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Heat: Stef & Liv

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Kapitel 1 – Stef
  7. Kapitel 2 – Liv
  8. Kapitel 3 – Stef
  9. Kapitel 4 – Stef
  10. Kapitel 5 – Stef
  11. Kapitel 6 – Liv
  12. Kapitel 7 – Stef
  13. Kapitel 8 – Liv
  14. Kapitel 9 – Stef
  15. Kapitel 10 – Liv
  16. Kapitel 11 – Stef
  17. Kapitel 12 – Liv
  18. Kapitel 13 – Stef
  19. Kapitel 14 – Stef
  20. Kapitel 15 – Liv
  21. Kapitel 16 – Stef
  22. Kapitel 17 – Liv
  23. Kapitel 18 – Stef
  24. Kapitel 19 – Liv
  25. Kapitel 20 – Stef
  26. Kapitel 21 – Liv
  27. Kapitel 22 – Liv
  28. Kapitel 23 – Stef
  29. Kapitel 24 – Stef
  30. Kapitel 25 – Liv
  31. Kapitel 26 – Liv
  32. Kapitel 27 – Stef
  33. Kapitel 28 – Stef
  34. Kapitel 29 – Liv
  35. Kapitel 30 – Stef
  36. Kapitel 31 – Liv
  37. Kapitel 32 – Stef
  38. Kapitel 33 – Liv
  39. Kapitel 34 – Liv
  40. Kapitel 35 – Stef
  41. Kapitel 36 – Liv
  42. Kapitel 37 – Stef
  43. Kapitel 38 – Stef
  44. Kapitel 39 – Liv
  45. Kapitel 40 – Stef
  46. Kapitel 41 – Liv
  47. Kapitel 42 – Stef
  48. Kapitel 43 – Liv
  49. Kapitel 44 – Stef
  50. Kapitel 45 – Liv
  51. Kapitel 46 – Liv
  52. Kapitel 47 – Stef
  53. Kapitel 48 – Liv
  54. Kapitel 49 – Liv
  55. Kapitel 50 – Stef
  56. Kapitel 51 – Stef
  57. Kapitel 52 – Liv
  58. Kapitel 53 – Stef
  59. Kapitel 54 – Stef
  60. Kapitel 55 – Liv
  61. Kapitel 56 – Liv
  62. Kapitel 57 – Stef
  63. Epilog
  64. Danksagung

Über dieses Buch

Nach einigen Monaten Auszeit kehrt Stef nach Hause zurück und kann sich nicht länger vor seinen Problemen verstecken. Die Schuldgefühle rauben ihm den Schlaf. Als plötzlich Liv in seinem Elternhaus auftaucht, spürt er sofort eine gewisse Vertrautheit. Doch Stef ahnt nicht, dass ihn mit Liv mehr verbindet als bloße körperliche Anziehungskraft. Er muss eine Entscheidung treffen: Soll er sich seiner Vergangenheit stellen?

Als Liv den Job der Haussitterin im Anwesen von Stefs Familie annimmt, fühlt sie sich direkt zu dem blonden Bad Boy mit dem traurigen Blick hingezogen. Nachdem sich Stef auf einer Party den Arm bricht, ist er auf ihre Hilfe angewiesen. Es knistert heftig zwischen den beiden und sie können ihr Verlangen schon bald nicht mehr unterdrücken. Allerdings droht Livs gut gehütetes Geheimnis nun ans Licht zu kommen …

Über die Autorin

Lis Lucassen verfasst Liebesromane und New-Adult-Titel. Sie arbeitet als Journalistin und Kommunikationsfachfrau. Als leidenschaftliche Träumerin und Romantikerin hat sie sich immer schon mit Fantasien über die wahre Liebe und stilles Herzensleid befasst.

Wenn Lis nicht selbst schreibt, liest sie die Geschichten anderer Autoren und lässt sich von J. Lynn, Jessica Sorensen und Lisette Jonkman inspirieren. Sie lebt nahe der deutschen Grenze mit ihrem Partner, zwei hübschen Töchtern und zwei bösen Katzen.

LIS LUCASSEN

Heat: Stef & Liv

Aus dem Niederländischen von
Janine Malz

Kapitel 1 – Stef

Als die Tür hinter ihm ins Schloss fiel, hallte der laute Knall in dem leeren Flur von den Wänden wider, bahnten sich die sorgfältig unterdrückten Erinnerungen ihren schmerzlichen Weg an die Oberfläche. Wie hatte er nur glauben können, dass sich daran irgendetwas ändern würde, wenn er nach Hause kommen würde? Die Wahrscheinlichkeit, dass man bei seiner Rückkehr dieselben Leichen im Keller vorfand, war einfach zu groß.

Die Stille lag wie dichter Nebel über der Villa, bedeckte alles, und obwohl die Stille unsichtbar war, fesselte sie dennoch seine ganze Aufmerksamkeit. Sie erinnerte ihn daran, dass er die Reise nicht nur unternommen hatte, um seinen Erinnerungen zu entfliehen, sondern auch um die bedrückende Einsamkeit hinter sich zu lassen.

Die Schlüssel baumelten an seinem Finger, und Stef ließ den Schlüsselbund um den Finger kreisen, während er in das Haus hineinging. Die Taxifahrt nach Hause war die reinste Hölle gewesen. Der uralte Chauffeur war so langsam gefahren, dass Stef das Gefühl gehabt hatte, er wäre im Laufe der Fahrt um zehn Jahre gealtert. Mindestens. Am besten würde er sich eine Runde aufs Ohr legen, um sich von dem langen Flug und seinem Unbehagen zu erholen, und dann schauen, wie die Welt morgen aussah.

