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Hedwig Courths-Mahler - Folge 015

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Der verhängnisvolle Brief
  4. Vorschau

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Der verhängnisvolle Brief

Roman um eine enttäuschte Liebe und ein junges Glück

 

 

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Hasso von Ried ging langsam den Kurfürstendamm entlang. Er hatte eben seine in einer Seitenstraße gelegene Junggesellenwohnung verlassen und hoffte, hier ein Taxi zu finden, das ihn an seinen Bestimmungsort bringen sollte. Suchend ließ er seine Blicke umherschweifen, aber alle Autos, die ihm begegneten, waren besetzt. Auch am nächsten Taxistand war keins zu sehen.

„Wieder einmal kein einziges Vehikel zu haben“, sagte er ärgerlich vor sich hin.

In diesem Augenblick näherte sich wieder ein Auto. Dicht vor ihm fuhr es an den Straßenrand und hielt vor dem Konfitürengeschäft Hamann an. Eine junge schlanke Dame stieg aus. Sie nahm ein Geldstück aus der Tasche ihrer Jacke und reichte es dem Chauffeur. Dann wollte sie sich abwenden. Dabei aber blieb sie mit der Schutzkette ihres Armbands am Türgriff hängen. Hasso von Ried bemerkte es und trat rasch und hilfsbereit heran. Er verneigte sich artig, und sie blickte, leicht errötend, zu ihm auf. Seine schlanke, sehnige Gestalt in der Uniform eines Berliner Garderegiments überragte die ihre um ein gutes Stück.

„Gestatten Gnädigste, dass ich behilflich bin?“, fragte er höflich und löste vorsichtig die Kette von dem Griff. Dabei bewunderte er erst die feine, schlanke Hand und dann betrachtete er interessiert eine kleine Münze, die als Anhänger an der Armbandkette hing. Sie war von Gold und zeigte ein Wappen mit einer Freiherrenkrone. Auf dem Wappen erkannte er einen springenden Eber und auf dem Spruchband die Worte „Treu und unverzagt.“

Notgedrungen war die junge Dame stehen geblieben, bis er sie befreit hatte. Nun war sie erlöst. Er trat mit einer Verbeugung zurück.

Einen Moment sahen sie sich in die Augen.

Dankend neigte die junge Dame das Haupt. Eine leise Röte war wieder in ihre Wangen gestiegen. Sie prägte sich seine aristokratischen Züge ein und wusste, dass sie dieses interessante Gesicht nicht wieder vergessen würde.

Aber sie wandte sich nun schnell ab und ging auf das Konfitürengeschäft zu.

Er blieb am Wagenschlag stehen und sah ihr nach. Seine Augen freuten sich an der ruhigen stolzen Haltung der jungen Dame, an ihren elastischen Bewegungen, die von Kraft und Grazie zugleich zeugten.

Als sie im Laden verschwunden war, rief Hasso dem Chauffeur zu, wohin er zu fahren wünschte. Dann stieg er ein und lehnte sich in die Polster zurück.

Das Auto fuhr davon.

Hasso von Ried warf keinen Blick mehr nach dem Laden zurück. Seine Gedanken wandten sich Dingen zu, die wichtiger für ihn waren als die flüchtige Begegnung mit einer schönen jungen Dame. So merkte er auch nicht, dass sie verstohlen durch die Konfitürenberge in der Auslage des Schaufensters dem davonfahrenden Auto nachsah.

Sie machte dann ihre Einkäufe und verließ mit einigen kleinen Paketen das Geschäft.

Mit schnellen, zielsicheren Schritten überquerte sie den Kurfürstendamm und bog in eine Nebenstraße ein. Nach kurzer Zeit hatte sie ihr Ziel, eine vornehme Fremdenpension, erreicht.

Eine Zofe nahm ihr im Vorzimmer Hut und Jacke ab.

„Ist Mama schon zurück, Franziska?“, fragte die junge Dame.

„Gnädige Frau ist vor wenigen Minuten zurückgekommen“, erwiderte die Zofe.

