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Hedwig Courths-Mahler - Folge 011

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Wer wirft den ersten Stein
  4. Vorschau

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Wer wirft den ersten Stein

Ein berühmter Roman der unvergessenen Schriftstellerin

 

 

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Also… Sie haben endlich Nachricht erhalten von Südwest-Afrika, Herr Justizrat?“

„So ist es, gnädigste Gräfin. Heute Morgen traf sie ein, und ich habe mich gleich auf den Weg nach Nordegg gemacht, da ich weiß, wie ungeduldig Sie darauf warten.“

„Das ist sehr liebenswürdig von Ihnen.“

Melanie Gräfin Nordegg hatte sich in einen Sessel niedergelassen. Ihr lang schleppendes schwarzes Witwengewand lag wie ein dunkler Schatten auf dem kostbaren Perserteppich.

Justizrat Hollweg hatte der Gräfin gegenüber Platz genommen und legte seine Aktenmappe auf den Tisch zwischen ihnen.

„Ich bin sehr gespannt auf das, was Sie zu sagen haben, Herr Justizrat.“

Er lächelte.

„Das glaube ich Ihnen, gnädigste Gräfin. Ich habe Ihre Geduld auf eine lange Probe stellen müssen. Aber es ist nicht leicht, den Spuren eines Verschollenen zu folgen, von dem man weiter nichts weiß, als dass er vor nahezu zwanzig Jahren mit seiner Familie nach Südwest-Afrika ging. Da in all der Zeit keine Kunde von ihm zu Ihnen drang, hatte ich keinerlei Anhaltspunkte für meine Nachforschungen. Trotzdem ist es mir gelungen, alles, was wir wissen müssen über die Persönlichkeit des künftigen Majoratsherrn von Nordegg, in Erfahrung zu bringen.“

„Bitte, des gegenwärtigen, Herr Justizrat.“

„Ganz recht, Harald Graf Nordegg ist seit dem Tod Ihres Herrn Gemahls der Majoratsherr von Nordegg. Daran ändert der Umstand nichts, dass er selbst wohl nichts von seiner neuen Würde weiß und das Majorat noch nicht angetreten hat.“

Die Gräfin richtete sich hastig auf. Ihre dunklen Augen blickten forschend in das Gesicht des alten Herrn. „Harald Graf Nordegg? Sie irren wohl! Der Nachfolger meines Gemahls ist doch Georg Graf Nordegg.“

Der Justizrat schüttelte den Kopf.

„Nein, Georg Graf Nordegg ist seit zwei Jahren tot. An seiner Stelle ist nun sein einziger Sohn, Graf Harald, Majoratserbe.“

Die Gräfin erblasste und lehnte sich einen Augenblick in ihren Sessel zurück.

Der Justizrat fuhr fort: „Er starb vor zwei Jahren auf seiner Farm Saßneck in Deutsch-Südwestafrika. Diese Farm hatte er gekauft, als er vor zwanzig Jahren dort ankam, und hat sie in zäher Arbeit, später unterstützt von seinem Sohn, vergrößert und kultiviert. Hauptsächlich verdankt er sein ansehnliches Vermögen einer ausgedehnten Viehzucht. Die Farm Saßneck gehört jetzt seinem Sohn Harald. Ihm habe ich nun sogleich Mitteilung vom Tod Ihres Herrn Gemahls gemacht. Ich habe ihn wissen lassen, dass Ihr Sohn, Malte Graf Nordegg, seinem Vater vor zwei Jahren im Tod voranging und dass er nun Majoratsherr von Nordegg geworden ist. Ich habe Harald Graf Nordegg gebeten, mir möglichst telegrafisch Nachricht zu geben, ob er nach Deutschland kommen wird oder was sonst hier in seinem Namen geschehen soll.“

Die Gräfin atmete tief auf und strich sich über die Augen, als wolle sie etwas verwischen.