Oder er könnte zur Autowerkstatt fahren.

Ja, er würde zur Autowerkstatt fahren.

Also drehte er sich um, durchquerte den Flur und öffnete die letzte Tür zu seiner Rechten, wo die Treppe hinunter zur Garage führte. Der Porsche seines Vaters war nicht da, wahrscheinlich stand er auf einem der Langzeitparkplätze am Flughafen Schiphol in Amsterdam. Er ging weiter zu seinem eigenen Auto. Der schwarze Mustang GTO glänzte ihm schon von Weitem entgegen. Normalerweise war er nicht so, war für ihn ein Auto einfach ein Auto, nicht viel mehr als ein durch einen Verbrennungsprozess angetriebenes Stück Kunststoff, und dennoch strich er jetzt mit der Hand kurz über die Motorhaube. Denn der GTO war dennoch das Einzige, das er auf der Insel vermisst hatte. Und dabei ging es ihm nicht so sehr um das Äußere des Wagens, als einfach nur um das Gefühl beim Fahren. Das Aufheulen des Motors, wenn er den Wagen startete, die Vibrationen, die sich durch den ganzen Körper fortsetzten, wenn er Gas gab, die Kraft, die ihn nach hinten gegen das kühle Leder seines Sitzes drückte, wenn er anfuhr.

Als er den Wagen startete, schloss er die Augen und genoss diese vertrauten Geräusche, während er darauf wartete, dass sich das Garagentor öffnete. Es fühlte sich so vertraut an, wieder im Auto zu sitzen. Vertraut und …

Irritiert schüttelte er die Vorstellung ab. Er hatte nicht vor, düsteren Gedanken nachzuhängen, die ihm das Herz schwer machten. Das Garagentor war noch nicht ganz offen, aber er wollte nicht länger warten. Mit einer routinierten Bewegung schaltete er, stieg aufs Gaspedal und fuhr hinaus, die Auffahrt hinunter, um schließlich in die Parallelstraße einzubiegen.

Er litt unter einem notorischen Bleifuß, und so trat er das Gaspedal weiter durch. Die Bäume flogen nur so an ihm vorüber. Als die Ampel vor ihm auf Gelb schaltete, gab er noch ein wenig mehr Gas und fuhr dann auf die Autobahn. Zur Autowerkstatt würde er eine knappe halbe Stunde unterwegs sein. Endlich konnte er sich entspannen, lockerten sich seine steifen Muskeln, und mit jedem Strich, den die Tachonadel höherstieg, ließ der Krampf in seinen Schultern nach.

Zwanzig Minuten später parkte er neben einem roten Nissan GT-R. Er umrundete den Wagen, denn er hatte ihn noch nie hier gesehen. Und auch wenn er zwei Monate weg gewesen war, einen Neuling erkannte er auf Anhieb.

In der Werkstatt ging es ruhig zu. Beide Hebebühnen waren belegt, eine mit einem Audi, auf der anderen stand ein aufgemotzter Volkswagen, hinter dem die Stimme von Sjon Tellingen zu hören war, dem Inhaber der Werkstatt. Sjon diskutierte offenbar mit einer nervigen Kundin, die irgendetwas von einem neuen Tuningchip erzählte. Seit dem großen Erfolg von Grand Theft Auto fuhr inzwischen jede Hausfrau mit einem gechipten Motor durch die Gegend. Die Tuning-Kunden waren ein netter Zuverdienst für die Werkstatt, und Stef hatte Tellingen die Software besorgt, die man brauchte, um mittels eines Chips die Leistung der Motoren zu steigern. Damit hatte er sich auf die Schnelle ein paar hundert Euro dazuverdient, die er an einem einzigen Wochenende an der Brücke genauso schnell wieder verpulvert hatte.

Stef ging um die Autos herum zum Verkaufsraum. Niemand da. Also ging er weiter, durch die Tür, die die Werkstatt vom Aufenthaltsraum trennte. Auf der durchgesessenen Ledercouch saß Matthieu. Neben ihm fläzte sich Esra und hatte die langen Beine weit von sich gestreckt. Beide Jungs waren völlig ins Spiel vertieft. Natürlich zockten sie die neueste Version von GTA, was sonst. Das Computerspiel war erste Wahl im Haus Tellingen, und Matthieu war der amtierende Champion in der Werkstatt seines Vaters.

Stef seufzte und lehnte sich gegen den Tresen. »Herzlich willkommen zu Hause.«

Mit einem Ruck drehte sich Matthieu um. »Stef?«

Esra stand auf, ein breites Grinsen im Gesicht. »Stephan Boot. Willkommen zurück in der Zivilisation.«

Matthieu stand ebenfalls auf, zögerte und blieb vor der Couch stehen.

Esra schien nichts von der Spannung zu spüren, die mit einem Mal in der Luft lag, kam auf ihn zu und umarmte ihn. Stef klopfte seinem Freund auf den Rücken.

»Alter … Wo zum Teufel hast du gesteckt?«

»Im Ausland.« Stef hielt seine Antwort absichtlich vage. »Matthieu, kann ich kurz mit dir reden?« Matthieu zögerte erneut und nickte dann. Stef deutete mit dem Kopf zur Tür. »Draußen.«

Gerade als er zur Tür gehen wollte, klingelte Esras Handy, er wühlte in der Hosentasche seines Blaumanns und schaute auf das Display. Der Blick in Esras Augen, als er zu ihm hochsah, sagte alles. »Shit. Mauricio kommt.«

»Dann also morgen?« Stef blickte Matthieu an, der bedächtig nickte.

