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Heartless, Band 2: Das Herz der Verräterin

1 – Wieder vereint

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Wieder vereint

Prinzessin Varia von Cavanos sieht mich an wie eine Wildkatze, doch sie wirkt auch belustigt. Eigentlich dürfte sie mich gar nicht ansehen können, weil sie tot sein müsste. Aber sie steht dort und blinzelt. Und als sie anfängt zu lächeln, bilden sich um ihre Augen kleine Fältchen.

Eine schreckliche Erkenntnis durchfährt mich so heftig, als würde in meinem Kopf eine Glocke läuten: Varia lebt. Sie steht direkt vor mir – die Tochter, um die König Sref von Cavanos so furchtbar getrauert hat. Die Schwester, die Prinz Lucien von Cavanos so unendlich vermisst hat. Lucien, neben mir und doch meilenweit von mir entfernt, tritt einen Schritt vor und streckt seiner Schwester eine zitternde Hand entgegen.

»Varia, du bist …«

»… am Leben?«, beendet sie seinen Satz. »Ja.«

»Das ist doch kein …« Er geht auf sie zu. »Das ist kein magischer Hexentrick? Ich träume doch nicht, oder?«

Prinzessin Varia betrachtet die Leichen, die vor mir liegen, das blutverschmierte Gras und den bleichen Stamm der Eibe, der jetzt rot befleckt ist.

»Wenn du träumst, wäre es wohl eher ein Albtraum.« Sie schaut über die Toten hinweg zu Gavik, dessen wässrige, blutunterlaufene Augen blicklos in den Himmel starren. »Aber da der Erzherzog tot ist, muss es ein angenehmer Traum sein.«

Lucien tritt neben Varia und mit den schwarzen Haaren, den dunklen Augen und der goldbraunen Haut sieht der eine aus wie das Spiegelbild des anderen. Sie haben beide dieselbe aristokratische Nase, dieselben langen Wimpern, markanten Wangenknochen und Augenbrauen. Meine Füße weigern sich, einen Schritt zu machen, und meine Lippen sind unfähig, Worte zu formen.

Sie ist tot. Sie muss einfach tot sein, vor fünf Jahren ermordet von Herzlosen wie mir.

Lucien hebt eine Hand und berührt die Schulter seiner Schwester, anfangs sehr zögerlich, als hätte er Angst, dass sie sich als Trugbild erweist. Doch als seine Finger ihren Umhang streifen, atmet er hörbar ein.

»Du lebst. Du lebst wirklich. Ich habe nach dir gesucht, nach dem Baum, von dem du gesprochen hast. Ich habe nie aufgegeben und wider besseres Wissen immer gehofft, dich zu finden …«

Varia lächelt ihn an. Genauso hat König Sref gelächelt, als wir das Gemälde seiner Tochter in der Galerie der Toten betrachtet haben – ein wissendes, bedauerndes Lächeln. Sie legt ihre Stirn gegen die von Lucien.

»Ich weiß, dass es nicht leicht zu begreifen ist«, murmelt sie. »Aber du hast dein Bestes gegeben. Ich werde dir alles erklären, zumal jetzt, da Gavik erledigt ist.« Sie tritt zurück und ihr Blick fällt auf mich. »Du da, Herzlose.«

Lucien schaut nur kurz in meine Richtung und die Freude in seinem Gesicht erlischt. Sofort zeigt er wieder sein undurchdringliches Prinzengesicht, diese abweisende Miene, die zu durchbrechen mich so viel Mühe gekostet hat. Das war der Auftrag, den die Hexen mir erteilt haben. Ich sollte seine harte Schale brechen und ihm sein Herz stehlen, obwohl mein eigenes kurz vor dem Zerreißen stand.

»Wem gehörst du?«, fragt Varia. Es tut weh, ihr zu antworten, zu atmen. Das Medaillon an meinem Hals fühlt sich an, als wäre es mit Blei gefüllt.

»Nightsinger«, flüstere ich. »Der Hexe Nightsinger.« Mein Blick fällt auf meine blutigen Hände. Was habe ich getan? Ich ertrage es nicht, hinzusehen. Wenn ich es mit eigenen Augen sehe, wird es Realität. Wie viele Tote? Wie viele Männer, die Familie und Kinder und Träume hatten? Ich habe Gavik umgebracht – ich kann nicht hinsehen. Ich kann nicht hinsehen.

Und du hast gedacht, du könntest mir entkommen, höhnt die rote Glut. Du kannst dich mir nicht widersetzen. Sieh nur, was du angerichtet hast …

In meinem Magen brodelt es und ich habe Angst, mich zu übergeben. Trotzdem schaffe ich es, ein paar flehende Worte hervorzubringen.

»B-bitte, Prinzessin Varia. Bringt Lucien fort von hier – fort von mir. Bevor ich wieder zum Monster werde.«

Luciens mitternachtschwarze Augen, noch vor wenigen Stunden so voller Liebe, sind jetzt eiskalt. Ich kann nicht erkennen, was er denkt. Er sagt nichts, rührt sich nicht und sieht mich nicht an. Er ist wie erstarrt.

Ich bin sicher, dass mein Herz in seinem Glas auf Nightsingers Kaminsims blutet. Aber ich wusste es. Ich wusste, dass es so enden würde.

Varia lächelt mich mitleidig an. Aber da ist mehr als Mitleid in ihren Augen – Neugier gepaart mit etwas, das ich nicht deuten kann.

»Was sollen wir mit ihr machen, Lucien?«, fragt Varia. »Sie hat dein Vertrauen missbraucht, stimmt’s? Ich habe genug gesehen.«

Erst jetzt sieht Lucien mich an. Er sieht mich an – Gott sei Dank, er sieht mich an –, aber ich spiegle mich nicht in seinen Augen. Ich bin Glas für ihn. Ein Fenster, durch das er hindurchblickt.

Er ist wütend. Kein Wunder. Ich brenne darauf, ihn um Vergebung anzuflehen, aber dafür ist es längst zu spät. Ich wusste es von dem Moment an, als ich dieses dunkle Kleid anzog, um ihm sein Herz herauszureißen. Nein. Ich wusste es bereits, als ich ihn beim Frühlingsempfang zum ersten Mal sah, und endgültig zu spät war es, als ich mich auf die Soldaten und auf Gavik gestürzt habe, die sein Leben bedrohten.

Ich wusste in jedem Augenblick, den wir zusammen verbrachten, dass es böse enden würde.

Ich hatte genug Zeit, mich darauf vorzubereiten. Wie kann ich jetzt so anmaßend sein, immer noch auf ein Happy End zu hoffen, obwohl an meinen Händen das Blut von einem Dutzend Männern klebt?

Weil du selbstsüchtig bist. Die rote Glut reibt Salz in meine Wunden.

Lucien wendet sich ab.

Der Anblick seines Rückens versetzt mich sofort in Rage, und eine der beiden Persönlichkeiten, die mich in den letzten vierzehn Tagen ständig in einen Abgrund zu reißen drohten, gewinnt plötzlich die Oberhand.

»Nein!«, flehe ich. »Bitte geh nicht! Bitte, Lucien … verlass mich nicht.«

Meine Worte klingen schrill.

Selbstsüchtig und wahnsinnig, stichelt die rote Glut. Welches menschliche Wesen würde noch bei dir bleiben, nach allem, was du getan hast?

Einen Herzschlag lang, einen unerträglich langen Moment geschieht nichts, doch dann …

»Wie kann ich etwas verlassen, das ich niemals wirklich hatte?«, fragt Lucien. Seine Stimme bohrt sich wie eine eiskalte Klinge in meine Adern und lässt mich zu Eis erstarren. Jedes seiner Worte ist ein neuer Stich. Er ist enttäuscht von mir, von allem, was ich getan habe, von sich selbst, weil er an mich geglaubt hat. Aber er verschwendet keine Zeit mehr mit mir. Er sieht seine Schwester an. »Sie sollte verhört werden.«

»Von uns?« Varia blinzelt.

Er nickt. »Die Wahrheit muss ans Licht kommen.«

Mein Magen rumort, aber Varia seufzt nur. »Du weißt, dass Vater sie in der Stadt nicht dulden wird. Sie ist eine Herzlose. Er wird sie wieder und wieder verbrennen.«

Sein Blick schweift in die Ferne. »Es sei denn, du überzeugst ihn. Auf dich wird er hören, selbst wenn es darum geht, das Leben einer Verräterin zu schonen.«

Verräterin.

Ich sinke auf die Knie. So sieht er mich? Wieso verlangt er dann nicht, dass ich bestraft werde? Warum will er nicht, dass ich für die Lügen leide, die ich ihm aufgetischt habe, für den Verrat, mit dem ich sein Herz umsponnen habe?

Varia seufzt wieder und lacht. »Dem Lucien, den ich kannte, wäre das Leben einer Verräterin gleichgültig, und er würde ganz sicher nicht seine Schwester bitten, ihren Vater um Gnade zu ersuchen.«

»Menschen verändern sich«, erwidert Lucien.

»Wohl kaum«, kontert Varia. »Es geht dir doch nur darum, ein hübsches Ding in dein Bett zu kriegen.«

Ich bin schockiert. Noch vor wenigen Stunden haben wir uns leidenschaftlich geküsst. Lässt er deswegen Gnade walten? Nightsinger hat mich ausgewählt, ihn zu verführen, weil er auf einen bestimmten Typ steht – auch nachdem ich sein Vertrauen missbraucht habe, gibt er mich nicht auf? Will er seinen Spaß mit mir haben, bevor er mich meinem Schicksal überlässt?

Der Prinz widerspricht nicht. Er widerspricht nicht, seine starre Miene wird weicher und seine geballten Fäuste lockern sich. Der Lucien, den ich kenne, würde nie … Das würde er nicht tun.

Natürlich würde er, meldet sich die rote Glut zu Wort. Er ist nur ein Mensch, eine berechnende, gierige, lüsterne Kreatur.

»Lass uns jetzt nicht streiten, Varia«, sagt Lucien. »Du bist am Leben. Gehen wir nach Hause. Vater und Mutter werden außer sich vor Freude sein.«

»Einen Augenblick noch«, erwidert sie. »Ich muss noch etwas erledigen.«

Wie betäubt beobachte ich, dass Varia zu Gaviks Leiche tritt und einen Samtbeutel aus ihrem Umhang holt. Ein Wort ist darauf gestickt. Ich will es nicht lesen, will nichts anderes tun als hier sitzen und in meinem Elend versinken. Doch dann sehe ich, wie sie sich über Gavik beugt und etwas Weiches, Tropfendes, Rotes in die Hand nimmt. Erst da begreife ich, dass es Gaviks Herz ist, das sie jetzt in den Beutel legt, auf dem das Wort BLUTSAUGER steht.

