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Hedwig Courths-Mahler - Folge 009

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Ich hab so viel um dich geweint
  4. Vorschau

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Ich hab so viel geweint um dich

Roman um das Leid eines stolzen Frauenherzens

 

 

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Ich liebe Sie, Rita, ich liebe Sie! Sie dürfen mich nicht kaltherzig fortschicken, wieder in die Öde eines liebeleeren Daseins hinaus – Sie dürfen es nicht, nachdem Sie mir einmal den Himmel gezeigt haben. Lassen Sie mich wiederkommen, ich sehne mich nach Ihrem Anblick wie ein Verdurstender nach einem Trunk frischen Wassers! Seien Sie barmherzig!“

Rita Hardy sah mit ihren schönen Nixenaugen zu dem schlanken Mann empor, dessen gebräuntes Gesicht in höchster Erregung zuckte. Ihre Stimme klang süß und geschmeidig, als sie antwortete: „Ich muss Sie fortschicken, Bernd Ralfner, ich muss. Seien Sie doch froh, dass ich die Kraft dazu noch aufbringe. Sie ahnen nicht, wie schwer es mir fällt. Was sollte aus alledem werden, wenn mich diese Kraft verlassen würde?“

Er atmete auf und fasste beschwörend ihre Hand.

„Ich weiß es nicht, Rita, weiß nur, dass ich Sie liebe, unsagbar liebe und… dass Sie mein werden müssen, um jeden Preis.“

Rita Hardy sprang auf und machte eine abwehrende Geste. „Schweigen Sie! Ihre Worte sind eine Beleidigung für mich. Sie sind der Gatte einer anderen.“

Er krampfte die Hände zusammen.

„Erinnern Sie mich nicht daran, Rita! Diese Fessel habe ich mir übergestreift in törichter Verblendung, weil ich die Liebe nicht kannte. Sie wissen doch, dass ich meine Frau nicht liebe, nie geliebt habe. Mit kalter Vernunft bin ich in diese Ehe hineingegangen, wähnend, über einen Mann, wie ich es bin, würde die Liebe nie Gewalt bekommen. Mit ruhiger Überlegung hatte ich mir mein Leben gezimmert, hatte geglaubt, dass mich immer nur meine Arbeit ausfüllen und befriedigen würde. Das ging auch gut – bis ich Sie sah, Rita. Aber dann ist alles anders geworden. Was mir vorher wertvoll erschien, ist jetzt nichtig geworden. Ich lebe nur noch in den kurzen Stunden, da ich Sie sehe, Ihre Stimme höre. Ich muss Sie mir erringen, Rita, ich muss.“

Es zuckte leise in Ritas schönem Gesicht. Ein seltsam forschender, lauernder Blick glomm in ihren Augen auf, ohne dass er es merkte. Dann schloss sie, wie im Übermaß des Empfindens die Augen und presste die Hände auf das Herz.

„Gehen Sie! Ich will und darf das nicht länger anhören. Glauben Sie, weil ich Künstlerin bin, dürfen Sie mir das alles ungestraft sagen? Gerade weil ich in der Öffentlichkeit stehe, habe ich doppelt auf meinen Ruf zu achten. Und wenn mein Herz dabei in Stücke geht – ich darf Sie nicht wiedersehen.“

„Rita, das kann nicht Ihr letztes Wort sein!“

„Es muss. Eine Gemeinschaft kann, darf es nicht zwischen uns geben. Nie, niemals werde ich einem Mann angehören, der mir nicht mit seinem Herzen auch zugleich seinen Namen gibt. Ich darf mich nicht verlieren, wenn auch mein Herz für Sie spricht. Gehen Sie, quälen Sie mich nicht länger!“

Er fasste ihre beiden Hände und sah ihr, glühend vor Leidenschaft ins Gesicht.

„Rita, Sie lieben mich!“, jauchzte er auf.

Ein wehmütiges Lächeln spielte um ihren Mund.

„Es hat keinen Sinn, wenn ich Sie belüge – ich kann nicht lügen, wenn Sie mich so ansehen, Bernd Ralfner. Ja, ich liebe Sie. Aber lieber will ich sterben, als dieser Liebe nachgeben. Ich will mir niemals stehlen und in sündhafter Heimlichkeit nur besitzen, was ich nicht stolz vor aller Welt mein eigen nennen kann. Gehen Sie – gehen Sie zu Ihrer Frau, der allein ein Recht auf Ihre Liebe zusteht!“

Er presste ihre Hand an seine Lippen.

