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Healing Hearts - Für immer in deinem Herzen

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Annabell Nolan
Crystal Lake - Diagnose Liebe
DIE SERIE:

Das Crystal Lake Medical Center in Aspen ist eine der renommiertesten Sport-Kliniken der Welt. Umgeben von verschneiten Berghängen, Skipisten und luxuriösen Villen rettet das beste Krankenhaus-Team der USA Tag für Tag Menschenleben. Vor allem Sportler, die auf dem Weg zur Spitze einen tiefen Fall hinnehmen mussten, gehören zu den Patienten im Crystal Lake - wo nicht nur Knochenbrüche, sondern auch Herzen geheilt werden. Denn hinter der nächsten Tür wartet oft schon die ganz große Liebe ...

ÜBER FOLGE 1:

Allana McGinty lebt für ihren Job. Als neue Leiterin des Crystal Lake Medical Center muss sie sich allerdings erst noch beweisen. Zum Glück hat sie den charismatischen Chefarzt Dr. James Raker auf ihrer Seite. Als Allana einen Zeitungsartikel liest, in dem das Crystal stark belastet wird, ahnt sie noch nicht, dass dies der Beginn ihrer härtesten Prüfung ist.
Währenddessen beginnt Leena Summers ihren ersten Tag als ausgebildete Orthopädin gleich mit einem schwierigen Fall. Mark Turner, erfolgreicher Snowboarder und wahnsinnig attraktiv, wird nach einem Sturz ins Crystal Lake eingeliefert. Von Beginn an knistert es gewaltig zwischen Leena und Mark. Seine arrogante Art stößt sie zwar ab, übt jedoch auch einen gewissen Reiz auf sie aus. Aber Leenas Herz wurde schon einmal gebrochen. Ist sie bereit, einer neuen Liebe eine Chance zu geben?


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Crystal Lake - Nebenwirkung Herzklopfen
ÜBER FOLGE 2:

Dunkle Wolken brauen sich über dem Crystal Lake Medical Center zusammen: Allanas Ex-Mann Ryan, ein erfolgreicher Anwalt, versucht alles, um der Klinik zu schaden. James und Allana kommen sich derweil immer näher. Können sie das Krankenhaus gemeinsam vor der drohenden Klage schützen?
Zur selben Zeit wird Daniel Porter im Rehazentrum des Crystal Lake behandelt. Der gutaussehende und ehrgeizige Eishockeyspieler muss rechtzeitig zum entscheidenden Meisterschaftsspiel wieder fit sein und mutet sich zu viel zu. Seine Physiotherapeutin Jane kennt sich mit schwierigen Patienten aus - aber Daniel stellt sie vor eine besondere Herausforderung. Sie fühlt sich auf Anhieb zu ihm hingezogen, und auch Daniel scheint Gefallen an der jungen Frau zu finden. Wäre da nur nicht Daniels intriganter Manager, der alles dafür tut, diese Beziehung zu verhindern ...

DIE SERIE:

Das Crystal Lake Medical Center in Aspen ist eine der renommiertesten Sport-Kliniken der Welt. Umgeben von verschneiten Berghängen, Skipisten und luxuriösen Villen rettet das beste Krankenhaus-Team der USA Tag für Tag Menschenleben. Vor allem Sportler, die auf dem Weg zur Spitze einen tiefen Fall hinnehmen mussten, gehören zu den Patienten im Crystal Lake - wo nicht nur Knochenbrüche, sondern auch Herzen geheilt werden. Denn hinter der nächsten Tür wartet oft schon die ganz große Liebe ...


