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Hedwig Courths-Mahler - Folge 004

Hier geblieben, Lia! Willst du mir schon wieder davon schlüpfen, weil ich dir ein Kompliment mache?“

Kornelia von Reinach strahlte über das ganze Gesicht. „War das ein Kompliment, Onkelchen? Ich hielt es eher für ein Donnerwetter.“

Erstaunt blickte Herr von Lankwitz in das blühende Gesicht seiner Pflegetochter? „Wieso, was habe ich denn gesagt?“

Lia stellte sich in Positur und versuchte mit komischem Ernst, die Haltung des alten Herrn nachzuahmen.

„Hat mir doch die naseweise Marjell wahrhaftig alle Weisheit abgeguckt. Regiert auf Niederlankwitz während meiner Krankheit wie ein Inspektor, baut Roggen und Weizen, dass einem alten Landwirt die Augen übergehen, und hat mir die feinsten Kniffe bei der Kälbermast abgelauscht. Allerhand Hochachtung, Marjellchen! Willst du mich wohl in Niederlankwitz vollständig überflüssig machen?“

Der alte Herr lachte hellauf und funkelte die Pflegetochter belustigt mit seinen hellen Augen an. „Nun, bis auf den Bass hast du mich ja famos kopiert! Aber siehst du, den Bass kannst du mir doch nicht nachmachen, wenn du auch sonst ein ganz patentes Kerlchen bist. Ja, mein Kind, was sollte dein alter Pflegevater wohl ohne dich anfangen?“

Lia schob zärtlich ihren Arm unter den seinen. So schritten sie zusammen auf die Fohlenkoppel des Vorwerks zu.

„Ach, Onkelchen, du könntest mich wohl eher entbehren als ich dich“, meinte sie mit einem halben Seufzer.

„So, meinst du? Was hätte denn zum Beispiel in den Wochen, als ich krank war, aus mir werden sollen, wenn du mich nicht gepflegt hättest?“

„Dann hätte es Frau Wesemann getan.“

Er lachte. „Na ja, Frau Wesemann in allen Ehren, aber du bist mir als Krankenpflegerin doch lieber. War ja beinahe ein Vergnügen, krank zu sein! Aber abgesehen von meiner Person, was wäre ohne dich aus Niederlankwitz geworden? Ich sehe mit Staunen, wie gut du die ganze Wirtschaft am Schnürchen gehabt hast. Ich selbst hätte nicht besser Ordnung halten können.“

Aus Lias Augen leuchtete der Stolz über diese Anerkennung. „Dass du dich noch darüber wundern kannst, Onkel Joachim, aber du musst es dir schon gefallen lassen, wenn ich daran denke, was ihr, du und Tante Maria, für mich getan habt. Tantchen kann ich es ja leider nicht mehr danken, dafür gehört nun dir meine ganze Liebe und Dankbarkeit.“

Der alte Herr streichelte liebevoll ihre Hand. „Nun ja, mein Kind, Liebe – davon kann ich einen ganzen Posten vertragen, da brauchst du dir keinen Zwang aufzuerlegen. Je mehr, desto besser! Aber die Dankbarkeit streichen wir aus unserem Wortschatz! Was haben wir denn Großes für dich getan bisher?“

„Ach, das weißt du recht gut, Onkelchen. Eine Heimat habt ihr mir gegeben. Was wäre wohl aus mir armen Waise geworden, wenn ihr euch nicht meiner erbarmt hättet? Niemand war da, der mich aufgenommen hätte, und ihr habt es getan, als sei das etwas ganz Selbstverständliches.“

Der alte Herr nickte zustimmend. „Natürlich war es etwas Selbstverständliches, Lia. Deine Mutter und meine Frau waren doch Geschwister, und wir selbst sehnten uns beide nach einem Ersatz für unsere verstorbene Kleine. Da warst du uns ein rechter Gottessegen. Tante Maria vergaß ein wenig ihren Schmerz, und ich – nun, Lia, davon brauche ich ja nicht erst zu reden. Ich habe nun doch wenigstens jemand, dem ich mein schönes Niederlankwitz frohen Herzens vermachen kann. Ich weiß, dass du es in Ehren halten und so bewirtschaften wirst, wie ich es mir wünsche.“

Kornelia von Reinach wurde plötzlich ernst. Wie in Gedanken versunken, sah sie über die Wiesen und Felder, die das Vorwerk von Niederlankwitz umgaben.