„Nein, Rita, nein, sie hat kein Recht auf meine Liebe, ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich sie nicht liebe, weil ich nicht unehrlich gegen sie sein wollte. Und sie ist so kühl und teilnahmslos, dass sie völlig mit dem Stand der Dinge zufrieden ist. Wir leben nebeneinander dahin und haben beide keine Sehnsucht gehabt, dass unser Verhältnis anders werden möge. Aber seit ich Sie kenne, Rita, bin ich zu einem neuen Leben erwacht. Eifersucht nagt an meinem Herzen, wenn ich Sie auf der Bühne in den Armen eines anderen Mannes sehe, und mein einziger Trost ist, dass ich weiß, dass Sie keinem anderen Mann gönnen, sich Ihnen zu nähern. Mein Leben ist wertlos ohne Sie. Sie müssen um jeden Preis die Meine werden.“

Rita Hardys Gesicht zuckte in heimlicher Erregung. Sie richtete sich auf und sagte langsam, ihm fest in die Augen sehend: „Niemals – solange Sie der Gatte einer anderen sind.“

Er zuckte zusammen, dann richtete er sich auf wie in einem jähen Entschluss.

„So werde ich die Kette zerreißen, die mich an eine andere bindet. Rita, versprechen Sie mir, meine Frau zu werden, wenn ich frei bin?“

Er sah nicht das triumphierende Aufleuchten ihrer Augen, sah nur, dass sie blass wurde vor Erregung.

„Das – das wollen Sie tun?“, sagte sie mit verhaltener Stimme.

Wieder fasste er ihre Hände und drückte sie an seine Lippen.

„Alles, alles will ich tun, um Sie mir zu erringen, Rita. Sagen Sie mir nur noch einmal, dass Sie mich lieben, dass Sie mir angehören wollen! Dann will ich alle Hindernisse hinwegräumen, die jetzt noch zwischen uns stehen.“

Träumerisch sah sie ihn an.

„Wenn das sein könnte… O mein Gott! Aber… Ihre Frau?“, sagte sie wie erschüttert.

Er machte eine abwehrende Bewegung.

„Glauben Sie nicht, dass sie den geringsten Schmerz empfindet, wenn ich ihr eine Trennung vorschlage. Sie wird keine Schwierigkeiten machen. Nur muss ich erst von Ihnen die Gewissheit haben, dass Sie mich lieben und die Meine werden wollen, wenn ich mich freigemacht habe.“

Da schlug sie, wie überwältigt von einem großen Gefühl, die Hände vor das Antlitz.

„Kann es denn sein? Kann es so ein großes Glück für mich geben? Ach, mein Gott, Bernd, ich liebe Sie, liebe Sie, so lange ich Sie kenne, und habe diese Liebe nur fest in mir verschlossen, weil ich nicht schwach werden durfte…“

Er ließ sie nicht weitersprechen, riss sie in seine Arme und presste seine heißen Lippen auf die ihren. Aber mit ungeahnter Kraft drängte sie ihn zurück. Stolz blitzten ihn ihre Augen an.

„Nein, nein, nicht so – noch sind Sie nicht frei, Bernd. Ich will vor niemand die Augen niederschlagen müssen.“

Abwechselnd küsste er nun ihre beiden Hände, wieder und wieder.

„Aber du wirst mein, mein, Rita. Ich werde jetzt gehen. Du hast Recht, meine stolze, schöne Rita soll sich nicht stehlen müssen, was ihr vor aller Welt gehören wird.“

„Und… es musste das erste und das letzte Mal sein, dass Sie mich in meiner Wohnung aufgesucht haben. Bevor Sie nicht frei sind, ich will Sie nicht wieder empfangen. Ich muss auf meinen guten Ruf bedacht sein“, sagte sie wie in angstvoller Unruhe.

Wieder küsste er ihre Hände.

