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Hedwig Courths-Mahler - Folge 005

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Was Gott zusammenfügt …
  4. Vorschau

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Was Gott zusammenfügt …

Wie eine große Liebe die dunkle Vergangenheit besiegte

 

 

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Und darum, meine verehrten Herrschaften, toujours l’amour! Erheben Sie bitte mit mir Ihre Gläser, und lassen Sie uns anstoßen auf das Wohl unseres glücklichen Paares, das die Liebe zusammengeführt hat.“

Michael von Rodenfels hatte sein Glas mit eleganter Verbeugung gegen die Tafelrunde erhoben. Mit blitzenden Augen wandte er sich an seine schöne Nachbarin. Allgemeines Stuhlrücken, Gläserklingen, Schwatzen und Lachen – der fröhliche Tumult einer festlich gestimmten Gesellschaft – folgte seiner Rede.

„Ein toller Kerl, der Rodenfels“, sagte nach aufgehobener Tafel Baron Hadersleben zu dem Brautvater, Oberstleutnant von Massenbach. „Seine Rede war famos, witzig und geistvoll. Der Mensch sprüht vor Feuer und Lebenslust.“

Massenbach nickte zustimmend.

„Ja, ja – ein glänzender Gesellschafter ist er immer gewesen. Ich kenne ihn nicht anders als gut gelaunt.“ Er sah zu Frau von Rodenfels hinüber, die mit einigen älteren Damen plauderte. Sie tat es in einer müden, lässigen Art. Ihre große, hagere Gestalt hatte eine schlechte, vorgebeugte Haltung.

Bedächtig nahm Massenbach einen Schluck aus seinem Glas.

„Ein ungleiches Paar, ohne Zweifel. Die arme Frau tut mir Leid, sie ist nicht auf Rosen gebettet gewesen an seiner Seite.“

Hadersleben sah ihn fragend an.

„Man hat mir gesagt, Rodenfels’ Glück bei den Frauen sei sprichwörtlich. Jedenfalls weiß auch seine Frau darum. In der Regel ist so etwas für den Mann vergnüglicher als für die Frau.“

Massenbach sah tiefsinnig in sein Glas.

„Hm – ja – wenn es nur das wäre! Ich glaube, damit hat sich Ulrike Rodenfels längst abgefunden. Aber dass ihm Spiel und Frauen das Geld wie Sand durch die Finger laufen lassen, das wird ihr mehr Unruhe machen. Ich weiß aus guter Quelle, dass Rodenfels bedenklich auf der Kippe steht. Seine Frau hat sich anfangs mit wilder Energie gegen den Untergang gestemmt, der beiden Kinder wegen. Sie wollte ihrem Sohn Rodenfels erhalten um jeden Preis. Aber jetzt ist sie müde geworden – gleichgültig. Ich fürchte, Rodenfels kommt demnächst unter den Hammer.“

„Nicht möglich! Der Mann sieht nicht aus, als ob er Sorgen hätte. So voll übermütiger Fröhlichkeit könnte er dann nicht sein.“

Massenbach nickte vor sich hin.

„Sie kennen ihn nicht wie ich. Der lacht noch, wenn der Sargdeckel über ihm zugeklappt wird.“

Eine Weile saßen die beiden Herren schweigend und sahen zu Michael von Rodenfels hinüber. Einige Herren und Damen hatten in einer Ecke des Festsaals Platz genommen und schienen sich köstlich zu amüsieren. Rodenfels stand mitten unter ihnen in übermütiger Stimmung und ließ seine Augen nicht von der schönen Frau, die bei Tisch seine Nachbarin gewesen war. Es war die Gattin des bekannten Architekten Professor Hardenberg. Dieser stand neben dem Sessel seiner Frau und unterhielt sich mit einem alten, weißköpfigen Herrn. Er war eine imposante, vornehme Persönlichkeit. Auf den breiten Schultern saß ein rassiger Künstlerkopf mit markanten Zügen.

Er wechselte zuweilen einen Blick mit seiner Gattin. In diesem Blick hätte ein aufmerksamer Beobachter allerlei lesen können. Vor allem, dass diese beiden Menschen sich in innigster Liebe zugetan waren. Hardenbergs waren in ihren Gesellschaftskreisen dafür bekannt, dass sie eine Idealehe führten, die nur von einem Schatten getrübt war – sie blieb kinderlos.

