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Hedwig Courths-Mahler - Folge 013

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Von welcher Art bist du?

Roman um eine gefahrvolle Liebe in einem fremden Land

 

 

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In einer vornehmen Villa, inmitten eines wundervollen Parks, stand an einem offenen Fenster eine junge Dame. Sie sog in tiefen Atemzügen die köstliche Frühlingsluft ein und sah dabei mit großen Augen in die Ferne.

Die junge Dame war mittelgroß und schlank. Das Gesicht hatte feine Züge und zeigte noch eine fast kindliche Rundung. Alle Linien darin waren weich und lieblich, wie man es nur bei Menschen findet, die das Leben niemals rau angefasst hat. Nur um den Mund lag ein herber Zug.

Felicie Rottmann war das einzige Kind des Chefs der Vita-Werft, eines der bedeutendsten Werke dieser Art. Kommerzienrat Werner Rottmann hing mit aller Zärtlichkeit seiner Vaterherzens an der Tochter. Sie war der einzige Mensch, der zu ihm gehörte. Vater und Tochter waren einander alles. Was sie sich an den Augen absehen konnten, taten sie einander zuliebe.

Sonst war Werner Rottmann ein sehr willensstarker, tatkräftiger und gerechter Mensch. Heute merkte man seinem in strenger Selbstzucht gestählten Wesen nicht an, dass er sich einst, in seiner Jugend, von einer glühenden Leidenschaft hatte hinreißen lassen, etwas zu tun, das ihn nachher sein ganzes Leben lang gereut hatte. Er hatte eine Frau geheiratet, die nicht zu ihm, zu seinen Wünschen passte.

Vor dreiundzwanzig Jahren hatte ihn sein Vater auf Reisen geschickt. Er sollte sich die Welt ansehen, auf ausländischen Werften Erfahrungen sammeln und dabei Geschäftsverbindungen anknüpfen oder ausbauen. Im Verlauf dieser Reise war er auch nach Brasilien gekommen, und hier ereilte ihn sein Schicksal.

Er verliebte sich mit einer bei seinem sonst ruhigen Naturell unerklärlicher Heftigkeit in eine junge Dame – eine Kreolin.

Es half nichts, dass ihn gute Freunde zur Vernunft bringen wollten. Er hörte nicht auf ihre Warnungen. Seine Angebetete war für ihn ein Engel, ein Geschöpf ohne Fehler.

Er warb um die junge Dame, deren Vater große Plantagen besaß. Seinem Vater schrieb er, dass er die Absicht habe, sich mit Señora Elvira Pesato zu verloben, und bat um seinen Segen.

Sein Vater hatte jedoch zugleich von besorgten Geschäftsfreunden die Nachricht erhalten, dass sein Sohn eine sehr schlechte Wahl getroffen habe. Man berichtete ihm, dass Señora Elvira Pesato ein kokettes, oberflächliches, herzenskaltes Geschöpf sei, und warnte ihn, wie man Werner Rottmann selbst gewarnt hatte.

Er telegrafierte an seinen Sohn, er verweigere seine Zustimmung und verlange, dass Werner sofort heimkehre. Aber ehe noch der zum Telegramm folgende Protestbrief seines Vaters eintraf, hatte er sich mit Elvira Pesato verlobt. Der Verlobung folgte schnell die Hochzeit. Vater und Sohn gerieten brieflich schwer aneinander, und schließlich sagte sich der Vater von Werner los. Er schrieb ihm:

Die Frau, die du gegen meinen Willen geheiratet hast, kommt nie in mein Haus. Ich will kein fremdes Blut in meiner Familie haben. Kehrst du eines Tages ohne sie heim, wie ich hoffe und wünsche, dann steht dir das Vaterhaus wieder offen. An ihrer Seite wird es dir verschlossen sein, und wenn mein Alter noch so einsam sein wird.

Auf Elviras Wunsch wurde die Hochzeit mit großem Pomp in der am Meeresstrand gelegenen weißen Marmorvilla ihrer Eltern gefeiert.

Für das junge Paar war für die Flitterwochen auf einer Fazenda ein reizendes Landhaus als Aufenthalt eingerichtet. Später sollte es nach Rio zurückkehren, um hier zu wohnen.