„Das ist allerdings eine überraschende Nachricht. Sie können sich denken, dass ich ein wenig fassungslos bin“, sagte sie. „Haben Sie Näheres über Graf Georg und seine Familie gehört?“

Auf dem Gesicht des Justizrates zeigte sich leichte Verlegenheit. „Der Bericht, den ich erhielt, ist nicht eben sehr ausführlich, gnädige Gräfin.“

Sie klopfte nervös auf die Lehne des Sessels.

„Sagen Sie mir alles, was Sie wissen – alles“, bat sie, heiser vor unterdrückter Erregung. „Glauben Sie nicht, mich schonen zu müssen. Sie wissen ja als langjähriger Rechtsbeistand unseres Hauses, wie seltsam die Verhältnisse liegen. Sie kennen die peinliche Angelegenheit und wissen, welche Beziehungen zwischen mir und… der Familie des Grafen Georg herrschen. Wenn Sie mir etwas aus Schonung verheimlichen wollen, quälen Sie mich nur.“

Der Justizrat verneigte sich.

„Gnädigste Gräfin, ich werde Ihnen nichts verschweigen. Aber es ist wirklich wenig, was ich in Erfahrung bringen konnte. Dass Graf Georg nicht gerade als reicher Mann nach Südwest ging, wissen Sie. Er hat es jedoch im Lauf der Jahre durch Fleiß und Ausdauer zu einem gewissen Wohlstand gebracht. Seine Farm ist im Wert gestiegen, und er hinterließ einen nach unseren Begriffen enormen Viehbestand. Der Sohn des Grafen Georg, Graf Harald, muss jetzt etwa fünfunddreißig Jahre alt sein. Mein Gewährsmann teilte mir mit, dass Graf Harald mehrere Jahre Offizier der Schutztruppe war. Er soll ein hervorragender Kenner der Kolonie sein, beherrscht die Sprache der Eingeborenen und hat sich bei der Unterdrückung verschiedener Aufstände ausgezeichnet. Vor vier Jahren verließ er den Dienst, um seinem Vater, der leidend war, in der Bewirtschaftung für die Farm behilflich zu sein. Nach dessen Tod soll er einen Käufer für die Farm gesucht haben – man vermutet, dass dies auf Wunsch seines Vaters geschah. Er soll ihm versprochen haben, die Farm zu verkaufen und nach Deutschland zurückzukehren. Graf Georgs Tod soll die Folge einer schweren Verwundung gewesen sein, die er bei einem Aufstand der Eingeborenen erhielt.“

Mit starren, glanzlosen Augen sah die Gräfin vor sich hin.

„Und von den beiden Töchtern des Grafen Georg hörten Sie nichts?“, rang es sich über ihre Lippen.

Es zuckte leise im Gesicht des Juristen.

„Nein, von den beiden Komtessen konnte ich nichts erfahren.“

Die Gräfin erhob sich jäh und trat ans Fenster. Ihr Gesicht war blass, und ihre Augen hatten einen erloschenen Ausdruck.

Betreten sah der Justizrat nach der stolzen Frauengestalt hinüber. Wie eine Silhouette hob sie sich gegen das helle Fenster ab. Er musste daran denken, welche Leidenschaft diese noch immer schöne Frau in der Brust zweier Männer einst entfacht hatte. Sie waren Vettern und Freunde gewesen und hatten sich dann bitter gehasst – weil sie diese Frau über alles liebten.

Dachte Gräfin Melanie auch an die Vergangenheit, als sie mit leeren Augen über die breite Schlossterrasse hinweg nach dem Park hinüberschaute? Draußen lag die Welt in hellem, warmem Frühlingssonnenschein. Noch war an Busch und Baum kein grünes Blatt zu sehen, aber in den dichten Blattknospen arbeitete der belebende Saft und suchte die Hüllen zu sprengen.