„So lange soll ich Sie nicht sehen, nicht mit Ihnen sprechen? Das dürfen Sie nicht über mich verhängen. Gut, ich muss mich darein fügen, dass Sie mich nicht wieder in Ihrer Wohnung empfangen, aber… sehen muss ich dich zuweilen, nicht nur auf der Bühne, sonst ertrage ich es nicht, so lange auf dich zu warten. Meine Scheidung wird immerhin einige Zeit in Anspruch nehmen. Irgendwie muss ich dich zuweilen sprechen. Und… morgen Abend musst du zu dem Fest in meinem Haus kommen. Ich mag es nicht ohne dich begehen. Es ist ein großer Tag für mich, Rita, morgen ist es hundert Jahre her, dass die Firma Ralfner besteht. Und an der Firma hängt mein Herz. Nicht wahr, du kommst?“

Sie schien mit sich zu kämpfen, richtete sich aber dann entschlossen auf.

„Ich komme. Ich kann dir diese Bitte nicht abschlagen.“

Er war entzückt, dass sie ihm jetzt das traute Du schenkte, und hätte sie am liebsten wieder in seine Arme gerissen, aber sie wehrte ab.

„Nun geh – bitte, geh! Wenn meine Wirtin nach Hause kommt, darf sie dich nicht hier finden. Geh – ich bitte dich!“

In ihren Augen lag ein rührendes Flehen, das ihn willenlos machte.

„Ich gehe, Rita. Und sofort nach dem Fest spreche ich mit meiner Frau. Auf Wiedersehen, meine liebe, liebe Rita.“

„Auf Wiedersehen, Bernd“, flüsterte sie.

Bis ins Innerste erregt, stürmte er hinaus.

Rita Hardy stand eine ganze Weile atemlos, mit auf der Brust verschränkten Händen. Erst als draußen die Flurtür zufiel, richtete sie sich mit einer triumphierenden Gebärde auf.

Gewonnen! Ich werde Frau Ralfner, dachte sie.

Und dann ging sie hinaus auf den schmalen Flur und öffnete eine Tür.

„Sie können nun wieder ungehindert aus und ein gehen, Frau Wendt“, sagte sie zu ihrer Wirtin. Die Frau sah sie neugierig an.

„Nun sagen Sie mir bloß, Fräulein Hardy, weshalb Sie dem Herrn unbedingt die Tür selbst aufmachen wollten und mich hier einsperrten, als Sie ihn von Ihrem Fenster aus kommen sahen?“

Rita Hardy wurde durchaus nicht verlegen.

„Ich hatte meine Gründe, Frau Wendt. Sie wissen, ich empfange sonst keine Herrenbesuche, aber hier stand zu viel für mich auf dem Spiel.“

„Nun, ich bin nicht neugierig, und dass Sie eine anständige junge Dame sind und keine Herrenbesuche empfangen, weiß ich ja. Ich würde so etwas auch nicht dulden und habe es diesmal nur zugelassen, weil Sie mir sagten, es sei nur dieses eine Mal auf ein paar Minuten.“

„Sie können auch ganz ruhig sein, dass es nicht wieder vorkommt. Ich hatte wirklich nur eine wichtige geschäftliche Unterredung mit dem Herrn, es betraf ein Engagement, und es soll hier am Theater niemand davon wissen, deshalb wollte er nicht gesehen werden.“

„Ach, so ist das! Nun, das hätten Sie mir gleich sagen können. Also Sie bleiben nur noch bis zum Ende der Spielzeit hier am Theater? Ich möchte das bloß wissen, damit ich meine Zimmer möglichst bald wieder vermieten kann.“

„Ja, so ist es, Frau Wendt, ich habe soeben ein anderes Engagement angenommen, und zum Ende der Spielzeit können Sie über meine Zimmer weiter verfügen.“

„Dann ist es gut, dass ich das schon weiß.“

Rita ging nun wieder in ihr Zimmer und warf sich auf den Diwan. Mit verschränkten Händen, auf die sie ihren schönen Kopf bettete, lag sie lange unbeweglich und starrte mit ihren seltsam schillernden Augen vor sich hin. Es war ein kaltes, begehrliches Flimmern, das in diesen Augen aufzuckte. Sie war ein kühl berechnendes Geschöpf und hatte immer mit eisernem Willen und kalter Besonnenheit auf ein Ziel zugestrebt. Dieses Ziel gedachte sie nun zu erreichen. Seit sie gemerkt hatte, dass der reiche Kaufmann Bernd Ralfner alle Abende in der Loge saß, wenn sie spielte, und seine Augen nicht von ihr ließ, hatte sie mit Bedacht und kluger Berechnung ihre Netze um ihn gesponnen. Und als er sich dann vorstellen ließ und sie seine Verhältnisse kennen lernte, gab es für sie nur ein Ziel – seine Frau zu verdrängen und sich an ihre Stelle zu setzen.