Rodenfels und seine Gattin waren mit anderen Hochzeitsgästen in demselben Hotel abgestiegen, in dem auch Hardenbergs seit mehreren Tagen schon Wohnung genommen hatten. Kaum hatte Michael von Rodenfels die schöne Frau Professor kennen gelernt, als auch schon Eroberungsgelüste bei ihm erwachten. Dass sie seine Artigkeiten mit kühler Liebenswürdigkeit aufnahm, reizte ihn noch mehr. Auch heute hatte er sich ihr fast ausschließlich gewidmet; seine eigene Frau schien er ganz vergessen zu haben.

Die beiden Herren in ihrer Trinkecke beobachteten ihn eine ganze Weile. Endlich sagte Hadersleben: „Mir scheint, der Schwerenöter will einen Flirt mit Frau Professor Hardenberg inszenieren.“

„Da dürfte er sich einmal umsonst bemühen. Die Frau ist gefeit!“

„Glückliche Ehe – was?“

„Sehr glücklich.“

Andächtig leerten sie ihre Gläser, dann fragte Hadersleben: „Ist sein Sohn nach ihm geraten?“

„Sie meinen Rodenfels’ Sohn? Nein, nicht im Mindesten, weder äußerlich noch im Wesen. Er besitzt allerdings die große schlanke Gestalt seines Vaters, aber sonst hat er kaum einen Zug mit ihm gemeinsam. Die Schönheit des Vaters hat sich mehr auf das Töchterchen vererbt, so weit man das bei einem achtjährigen Mädchen beurteilen kann.“

„So jung ist sie noch?“

„Ja, ein Nachzügler. Ihr Bruder ist bereits achtundzwanzig Jahre alt, der ging gerade zur Marine, als die kleine Eva – ich glaube, von den Eltern nicht gerade freudig begrüßt – geboren wurde.“

„Das ist allerdings ein großer Altersunterschied zwischen Geschwistern. Weshalb ist der junge Rodenfels zur Marine gegangen? Hätte er sich auf dem väterlichen Besitz nicht nützlicher machen können?“

„Ich glaube, er war froh, von zu Hause fortzukommen. Und dann hat ihn wohl auch die Mutter beeinflusst, als sie einsah, dass Rodenfels nicht zu halten war. Die familiären Verhältnisse sind natürlich keine angenehmen. Und Georg Rodenfels hat wohl zu viel vom Treiben seines Vaters gesehen, um davon sehr erbaut zu sein. Er ist, so weit ich ihn kenne, ein solider und ehrenhafter Charakter, der wenig Verständnis haben dürfte für die oberflächliche Schmetterlingsnatur seines Vaters. Die beiden sollen keinen guten Faden spinnen und sich am liebsten aus dem Wege gehen.“

„Das sind sehr unerquickliche Verhältnisse. Wahrscheinlich für den Sohn drückender als für den Vater.“

„Entschieden. Georg Rodenfels tut mir Leid. Ich wäre stolz auf einen solchen Sohn. Aber… ich muss jetzt ein wenig aus diesem behaglichen Eckchen herauskriechen, mein lieber Baron. Ich muss mich nach meiner Frau umsehen. Meine Tochter ist anscheinend mit ihrem jungen Gatten verschwunden. Entschuldigen Sie mich kurze Zeit – wir plaudern nachher noch weiter.“

Hadersleben nickte ihm lächelnd zu.

„Gehen Sie nur, lieber Massenbach! Ich sitze hier in guter Gesellschaft eines famosen Tropfens – da halte ich’s eine Weile aus.“

***

Es war Michael von Rodenfels nicht gelungen, die „süße kleine Professorin“ aufzutauen. Sie blieb freundlich reserviert. Und da ihr Gatte über Unwohlsein klagte, verabschiedete sie sich bald.

Michael von Rodenfels war etwas verstimmt durch seinen Misserfolg. Er zog sich hinter einer Flasche Wein zurück und trank hastig einige Gläser leer. Ziemlich zeitig entschloss auch er sich zum Aufbruch. Er suchte seine Gattin und fand sie in Gesellschaft einer schwerhörigen Stiftsdame.

„Wir wollen aufbrechen, Ulrike, ich bin müde“, sagte er lässig.

