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Hedwig Courths-Mahler - Folge 007

Lisa stand im weißen Brautkleid vor dem Spiegel. Vor zwei Stunden war sie auf dem Standesamt nach Recht und Gesetz die Gattin des Barons Ronald von Stolle-Rechingen geworden. Nun sollte die kirchliche Einsegnung stattfinden. Lisas Tante, Frau Konsul Limbach, stand vor ihr und betrachtete sie durch ihre Stiellorgnette mit kritischen Blicken. Sie gab der Jungfer, die noch um Lisa bemüht war, in vornehm lispelndem Ton Anweisungen, was noch an dem Kleid geordnet werden musste.

Lisa selbst sagte kein Wort dazu. Sie stand in gezwungener Haltung da und blickte mit großen, verträumten Augen in den Spiegel. Ein scheues Lächeln huschte zuweilen um ihren Mund. Sie war keine Schönheit, die blasse Lisa. Ihre mittelgroße Gestalt war noch zu schlank und unentwickelt. Dieser Eindruck wurde noch durch eine steife, gezwungene Haltung verschärft. In ihrem Wesen lag etwas Gedrücktes, Unselbstständiges, wie man es bei Menschen findet, die sich nicht frei entwickeln konnten.

Ihr Gesicht war farblos, die Augen verbargen sich zu oft unter den Lidern, und das Haar war straff und unkleidsam über die Stirn zurückgenommen. Es bildete am Hinterkopf einen dicken, abstehenden Knoten und gab dem Kopf eine unvorteilhafte Form.

Diese von Frau Konsul Limbach für ihre Nichte gewählte Frisur legte für die Geschmacklosigkeit und den mangelnden Schönheitssinn der alten Dame beredtes Zeugnis ab.

Die Jungfer hatte versucht, der Konsulin wenigstens für heute die Erlaubnis abzuringen, der jungen Braut eine gefälligere Frisur machen zu dürfen, und Lisa hatte bei dieser Bitte mit scheuem Verlangen in die kalten Augen der Tante geblickt. Sie fand ihre eigene Frisur gräulich und hätte ihr Haar schon längst gern anders geordnet. Aber Tantes Befehl verbot das ein für allemal. Auch heute schüttelte sie, die Lippen vornehm kräuselnd, den Kopf.

„Frisieren Sie die Frau Baronin wie alle Tage, Minna!“

Lisas Lippen zuckten bei diesen Worten. Aber wie immer ordnete sie sich auch heute dem Willen der Tante unter. Die Jungfer suchte mitleidig durch Brautkranz und Schleier die strengen Linien der Frisur zu mildern. Dazu lag heute ein leises Rot auf den sonst so blassen Wangen, und die Augen strahlten intensiver. So sah die junge Braut nicht gar so reizlos aus.

Lisa legte auch nicht viel Gewicht auf Äußerlichkeiten. Schließlich war es gleich, ob sie so oder so frisiert war, ihrem Ronald gefiel sie doch. Er liebte sie, wie sie war; ihm galt ihre Seele mehr als ihr Äußeres. Sonst hätte er sie doch nicht zum Weib begehrt, er, ihr herrlicher Ronald, ihr Gatte!

Welch ein wunderbares, unfassbares Glück, dass er sie liebte, sie, die unscheinbare, stille Lisa, die weder schön noch glänzend, weder besonders geistreich noch interessant war! Nie wäre es ihr eingefallen, an seiner Liebe zu zweifeln. So unverdient und märchenhaft ihrem bescheidenen Sinn ihr Glück erschien, so demütig sie sich auch vor seiner Größe beugte, nie suchte sie nach einem anderen Grund für Ronalds Werbung. Dass er sie liebte und zur Frau begehrte, war ihr ein holdes Wunder, dem sie sich mit gläubigem Herzen beugte.