»Das ist wirklich witzig.« Sie lacht leise auf, immer noch in Gaviks Blut kniend. »Ich trage diesen Beutel schon seit Jahren mit mir herum und habe immer auf eine Gelegenheit gehofft, ihn benutzen zu können. Und jetzt ist es so weit. Ich kann es kaum glauben.« Varia betrachtet mich mit ihren glitzernden schwarzen Augen. »Das verstehst du, nicht wahr? Sich etwas so sehr zu wünschen und es dann endlich zu bekommen.«

»Ja«, flüstere ich. Da ist wieder dieser merkwürdige Ausdruck in ihrem Gesicht. Sie seufzt und sieht mich irgendwie … gierig an, als wäre ich eine glänzende Münze und sie der Rabe, der mich auf dem Kopfsteinpflaster entdeckt hat.

»Lass mich raten: Die Hohen Hexen haben dir dein Herz versprochen. Dein Herz für das meines Bruders?«

Mein Kopf fährt hoch. »Woher wisst Ihr das?«

»Weil ich sie kenne.« Sie lacht freudlos auf.

»Wovon redet ihr?«, will Lucien wissen.

Varia wirft ihm über die Schulter einen kurzen Blick zu. »Ich wusste, dass Gavik mich eines Tages töten würde. Er hat Tag für Tag mehr Angst in Vetris verbreitet, obwohl ich versucht habe, ihm Einhalt zu gebieten. Aber sein Einfluss wuchs. Er war klüger und berechnender als ich. Vater war damals überzeugt, die königliche Familie wäre unberührbar. Aber ich wusste es besser.«

Von Gaviks Leiche geht plötzlich ein so greller Lichtblitz aus, dass ich geblendet werde. Varia blinzelt nicht einmal, ihre dunklen Augen scheinen das Licht förmlich aufzusaugen, während sie weiterspricht.

»Es gibt ein avellisches Sprichwort: Von drei Feinden sind zwei Freunde. Gavik hat mich gehasst – er wusste, sobald ich den Thron besteige, würde er längst nicht mehr so viel Macht haben wie zu Vaters Zeit. Aber Gavik hasste auch die Hexen. Also habe ich mich an sie gewandt.« Sie lächelt und ihre rosa Lippen erinnern mich an zwei Hälften einer wunderschönen Rose. »Vater wollte mir nicht beistehen. Er hat sich auf Gaviks Ratschläge verlassen und hätte ihn niemals vom Hof verstoßen. Also musste ich mich selbst schützen.« Sie atmet hörbar aus. »Ich wollte die Kraft, die mir meine Hexenabstammung verhieß. Aber wie hätte ich das bei all dem Hass, der in unserer Stadt herrscht, anstellen sollen? Die Kronprinzessin fragt um Erlaubnis, Hexen treffen zu dürfen? Das hätte man mir niemals gestattet. Also habe ich Vater nicht gefragt – wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte ich niemals den Hof verlassen dürfen.«

Sie hebt eine Hand. Alle fünf Finger bewegen sich mühelos, obwohl sie aus Holz sind. Glattes, poliertes Holz, das nahtlos mit ihrem Arm verbunden ist und genauso reagiert wie eine echte Hand. Sie rafft den Saum ihrer langen Robe vom schlammigen Boden hoch, und wo Fleisch und Knochen ihres linken Beins sein sollten, ist dasselbe lebendige Holz, das sich bewegt wie ein echtes Bein.

»Ich habe meinen Tod mit ein paar Teilen meines Körpers vorgetäuscht. Ich musste Opfer bringen, um die Welt – und Gavik – davon zu überzeugen, dass ich tot bin.«

»Aber …« Luciens markantes Profil wird steinern und seine Miene verdüstert sich. »Deine Wachen …«

»Wie ich gesagt habe, Bruder«, antwortet Varia knapp. »Es mussten Opfer gebracht werden.«

Ich muss an die geflüsterten Bemerkungen der Adligen denken, die ich vor einigen Tagen gehört habe – Teile von Varias Körper waren auf der Straße gefunden worden und ihre gesamte Eskorte war tot. Grausam in Stücke gerissen, wie bei einem Angriff von Herzlosen. Doch jetzt wird mir klar, dass sie die Männer ermordet, sie so verstümmelt hat, dass es nach der Tat von Herzlosen aussah.

Der Prinz ist schockiert, schockierter, als ich mich fühle. Sein Gesicht ist ausdruckslos und er sieht seine Schwester nur an.

»Sie werden nie in Vergessenheit geraten«, sagt Varia und ihre Stimme klingt plötzlich viel energischer. »Ich habe vieles versäumt, aber wenn ich den drohenden Krieg abwenden und mein Volk retten kann, darf ich von nun an nichts mehr verpassen. Das verstehst du doch, Lucien?«

Das Glühen um Gaviks Körper verblasst und seine Wunden heilen vor meinen Augen – seine Schienbeine verbinden sich wieder mit seinen Knien und die klaffende Wunde an seinem Bauch bedeckt sich mit glatter Haut. Lucien starrt immer noch Varia an, dann nickt er schließlich langsam.

»Ja.«

Mein Entsetzen ist größer als meine Verzweiflung – Gavik wird wieder lebendig. Sein Herz schlägt in einem Beutel aus Samt. Varia ist eine Hexe.

Ich balle die Fäuste und sehe mich hektisch nach meinem Schwert um. Ich kann es im blutgetränkten Gras nicht entdecken. Ich habe Gavik umgebracht. Er wird sich genauso dafür rächen wollen, wie ich mich an den Mördern meiner Eltern gerächt habe. Er wird außer sich sein vor Wut, befeuert von der roten Glut, die ihn zu einem Monster werden lässt.

Er erhebt sich schwankend, das sanfte Glühen lässt seine Rückenwirbel zusammenwachsen, einen nach dem anderen, bis auch sein Kopf mit einem Knacken wieder an seinem Platz ist.

Dann entdeckt er mich und stürmt mit schnellen schweren Schritten auf mich zu. Sein langes weißes Haar umweht ihn. Ich hebe schützend die Arme, obwohl ich weiß, dass es mir nicht helfen wird. Gaviks grausame Augen sind völlig schwarz und brennen vor Hass und Mordlust.

Er ist grauenhaft. Er versetzt mich in Todesangst.

Er ist genauso, wie ich noch vor wenigen Minuten war.

»Das reicht.« Varia spricht laut, aber Gavik stürmt weiter auf mich zu. »Ich sagte, das reicht

Es sind nur zwei Worte, aber sie spricht sie so tief und laut, dass ich die Vibrationen in meinem Brustkorb spüre. Varia ist eine kleine schlanke Person, aber sie sagt diese beiden Worte so entschlossen, dass sie vermutlich mit Worten auch die Welt zum Stillstand bringen könnte. Die Schmerzen, mit denen ich gerechnet habe, bleiben aus. Gavik ragt erstarrt über mir auf, sein Körper bewegt sich keinen Millimeter, doch seine Augen glühen immer noch und starren hasserfüllt auf mich herab. Varia taucht hinter ihm auf und lächelt mich an, ein Lächeln, viel zu strahlend für dieses Schlachtfeld und das blutverschmierte Monster, das direkt vor ihr steht.

»Ich muss mich für ihn entschuldigen. Du weißt, wie Herzlose sind, wenn sie gerade verwandelt wurden.«

Ich sehe Lucien hinter ihr, den Griff seines Schwertes so fest umklammert, dass seine Knöchel ganz weiß sind, die Augen weit aufgerissen. Entgeistert und mit offenem Mund starrt er Gavik an, der aussieht, als wäre er mitten in der Bewegung eingefroren. Varia hat ihm einen Befehl gegeben – sie hat ihn vollständig unter Kontrolle. Nightsinger hat so etwas bei mir nie getan. Ich schlucke und rapple mich mit zitternden Knien vom Boden auf. Die Prinzessin mustert mich von oben bis unten.

»Dann ist die Sache entschieden. Wir behalten dich bei uns. Vater wird darüber nicht glücklich sein, aber ich denke, ich kann …«

»Zera!« Jemand ist ihr ins Wort gefallen – Malachite. Ich schaue mich um, und am Rand der Lichtung ist die schmale Figur mit der papierweißen Haut aufgetaucht, begleitet von einem Mädchen mit lockigem Haar, das sich auf einen Gehstock stützt. Fione?

»Lady Zera!«, ruft Fione und beide kommen auf mich zugerannt. Ich bin so erschöpft, dass ich Fiones Gesicht nur undeutlich wahrnehme, aber ich höre deutlich, wie sie keucht: »V-Varia?« Varia beginnt zu lächeln, so strahlend wie die Sonne, die hinter einem Hügel aufgeht.

Die Erschöpfung übermannt mich. Meine Lunge scheint in einer eisernen Umklammerung zu stecken. Die Welt verschwimmt zu einem Durcheinander aus grünem Gras, Malachites weißer Haut, Luciens und Varias schwarzen Haaren. Ich höre Fiones Schreie – »Zauberei, ein Trick, nein, das kann nicht wahr sein« –, und dann spüre ich, wie mich jemand auffängt, bevor ich erleichtert in Dunkelheit versinke.

2 – Neues Leben

2
Neues Leben

Man sollte meinen, dass ich mittlerweile daran gewöhnt bin, allein an einem unbekannten Ort aufzuwachen.

Aber ehrlich gesagt gewöhnt man sich nie daran. In meinem Kopf herrscht düstere Panik und völlige Verwirrung, bis mein Gehirn endlich zu arbeiten beginnt und die Erinnerung zurückkehrt:

Ich bin Zera Y’shennria und ich habe den Kronprinzen von Cavanos verraten.

Einen Prinzen, dessen Schwester noch am Leben ist.

Einen Prinzen, der weiß, dass ich ein Monster bin.

Wir werden bestraft werden. Die rote Glut lacht, doch sie ist irgendwie ruhiger und gleichmütiger als sonst, keine Spur von der Hektik und dem Wahnsinn, mit dem sie auf mich eingeschrien hat, nachdem ich von Luciens Klinge verletzt wurde. Endlich.

Ich muss immer wieder an Luciens eisigen Blick denken, und die Leere in meinem Unherzen droht mich zu verschlingen.

Nein.

Ich bin Zera Y’shennria, die Nichte von Quinn Y’shennria. Ich habe viele Schwächen – für ein gut geschnittenes Seidenkleid mit Rüschen; für die Vorstellung, eine Familie zu haben, mein Herz zurückzubekommen; eine Tasse heiße Schokolade und ein Stück Kuchen. Aber ich werde auf keinen Fall zulassen, dass mich meine Verzweiflung überwältigt.