Die hagere Frau mit dem bleichen, vergrämten Gesicht erhob sich sofort und legte ihre Fingerspitzen auf seinen Arm. So durchschritten sie den Saal, um sich von den Gastgebern zu verabschieden.

Draußen gähnte Rodenfels hinter der vorgehaltenen Hand.

„Ein langweiliges Fest“, sagte er halblaut.

Ein verächtliches Lächeln umspielte den Mund seiner Frau.

„Bei Tisch schienst du dich sehr gut zu amüsieren“, erwiderte sie herb.

„Ja, solange Professor Hardenberg noch zugegen war, war es ganz amüsant. Das einzige interessante Paar unter sämtlichen Gästen.“

„Für dich kommt doch nur die Frau in Betracht.“

Michael warf einen spöttischen Seitenblick über die reizlose Gestalt seiner Frau.

„Sie ist allerdings eine sehr schöne und interessante Frau. Und voll Geist und Liebreiz.“

Ulrike antwortete nicht. Die Linien um den Mund gruben sich noch tiefer, als sie sich in die Wagenecke zurücklehnte und die Augen schloss.

Im Hotel angekommen, suchte sie sofort ihr Zimmer auf, während sich Michael erst noch beim Zimmerkellner erkundigte, ob Hardenbergs zur Ruhe gegangen seien. Der Kellner meldete, dass der Herr Professor sehr unwohl nach Hause gekommen sei und dass die Frau Professor durchaus habe zum Arzt schicken wollen. Der Professor habe dies indessen energisch abgelehnt.

Missmutig stieg Michael die Treppe zu seinem Zimmer empor. Dort angelangt, stürzte er hastig ein Glas Wasser hinunter und lehnte sich zum Fenster hinaus.

„Reisen wir morgen Früh ab?“, fragte seine Gattin, auf die Schwelle des Nebenzimmers tretend, in kühlem Ton.

Er richtete sich auf und sah eine Weile wie geistesabwesend in ihr Gesicht.

„Nein – das heißt, ich weiß es noch nicht bestimmt. Warum fragst du?“

„Weil ich jetzt nicht eine Stunde länger als nötig von Rodenfels fortbleiben möchte. Du weißt, wie ungern ich dich zu diesem Hochzeitsfest begleitet habe.“

„Ja, ja, du tust ja mit Vorliebe alles ‚ungern‘. Ich glaube, du bist schon ungern auf die Welt gekommen.“

Ein Seufzer entfuhr ihren Lippen, und in ihren Augen lag ein so brennender Vorwurf, dass er sich abwandte.

„Also tue mir den Gefallen und fang hier nicht die alte Geschichte wieder an, ich weiß schon alles auswendig. Und ob wir heute, morgen oder später reisen – Rodenfels ist doch nicht mehr zu halten. Es ist alles eins.“

Wieder entfloh Ulrikes Lippen ein Seufzer. Sie stand da, wie zu Stein erstarrt.

„Herrgott, nun geh zu Bett und seufze mir nicht die Ohren voll! Mir ist, weiß Gott, auch nicht behaglich zumute gewesen all die Zeit. Aber die paar vergnügten Stunden musst du mir mit deinem Gezeter nicht auch noch verbittern.“

„Ich denke, es war so langweilig“, sagte sie ironisch.

Er sah sie ärgerlich an.

„Lass mich zufrieden! Ich gehe zu Bett – gute Nacht!“

Am nächsten Morgen verbreitete sich eine Schreckenskunde im Hotel. Professor Hardenberg war an Typhus erkrankt. Der Hotelbrunnen erwies sich nach polizeilicher Feststellung als vergiftet. Auch einige Bedienstete des Hotels waren erkrankt.

Michael von Rodenfels war unter den Ersten, die zur Abreise fertig waren. Die Furcht vor der Krankheit ließ ihn die schöne Frau mit all ihren Reizen vergessen.

Ulrike von Rodenfels blieb ruhiger. Sie nahm sich auch die Zeit, trotz des Drängens ihres Gatten, Frau Professor Hardenberg auf einer Karte ihr tiefstes Bedauern über die Erkrankung ihres Gatten auszudrücken.

***

Zwei Tage später saß Rodenfels auf der Veranda des Schlosses Rodenfels. Auf dem großen Rastplatz vor der Freitreppe tummelte sich sein Töchterchen Eva, ein bildschönes, goldblondes Kind.