Es kam ihr nie in den Sinn, dass vielleicht ihr Reichtum ihn dazu bewogen haben könnte. Reichtum war ihr so etwas Gewohntes, Gleichgültiges. Weil sie es immer besessen hatte, kannte sie die Macht des Geldes nicht. Sie wusste so wenig vom Leben überhaupt und ahnte nicht, dass Geld ein mächtigerer Faktor sein kann als Liebe.

Das einzig Gute hatte Tante Hermines Erziehung bei ihr erzielt, dass sie nicht stolz auf die Macht des Geldes pochte wie andere Erbinnen. Lisa wusste wohl, dass ihr die Eltern ein sehr großes Vermögen hinterlassen hatten, dass sie einst auch Onkel und Tante Limbach und auch noch eine Schwester ihres Vaters, Frau von Rahnsdorf, beerben würde. Aber der Begriff, dass sie mit diesen Aussichten eine glänzende Partie war, ging ihr vollständig ab.

Die Konsulin hatte Lisa in ihrer despotischen Weise erzogen, seit sie als achtjährige Waise in ihr Haus kam. Sie war vom Unfehlbarkeitsteufel besessen, und das schüchterne Kind glaubte an diese Unfehlbarkeit. Wenn sich auch später leise Zweifel daran einstellten, so war Lisa doch inzwischen so willenlos gemacht worden, dass sie nie zu revoltieren wagte.

Onkel Karl, Frau Hermines Gatte, war viel zu gutmütig und bequem, um seiner Gattin gegenüber seinen Willen zur Geltung zu bringen. Er war zwar mit ihrer Erziehungsmethode gar nicht einverstanden; aber er traute sich nicht, einzugreifen.

Äußerte er jedoch trotzdem einmal sein Missfallen, dann sah seine Gattin ihn mit dem erstauntesten, kältesten und vornehmsten Blick an, den sie auf Lager hatte, und sagte: „Lieber Karl, ich wünsche, dass du mir überlässt, Lisa zu einer wahrhaft vornehmen und wohlerzogenen jungen Dame zu erziehen. Davon verstehst du nichts. Da der Himmel uns leider selbst ein Kind versagte, will ich die Tochter deines Bruders mit all der Sorgfalt erziehen, die ich einer eigenen Tochter widmen würde. Ich hoffe, du machst mir mein schweres Amt nicht durch gedankenlose und gefährliche Weichherzigkeiten noch schwerer. Du weißt, ich wurzle noch mit allen Fasern in dem Boden, dem ich entstamme. In meiner Familie, in der Familie der Freiherren von Schlorndorf, werden alle jungen Damen in dieser wahrhaft vornehmen, bescheidenen Weise erzogen.“

Damit wurde Karl Limbach stets zum Schweigen gebracht. Wenn seine Gattin die Geborene von Schlorndorf ins Treffen führte, war er geschlagen. Nicht, weil er diese wohledle Familie so ehrfurchtsvoll zu betrachten pflegte, sondern weil seine Gattin, wenn sie dieses Thema anschnitt, überhaupt kein Ende fand und sich so in Selbstberäucherung gefiel, dass er trotz seiner Friedfertigkeit wild wurde.

Eheliche Szenen waren ihm aber verhasst; deshalb gab er dann meist lieber Fersengeld.

So war Lisa den Erziehungsprinzipien ihrer Tante auf Gnade und Ungnade ausgeliefert.

Sie besaß zwar noch eine Tante, die energisch genug war, um Frau Hermine nachdrücklich genug den Standpunkt klar zu machen; aber Frau von Rahnsdorf hatte sich vollständig mit ihrer Schwägerin überworfen, und jeder Verkehr zwischen ihnen hatte aufgehört.

Anna von Rahnsdorf war seit Jahren Witwe, und da sie auch keine Kinder besaß, hätte sie Lisa sehr gern zu sich genommen. Hermine hatte das jedoch zu hintertreiben gewusst.