Joachim von Lankwitz musterte sie mit liebevollen Blicken. Es konnte auch nicht leicht einen herzerfrischenderen Anblick geben als dieses jugendfrische Geschöpf.

Plötzlich hob Lia den Kopf und blickte dem Onkel offen in die Augen. „Lieber Onkel Joachim, vielleicht erscheine ich dir sehr undankbar, wenn ich dir immer wiederhole, dass mir der Gedanke peinlich ist, dass du mich zu deiner Erbin machen willst. Du weißt, drüben in Oberlankwitz nennen sie mich die ‚Erbschleicherin‘, und das kann ich nicht vergessen.“

„Ach, welche Torheit, Lia!“, brauste der alte Herr auf. „Wie kannst du dich nur an das hässliche Wort klammern, das die schöne Frau Alice gesprochen hat. Sie hat damit ihrem Groll Luft gemacht, als ich ihr und ihrem Sohn Hanno eines Tages erklärte, dass nicht nur mein gesamtes Vermögen, sondern auch Niederlankwitz nach meinem Tod an dich fallen soll. Das darf dich nicht aufregen, die Oberlankwitzer haben es ja nicht anders gewollt. Oder glaubst du vielleicht, dass ich mir mein schönes Niederlankwitz in Grund und Boden wirtschaften lassen will, wie sie es mit Oberlankwitz getan haben? Nein, nein, Kind. Wenn es mich auch selbst hart ankommt, den letzten Lankwitz in meinem Testament zu übergehen, er darf mir hier mit seiner Mutter nicht ans Ruder kommen! Ich will in Ruhe meine Augen schließen können.“

Lia seufzte und stützte ihren Arm auf die Einfriedung der Fohlenkoppel. „Trotz allem kannst du es Frau von Lankwitz und ihrem Sohn nicht verdenken, wenn sie mich mit scheelen Blicken ansehen! Wenn ich nicht wäre, dann würde Hanno doch sicher eines Tages Herr auf Niederlankwitz.“

„Oder auch nicht!“, rief der alte Herr energisch. „Solange er seine noblen Passionen lebt und das Geld zum Fenster hinauswirft, hätte er keine Chance, wenn du auch nicht da wärst. Nein, Lia, lieber würde ich meinen Besitz dem ersten besten tüchtigen Mann vererben als diesem Bruder Leichtfuß. Was kann er denn weiter, als Geld verschwenden und den Weibern schöne Augen machen?“

Es zuckte seltsam um Lias Lippen, und in ihren Augen lag ein schmerzlicher Ausdruck, als quäle sie etwas. „Du beurteilst Hanno von Lankwitz wohl zu streng, Onkel.“

Der alte Herr lachte ärgerlich auf. „Natürlich, du nimmst ihn immer noch in Schutz! Es ist ja nichts Neues, dass er allen Frauen den Kopf verdreht.“

Lia warf den Kopf zurück und straffte ihre schöne Gestalt zu voller Höhe. Ihr Gesicht bekam einen herben Ausdruck. „Mich kannst du dabei ausnehmen, Onkel Joachim. Ich will nur gerecht sein, nichts weiter.“

Einen kurzen, raschen Seitenblick warf Joachim von Lankwitz in das blasse, stolze Mädchengesicht. „Nun ja, Kind, der Ärger ist wieder einmal mit mir durchgegangen, ich wollte dich ja nicht kränken. So geht es mir aber immer, wenn ich an diesen Windhund denke.“

Der herbe, abwehrende Ausdruck verschwand aus Lias Gesicht. Sie streichelte Onkel Joachims Hand. „Weil du Hanno doch im Grunde deines Herzens nicht gram sein kannst und dich nur immer dazu zwingst. So schlimm, wie du denkst, ist er ja gar nicht, wenn er auch sehr leichtsinnig in den Tag hineinlebt“, erwiderte sie ernst.