Bei der Hochzeitsfeier lernte Werner Rottmann den großen Bekanntenkreis seiner Schwiegereltern kennen, und dabei beschlich ihn zum ersten Mal ein unbehagliches Gefühl. Es sah in eine Sphäre, in der nur heißer Lebensdurst und Sinnengenuss regierte, in der man nur dem Augenblick lebte und ihm ziemlich frivole Zugeständnisse machte. „Erlaubt ist, was gefällt“, war hier die Devise. Es herrschte eine Zügellosigkeit, die ihn beklommen machte.

Aber seine junge Frau schwamm in diesem Treiben wie der Fisch in seinem Element. Ehe er an seinem Hochzeitstag so recht zu klarer Besinnung kam, war es Zeit geworden, mit seiner jungen glutäugigen Frau aufzubrechen.

Lachend rang sich Elvira los aus der Schar ihrer bisherigen Verehrer und quittierte mehr oder minder delikate Anspielungen mit einem koketten Lächeln, das ihr reizend stand.

Sie legte dann ihre Hand auf den Arm ihres jungen Gatten, sah ihn mit glühender Leidenschaft an und flüsterte ihm heiße Sehnsuchtsworte zu.

Es folgten nun Wochen berauschender Glückseligkeit für Werner Rottmann. Die idyllische Fazenda wurde ihm zum Paradies. Er verlor in seinem Glücksrausch alle Bedenken, die zuweilen aufsteigen wollten, wenn ihn ein frivoles Wort, eine gefühlskalte Handlung an ihr erschreckte.

So verrauschten die Flitterwochen wie in einem heißen Strom. Was ihn zuweilen stutzig machte, wehrte er von sich ab. Er sagte sich, seine Frau sei noch ein halbes Kind, das erst reifen, das er sich erst erziehen müsse. Und er träumte von sehr reizvollen Erziehungsversuchen, mit denen er schon jetzt begann.

Wie sehr sollte er aber enttäuscht werden! Elvira wurde es langweilig, als ihre Verliebtheit zu weichen begann. Auf der Fazenda gab es keine Amüsements, keine Verehrer, keine Feste, die sie so liebte. Deshalb drängte sie unter dem Vorwand, dass sie Sehnsucht nach ihren Eltern habe, nach Rio zurück. Und er willigte gerne ein. Auf die Dauer sagte dem tatkräftigen jungen Mann das müßige Leben nicht zu. Er wollte wieder Arbeit haben, wollte schaffen und wirken. Und da sich sein Vater von ihm losgesagt hatte und er nicht mehr mit ihm und für ihn arbeiten konnte, suchte er sich einen neuen Wirkungskreis.

Er wollte sich auf den Werften in Rio eine Stelle als Schiffsbauingenieur suchen und auf diese Weise wenigstens das verdienen, was er für sich selbst brauchte. Das sagte er auch seiner jungen Frau und seinen Schwiegereltern, als sie nach Rio zurückgekehrt waren. Aber sie wollten nichts davon hören. Das habe er nicht nötig, sagten sie ihm. Er verdiene damit doch nur eine Bagatelle, und es sei gescheiter, er nähme von ihnen an, was er brauche, und widme seine Zeit seiner jungen Frau, die doch nun mit ihm ausgehen und Feste feiern wolle.

Werner Rottmann war nicht dazu geschaffen, sich von seiner Frau oder doch deren Eltern erhalten zu lassen. Er sagte ruhig und bestimmt, dass er das nicht wolle und dass er Arbeit brauche, um sich wohl fühlen zu können.

So fühlen man ihm schließlich den Willen lassen, und Werner fand auch bald eine Stellung auf einer Werft. Er hatte nun freilich nicht mehr so viel Zeit für seine junge Frau, die aber bald genug andere ihr zusagende Gesellschaft fand, die jedoch ihrem Gatten sehr wenig gefiel.

