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Hedwig Courths-Mahler - Folge 008

Marianne Limbach ging langsam den schmalen Waldweg entlang, der neben der Straße von Wollin nach Reßdorf lief. Sie trug eines ihrer eleganten Kleider, das zwar sehr duftig und reizvoll war, aber für den Waldspaziergang doch nicht recht geeignet erschien.

Aber Frau Marianne liebte es, sich unter allen Umständen zu schmücken und große Toilette zu machen. Wozu war sie auch eine schöne junge Frau? Wozu hatte sie einen Mann geheiratet, bei dem das Geld keine Rolle spielte? Wenn bei dieser Heirat nicht wenigstens Luxus und Wohlleben herausgesprungen wären – lieber Gott, dann hätte sie doch wahrlich nicht aus ihrem Herzen eine Mördergrube zu machen brauchen, dann hätte sie doch damals nicht dem hübschen, interessanten und auch so lieben Hans von Reßdorf die Treue zu brechen brauchen, um sich, statt mit ihm, mit einem so – nun ja – mit einem so herzlich unbedeutenden Gatten zu vermählen. Leicht war ihr das damals wirklich nicht geworden. Sie hatte sogar ein wenig geweint und sich mindestens acht Tage sehr unglücklich gefühlt, jawohl.

Und wenn Hans von Reßdorf nur halb so reich gewesen wäre wie Kurt Limbach, dann wäre sie ihm ganz sicher treu geblieben. Aber so – nein, das war eben unmöglich. Hart genug war es sie angekommen, den armen, lieben Kerl aufzugeben, als herauskam, dass sein Oheim, als dessen Erbe er sich betrachtet hatte, auf seine alten Tage noch eine Ehe geschlossen hatte.

Das war gewesen, kurz nachdem sie sich im Wolliner Park heimlich den Verlobungskuss gegeben hatten. Und da hatte sie glücklicherweise so viel Vernunft behalten, von ihm zu verlangen, dass ihre Verlobung auch geheim bleiben sollte. Und als dann Hans Reßdorfs Onkel ein Erbe geboren wurde und gar keine Aussicht mehr auf bessere Zeiten blieb, da musste sie noch vernünftiger sein.

Wie konnte sie da auch noch an eine Heirat mit ihm denken? Er besaß nichts als ein verfallenes Stammschloss, in dem die Mäuse den Hungertod starben. Und sie? Ach, du lieber Gott! Sie hörte zu Hause von früh bis spät das Klagelied um die schlechten Zeiten. Ihre Eltern waren arm geworden. Wollin, das väterliche Gut, stand vor dem Ruin, und die Gläubiger wollten es versteigern, um zu ihrem Geld zu kommen.

Und da kam Kurt Limbach, der Millionär, aus der Stadt heraus, um sich Wollin anzusehen und eventuell zu kaufen. Dabei verliebte er sich rettungslos in sie und bot ihr seine Hand an.

Was sollte sie da anderes tun? Sie fürchtete sich doch so namenlos vor der Armut. Und die Eltern taten ihr auch Leid, die Eltern und die kleine Schwester. Da gab es gar keine andere Wahl für sie, als Hans Reßdorf den Laufpass zu geben und Frau Limbach zu werden. Das war nun schon zehn Jahre her.

Ihre Eltern hatten nicht in die Verbannung ziehen müssen, sie waren friedlich in altgewohnten und außerdem sorglosen Verhältnissen in Wollin geblieben bis zu ihrem Tod. Und Käthe, ihre acht Jahre jüngere Schwester, hatte heute noch in Wollin ihre Heimat.

Gut und schön hatte sich ihr Leben gestaltet, und sie war zufrieden und froh. Freilich, ein bisschen langweilig war der gute Kurt, und zuweilen fiel er ihr mit seiner unentwegten, unwandelbaren Liebe, die er oft recht geräuschvoll bewies, ein wenig auf die Nerven. Und da gefiel sie sich dann darin, nach irgendwas und irgendwem Sehnsucht zu empfinden. Manchmal dachte sie dann auch voll träumerischer Wehmut an Hans Reßdorf und redete sich allen Ernstes ein, dass sie ihn sehr geliebt habe.