Ich richte mich auf und stelle fest, dass ich auf etwas Weichem liege. Ich schaue mich langsam um: Plüschteppiche, zarte Vorhänge, dunkelroter Samt und weiße Spitze im ganzen Zimmer. Ich liege auf einer Couch, die zwischen einem Tisch aus Mahagoni und einem Holzstuhl steht. Außerdem entdecke ich Vasen mit frischen Lilien, goldene Sanduhren und merkwürdig kindliche Puppen mit echten Locken und winzigen Seidenkleidchen. Der Raum riecht nach Staub, als wäre er zwar gereinigt, aber schon ewig nicht bewohnt worden.

Ich habe dieses Zimmer noch nie gesehen, erkenne aber die Wände – wie sollte ich nicht. Die helle Cremefarbe, die prunkvollen Schnitzereien: Es ist der Königspalast in Vetris. Wie bin ich hergekommen? Ich will die Füße auf den Boden stellen, aber etwas Metallisches reißt mich zurück. Ketten. Jemand hat meine Arme und Beine an die schwere Couch gekettet.

»Nun«, sage ich zur Zimmerdecke, »öfter mal was Neues.« Ich reiße an den Ketten. »Echt sicher. Gefällt mir irgendwie.«

Einen Moment lang herrscht Stille und die Decke scheint fragend auf mich herabzustarren. Ich liege derweil mehrere Sekunden einfach nur festgezurrt da.

»Also gut.« Ich habe mich entschieden. »Ich hasse es.«

Ich drehe meinen Körper, so weit ich kann, und hole ordentlich Schwung. Wahrscheinlich bin ich nicht stark genug, um die Ketten zu zerreißen, aber wenn es mir gelingt, die Couch zu verrücken … Ich werfe mich zur Seite, die Couch kippt und ich lande mit einem Krachen auf dem Boden. Die Couch liegt jetzt auf mir und die Polster drohen mich zu ersticken. Die Ketten waren leider nicht unter der Couch befestigt, sondern sind mit den Holzbeinen verbunden.

Ich versuche, die Dinge positiv zu sehen, während ich Gänsedaunen aus dem Polster einatme. Ich lebe noch. Mir tut von der Anstrengung des Couchumkippens alles weh, aber meine Schnittwunden und Prellungen sind verheilt. Die Schwertwunde in der Brust, die Gavik mir zugefügt hat, ist verschwunden. Geblieben ist nur das Gefühl der Erschöpfung nach dem Kampf gegen Gaviks Männer.

Mein fester Entschluss, nicht in Selbstmitleid zu versinken, gerät ins Wanken. Gaviks Männer. Ihre Körperteile überall auf der Lichtung im Gras. Wie viele habe ich auf dem Gewissen? Bisher gingen fünf Tote auf mein Konto – ich habe die fünf Banditen getötet, die meine Eltern und mich umgebracht haben. Damals habe ich mir geschworen, niemals wieder zu töten. Und doch …

Ich schlucke meine Schuldgefühle hinunter. Eins nach dem anderen, Zera Y’shennria. Du solltest langsam wissen, dass es schwierig ist, Besserung zu geloben, wenn man in Ketten liegt.

Solange ich gefesselt bin, kann ich mich nicht bei Y’shennria melden. Wie viele Stunden mögen vergangen sein? Wahrscheinlich Dutzende, wenn man bedenkt, dass meine Wunden zurzeit langsamer heilen als sonst wegen der Verletzung, die Lucien mir versehentlich mit seinem Schwert aus weißem Quecksilber zugefügt hat, das bekanntlich alle magischen Fähigkeiten unterdrückt. Wahrscheinlich hat es Tage gedauert, die Wunden zu heilen, denn Nightsinger ist weit weg und ich bin deutlich schwächer als sonst.

Möglicherweise hat Y’shennria Nightsinger schon berichtet, dass ich aufgeflogen bin – sie kann jetzt jeden Augenblick mein Herz zerspringen. Im Gegensatz zu den meisten anderen ist meine Hexe freundlich. Sie will mich nicht zerspringen, aber sie muss davon ausgehen, dass ich erwischt wurde und bis in alle Ewigkeit von den Menschen gefoltert werde.

Und das ist … nicht allzu weit hergeholt. Dass ich nicht im Kerker liege, ist ein gutes Zeichen. Aber dass ich im Palast aufgewacht bin, kann alles Mögliche bedeuten. Prinzessin Varia und Lucien haben mich vermutlich hierhergebracht, um mich zu verhören, und das könnte Folter bedeuten, falls ich nicht kooperiere. Und wenn sie fertig mit mir sind, wenn Lucien fertig mit mir ist, werden sie mich ohne Zweifel als Feindin der Menschheit auf dem Scheiterhaufen verbrennen. Abgesehen von dem kürzlich entdeckten weißen Quecksilber ist das Verbrennen die einzige Möglichkeit, wie Menschen die magische Selbstheilung eines Herzlosen verlangsamen können.

Ich begreife es immer noch nicht. Wieso hat der Prinz seine Schwester gebeten, mich zu verschonen – mich, die Verräterin? Warum wollte er, dass Varia beim König ein gutes Wort für mich einlegt?

Weil er etwas von dir will.

Die Stimme der roten Glut ist in meinem Kopf, seit ich zur Herzlosen wurde, seit drei Jahren. Es ist eine grausame, düstere Stimme, die jeden Herzlosen quält. Sie stürzt sich auf uns und füllt die Lücke, die entsteht, wenn uns eine Hexe das Herz nimmt und uns zu ihrem unsterblichen Handlanger macht. Die rote Glut kennt nur ein Ziel – sie will Menschen töten. Angefeuert wird sie von meiner Traurigkeit, meinem Schmerz, und nur die Magie meiner Hexe vermag sie im Zaum zu halten. Aber sie versucht Tag für Tag, mich zu zerbrechen. Doch was sie eben gesagt hat, klingt ziemlich vernünftig. Lucien ist ein logisch denkender Mensch, der seine Schwester niemals bitten würde, jemanden zu verschonen, der versucht hat, ihn umzubringen. Er muss etwas von mir wollen. Irgendetwas. Was könnte das sein, jetzt, da ich in seinen Augen eine Verräterin bin?

Dein Körper.

Ist das alles, was ich jetzt noch für ihn bin? Ein Ding, das man gefangen hält und nach Belieben benutzt? Ich kann Luciens Blick nicht vergessen, als ich die Männer angegriffen habe. Ganz zu schweigen von ihren entsetzten Blicken. Und das, nachdem ich mir geschworen hatte, dass ich niemals wieder töten würde.

Meine Augen füllen sich mit Tränen. »Na super«, schluchze ich. »Ich liege unter einer Couch und heule.«

Jämmerlich, spottet die Glut. Es ist besser so.

Und wieder hat die Stimme recht. Sterben ist die beste Lösung – dann muss ich Lucien nie wiedersehen. Ich werde nicht miterleben, wie er darunter leidet, dass ich sein Vertrauen in mich zerstört und ihn enttäuscht habe. Ich bin sicher, dass er Malachite und Fione sagen wird, dass ich eine Herzlose bin. Aber wenn ich sterbe, muss ich auch ihre enttäuschten Gesichter nicht mehr sehen. Nightsinger wird erfahren, dass ich versagt habe. Ich habe den Krieg nicht verhindert, wie ich es Y’shennria versprochen habe. Ich habe alle Menschen, die mir etwas bedeuten, enttäuscht. Ich habe auf ganzer Linie versagt.

Und jetzt werde ich dafür sterben.

Ich schließe die Augen und mache meinen bitteren Frieden mit dieser Tatsache.

»Tss, tss.« Jemand schnalzt missbilligend mit der Zunge. »Was hast du denn angestellt?«

Ich versuche, durch den schmalen Spalt zwischen Couch und Fußboden etwas zu erkennen, doch da hebt jemand die Couch von mir herunter und ich sehe fünf Paar Beine in Rüstungen – Beine von Palastwachen. Sie stellen die Couch zur Seite. Ich werde von den Ketten hochgerissen, die mir schmerzhaft Arme und Beine verdrehen. Aber wenigstens sehe ich jetzt, wer eben gesprochen hat – Prinzessin Varia höchstpersönlich, mit glänzendem, fein gebürstetem Haar. Sie trägt nicht mehr den schmutzigen Reiseumhang; ein enges purpurrotes Kleid schmiegt sich an ihren erwachsenen Körper. Sie ist doch erwachsen? Bislang kannte ich sie nur von ihrem Porträt, das sie als Jugendliche zeigt, und habe nicht daran gedacht, dass sie in all der Zeit, während der sie ihren Tod vorgetäuscht hat, natürlich älter geworden ist. Fünf Jahre älter, um genau zu sein. Sie mustert mich mit ihren dunklen Augen und mit einem leichten Lächeln schickt sie die Wachen weg.

Ich habe nichts zu verlieren. Ich habe bereits alles auf der Lichtung verloren.

»Ist das dein Zimmer?«, krächze ich. »Tut mir wirklich leid. Ich würde die Dellen im Fußboden gern wieder ausbügeln, aber ich fürchte, ich werde nicht mehr lange hier sein.«

Varia hebt eine Braue und kommt auf mich zu. »Lucien schläft, falls dich das interessiert. Malachite und Fione waren so freundlich, mich auf den neuesten Stand zu bringen. Ich wusste, dass du eine gewisse Kühnheit haben musst, um dich am vetrisischen Hof einzuschleichen, aber mit einem Sinn für Humor habe ich ehrlich gesagt nicht gerechnet.«

»Das macht nichts. Nachdem ich erlebt habe, wie es bei Hofe zugeht, hätte ich auch keinen Humor erwartet. Fanatischen Glaubenseifer? Ganz sicher. Schönheit? Ohne Ende. Die Fähigkeit, zwei Worte so miteinander zu verbinden, dass sie lustig sind? Kaum.«

»Das stimmt«, bestätigt Varia und geht langsam um mich herum. »Wir könnten dich als neue Hofnärrin engagieren. Aber das wäre eine Vergeudung deiner … Fähigkeiten

Sie hat wieder diesen gierigen Ausdruck im Gesicht und betrachtet mich eingehend. Das macht mir meine Lage schmerzlich bewusst – tief unter ihr. Sie ist eine Prinzessin und ich bin im besten Fall eine Kriegsgefangene. Ein Ding. Ein Körper. Sie kann mit mir machen, was sie will.

Ich beobachte, wie sie zum Ankleidetisch geht und eine der Puppen streichelt, die dort sitzen. Ihre zarten Finger sind danach voller Staub.

