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Hedwig Courths-Mahler - Folge 003

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Die Stiftssekretärin

Bezaubernder Roman um die große Liebe einer Waisen

 

 

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Es war im Frühsommer des Jahres 1914. Im warmen Sonnenschein saßen zwei junge Damen auf der Veranda des Herrenhauses von Feldegg. Sie waren mit Handarbeiten beschäftigt.

„Wenn ich nur wüsste, welchen Zweck diese langweiligen Stickereien haben sollen, Ursula! Mama hat schon einen ganzen Schrank voll. Und nie wird etwas davon gebraucht.“

Die jüngere der beiden Damen, ein reizender Backfisch, sah mit fragendem Blick von der Arbeit auf.

„Deine Mutter hat nun einmal Gefallen daran, Gusti“, erwiderte Ursula von Ronach.

Gusti von Feldegg holte tief Atem und wirbelte die Stickerei in der Luft herum.

„Ach, geh doch, Ursula, sie sieht sie ja nie mehr an, wenn sie erst mal fertig im Schrank liegen. Übrigens, sei einmal ehrlich: Dich ödet diese nutzlose Arbeit doch auch schon längst an. Aber du wagst es nur nicht, deinem Groll Luft zu machen.“

Ursula sah nicht auf von ihrer Arbeit, aber in ihr Antlitz stieg ein leises Rot.

„Du irrst, Gusti. Ich muss ja doch froh sein, dass ich mich nützlich machen kann. Je mehr Arbeit ich habe, desto weniger überflüssig komme ich mir vor.“

Gusti warf die Stickerei in den Korb, der auf dem Tisch vor ihr stand.

„Armes Aschenbrödel! Ja, ja, ich weiß schon! Für das Unterkommen, das du hier auf Feldegg seit dem Tod deiner Eltern gefunden hast, musst du dem lieben Gott, noch mehr aber deinem gestrengen Herrn Vormund samt der ganzen hochlöblichen Familie täglich auf den Knien danken! Du Ärmste! Ich wundere mich wirklich, dass du nicht schon unter der Last der Wohltaten, die dir auf Feldegg erwiesen werden, zusammengebrochen oder aus der Haut gefahren bist, Das Letztere hätte ich nämlich an deiner Stelle getan.“

Ursula von Ronach fädelte einen neuen Faden ein und sah dann einen Moment mit einem seltsamen Blick zu Gusti hinüber.

„Nein, Gusti, an meiner Stelle hättest du das nicht getan. Du hättest dich, gleich mir, bescheiden ducken müssen und hättest, in dem Bestreben, die Last dieser Wohltaten zu verringern, dein Möglichstes getan, um das… Gnadenbrot, das dir geboten wird, wenigstens zu verdienen.“

Gusti machte eine ungeduldige Bewegung.

„Ach, du verdienst es doppelt und dreifach, das weißt du so gut wie ich – wenn es auch sonst niemand hier im Haus einsehen will. Mama erspart an dir geradezu eine Wirtschafterin. Wenn du bei fremden Leuten so viel leisten würdest wie hier auf Feldegg, dann bekämst du neben guter Behandlung auch noch ein hohes Gehalt, aber bei uns wird dir als Gnadenbrot geboten, was dein gutes Recht ist und was du dir schwer genug verdienen musst. Ach, Urselchen, manchmal könnte ich weinen vor Ärger und vor Mitleid. Wenn man dir nur wenigstens ein bisschen Liebe entgegenbrächte!“

Mit warmen Ausdruck blickte Ursula in Gustis Augen.

„Ein bisschen Liebe? Hast du mich denn nicht lieb, Gusti?“

Gusti sprang auf und umarmte Ursula herzlich.

„Ach du, wie lieb ich dich habe, weißt du ganz genau. Papa und Mama haben ja nie Zeit für mich gehabt, und meine Schwester hat von jeher nur an sich selbst gedacht. Siehst du, Urselchen, so war ich einsam und verlassen, bis du hierher kamst und mir Liebe schenktest.“

Ursula lächelte.