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Crystal Lake - Notfall Liebeskummer
ÜBER FOLGE 3:

Allana und James sind endlich ein Paar. Als Kollegen versuchen sie, ihre Beziehung im Krankenhaus jedoch geheim zu halten. In der Zwischenzeit hat Ryan den Sportler Randall Murray letztendlich doch von einer Klage überzeugen können. Und Allana erfährt, dass James ihr etwas verheimlicht, was das Krankenhaus ruinieren könnte. Hat die junge Liebe trotz aller Widrigkeiten eine Chance?
Auf der chirurgischen Station muss sich Clare Hamilton mit dem arroganten Finnley Cooper herumschlagen. Der gutaussehende CEO macht allen Mitarbeitern des Crystal Lake das Leben schwer. Niemand außer Clare soll sich um ihn kümmern - deshalb stellt er sie kurzerhand als seine Privatschwester ein. Während der gemeinsamen Zeit erkennt Clare, dass hinter Finnleys harter Fassade ein liebevoller Mensch steckt. Die beiden kommen sich schnell näher. Doch Oberschwester Denise Keller hat ebenfalls ein Auge auf den CEO geworfen - und sie kämpft nicht immer mit fairen Mitteln ...

DIE SERIE:

Das Crystal Lake Medical Center in Aspen ist eine der renommiertesten Sport-Kliniken der Welt. Umgeben von verschneiten Berghängen, Skipisten und luxuriösen Villen rettet das beste Krankenhaus-Team der USA Tag für Tag Menschenleben. Vor allem Sportler, die auf dem Weg zur Spitze einen tiefen Fall hinnehmen mussten, gehören zu den Patienten im Crystal Lake - wo nicht nur Knochenbrüche, sondern auch Herzen geheilt werden. Denn hinter der nächsten Tür wartet oft schon die ganz große Liebe ...


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Crystal Lake - Symptom Glücksgefühl
ÜBER FOLGE 4:

Das Crystal Lake Medical Center steckt in der Krise. Der Ruf der renommierten Klinik ist angekratzt, und die Patientenzahlen sinken. Und auch privat kämpft Allana nach der Trennung von James mit ihren eigenen Dämonen. Als sie nach Wochen abends endlich wieder ausgeht, trifft sie jedoch einen gutaussehenden Fremden, der es schafft, sie von ihrem Kummer abzulenken. Aber wo hat sie dieses Gesicht nur schon einmal gesehen?
Bei einer gemeinsamen Physiotherapie lernen sich währenddessen Grace und Brad kennen. Die Eiskunstläuferin muss nach einem Sturz im Crystal Lake behandelt werden und fühlt sich sofort zu dem attraktiven Base-Jumper hingezogen. Doch nach dem Tod ihrer Mutter kann Grace nur schwer Vertrauen zu einem Menschen aufbauen, und auch Brads Vergangenheit holt ihn immer wieder ein. Werden die beiden es schaffen, die Hindernisse zu überwinden?

DIE SERIE:

Das Crystal Lake Medical Center in Aspen ist eine der renommiertesten Sport-Kliniken der Welt. Umgeben von verschneiten Berghängen, Skipisten und luxuriösen Villen rettet das beste Krankenhaus-Team der USA Tag für Tag Menschenleben. Vor allem Sportler, die auf dem Weg zur Spitze einen tiefen Fall hinnehmen mussten, gehören zu den Patienten im Crystal Lake - wo nicht nur Knochenbrüche, sondern auch Herzen geheilt werden. Denn hinter der nächsten Tür wartet oft schon die ganz große Liebe ...


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Crystal Lake - Prognose Traummann
ÜBER FOLGE 5:

Allana kann es nicht glauben: Der Fremde, der ihr schon seit Tagen nicht mehr aus dem Kopf geht, ist Randall Murray. Ausgerechnet der Mann, der das Crystal Lake verklagt. Seit ihrer Begegnung in der Vergleichsverhandlung kämpft sie mit ihren widerstreitenden Gefühlen. Sie kann sich doch nicht auf den Feind einlassen ... oder doch?
James widmet sich hingegen voll und ganz seinem Job, um sich von der Trennung und dem Trubel rund um das Krankenhaus abzulenken. Doch schon bald lernt er die Journalistin Charlotte kennen, die sich von ihm Informationen für einen Artikel zu neuen Behandlungsmethoden erhofft. Sofort sprühen die Funken zwischen den beiden. Aber Charlotte verbirgt etwas vor James - und dieses Geheimnis könnte nicht nur die Beziehung, sondern die Zukunft der gesamten Klinik gefährden ...