Wieder streifte aus seinen Augen ein forschender Seitenblick über sie hin. Er kannte Lia nur zu genau und wusste, dass sie trotz der stolzen Abwehr, die sie zur Schau trug, eine Schwäche für Hanno von Lankwitz hatte. Sie schämte sich wohl, dass sie ihrem Herzen nicht gebieten konnte, und sie hatte ja recht – Hanno von Lankwitz war trotz allem doch ein Prachtkerl voll Leben und Frische, hätte wenigstens ein Prachtkerl sein können, wenn…

„Ja, wenn er nicht so sehr seiner Mutter Sohn wäre“, fuhr der alte Herr laut in seinem Gedankengang fort. „Siehst du, Kind, das treibt mir den Zorn ins Blut, dass diese hohle, eitle Person mit ihrem beispiellosen Aufwand gleich zwei Lankwitze zugrunde richtet, denn ihren Mann hat sie schon auf dem Gewissen. Wenn sie ihn mit ihren Augen anstrahlte, konnte sie ihn um den Finger wickeln, so dass er ihr jeden Wunsch erfüllte, wenn er auch noch so kostspielig und unvernünftig war. Und nun, nach dem Tod des Mannes, treibt sie es genauso mit dem Jungen. Da drüben wird gedankenlos in den Tag gelebt, bis Oberlankwitz unter den Hammer kommt. Lange dauert es nicht mehr, es steht schlimm da drüben, das weiß ich. Sieh dir nur die Wirtschaft an! Der Zorn kann einen packen, und man möchte dreinschlagen! Auf den Feldern wird Raubbau getrieben, die Wälder werden schonungslos abgeholzt, ein Stück Vieh nach dem anderen wird verkauft, die Wirtschaftsgebäude werden vernachlässigt, da kein Geld zu Reparaturen da ist. Das geht alles drauf für Pariser Toiletten, Schmuck und Badereisen. Und was die Mutter noch übrig lässt, das bringt der Herr Sohn durch. Und siehst du, Kind, genauso würden die beiden mein schönes Niederlankwitz unter den Hammer bringen, wenn ich es Hanno vererben würde. Ich werde mich aber hüten.“

Erregt aufatmend hielt der alte Herr inne. Lia hatte mit gesenkten Augen zugehört. Nun hob sie den Blick empor. „Wenn du Hanno einmal in aller Ruhe auseinander setzen würdest, wohin es kommen muss, wenn er es so weitertreibt, Onkel? Ich glaube, er macht sich das nicht klar. Vielleicht könntest du doch das Ärgste abwehren.“

Onkel Joachim schüttelte energisch den Kopf. „Nichts zu machen, Lia! Ich habe ihm früher oft genug den Kopf gewaschen, höllisch sogar, aber es hat nichts geholfen. Ausgelacht hat er mich! Weißt du, was er mir zur Antwort gab?“

„Nun?“

„‚Wir sind in Oberlankwitz eben Lebenskünstler, Onkel Joachim! Man muss doch etwas von seinem Leben haben, wozu ist man jung? Wir wollen in Oberlankwitz keine Schätze sammeln, dafür aber das Bewusstsein haben, dass wir keine gute Stunde vom Leben ausgeschlagen haben. Das ist auch etwas wert!‘ – Das hat er mir zur Antwort gegeben und mir dabei fröhlich ins Gesicht gelacht. Ganz der Sohn seiner Mutter!“

Lia seufzte bekümmert. „Frau von Lankwitz weiß wohl nicht, was sie tut. Es ist freilich schlimm, dass sie einen so großen Einfluss auf Hanno hat, aber das muss dich doch gerade gegen Hanno milder stimmen. Im Grunde ist er mehr zu bedauern als zu verurteilen. Es tut mir Leid um seine lebensfrische Natur, die sich Nichtigkeiten auslebt. Er weiß ja nicht, was er darum aufgibt. Und deshalb tut es mir doppelt Leid, dass du ihn fallen lassen willst; vielleicht kommt er doch noch zur Vernunft, wenn er älter wird. Du solltest ihn trotz allem nicht enterben. Schließlich ist er doch ein Lankwitz, und sogar der letzte Lankwitz außer dir!“

Onkel Joachim kniff die Augen zusammen und sah sie scharf an. „Es gäbe wohl eine Bedingung, unter der ich mich dazu verstehen könnte, Hanno nicht zu enterben, eine einzige“, sagte er langsam.