„Aber dein Bruder, Gusti! Vergisst du denn Malte ganz? Der hat dich doch sehr lieb“, sagte sie, während die Röte in ihrem Gesicht noch tiefer wurde.

Gusti atmete tief ein, und ihre Augen strahlten zärtlich. „Ach, mein Bruder – ja der! Der hat mich lieb und ist gut zu mir.

Er weiß auch, wie mir ums Herz ist, denn siehst du, Ursula, er fühlt sich auch nicht wohl daheim. Es ist, als seien Malte und ich ganz andere Menschen als die Eltern und Astrid. Er ist ja so herzensgut, wenn er auch immer ernst und streng aussieht. Das macht, weil er unter den Verhältnissen leidet, viel mehr noch als ich, und weil er doch nichts ändern kann. Aber er bemitleidet mich… und dich auch.“

„Mich?“, fragte Ursula leise. Gusti nickte. „Ja, dich! Er hat es mir gesagt, als er das letzte Mal auf Urlaub zu Hause war. Er war innerlich empört, dass man dich hier wie ein Aschenbrödel hält. Er möchte dir so gern helfen, und dass er es nicht kann, bedrückt ihn sehr. Aber siehst du, so lieb mich Malte auch hat – er ist doch leider so selten zu Hause. Und ist er einmal da, dann quälen ihn die Eltern immerfort, er müsse eine reiche Heirat machen, um Feldegg wieder emporzubringen. Das quält ihn, denn er ist doch nicht ein Mensch, der sich einfach verkaufen lässt, wie Astrid das wohl tun könnte. Und denken zu müssen, dass die Eltern zum größten Teil selbst schuld sind, dass Feldegg so heruntergekommen ist!“

Sie machte eine Pause, als ob sie überlege.

Dann fuhr sie fort: „Weißt du, jetzt werden alle Hebel in Bewegung gesetzt, Lutz Baron von Rippach für Astrid zu kapern. Sie bekommt trotz der schlechten Finanzen ein neues Kleid nach dem anderen. Aber das könnten sie sich sparen. Obwohl Astrid ein sehr schönes Mädchen ist, fällt es Baron Lutz nicht ein, um Sie anzuhalten. Er mag sie nicht.“

„Aber Gusti, das kannst du doch nicht wissen“, warf Ursula ein.

Gusti zuckte die Achseln. „Man hat doch Augen im Kopf. Er ist artig und höflich gegen Astrid – aber so gemessen und kühl, obwohl das sonst gar nicht in seiner Art liegt.“ „

Er kommt aber doch oft nach Feldegg.“

Gusti nickte und sah Ursula mit einem seltsamen Blick an.

„Gewiss! Sehr oft sogar – aber erst, seit du auf Feldegg bist.“

Betroffen sah Ursula von ihrer Arbeit auf. „Was willst du damit sagen, Gusti?“

Die Kleine machte ein schlaues Gesicht. „Bist du wirklich so ahnungslos, Urselchen? Merkst du wirklich nicht, dass Baron Lutz nur deinetwegen so oft nach Feldegg kommt?“

Unwillig errötete sich das Gesicht Ursulas. Sie sagte ernst: „Liebe Gusti, du sprichst manchmal recht unbedacht, aber mit solchen Dingen soll man keinen Scherz treiben. So unter vier Augen nehme ich es dir nicht übel, aber wenn es vor anderen geschieht, etwa vor deiner Mutter oder vor Astrid, würdest du meine Stellung hier im Haus unhaltbar machen.“

Gusti tippte lachend mit dem Zeigefinger an die Stirn. „Aber Ursula, so einfältig werde ich doch nicht sein! Astrid kann dich ohnehin nicht ausstehen, weil du ebenso schön bist wie sie – nur noch viel lieber. Astrid wirkt bei aller Schönheit immer wie eine Gletscherjungfrau, du aber wie die liebe Sonne. Und alle Menschen sehen doch nun mal am liebsten nach der Sonne. Baron Lutz auch.“