»Okay, wir sehen uns morgen.«

Was er mit Esra und Matthieu besprechen wollte, würde also bis morgen warten müssen. Es war ein langer Tag gewesen, und eine Konfrontation mit Esras Bruder würde die quälenden Stunden nur noch verlängern.

Als er nach draußen trat, war der rote GT-R verschwunden.

Der Flur in der Villa war noch immer verwaist, und sein Koffer stand noch am selben Ort, an dem er ihn abgestellt hatte. Er ließ ihn einfach stehen und ging die Treppe hinauf. Müdigkeit überfiel ihn und lastete auf seinen Schultern. Vielleicht war es aber auch die Begegnung mit Matthieu und Esra gewesen, dass sie nach all diesen Wochen über Mauricio gesprochen hatten. Die Realität hatte ihn schlagartig eingeholt. Der ganze Schlamassel.

Stef zog sein T-Shirt aus und warf es vor die Zimmertür. Alles, was er jetzt brauchte, war eine heiße Dusche, um dieses eklige Gefühl fortzuspülen, und danach tausend Jahre Schlaf.

Er streckte die Hand nach der Tür zur Dusche aus, als diese aufflog.

»Was zum Teufel?«

Als Erstes sah er einen wilden blonden Lockenschopf, noch nass vom Duschen. Er konnte den Blick nicht von dem Tropfen Wasser abwenden, der ihren Hals hinunter und über ihre Schulter rann, während das weiße Handtuch ein wenig nach unten rutschte. Sie hatte blaue Augen, die ihn kurz erstaunt anschauten.

Stef ließ seinen Blick weiter über den Körper des unbekannten Eindringlings gleiten, und spürte, wie sein Mund sich zu einem Grinsen verzog.

»Schau einer an …, das nenne ich mal eine Begrüßung.«

Kapitel 2 – Liv

Liv stand da wie angewurzelt. Dieses Grinsen. Die Art, wie er sie ohne jede Scheu betrachtete. Und seine Bemerkung, die ziemlich unmissverständlich war … Sie spürte, wie ihre Wangen glühten, und zog das Handtuch dichter um ihren Körper.

»Also …« Er streckte die Hand aus. »Ich bin Stef. Und wer bist du?«

An einen Handschlag war nicht zu denken, schließlich brauchte sie ihre Finger, um das Stückchen Frottee an der richtigen Stelle zu halten. Ihr Herz protestierte heftig und unternahm offenbar einen Versuch, ihrem Brustkorb zu entfliehen.

Stef ließ seine Hand sinken. Er sah anders aus als auf den aktuellen Fotos, die sie von ihm gesehen hatte. Anders als in ihrer Erinnerung, und doch … auch genauso.

»Hallo?« Sein Lächeln wurde breiter.

»Äh …« Sie blickte auf seine Brust, merkte, dass sie ihn anstarrte, und ließ den Blick hinunterwandern. Ein großer Fehler. Feine Härchen verliefen von seinem Bauchnabel bis unter den Bund seiner tief hängenden Jeans.

»Okay … allmählich wird das hier ein bisschen unangenehm. Ich meine, wir stehen uns hier halbnackt gegenüber, und ich weiß noch nicht mal, wie du heißt und was du in meinem Haus machst. Nicht, dass ich etwas dagegen hätte, und ich habe auch sicher schon das ein oder andere Mal hinterher nach dem Namen fragen müssen, aber dann hatte ich die betreffende Person zumindest selbst mit nach Hause genommen …«

»Sorry.« Seine Worte rissen sie aus ihrer Sprachlosigkeit. »Meine Mutter und dein Vater …«

»Schon gut«, unterbrach er sie. Etwas in seinem Gesicht hatte sich verändert. Das Lächeln war verschwunden. Stef presste seine Zähne aufeinander, an seinem Kiefer zuckte ein Muskel.

»Lass mich raten: Du bist meine neue Stiefschwester. Putzig. Und, wie geht’s unseren beiden Turteltäubchen?«

Liv biss sich auf die Lippe. Er hatte voreilig falsche Schlüsse gezogen. Aber die Wahrheit konnte sie ihm sowieso nicht sagen, unter gar keinen Umständen. Was also sollte sie ihm erzählen? Eine andere Lüge? Da konnte sie ihn auch gleich in diesem Glauben lassen. Vorläufig zumindest. Sie seufzte, wollte ihm doch sagen, dass es anders war, als er dachte, aber Stef hielt die Hand hoch und schüttelte den Kopf. »Schon gut. Wenn du nichts dagegen hast, würde ich jetzt gerne duschen.«

Ohne ihre Antwort abzuwarten, schob er sich an ihr vorbei ins Bad. Liv trat hinaus auf den Flur und hörte, wie er die Tür zuknallte. Verstört blieb sie stehen.

So hatte sie sich ihre erste Begegnung mit Stef nicht vorgestellt. Ganz und gar nicht.

Liv eilte zum Gästezimmer, wo sie sich anzog. Unterwäsche, ein schlichtes schwarzes T-Shirt und eine Jeans. Sie trocknete ihre Haare, hatte aber keine Lust, sie zu kämmen. Ihre Löwenmähne würde sie sowieso nicht unter Kontrolle bekommen. Nach der Chemo waren ihre Haare nicht einfach nur nachgewachsen, sondern hatten sich zu einem riesigen Lockenberg ausgewachsen. Das Kokosöl, das sie normalerweise benutzte, um sie geschmeidig zu machen, stand im Bad, und damit liefen die Chancen, es in die Finger zu bekommen, gegen Null.