Er hatte damals aus Groll und Schmerz das baufällige Schloss seiner Ahnen verlassen und war in die weite Welt gegangen. Soviel sie wusste, hatte er über dem großen Teich ein neues Leben anfangen wollen.

Wenn Marianne Limbach ganz ehrlich hätte gegen sich sein wollen, dann hätte sie sich eingestehen müssen, dass sie schon seit Jahren gar nicht mehr an Hans Reßdorf gedacht hatte. Zehn Jahre sind eine lange Zeit, wenn man eine schöne, reiche, viel gefeierte und angebetete Frau ist. Aber gestern Abend war sie an ihn erinnert worden, und nun bildete sie sich ein, dass sie ihn nie vergessen habe. Sie dekorierte sich mit dieser Liebe, die einst ihr neunzehnjähriges Dasein verschönt hatte, wie mit einer neuen Robe, und prüfte kokett, wie sie ihr zu Gesicht stand. Ach, sie war mit ihren neunundzwanzig Jahren viel schöner, als sie mit neunzehn gewesen war. Das wusste sie ganz genau. Und es gelüstete sie, zu erfahren, wie sie heute in ihrer voll erblühten Frauenschönheit auf Hans Reßdorf wirken würde.

Nach zehnjähriger Abwesenheit war er wieder heimgekehrt. Herr von Diesterfeld, die lebendige Chronik der Umgebung, hatte es in Wollin bei der Abendtafel als größte Neuigkeit erzählt. Über den Tisch herüber hatte er ihr zugerufen: „Was sagen Sie dazu, meine verehrte gnädige Frau, der ‚verflossene‘ Reßdorf ist wieder im Land!“’

Diesterfeld erzählte mit großer Wichtigtuerei, dass Hans von Reßdorf als genau der arme Schlucker zurückgekehrt sei, als der er vor zehn Jahren ausgezogen war. Ziemlich heruntergekommen solle er aussehen. Und schon seit vierzehn Tagen sollte er wieder in seinem halb verfallenen Schloss wohnen, in dem bisher nur noch der alte Gottfried, ein treuer, alter Diener der Familie Reßdorf, mit seiner Frau gehaust hatte.

Marianne Limbach hatte ein prickelndes Gefühl in ihren Adern. Reßdorfs Heimkehr war doch wieder einmal ein interessantes Erlebnis in der Stille ihres behaglichen Wohllebens. Dass er bereits seit vierzehn Tagen zurückgekehrt war, ohne sich in Wollin sehen zu lassen, ließ nur zwei Deutungen zu. Entweder liebte er sie noch immer, oder er grollte ihr noch ob ihres Treuebruchs.

Sie musste unbedingt zu ergründen suchen, was ihn von ihr und Wollin, wo er früher so oft und gern gewesen war, fernhielt.

Frau Marianne machte sich also verführerisch schön und opferte für diesen Gang eines von ihren neuen Pariser Frühjahrskleidern. Und nun war sie auf dem Weg nach Schloss Reßdorf.

Offiziell ging sie allerdings nur ihrer Schwester Käthe entgegen, die in der Meierei auf dem zu Wollin gehörigen Vorwerk mit dem Pächter etwas zu verhandeln hatte. Der Weg nach diesem Vorwerk führte am Reßdorfer Schloss ziemlich dicht vorüber. Auch sich selbst gestand Frau Marianne nicht ohne weiteres ein, dass sie ein wenig mit dem Feuer spielen wollte.

Gerade jetzt war es etwas sehr langweilig in Wollin. Frau Mariannes letzter Flirt, ein schlanker, hübscher Rittmeister aus der nahen Garnison, war eben versetzt und somit aus ihrer Nähe verbannt worden.

Ihr Herz war sozusagen frei – und Hans Reßdorf hatte Chancen.