Ursula schüttelte unwillig den Kopf. „Sag das nicht! Und sprich auch nicht so über Astrid! Sie ist nur ein wenig stolz und unnahbar.“

„Ach, das kommt sehr darauf an. Baron Lutz gegenüber ist sie ganz sicher nicht unnahbar. Aber dir kann sie das Wasser nicht reichen. Wäre ich ein Mann, ich wüsste ganz genau, wem von euch ich die Palme reichen würde. Und Baron Lutz weiß das auch.“ Und nach einer Weile fuhr sie schelmisch fort: „Ich möchte wissen, was du sagen würdest, wenn Baron. Lutz eines Tages um deine Hand anhielte.“

Ursula richtete sich stolz auf.

„Hoffentlich geschieht das nie. Und ganz bestimmt würde ich ihm ein Nein antworten.“

Gusti zog die Stirn in Falten. „Ach du – lass ihn nur erst einmal kommen! Er ist doch ein sehr netter Mensch! Und dann sein Reichtum, Urselchen! Er ist nicht nur Majoratsherr von Rippach, sondern auch noch Besitzer des benachbarten Waldau. Denke nur, was das für eine Genugtuung für dich wäre, wenn du als Majoratsherrin von Rippach Feldegg verlassen würdest! Astrid würde grün vor Neid! Sie rechnet nämlich schon stark damit, Baronin Rippach zu werden.“

„Nun, ich wünsche ihr von Herzen, dass sich ihr Wunsch erfüllt.“

Gusti seufzte. „Magst du ihn denn gar nicht leiden, Ursula?“

Diese sah ernst vor sich hin. „Doch, Gusti, sehr sogar. Aber ich liebe ihn nicht, könnte ihn nie lieben.“

Nachdenklich stützte Gusti die Arme auf den Tisch. „Schade – jammerschade! Ihr zwei würdet gut zusammenpassen. Ich hoffe doch, du wirst noch anderen Sinnes.“

Energisch schüttelte Ursula den Kopf. „Niemals, Gusti.“

Mit einem Ruck fuhr Gusti empor und sah Ursula forschend an. „Dann gibt es nur eine Erklärung für mich.“

Ruhig stickte Ursula weiter. „Welche denn?“

Gusti beugte sich vor. „Dann liebst du einen anderen!“

Dunkle Glut schoss in Ursulas Gesicht. „Ich bitte dich, Gusti, schwatz doch nicht solchen Unsinn!“, rief sie heftig.

Mit einem Achselzucken lehnte sich Gusti wieder zurück. „Nun ja! Ich bin still, Urselchen, sei nur nicht gleich böse! Aber wenn man solch einen Freier ausschlagen will wie Baron Lutz – das muss doch einen besonderen Grund haben.“

„Warum nur, Gusti? Möchtest du denn seine Frau werden?“

Gusti lachte ein wenig verlegen. „Ach, du lieber Gott! Baron Lutz und ich! Wo denkst du hin, Ursula! Er ist doch schon fünfunddreißig Jahre, also achtzehn Jahre älter als ich. Für ihn bin ich noch ein halbes Kind, zu mir ist er immer wie ein guter alter Onkel. Außerdem: Für mich wäre so ein ernsthafter Mann nichts. Wenn ich mal heirate, dann möchte ich einen Mann haben, der lachen kann, so recht aus vollem Herzen! So ein froher Sonnenmensch müsste es sein.“

Jetzt sah Ursula schelmisch lächelnd in Gustis gerötetes Gesicht. „Dann würde ja zum Beispiel Baron Rippachs Cousin Hans sehr gut zu dir passen.“

Gusti wurde rot, sagte aber ganz ernsthaft: „Ja, Urselchen, Baron Hans könnte mir gefallen. Mit ihm kann man lachen und fröhlich sein. Aber – das große Aber: Er ist ein armer Schlucker und auf das angewiesen, was ihm sein Cousin Lutz gibt. Wenn der nun auch ein sehr großherziger, vornehmer Charakter ist, der seinem armen Cousin eine anständige Zulage gibt, so kann doch Baron Hans gerade nur allein davon leben. Eine arme Frau kann er also ebenso wenig heiraten wie mein Bruder Malte.“

Ursula streichelte Gustis Hand. „Kleine Gusti, hast du auch schon Sorgen?“, fragte sie liebevoll.