Stef …

Natürlich erkannte er sie nicht. Wie sollte er auch? Wenn sie keine aktuellen Fotos von ihm gesehen hätte, hätte sie ihn auch nicht wiedererkannt. Oder vielleicht doch? Als sie sich eben von Angesicht zu Angesicht gegenübergestanden hatten, war da sofort dieses Gefühl von Schicksal gewesen. Von Fügung.

Sie fühlte sich sonst oft unsichtbar. Ihre Mutter war diejenige, die den unbezwingbaren Drang verspürte, sich immer in den Vordergrund zu spielen. Glücklicherweise war dadurch wenig Platz im Rampenlicht. Sie selbst hatte sich nie wohlgefühlt, wenn sie zu viel Aufmerksamkeit bekam. Insbesondere nicht nach den unzähligen Krankenhausaufenthalten, die nun zum Glück hinter ihr lagen, und bei denen nicht nur ihr Körper, sondern ihr ganzes Leben unter die Lupe genommen wurde. Natürlich hatte sie ein paar Freunde gehabt, auch eine längere Beziehung, aber Stef war der Einzige, der sie auf diese Weise angesehen hatte. Unwillkürlich blubberte ein Lachen aus ihr hervor. Es war allzu offensichtlich, dass dieser Gedankengang aus den vielen Groschenheften stammte, die sie in den letzten Jahren gelesen hatte. Aber dafür ließen ihr das Studium und dieser Job hier keine Zeit mehr. Und sie wollte auch wirklich keine alten Sachen aufwärmen. Nichts läge ihr ferner. Sie seufzte und kramte ihr Handy aus der Tasche, um Bart ein Update zukommen zu lassen. Wirklich viel konnte sie noch nicht erzählen – wie auch. Sie arbeitete zwar bereits seit ein paar Monaten an dieser Sache, aber in den letzten Tagen hatten sich die Ereignisse überschlagen.

Ein Trommeln an der Tür ließ Liv hochschrecken. Ohne ihre Reaktion abzuwarten, öffnete Stef die Tür und kam ins Zimmer. Diesmal war er derjenige, der nur ein Handtuch trug. Sein blondes Haar war noch nass und hinterließ eine Spur von Wassertropfen auf seinen Schultern. Sommersprossen brachten die goldene Glut seiner gebräunten Haut zum Glühen. Oh Gott, schon wieder die perverse Hirnwäsche der Schundromane …

»Hey! Sorry, dass ich vorhin so komisch reagiert habe. Ich meine, da wir ja nun praktisch eine Familie sind, möchte ich doch lieber einen besseren Eindruck hinterlassen. Also: Ich bin Stef Boot, aber du kannst mich auch einfach ›Unbeholfenes Arschloch‹ nennen.«

Er hielt Kopf leicht schräg und streckte seine Hand aus. Sein Lächeln erreichte seine Augen nicht. Es war kein Grinsen, vielmehr eine Grimasse. Und seine blauen Augen wirkten ernst, beinahe traurig. Sie erinnerten Liv daran, wie sie das letzte Mal so nah vor Stef gestanden hatte, dass sie die Sommersprossen auf seiner Nase hatte zählen können. Damals hatten seine Augen gefunkelt.

»Liv«, stellte sie sich vor. »Ich bin Liv. Wenn du nichts dagegen hast, würde ich gerne deinen richtigen Namen benutzen. ›Unbeholfenes Arschloch‹ ist mir ehrlich gesagt zu lang, und ich möchte den Mund nicht gleich so voll nehmen.«

Sie machte einen Schritt auf ihn zu und gab ihm die Hand, die Stef länger festhielt als nötig, wobei sein Grinsen immer breiter wurde.

»Das ist dir also ›zu lang‹, und du möchtest den Mund nicht zu voll nehmen!? … Aber wir kennen uns doch noch gar nicht.«

Kapitel 3 – Stef

Die Nächte im Hotel waren eine Aneinanderreihung von oftmals namenlosen und stets bedeutungslosen Affären gewesen, die ihn ausreichend betäubt hatten, um nicht nachdenken zu müssen. Wenn der Alkohol nicht ausreichte, war der Sex die willkommene zusätzliche Dosis gewesen, um sich selbst ruhigzustellen und sich einreden zu können, dass es zu Hause besser laufen würde. Dass er durch die Wochen fernab von allem, den nötigen Abstand gewonnen hätte, um die Vergangenheit ruhen lassen zu können, um ein für alle Mal damit abzuschließen. Doch das war eine Lüge gewesen.

Stöhnend wälzte sich Stef auf die andere Seite, drehte das Gesicht zur Wand. So musste er nicht zusehen, wie die Ziffern auf seinem Radiowecker langsam weiterkrochen. Doch er hielt es in dieser Position nicht lange aus. Die Wände schienen ihn einzuschließen. Das Bett knarzte, als er sich wieder umdrehte. Vier Uhr siebenunddreißig.

»Verdammt.«

Der Fluch prallte irgendwo in der Tiefe des Raumes ab und traf ihn direkt ins Gesicht.

Ungelenk schob er die Bettdecke von sich, die ihm die Luft abzuschnüren schien. Alles in diesem Zimmer nahm ihm den Atem. Die Stille. Die Leere. Das Schuldgefühl, das jeder Millimeter vorhandenen Raumes in und um ihn herum erzeugte.