Ein kleines Gruseln hatte ihr allerdings Diesterfelds Behauptung eingeflößt, dass Reßdorf ziemlich heruntergekommen aussehen sollte. Schlecht gekleidete Menschen waren ihr unangenehm. Aber Diesterfeld übertrieb immer. Arm war Hans Reßdorf immer gewesen, und seine Zivilanzüge hatte er auch früher nicht von einem ersten Schneider bezogen. Trotzdem hatte er auch darin eine schneidige Figur gemacht.

In solche Gedanken versunken, schritt die schöne Frau auf dem Waldweg dahin. Ihre braunen, von goldigen Wimpern umsäumten Augen blickten forschend umher. Sie war jetzt nahe an das Reßdorfer Schloss herangekommen. Zuweilen sah man schon das graue Gemäuer durch das malerische Laub der Bäume schimmern.

Nun kam sie an einen Weg, der, von dem ihren abzweigend, direkt auf das Schloss zuführte.

Unschlüssig stand sie eine Weile am Scheideweg. Dann hob sie entschlossen den Kopf.

Noch ein prüfender Blick flog durch den Wald, ehe sie den Fuß hob, um nach dem Schloss zu gehen. Aber dieser Blick hielt sie von dem Schritt zurück. Sie zuckte ein wenig zusammen und blieb stehen. Nur wenige Schritte von ihr entfernt stand mit untergeschlagenen Armen ein Mann an einem Baum gelehnt und wandte ihr sein Gesicht zu.

Der Mann war ziemlich groß, von schlanker, sehniger Gestalt, und hatte ein scharf geschnittenes Gesicht, dem Luft und Sonne einen hellen Bronzeton gegeben hatten. Dieses charakteristische Gesicht mit dem festen, energischen Kinn, der geraden Nase und den tief liegenden grauen Augen war von einem weichen Filzhut beschattet, der weder neu noch elegant aussah. Ebenso wenig konnte der graue Lodenanzug Anspruch auf diese Eigenschaften erheben, obwohl er von gutem Schnitt war. Und doch machte der Träger dieses bescheidenen, beinahe ärmlichen Anzugs einen durchaus vornehmen Eindruck.

Er hatte Marianne bereits bemerkt, ehe sie ihn sah, und hatte ihr Zögern beobachtet. Bei ihrem Anblick war es einen Moment wie Wetterleuchten über sein Gesicht gezuckt, und dann hatte ein ironisches Lächeln seine Lippen umspielt. Aber nun, da sie ihn ansah, waren seine Züge ruhig und unbewegt, und seine Augen blickten kühl.

Als er sah, dass sie ihn bemerkt hatte, ließ er die übereinander gekreuzten Arme auseinander gleiten. Er griff zum Hut und verneigte sich stumm. Sie errötete jäh. Das stand ihr gut – er kannte diesen schnellen Farbenwechsel an ihr, der ein leicht erregbares Naturell verriet. Einst hatte er entzückt dieses Farbenspiel beobachtet und es für den Ausdruck einer tiefen Gemütsart gehalten. Das war damals, als sie noch Marianne von Wollin hieß, als er sie liebte und für das Ideal seines Herzens hielt.

Wie jung und dumm war er damals gewesen!

Jetzt ließ ihn ihr Erröten kalt.

Dass sie schöner war als je, verhehlte er sich nicht. Trotzdem lag ihm nichts daran, die Bekanntschaft zu erneuern und fortzusetzen. Er hoffte, sie würde mit einer stummen Erwiderung seines Grußes vorübergehen.

Aber er irrte sich.

Marianne blieb stehen und sah ihm mit einem koketten Blick in die Augen.

„Hans Reßdorf! Wirklich – Sie sind es? Also endlich wieder in die Heimat zurückgekehrt?“, sagte sie mit weicher Stimme.