Gusti seufzte. „Du musst nicht denken, dass ich gedankenlos in den Tag hineinlebe, weil ich mir den Anschein gebe, als schwimme ich nur immer so auf der Oberfläche. Ich sehe mit offenen Augen um mich, und mir entgeht es nicht, dass wir dem Untergang zusteuern – wenn uns nicht von irgendeiner Seite Hilfe kommt. Und ich weiß, dass Luftschlösser bauen ein sehr undankbares Geschäft ist. Deshalb nehme ich mein Herz tapfer in beide Hände… und bin vernünftig. Was nützt das Kopfhängen? Nichts! Aber ich schlage keine gute Stunde aus, die mir geboten wird. Und das gestehe ich dir ganz offen, Ursula, denn zu dir habe ich unbegrenztes Vertrauen: Die schönsten Stunden sind mir die, die ich mit Baron Hans verleben kann. Nicht eine will ich mir davon trüben lassen, denn davon muss ich vielleicht ein langes Leben zehren.“

Ursula ließ ihre Stickerei sinken und streichelte Gustis Wangen. „Meine kleine tapfere Gusti! Wenn du doch einmal recht glücklich würdest! Wie wollte ich mich darüber freuen!“

„Das weiß ich, Urselchen. Und ebenso gern möchte ich dich glücklich sehen. Aber weißt du, viel Aussicht haben wir beide nicht – da du doch nicht Baronin Rippach werden willst.“

„Still, Gusti“, mahnte Ursula, „dort kommen deine Mutter und Astrid!“

Gusti beugte sich wieder emsig über ihre Stickerei, während Mutter und Schwester die Treppe, die vom Park zu der Veranda emporführte, heraufkamen.

Frau von Feldegg war trotz ihrer Jahre noch eine sehr stattliche Erscheinung mit Spuren einstiger Schönheit. Ihr verjüngtes Ebenbild war ihre älteste Tochter Astrid, eine schlanke, elegante Erscheinung mit fast klassisch schönem, aber kaltem und unbeseeltem Gesicht.

Gusti sah nicht auf, bis die Mutter dicht neben ihr stand und ihr die Stickerei aus den Händen nahm.

„Warst du fleißig, Gusti?“

Gusti seufzte.

„So viel es in meiner Macht stand, Mama“, antwortete sie diplomatisch.

Die Mutter prüfte die feine Durchbrucharbeit.

„Weit bist du freilich nicht gekommen“, sagte sie tadelnd.

Gusti machte ein schmollendes Gesicht, und während ihre Mutter schweigend Ursulas Arbeit prüfte und ohne ein Wort zurückgab, sagte sie: „Ach, Mama, wenn ich nur wüsste, wozu du diese vielen Stickereien sammelst!“

Frau von Feldegg sah unwillig auf ihre Jüngste hinab.

„Ich verwahre sie für dich und Astrid. Wenn ihr einmal heiraten werdet, kommen euch diese Arbeiten bei eurer Aussteuer zugute. Dann wirst du froh sein, wenn du sie hast.“

„Ich werde nie heiraten, Mama. Und wenn die Stickereien für Astrid bestimmt sind, dann könnte sie doch zumindest mithelfen.“

Astrid hatte sich in einen Korbsessel gelehnt und betrachtete aufmerksam ihre gepflegten Hände. Dann blickte sie spöttisch zu Gusti hinüber und wollte etwas erwidern. Aber ihre Mutter kam ihr zuvor. „Du weißt doch, dass Astrid kein Talent hat für solche Arbeiten.“

Mit einem Seufzer nahm Gusti ihre Arbeit wieder auf.

„Ich wünschte, dass ich ebenso talentlos wäre. Jede andere Arbeit wäre mir lieber. Dürfen wir nicht spazieren gehen? Wir sind schon ganz steif vom Sitzen.“

Frau von Feldegg machte ein unwilliges Gesicht.