Michael nahm nichts von diesem friedlichen Bild in sich auf. Er sah bei weitem nicht so frisch und jugendlich aus wie auf der Hochzeitsfeier. Er hatte die letzten beiden Nächte sehr schlecht geschlafen, da sich seine Gedanken unablässig mit seinen zerrütteten Vermögensverhältnissen befasst hatten.

Dazu kam noch, dass er sich über das steinerne, unbewegte Gesicht seiner Gattin ärgerte, die lautlos und ohne Freudigkeit im Schloss herumschlich. Ob denn Rodenfels wirklich nicht mehr zu halten war? Er hatte eine dunkle Ahnung, als wenn in diesen Tagen eine Menge Forderungen an ihn herantreten müssten. Genau war er nie orientiert über seine Vermögensverhältnisse. Es war nicht abzuleugnen, dass er ein bisschen leichtsinnig gewirtschaftet hatte. Solange man ihm noch Geld lieh, hatte er sich keine Kopfschmerzen darüber gemacht. Aber jetzt wollte ihm mit einem Mal niemand mehr aushelfen, alle fanden Ausreden, und er musste noch froh sein, dass seine Gläubiger nicht drängten. Wie aber, wenn sie die Geduld verloren und auf ihrem Recht bestanden?

Zum ersten Mal in seinem Leben empfand Michael in diesen unbehaglichen Tagen etwas wie Gewissensbisse. Und das war ihm ebenso neu wie unbequem.

Kein Wunder, dass er sich heute ganz miserabel fühlte!

In diesem Augenblick trat Ulrike auf die Veranda heraus. Sie hielt ein schwarz umrändertes Kuvert in der Hand und gab es ihrem Gatten.

„Was ist das?“, fuhr er auf.

„Professor Hardenberg ist tot“, sagte sie mit ihrer müden, tonlosen Stimme.

Michael sprang auf und stieß das Kuvert weit von sich.

„Nicht möglich! Der starke, gesunde Mann – in wenigen Tagen das ist doch undenkbar!“

„Überzeuge dich selbst! Da hast du es schwarz auf weiß.“

Rodenfels trat ins Zimmer hinein und schenkte sich einen Kognak ein. Er fühlte sich ganz elend. Mitten im Lauf hielt er plötzlich inne, als sein alter Diener eintrat.

„Was willst du, Gustav?“

„Ein Herr wünscht den gnädigen Herrn zu sprechen.“

Er reichte Rodenfels auf einem Tablett eine Karte. Rodenfels machte ein abweisendes Gesicht. „Ich empfange heute niemanden.“

„Verzeihen, gnädiger Herr, der Fremde will sich nicht abweisen lassen. Er habe wichtige Geschäfte mit dem gnädigen Herrn zu besprechen.“

Widerwillig nahm Rodenfels die Karte.

Da will einer Geld von mir haben, dachte er verdrießlich und sah auf die Karte herab.

„Fritz Coulmann? Kenne ich nicht. Na also, dann herein mit ihm, wenn seine Sache gar so eilig ist!“

Gustav ging hinaus, um den Fremden hereinzuführen.

Fritz Coulmann mochte ungefähr im gleichen Alter mit Rodenfels sein. Das Haar und der spitz zulaufende Bart waren grau meliert, die Gesichtszüge klug und energisch, aber etwas grob geschnitten. Die mittelgroße, gedrungene Gestalt mit der sicheren, ruhigen Haltung war solide gekleidet. Die ganze Erscheinung machte einen sympathischen Eindruck.

Rodenfels hatte den Besucher mit einer kurzen, eleganten Verbeugung begrüßt. „Was verschafft mir das Vergnügen Ihres Besuches, mein Herr?“, fragte er.

Coulmann trat einige Schritte näher und heftete seinen Blick scharf und durchdringend auf Rodenfels.

„Ein Vergnügen wird Ihnen mein Besuch schwerlich bereiten, Herr von Rodenfels. Ich bin gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass alle Ihre Gläubiger ihre Forderungen an mich verkauft haben. Sie schulden mir demnach die Summe von dreihundertsiebenundachtzigtausend Mark. Um diese Summe von Ihnen einzufordern, bin ich hergekommen.“

Rodenfels war erblassend einen Schritt zurückgewichen.