Die junge Dame ordnete vor dem Spiegel ein wenig ihr Haar, nahm ihre Pakete wieder auf und betrat einen hübschen kleinen Salon. Er machte einen wohnlichen Eindruck. Aber durch die Tür, die ins Nebenzimmer führte, sah man geöffnete und schon gepackte Koffer stehen.

In diesem Zimmer saß in einem Sessel am Fenster eine ältere Dame.

„Habe ich dich lange warten lassen, Mamascha?“, fragte die junge Dame.

„Nein, Carry, auch ich kam eben erst zurück von meinen Abschiedsbesuchen. Exzellenz Haukner hielt mich ziemlich lange auf. Sie sagte mir viel Schmeichelhaftes über meine reizende Tochter. Wirst du eitel werden?“

Lachend sahen sich Mutter und Tochter an.

„Ich soll dir ja sehr ähnlich sein, Mamascha. Wirst du nun eitel werden?“, neckte Carry.

Die Freifrau von Hartenfels machte eine abwehrende Geste. „Die Zeiten sind für mich vorbei, Carry. Eitel bin ich jetzt nur noch auf dich. Wie war es bei der Modistin? Sind deine Kleider fertig?“

„Bis auf Kleinigkeiten. Sie werden direkt nach Hartenfels geschickt.“

„Und was hast du da in diesen Paketen?“

„Hamann-Konfitüren, Mamascha. Den ganzen Rest meines Taschengeldes habe ich für Reisefutter ausgegeben und habe auch noch, deine gütige Einwilligung voraussetzend, eine größere Bestellung gemacht, die uns nachgesandt wird.“

„Die gütige Einwilligung erteile ich hiermit nachträglich. Im Übrigen habe ich uns einen Imbiss bestellt. Wir haben ja noch gut eine Stunde Zeit, ehe wir zum Bahnhof fahren müssen. Hast du noch irgendjemanden von unseren Berliner Bekannten getroffen?“

„Nein. Aber einen unbeschreiblich interessanten Gardeleutnant habe ich gesehen. Er bestieg dasselbe Auto, das ich bis zu Hamann benutzte, und da ich mit meiner Schutzkette am Armband hängen blieb, erlöste er mich. Du, Mamascha, er sah prachtvoll aus! Weißt du, so stelle ich mir den Drachentöter St. Georg vor.“

„In einer Gardeuniform?“, scherzte die Mutter.

Carry lachte. „Natürlich nicht.“ In diesem Moment trat die Zofe der beiden Damen ein. Sie trug ein Tablett mit dem bestellten Imbiss. Die Damen ließen sich auch hier in der Pension nur von ihrer eigenen Dienerschaft bedienen.

„Ist es recht so, gnädige Frau?“, fragte die Zofe, das Tablett vor Frau von Hartenfels niedersetzend.

Sie sah sich die Speisen an und nickte lächelnd. „Es genügt vollständig, Franziska. Nun lassen Sie für sich und Friedrich auch noch eine Mahlzeit richten. Dann, wenn Sie gegessen haben, fahren Sie beide mit dem Gepäck schon zum Bahnhof. Sie geben das Gepäck auf und belegen unsere Plätze.“

„Sehr wohl, gnädige Frau.“

„Und bestellen Sie an der Kasse, dass man mir die Rechnung vorlegt. Die Kassiererin wird sie wohl schon fertig haben.“

Franziska hatte den Imbiss zierlich auf einen kleinen runden Tisch geordnet, an dem die Damen sich nun niederließen, nachdem die Zofe das Zimmer verlassen hatte.

„Nun geht es also für neun Monate nach Hause, Carry, die schönen Tage von Berlin sind wieder einmal zu Ende.“

Carry nicke lächelnd. „Ich freue mich schon auf zu Hause.“

„Wirklich?“

„Wirklich.“

„Und ganz leichten Herzens verlässt du Berlin? Ist dir und deiner Herzensruhe keiner der glänzenden Kavaliere gefährlich geworden, die dich so eifrig umworben haben?“

„Nicht ein einziger. Ich bringe mein Herz heil und unversehrt wieder nach Hartenfels zurück.“

„Trotz des St. Georgs von der Garde?“, neckte die Mutter.