„Du sitzt ja kaum eine Stunde bei der Arbeit. Aber meinetwegen geh in den Park, wenn dir wirklich der Rücken weh tut. Ursula kann dich aber nicht begleiten. Sie hat noch im Haushalt zu tun. Nicht wahr, Ursula?“

Diese erhob sich sofort und legte ihre Arbeit zusammen.

„Ja, Tante Anna“, sagte sie ruhig und verließ die Terrasse.

Gustis Augen sprühten, und als Ursula verschwunden war, konnte sie sich nicht enthalten, zu sagen: „Dass nur Ursula ja nicht einmal eine halbe Stunde für sich hat! Eine kleine Erholungspause könnte ihr wahrhaftig nicht schaden. Sie kommt von früh bis spät kaum zum Atem holen.“

Ihre Mutter machte ein sehr erstauntes Gesicht.

Aber Gusti ließ sich nicht einschüchtern, sondern sagte tapfer: „Ihr solltet einsehen, was ihr an Ursula habt und wie viel mehr sie für uns tut als wir für sie. Und wenn du auch noch so böse wirst, Mama, einmal muss ich es sagen, dass es ein Unrecht ist, wie Ursula hier ausgenutzt wird.“

Zornig streckte ihre Mutter die Hand aus.

„Du gehst sofort auf dein Zimmer und bleibst dort, bis ich dir erlaube, wieder herunterzukommen!“

Mit einem trotzigen Blick sah Gusti ihre Mutter an. Dann drehte sie sich ohne ein weiteres Wort um und ging ins Haus.

„Was sagst du dazu, Astrid?“, fragte Frau von Feldegg empört.

Astrid zuckte die Achseln.

„Von Gusti wundert mich gar nichts, Mama. Ich glaube, sie wird von Ursula beeinflusst.“

Frau von Feldegg sah sie unsicher an.

„Ach nein, Astrid, das glaube ich doch nicht. Ursula beklagt sich ja selbst nie und ist stets willig, das muss man ihr lassen.“

„Nun ja, persönlich hat sie eben nicht den Mut, sich zu beschweren. Deshalb steckt sie sich hinter Gusti.“ Sie hätte ihrer Abneigung gegen Ursula wohl noch deutlicheren Ausdruck gegeben, wenn nicht vom Parkweg her rascher Hufschlag ihre Aufmerksamkeit abgelenkt hätte.

Sie sah über die Brüstung. „Mama, ich glaube, dort kommt Baron Rippach! Du sorgst wohl dafür, dass ich eine Weile mit ihm allein bleibe?“

„Gewiss, mein Kind. Ich gehe schon.“ Damit verschwand Frau von Feldegg im Haus.

***

Als die Mutter gegangen war, erhob sich Astrid und trat an die Verandabrüstung heran. Baron Lutz von Rippach, der unter den Bäumen hervorgeritten war und auf das Haus zukam, musste sie erblicken. Sie winkte ihm lächelnd zu.

So blieb ihm nichts übrig, als nach der Veranda hinüberzureiten.

„Guten Tag, gnädiges Fräulein!“

„Guten Tag, Baron! Es ist reizend von Ihnen, uns zur Teestunde Gesellschaft zu leisten.“

„Darf ich das – im Reitanzug, gnädiges Fräulein?“

Astrid lächelte liebenswürdig. „Aber lieber Baron, wir sind doch auf dem Land. Und zwischen guten Nachbarn gibt es keine Förmlichkeit. Also, bitte, steigen Sie ab und kommen Sie herauf!“

Baron Rippach schwang sich vom Pferd und übergab es dem herbeieilenden Knecht. Dann eilte er die Verandastufen empor.

Er beugte sich artig über Astrids Hand, die sie ihm lächelnd reichte.

„Bitte, nehmen Sie Platz, lieber Baron!“

Sie deutete auf einen der Korbsessel und schmiegte sich graziös ihm gegenüber in einen anderen.