Das führte zu allerhand Meinungsverschiedenheiten, und dabei hatte Werner Gelegenheit, seine junge Frau in einer erschreckenden Weise kennen zu lernen. Sie ließ sich nun völlig gehen und zeigte sich ihm in ihrer wahren Gestalt. Bald musste er erkennen, dass das Glück, das er mit der Trennung von seinem Vater bezahlt hatte, nur ein Scheinglück war.

Elvira ging ihre eigenen Wege. Sie genoss, unbekümmert um seine Enttäuschung, die Freiheit, die sie sich als verheiratete Frau nahm.

Eine Weile musste sie aber dann zurückgezogen leben, weil sie ein Kind erwartete. Die Zurückhaltung, die ihr dadurch auferlegt wurde, erschien ihr wie eine Tortur. In dieser Zeit hasste sie ihren Mann geradezu und quälte ihn bis aufs Blut mit ihren Launen. In ihrer oberflächlichen Seele war längst jedes Gefühl für ihn verloschen.

Und doch versuchte Werner gerade in dieser Zeit noch einmal, seinen häuslichen Frieden zu retten, damit sein Kind in einer gedeihlichen Umgebung aufwachsen konnte.

Aber all seine Bemühungen prallten an der Gefühlskälte seiner Frau ab.

Und dann wurde das Kind geboren – ein kleines Mädchen. es erhielt den Namen Felicie.

Werner Rottmann liebte das Kind zärtlich. Vom ersten Tag an behielt er es unter seiner Obhut, da Elvira es vernachlässigte und als eine Last empfand.

Und Elvira war froh darüber. Nun konnte sie doch umso ungebundener ihrem Vergnügen nachgehen. Mit einem wahren Heißhunger stürzte sie sich in den Strudel des geselligen Lebens. Sie war schöner als je und war nach wie vor von Anbetern umringt.

Was kommen musste, kam. Eines Tages fand Werner Rottmann, als er unvermutet nach Hause kam, seine Frau in den Armen eines jungen Kreolen, Señor Amadeo Torada.

Werner züchtige ihn in seinem Zorn mit der Reitpeitsche und warf ihn aus dem Haus. Als er mit seiner Frau abrechnen wollte, war sie verschwunden. Sie hatte sich heimlich davongeschlichen zu ihren Eltern in die weiße Marmorvilla am Strand.

Mit einer eisigen Ruhe ging er dorthin. Er sprach mit ihrem Vater und teilte ihm mit, dass er die Scheidung beantragen würde. Mit seiner Tochter werde er dann nach Deutschland zurückkehren. Elviras Vater erklärte sich mit allem einverstanden.

Die Scheidung wurde ohne große Schwierigkeiten durchgesetzt, und Elvira Rottmann, geborene Pesato, heiratete nach kurzer Frist in zweiter Ehe Señor Amadeo Torada.

In der Heimat angelangt, begab sich Werner Rottmann ohne Zögern zu seinem Vater, und da er ohne Frau kam, war die Versöhnung zwischen Vater und Sohn schnell zustande gekommen.

Das kleine Töchterchen seines Sohnes nahm der alte Herr liebreich auf.

Lange Zeit war sie und die kurze Ehe ihres Vaters der ausgiebige Gesprächsstoff in der Heimatstadt Werner Rottmanns. Von allen Seiten kamen Freunde und Bekannte und staunten das kleine Mädchen an. Eine ganze Weile nannte man sie nur die Brasilianerin.

So wuchs Felicie heran. Sie war ein stilles, zärtliches Kind mit einem reichen, weichen Herzen. Und von der Zeit an, da sie über sich und andere nachzudenken begann, lag zuweilen eine sinnende Traurigkeit, ein stilles Sehnen in ihren Augen. Ihr Vater sprach nie von ihrer Mutter. Sie wusste nicht, was die Eltern getrennt hatte, wusste nur, dass ihre Mutter jenseits des Ozeans in Brasilien lebte und jetzt einen anderen Gatten hatte als den Vater.

Sie musste oft darüber nachdenken. Wenn sie andere Kinder mit ihren Müttern zusammen sah, riss immer ein brennender Schmerz an ihrem Herzen. Je älter sie wurde, desto tiefer wurde das Sehnen nach der Mutter in ihrer Brust. Sie verbarg es vor ihrem Vater, um ihm nicht weh zu tun. Aber er fühlte sehr wohl, dass seinem zärtlich geliebten Kind etwas fehlte, das er ihr trotz seines Reichtums nicht verschaffen konnte.

