. Sie soll mir wenigstens dazu verhelfen, einen Schwiegersohn zu bekommen, der nach meinem Herzen ist. Ja, Heinz Salfner soll ihr Gatte werden… und mein Sohn. Ich will’s.“

Und schnell fasste er nach dem anderen Brief und las:

Mein hoch verehrter Freund!

Ich weiß Sie in diesen Tagen auf der Rückkehr nach Deutschland, weiß, dass Sie am 7. Juni in Konstanz zu treffen sind, ehe Sie vermutlich nach der Schweiz reisen, um Ihr Fräulein Tochter abzuholen. Es sind hier allerlei Geschäfte von größter Wichtigkeit erledigt worden, und Sie haben mir mit der Vollmacht, die Sie mir gaben, auch die Verantwortung auferlegt. So gut ich konnte, und hoffentlich in Ihrem Sinn, habe ich nach eigenem Gutdünken disponiert.

Nun drängt es mich aber, zu erfahren, ob Sie zufrieden sind. Ich kann damit nicht warten, bis Sie heimkehren, und mache mich übermorgen auf den Weg, um Sie in Konstanz zu treffen. Bitte erwarten Sie mich im Insel-Hotel. Ich komme über Lindau, da ich auf dem Weg noch einige Geschäfte abzuwickeln habe. Die üblichen Geschäftsberichte lege ich bei, damit Sie schon jetzt Einsicht nehmen können.

Mit ergebenen Grüßen Ihr allzeit dankbarer

Heinz Salfner

Ein Lächeln flog über das strenge Gesicht Fritz Rottmanns.

„Was mag der Teufelskerl angestellt haben? Nun, ich traue ihm das Beste zu. Solch einen Sohn zu haben – das wäre die Erfüllung aller Wünsche! Er muss mein Sohn werden, um jeden Preis!“

Auch dieses Schreiben legte er in die Brieftasche zurück. Ungeduldig sah er nach der Uhr und schritt dann im Zimmer auf und ab. Zuweilen blieb er am Fenster stehen und sah auf den Bodensee hinab. Die Anlegestelle der Dampfer war von hier aus nicht zu erblicken, aber er sah über den Bäumen die Rauchschwaden des Dampfers aufsteigen, der Heinz Salfner gebracht haben musste. Und auf der breiten Promenade, die nach der Haltestelle hinüberführte, war der Verkehr stärker geworden, ein Zeichen, dass der Dampfer angelegt hatte.

Nun musste Heinz Salfner gleich hier sein. – Und schon nach wenigen Minuten klopfte es an die Doppeltür. Gleich darauf stand ein schlanker, hoch gewachsener Mann mit einem gebräunten Gesicht auf der Schwelle.

Fritz Rottmann streckte ihm beide Hände entgegen.

„Endlich!“, rief er mit einem tiefen Aufatmen.

Heinz Salfners Brust hob sich ebenfalls in einem befreiten Atemzug.

„Gottlob! Ich fürchtete schon, dass Sie nach der Schweiz weitergereist sein könnten, ehe ich Sie erreiche.“

„Ich reise nicht nach Basel. Es verlangt mich nicht, in das Puppenheim meiner altjüngferlichen Schwägerin einzudringen, und deshalb habe ich meine Tochter einfach hier herbestellt. Ich erwarte sie morgen. – Aber nun, ohne Umschweife, Salfner, was hat es gegeben? Nehmen Sie Platz, und wenn Sie nicht gar zu müde sind, kommen wir gleich zur Sache.“

Er ließ sich nieder, aber Heinz Salfner reckte seinen kraftvollen, sehnigen Körper.

„Gestatten Sie mir, dass ich stehen bleibe, bis ich alles vom Herzen herunter habe. Ich habe zum Sitzen keine Ruhe.“

„Wie Sie wollen. Also?“

Der junge Mann atmete nochmals tief auf.

„Sie haben die rasend schnelle Markentwertung unterwegs verfolgt, Herr Rottmann?“

„Mit schwerer Sorge, das können Sie sich denken. Mein einziger Trost war, dass ich Sie daheim auf dem Posten wusste.“

Heinz Salfner strich sich über die Stirn.

„Es ging auch hart auf hart, Herr Rottmann. Ich wusste kaum, wie ich mit dem Kurssturz Schritt halten sollte. Der Dollar stieg und stieg, und unsere Speicher leerten sich rasend schnell, ohne dass ich genügend für Ersatz sorgen konnte. Da kam unerwartet ein meiner Ansicht nach sehr günstiges Angebot, aber es handelte sich um einen enormen Posten und in einer Stunde musste ich mich entscheiden. Eine Riesensumme musste sofort flüssig gemacht werden, für eine zweite gleich große wurden kurzfristige Wechsel verlangt. Ich habe es gewagt, habe alle Reserven flottgemacht und den Abschluss getätigt, denn es blieb mir nicht einmal Zeit, mich telegrafisch mit Ihnen zu verständigen. Hätte ich es nicht getan, ständen unsere Speicher jetzt bis zur Hälfte leer. Nun ist alles gefüllt, und ich bringe Orders auf große Bestellungen. Wir können billiger liefern als die anderen… und besser, weil ich die günstige Gelegenheit beim Schopf fasste und wir der Konkurrenz zuvorkommen konnten. Trotzdem habe ich verschiedene schlaflose Nächte gehabt, Herr Rottmann, denn mit solchen Summen habe ich noch nie jonglieren müssen. Hier bringe ich Ihnen alle Unterlagen. Bitte, sehen Sie alles durch, und dann sagen Sie mir, ob ich recht gehandelt habe.“

Heinz Salfner war tief erregt. Seine Augen blitzten, und die Muskeln seines Gesichts zuckten. Schnell legte er nun verschiedene Papiere vor seinen Chef. Fritz Rottmann hatte aufmerksam zugehört und prüfte nun die Papiere, die einen genauen Überblick von Heinz Salfners Tätigkeit gaben.