***

Bernd Ralfners junge Gattin Fredegonda oder, wie sie sich der Kürze halber nannte, Gonda, saß am Fenster ihres kleinen Salons und sah mit großen Augen hinaus in den winterlich verschneiten Garten, der die herrliche Villa umgab, in der sie seit ihrer Verheiratung wohnte. Reichtum und Luxus umgaben die junge Frau – aber sie war nicht glücklich. Bernd Ralfner irrte sich, wenn er annahm, dass seine Frau ihn so wenig liebte, wie er sie. Vom ersten Augenblick an, da er in ihr Leben getreten war, flog ihm ihr junges Herz entgegen. Sie hatte nicht anders gekonnt, als sich ihm zu Eigen zu geben, als er um ihre Hand anhielt, obwohl sie wusste, dass er sie nicht aus Liebe heiratete. Er hatte nur um sie, die reiche holländische Erbin, geworben, weil der alten, weltbekannten Firma Ralfner eine schwere Krise drohte und weil er diese Krise nur abwenden konnte, wenn er Kapital in die Hände bekam.

Gonda war die Tochter und einzige Erbin des reichen Holländers Mijnheer Gooden. Ihre Mutter war Deutsche gewesen, war aber schon gestorben, als Gonda noch ein Kind war.

Gonda hatte Bernd Ralfner kennen gelernt, als er eines Tages ihrem Vater in Amsterdam einen geschäftlichen Besuch machte. Gleich beim ersten Sehen hatte der junge deutsche Kaufherr einen tiefen Eindruck auf sie gemacht. Seine stolze Erscheinung, seine männlich-schönen Züge, seine ganz Art, sich zu geben, hatten sie bezaubert. Aber er hatte damals kaum auf sie geachtet, obwohl sie die Pflichten der Hausfrau im Hause ihres Vaters erfüllte, in dem er zu Gast war. Das alte holländische Patrizierhaus und der charakteristische alte Holländer hatten ihn mehr gefesselt als seine Tochter, die so gar nicht das Gebaren einer reichen Erbin hatte und sich bescheiden im Hintergrund hielt. Ihre Zurückhaltung, die um so größer war, je tiefer der Eindruck wurde, den Bernd auf sie machte, hielt er für Beschränktheit. Die feinen, stillen Reize ihrer Erscheinung machten keinen Eindruck auf ihn.

Gleich seinem Vater war er der geborene Großkaufmann, der Kaufherr, dessen Geschäfte den Erdball umspannten und der in seinem Reich mächtig war wie ein Fürst. Und der Firma gehörte seine ganze Kraft, zumal er sie in einer schwierigen Zeitepoche übernahm und sich für ihr Gedeihen verantwortlich fühlte.

Damals war er nach Amsterdam gekommen, um die geschäftlichen Beziehungen mit der Firma Gooden zu festigen. Schon zu dieser Zeit war er in Sorge gewesen um das weitere Gedeihen seiner Firma, wenn er auch noch nicht so dicht vor einer Katastrophe gestanden hatte wie später. Damals hatte er noch gehofft, allein, ohne fremde Hilfe, sein Schiff durch die Stürme steuern zu können.

Aber nicht ganz ein Jahr später kam die Krise für die Firma Ralfner, und da war ihm durch Zufall ein Gedanke gekommen, wie er die Krise abwenden konnte. Gerade in jenen Tagen erhielt er die Nachricht vom Ableben Mijnheer Goodens, und plötzlich sah er vor seinem geistigen Auge Gonda Gooden stehen. Sie war jetzt die einzige Erbin eines unermesslichen Reichtums. Ihr gehörte nun das große holländische Handelshaus, dazu ein umfangreicher Besitz auf Java, ganz abgesehen von einem sicher sehr großen Barvermögen.

Eines Tages musste er doch heiraten, denn die Firma Ralfner sollte einen Erben haben. Wie, wenn er versuchte, sich die junge Erbin zu erringen? Dann war die Rettung für das Haus Ralfner gefunden. Und für die Rettung seiner Firma hätte Bernd damals noch ganz andere Opfer gebracht als eine ungeliebte Frau heimzuführen. Er reiste also ohne langes Überlegen nach Amsterdam und fand Gonda blass und still, aber sehr gefasst.