Sein Vater hatte ihm, solange er lebte, zugeredet, er möge doch eine zweite Ehe eingehen. Werner Rottmann hätte als Freier an jede Tür klopfen können. Aber er konnte sich nicht dazu entschließen, weil er seiner Tochter keine Stiefmutter geben wollte.

Vor drei Jahren nun war sein Vater gestorben, und Werner war Herr der Vita-Werft geworden. Inzwischen hatte er eine Erzieherin für Felicie engagiert, und er hatte damit einen sehr guten Griff getan. Fräulein Haller war nicht nur eine tüchtige Lehrerin, sie war auch gütig, klug und verständnisvoll und hängte ihr einsames Herz mit großer Innigkeit an ihren Zögling.

Felicie hatte inzwischen fast das einundzwanzigste Lebensjahr erreicht und sich nicht nur zu einer eigenartigen Schönheit entwickelt, der ein fremdartiger Reiz anhaftete, sondern wie war auch ein wertvoller Mensch von vornehmer Denkungsweise geworden.

Ihr Vater hatte ihr, als sie älter und reifer geworden war mancherlei aus seinem Leben erzählt und versucht, ihr möglichst harmlos zu erklären, was ihn von ihrer Mutter getrennt hatte. In schonungsvoller Weise hatte er es getan. Sie sollte nicht gezwungen sein, ihre Mutter zu verachten. Von dem Treuebruch erfuhr sie nichts.

Vor einigen Wochen nun hatte Felicie endlich ein Herz gefasst und ihren Vater gefragt, ob es nicht möglich sei, dass sie ihre Mutter wenigstens ein einziges Mal sehen könnte.

„Willst du nicht einmal mit mir nach Brasilien reisen, Vater, damit ich mit meiner Mutter zusammentreffen kann?“, hatte sie gefragt.

Werner Rottmann war blass geworden. Hastig schüttelte er den Kopf und hatte geantwortet: „Nein, Felicie, daran ist nicht zu denken. Du darfst nicht vergessen, dass deine Mutter eines anderen Mannes Frau geworden ist.“

Mit ihren großen dunklen Augen hatte sie ihn flehend angesehen.

„Trotzdem ist sie doch meine Mutter, und… sie sehnt sich sicher nach mir, wie ich mich nach ihr sehne.“

Erschrocken hatte er sie angesehen.

„Du sehnst dich nach ihr?“

„Ja, Vater. Willst du mir nicht diesen Wunsch erfüllen? Wir könnten doch die Reise auf einem Schiff machen, das auf der Vita-Werft gebaut ist, vielleicht auf der ‚Felicie‘?“

Er atmete tief auf. „Ich reise mit dir, wohin du willst, Felicie, nur nicht nach Brasilien. Glaube mir, es ist zu deinem Besten. Du würdest nicht glücklich sein über das Zusammentreffen. Du bist in deiner ganzen Art so verschieden von deiner Mutter, wie ich es von ihr war. Und sie würde – ich muss dir das leider sagen – nicht erfreut sein, dich wiederzusehen… Oder sie müsste sich sehr geändert haben. In all den Jahren hat sie ja nicht ein einziges Mal nach dir gefragt, sich nach deinem Ergehen erkundigt.“

Mit geschlossenen Augen hatte Felicie eine Weile still gesessen. Dann hatte sie leise, mit verhaltener Stimme gesagt: „Ich möchte sie dennoch sehen, nur ein einziges Mal.“

„Felicie!“, rief er schmerzlich. Da fasste sie seine Hand.

„Zürne mir nicht, Vater! Ich sehe, dass ich dir weh tue, dich quäle. Das will ich nicht.“

„Nein, das willst du nicht, mein geliebtes Kind, ich weiß es. Und ebenso wenig möchte ich dir weh tun. Aber du musst dir doch sagen, dass ich schwer wiegende Gründe habe, wenn ich dir einen Wunsch versage.“

Sie richtete sich auf und lächelte tapfer. „Ja, ich weiß es. Und wir wollen nun nicht mehr davon sprechen.“

Damit war das Thema beendet gewesen. Felicie hatte nicht mehr nach ihrer Mutter gefragt und nicht von ihrer Sehnsucht gesprochen.