„Ein schlechter Scherz, mein Herr“, sagte er unsicher.

„Sie irren, ich spreche im Ernst.“

Rodenfels suchte sich zu fassen.

„Aber das verstehe ich nicht. Wie kommen Sie dazu diese Forderungen an sich zu bringen? Ich kenne Sie nicht.“

In Coulmanns Augen sprühte tödlicher Hass.

„Wie ich dazu komme? Nun, nehmen wir an, ich hätte Interesse daran, Sie in meine Gewalt zu bekommen.“

Rodenfels starrte ihn verständnislos an.

„Was soll das heißen? Was wollen Sie von mir? Wer sind Sie eigentlich?“

„Mein Name ist Coulmann. Coulmann, sagt Ihnen dieser Name nichts?“

Rodenfels schüttelte den Kopf.

„Der Name ist mir fremd.“

Coulmann lachte schneidend auf.

„So, so, nicht einmal den Namen haben Sie behalten? Ein beneidenswert schlechtes Gedächtnis scheinen Sie zu besitzen! Sagt er Ihnen auch nichts in Verbindung mit dem Vornamen Helene? Helene Coulmann – Herr von Rodenfels, denken Sie doch ein wenig nach! Helene Coulmann war ein armes, törichtes Mädchen, das an Sie glaubte wie an einen Gott und dem Sie, wie wohl noch manchem anderen armen Opfer, die Ehe versprachen. Es ist allerdings schon zweiundzwanzig Jahre her, aber vielleicht erinnern Sie sich nun doch.“

Rodenfels fuhr sich mit dem Taschentuch über die feuchte Stirn.

„Was sollen diese alten Geschichten?“, fragte er mit gepresster Stimme.

Coulmanns Gesicht nahm einen Ausdruck schmerzlichen Hohnes an.

„Alte Geschichten – alte Geschichten! Mir ist sie bis heute nicht alt geworden, diese Geschichte, denn mein Gedächtnis hat sie so frisch bewahrt, als ob sie gestern passiert wäre, als ob meine arme Schwester erst gestern durch Ihre Schurkerei in den Tod getrieben worden wäre.“

Rodenfels stand Coulmann nun auch aufgerichtet gegenüber.

„Mein Herr, Sie beleidigen mich in meinem eigenen Haus!“

Coulmann sah ihn hohnvoll an.

„So, beleidigt Sie das? Ist es keine Schurkerei, wenn ein so genannter vornehmer Mann ein armes, schutzloses Mädchen mit allen Mitteln gewissenloser Verführungskunst an sich lockt, ihm die Ehe verspricht, obwohl er schon seit Jahren verheiratet ist? Wie nennen Sie das, Herr von Rodenfels? Sie wissen wohl selbst noch, wie schwer es Ihnen geworden ist, den reinen Sinn meiner Schwester zu betören, bis sie alles vergaß – sogar ihre Ehre, den einzigen Schatz, den sie besaß. Ein leichter Sieg war es schwerlich – meine Schwester war alles andere als ein leichtfertiges Geschöpf. Sie hat Sie geliebt, Ihnen vertraut – das war ihr Vergehen. Und als sie dann verzweiflungsvoll zu Ihnen kam, Ihnen berichtete, dass ihr Verhältnis nicht ohne Folgen bleiben sollte, als sie ihren Verführer bat, sein Versprechen einzulösen und sie zu seiner Frau zu machen, da erst erfuhr sie, dass Sie bereits verheiratet waren.“

Rodenfels war in einen Sessel gesunken.

„Ich liebte Ihre Schwester – das ist meine einzige Entschuldigung.“

„Liebe? Missbrauchen Sie dieses Wort nicht! Liebe hätte anders gehandelt. Und wenn Sie meine Schwester so geliebt hätten, wie Sie mich jetzt glauben machen wollen, dann hätten Sie das unglückliche Geschöpf nicht so bald vergessen – und ihr vor allen Dingen nicht so viele Nachfolgerinnen gegeben. Ich weiß mehr von Ihrem Leben, als Ihnen lieb sein dürfte, denn mein Hass hat Sie verfolgt, seit ich erfuhr, was Sie an meiner Schwester getan haben.“

Rodenfels sah einige Male besorgt nach der Tür. Coulmann dämpfte seine Stimme noch mehr.