Kurzerhand schwang er die Beine über den Bettrand und stand auf. Es hatte keinen Sinn, liegenzubleiben, das wusste er aus Erfahrung. Die Nächte waren das Schlimmste, dann nahm die Einsamkeit beinahe Gestalt an, wie ein Schatten, der sich tiefschwarz aus der Finsternis löste und ihn zu verschlucken drohte, wenn er nicht aufpasste. Der Schweißfilm auf seiner Haut verwandelte sich in Eis, als er die Treppe hinabging und die Küche betrat. Schwerfällig hievte er sich auf einen der Barhocker. Alles sah genauso aus wie immer. Steril. Kalt. Gefühllos. Die teuren Einbaugeräte unbenutzt.

Nach seiner Begegnung mit Liv hatte er endlich seinen Vater erreicht. Senior saß mit seiner neuesten Liebschaft in seinem Apartment in New York. Die letzten Verhandlungen für ein neues Dance Event standen an und es konnte noch mindestens drei Wochen dauern, bevor der große Boss wieder in die Niederlande zurückkehrte.

Das Konto war gefüllt, und falls er noch etwas mehr brauchte, musste er nur eine Nachricht an den Buchhalter schicken. Das war so ungefähr das Wichtigste gewesen, was ihm sein Vater zu sagen hatte. Von einem hübschen Lockenkopf, der halbnackt im Haus herumhüpfte, hatte er nichts erwähnt. Wahrscheinlich neigte sich die Beziehung zu Livs Mutter schon ihrem Ende zu, und Stephan Boot Senior war inzwischen vollkommen entfallen, dass sein Schatzi des Monats auch noch eine Tochter hatte. Wäre nicht das erste Mal. Liv war ein unbedeutendes Detail im Leben seines Vaters, den sein Prestige und die Aufrechterhaltung des schönen Scheins mehr interessierte als das Schicksal anderer Menschen. Dann hatte er noch irgendetwas von zusätzlichen Sicherheitsvorkehrungen für das Haus gemurmelt, da sowohl er als auch Stef nicht dort waren und es in der Gegend ein paar Einbrüche gegeben hatte. Aber zu diesem Zeitpunkt hatte Stef schon nicht mehr zugehört.

»Hey …«

Die Stimme hinter ihm klang überrascht. Wahrscheinlich genauso überrascht wie Stef selbst, als er sich umdrehte und Liv im Türrahmen stehen sah. Sie machte keine Anstalten, die Küche zu betreten. Die Schläfrigkeit stand ihr deutlich ins Gesicht geschrieben. Sie wirkte umso süßer, wie sie da mit ihren zerzausten Haaren und ihren roten Flecken auf den Wangen stand. Als sein Blick an ihrem weißen T-Shirt hinunterglitt, das knapp unter ihrem Po endete, fiel ihm auf, dass ›süß‹ nicht das passende Wort war, um Liv zu beschreiben.

Ein anderes Wort mit S kam dem schon bedeutend näher.

»Hey.« Die Aufschrift auf ihrem T-Shirt verlief quer über ihre Brüste. Eine gute Entschuldigung, um länger darauf zu starren. »For the night is dark … Lass mich raten, was auf der Rückseite steht.«

»And full of terrors.« Liv zuckte mit den Achseln. »Mein Ex war ein Riesenfan von George RR Martin. Ich kann nicht so viel mit diesem ganzen Fantasykram anfangen.«

»Wieso nicht?« Stef sah zu, wie Liv zum Kühlschrank ging. Der Text stand tatsächlich auf ihrem Rücken, auch wenn er dem Zitat nicht viel Beachtung schenkte. Seine gesamte Aufmerksamkeit war auf ihr T-Shirt gerichtet, das hochrutschte, als sie sich streckte, um die Milch aus dem obersten Fach im Kühlschrank zu nehmen. Und darunter blitzte der Rand ihres roten Höschens hervor.

Die Nacht entwickelte sich plötzlich vielversprechender.

»Willst du auch?«

Natürlich wollte er auch. »Was genau?«

Liv hielt die Packung Milch hoch. »Warme Milch. Das hilft beim Einschlafen.«

»Ich wüsste da noch ein paar andere Dinge.«

Sie kannte sich in der Küche erstaunlich gut aus. Erneut streckte sie sich, um zwei Tassen aus einem der Küchenschränke zu nehmen. Die Tatsache, dass sie seine Bemerkung geflissentlich überhört hatte, speicherte er als nützliche Information für später ab. Offenbar ließ sie sich nicht so schnell aus der Ruhe bringen. Schweigend sah er ihr zu, wie sie die Milch einschenkte und die Tassen in die Mikrowelle stellte. Auch die hatte sie offensichtlich schon öfter bedient. Sie wusste genau, welche Tasten sie drücken musste.

»Warum kannst du nicht schlafen?« Liv drehte sich zu ihm um. Sie lehnte sich mit dem Rücken gegen die Arbeitsplatte, und es fühlte sich seltsam vertraut an, mit ihr in der Küche zu stehen.

»Jetlag.« Das war gelogen. »Normalerweise schlafe ich prima.« Das war auch gelogen. »Warum magst du Fantasy nicht?«

»Hast du immer Probleme mit dem Jetlag? Soweit ich gehört habe, warst du eine Weile verreist, richtig?«

Er konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Liv beherrschte die Kunst der Ablenkung ebenso meisterlich wie er. Es war deutlich, dass sie keine Lust hatte, persönliche Fragen zu beantworten.