Sich leicht verneigend, sagte er ruhig: „Ich habe die Ehre, Sie zu begrüßen, gnädige Frau.“

Er grollt noch, dachte sie und lächelte noch verführerischer. Laut fuhr sie dann fort, zärtlicher Vorwurf in der Stimme: „Und das muss hier im Wald geschehen, gewissermaßen auf der Straße? Ich erfuhr erst gestern Abend durch Herrn von Diesterfeld von Ihrer Rückkehr. Bereits seit vierzehn Tagen sind Sie zurück.“

Reßdorf lächelte mokant. „Herr von Diesterfeld scheint noch immer sehr genau über das Tun und Treiben seiner Mitmenschen orientiert zu sein. Es stimmt auffallend. Seit vierzehn Tagen bin ich wieder in Reßdorf.“

„Und trotzdem haben Sie uns noch nicht besucht?“, sagte sie schmollend.

„Ich hatte keine Ahnung, dass Ihnen mein Besuch erwünscht sein könnte. Überhaupt habe ich noch nirgends Besuche gemacht. Es ist auch nicht meine Absicht, dies zu tun – vorläufig wenigstens nicht.“

Der arme Kerl möchte sich mit seiner Armut verstecken. Wie schwer ihm das Leben wohl geworden sein mag? Mitleidig blickte sie in sein interessantes, rassiges Gesicht und sagte herzlich: „Aber mit Wollin müssen Sie doch eine Ausnahme machen, Herr von Reßdorf. Wollin ist Ihnen doch immer wie eine zweite Heimat gewesen.“

Er maß sie mit einem dunklen Blick, und seine Stirn zog sich finster zusammen. Hatte sie wirklich den Mut, ihn daran zu erinnern, was ihm Wollin einst gewesen war?

„Inzwischen hat sich doch manches geändert, gnädige Frau“, sagte er kühl. „Ihre Eltern sind, wie ich hörte, gestorben. Und der jetzige Besitzer – Ihr Herr Gemahl- ist mir fremd. Was soll ich da noch in Wollin?“

Sie trat zu ihm heran. Ein ganz feiner Duft stieg aus ihren Kleidern zu ihm empor, und das schöne Gesicht mit dem wundervollen Teint leuchtete dicht vor ihm.

„Und ich, Hans Reßdorf – bin ich denn nicht auch in Wollin?“

Er presste einen Moment die Lippen fest aufeinander, um ein ironisches Lächeln zu unterdrücken.

„Sie werden sicher für Ihre kostbare Zeit bessere Verwendung finden, als sie an einen müden Wanderer zu verschwenden“, sagte er kühl.

„Oh, so sollten Sie nicht sprechen, Herr von Reßdorf“, rief sie vorwurfsvoll.

„Doch, gnädige Frau, ich bin kein guter Gesellschafter. Ich bin ein ernster, stiller Mann geworden, dem das Leben mancherlei genommen hat, wenn es ihm auch manches gab. Zur Unterhaltung und Kurzweil für eine so schöne Frau eigne ich mich nicht.“

Sie bemerkte nicht den leicht bitteren Beiklang und quittierte mit lieblichem Lächeln das Kompliment.

„Darüber möchte ich mir doch gern eine eigene Meinung bilden. Sie können ganz sicher sehr interessant von Ihren Reisen erzählen.“

„So sehr viel, wie Sie anzunehmen scheinen, bin ich gar nicht gereist.“

„Aber Sie waren doch in Amerika.“

„Allerdings – aber wer ist heute nicht alles in Amerika gewesen! Da gibt es kaum Neues zu berichten. Und mein Leben ist sehr uninteressant verlaufen. Ich habe gearbeitet, das ist für niemand von Interesse wie für mich.“

„Doch – auch für mich“, sagte sie rasch, sich an seiner Gelassenheit immer mehr erregend. „Hans, warum sind Sie so zurückhaltend, so kühl und förmlich? Haben Sie alles vergessen, was uns einst verband?“

Er richtete sich jäh aus seiner verbindlich höflichen Stellung auf. „Nein – vergessen habe ich… gar nichts“, sagte er schroff.

Sie frohlockte innerlich. Er liebte sie noch, ganz sicher liebte er sie noch. Seine Kälte war nur Schein. Sie streckte bittend die weiße, ringgeschmückte Hand nach ihm aus.