Zwar hatte Hermine einwilligen müssen, dass Frau von Rahnsdorf zu Lisas Hochzeit eingeladen wurde, aber die Verhasste hatte es glücklicherweise abgelehnt, zu kommen.

Während Lisa noch vor dem Spiegel stand, wurde ein Brief für sie gebracht. Errötend schaute sie auf die Adresse: „Frau Baronin Elisabeth Stolle-Hechingen“. Wie sonderbar fremd und doch vertraut ihr dieser neue Name erschien.

„Von wem ist der Brief, Lisa?“, fragte die Konsulin ungeduldig. „Du musst dich beeilen, wenn du ihn noch lesen willst.“

Lisa öffnete ihn und blickte nach der Unterschrift.

„Von Tante Anna“, sagte sie erstaunt.

Die Konsulin machte ein verkniffen es Gesicht, und in ihren kalten Augen zuckte es bösartig auf. Unwillkürlich streckte sie die Hand aus, um Lisa den Brief fortzunehmen. In demselben Augenblick wurde sie aber in einer wichtigen häuslichen Angelegenheit abgerufen. Mit einem unschlüssigen Blick auf den Brief in Lisas Hand rauschte sie hinaus. Die junge Frau las den Brief nur flüchtig durch und faltete ihn dann schnell zusammen, um ihn in einer kleinen Tasche zu bergen, die zu ihrer Reisetoilette gehörte. Sie wollte ihn später, auf der Reise vielleicht, noch einmal lesen. Jetzt konnte sie sich nicht damit befassen, da Tante Hermine jeden Augenblick zurückkehren konnte. Sie durfte den Brief um keinen Preis in die Hände bekommen, weil er durchaus nicht in schmeichelhaften Ausdrücken von ihr sprach.

Die Konsulin kehrte wirklich gleich darauf zurück.

„Nun, wo hast du den Brief, Lisa?“, fragte sie hastig.

Die junge Frau blickte beklommen auf.

„Ich habe ihn schon fortgelegt, Tante, er war nur für mich bestimmt.“

„Nur für dich bestimmt? Was soll das heißen?“, fragte die Konsulin scharf.

Lisa war betreten.

„Es war ein Glückwunsch zu meiner Hochzeit.“

Die Konsulin blickte sie misstrauisch an; aber ehe sie noch etwas erwidern konnte, wurde an die Tür geklopft, und eine klare Männerstimme rief von draußen: „Bist du fertig, Lisa?“

Ein strahlendes Leuchten flog über das Gesicht der bräutlichen Frau. Sie eilte zur Tür und öffnete. Ein großer, schlanker Offizier stand auf der Schwelle. Lisa sah mit strahlender Innigkeit zu ihm auf. Er war eine vornehme, elegante Erscheinung. Die schlanke, sehnige Figur, der gebräunte Teint, die rassigen Züge und die klaren grauen Augen vereinigten sich zu einem sympathischen Ganzen.

Seine Augen fingen den strahlenden Blick Lisas auf, und einen Augenblick zog sich seine Stirn zusammen.

„Du bist da!“, sagte Lisa mit einem so warmen, jubelnden Ausdruck, dass sein Gesicht sich rötete.

Er führte ihre schmale Hand ritterlich an die Lippen. Dann sah er sie mit einem Lächeln an, einem Lächeln, dem sie nicht anmerkte, wie gezwungen es war.

„Es ist Zeit, Lisa. Wir müssen fort“, sagte er freundlich. Schnell begrüßte er noch die Konsulin; dann zog er Lisas Arm durch den seinen und führte sie hinaus. Die Konsulin gab der Jungfer noch Weisungen, mit dem Reisekostüm der jungen Frau um sechs Uhr im Hotel Fürstenhof zu sein, um ihr beim Umkleiden zu helfen. Dann fuhr auch sie, etwas verstimmt darüber, dass sie den Brief ihrer Schwägerin nicht zu lesen bekommen hatte, neben ihrem Gatten zur Petrikirche, wo die Trauung des jungen Paares stattfand.