„Und welche Bedingung wäre das?“, fragte Lia hastig und blickte dem Onkel gespannt in die Augen.

Er zögerte einen Augenblick, dann sagte er langsam und mit ernster Betonung: „Unter der Bedingung, dass du seine Frau würdest.“

„Onkel Joachim!“

Forschend sah er in ihr Gesicht, in dem die Röte mit jäher Blässe wechselte. Dann sagte er ruhig, in fast gemütlichem Ton: „Nun, siehst du, dazu hast du natürlich keine Lust, und ich kann es dir auch nicht verdenken. Ich meine ja auch nur, Lia, wenn Hanno eine vernünftige Frau bekäme, so eine wie du, die energisch und bestimmt auftreten könnte, dann ließe sich wohl noch etwas aus ihm machen. Meinst du nicht, dass er dann noch ein ganz brauchbarer Mensch werden könnte?“

Gedankenverloren schaute Lia in die Ferne. „Ich weiß es nicht, Onkel Joachim. Es könnte ja sein, aber es müsste eine Frau sein, die er von ganzem Herzen liebt. Ich glaube nicht, dass Hanno von Lankwitz noch solch einer Liebe fähig ist.“

„Du meinst also, er hat sich schon zu viel verzettelt? Nun, manchmal erlebt man gerade an solchen Menschen die größten Überraschungen. Vielleicht ist er bisher nur noch nicht an die Rechte geraten. Aber jetzt Schluss damit! Wir wollen uns doch den schönen Gottesmorgen nicht verderben, nicht wahr, mein Kind?“

Lia richtete sich mit einem tiefen Atemzug empor, als würfe sie eine unsichtbare Last von sich. „Nein, Onkel Joachim, das wollen wir nicht.“

Sie schob die Hand unter seinen Arm. So gingen sie über den Hof des Vorwerks und plauderten lebhaft dabei.

***

„Guten Morgen, Mama! Verzeih, dass ich so ohne weiteres in dein Allerheiligstes eindringe, aber ich muss unbedingt mit dir sprechen.“

Hanno von Lankwitz beugte sich flüchtig über die Hand seiner Mutter, die sie ihm zum Morgengruß reichte.

„Ach, Hanno, ich erschrecke jedes Mal, wenn du so unangemeldet bei mir eintrittst. Du weißt doch, dass ich am Vormittag Ruhe brauche“, sagte sie mit ungnädiger Miene.

„Ja, ja, Mama, ich weiß es wohl und bitte um Verzeihung, wenn ich dich trotzdem stören muss, aber ich habe etwas Wichtiges mit dir zu besprechen.“

Frau Alice griff nach einem silbernen Handspiegel und prüfte ihr Aussehen. Dann wandte sie sich ihrem Sohn zu und sagte um einen Ton freundlicher: „Nimm Platz, Hanno, aber fasse dich kurz.“

Dabei streifte sie mit mütterlichem Wohlgefallen seine schöne Gestalt, die trotz des Hausanzugs, den er trug, sofort den Offizier verriet.

Hanno zog sich einen Sessel heran. Dann sagte er nach kurzer Pause entschlossen: „Es ist leider eine sehr unangenehme Mitteilung, die ich dir machen muss, Mama.“

Sie hob abwehrend ihre Hand. „Ich bitte dich, Hanno! Unannehmlichkeiten zum frühen Morgen – das ist nicht mein Fall, das verdirbt mir die Stimmung für den ganzen Tag. Muss es denn sein? Dein Vater ersparte mir dergleichen Dinge. Aber da du nun einmal hier bist, möchte ich mit dir über unsere beabsichtigte Reise sprechen.“

Sie hoffte, ihn damit abzulenken, erreichte aber das Gegenteil.