Carrys Blick flog einen Moment träumerisch ins Weite. Seltsamerweise schlug ihr Herz ein wenig schneller beim Gedanken an den jungen Offizier. Aber sie war darüber ärgerlich. Es war sonst nicht ihre Art, sich so leicht fesseln zu lassen. Aber obwohl sie gewohnt war, ihrer Mutter alles zu sagen, wollte sie doch nicht eingestehen, dass ihr der Gedanke an den jungen Herrn Herzklopfen machte.

„Auch trotz des St. Georgs, Mamascha.“

„Also hat niemand Gnade vor deinen Augen gefunden? Ich dachte einmal, du hättest Graf Soest ein wenig ausgezeichnet.“

Energisch schüttelte Carry den Kopf. „Ach nein, mit dem war ich nur öfters zusammen, weil seine Schwester von der Pension her mit mir befreundet ist. Er ist ja ein ganz amüsanter Gesellschafter, aber das ist auch alles. Es eilt mir durchaus nicht, unter die Haube zu kommen. Wenn ich mich einmal verheirate, dann tue ich es nur, wenn ich einen Mann von ganzem Herzen liebe und ebenso wiedergeliebt werde.“

„Nun, hoffentlich findest du so einen.“

„Eilt es dir denn so sehr, mich loszuwerden, Mamascha?“

Die Mutter fasste die Hand der Tochter und legte sie zärtlich an ihre Wange. „Ach, Carry, wenn es nach mir ginge, müsstest du immer bei mir bleiben. Aber Mütter müssen sich bescheiden. Über meinen eigenen Wünschen steht mir dein Glück.“

Carry küsste die Hand der Mutter. „Bin ich denn nicht glücklich bei dir, Mamascha?“

„Du sollst noch viel glücklicher werden, so glücklich, wie ich es mit deinem lieben Vater war.“

Carry seufzte leise. „Ich glaube, so ein inniges Verhältnis, wie es zwischen dir und Papa herrschte, gibt es nur alle hundert Jahre einmal zwischen Eheleuten.“

Die Mutter lächelte vor sich hin. „Und doch habe ich deinen Vater erst lieben gelernt, als wir verheiratet waren.“

Überrascht sah Carry auf. „Wirklich, Mama? Du liebtest ihn nicht schon, als du seine Braut wurdest?“

„Nein. Damals hatte ich mein dummes Herz an einen Mann verloren, der es gar nicht mochte.“

„Ach, das musst du mir erzählen, das ist ja sehr interessant.“

Die noch immer schöne Mutter sah lächelnd in die Augen ihres Kindes. „Da gibt es nicht viel zu erzählen. Ich schwärmte eben nach Jungmädchenart für ein Ideal. Und das sah ich in einem Mann, der mindestens fünfzehn Jahre älter war als ich. Ich lernte ihn zu derselben Zeit kennen wie deinen Vater. Sie waren im Manöver beide bei uns einquartiert. Mein Herz flog ihm beim ersten flüchtigen Begegnen zu. Und meine Verliebtheit wurde immer stärker, obwohl er sich wenig um mich kümmerte, viel weniger als dein Vater, der mir gleich eifrig den Hof machte. Und von deinem Vater erfuhr ich dann auch, dass mein angeschwärmtes Ideal schon seit zwölf Jahren verheiratet war und einen elfjährigen Sohn besaß. Da trug ich meine heimliche Liebe still zu Grabe. Es tat furchtbar weh damals, aber du siehst, ich bin nicht an gebrochenem Herzen gestorben.

Dein Vater mochte ahnen, was in mir vorging. Er war aber so zartfühlend und ritterlich und umgab mich mit so viel Aufmerksamkeiten, dass ich ihm herzlich gut sein musste. Und ich wurde schließlich seine Frau, obwohl mein Herz noch immer nicht ruhig schlug, wenn ich an den anderen dachte. Aber zu meiner eigenen Überraschung merkte ich bald, dass ich eigentlich sehr glücklich war an der Seite deines Vater. Und er ließ mir gar keine Wahl – ich musste ihn herzlich lieb gewinnen. Du weißt ja, welch ein goldener Mensch er war.“