Die Gräfin sah das wohl, aber die Frühlingsbotschaft drang nicht zu ihrem Herzen. Sie dachte an den Mann, der drunten in Südwest sein Grab gefunden hatte. Georg Graf Nordegg war der erste Gatte der Gräfin Melanie gewesen. Seine erste Frau war ihm nach sehr kurzer Ehe bei der Geburt seines Sohnes Harald gestorben. Fast zwölf Jahre hatte er ihr nachgetrauert und hatte nur für sein Kind gelebt. Aber dann hatte er Melanie von Hartenstein kennen- und lieben gelernt. Ihr schenkte er die zweite Neigung seines Lebens. Dass es Melanie gelang, sich die schwärmerische Zuneigung und Verehrung seines Sohnes zu erringen, vervollständigte sein Glück. Er führte Melanie heim und ahnte nicht, dass sie seine Bewerbung nur angenommen hatte, weil sie dem Schicksal, das Gnadenbrot bei ihren Verwandten essen zu müssen, entgehen wollte. Sie war glücklich in den ersten Jahren ihrer Ehe und schenkte ihrem Gatten zwei Töchter.

Graf Georg betete seine Frau an. Ihr Stiefsohn Harald vergötterte sie und warf sich in seinem jungenhaften Ungestüm zu ihrem Ritter auf. Und den Überschuss seiner Gefühle verschenkte er an seine beiden kleinen Halbschwestern.

So schien alles gut und schön. Aber dann zogen drohende Schatten über diesem stillen Familienglück auf.

Als die jüngste Tochter des Grafen Georg kaum ein Jahr alt war, starb der Majoratsherr von Nordegg, ein Onkel des Grafen Georg. Sein Vetter Joachim kam gerade von einer Weltreise heim, die er als Adjutant und Begleiter eines Prinzen aus regierendem Haus unternommen hatte. Er nahm nun seinen Abschied, um das Majorat anzutreten.

Bei der Feier der Beisetzung des Majoratsherrn lernte Graf Joachim die schöne Gräfin Melanie, die Gattin seines Vetters kennen. Von diesem Augenblick an entbrannte in diesen beiden Menschen eine leidenschaftliche Zuneigung. Graf Joachim, der glänzende, bezaubernde Kavalier, entfachte im Herzen der Gräfin Melanie ein so elementares Gefühl, dass sie ihm trotz aller Gegenwehr erlag.

Nach einigen Monaten verließ Gräfin Melanie ihren Gatten und ihre Kinder, um sich scheiden zu lassen und ihrem Herzen zu folgen. Graf Georg war über die Treulosigkeit seiner Frau so verzweifelt, dass man das Schlimmste für ihn fürchtete. Bis ins Innerste getroffen, beschloss er, in die Kolonie zu gehen und seine Kinder mitzunehmen.

Vergebens hatte ihn Gräfin Melanie in verschiedenen Schreiben gebeten, er möge ihr verzeihen und ihr wenigstens eine ihrer Töchter überlassen. Er antwortete gar nicht darauf. Und bei der Scheidung wurde die Gräfin zum schuldigen Teil erklärt.

Gräfin Melanie wurde die Gattin Joachim Graf Nordeggs. Er tat alles, um sie von ihrem Schmerz abzulenken. Und als sie ein Jahr später Graf Joachim einen Majoratserben schenkte, wandte sie diesem Sohn ihre ganze mütterliche Liebe zu und suchte in dieser Liebe Vergessenheit. Sie zwang sich, nicht mehr an ihre Töchter zu denken, und es gelang ihr mit den Jahren auch zum Teil. Aber des Nachts schreckte sie zuweilen aus wirren Träumen auf. Sie meinte weinende Kinderstimmen zu hören, die nach ihr riefen. Dann sprang sie von ihrem Lager auf und flüchtete mit ihrer Not und Qual an das Bettchen ihres Sohnes. Hörte sie dann seine friedlichen Atemzüge, wurde sie wieder ruhig.