»Zirka acht Wochen, ja. Sehe ich das richtig, dass du hier angekommen bist, kurz nachdem ich mich aus dem Staub gemacht habe?«

»Du bist einfach so verreist?«

Das glockenhelle Pling der Mikrowelle verhinderte, dass er ihre Frage mit einer Gegenfrage beantworten musste. Liv stellte eine Tasse vor ihm ab. Sie blieb in der Küchenzeile stehen und beobachtete ihn. Schweigend trank er seine Milch. Ihr Starren machte ihn nervös. Es war, als ob sie direkt durch ihn hindurchschaute. Langsam glitt Stef vom Barhocker und streckte sich. Wenn Liv ihn anglotzen wollte, würde er ihr die ganze Show bieten. Er genierte sich nicht, dass er in Boxershorts vor ihr stand. Sein Körper hat auf Frauen schon immer wie ein Blitzableiter gewirkt, er zog sie magisch an.

Aber diesmal nicht. Liv wandte ihre Augen ab. Als ob sie mehr an dem interessiert war, was er zu sagen hatte, an den Antworten, die er ihr vorenthielt, und nicht an seinem Körperbau. Genau das war es, was ihn verunsicherte.

»Danke«, war alles, was er sagen konnte.

Endlich sah sie wieder auf. »Geh schlafen, Stef.«

Die Art, wie sie seinen Namen aussprach … Die Intensität des Augenblicks. Er zögerte. Die Antwort lag so nahe. Als wüsste man genau, was man sagen möchte, aber das Wort fällt einem nicht ein. Es lag ihm auf der Zunge …

Die Antwort war zum Greifen nah.

»Gute Nacht, Liv.«

Kapitel 4 – Stef

Matthieu saß ihm gegenüber und zerpflückte einen Kassenbon. Stef musste dem Drang widerstehen, die Papierschnipsel vom Tisch zu fegen, und das war nicht der einzige Impuls, den er gerade zu unterdrücken versuchte.

Krankenhäuser jagten ihm eine Todesangst ein. Seine Cola stand unangerührt vor ihm, und obwohl seine Kehle staubtrocken und so rau wie Sandpapier war, versuchte er gar nicht erst davon zu trinken. Er würde den sprudelnden Inhalt sowieso nicht lange bei sich behalten.

»Es ist zehn.«

Matthieu nickte zu der Uhr hinüber, die über der Eingangstür der Kantine hing. Er wusste selbst, wie spät es war, schließlich hatte er in den letzten zwanzig Minuten jede Bewegung der Zeiger verfolgt. Mit jedem Ticken der Uhr rückte das Unvermeidliche ein Stück näher.

»Dann gehen wir mal.«

Der Satz klang wie eine Frage, und an Matthieus Gesicht konnte er ablesen, dass er hoffte, Stef würde den Kopf schütteln. Der Gedanke, ihnen beiden so eine Ausrede zur Flucht zu geben, war überaus verlockend.

Kurz haderte er mit sich. Der Ausgang lockte. Danach könnten sie sich gegenseitig auf die Schulter klopfen, dass sie es immerhin probiert hätten, dass sie es nicht weiter als bis zur Krankenhauskantine geschafft hatten, brauchte ja niemand zu erfahren.

»Wir gehen …«

Der Satz blieb zwischen ihm und dem Ausgang hängen. Durch die Drehtüren kam Aster herein. Ihre Blicke kreuzten sich und die Scham ergoss sich wie ein Kübel eiskalten Wassers über ihn. Matthieu folgte seinem Blick, sah Aster und stand langsam auf. Stef selbst blieb stehen, seine Beine fühlten sich an wie Pudding, als ob sein Körper keinen einzigen Knochen besäße, der ihn trug, als hätte er kein Rückgrat.

»Matthieu? Stef?«

Der kurze Anflug von Ungläubigkeit in ihrer Stimme wich schnell aufrichtiger Freude. Er spürte einen Schmerz wie von einer scharfen Klinge, irgendwo oben in seiner Brust, hinter den Rippen. Warum erkannte sie nicht, wer sie wirklich waren? Schuldige. Feiglinge, die sich auf Ausreden zurückzogen, die wie hohle Phrasen klangen.

»Wie schön, dass ihr da seid. Lucien wird sich …« Sie geriet ins Stocken, fing sich aber schnell wieder. »Da wird er sich bestimmt freuen.«

Er nickte und ergriff ihre ausgestreckte Hand. Doch Aster drückte ihn an sich. Er blieb stehen. Stocksteif. Genau wie Lucien in seinem Bett lag.

Falls sie bemerkte, wie unangenehm es Stef war, zeigte sie es zumindest nicht. Sie wandte ihre Aufmerksamkeit Matthieu zu und schenkte ihm ein warmes Lächeln.

»Du bist schon eine Weile nicht mehr da gewesen.« Es klang nicht nach einem Vorwurf, vielmehr nach einer simplen Feststellung.

Matthieu hatte den Anstand, die Augen abzuwenden, er blickte zu Boden.

»Das stimmt. Tut mir leid. Ich hatte ziemlich viel zu tun …«

»Schon okay, Jungs. Schön, dass ihr da seid. Lucien wird sich riesig freuen«, wiederholte sie und sah sich nach ihnen um. »Kommt ihr mit?«

Seine Chance abzuhauen war dahin. Er nickte. Sein Kopf bewegte sich automatisch auf und ab. Auf und ab.

Aster drehte sich um und deutete zum Aufzug.

»Für die Treppen bin ich zu alt, Jungs«, sagte sie lachend. Doch so sehr er sich auch anstrengte, er konnte in ihrem Lachen keine Fröhlichkeit erkennen. Er musste daran denken, wie oft er über den Flur hinüber zu Lucien gegangen war. Musste daran denken, wie Aster in all den Jahren für ihn wie eine Ersatzmutter gewesen war, die ihm am Nikolausabend einen heißen Kakao machte und ihm mit einer Umarmung und den Worten »Ich bin stolz auf dich« gratulierte, als er das Abi bestanden hatte.