So waren Wochen vergangen. Und nun war heute Morgen etwas Seltsames geschehen. Es war an Felicie ein Brief gekommen, ein Brief mit brasilianischen Freimarken und dem Poststempel Rio de Janeiro. Die Aufschrift zeigte eine zierliche, unregelmäßige Handschrift, und der Brief war eingeschrieben.

Felicie hatte ihn empfangen, als ihr Vater drüben auf der Werft war, und als sie darüber quittierte, befiel sie ein heftiges Herzklopfen. Sie zog sich mit dem Brief in ihr Zimmer zurück und schloss sich ein, als habe sie ein Geheimnis zu hüten.

Mit einer unerklärlichen Erregung öffnete sie das Schreiben. Ihre Hände zitterten, als sie den Briefbogen entfaltete und las:

Meine liebe Tochter!

Weißt du überhaupt, dass du eine Mutter hast, die noch am Leben ist, oder hat man es dir verheimlicht? Seit vielen, vielen Jahren hat man uns getrennt. Du warst noch ein ganz kleines Baby, als ich dich von mir lassen musste. Dein Vater und ich, wir verstanden uns nicht, und so zogen wir es vor, uns zu trennen. Dein Vater nahm dich mit in seine deutsche Heimat und hat dich mir sicher ganz entfremdet.

Ich habe so oft an dich gedacht und mich nach meinem Töchterchen gesehnt. Meine zweite Ehe ist kinderlos geblieben. Kürzlich hörte ich von dir. Man sagte mir, du seiest eine sehr schöne, junge Dame geworden. Und da wurde meine Sehnsucht mächtiger denn je. Ich weiß, du bist in diesen Tagen mündig geworden, und selbst wenn es dir dein Vater verbieten würde, könntest du zu mir kommen. Willst du das nicht tun? Ich bin sehr reich – mindestens ebenso reich wie dein Vater, und du wirst meine Erbin sein, wenn ich eines Tages sterbe. Ich habe ein Herzleiden, das mich vielleicht einmal schnell abruft. Soll das geschehen, ohne dass ich meine Tochter umarmt und geküsst habe? Komm zu deiner Mutter, mein liebes Kind, sie sehnt sich nach dir. Dein Vater hat dich so lange für sich gehabt. Es ist deine kindliche Pflicht, nun auch einmal nach deiner Mutter zu sehen.

Bitte schreibe mir, möglichst gleich, dass du zu mir kommen willst. Es wird dir bei mir gefallen. Ich warte voll Sehnsucht auf deine Antwort.

In Liebe und Sehnsucht küsst

dich deine Mutter Elvira Torada

Wie gebannt sah Felicie auf dieses Schreiben herab.

In Liebe und Sehnsucht

deine Mutter

Diese Worte weckten ein mächtiges Echo in ihrer Brust. Ihr war, als müsse sie sich eilends aufmachen, um zu ihrer Mutter zu reisen. Sie stellte sich in dieser Mutter eine leidende, rührende Gestalt vor und fragte sich allen Ernstes, ob ihre Mutter dieses Herzleiden vielleicht von der Sehnsucht nach ihr bekommen habe. Sie ahnte nicht, wie ganz anders ihre Mutter in Wirklichkeit aussah, ahnte nicht, dass die Sehnsucht ihrer Mutter einen ziemlich egoistischen Ursprung hatte.

Señora Elvira hatte von einem Geschäftsfreund Rottmanns, der kürzlich in Deutschland gewesen war und Felicie kennen gelernt hatte, eine ganz entzückende Schilderung von der Schönheit und Anmut ihrer Tochter bekommen. Diese Schilderung hatte Señora Elvira nachdenklich gestimmt. Sie merkte seit einiger Zeit, dass ihre Schönheit stark im Verbleichen war. Gewöhnt, immer der gefeierte Mittelpunkt aller Feste zu sein, hatte sie mit Erschrecken bemerkt, dass man sie neuerdings vernachlässigte und anderen Schönheiten huldigte. Das kränkte die eitle, gefallsüchtige Frau. Sie konnte es nicht ertragen, übersehen zu werden, und sann auf ein Mittel, das Interesse der Gesellschaft wieder auf sich zu lenken.