»Schande über dich und Schande über die Hexen, dass ihr meinen Bruder benutzen wolltet.« Sie seufzt leise. »Auch wenn ich zugeben muss, dass sie eine perfekte Wahl für diese Aufgabe getroffen haben. Du verkörperst alles, was ihm gefällt – blond, groß und nicht auf den Mund gefallen. Er war von Anfang an dazu verdammt, auf dich hereinzufallen. Und du hast natürlich mitgespielt, weil du überzeugt warst, dass deine Aufgabe ein Kinderspiel sein würde. Ein verbitterter junger Mann, gelangweilt und einsam. Leichte Beute für eine wie dich.«

Sie fasst genau das in Worte, was mich seit zwei Wochen quält. Ich versuche, ein Stück auf der Couch hochzurutschen.

»Wie viele habe ich …?« Mein trockener Hals ist wie zugeschnürt. »Wie viele habe ich umgebracht? Auf der Lichtung?«

Sie klopft sich den Staub von den Fingern. »Neun Wachen.«

Ich atme schwer. Vierzehn Männer.

Ich habe vierzehn Männern das Leben genommen.

Es werden noch Hunderte mehr sein, höhnt die Stimme.

Die Prinzessin spricht weiter. »Ich fand es merkwürdig – die Bäume haben mir gesagt, dass zwei Personen auf meine Lichtung gekommen sind. Eine davon war Lucien, daran war ich gewöhnt. Er ist fast jedes Jahr erschienen und hat nach mir gesucht.«

Ich will etwas sagen, vielleicht nur, um mich abzulenken. »Warum hast du dann nicht schon vorher mal Hallo zu ihm gesagt?«

»Dasselbe hat er mich gefragt.« Varia schüttelt den Kopf. »Als wenn die Antwort nicht klar auf der Hand liegen würde.«

»Gavik«, sage ich und mir fällt wieder ein, dass sie ihn zu ihrem Herzlosen gemacht hat. »Wo ist er jetzt?«

»In der Nähe«, antwortet die Prinzessin vage. »Wie auch immer – diesmal habe ich Lucien mit einem Mädchen auf meine Lichtung kommen sehen und ich habe euch beobachtet. Anfangs war ich begeistert, dass mein Bruder offenbar über meinen Verlust hinweggekommen war und sich verliebt hat. Und dann musste der erbärmliche Gavik auftauchen. Und wie ein vom Alten Gott geschicktes Wunder hast du getan, was ich nicht konnte. Nach all den Jahren, in denen ich ihn gehasst habe, geschah endlich das, wovon ich immer geträumt habe. Du hast ihn aus Vetris weggelockt, fort vom Sitz seiner Macht, und warst dann noch so freundlich, ihn umzubringen. Ich brauchte mich nicht länger zu verstecken. Das ist der einzige Grund, warum ich auf Luciens Bitte eingegangen bin und Vater gebeten habe, dich zu verschonen – du hast mich befreit, und deswegen werde ich dafür sorgen, dass Vater dich nicht foltern lässt. Gern geschehen.«

»Das habe ich nicht alles allein getan.« Ich zwinge mich zu einem dünnen Lächeln. »Es war Fione, die ihn aus Vetris weggelockt hat.«

»Das habe ich gehört«, sagt Varia nachdenklich. »Lucien … er war schon immer leicht zu durchschauen. Er war verknallt in dich, das weißt du. Das habe ich ihm angesehen, auf dieser Lichtung, bevor du dich gegen ihn gewendet hast. Aber sein Herz hat dir nicht gereicht, richtig? Du hast alles genommen, was er dir geben konnte, und es dann unter ein Kutschenrad geworfen.«

Ihre Worte hätten ebenso gut vergiftete Pfeile sein können, die mir Löcher durch den ganzen Körper brennen. Ich zucke zusammen, die Ketten rasseln. Plötzlich kniet sie neben mir und hebt mein Kinn, sodass mein verschämter Blick direkt in ihre Augen fällt. Sie sind genauso wie die von Lucien – tiefschwarz.

»Ich habe fünf Jahre bei den Hexen gelebt, Herzlose. Ich kenne ihre Geheimnisse. Ich kenne ihre Kräfte. Ich weiß, wie sie an deinen Strippen ziehen, um dich zum Tanzen zu bringen.«

Als ich ihr antworte, schmerzt mich jeder Atemzug. »Beleidige mich ruhig, solange du noch kannst. Meine Hexe wird mich jeden Augenblick zerspringen. Das haben wir vereinbart – wenn ich mich nicht melde, geht sie davon aus, dass ich erwischt wurde, und gibt mir den Gnadentod. Es sind schon Tage vergangen. Mein Tod steht unmittelbar bevor.«

»Tage?« Sie lacht mir ins Gesicht. »Du glaubst, dass Tage vergangen sind?« Meine Muskeln sind gespannt wie eine Bogensehne. Varia lässt mein Kinn los und ihre kühlen Finger streichen noch einmal über meine Haut, als sie sich aufrichtet. »Nightsinger, richtig? Das ist der Name deiner Hexe?«

Da ist etwas in ihrem selbstbewussten Ton, das mich nervös macht.

»Wusstest du …« – die Prinzessin nimmt erneut die Puppe in die Hand, die sie zuvor schon berührt hat –, »dass ein Herzloser niemals den Namen seiner Hexe aussprechen darf, wenn eine andere Hexe anwesend ist?«

Sie dreht liebevoll einen Finger in die Locken der Puppe. »Natürlich weißt du das nicht. Wenn ein Herzloser diesen Namen laut ausspricht, erteilt er damit anderen Hexen die Erlaubnis, sich stehlen zu lassen. Wir können die Worte benutzen, um einen Zauber daraus zu machen und so den Besitzerwechsel vorzunehmen. Aber das hat dir Nightsinger nie gesagt, oder?«

Mein Magen krampft sich zu einem kalten Klumpen zusammen. Varia wirbelt die Puppe herum, als würde sie mit ihr tanzen.

»Warum sollte sie auch? Sie lebt nicht mit den anderen in Windonhigh, der letzten Hexenzuflucht, sondern beharrt stur darauf, allein im Wald zu hausen. Da sind keine anderen Hexen, die dich stehlen könnten. Sie wusste, dass es in Vetris keine Hexen gibt, die dir gefährlich werden könnten. Anscheinend wollte sie dir unbedingt die Illusion vermitteln, dass du nicht an sie gekettet bist. Das war zwar nett von ihr, aber ziemlich sinnlos, denn damit hat sie dein Schicksal besiegelt.«

Varia hört abrupt auf herumzuwirbeln und lässt die Puppe fallen. Ihr Porzellankörper zerspringt in tausend Teile und Splitter von Armen und Beinen fliegen überall im Raum herum. Einer trifft meine Wange und mir läuft heißes Blut übers Gesicht. Aber die Scherbe hat mein Gesicht kaum verletzt, da spüre ich auch schon das bekannte Gefühl einer heilenden Wunde, blitzschnell geschlossen durch Magie. Wesentlich schneller als bei Nightsinger. Wesentlich schneller als jede Magie, die ich bisher erlebt habe. Die Übelkeit in meinem Magen wird zu blankem Entsetzen. Ich schaue zu Varia auf und sie grinst auf mich herab.

»Herzlichen Glückwunsch, Zera. Du bist jetzt die zweite Herzlose der Lachenden Tochter.«

Mein Gehirn ist wie erstarrt und ich brauche ein paar Sekunden, um den Schock zu überwinden und wieder denken zu können. Es sind nicht Tage vergangen. Ich bin sofort geheilt worden. Wäre ich immer noch Nightsingers Herzlose, hätte es viel länger gedauert.

»Nein«, stoße ich hervor.

»Doch«, erwidert Varia ruhig.

»Das kannst du nicht tun«, fauche ich. »Die Crimson Lady, dieser Turm da draußen, würde jeden deiner Zauber sofort erkennen …«

»Ich habe jemanden, der sich darum kümmert«, sagt sie und kickt gelangweilt die Scherben der Puppe durchs Zimmer. »Ich musste nur von den Toten auferstehen und ein bisschen betteln, und es war wirklich erstaunlich, wie bereitwillig mein Vater, der König, jemandem meiner Wahl die Aufsicht über diese rote Scheußlichkeit übertragen hat.«

Sie hat jemanden in der Crimson Lady, dem von Wissenschaftlern kontrollierten Turm, der Vetris schützen soll, indem er jede Form von Magie und jede Hexe aufspürt. Ich weiß nicht genau, wie es funktioniert, aber er fühlt Magie, und die Wachen nehmen Verhaftungen vor anhand der Informationen, die sie über die Wassersprecher bekommen. Dieses weitverzweigte System aus Rohren durchzieht die ganze Stadt und befördert Nachrichten wie der Blitz von einem Ort zum anderen – was bedeutet, dass die Wachen ebenso schnell reagieren können. Wenn Varia jemanden im Turm hat, der diese Informationen für sie abfängt …

»Dann weiß niemand«, flüstere ich, »dass du eine Hexe bist?«

Varia lächelt selbstgefällig. »Nur du und Lucien. Aber ich nehme an, dass Lucien es auch seinem Leibwächter sagen wird – wie heißt er doch gleich? Mallory?«

»Malachite«, fauche ich.

»Ach ja.« Sie zuckt mit den Schultern. »Wenn die Zeit reif ist, werde ich es auch Fione sagen. Aber was schwatzen wir über unbedeutende Personalien, obwohl es so viel zu tun gibt? Es droht ein Krieg, und du wirst mir helfen, ihn zu verhindern. Aber diesmal ohne den verrückten Versuch, meinem Bruder das Herz zu stehlen. Mein Plan ist sicherer, denke ich, und diesmal sitzen dir die Hohen Hexen nicht im Nacken.«

Sie kommt zu mir und löst die Ketten an meinen Armen und Beinen. Ich bin so damit beschäftigt, mich auf meine müden Füße zu kämpfen, dass ich die Tunika und die lange Hose, die sie mir zuwirft, erst erwische, nachdem sie mir ins Gesicht geflogen sind. »Zieh das an. Wir können dich nicht in blutverschmierten Kleidern herumlaufen lassen. Das würde mein Volk erschrecken.«

Ich stehe einfach nur da, gelähmt vor Angst. Mein Blick wandert über die Nähte meiner neuen Sachen, die Risse in dem blutverkrusteten Kleid, das ich trage, und über meine Haut, die durch die Risse zu sehen ist. Ich bin nicht länger Nightsingers Herzlose. Varia hat gewaltsam Besitz von mir ergriffen. Es war leichter, mich mit dem Tod abzufinden, als mit meinen Fehlern weiterleben zu müssen. Meinem Verrat. Und jetzt? Jetzt muss ich weitermachen, muss den Leuten ins Gesicht sehen, die ich verletzt habe.

Und das ist viel schlimmer, als zu sterben.