Schelmisch sah sie ihn an. „Ich freue mich, dass ich Sie ein Weilchen für mich allein habe und ungestört mit Ihnen plaudern kann.“

Der Baron fühlte sich peinlich berührt. Ihr ganzes Verhalten machte ihm den Eindruck, dass dies Alleinsein nicht zufällig war.

„Es wird mir immer eine Ehre und ein Vergnügen sein, mit Ihnen plaudern zu dürfen, gnädiges Fräulein. Indes hoffe ich, auch Ihre verehrten Eltern, Ihr Fräulein Schwester und Fräulein von Ronach begrüßen zu dürfen. Die Herrschaften befinden sich doch wohl?“, fragte er höflich.

Astrid ärgerte sich im stillen, dass er auch nach Ursula fragte, aber sie behielt das liebenswürdige Lächeln bei.

„Ob Sie Gusti zu sehen bekommen, ist fraglich, lieber Baron. Sie hat Stubenarrest bekommen.“

„Oh, das tut mir Leid! Ich werde bei Ihrer Frau Mutter ein gutes Wort einlegen, damit sie aus ihrer Haft entlassen wird.“

In diesem Augenblick ging Ursula draußen an der Veranda vorbei dem Wirtschaftshof zu. Lutz erhob sich, um sie zu begrüßen.

Astrid streifte ihn mit einem bösen Blick, den Ursula auffing. So beeilte sie sich denn, das Gespräch mit dem Baron abzubrechen, indem sie sich mit ihren wirtschaftlichen Pflichten entschuldigte.

Längst hatte Rippach gemerkt, dass Ursula auf Feldegg nicht auf Rosen gebettet war, und er sehnte sich danach, sie aus den bedrückenden Verhältnissen zu befreien. Schon längst hätte er sie gern gefragt, ob sie seine Frau werden wollte, aber nie war es ihm vergönnt, einmal einige Minuten mit ihr allein zu sein.

Bisher hatte er das für einen Zufall gehalten. Aber jetzt, als er in Astrids Gesicht sah, wollte es ihm plötzlich scheinen, als sei das mehr als ein Zufall gewesen.

Das unterbrochene Gespräch mit Astrid wollte nicht wieder in Fluss kommen, und so atmete der Baron auf, als Frau von Feldegg erschien. Sie ließ den Teetisch herrichten. Auch Herr von Feldegg erschien, ein eleganter Sechziger mit grau meliertem Haar. Er begrüßte den Baron mit etwas zu stark betonter Jovialität, die Lutz unangenehm berührte.

Baron Rippach hatte inzwischen bei Frau von Feldegg um Straferlass für Gusti gebeten, und Heinrich, der alte Diener, war geschickt worden, sie herunterzurufen. Sie erschien auch gleich darauf und begrüßte den Baron in ihrer frischen, herzlichen Art.

Als man schon am Teetisch Platz genommen hatte, fragte Gusti: „Wo bleibt denn Ursula? Ich will sie doch gleich rufen.“

Und ehe man sie hindern konnte, war sie ins Haus geeilt und kam gleich darauf mit Ursula zurück.

Ruhig trat Ursula an den Tisch und waltete, wie immer, ihres Amtes. Sie füllte die Tassen, reichte Sahne und Zucker herum und bot Toasts und Kekse an.

Sich selbst bediente sie zuletzt und saß dann still und bescheiden auf ihrem Platz. Immer wieder flogen Baron Rippachs Blicke zu ihr hinüber, und erwandte sich auch im Gespräch heute besonders oft an sie.

Inzwischen hatte Gusti von ihrer Mutter erfahren, dass der Baron sie freigebeten habe. Sie reichte ihm lächelnd die Hand. „Ich danke Ihnen, Baron Lutz. Es war nämlich scheußlich langweilig auf meinem Zimmer“, sagte sie in ihrer burschikosen Art.

„Ich habe Sie nur aus egoistischen Gründen losgebeten, Fräulein Gusti, weil ich auf Ihre Gesellschaft nicht verzichten wollte“,

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