Diese Frau hatte ihren Sohn verloren. Auch wenn Lucien nicht tot war, so weilte er doch nicht mehr unter den Lebenden. Aster hatte gerade denjenigen umarmt, der für Luciens Zustand verantwortlich war. Würde sie ihm noch in die Augen blicken können, wenn sie es wüsste?

Würde sie jemals wieder lachen können, wenn er es ihr beichtete?

Kapitel 5 – Stef

Lucien lag im Krankenhausbett. Die Brille, die er normalerweise trug, lag sorgsam zusammengeklappt auf dem Nachtschränkchen. Als ob er jeden Moment danach greifen, die Bügel aufklappen und sich das schwarze Gestell auf die Nase setzen könnte. Er schien noch schmächtiger zu sein als früher, fast wie ein Kind. Sie hatten ihn immer wegen seiner zarten Gestalt aufgezogen, ihn »Schwuchtel« genannt. Bis Lucien sich vor ein paar Jahren geoutet hatte. Jeder andere, der ihn seitdem »Schwuchtel« genannt hatte, hatte mit einer Tracht Prügel rechnen können.

Stef hatte die Arme vor der Brust verschränkt. Trotz Asters wiederholten Aufforderungen, sich doch zu setzen, blieb er lieber am Fußende des Betts stehen. Sich hinsetzen. Nah bei Lucien sein. Das alles fühlte sich wie Heuchelei an. Er blickte zu Matthieu hinüber, der sich hingesetzt hatte und regungslos in die Luft starrte, als beobachtete er etwas, das sich weit außerhalb dieses Zimmers abspielte.

»Du hast uns gefehlt, Stef.« Aster umschloss mit ihrer Hand die ihres Sohnes. »Matthieu hat mir erzählt, dass du eine Weile weg warst, zum Arbeiten, im Ausland. Wie toll. Hast du die Zeit genossen?«

Hatte er die Zeit genossen? Er hatte vor allem versucht, zu vergessen.

»Ja. Es war … schön.«

»Und wie läuft es an der Uni? Gibst du noch Nachhilfe?«

Magensäure stieg ihm in die Kehle und bahnte sich beinahe einen Weg nach draußen.

»Ich … ich geh nicht mehr zur Uni. Aber Nachhilfe gebe ich immer noch.« Das konnte er unmöglich hinschmeißen. Ursprünglich hatte Lucien Nachhilfe gegeben, und nach seinem Unfall hatte Aster ihn gefragt, ob er die Mathenachhilfe für Oberschüler übernehmen könnte. Eigentlich hatte er das nicht gewollt, es war ihm zu viel Verantwortung, aber ablehnen konnte er auch nicht, ganz sicher nicht nach dem, was er getan hatte. Wenn Aster ihn gebeten hätte, vom höchsten Turm der Stadt zu springen, hätte er es ebenfalls getan. Das Verrückte aber war, dass es ihm tatsächlich Spaß machte. Der Umgang mit den Teenagern, die Tatsache, dass er ihnen etwas mitgab, ihn etwas beibrachte. Das fühlte sich gut an.

Aster sah ihn eindringlich an. »Ach wirklich? Ich wusste gar nicht, dass du dein Studium hingeschmissen hast.« Sie konnte die Enttäuschung in ihrer Stimme nicht verbergen, bewegte sich unruhig auf ihrem Stuhl hin und her, umklammerte mit beiden Händen die von Lucien.

»Und welche Pläne hast du jetzt?«

Pläne? Er schaute zur Tür. Um Pläne zu schmieden, musste man an die Zukunft glauben und nicht zuletzt auch an … an sich selbst. Früher hatte er jede Menge Pläne gehabt, aber die waren eines Nachts gegen den Baum gekracht, hatten sich überschlagen und waren im Kanal gelandet, wo sie jämmerlich abgesoffen waren.

Es kostete ihn immense Kraft, sich ein Lächeln abzuringen. »Ich glaube, ich mache ein Jahr lang erst mal nichts. Einfach nur Nachhilfe geben und darüber nachdenken, was ich machen will.«

Aster lächelte. Aus ihrem Blick sprach Ermutigung und Vertrauen, als sie Luciens Hand losließ und aufstand. »Ich finde, das ist gar keine so üble Idee. Ihr seid noch so jung. Lucien hat auch schon fast ein Jahr verpasst. Aber was ist schon ein Jahr in einem Menschenleben?«

Matthieu schob seinen Stuhl zurück, die Metallbeine kratzten über das Linoleum.

»Dann lass ich euch drei Mal allein. Ihr habt euch bestimmt viel zu erzählen. Dinge, die man nicht unbedingt vor den Eltern diskutieren will.« Aster klopfte ihm auf die Schulter und deutete auf einen Stuhl. »Nur zu, setz dich ruhig.«

Matthieu räusperte sich. »Ich, äh, müsste dann auch gehen. In der Werkstatt war viel los, und mein Vater wollte, dass ich nicht zu lange wegbleibe.« Die Gründe, die er anführte, waren nichts als faule Ausreden. Die Vorstellung, allein mit ihm und Lucien in einem Raum zu sein, behagte Matthieu ganz offensichtlich nicht.