»Worauf wartest du?« Varias Worte dringen langsam zu mir durch. »Zieh das an. Wir haben noch einiges vor. Zwing mich nicht, dir jetzt schon einen Befehl erteilen zu müssen.«

Einen Befehl.

Hexen können ihren Herzlosen befehlen, zu tun, was immer sie wollen. Nightsinger hat mir das nie angetan und auch ihren anderen Herzlosen nicht – den süßen Kindern Crav und Peligli. Verdammt – Crav und Peligli. Werde ich sie jemals wiedersehen? Ich beiße mir auf die Lippe und versuche mich zu konzentrieren. Varia ist nicht Nightsinger. Ich habe gesehen, wie sie Gavik herumkommandiert hat. Ich habe ihrem Bruder wehgetan. Theoretisch kann sie mir befehlen, von einer Klippe direkt in das Maul eines hungrigen Hais zu springen, und ich hätte keine andere Wahl, als es zu tun.

Meine Arme und Beine fühlen sich an wie eingerostet, deshalb dauert es eine Weile, das zerfetzte schwarze Kleid gegen Hose und Tunika zu tauschen. Das goldene Herzmedaillon ruht noch immer zwischen meinen Schlüsselbeinen, schwer und irgendwie tröstlich. Ich weiß nicht, ob es noch funktioniert – mir erlaubt, mich zwei Kilometer von meiner Hexe zu entfernen –, aber es um den Hals zu tragen, verleiht mir eine merkwürdige Stärke und wärmt meine kalten, angststarren Knochen. Ich habe eine neue Hexe, es ist ungewiss, was geschehen wird, aber mein Medaillon ist mir geblieben.

Nachdem ich umgezogen bin, taucht plötzlich eine Palastwache auf und reicht mir Vaters rostiges Schwert. Ein Blick auf den abgestoßenen Griff lässt mich aufatmen. Es ist das Letzte, was mir von meinen Eltern geblieben ist, und hier, am Ende der Welt, wie ich sie bislang kannte, und dem Beginn einer neuen, könnte ich mir nichts Besseres wünschen, das mich aufrecht hält. Ich ergreife es und befestige es am Gürtel. Jetzt fühle ich mich doppelt geschützt, obwohl ich weiß, dass es nur eine Illusion ist. Varia zeigt auf ein Paar schwarze Stiefel, und während ich sie zuschnüre, beobachte ich die Prinzessin aus dem Augenwinkel. Ich bin kaum fertig, da geht sie auch schon zur Tür und bedeutet mir, ihr zu folgen.

Der Palast müsste anders aussehen – so anders, wie sich mein Leben anfühlt –, aber das tut er nicht. Das Mondlicht fällt immer noch durch die Fenster auf die dicken roten Teppiche und die Statuen halb nackter Frauen mit Speeren. Die Wachleute vor jeder Tür verbeugen sich vor der Prinzessin, und sie nickt ihnen so königlich zu, als wäre sie nicht fünf Jahre fort gewesen. Mir werfen sie misstrauische Blicke zu – Lady Zera Y’shennria bei der Prinzessin? –, aber sie stellen keine Fragen. Varia geht vor mir, und meine Füße, die sich wie Holzklötze anfühlen, versuchen mit ihr Schritt zu halten, während sich die Gedanken in meinem Kopf überschlagen.

»Ich habe Vater gesagt, dass du eine Herzlose bist«, bemerkt die Prinzessin freundlich. »Er hat befohlen, diese Tatsache geheim zu halten, damit keine Panik ausbricht. Ich habe ihm auch gesagt, dass deiner Hexe sehr daran gelegen ist, dass du am Leben bleibst, und ihm versichert, dass du keinerlei Geheimnisse aus Vetris an sie ausplaudern kannst. Aber ich bin sicher, dass er dich irgendwann zu Gaviks Tod befragen wird. Du wirst ihm natürlich nichts sagen.«

»Das kann ich nicht versprechen«, gebe ich zurück. »Ich bin ein notorisches Plappermaul. Ich werde ihm sagen, dass du eine Hexe bist. Auch wenn du mir befiehlst …«

»Ich werde dir nicht befehlen, den Mund zu halten«, sagt sie ungerührt. »Das ist nicht nötig, weil du niemandem ein Wort sagen wirst, schon gar nicht ihm.«

Sie scheint felsenfest überzeugt zu sein. Wie ist das möglich? Weiß sie, dass ich weinen kann? Reginall, Y’shennrias Butler und Veteran des Sonnenlosen Krieges, hat mir die Grundzüge einer Technik beigebracht, die die Herzlosen aus Verzweiflung während des Krieges entwickelt haben. Eine Handvoll Herzlose hat es geschafft, sich den Befehlen ihrer Hexen zu widersetzen und nicht mehr zu kämpfen und zu töten. Sie nannten es Weinen, weil einem dabei die ganze Zeit blutige Tränen aus den Augen laufen. Auch wenn es nur vorübergehend ist, verstummt die Stimme der roten Glut während des Weinens. Sie wird nicht gedämpft, wie beim Verzehr von rohem Fleisch, sie verschwindet.

In diesen Augenblicken ist der Herzlose frei und kann tun, was immer er will; dabei spielt es keine Rolle, was die Hexe ihm befohlen hat oder was ihm die fanatische, blutrünstige rote Glut in die Ohren schreit. Das Weinen macht den Herzlosen fast so menschlich, als hätte er sein Herz zurückbekommen. Ich habe an dem Abend auf der Lichtung geweint, nachdem ich Gavik und seine Männer getötet hatte und mich auf Lucien stürzen wollte. In diesem Moment ist es mir gelungen, zu weinen und das Monster in mir in Schach zu halten, bevor es den Prinzen töten konnte.

Hat Varia das gesehen? Reginalls Bericht zufolge haben es die Hexen im Sonnenlosen Krieg gehasst, dass ihre Herzlosen in der Lage waren, sich ihnen zu widersetzen. Alle, die es geschafft hatten, wurden zersprungen – ihre Herzen zerstört, was den Herzlosen sofort tötet. Wenn ich nicht enden will wie sie, muss ich meine Karten mit Bedacht ausspielen.

Beinahe wäre ich stehen geblieben. Kann ich überhaupt noch weinen? Weinen besteht aus zwei Phasen: Zuerst muss man jeden Gedanken verbannen und den Kopf ganz frei bekommen, und dann ist es unerlässlich, dass man von einer Klinge aus reinem weißem Quecksilber verletzt wird. Meine alte Verbindung zu Nightsinger wurde sofort schwächer, als Lucien mich beim Duell versehentlich mit seinem Quecksilberschwert geschnitten hat. Aber die neue magische Verbindung zwischen Varia und mir ist nicht durch weißes Quecksilber gedämpft. Sie ist stark und lebendig.

In meinem Magen rumort es, als wir an lauter bekannten Räumen vorbeikommen – dem Bankettsaal, dem Thronsaal, der Halle der Zeiten mit ihren prächtigen Fenstern aus buntem Glas. Schließlich erreichen wir die Eingangshalle. Überall glaube ich Lucien zu spüren und muss daran denken, wie wir uns zum ersten (eigentlich zum zweiten) Mal getroffen haben. Da war ich eine andere Person: ein Monster, das sich als Mensch ausgibt. Damals hat er mich akzeptiert.

Und mich dann geliebt.

Meine Nerven liegen blank – ich habe in diesem Palast zwei Wochen lang gefürchtet, enttarnt, verachtet und verabscheut zu werden. Ich sehe mich hektisch um; die Furcht, Lucien zu begegnen, lässt mich nicht los.

Wie muss er mich jetzt hassen.

Der einzige Mann, für den mein Unherz jemals geschlagen hat, hasst mich.

Dieser Gedanke versucht mich noch wütender zu machen, als es die rote Glut kann. Er greift mit langen Fingern nach mir, will mich quälen, mich zerstören, aber um ihn zu verdrängen, konzentriere ich mich auf die Details der Marmorstatuen, die Fasern der prunkvollen Teppiche, die Blütenblätter der Treibhausblumen in den Vasen. Das Gemälde des Neuen Gottes Kavar in der Eingangshalle leuchtet im matten Licht. Die Waage in seinen langen Fingern neigt sich, und die vielen hundert Augen, die in seine göttliche Haut tätowiert sind, starren auf mich herab, als wollten sie mir sagen: Du entgehst deiner gerechten Strafe nicht. Du wirst für das büßen, was du getan hast. Vierzehn Männer. Einer für jeden Finger meiner Hände und noch ein paar mehr.

Varia deutet auf die riesigen Eichenholztüren, die die Palastwachen bereits für sie geöffnet haben. Draußen vor den großen Stufen der Treppe erwartet uns eine Kutsche mit schwarzen Beschlägen.

»Los, beeil dich. Ich will dir etwas zeigen.« Sie rafft ihre Röcke, rauscht an mir vorbei und schreitet die Treppe hinunter. Jeder ihrer Schritte entspricht so perfekt der Etikette des vetrisischen Hofes, dass vermutlich sogar Y’shennria beeindruckt wäre.

Y’shennria.

Sie lässt dich hier verrotten, faucht die Stimme. Sie hat dich im Stich gelassen, um ihre eigene Haut zu retten.

Mein Unherz sinkt. Ich steige in die Kutsche und setze mich Varia gegenüber. Ihre Haltung ist makellos. Ich kann Y’shennria nicht vorwerfen, dass sie mich aufgegeben hat, aber ein Teil von mir will es tun. Ein Teil von mir will schreien und wüten, weil das alles so ungerecht ist. Ich wollte doch nur mein Herz zurück. Ich habe versagt. Warum muss ich dafür büßen? Warum muss ich weiterleben, wieder an eine Hexe gekettet? Ich bin unglaublich wütend. Ich habe panische Angst. Und ich will nicht allein sein.

Nightsinger, Crav, Peligli – wo sind sie jetzt? Werde ich sie jemals wiedersehen?

Ich hebe den Kopf und schaue in Varias lächelndes Gesicht. Ihr schwarzes Haar schimmert im Mondlicht. Sie wendet den Blick vom Kutschenfenster ab, sieht mich an und ihr Lächeln wird breiter. Gelassen. Selbstzufrieden. Sie hat alles unter Kontrolle. Sie ist genau das Gegenteil von mir.

Auch die Stadt hat sich kein bisschen verändert, seit ich sie verlassen habe. Die eisernen Talismane drehen sich an jedem Dachvorsprung und jeder Regenrinne – ein Halbmond mit drei Linien darin. Das Auge von Kavar. Sogar hier starrt mich der Menschengott an. Der Turm des Tempels von Kavar überragt die Gassen, durch die wir fahren. Betrunkene wanken aus den Tavernen und grölen Kirchenchoräle und schmutzige Lieder.