Nach zehn Jahren vernahm sie durch einen Zufall, dass Graf Georg mit seinen Kindern nach Südwestafrika gegangen sei, und es beruhigte sie einigermaßen, als sie hörte, dass die unverheiratete Schwester Graf Georgs ihn begleitet hatte. Gräfin Melanie kannte sie als eine liebevolle Dame von großer Gewissenhaftigkeit. In ihrem Schutz glaubte sie ihre Töchter geborgen. Natürlich hatten ihre Scheidung und Wiedervermählung viel Staub aufgewirbelt. Eine Weile ließ man sie fühlen, dass man ihr Verhalten missbilligte. Milder Gesinnte wussten nicht recht, wie sie sich zu ihr stellen sollten. Aber man bedauerte doch allgemein, dass man sich dadurch selbst von den gastlichen Pforten des Nordegger Schlosses verbannen musste. Und als schließlich auf Graf Joachims Bitte Prinz Max, dessen Adjutant und Begleiter Graf Joachim gewesen und der ihm freundschaftlich zugetan war, eine Einladung zur Jagd nach Nordegg annahm und einige Tage im Schloss zu Gast war, da wurde gewissermaßen diese Ehe sanktioniert, und es kam alles wieder in die Reihe. Man ließ Gras wachsen über die Vergangenheit. So verlief die zweite Ehe der Gräfin Melanie in Glanz und Glück. Die mahnende Stimme in ihrer Brust, die nie ganz erloschene Sehnsucht nach ihren Töchtern suchte sie zu betäuben. Ihre ganze mütterliche Liebe ließ sie über ihren Sohn ausströmen.

Er wuchs zu einem schönen Jüngling heran und war der Stolz seiner Eltern. Aber dann kam ein Tag, da das stolze Glück der Gräfin in Scherben brach. Drüben an der Grenze zwischen dem Majorat Nordegg und dem fürstlichen Besitz Hainau lag ein See. Und aus diesem See zog man an einem Frühlingstag den jungen Grafen Malte von Nordegg. Er hatte zwei Bauernkinder retten wollen, die aus einem Kahn in den See gefallen waren. Das eine Kind hatte er gerettet und an Land gebracht. Dann war er wieder hinausgeschwommen, um das andere zu holen. Dazu hatten seine Kräfte nicht mehr ausgereicht, der junge Graf ertrank.

Man brachte seine Leiche nach Schloss Nordegg.

Graf Joachim und seine Gemahlin brachen zusammen. Sie begruben mit ihrem Sohn alle glänzenden Hoffnungen, zogen sich in die Einsamkeit ihres Schlosses zurück und konnten sich nie mehr von diesem Schlag erholen.

Zwei Jahre nach dem Unglück starb Graf Joachim. Ein Herzschlag hatte seinem Leben ein frühes Ende gesetzt. Sechs Wochen war nun Gräfin Melanie Witwe. Seit sie wusste, dass Graf Georg, den sie treulos verlassen hatte, der Majoratsnachfolger ihres Gemahls war, fürchtete sie sich vor seinem Kommen wie vor dem Tag des Gerichts. Zugleich erwachte aber auch jäh und heiß die lange unterdrückte Sehnsucht nach ihren Töchtern. War ihr jetzt ein Wiedersehen mit ihnen beschieden? Würden sie mit ihrem Bruder nach Nordegg kommen?

Nach dem Hausgesetz der Grafen Nordegg war sie gezwungen, im Nordegger Witwenhaus ihre Tage zu beschließen. Und das Witwenhaus war nur durch den Park von Schloss Nordegg getrennt.

Als sie nun mit starren Augen in den leuchtenden Frühlingstag hinaussah, krampfte sich ihr Herz zusammen.

Wie würden sich die Schwestern zu ihrer Mutter stellen?

Die Gräfin seufzte tief auf.

Wie hart würde es sie treffen, in den Augen ihrer Kinder zu lesen, dass sie die Mutter verurteilten?

Auch an Graf Harald dachte sie mit großer Pein. Sie wusste, wie tief sie auch ihn getroffen hatte, als sie das Haus seines Vaters verließ. Seine Augen hatten sie angesehen in tiefstem Schmerz, in stummer Anklage, und sein Jünglingsgesicht schien wie versteinert. Wie um Jahre gealtert und gereift war er ihr erschienen, und sie hatte den anklagenden Blick lange nicht vergessen können.

Sie wischte sich über die Augen und wandte sich dem Justizrat wieder zu.

„Jedenfalls danke ich Ihnen für Ihre Mitteilungen, Herr Justizrat. Sie waren mir sehr wichtig. Und ich bitte Sie inständig, mich über alles Weitere auf dem Laufenden zu halten.“

Der Justizrat erhob sich und verneigte sich.