Bernd aber dachte, als er ihre Ruhe sah: Sie hat nicht viel Herz. Das hatte ihn aber nicht abgehalten von seinem Plan, im Gegenteil, da er selbst keine Liebe zu geben hatte, war es ihm sehr lieb, dass sie anscheinend nicht viel Gefühl hatte.

Und ohne langes Zögern war er auf sein Ziel losgegangen. Er sprach nicht von Liebe, er blieb ehrlich auch in dieser Stunde und sagte ihr offen, dass er von ihr die Rettung seines Hauses erhoffte. Belügen wollte er sie nicht, aber er wollte sie stets hochhalten, ihr den Schutz seines Hauses gewähren und versuchen, ihr auch sein Herz zuzuwenden.

Gonda war bei dieser Werbung blass geworden bis in die Lippen. Sie hätte aufjubeln und zugleich weinen mögen, aber sie tat nichts von beiden. Sie blieb auch jetzt ganz ruhig und verschloss alles, was sie bewegte, in ihrem Inneren. Und aus allem, was er sagte, hörte sie nur das eine heraus, dass er ihrer bedurfte, um ein schweres Unglück von sich abzuwenden.

Ohne langes Zögern legte sie ihre Hand in die seine. Kühl und geschäftsmäßig besprach sie mit ihm, wie sie ihm helfen könne und was geschehen müsse, um die Krise von seiner Firma abzuwenden. Sie musste ihm einen großen Teil ihres ererbten Barvermögens zu diesem Zweck zur Verfügung stellen, und sie tat es mit einer solchen Vornehmheit, dass er tief bewegt war und ihr mit warmen Worten dankte.

Gonda war ihm ohne Widerstreben in seine schöne Villa an der Alster gefolgt. Sie schaltete und waltete in mustergültiger Weise als Herrin in diesem Haus. Ihrem Gatten begegnete sie immer in derselben stillen, ruhigen Art, die er für Kälte und Gleichgültigkeit hielt und die doch nur die Liebe eines stolzen Frauenherzens verbergen sollte.

Sie sprachen fast nur von geschäftlichen Dingen. Er gab ihr Bericht über die Geschäfte der Firma Gooden, die unter der Leitung des langjährigen Prokuristen Swartsemburg geblieben war, besprach mit ihr die Nachrichten, die von ihren javanischen Besitzungen eintrafen, und zeigte sich ihr im Übrigen ritterlich und aufmerksam. Er suchte ihr jeden Wunsch zu erfüllen, und sie hatte auch die Überzeugung, dass keiner anderen Frau seine Liebe gehörte.

All sein Denken und Tun ging, wie sie wusste, nur in seiner Tätigkeit für die Firma auf. Und da er außerdem noch die Oberleitung ihrer Geschäfte in Holland übernommen hatte, schien er auch für nichts anderes Zeit zu haben.

Froh und stolz war Gonda, dass sie mit ihrem Geld die Firma Ralfner vor dem Untergang bewahren konnte. Heute, nach dreijähriger Ehe, war sie wieder im alten Glanz erblüht, und dankbar hatte Bernd seiner jungen Gattin das geliehene Kapital vor kurzem zurückzahlen können. Sie hatte dagegen Einspruch erhoben.

„Behalte doch das Geld in deinem Geschäft, Bernd, ich brauche es ja nicht“, hatte sie gesagt.

Aber Bernd hatte in diesen Tagen, ohne dass es seine Frau ahnte, sein Herz an Rita Hardy verloren, und er sehnte sich danach, dieser Verpflichtungen gegen seine Gattin ledig zu werden. Es quälte ihn, dass er in ihrer Schuld war. Er hatte ihr artig die Hand geküsst und gesagt: „Lass es mich nur zurückzahlen, es macht mich frei dir gegenüber. Ich bedarf des Geldes nicht mehr, die Firma ist dank deiner Hilfe über die schlimme Krise hinweg, wofür ich dir immer dankbar sein werde. Es ist nun alles wieder in bester Ordnung.“

Es war ein schmerzliches Gefühl für sie gewesen, dass er nun ihre Hilfe nicht mehr brauchte, und doch liebte sie ihn seiner stolzen Rechtlichkeit wegen.