Was immer Varia mir zeigen will, scheint sich nicht in der Innenstadt zu befinden. Die Kutsche bringt uns an einen Ort, den ich für das südliche Stadttor halte. Öllampen beleuchten das verschlossene Tor, und man hört das gedämpfte Gemurmel der Händler, die noch vor Tagesanbruch mit ihren Karren aus Vetris aufbrechen wollen. Die Prinzessin hat auf der ganzen Fahrt kein Wort gesagt, bis die Kutsche vor dem Tor abrupt zum Stehen kommt.

»Wir sind da.« Mit einer Handbewegung fordert sie mich zum Aussteigen auf. »Versuch dich von deiner besten Seite zu zeigen.«

»Oh, ich versuche es bestimmt«, murmle ich und schwinge die Beine aus der Kutsche. »Und ich werde garantiert versagen.«

Wir tauchen in die Menschenmenge ein, und während ich mich durchdränge, um Varia zu folgen, fällt mein Blick auf das riesige schmiedeeiserne Stadttor. Zehn Wachposten stehen davor, auf der Mauer oberhalb des Tors weitere zwanzig – nein, dreißig Wachen in schimmernder Rüstung, die wie Geier auf die Menschenmenge hinunterstarren. Die Mauer rund um Vetris mag Hexen und Banditen draußen halten, aber es sind die Stadtwachen, die in der Dunkelheit niemanden hinauslassen.

Kurz denke ich daran zu flüchten. Doch selbst wenn es mir gelingen sollte, auf die Mauer zu klettern und an den dreißig Wachen vorbeizukommen, ohne von Speeren durchbohrt zu werden, könnte mich Varia mit einem Befehl aufhalten. Und ich weiß nicht, ob ich noch weinen kann. Aber wenn ich nicht flüchte …

Dann muss ich Lucien gegenübertreten. Fione. Malachite. Ich werde ihnen als Verräterin ins Gesicht sehen müssen. Als das, was ich wirklich bin – eine Mörderin. Eine Lügnerin.

Alles in mir will fliehen. Dort steht ein Gerüst an der Mauer. Ich könnte es schaffen. Ich würde rennen, als hinge mein Leben davon ab …

Varia bemerkt, dass ich zurückgeblieben bin, und dreht sich in der Menge nach mir um. Falls die Menschen sie erkennen, lässt es sich niemand anmerken. Aber wie sollten sie? Sie ist vor fünf Jahren das letzte Mal gesehen worden und zu einer jungen Frau geworden, stark und stolz.

»Komm schon«, drängt sie. »Es gibt viel zu tun.«

Ich weiche langsam zurück und meine Füße bewegen sich auf das Gerüst zu. Ich muss es versuchen. Ich kann Lucien nicht unter die Augen treten. Nicht jetzt. Nicht seitdem er mich für ein Ungeheuer hält. Vielleicht blufft Varia nur, vielleicht ist sie überhaupt nicht meine neue Hexe, vielleicht stimmt nichts von der Sache mit dem Besitzerwechsel-Zauber und ich kann auf dieses Gerüst springen. Das Einzige, was noch zwischen mir und der Freiheit liegt, ist diese weiße Mauer mit dem hölzernen Gerüst und den hölzernen Leitern, die nach oben führen.

»Tu das nicht.« Varias Stimme nimmt einen härteren Tonfall an. »Zera – ich warne dich.«

»Wieso?«, höhne ich. »Hast du Angst, dass du vielleicht doch nicht meine Hexe bist? Dass ich verschwinde?«

Ich mache auf dem Absatz kehrt, doch ihre nächsten Worte lassen mich erstarren.

»Du wirst mir folgen.«

Es ist nicht nur ihre Stimme. Es ist auch der tiefe, dunkle Ton, den ich schon kenne, der mein ganzes Wesen durchdringt. Varia und die rote Glut sprechen den Befehl gleichzeitig aus, und die Worte – ihre Bedeutung – durchströmen mich wie eisiges Flusswasser und nageln mich fest. Ich werde ihr folgen. Ich werde ihnen folgen – ihr und der Glut –, bis ich niemandem mehr folgen kann.

Wieder mache ich auf der Stelle kehrt, diesmal in Varias Richtung, und es fühlt sich an, als hätte ich meinen Körper verlassen, als würde ich über mir schweben und alles beobachten wie ein Theaterstück, mir selbst zusehen, wie ich brav hinter der Prinzessin hertrotte, die sich immer weiter durch die Menschenmenge schiebt.

Sie ist meine Hexe.

Jeder Schritt meiner Stiefel auf dem Kopfsteinpflaster hämmert es mir auf schreckliche, unentrinnbare Weise ein.

Prinzessin Varia d’Malvane von Cavanos – die Lachende Tochter – ist meine neue Hexe.

3 – Der Weiße Wyrm und der Eisensprecher

3
Der Weiße Wyrm und der Eisensprecher

»Was weißt du über Alt-Vetris, Zera?«, fragt Varia, nachdem wir uns durch die Menschenmenge gedrängt und die Mauer erreicht haben, die um die ganze Stadt herumführt. Sie ragt vor uns auf, gigantisch hoch, und sie schimmert im Licht der drei Monde, doch ich habe kaum Zeit, ihre Schönheit zu betrachten, denn meine Füße folgen Varia, ohne dass ich etwas dagegen tun kann.

Unter dem Bann ihres Befehls kann ich immerhin mein Gesicht verziehen und den Kopf bewegen. Aber alles andere fühlt sich an wie eingeschlafen, als würden die Muskeln, die ich benutze, jemand anders gehören. Ich spüre sie zwar, aber irgendwie nicht richtig. Einmal war ich betrunken von dem heißen Met, den Nightsinger hinter ihrer Hütte gebraut hat, und das Gefühl, sturzbetrunken zu sein, ist ungefähr vergleichbar. Man ist da, aber eigentlich doch nicht. Hellwach und trotzdem nur in der Lage, sich auf die Lippe zu beißen und zu antworten. Am liebsten würde ich Varia jede Verwünschung an den Kopf werfen, die ich kenne, aber die Furcht siegt über meine Wut. Was, wenn sie mich für immer auf diese Weise kontrolliert?

Zumindest sind meine Stimmbänder nicht betroffen – ein Glück. Ich weiß nicht, was ich tun würde, wenn ich nicht mehr in der Lage wäre, pausenlos clevere Kommentare abzugeben.

»Nicht viel«, antworte ich.

Die Prinzessin bleibt vor einer Metalltür stehen, die in die Mauer eingelassen ist und von zwei mürrisch dreinschauenden Stadtwachen geschützt wird. Ich war noch nie so dicht an der Mauer und bin überrascht, dass sie Türen hat. Doch wenn ich darüber nachdenke, macht das Sinn, denn irgendwie müssen die Wachen nach oben gelangen, um auf der Mauer ihre Kontrollrunden zu drehen. Das eine Holzgerüst am Tor würde dafür nicht ausreichen.

Prinzessin Varia räuspert sich und sagt leise, aber deutlich: »Die Lachende Tochter begehrt Einlass.«

Mir bleibt keine Zeit zu staunen, dass Varia diesen Wachen ihren Hexennamen nennt. Vielleicht wissen sie nicht, dass er es ist, und halten es für eine Art Passwort. Jedenfalls richten sich die beiden sofort auf und treten von der Tür weg, um uns passieren zu lassen. Varia drückt die knarrende Tür auf und ohne mein Zutun folgen meine Füße ihr ins Dämmerlicht auf der anderen Seite.

Ich wende mich zu den Wachen um. »Sie ist eine He…«

Blitzschnell packt Varia mein Handgelenk. »Wenn du dein Herz wiederhaben willst, wirst du niemandem sagen, dass ich eine Hexe bin«, zischt sie.

Mein Herz? Ist das … ihr Ernst? Oder nur ein Trick? Wenn ich mein Herz hätte, könnte ich mich für immer von ihr befreien – und auch von der roten Glut. Ich bin nur wegen meines Herzens nach Vetris gekommen und habe den Prinzen verraten. Alles bis zu dem Moment auf der Lichtung habe ich nur für mein Herz getan.

Die Prinzessin schenkt den Wachen ein falsches Lächeln, dann schließt sie die Tür hinter uns. Sie hat mir nicht befohlen, den Mund zu halten, aber die vage Hoffnung, mein Herz zurückzubekommen, lässt mich schweigen. Schon wieder fühle ich mich angekettet – auch ohne sichtbare Ketten. Ich bin eine Gefangene in meinem eigenen Körper.

Ich versuche, nicht daran zu denken. Aber wie bei allem, an das man nicht denken will, ist das plötzlich alles, woran man denken kann. Sie kann mir alles Mögliche befehlen und ich wäre machtlos. Machtlos. Götter, wie ich das Wort hasse. Es nimmt mir jede Hoffnung; die rote Glut lacht mich aus und lässt es wieder und wieder in meinem Kopf hallen.

Machtlos, machtlos, höhnt sie, gib doch einfach auf.

Nein. Es muss etwas geben, das ich tun kann. Es muss einen Ausweg geben. Und wenn das bedeutet, dass ich niemandem sagen darf, dass Varia eine Hexe ist, dann ist das eben so. Die Vorstellung, noch weitere drei oder mehr Jahre als Herzlose leben zu müssen, ist unerträglich. Ich habe die Zeit im Wald kaum durchgehalten, obwohl dort wenigstens Crav und Peligli bei mir waren und eine Hexe, die mir keine Befehle gegeben hat. Ein zweites Mal und ganz auf mich gestellt, würde ich das nicht durchstehen.

Was immer ich dafür tun muss, ich will meine Freiheit.

Das stetige Tropfen von Wasser wird lauter, meine Augen gewöhnen sich schnell an die veränderten Lichtverhältnisse. Das Innere der Stadtmauer ist wie ein langer Tunnel, der sich in die Unendlichkeit erstreckt. Grelle Quecksilberlampen sind an die Messingträger genietet, die die Tunnelwand stützen. In der Mitte des Bodens verläuft eine offene Wasserleitung, auf beiden Seiten davon befinden sich Metallgitter, auf denen man laufen kann. Im Schein der Lampen kann ich sehen, dass das Metall im Laufe der Jahre leuchtend grün angelaufen ist.

Varia blickt sich zu mir um, doch ich kann in ihrem Gesicht nicht lesen, was sie denkt. Mit sicherem Schritt läuft sie über das rechte Gitter, als hätte sie diesen Weg schon tausendmal zurückgelegt. Vielleicht hat sie das – immerhin ist sie in Vetris aufgewachsen.