Als sie nun von ihrer schönen, bezaubernden Tochter hörte, durchschoss ein Gedanke wie ein Blitz ihr Hirn.

Wenn ich meine Tochter bei mir hätte, würde sich mit einem Schlag wieder alles Interesse auf mich konzentrieren. Sie würde ein vortrefflicher Magnet sein, der die Herren fesseln und an sich ziehen würde.

Dieser Gedanke elektrisierte sie, und sie sann sich sofort einen wirkungsvollen Brief an ihre Tochter aus. Ein Herzleiden hatte sie allerdings. Aber sie dachte nicht im Entferntesten daran, dass es schon jetzt ihr Leben bedrohen könnte.

Felicies unerfahrenes Gemüt konnte diesen Dingen natürlich nicht auf den Grund sehen. Sie las nur eins aus dem Brief – dass ihre Mutter Sehnsucht nach ihr hatte und nach ihr verlangte.

Als ihr Vater nach Hause kam, lief ihm Felicie aufgeregt entgegen.

„Vater, ich habe einen Brief von meiner Mutter!“

Er erschrak. „Einen Brief?“

Sie reichte ihm das Schreiben. „Meine Mutter ruft nach mir, Vater. Lass mich zu ihr reisen, ich bitte dich, so sehr ich kann.“

Erblassend las Werner Rottmann den Brief und ballte ihn dann, von Grimm übermannt, zusammen. Er verstand besser als seine Tochter, was in diesem Brief echt und unecht war.

„Nein, du folgst diesem Ruf nicht, ich erlaube es nicht“, sagte er fast schroff.

Mit einem vorwurfsvollen Blick sah ihn seine Tochter an. „Vater!“

Er schüttelte heftig den Kopf, und sein Gesicht war wie versteinert. „Nein – nein – dreimal nein“, stieß er heftig hervor und warf den zerknüllten Brief voll Abscheu von sich.

Blass, mit zuckenden Lippen hatte sich Felicie nach dem Brief gebückt, hatte ihn aufgehoben und war langsam mit gesenktem Haupt aus dem Zimmer gegangen in den sonnigen Frühlingstag hinein.

***

Werner Rottmann hatte mit einem Gefühl schmerzlicher Angst hinter seiner Tochter hergesehen. Er liebte sie viel zu sehr, um ruhig zusehen zu können, wie sie sich mit der Sehnsucht nach ihrer Mutter quälte. Dass seine einstige Frau nur aus irgendeinem egoistischen Grund jetzt plötzlich nach ihrer Tochter verlangte, schien ihm außer Zweifel. Aber sie hatte ihre Worte gut gewählt, um Felicie zu betören. Wie gut sie das verstand, wusste er nur zu gut. All die schweren Kämpfe wachten wieder auf, in die ihn diese Frau einst gestürzt hatte. Jetzt riss sie ihre Tochter hinein in ihrer gewissenlosen, egoistischen Art. Und er konnte es Felicie nicht einmal sagen. Er warf sich in einen Sessel und starrte glühend vor sich hin. Heftige Angst wachte in ihm auf. Sollte es ihrer Mütter gelingen, Zwietracht zu säen zwischen ihm und seinem Kind?

Er biss die Zähne zusammen und stöhnte.

Und endlich rang er sich einen schweren Entschluss ab. Es half nichts – Felicie musste ihre Mutter sehen, musste sich selbst ein Urteil über sie bilden, musste erkennen, von welcher Art sie war. Hinderte er sie jetzt daran, dann sah sie in ihrem Vater einen despotischen Mann, der egoistisch ihre Sehnsucht nach der Mutter unterdrücken wollte. Nein, das durfte nicht sein. Seines Kindes Vertrauen zu ihm durfte nicht erschüttert werden, dahin durfte es nicht kommen.

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