Der junge Mann hatte glänzend gearbeitet. Das war tatsächlich mehr, als Fritz Rottmann jemals von seinem Stellvertreter erwartet hätte.

Endlich richtete Rottmann sich auf und reichte Heinz Salfner mit einer raschen Bewegung beide Hände.

„Ich habe gewusst, dass die Firma unter Ihren Augen sicher geborgen war. Meine beiden alten Prokuristen sind ja tüchtige Männer, aber sie wurzeln zu sehr in der alten Zeit, um sich den Sprüngen der neuen anpassen zu können. Es geht mir zuweilen selbst der Atem aus. Sie sind der neuen Zeit gewachsen, Salfner, Sie haben die nötige kaltblütige Entschlossenheit. Und außerdem haben Sie Wagemut, der uns Alten fehlt. Ich danke Ihnen. Ohne Ihr entschlossenes Eingreifen wäre uns ein riesiger Gewinn entgangen, und, was schlimmer gewesen wäre, unsere Leistungsfähigkeit wäre stark beeinträchtigt worden. Jetzt können wir der neuen Sturm- und Drangperiode einigermaßen ruhig entgegensehen. Sie sind ein prächtiger Mensch, Salfner, und ein Gewinn für die Firma Rottmann. Das habe ich schon längst gewusst, und Sie haben es mir von neuem bestätigt.“

Heinz Salfners blaue Augen leuchteten auf. Seine Stirn rötete sich.

„Ich freue mich, dass Sie mit mir zufrieden sind, Herr Rottmann. Und wenn ich Ihnen einen Dienst geleistet habe, dann habe ich wenigstens einen Teil meiner Dankesschuld an Sie abgetragen.“

Lächelnd sah Rottmann zu ihm auf. „Diese Dankesschuld hat Sie wohl arg gedrückt?“

Salfner schüttelte den Kopf. „Nein, dazu ließen Sie es nicht kommen, dass sie mich drückte. So großmütig und großzügig haben Sie mir geholfen, als ich nach Kriegsschluss mit leeren Händen und existenzlos dastand. Vermögen hatte ich nicht, meine Mutter und Schwester sind eher auf meine Unterstützung angewiesen, als dass sie mir hätten helfen können, und so stand ich so ziemlich dem Nichts gegenüber, als ich Ihnen damals in einer schauderhaften Gemütsverfassung am Hafen begegnete. Sie zeigten mir gleich ein so warmes Interesse, dass ich Ihnen ewig dankbar dafür sein muss.“

„Das war doch selbstverständlich. Sie waren der Sohn meines besten Freundes, den ich schon immer um seinen tüchtigen Sohn beneidet hatte. Da war es für mich selbstverständlich, dass ich mich Ihrer annahm.“

„Und das haben Sie in sehr umfassender Art getan. Sie boten mir eine sichere Existenz in Ihrem Haus, zeigten mir Vertrauen und gaben mir neue Pflichten, neue Lebensmöglichkeiten.“

„Nun, davon sollen Sie kein Aufhebens machen. Wenn ich in Ihnen nicht den tüchtigen Kerl entdeckt hätte, wäre meine Fürsorge für Sie nicht so eifrig gewesen. Ich habe selbst den meisten Nutzen davon gehabt. Dass ich an Ihnen einen guten Griff getan hatte, wusste ich schon nach vier Wochen, und seither haben Sie mir das immer wieder bewiesen. Zuletzt mit diesem Bravourstückchen. Ja, mein lieber Salfner, jetzt hat sich das Blättchen gewendet. Jetzt bin ich in Ihrer Schuld. Oft in diesen Jahren, da Sie meine rechte Hand geworden sind, habe ich mir gewünscht, dass Sie mein Sohn sein möchten. Heute wünsche ich mir das mehr denn je.“

Heinz Salfner atmete tief auf. „Das macht mich sehr stolz, Herr Rottmann“, sagte er bewegt.

Eine Weile blieb es still. Dann stand Rottmann plötzlich auf, fasste Salfners Hand von neuem und sah ihn mit einem seltsam drängenden Blick an.

„Ich muss Ihnen in dieser Stunde etwas sagen, was ich schon lange auf dem Herzen habe, was mich lange schon innerlich beschäftigt. Gerade jetzt soll es ausgesprochen werden, wo Sie große Summen und das Ansehen der Firma Rottmann gerettet haben. Sie wissen, ich habe sehr darunter gelitten, dass ich keinen Sohn, keinen männlichen Erben habe. Seit ich Sie an meiner Seite arbeiten sah, habe ich immer denken müssen: So wie dieser prächtige junge Mensch hätte dein Sohn beschaffen sein müssen, hättest du einen gehabt. Und dieser Gedanke hat sich mehr und mehr zu dem Wunsch verdichtet, Sie für immer an mich und die Firma Rottmann zu fesseln. Ich habe darüber nachgedacht, Tag und Nacht, wie ich Sie unlösbar an mich binden könnte. Und da ist mir endlich eine Erleuchtung gekommen, und ich habe mich nun in diesen Gedanken verbissen. Salfner, Sie könnten mein Sohn werden – und zwar über meine Tochter hinweg. Ich meine, Sie müssten mein Schwiegersohn werden.“

Der junge Mann zuckte betroffen zusammen und sah ihn betreten an.

„Herr Rottmann!“, rief er mehr erschrocken als erfreut.

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