Meine Beine folgen ihr, doch mein Kopf bewegt sich unablässig, weil ich mir alles ansehen will. Auch hier im Tunnel sind Wachen, sie marschieren auf den Gittern hin und her, und gelegentlich taucht auch die braune Robe eines Wissenschaftlers auf. Eine Mauer dieser Größe muss bestimmt regelmäßig gewartet werden.

»Vor tausend Jahren trug das heutige Königreich Cavanos den Namen Alt-Vetris«, beginnt die Prinzessin, mir einen Vortrag zu halten. »Es erstreckte sich über den ganzen Nebelkontinent – vom Twisted Ocean zur Nördlichen Meerenge, von Feralstorm bis zum Avellischen Meer. Es war das größte Königreich der Welt.«

»Und da heißt es immer, Hexen wären nicht nett zu ihren Herzlosen«, entgegne ich und meine Stimme hallt von der hohen Metalldecke. »Doch von dir bekomme ich eine kostenlose, stinklangweilige Geschichtsstunde.«

Sie tut, als hätte sie mich nicht gehört. »Aber Alt-Vetris – das diese Stadt hervorgebracht hat – war nicht nur von Menschen bevölkert. Selbst heute wären wir nicht in der Lage, eine Mauer dieser Größe und Stärke zu errichten. Weißt du, wie das möglich war?«

»Magie, stimmt’s?« Ich puste mir eine lästige Haarsträhne aus dem Gesicht, denn meine Hände kleben wie angenagelt an meinen Seiten. »Menschen und Hexen haben das ursprüngliche Vetris erbaut und einträchtig zusammengelebt.«

Die Prinzessin wirft mir über die Schulter einen Blick zu. »Ah, du bist also doch ein bisschen klüger als ein Schulkind.«

Abrupt bleibt sie vor einer weiteren Metalltür stehen und öffnet sie. Dahinter befindet sich eine steile Wendeltreppe, die in absolute Dunkelheit hinabführt. Ohne das geringste Zögern betritt sie die Treppe und mein Körper folgt ihr, immer noch unter dem Bann ihres Befehls. Obwohl es stockdunkel ist, entzündet Varia kein Licht, schafft es aber trotzdem, sicher wie eine Katze hinabzusteigen. Genau wie ich.

»Hexen hassen die Menschen«, tönt ihre Stimme durch die Dunkelheit. »Menschen hassen die Hexen. Meinen Vater und die Hohen Hexen verbindet ein gegenseitiger Hass, der viel älter ist, als sich beide Parteien vorstellen können.« Sie bleibt kurz stehen und unsere Schritte hallen noch einen Moment lang nach. »Vater wird schon bald in den Krieg ziehen. Ob du das Herz meines Bruders für die Hexen geraubt hättest oder nicht, er wäre in den Krieg gezogen, da bin ich ganz sicher. Sein Vater hat vor ihm Krieg geführt und sein Großvater ebenfalls. Gegen Hexen zu kämpfen ist Lebenszweck der Cavanosier. Daraus resultieren ihre Traditionen, ihre Religion, ihre Kultur. Helkyris verehrt die Wissenschaften. In Avel ist alles Schöne von größter Wichtigkeit. Cavanos ist ein Reich des Krieges. Unser Leben beruht auf Töten.«

Sie lacht auf, kalt und verbittert. »Obwohl es jetzt nur noch wenige Hexen gibt, waren sie einst sehr mächtig. Die Menschen konnten sie nicht immer so dezimieren – noch vor hundert Jahren waren die Menschen eindeutig die Verlierer. Aber auch das Leben der Hexen beruht auf Krieg. Sie haben Spione eingeschleust und sich immer neue schreckliche Zauber ausgedacht, um zu töten, zu verwunden und zu vergiften. Es ist ihnen gelungen, ihre Städte so versteckt zu errichten, dass die Menschen sie niemals finden werden. Die Menschheit und die Hexen sind wie zwei Schlangen, die einander am Schwanz gepackt haben. Das weiß ich jetzt, nachdem ich bei beiden gelebt habe.«

Wir haben so viele Stufen zurückgelegt, dass mir die Knie wehtun, aber der Befehl zwingt mich weiter, egal, wie schmerzhaft es ist. Nach gefühlten weiteren tausend Stufen erreichen wir endlich Steinboden. Ich kann die Prinzessin kaum sehen, obwohl sich meine Augen längst an die Schwärze gewöhnt haben. Ich höre allerdings, dass sie stehen bleibt.

»Bevor Alt-Vetris entstand«, fährt sie fort, »waren die Aufzeichnungen von Cavanos schon voller Berichte über Schlachten zwischen Hexen und Menschen. Also stellt sich die Frage, was diese Todfeinde dazu gebracht hat, sich zusammenzutun und ummauerte Städte zu bauen. Was könnte sie gezwungen haben, gemeinsam ein Reich zu errichten, statt einander in Stücke zu reißen?«

Ich kenne die Antwort. Jeder, der in den letzten tausend Jahren ein Buch in die Hand genommen hat, kennt sie.

Hier unten ist es so dunkel, dass ich die Augen öffnen und schließen kann, ohne dass es einen Unterschied macht. Das Einzige, woran ich mich orientieren kann, ist das Geräusch von tropfendem Wasser, und dann ist da noch ein neues Geräusch, ein tönender, dumpfer Rhythmus, der von den Wänden widerhallt und immer lauter wird, je tiefer wir kommen. Vielleicht das Brummen irgendeines wissenschaftlichen Apparates? Aber das erklärt nicht, wieso es hier unten stockdunkel ist.

Schweigend gehen wir noch ein paar Meter weiter, und es sind schlurfende Schritte, das Scheppern von Rüstungen und kaum wahrnehmbare Stimmen zu hören. Celeon-Stimmen – ihre halb schnurrenden, halb zischenden Töne sind unverkennbar. Fünf, zehn – es sind bestimmt ein Dutzend von ihnen. Palastwachen vielleicht?

Es gibt auch unter den Stadtwachen einige Celeons, aber die meisten von ihnen dienen der Krone. Dass sie hier Wache halten, erscheint mir sinnvoll, denn sie sind muskelbepackt, haben ein ausgezeichnetes Gehör und können auch in vollkommener Dunkelheit perfekt sehen. Celeons sind katzenartige Echsenwesen, die einst ohne jede Empfindung waren. Doch durch einen fehlgeschlagenen Zauber können sie jetzt denken und fühlen. Seit jener Zeit hassen sie Hexen und haben sich deswegen mit den Menschen verbündet. Die hier unten wissen vermutlich nicht, dass Varia eine Hexe ist. Wahrscheinlich halten sie sie nur für ein Mitglied der königlichen d’Malvane-Familie, dem man gehorchen muss.

Varia muss stehen geblieben sein, denn auch meine Füße kommen ungewollt zum Stillstand.

»Euer Hoheit«, sagt eine Celeon-Stimme. »Wir wussten nicht, dass Ihr so früh kommen würdet. Yorl ist auf der Beobachtungsplattform und nimmt die Maße der Bestie. Ich kann ihn rufen, falls Ihr …«

»Das ist noch nicht nötig«, unterbricht ihn Varia gelassen. »Immer mit der Ruhe. Ich sage Bescheid, wenn ich etwas brauche.«

Aus allen Richtungen ist dasselbe klirrende, schlurfende Geräusch zu hören, als machten alle Celeons gleichzeitig dasselbe. Verbeugen sie sich?

»Wir Ihr wünscht, Euer Hoheit.«

Ich höre weiteres Geschepper von Rüstungen und Schritte, die an mir vorbeigehen und sich entfernen. Plötzlich spüre ich, wie mein Handgelenk gepackt wird, und Varia zischt mir ins Ohr.

»Du hast meine Frage nicht beantwortet, Zera. Was kann Hexen und Menschen vor all diesen Jahren dazu gebracht haben, Alt-Vetris gemeinsam zu errichten?«

In meinem Schädel hämmert es, und das Geräusch hat denselben schweren, tiefen Rhythmus, der die Dunkelheit erfüllt. Das ist kein Apparat. Dafür ist es zu groß. Es klingt zu … lebendig. Der Celeon hat eine »Bestie« erwähnt. Varias Frage, eine Bestie in der Dunkelheit. Aber das kann unmöglich sein …

Varias Stimme scheint aus weiter Ferne zu kommen, als sie jemandem befiehlt: »Tor öffnen!«

»Verzeihung, Euer Hoheit, seid Ihr sicher?«, fragt ein Celeon nervös. »Er ist gerade erst aufgewacht und sehr hungrig.«

»Tu, was ich sage«, fährt Varia ihn an. »Öffne das Tor.«

Das Kreischen von Metall, als etwas Schweres beginnt, sich zu heben, erschreckt mich fast zu Tode. Die Haare auf meinen Armen richten sich auf und ich habe am ganzen Körper eine Gänsehaut. Irgendetwas Gigantisches lässt den Boden so heftig beben, dass ich es in den Knochen spüre, und wenn ich nicht unsterblich wäre, hätte ich mir jetzt bestimmt vor Angst in die Hose gemacht. Der Gestank trifft mich wie ein Hammerschlag – ein Schwall stinkenden Todes, wie eine Wolke verfaultes Blut. Das Geräusch von Schuppen, die über den Steinboden scharren.

Erst jetzt, viel zu spät, begreife ich voller Entsetzen, dass dieses rhythmische Geräusch Atmen ist, so laut, dass es in meinen Ohren rauscht wie ein Wasserfall. Nein, das ist vollkommen unmöglich. Aber in meinem Hinterkopf meldet sich eine kleine panische Stimme: Wenn Gavik jahrelang einen unter dem East River Turm halten konnte …

Meine Füße bewegen mich vorwärts, folgen Varia auch diesmal ohne mein Zutun, obwohl ich vor Angst kaum Luft bekomme und am liebsten verschwinden würde. Plötzlich erscheint ein kleiner Lichtschimmer an einem von Varias Fingern. Es ist einer der Holzfinger, mit denen sie ihre echten ersetzt hat.

Die kleine Flamme verbreitet einen matten orangefarbenen Lichtkranz, der kaum die Dunkelheit durchdringt. Aber zumindest kann ich jetzt einen Blick auf das massive Metalltor erhaschen und auf den Sandboden, der sich unendlich weit in die Dunkelheit erstreckt. Varia macht noch einen Schritt vorwärts und ich entdecke Kratzspuren im Boden, unglaublich tief und unglaublich lang.

Ich schnappe so hektisch nach Luft, dass es wehtut. Das kann nicht …

Aus der Dunkelheit jenseits des kleinen Lichtkegels kommt etwas angekrochen und das Scharren der Schuppen wird immer lauter. Es ist riesig. Ich kann hören, wie riesig es ist – wie es die Luft verdrängt, um Platz für sich zu schaffen. Das rhythmische Atmen verstummt und auch ich halte den Atem an. Doch dann trifft mich ein Schwall heißer Luft so heftig, dass Staubwolken aufwirbeln, und ein Maul taucht in dem Lichtkegel auf.