„Hans, zürnen Sie mir doch nicht länger, dass ich für uns beide vernünftig war! Schwer ist Ihnen das Leben da draußen gewiss geworden. Bedenken Sie doch, wenn ich mich auch noch an Sie gehängt hätte, wie viel schlimmer wäre der Kampf ums Dasein für Sie geworden. Danken sollten Sie mir, dass ich Sie nicht mit noch schwereren Ketten niederdrückte. Nicht wahr, Sie haben das Glück, das Sie erringen wollten, nicht gefunden?“

Es zuckte wieder wie Wetterleuchten in seinem Gesicht. Aber sein Blick blieb ruhig.

„Das Glück? Nein, ich fand es nicht. Vielleicht gibt es für mich kein Glück.“

Sie seufzte auf.

„Wenn ich Ihnen doch helfen könnte! Ach, mein Gott – welch ein drückender Gedanke für mich, dass ich im Reichtum schwelge, während Sie – ach, Hans – das ist sehr schlimm, dass die Güter des Lebens so ungerecht verteilt sind.“

„Beruhigen Sie sich, gnädige Frau, die Armut drückt mich ganz sicher nicht, sie hat mit meinem Glück nichts zu tun“, antwortete er.

Unsicher blickte sie ihn an. Seltsam, er sah heiter aus. Und zugleich stolz und ungebrochen. Ach, überhaupt, was war er für ein interessanter Mann! Früher war er ja auch schon ein lieber, schneidiger Mensch gewesen. Aber jetzt – jetzt war er einer von den Männern, die allen Frauen gefährlich werden können. Keiner ihrer früheren Verehrer konnte ihm das Wasser reichen, trotz seines fast schäbigen Anzugs.

Ob er wohl noch so glühend zärtlich sein konnte wie früher? Sie spielte mit diesem Gedanken, der ihr das Blut rascher durch die Adern trieb, und ließ dabei ihre Augen eine verführerische Sprache reden. Er bemerkte es sehr wohl, und seine Augen wurden wieder streng und kalt. Es fiel ihm ein, dass er vor einigen Tagen, als er in der Stadt in einem Weinlokal gesessen hatte, mehrere Offiziere von Frau Marianne Limbach hatte sprechen hören. Sie hatten erwähnt, dass Frau Mariannes Herz jetzt verwaist sei, weil ihr letzter Flirt, Rittmeister Tattenbach, versetzt worden war. Grimmig hatte er da vor sich hin gelächelt und gedacht: Sie scheint eine von den Frauen geworden zu sein, die sich durch allerlei Flirts über die Langweiligkeit einer lieblosen Ehe trösten lassen. Ihr ganzes Benehmen ihm gegenüber zeigte ihm, dass sie vielleicht nicht abgeneigt war, an alte Erinnerungen ein neues zartes Band zu knüpfen. Es stand bei ihm fest, dass er nicht nach Wollin gehen würde.

„Also nicht wahr, Herr von Reßdorf, Sie kommen nach Wollin?“, sagte Marianne bittend. „Ich bitte Sie sehr darum – schon der Leute wegen. Diesterfeld mokiert sich schon darüber, dass Sie bei uns noch nicht gewesen seien. Und mein Mann sagte ganz erstaunt zu mir: „Ich denke, Herr von Reßdorf war so innig befreundet mit euch. Warum lässt er sich nicht bei uns sehen? Ich bitte Sie um unserer alten Jugendfreundschaft willen, besuchen Sie uns – recht bald –, es könnte sonst – nun – Sie verstehen… Mein Mann könnte Verdacht schöpfen.“

Unmutig presste Reßdorf die Lippen zusammen. Sie erschien ihm aufdringlich. Anscheinend hatte sie ihrem Mann nichts von ihren früheren Beziehungen zu ihm gebeichtet. Das war jedoch ihre Angelegenheit. Er hatte keine Lust, sich deshalb irgendwelche Unbequemlichkeiten aufzuladen.