Und immer noch ging die Hoffnung mit ihr, dass sie eines Tages sein Herz gewinnen könnte. Wenn ich ein Kind hätte, wenn ich ihm einen Erben für die Firma in die Arme legen könnte, ich glaube, dann könnte er mich lieben, hatte sie sich immer gesagt. Und deshalb sehnte sie sich unsagbar nach Mutterfreuden. Und nun endlich – endlich in diesen Tagen war ihr die Gewissheit geworden, dass der Himmel ihr Flehen erhört hatte. Schon seit Wochen war ein scheues, zagendes Glück in ihr erwacht, und sie hatte in banger Unruhe in sich hineingelauscht. So war es ihr entgangen, dass ihr Gatte gerade in diesen Wochen ein seltsam verändertes Wesen zeigte, dass er nervös und unruhig war, er, der Besonnene, Ruhige. Sie merkte es kaum, dass er noch mehr als sonst außer Haus war, sah nicht, dass er einen heißen Blick in den Augen hatte und sie kaum noch beachtete. Sie wartete und wartete nun in höchster Sehnsucht auf die Bestätigung, dass ihr Wunsch in Erfüllung gehen würde.

Und heute, heute endlich war ihr nun volle Gewissheit geworden, dass sie Mutter werden würde. Eine andachtsvolle, heilige Freude erfüllte ihr ganzes Sein, nun musste ja alles anders werden, nun musste sich ihr doch das Herz ihres Gatten zuwenden, und nun brauchte sie ihr eigenes Fühlen auch nicht mehr so ängstlich zu verstecken. Um ihres Kindes willen wollte sie ihren Stolz bezwingen. Sie wollte ihrem Gatten zeigen, wie sehr sie ihn liebte.

Morgen war das Fest des hundertjährigen Bestehens der Firma Ralfner, ein Fest, das durch seinen Glanz beweisen sollte, dass die Firma Ralfner wieder ganz auf der Höhe war. Vor dem Fest wollte sie ihrem Gatten ihr Geheimnis nicht verraten, das sie so glücklich machte. Aber wenn das Fest vorüber war und wieder Ruhe im Haus herrschte, dann – dann sollte die erste stille Stunde dazu benutzt werden, ihm ihr Geheimnis mitzuteilen.

Ihre braunen Augen weiteten sich strahlend und erschienen fast schwarz. Eine heiße Glückseligkeit wallte in ihr auf. Sie malte sich in den herrlichsten Farben aus, wie er ihr Geständnis aufnehmen würde.

Und inzwischen weilte ihr Gatte bei Rita Hardy, die Bernd Ralfner so weit gebracht hatte, dass er sich ihretwegen von seiner Gattin trennen wollte.

Gonda saß noch am Fenster, als eine halbe Stunde später ihr Gatte nach Hause kam.

Ganz deutlich vernahm sie den festen Schritt, den sie unter vielen anderen erkannt hätte. Sie lehnte sich in ihrem Sessel zurück und gab sich den Augenschein, zu lesen.

Und dann trat er ein.

Mit einem unsicheren Blick sah er zu ihr.

„Verzeih, wenn ich dich warten ließ, Gonda, ich bin aufgehalten worden.“

Sie reichte ihm mit ihrem stillen Lächeln die Hand, die er artig an seine Lippen führte.

„Ich habe gar nicht bemerkt, dass du länger ausgeblieben bist, du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Deine Geschäfte gehen vor“, sagte sie ruhig.

Ein leichtes Rot war in seine Stirn getreten. Wie selbstverständlich sie annahm, dass ihn Geschäfte aufgehalten hatten! Aber so unangenehm es ihm war, sie zu betrügen, sagte er doch: „Allerdings, Geschäfte hielten mich auf. Es ist mir lieb, dass du nicht gewartet hast. Wir können nun wohl gleich zu Tisch gehen.“

Sie erhob sich sofort.

„Gewiss, es ist alles bereit“, sagte sie freundlich.

Ja, der Haushalt war tadellos in Ordnung unter ihrer Leitung. Nie fiel ihm irgendeine Störung auf. Und überall standen Blumen, alles atmete Behagen. Das hatte er bisher als selbstverständlich hingenommen, heute fiel es ihm besonders auf, obwohl er doch andere Dinge im Kopf hatte. Wenn Rita hier als Herrin schalten und walten würde, dann würde vielleicht am Anfang nicht alles so am Schnürchen gehen, aber das fand sich mit der Zeit.

Der Gedanke an Rita schlug ihm wie eine warme Welle über dem Kopf zusammen.

Er reichte Gonda den Arm und führte sie in das Speisezimmer hinüber.

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