Zähne. Hunderte. Tausende.

Ein Monster wie du, spottet die rote Glut.

Zähne mit gezackten Rändern, die alles zerfetzen können, jeder größer als mein ganzer Arm, und große Mengen Speichel, die auf den Boden triefen. Eine gespaltene Zunge, die über die Zähne hinausschießt und den Lichtschimmer zu schmecken scheint. Das ist nicht das gesamte Maul – nur ein kleiner Teil davon, ein Teil eines gigantischen wolfsähnlichen weißen Kiefers – es könnte Varia und mich mit einem Happs verschlingen. Ich kann keinen klaren Gedanken fassen, nur starr vor Angst zusehen, wie Varia ruhig dieses nur etwa einen Meter entfernte Riesenmaul mit ihren dunklen Augen betrachtet. Der heiße, widerliche Geruch nach vergammeltem Fleisch und verwesenden Innereien wird noch schlimmer, weil die Kreatur direkt vor uns atmet, jeder Atemzug so intensiv wie Ebbe und Flut.

»Die Antwort auf meine Frage, Zera.« Varia fährt gelassen mit ihrem Unterricht fort, während direkt vor ihr ein Schwall Geifer aus den Fängen der Bestie auf den Boden tropft. Das kleine Licht erhellt flackernd ihr Gesicht. »Was war es doch gleich? Was hat Menschen und Hexen dazu gebracht, sich zu vereinen? Manchmal bin ich wirklich ein bisschen zerstreut.«

Durch meine zusammengebissenen Zähne würge ich ein heiseres Wort hervor.

»V-Valkerax.«

Die Prinzessin ist mutiger als jeder andere, den ich kenne.

Das beweist die Tatsache, dass sie vor einem ausgewachsenen Valkerax steht, ohne einen Anflug von Panik im Gesicht.

Sie wirkt stolz, als wäre es eine Meisterleistung, diesen riesigen Wyrm hier unten einzusperren. Es kommt mir vor, als wollte sie mir das Vieh vorführen, wie ein Kind, das einen besonders schönen Käfer gefangen oder einen ausgefallenen Flusskiesel gefunden hat.

»Keine Angst, Zera.« Sie lacht sanft. »Ich versichere dir, er ist vom stärksten Gebräu ruhiggestellt, das die Wissenschaftler herstellen können, und außerdem binden ihn die frischesten Beneather-Runen. Wenn Gavik zu irgendwas nutze ist, dann um mir zu sagen, wie man einen Valkerax in Gefangenschaft am Leben erhält, ohne dass er einem den Kopf abbeißt.«

Da es so dunkel ist, kann ich keine eingravierten Beneather-­Runen in den Wänden sehen, aber zu wissen, dass sie da sind, beruhigt mich ein wenig. Die Beneather – Malachites Volk, das unter der Erde im Tiefen Dunkel lebt – sind die Einzigen, die wissen, wie man gegen die Valkeraxe kämpft, sie von der Erdoberfläche fernhält. Sie sind darin seit tausend Jahren geübt. Erst letzte Woche hat mir Malachite erklärt, dass Beneather-­Runen einen Valkerax fernhalten oder an einen bestimmten Ort fesseln können, indem sie ihn bei seinem wahren Namen nennen.

»Wie …«, hauche ich und sehe entsetzt zu, wie das Riesenmaul aus dem Lichtkegel verschwindet. Das Scharren der Schuppen und das laute Atmen verkünden, dass der Valkerax irgend­­wo anders hinkriecht. »Wie hast du …?«

Es gibt eine dumpfe Erschütterung, so heftig, dass die Kiesel vom Boden hochspringen, und Varia und ich zucken gleichzeitig zusammen.

Erleichtert nehme ich zur Kenntnis, dass die Prinzessin zurückweicht – also hat sie tief in ihrem Innern auch Angst vor diesem Monstrum. Sie steigt über die Schwelle des offenen Tors. Ich folge ihr zitternd, darauf hoffend, endlich von hier wegzukommen. Ein metallisches Kreischen sagt mir, dass sich das Tor hinter uns schließt.

»Das Wie ist zweitrangig«, sagt Varia, die im Schein ihres Finger-Lichts ein bisschen blasser wirkt, aber immer noch ernst und gefasst. »Es ist das Was, auf das wir uns konzentrieren müssen.«

Ich schlucke und atme die abgestandene Luft ein. »So was wie ›Was bei Kavars blutigem Augapfel hast du mit dem Ding vor?‹«

»Ganz recht. Yorl.« Sie dreht sich zu jemandem in der Dunkelheit um. »Was habe ich mit dem Ding vor?«

Wieder bleibt mein Unherz beinahe stehen. Jemand tritt in den Lichtkegel – ein Celeon, der ein paarmal blinzelt, um seine Augen an die Helligkeit zu gewöhnen. Er ist noch nicht ausgewachsen, seine Mähne ist zu kurz und stoppelig, seine Gesichtszüge sind zu schmal. Er wirkt dürr und schlaksig – wie ein Baum, der noch nicht in seine Rinde hineingewachsen ist. Die braune Robe, die er trägt (die Robe der Wissenschaftler, aber merkwürdigerweise ohne Werkzeuggürtel), hängt lose an ihm herunter. Im Dämmerlicht ist es schwer zu erkennen, aber ich glaube, sein Fell ist ockergelb, besetzt mit roten Schuppen auf Rippen und Beinen. An den breiten, dreieckigen Ohren trägt er zwei Reihen silberner Ohrringe. Unter dem Arm hat er ein Bündel Schriftrollen und in der Pfote hält er eine Schreibfeder. Außerdem trägt er eine Brille, deren Steg extrabreit ist, damit sie auf seine Katzennase passt.

»Wer ist das?« Der Celeon mustert mich mit gerunzelter Stirn und sieht dann die Prinzessin an. »Ich kann bei meinen Studien keine Ablenkung brauchen, Varia. Du hast mir nur einen Monat gegeben …«

»Sie ist die Herzlose, die du haben wolltest«, unterbricht ihn Varia, die es anscheinend nicht stört, dass er sie so vertraut anspricht. Wieder starrt mich der Celeon an und der Schein des Lichtkegels spiegelt sich in seinen Brillengläsern.

»Hi«, sage ich und befeuchte meine Lippen, die vor Angst ganz trocken sind. »Schönen Kerker hast du hier. Vermute ich jedenfalls. Besonders viel habe ich davon nicht gesehen, da du offenbar eine Abneigung gegen Innenbeleuchtung hast.«

Yorl glotzt mich schweigend an und wendet sich an Varia. »Ich hätte lieber Gavik als die Schwatzhafte.«

Das macht mich richtig sauer. Auch wenn ich nicht die geringste Ahnung habe, was hier vorgeht, ist jeder, der Gavik mir vorzieht, entweder eine furchtbare Person oder total gefühllos – vermutlich beides.

»Ja, das verstehe ich.« Die Prinzessin seufzt. »Gavik kann nicht weinen. Die hier kann es.«

Ich starre sie an. Also weiß sie vom Weinen. Das macht ihre Zuversicht, dass ich dem König nicht sagen werde, dass sie eine Hexe ist, noch unerklärlicher – es sei denn, sie glaubt, das vage Versprechen, dass ich mein Herz zurückbekomme, würde ausreichen, mich schweigen zu lassen. Und das stimmt. Aber lieber verrotte ich in der Hölle, als das zuzugeben.

»Im Ernst?«, höhnt Yorl. »Dieses Ding? Sie sieht aus, als wäre sie aus einem Abflussrohr gekrochen.«

»Und du siehst aus, als wärst du aus einem Keller voller Valkerax-Sabber gekrochen, aber beleidige ich dich deswegen?«, kontere ich. Es macht beinahe Spaß, sauer zu werden, statt deprimiert zu sein, und so lasse ich meiner Zunge freien Lauf. Doch Yorl verzieht angesichts meines Kommentars keine Miene, sondern starrt mich durch seine Brillengläser ungerührt an.

»Ihr werdet nicht streiten.« Varia räuspert sich und ihre Stimme klingt wieder vollendet königlich. »Uns bleibt nicht viel Zeit, um zu tun, was nötig ist. Bitte sag ihr, Yorl, wieso der Valkerax hier ist und wofür du sie brauchst.«

Yorl richtet seine smaragdgrünen Katzenaugen auf mich. »Du wirst dem Valkerax beibringen, wie man weint.«

Er spricht ganz normales Vetrisisch. Ich kenne jedes einzelne Wort, aber aneinandergereiht ergeben sie keinen Sinn. Ich beschließe, nur Luft zu holen, statt gleich loszuprusten. »Ich glaube, ich habe dich missverstanden. Was du gesagt hast, würde voraussetzen, dass Valkeraxe Herzlose sind. Aber ich bin absolut sicher, dass es auf der ganzen Welt kein Gefäß gibt, das groß genug ist für ein solches Riesenherz.«

Yorl reicht es, er dreht sich zu Varia um. »Ich werde ihr nicht alles von Anfang an erklären.«

Varia lächelt ihn nur an. »Vergiss nicht, dass ich die Einzige außerhalb der Schwarzen Archive bin, die dir den Titel des Wissenschaftlers verleihen kann, den du dir so sehnlich wünschst.«

Yorl verzieht das Gesicht. Ich habe noch nie einen Celeon-­Wissenschaftler gesehen. Palastwachen schon. Aber keine Wissenschaftler. Entweder gibt es nur wenige von ihnen oder, wie ich Vetris kenne, sie werden diskriminiert. Wenn das der Fall ist, stimmt es vermutlich, dass Varia eine der Wenigen ist, die ihm zu diesem Rang verhelfen kann.

Er dreht seinen gelben Kopf in meine Richtung und fängt mit monotoner Stimme an zu sprechen. »Vor tausend Jahren haben sich Menschen und Hexen gegen die Valkeraxe verbündet, die das Königreich zu zerstören drohten.«

»Ja, Alt-Vetris«, bestätige ich. »Das kannst du überspringen – ich bin nicht so dämlich, wie ich aussehe.«

Yorl starrt mich an, als wäre ich ein besonders langweiliger Gegenstand. »Mit der Erfahrung der Wissenschaftler und der Magie der Hexen fanden sie eine Möglichkeit, die Valkeraxe unter Kontrolle zu bringen.«

»Meinst du die Beneather-Runen?«, frage ich. Yorls Blick wird zu einem ausdruckslosen Starren und ich setze ein Lächeln auf. »Tut mir leid. Du hast das Wort. Aber langweile mich bitte nicht so sehr, dass ich ins Koma falle.«

»B

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