„Mit der Reise hängt eben meine Mitteilung zusammen. Mama, ich sprach soeben mit dem Verwalter, er sollte ja für diese Reise Geld flüssig machen. Außerdem habe ich einige tausend Mark Schulden, die ich gern regeln wollte, ehe wir auf Reisen gehen. Ich sagte also dem Inspektor Brandner, dass ich binnen acht Tagen das nötige Geld haben müsse. Und weißt du, was er mir darauf zur Antwort gab?“

„Nun?“

„Keine tausend Mark kann ich flüssig machen!“

Frau Alice fuhr entrüstet empor. „Was soll das heißen? Es ist doch dieser Tage, wie ich bestimmt weiß, Geld eingegangen.“

„Ja, aber er braucht es unbedingt für die Wirtschaft, zur Begleichung dringender Rechnungen, zum Auszahlen rückständigen Lohns an die Leute. Er weigert sich entschieden, einen Pfennig davon herzugeben.“

„Das ist unverschämt!“, brauste Frau Alice auf. „Was bildet sich dieser Mensch ein?“

Hanno zuckte die Schultern und sagte resigniert: „Ich habe noch viel unangenehmere Dinge zu hören bekommen, Mama. Brandner war so erregt, wie ich diesen sonst so beherrschten Mann noch nie gesehen habe. Wir sind tatsächlich mit den Löhnen im Rückstand, und auch sonst drängen die nötigsten Ausgaben. Oberlankwitz sei, wenn es so weitergehe, nicht mehr zu halten, meinte der Inspektor. Seit Jahren sei unverantwortlich mit dem Geld gewirtschaftet worden, die Ernte auf dem Halm wurde verpfändet, die Waldungen durch das Abschlagen der besten Holzbestände entwertet, und zur neuen Aufforstung habe stets das Geld gefehlt. Er behauptet, Oberlankwitz sei kaum noch die Hälfte wert im Vergleich zu früher. Aus allem ging hervor, dass Onkel Joachim nur zu Recht hatte, wenn er mich warnte. Ich habe darauf nie viel gegeben und alles, was er mir sagte, für Schwarzseherei gehalten, weil du mir stets versichertest, es sei keine Veranlassung zu irgendwelcher Besorgnis. Und nun sagt mir Brandner, er habe dich schon kurz nach Papas Tod über die wahre Sachlage aufgeklärt, ohne dass etwas geändert worden sei. Ist das wirklich wahr, Mama?“

Frau von Lankwitz machte eine ungeduldige Bewegung. „Was verstehe ich von alldem! Brandner hat stets genörgelt, schon zu Papas Lebzeiten. Er will wohl nur seine eigenen Schäfchen ins Trockene bringen.“

Hanno schüttelte energisch den Kopf. „Da bist du im Irrtum, Mama. Wir sind sogar seit einem Vierteljahr mit Brandners Geld im Rückstand. An seiner Ehrlichkeit ist nicht zu zweifeln, wenn er auch diesmal mir gegenüber mehr als deutlich wurde.“

„Unverschämt, ich sage es ja! Entlasse ihn doch einfach!“, entrüstete sich seine Mutter.

„Das wäre nicht nur sehr unklug, Mama, sondern auch ungerecht. Ich glaube, er meint es gut, und einen so ehrlichen und zuverlässigen Beamten bekommen wir kaum wieder. Wie er mir alles erklärte, sind mir zum ersten Mal die Augen aufgegangen. Ich glaube wirklich, wir haben alle zusammen ein wenig zu sorglos gelebt.“

Frau Alice war an der Grenze ihrer Geduld. „Es ist einfach eine Ungehörigkeit von Brandner. Du hättest das gar nicht anhören sollen. Keinesfalls durftest du mir mit solchen geschäftlichen Dingen kommen. Wahrscheinlich liegt es an Brandners Untüchtigkeit, wenn wir so schlecht abschließen. Drüben in Niederlankwitz klagt keiner, dort geht es aus dem Vollen, während bei uns von Jahr zu Jahr über die schlechten Ernten lamentiert wird. Das kann doch nur an der nachlässigen Bewirtschaftung liegen.“