„Das soll geschehen, gnädigste Gräfin. Sobald ich weitere Nachrichten erhalte, komme ich heraus.“

„Ich bitte darum. Wenn Graf Harald hier eintreffen wird, möchte ich natürlich schon in das Witwenhaus übergesiedelt sein.“

Der alte Herr verneigte sich nochmals und verließ das Zimmer.

***

Der fürstliche Besitz Hainau, der an das Majorat Nordegg grenzte, war Eigentum des Fürsten Herbert Landa, der das Schloss mit seiner zehn Jahre jüngeren Schwester, Prinzessin Rowena, bewohnte. Der Großvater des Fürsten Herbert war noch regierender Fürst gewesen, doch sein Vater hatte dem Thron entsagt. Das kleine Fürstentum fühlte sich unter preußischer Regierung mindestens ebenso wohl wie unter der seines ehemaligen Regenten.

Fürst Herberts Vater führte nach seiner Thronentsagung ein beschauliches Leben auf seinen Gütern. Seine Gemahlin war damit sehr zufrieden und erzog mit ihrem Gemahl ihre beiden Kinder zu warmherzigen Menschen, die sich freuten, den tausend Rücksichten entflohen zu sein, die auch der kleinste Thron forderte.

Ein wenig Hoflust hatte aber doch in Schloss Hainau ihren Einzug gehalten, und zwar mit der ehemaligen Oberhofmeisterin, der Baronin Storkau.

So schlicht die fürstlichen Geschwister auftraten, so krampfhaft bemühte sich die Baronin Storkau, unterstützt von dem ehemaligen Kammerherrn von Bredow, der ebenfalls einen leichten Ruheposten in Schloss Hainau erhalten hatte, am höfischen Zeremoniell festzuhalten.

Sie lebten beide in heftiger Fehde mit dem Oberforstmeister von Lauenstein, der mit seiner Familie das nahe beim Schloss gelegene kleine Jagdschloss der Fürsten bewohnte.

Der Oberforstmeister war allerdings kein überflüssiger Beamter. Er hatte die ausgedehnten Wälder des Fürsten Landa zu verwalten und war von früh bis spät angestrengt tätig. So blieb ihm keine Zeit, wie die Baronin und Herrn von Bredow, über den Hofton zu wachen. Dazu wäre auch dieser frischfrohe Mann durchaus nicht die Persönlichkeit gewesen. Er hatte, wie seine hübsche rundliche Frau und seine reizende achtzehnjährige Tochter, Herz und Mund auf dem rechten Fleck und wog nicht erst ängstlich ab, ob seine Worte den Hofton trafen, wenn er etwas zu sagen hatte. Dafür hatte das, was er sagte, Hand und Fuß. Während nun die Baronin Storkau und Herr von Bredow von den fürstlichen Geschwistern mit guter Miene ertragen wurden, erfreute sich der Oberforstmeister mit seiner Familie ihrer herzlichen Sympathie.

An demselben Tag, da Melanie Gräfin Nordegg die Unterredung mit Justizrat Hollweg hatte, trat Fürst Herbert zur Teestunde in den Salon seiner Schwester. Sie saß in einem hohen Lehnsessel am Fenster. Ihr feines Köpfchen mit dem wunderbar schönen goldbraunen Haar, das in der Sonne wie flüssiges Metall leuchtete, hob sich in zarter Lieblichkeit von dem lichtgrünen Damastbezug ab.

Prinzess Rowena sah lächelnd zu dem Bruder auf und reichte ihm die Hand.

„Grüß Gott, Herbert! Es ist gut, dass du kommst. Unsere liebe Baronin hat schon sehnsüchtig mit der summenden Teekanne kokettiert. Du kommst sechs und eine halbe Minute zu spät.“

Die Baronin Storkau, die in einem hechtgrauen schwerseidenen Gewand neben der Prinzessin saß, hob beschwörend die Hände, während sie sich erhob und eine tiefe Verbeugung vor dem Fürsten machte.