***

Die Hochzeitsgesellschaft saß im großen Saal des Fürstenhofes in fröhlicher Stimmung an der festlich geschmückten Tafel. Man hatte sich bereits am Abend vorher mit den sympathischen Festteilnehmern angefreundet, und die formelle Steifheit war unter der Einwirkung des Weines verschwunden.

Unweit des Brautpaares saßen Mutter und Schwester des Bräutigams. Die verwitwete Baronin von Stolle-Hechingen sah mit frohen Augen auf ihren stattlichen Sohn. Durch seine Verbindung mit der reichen Erbin war eine schwere, drückende Last von ihrer Seele genommen.

Lotte Hechingen, Ronalds Schwester, eine bildhübsche, schlanke Blondine, blickte jedoch zuweilen besorgt in das ernste Gesicht des Bruders. Sie war von Kind auf seine Vertraute gewesen und wusste, dass er nicht mit freiem, leichtem Herzen in diese Ehe ging.

Neben Lotte saß Kurt Mallwitz, Ronalds bester Freund und Regimentskamerad. Er unterhielt sich eifrig mit seiner reizenden Tischnachbarin. Seine Augen sahen dabei mit Wohlgefallen in Lottes Gesicht.

Sie sprachen von schönen vergangenen Tagen, die sie gemeinsam verlebt hatte. Als Kadett hatte Kurt Mallwitz seinen Freund Ronald zuweilen nach Hechingen begleiten dürfen. Es war schon damals eine schwere Zeit auf Hechingen gewesen, aber Ronalds Vater hatte noch immer gehofft, sein Stammgut halten zu können. Jedenfalls hatte sich das Jungvolk die Stimmung nicht durch drohende Zukunftsbilder trüben lassen. Schön, wunderschön, war es immer gewesen in den Ferien! Sie zehrten noch jetzt davon.

Die beiden jungen Menschen verkehrten in einem heiteren, freundschaftlichen Ton miteinander, der nur zuweilen, in unbewachten Augenblicken, ein ernsteres Gepräge erhielt. Dann blickten sie sich seltsam weich und tief in die Augen, selbstverloren, selbstvergessen. Aber schnell retteten sie sich wieder hinter den neckenden, lustigen Ton.

Sie wussten ganz genau voneinander, dass sich hinter diesem leichten Geplänkel etwas anderes, viel Wertvolleres versteckte; aber sie wussten auch, dass sie sich das nicht sagen durften, dass sie einander nicht angehören konnten. Denn sie waren beide sehr arm.

Frau Mallwitz hatte zwar einen recht wohlhabenden Vetter. Aber er war alles andere eher als spendabel. Die einzige Hilfe, die er der Cousine gewährte, war, dass sie als Hausdame auf Brachwitz leben konnte.

Herr von Brachwitz hatte zwar keine eigenen Kinder. Sein einziger Sohn war vor Jahren tödlich verunglückt, und der Schmerz darüber hatte auch seiner Mutter das Leben gekostet. Aber Brachwitz war Majorat und fiel nach dem Tod des jetzigen Besitzers an eine Seitenlinie. Mallwitz hatte also keine Hoffnung, in eine bessere Vermögenslage zu kommen.

Trotz dieser Aussichtslosigkeit liebten sich Lotte Hechingen und Kurt Mallwitz. Aber sie waren tapfer und vernünftig und wussten, dass sie vom Schicksal nichts Unmögliches ertrotzen konnten. Vorläufig waren sie auch noch jung und lebensfroh genug, um sich an der Gegenwart genügen zu lassen.