„Ich wüsste nicht, in welcher Weise es den Verdacht Ihres Herrn Gemahls erregen könnte. Da ich vorläufig nirgends Besuche machen will, kann es nicht auffallen, dass ich auch nicht nach Wollin komme.“

„Aber Sie sollen kommen, ich lasse es einfach nicht zu, dass Sie sich wie ein Einsiedler in Reßdorf vergraben!“, rief sie schmollend.

In diesem Augenblick erscholl in nächster Nähe der Gesang einer frischen Mädchenstimme. „Wer recht in Freuden wandern will, der geh’ der Sonn’ entgegen.“

Marianne Limbach trat rasch einige Schritte von Reßdorf zurück, und in ihrem Gesicht erschien ein unbehaglicher Ausdruck.

„Da kommt meine Schwester. Ich war ihr entgegengegangen, sie kommt von der Meierei auf dem Vorwerk“, sagte sie hastig.

Hans Reßdorf lauschte auf den Gesang. Dieselbe Stimme hatte vor etwa zwei Stunden durch den Wald bis in sein einsames Zimmer geklungen. Wie Frühlingszauber hatte die warme, junge Stimme sein Herz berührt. Er war sich mit einemmal bewusst geworden, wie herrlich der Frühling im deutschen Wald war. Und da war er planlos herumgestreift und hatte sich einhüllen lassen von Waldeszauber und Maienpracht.

Jetzt hörte er diese Stimme wieder. Und Marianne hatte gesagt, dass die Sängerin ihre Schwester sei!

Nur dunkel erinnerte er sich an ein lang aufgeschossenes, etwa zwölfjähriges Mädchen mit eckigen Bewegungen und langen Zöpfen.

Das Bild, das er von ihr im Gedächtnis hatte, wollte gar nicht mit der Stimme zusammenpassen. Einigermaßen erwartungsvoll blickte er ihr entgegen.

Es dauerte gar nicht lange, da trat sie zwischen den Bäumen hervor, und in Reßdorfs Augen zuckte es überrascht auf. Was war aus dem wilden, jungenhaften Mädchen für eine reizende und anmutige junge Dame geworden! Freilich, eine so glänzende Schönheit wie ihre Schwester war sie, trotz der unleugbaren Ähnlichkeit nicht. Aber dafür hatte dieses frische, junge Gesicht einen weichen, beseelten Ausdruck. Die feucht schimmernden Augen blickten warm und heiter zugleich und waren so tief und klar, dass es Reßdorf ganz eigentümlich warm ums Herz wurde.

Wie der verkörperte Frühling trat sie zwischen den Bäumen hervor.

Auch sie stutzte betroffen bei seinem Anblick, und unter seinem forschenden Blick röteten sich ihre Wangen. Zögernd blieb sie stehen.

„Komm nur näher, Käthe!“, sagte Marianne lächelnd. „Sieh, wen ich hier im Wald gefunden habe! Einen alten, lieben Freund von uns. Kennst du ihn noch?“

Rasch trat Käthe von Wollin auf Reßdorf zu. Mit einem freundlichen Lächeln streckte sie ihm die Hand entgegen und sagte aufatmend: „Oh, ich weiß – Herr von Reßdorf, ich habe Sie sofort erkannt!“

Er umfasste mit warmem Druck ihre schlanke Hand.

„Wirklich? Sie haben mich erkannt nach so vielen Jahren?“, fragte er zweifelnd.

Ihre Augen blickten groß und ehrlich in sein Gesicht.

„Wäre es nicht so, dann hätte ich es doch nicht gesagt“, beantwortete sie seine Frage. „Sie haben sich gar nicht sehr verändert. Ein wenig brauner ist Ihr Gesicht geworden und ein wenig schmaler. Die Augen blicken freilich ernster drein, und das flotte Leutnantsbärtchen ist verschwunden.“

Er lachte.

„Dieses Bärtchen haben Sie sogar noch im Gedächtnis? Ich bewundere Sie, mein gnädiges Fräulein.“

„Ach“, sagte sie ebenfalls fröhlich lachend, „da gibt es gar nichts zu bewundern.

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