Carry nickte mit leuchtenden Augen. „Ich weiß, er war ein Mensch von seltener Herzensgüte. Wir beide wissen sehr wohl, was wir an ihm verloren haben.“

Die Augen der Mutter wurden feucht. „O ja, das wissen wir. Aber du siehst, Carry, es sind nicht immer die Ehen die glücklichsten, die aus großer, leidenschaftlicher Liebe geschlossen werden.“

Ihre Bewegung in sich niederzwingend, sah Carry die Mutter schelmisch an. „Und die Nutzanwendung? Ich soll nicht auf die große Liebe warten. Meinst du das?“

„Ich meine, dass in dieser Frage jeder Mensch nach seinem eigenen Ermessen entscheiden muss. Eine Nutzanwendung beabsichtigte ich nicht.“

„Dann ist es gut. Vorläufig gefällt es mir bei dir noch viel zu gut, als dass ich wünschen würde, mich zu verändern. Dazu müsste mich mein Herz mit aller Macht drängen, und vorläufig fühle ich noch nicht das leiseste Zucken.“

Ob Carry jetzt ganz ehrlich war? Ob der St. Georg in der Gardeuniform nicht doch ein ganz klein wenig Unruhe in ihr junges Herz gezaubert hatte?

„Ich bin zufrieden“, sagte die Mutter lächelnd.

„Nun musst du mir aber noch sagen, Mamascha, ob du später dem Mann, den du liebtest, wieder begegnet bist.“

Frau von Hartenfels nickte lächelnd. „O ja, zuweilen. Und so ein ganz klein wenig habe ich noch lange für ihn geschwärmt. Ich brauche dir kein Geheimnis aus seinem Namen zu machen, es war der Freiherr von Ried.“

Carry zuckte betroffen zurück.

„Wie? Unser bärbeißiger, unliebenswürdiger Nachbar, der Majoratsherr auf Marwedel?“

Die Mutter lachte herzlich. „O nein, so einen schlechten Geschmack wirst du mir doch nicht zutrauen. Nicht ihn meine ich, sondern seinen Cousin Hein von Ried.“

„Den kenne ich ja gar nicht.“

„Er ist schon seit Jahren tot, und er war nur selten im Schloss Marwedel. Die Cousins waren sich nicht sehr sympathisch.“

„Kein Wunder, wer soll denn mit dem alten Isegrim sympathisieren? Also er ist tot, dein Schwarm?“

„Ja, auch seine Gattin ist tot. Nur sein Sohn Hasso ist noch am Leben.“

„Ach – Hasso von Ried? Von dem hat mir Kurt von Ried zuweilen erzählt. Er hält viel von diesem Cousin, obwohl sein Vater allerlei an ihm auszusetzen hat. Nun ja, wer soll auch die Zufriedenheit des alten Marwedeler erringen? Das müsste ja ein Phänomen sein! Dieser Hasso von Ried scheint auch nicht viel Sehnsucht nach seinen Verwandten auf Marwedel zu haben. Ich habe ihn nie dort gesehen.“

„Früher war er mit seinen Eltern einige Male dort. Aber da warst du noch ein Kind und bist nicht nach Marwedel hinübergekommen. Und das letzte Mal war er dort, als du in der Pension weiltest. Seitdem habe ich ihn auch nicht wieder gesehen. Seltsamerweise sind wir ihm auch nie in Berlin begegnet.“

„Ach, richtig, Kurt sagte mir ja, sein Cousin Hasso lebe in Berlin. Er ist Offizier.“

„Ganz recht. Also, Kurt von Ried hält viel von seinem Cousin Hasso?“

„Ja, obwohl sein Vater sehr unzufrieden mit ihm ist, weil er nach seiner Meinung zu viel Geld ausgibt.“

„Nun, man muss noch kein Verschwender sein, um bei Herrn von Ried diese Meinung zu erwecken.“

„Da hast du Recht, Mamascha, der alte Herr von Ried ist, unter uns, ein Geizkragen, und Kurt hat auch nicht gerade das angenehmste Leben, obwohl er der Erbe eines großen Majorats sein wird.“