Lotte Hechingen war heute allerdings zu sehr mit ihres Bruders Schicksal beschäftigt, um viel an das eigene zu denken. So lieb sie auch die scheue, stille Lisa mit dem weichen, warmen Herzen gewonnen hatte, fürchtete sie doch, dass ihr Bruder nicht mit ihr glücklich werden würde, weil sein Herz einer anderen gehörte. Ronald liebte Lili Sanders, Lottes Pensionatsfreundin. Sie war die Tochter eines vermögenslosen Majors, ein bildschönes, anmutiges Geschöpf voll Geist und Temperament; und wenn sie auch kaum so gut und großherzig war wie Lisa, so stellte sie sie doch durch ihre äußeren Vorzüge weit in den Schatten.

Außer Lotte wusste nur Kurt Mallwitz um diese Herzensangelegenheit Ronalds.

Lotte seufzte leise, und Mallwitz blickte sie forschend an:

„Was ist Ihnen, Baroness?“

„Ach, Herr von Mallwitz, Sie wissen ja, wie ich mich um Ronald sorge. Schauen Sie ihn an, wie blass er aussieht!“

„Sie sehen in Ihrer Sorge vielleicht mehr als ich. Ein bisschen ernst sieht er aus; aber das ist doch kein Wunder bei einem so ernsten Schritt“, versuchte er sie zu trösten.

Sie schüttelte den Kopf.

„Nein, nein; mir brauchen Sie nichts vorzumachen, Herr von Mallwitz. Wir zwei wissen doch, wie es um ihn steht.“

„Ja, aber wir können ihm mit aller Trübsal nicht helfen. Machen Sie nicht ein so bekümmertes Gesicht, Lotte! Morgen Abend muss ich wieder in die Garnison zurück, und da möchte ich mir die Erinnerung an Ihr frohes Gesicht mitnehmen. Wenn ich dann abends allein in meiner Bude sitze, dann denke ich an Ihr frohes Lachen und bilde mir ein, ich sei wieder als Kadett in Hechingen.“

Sie nickte verträumt.

„Das alte, liebe Hechingen! Wie ich mich manchmal danach zurücksehne!“

„Und nun hausen fremde Menschen dort in den traulichen Räumen. Jetzt soll eine große Konservenfabrik dort stehen; der neue Besitzer verwendet Obst und Gemüse nutzbringend.“

„Ja“, erwiderte Lotte seufzend, „und sie soll viel Geld einbringen.“

„Das sagen Sie beinahe so schwärmerisch, als wenn Geld etwas ganz Wunderbares wäre“, neckte er.

Sie nickte eifrig.

„Es ist auch etwas Wunderbares, das liebe Geld. Eine goldene Wünschelrute ist es, mit der man sich so viel Gutes und Schönes herbeizaubern kann. Diese Erkenntnis haben aber immer nur Leute, die nicht im Besitz dieser Wünschelrute sind.“

„Was würden Sie sich wohl mit solch einer famosen Wünschelrute herbeizaubern, Baroness?“, fragte er lächelnd.

Sie sann mit drolliger Wichtigkeit nach.

„Ein stolzes Schloss am Meer“, sagte sie dann lachend.

„Und einen Prinzen dazu?“

„Oh, der käme dann von selbst, wenn ich Schlossherrin wäre.“

Er sah ihr voll ernster Weichheit in die Augen.

„Ich glaube, er käme schon, wenn die Kraft der Wünschelrute für eine kleine Hütte ausreichte, meinen Sie nicht auch, liebe Lotte?“

Sie erwiderte seinen Blick in gleicher Weise.

„Ja, das glaube ich bestimmt.“ Und sich zur Heiterkeit zwingend, fuhr sie fort: „Aber wir wollen ja fröhlich sein; dazu taugen solche Wenn und Aber nicht. Also, morgen Abend geht Ihr Urlaub schon zu Ende?“

„Leider.“

„Dann sehen wir Sie wohl nicht mehr?“

„Doch, Baroness; ich komme, mich von Ihnen und Ihrer Frau Mutter zu verabschieden.“

Die Tafel wurde aufgehoben. In dem allgemeinen Tumult, der hierdurch entstand, trat die Konsulin an das Brautpaar heran.