„Ich bin nun gleich zu Ende. Ich will Ihnen nur noch sagen, dass meine Schwester damals wie von Sinnen von Ihnen fortrannte. Unterwegs brach sie bewusstlos auf der Straße zusammen. Und so brachte man sie mir ins Haus. Ich hatte kurze Zeit vorher geheiratet. Was mir im ersten Schrecken unverständlich blieb, begriff meine junge Frau sofort. Liebevoll nahm sie sich meiner Schwester an. Sie haben sich nicht mehr um die Unglückliche gekümmert. Nach langer Krankheit stand sie wieder auf, aber elend, matt, ein an Leib und Seele gebrochenes Geschöpf. Ich schickte sie mit meiner Frau in ein weit entferntes kleines Dorf in der Schweiz. Dort in diesem kleinen Ort ist Ihre Tochter geboren worden, während Sie sich bereits in ein neues Liebesabenteuer verstrickt hatten. Wenige Tage später schenkte mir meine Frau ein Töchterchen – die beiden Kinder gelten noch heute als Zwillingsschwestern, als meine Kinder. Kein Mensch außer mir weiß darum. Die wenigen Zeugen in dem kleinen Schweizerdorf sind gestorben. Meine Frau ist mir vor einigen Jahren auch durch den Tod entrissen worden, und meine Schwester – sie starb kurze Zeit nach der Geburt ihres Kindes, sie wollte sterben, weil ihr das Leben unerträglich geworden war durch Ihre Schuld.

Aber an ihrem Grab – da habe ich mir damals geschworen, nicht zu ruhen, bis ich sie gerächt hätte an ihrem Verderber. Zweiundzwanzig Jahre lang habe ich Zeit gehabt, diese Rache vorzubereiten. Nie habe ich in dieser Zeit vergessen, was ich mir geschworen hatte. Damals wusste ich noch nicht, wie ich sie rächen sollte. Was vermochte ein einfacher Bankbeamter dem hochedlen Herrn von Rodenfels gegenüber? Aber mein Hass gab mir Kraft, mich emporzuarbeiten. Wie durch Zaubermacht besserten sich meine Verhältnisse seit Helenes Tod. Ich rückte auf in meiner Stellung, bis zum Direktor der Bank. Und es gelang mir, ein Vermögen zu erwerben. Meine Verbindungen gestatteten mir, Einblick in die Verhältnisse auf Rodenfels zu gewinnen, und da wusste ich, wie ich Helenes Unglück an Ihnen rächen konnte. Heute bin ich in der Lage, den Verführer meiner Schwester als Bettler von Rodenfels zu jagen. Und Helenes Tochter wird mit meinem Kind zusammen als Herrin hier einziehen, während Ihre legitimen Kinder mit Ihnen die Heimat verlassen müssen. Das ist meine Rache.“

Rodenfels stierte mit glanzlosen Augen vor sich hin. Kalter Schweiß bedeckte seine Stirn.

„Lassen Sie mir wenigstens einige Monate Frist! Ich bitte nicht für mich, sondern für meine Familie“, sagte er heiser.

Coulmann hatte sich schon zum Gehen gewendet. Er drehte sich noch einmal um. „Was geht mich Ihre Familie an? Im Übrigen weiß ich, dass Ihr Sohn ein ausreichendes Gehalt bezieht, mit dem er notfalls die Familie vor dem Schlimmsten bewahren kann.“

Rodenfels wischte sich über die Stirn.

„Dieses Geld braucht mein Sohn für sich selbst.“

Coulmann lächelte höhnisch.

„Da er der Sohn seines Vaters ist, wird er es wohl für sich verbrauchen, und die Not seiner Familie wird ihm gleichgültig sein. Da müssen Sie sich freilich selbst um Brot für Ihre Familie bemühen. Vielleicht lernen Sie dadurch erkennen, wie fest Familienbanden sind. Bis jetzt haben Sie das noch nie gewusst. Von mir erwarten Sie nicht das geringste Entgegenkommen. Und wenn Sie wie ein Bettler am Zaun verenden, dann haben Sie es an meiner unglücklichen Schwester verdient.“

Nach diesen Worten verließ Coulmann das Zimmer, ohne sich noch einmal umzusehen.

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