„Kurt von Ried plaudert gern mit dir. Ich glaube, du brauchtest ihm nur eine leise Hoffnung zu machen, dann würde er um deine Hand anhalten. Sein Vater sähe es sicher auch gern, wenn du eines Tages seine Schwiegertochter sein würdest, weil dann Hartenfels, das ja gottlob nicht Majorat ist, an die Rieds fallen würde.“

Carry schüttelte energisch den Kopf. „Nein, Mama! Kurt ist ein lieber, netter Mensch und mein guter Freund, aber nichts weiter. Das ist kein Mann für mich, um Gottes willen nicht. Der würde bei mir rettungslos unter den Pantoffel kommen.“

„Meinst du?“

„Ganz sicher. Das habe ich ihm auch schon ganz unverblümt gesagt.“

Frau von Hartenfels horchte auf. „Wie? Du hast mit ihm darüber gesprochen?“

„Ja, er fragte mich kurz vor unserer Abreise nach Berlin – es war halb ernst und halb scherzhaft gemeint –, ob ich nicht Lust habe, Majoratsherrin von Marwedel zu werden. Da habe ich ganz entschieden abgewinkt.“

„Wie denn, Carry?“

„Oh, ich habe ihm einfach gesagt: ‚Lieber Kurt, Sie und ich, wir sind viel zu gute Freunde, kennen uns viel zu genau, als dass wir als Eheleute zusammenpassten. Sie sind viel zu gut und zu sanftmütig für mich. Ich würde Sie sehr unglücklich machen’.“

„Und was sagte er darauf?“

„Er meinte, deshalb hätte er keine Angst, und er glaube das Gegenteil. Ich sagte ihm darauf, dass ich desto mehr Angst habe, und bat ihn, nie mehr davon zu reden, damit wir gute Freunde bleiben könnten.“

Frau von Hartenfels sah nachdenklich vor sich hin. „Also, da war ich mit meinen Mutmaßungen auf dem Holzweg“, sagte sie seufzend.

„Mit welchen Mutmaßungen?“, forschte Carry.

„Ich glaubte, du verhieltest dich nur deshalb so ablehnend gegen all deine hiesigen Bewerber, weil du im Geheimen Kurt von Ried zugetan seiest.“

Energisch schüttelte Carry den Kopf. „Nein, nein, Mamascha, da warst du wirklich auf dem Holzweg. Daran ist nicht zu denken.“

„Schade! Ich hätte es mir so schön gedacht, dich in meiner Nähe zu behalten, wenn du dich einmal verheiratest. Marwedel und Hartenfels liegen so hübsch dicht beieinander.“

Carry schob ihren Teller zurück und sprang auf. Sie umfasste die Mutter und küsste sie. „Meine goldene Mamascha, selbst die Aussicht, in deiner Nähe bleiben zu können, würde mich nicht dazu veranlassen, Kurt von Rieds Gattin zu werden.“

Auch die Mutter erhob sich nun. Sie zog ihre Tochter in ihre Arme. „Die Hauptsache ist, dass du glücklich wirst, Carry.“

Hier wurden die Damen durch die Kassiererin der Pension gestört, die Frau von Hartenfels die Rechnung vorlegte.

Kurze Zeit darauf machten sich die beiden Damen fertig zur Abreise.

***

Hasso von Ried war inzwischen im Auto durch die belebten Straßen des Berliner Westens gefahren. Er sah mit düsteren Augen und finster zusammengezogener Stirn in das lebhafte Treiben dieses Vorfrühlingstages.

Und das soll man nun alles aufgeben! Aus dieser sprudelnden Berliner Luft soll man direkt in die Wildnis verpflanzt werden. Mein Herr Onkel ist ein Tyrann, dachte er.

Mit einem resignierten Aufatmen lehnte er sich zurück in die Lederpolster des Autos.

Während er gedankenverloren vor sich hin starrte, wurden seine Augen plötzlich durch einen blitzenden Gegenstand gefesselt, der sich zwischen dem Rücksitz und der Autowand eingeklemmt hatte. Er reckte sich empor, sah genauer hin und fasste mit der Hand danach.