„Es dürfte für dich an der Zeit sein, dich jetzt unbemerkt zurückzuziehen, Lisa. Du musst dich umkleiden.“

Die junge Frau blickte errötend zu ihrem Gatten empor. Scheu streifte ihr glückstrahlender Blick sein ernstes Gesicht, dieses Gesicht, das sie so unsagbar liebte.

Er sah mit ernster Freundlichkeit auf sie herab.

„So geh, Lisa! In einer Stunde erwarte ich dich im Vestibül. Bis dahin kannst du doch bequem fertig sein, nicht wahr?“

Sie nickte nur und drückte seine Hand. Dann flüsterte sie der Tante ein paar hastige Abschiedsworte zu, bestellte noch einen Gruß an Onkel Karl, den sie in der Menge nicht sah, und schlüpfte durch das fröhliche Gedränge hinaus.

Mit fliegenden Pulsen stieg sie die Hoteltreppe empor. Minna wartete bereits, um ihr beim Umkleiden zu helfen.

Sie führte die junge Frau in ein Zimmer im ersten Stock, das unbewohnt war und ihr zum Umkleiden zur Verfügung gestellt wurde. Die Reisetoilette lag bereits ausgebreitet. Schnell machte sich die Jungfer ans Werk, denn Lisa hatte etwas Kopfschmerzen und wollte noch ein halbes Stündchen ruhen, bis sie unten wieder mit Ronald zusammentraf.

Lisa brauchte nicht viel länger als eine Viertelstunde, um die Kleidung zu wechseln. Sie machte sich vollständig fertig bis auf Hut und Handschuhe und entließ dann das Mädchen.

Als sie allein war, warf sie sich in einen Lehnstuhl und versank in Träumerei. Reglos blickte sie zur Decke empor, als wenn dort oben ein lockendes Zukunftsbild ausgebreitet wäre.

***

Ronald Hechingen hatte sich inzwischen von Lisas Onkel verabschiedet. Karl Limbach war ein mittelgroßer, etwas beleibter Herr mit grau meliertem Haar. Seine gutmütigen Augen ruhten mit Wohlgefallen auf Ronald. Er klopfte ihm auf die Schulter.

„Dann wünsch ich euch eine glückliche Reise, Kinder! Grüß mir die Lisa noch einmal herzlich, mein Sohn, und sei gut zu ihr! Das Küken ist noch ein bisschen still und verschüchtert; weißt ja, wie meine Frau mit ihr umgegangen ist. Aber sie wird sich schon rausmachen, wenn sie sich nur erst nach Herzenslust regen kann“, sagte er väterlich.

Ronald blickte mit ernsten Augen in sein Gesicht.

„Ich will alles tun, was möglich ist, um Lisa glücklich zu machen.“

„Glaub ich dir, Ronald. Du bist ein ehrlicher, vernünftiger Mensch; und ich habe von Anfang an Vertrauen zu dir gehabt, obwohl mir nicht entgangen ist, dass meine Frau ein bisschen mehr als nötig Vorsehung gespielt hat. Die Lisa hat dich lieb, na – und du wirst gut mit ihr sein.“

Sie reichten sich die Hände, und Ronald ging durch den Saal.

Mallwitz vertrat ihm den Weg. „Willst du auch schon fort, Ronald? Ich sah deine junge Frau vor einer Weile verschwinden.“

„Eine halbe Stunde hab ich noch Zeit.“

„Famos; dann können wir noch ein wenig miteinander schwatzen. Inzwischen wird hier der Saal zum Tanzen eingerichtet. Komm, wir suchen einen stillen Winkel, wo wir ungestört sind!“

Die Herren fanden aber nirgends ein solches Fleckchen.

„Weißt du was? Komm mit hinauf in mein Zimmer“, schlug Mallwitz vor. „Da können wir in aller Gemütlichkeit noch eine Abschiedszigarette rauchen.“

Sie ...

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