Hanno von Lankwitz legte die Stirn in Falten. „Ich glaube, du bist auch hier im Irrtum, Mama. Auch ich sprach gegen Brandner eine ähnliche Vermutung aus. Da rechnete er mir vor, dass Onkel Joachim nicht den zehnten Teil von dem verbraucht, was wir verbrauchen. Da drüben ist immer Geld da für Bodenverbesserungen, neue Maschinen und dergleichen. Wir aber haben für unsere persönlichen Bedürfnisse Unsummen ausgegeben, und für die Wirtschaft ist so gut wie nichts getan worden. Offen gesagt, Mama, ich war entsetzt, als ich in die einzelnen Konten Einsicht nahm.“

In den Zügen seiner Mutter zuckte es nervös. Aber sie machte mit der Hand nur eine abwehrende Bewegung. „Willst du mich krank machen, Hanno? Du hast dich von Brandner ja gehörig einschüchtern lassen!“

Hanno sprang auf und starrte vor sich hin. „Ich kann mich den Tatsachen nicht verschließen. Die Zahlen reden eine zu deutliche Sprache; ich klage mich selbst an, dass ich bisher so leichtsinnig in den Tag hineingelebt habe. Doch von Sparen und Einschränken habe ich weder von dir noch von Papa gehört. Aber das eine ist sicher, Mama, es kann nicht so weitergehen, und die geplante Reise müssen wir natürlich aufgeben.“

Ärgerlich fuhr die schöne Frau empor. „Davon kann keine Rede sein, Hanno! Natürlich reisen wir. Erstens muss ich etwas für meine Nerven tun, und zweitens habe ich bestimmte Pläne, die sich auch auf dich erstrecken.“

„Auf mich?“, fragte Hanno erstaunt.

„Ja, auf dich! Aber, bitte, setze dich wieder, es macht mich nervös, wenn du so im Zimmer auf und ab gehst.“

Er gehorchte. „Also sprich, Mama!“

„Du brauchst nicht so sorgenvoll auszusehen, Hanno. Ein Wort von dir, und alle Sorgen haben für immer ein Ende. Ich habe nämlich eine glänzende Partie für dich in Aussicht. Du brauchst nur zuzugreifen.“

Hanno machte ein unbehagliches Gesicht. „Und an wen soll ich meine Freiheit verkaufen?“

Frau Alice schien peinlich berührt. „Wozu solche Worte? Deine Freiheit kannst du dir auch als verheirateter Mann wahren. Die junge Dame, die ich im Auge habe, ist sanft und lenksam trotz ihres großen Vermögens. Die Einwilligung ihrer Mutter steht außer Frage – und sie selbst liebt dich im Stillen und würde es als das große Glück ihres Lebens betrachten, wenn du um ihre Hand anhalten würdest. Du sollst auf dieser Reise mit ihr zusammentreffen!“

In Hannos Augen war ein leises Interesse erwacht. Welche Fäden mochte seine Mutter da in aller Stille und ohne sein Wissen angesponnen haben?

„Kenne ich die Dame? So sage mir doch ihren Namen!“

Frau Alice zögerte noch einen Augenblick, als sei sie ihrer Sache doch nicht so recht sicher. Dann richtete sie sich aber entschlossen auf. „Es ist die Baroness Hilda Lucknow.“

Hanno trat einen Schritt zurück, und in seine Stirn schoss dunkle Röte. „Mama! Das ist doch nicht dein Ernst!“, rief er fast empört.

Frau Alice blieb ruhig. „Gewiss, es ist mein Ernst. Die Baroness ist die Erbin mehrerer Millionen, das bedenke.“

Hanno starrte seine Mutter verständnislos an. „Nein, Mama, das kann dein Ernst nicht sein. Diese bedauernswerte, gebrechliche Baroness – meine Frau? Das ist unmöglich!“

„Aber Hanno, sei doch kein Tor! Solch glänzende Partie wird dir nicht wieder geboten. Die Baroness liebt dich schwärmerisch und hat es sich in den Kopf gesetzt, dich zu heiraten.“

Energisch schüttelte Hanno den Kopf. „Ich bin nicht der Mann, der sich ohne weiteres heiraten lässt, und ganz sicher nicht von dieser bedauernswerten jungen Dame.

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