Es war eine goldene Handtasche. Der Bügel stellte den gekrümmten Leib eines Elefanten dar. Schwanz und Beine hingen zu beiden Seiten der Tasche herab. Am Rücken des Elefanten waren an den Gurten, die seinen Leib wie goldenes Sattelzeug umspannten, goldene Ringe angebracht, und daran war eine starke goldene Kette als Henkel für die Tasche befestigt. Die Gurte waren mit Brillantsplittern besetzt, und die Augen des Elefanten bildeten zwei schöne Saphire.

Keinen Moment bezweifelte Hasso von Ried, dass diese Elefantentasche der jungen Dame gehörte, die vor ihm das Auto benutzt hatte. Es erschien ihm selbstverständlich, dass er sofort versuchen musste, den sicher schon schmerzlich vermissten Wertgegenstand in die Hände der jungen Dame zurückzulegen.

Sofort rief er den Chauffeur an, er möge an die Stelle zurückfahren, wo er das Auto bestiegen hatte.

Aber als das Auto vor Hamann hielt, war die junge Dame nicht mehr zu sehen. Hasso betrat den Laden und forschte nach ihrem Verbleib, aber es waren inzwischen schon so viele andere Käuferinnen in dunkelblauen Kleidern dort gewesen, dass die Verkäuferinnen nicht wussten, welche er meinte. Es hatte auch keine der Damen etwas von einer verlorenen Handtasche verlauten lassen.

Für alle Fälle ließ er seine Adresse zurück. Falls die junge Dame hier nach ihrem Eigentum forschen sollte. Dann kehrte er ins Auto zurück. Er gab abermals die Adresse an, die er schon vorher genannt hatte. Während der Wagen davonrollte, öffnete er die Tasche, in der Hoffnung, aus dem Inhalt vielleicht die Adresse. oder den Namen der Besitzerin ermitteln zu können. Innen im Bügel entdeckte er ein kleines Monogramm: „C. H.“. Aber das konnte ihm keinen Aufschluss geben. Er musste den Inhalt der Tasche durchsehen.

Da war eine kleine goldene Geldbörse, in der sich, fest zusammengelegt, einige Banknoten befanden. Außerdem ein kleiner Schlüsselbund mit vier zierlichen Schlüsseln, ein feines Spitzentaschentuch, dem ein leiser, diskreter Duft entstieg – und ein zusammengefalteter Brief, ohne Kuvert.

Einen Moment zögerte er. Da er aber aus dem anderen Inhalt der Tasche die Eigentümerin nicht ermitteln konnte, entfaltete er schließlich den Brief in der Hoffnung, darin einen Namen zu entdecken. Gern beging er diese Indiskretion nicht, aber hier half kein Zögern.

Anrede und Unterschrift des Briefes gaben auch keinen Aufschluss – er musste also denn ganzen Brief lesen. Er war ziemlich kurz. Und als er ihn gelesen hatte, machte er ein Gesicht, als sei er äußerst peinlich berührt worden.

Der Brief lautete:

Süße – Liebe!

Heißen, innigen Dank für deinen Opfermut. Ich kann dir nie genug danken, dass du gestern Abend zu mir kamst und allem zum Trotz vor Gott mein Weib wurdest. Nun wird uns deine Mutter ihre Einwilligung nicht mehr versagen. Du hast es ihr durch deinen Opfermut unmöglich gemacht. Bitte, teile mir mit, wann ich kommen darf, um nochmals um deine Hand anzuhalten. Werden wir glücklich sein dürfen? Ich küsse deine lieben Hände.

Dein treu ergebener R.

Hasso war das Blut jäh in die Stirn getreten. Mit einem unsagbar peinvollen Gefühl faltete er den Brief zusammen. Der Inhalt war ausgesprochen – kompromittierend für die junge Dame, und zwar mit einer Deutlichkeit, die nichts zu wünschen übrig ließ. Es war ihm sehr unangenehm, dass er den Brief hatte lesen müssen, der ganz sicher nicht für fremde Augen bestimmt war.

Er rief sich das Bild der jungen Dame ins Gedächtnis zurück, aber es hatte sich bereits verwischt. Er wusste nur, dass sie einen vornehmen eleganten Eindruck gemacht hatte, wie eine Dame aus guter Familie, und dass ihre Augen rein und stolz geblickt ...

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