Matthieu hatte genauso wenig gesagt hatte wie er selbst, und Asters verzweifelter Versuch, sich ganz normal zu verhalten, ließ die Stille noch erdrückender wirken. Stef ließ sich auf den Stuhl neben dem Bett sinken und betrachtete Lucien. Wie erstarrt lag er da, die Augen geschlossen. Es wirkte ganz und gar nicht, als schliefe er, dafür war er nicht entspannt genug. Es war eher so, als ob …

»Hey, Mann«, krächzte Stef und räusperte sich. »Ich … Oh Mann.« Er startete einen erneuten Anlauf, schloss die Augen und stellte sich vor, dass sie zusammen in Luciens Zimmer auf dem Boden saßen und sich gegen das Bett lehnten.

»Ich musste mir einfach mal eine Auszeit nehmen. Es war … Na ja, du kannst es dir ja denken.«

Es war einfach schwer zu ertragen, dich zu sehen, und darauf zu warten, dass du irgendwann aufwachst. Er sprach den Gedanken nicht aus. Wozu auch? Anstatt seinem Freund offen und ehrlich seine Gemütslage zu schildern, erzählte er ihm von den Partys auf der Insel, wie er gesoffen und welche Mädels er abgeschleppt hatte.

»Nicht, dass dich das interessieren würde.« Es war ein mieser Witz, und trotzdem musste er darüber lachen. Zu laut. Zu schrill. Zu künstlich.

Lucien schwieg. Er zog die Augenbrauen nicht hoch, und er schüttelte auch nicht den Kopf. Er schob die Brille nicht in sein Haar, um dann mit einem einzigen durchdringenden Blick in Stefs Augen zu ergründen, was hinter seinen bedeutungslosen Erzählungen wirklich in ihm vorging.

»Na dann …« Stef stand auf und wischte seine Hände, die auf einmal schweißnass waren, an seiner Jeans ab. »Wir sehen uns, Alter.«

Er wartete auf eine Reaktion von Lucien, irgendetwas, was darauf hindeutete, dass er ihn gehört hatte. Dass er zurückkommen und ihm vergeben würde.

Die Minuten verstrichen, bis er die Stille schließlich nicht mehr aushielt und aus dem Zimmer flüchtete.

Kapitel 6 – Liv

In den letzten Jahren hatte sich einiges im Haus verändert. Ob es sich zum Guten verändert hatte, konnte Liv nicht mit Gewissheit sagen. Die Wärme, die sie früher verspürt hatte, schien es zwischen diesen weißen Wänden nicht mehr zu geben. Die Küche war stattlich, genau wie der Rest der geräumigen Villa, aber irgendwie steril, wie in einer Musterküche, in der niemand wirklich kochte und lebte. Liv wartete, bis die Bohnen gemahlen waren, und drückte dann auf den Knopf der vollautomatischen Kaffeemaschine. Es dauerte ein paar Sekunden, bis ihr der himmlische Duft von frischem Kaffee in die Nase stieg.

Heute Morgen war sie in aller Herrgottsfrühe joggen gegangen. Die aufgestaute Energie musste raus. Es kostete sie Mühe, sich jetzt hinter die Bücher zu setzen, die Buchstaben tanzten vor ihren Augen. An manchen Tagen konnte sie sich einfach auf nichts konzentrieren. Der Arzt hatte sie vor den Langzeitnebenwirkungen der Chemo gewarnt. Dass sie nach zehn Jahren noch immer Probleme mit der Konzentration haben würde, hatte er allerdings nicht erwähnt.

Mit einem Seufzer schlug sie die Seite auf und rührte den Milchschaum in ihrem Cappuccino um. Stef. Stef war der Grund dafür, dass sie sich nicht konzentrieren konnte.

Der plötzlich ertönende fröhliche Klingelton ihres Handys hielt sie davon ab, weiter zu grübeln. Auf dem Display erschien die Telefonnummer von Bart. Sie runzelte die Stirn. Sie würden sich in zwei Tagen wiedersehen. Wieso rief er also heute schon an? Sie nahm den Anruf entgegen und platzte direkt mit dieser Frage heraus.

»Weil ich keine zwei Tage warten kann. Und ich dir was erzählen muss«, fügte er hinzu. »Kannst du gerade reden?«

Sie wollte Ja sagen, als sie merkte, dass Stef mit verschränkten Armen in der Tür stand, wobei er eine Schulter lässig gegen den Türrahmen lehnte. In dieser Pose hätte er auch in einer Zeitschrift eine gute Figur gemacht. Ein verspieltes Lächeln umtanzte seinen Mund. Allerdings reichte es nicht hinauf zu seinen Augen. Er sah traurig aus. Sie fragte sich, wie viele Menschen das an seinem Gesicht erkennen würden. Wie viele Menschen würden durch die Maske hindurchsehen können? Wie vielen Menschen erlaubte er das?

»Nein. Heute Abend. Ich ruf dich an.«

Stef hielt seinen Blick auf sie gerichtet, während sie Bart wegdrückte und das Handy neben ihren Büchern ablegte.

»Spannende Verabredung?« Er ging ganz gemächlich an ihr vorbei zum Kühlschrank.

»So was in der Richtung.« Was sie mit Bart machte, war spannend. Und sie hatten eine klare Verabredung.

»Aha.« Stef drehte sich zu ihr um, während er den Verschluss der Milchpackung öffnete, sie an die Lippen setzte, ein paar Schlucke trank und sie dann wieder zurückstellen wollte.

»Ähm, Entschuldigung?« Sie zog die Augenbrauen hoch.

»Entschuldigung?«, wiederholte er, noch immer lächelnd.

»Das meinst du nicht ernst, oder? Du willst doch nicht ernsthaft die Milch einfach wieder zurück in den Kühlschrank stellen?«

Stef ließ seinen Blick über ihr Gesicht gleiten.

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