Er zog die Uhr und sagte lachend: „Wahrhaftig! Jetzt sind es schon sechsdreiviertel Minuten. Ich bitte um Entschuldigung. Ich wurde etwas länger vom Oberforstmeister aufgehalten. Ich wollte ihn zum Tee mit herüberbringen, aber er hatte Angst vor Ihnen, Baronin, weil seine Stiefel mit dem weichen Waldboden in Berührung gekommen waren. Er meinte, Ihre Durchlaucht Prinzess Rowena würde vielleicht ein Auge zudrücken, aber die Frau Baronin würde empört sein.“

Die Prinzessin sah schelmisch zur Baronin hinüber.

„Aber deshalb hätte der Oberforstmeister ruhig mitkommen können, nicht wahr, liebe Baronin?“

Die Baronin machte ein unbeschreiblich hoheitsvolles Gesicht. „Durchlaucht verzeihen, aber der Herr Oberforstmeister hat in diesem Fall doch recht getan. Wie dürfte er wagen, mit unsauberem Schuhwerk in Euer Durchlaucht Salon zu erscheinen.“

Die fürstlichen Geschwister sahen sich an und unterdrückten ein Lachen. Und die Prinzessin sagte mit einer Miene, hinter der es wie verhaltener Übermut zuckte: „Ja, richtig, liebe Baronin, das geht auf keinen Fall.“

Fürst Herbert reichte seiner Schwester den Arm.

„Darf ich dich zum Teetisch führen, Rowena?“

„Aber wo ist denn Herr von Bredow, liebe Baronin? Ich bemerke erst jetzt seine Abwesenheit“, fragte Prinzess Rowena.

„Er lässt sich bei den durchlauchtigsten Herrschaften entschuldigen. Der Ärmste hat Zahnweh und ist in die Stadt zum Zahnarzt gefahren.“

Die Prinzessin brachte nun ein anderes Thema auf.

„Morgen möchte ich nach Nordegg hinüberfahren, um der Gräfin einen Besuch zu machen. Wirst du mich begleiten, Herbert?“

„Gewiss, Rowena, gern.“

„Hast du noch nichts gehört von dem neuen Majoratsherrn? Ich möchte wissen, ob er bald kommt. Da er in Zukunft unser nächster Nachbar sein wird, bin ich auf seine Bekanntschaft sehr gespannt.“

„Das kann ich mir denken. Ich traf unterwegs den Justizrat Hollweg. Er teilte mir mit, dass er soeben der Gräfin Nordegg die Kunde brachte, dass der Vetter Graf Joachims, Graf Georg Nordegg, nicht mehr am Leben ist. Folglich ist nicht Graf Georg, sondern sein Sohn Harald der neue Majoratsherr.“

„Ah! Das ist allerdings eine Neuigkeit.“

Am nächsten Tag fuhr Fürst Herbert mit seiner Schwester Rowena nach Nordegg hinüber. Sie wurden von Gräfin Melanie liebenswürdig empfangen. Die Baronin begleitete die Geschwister.

Das Gespräch kam von selbst auf den neuen Majoratsherrn von Nordegg. Aber keine Miene der Gräfin verriet, was sie dabei empfand. Sie hatte gelernt, sich zu beherrschen. Und sie ahnte nicht, dass sie heute von Prinzess Rowena mit besonderem Interesse beobachtet wurde.

***

Achtzehn Reitstunden von Windhuk, nach dem Innern des Landes zu, lag die Farm Saßneck, die Georg Graf Nordegg vor zwanzig Jahren gekauft hatte.

Inmitten großer, Weideplätze lag das Wohnhaus der gräflichen Familie. Es sah jetzt freilich anders aus als damals, als Graf Georg hier herkam. Das Hauptgebäude war erst vor zehn Jahren errichtet worden, und das kleinere ehemalige Wohnhaus wurde nur zu Wirtschaftszwecken benutzt. Das neue Wohnhaus war sehr geräumig, hatte große, luftige Räume und ringsum breite Veranden.

Abseits von diesem Gebäude lagen die Stallungen und die niedrigen Hütten der schwarzen Untergebenen.

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