DIE SERIE:

Das Crystal Lake Medical Center in Aspen ist eine der renommiertesten Sport-Kliniken der Welt. Umgeben von verschneiten Berghängen, Skipisten und luxuriösen Villen rettet das beste Krankenhaus-Team der USA Tag für Tag Menschenleben. Vor allem Sportler, die auf dem Weg zur Spitze einen tiefen Fall hinnehmen mussten, gehören zu den Patienten im Crystal Lake - wo nicht nur Knochenbrüche, sondern auch Herzen geheilt werden. Denn hinter der nächsten Tür wartet oft schon die ganz große Liebe ...


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Crystal Lake - Befund Happy End
ÜBER FOLGE 6:

Das Schicksal des Crystal Lake Medical Center ist besiegelt: Nach der gescheiterten Vergleichsverhandlung wird der Streit um den Behandlungsfehler vor Gericht ausgetragen. Die Lage scheint aussichtslos - wäre da nicht das spürbare Knistern zwischen Allana und Randall Murray. Beide wehren sich gegen ihre Gefühle. Aber wie lange können sie einander noch widerstehen?
Währenddessen läuft langsam die Arbeit im neuen psychotherapeutischen Zentrum der Klinik an. Die junge Psychologin Emma Ross ist eine der ersten Mitarbeiterinnen. Und sofort hat sie es mit einem schwierigen Fall zu tun: Sean Morgan, erfolgreicher Quarterback, erholt sich im Crystal Lake von einem Autounfall. Nur langsam gelingt es Emma, zu ihrem schweigsamen Patienten durchzudringen. Doch sie merkt schnell, dass ein schreckliches Ereignis schwer auf ihm lastet. Nach und nach lernt sie Sean immer besser kennen - und entwickelt entgegen ihrer beruflichen Überzeugung Gefühle für ihn. Aber kann Sean seine Vergangenheit hinter sich lassen?

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Das Crystal Lake Medical Center in Aspen ist eine der renommiertesten Sport-Kliniken der Welt. Umgeben von verschneiten Berghängen, Skipisten und luxuriösen Villen rettet das beste Krankenhaus-Team der USA Tag für Tag Menschenleben. Vor allem Sportler, die auf dem Weg zur Spitze einen tiefen Fall hinnehmen mussten, gehören zu den Patienten im Crystal Lake - wo nicht nur Knochenbrüche, sondern auch Herzen geheilt werden. Denn hinter der nächsten Tür wartet oft schon die ganz große Liebe ...


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Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. 1. Kapitel
  7. 2. Kapitel
  8. 3. Kapitel
  9. 4. Kapitel
  10. 5. Kapitel
  11. 6. Kapitel
  12. Epilog

Crystal Lake – Die Serie

Das Crystal Lake Medical Center in Aspen ist eine der renommiertesten Sport-Kliniken der Welt. Umgeben von verschneiten Berghängen, Skipisten und luxuriösen Villen rettet das beste Krankenhaus-Team der USA Tag für Tag Menschenleben. Vor allem Sportler, die auf dem Weg zur Spitze einen tiefen Fall hinnehmen mussten, gehören zu den Patienten im Crystal Lake – wo nicht nur Knochenbrüche, sondern auch Herzen geheilt werden. Denn hinter der nächsten Tür wartet oft schon die ganz große Liebe …

Über diese Folge

Allana McGinty lebt für ihren Job. Als neue Leiterin des Crystal Lake Medical Center muss sie sich allerdings erst noch beweisen. Zum Glück hat sie den charismatischen Chefarzt Dr. James Raker auf ihrer Seite. Als Allana einen Zeitungsartikel liest, in dem das Crystal stark belastet wird, ahnt sie noch nicht, dass dies der Beginn ihrer härtesten Prüfung ist.

Währenddessen beginnt Leena Summers ihren ersten Tag als ausgebildete Orthopädin gleich mit einem schwierigen Fall. Mark Turner, erfolgreicher Snowboarder und wahnsinnig attraktiv, wird nach einem Sturz ins Crystal Lake eingeliefert. Von Beginn an knistert es gewaltig zwischen Leena und Mark. Seine arrogante Art stößt sie zwar ab, übt jedoch auch einen gewissen Reiz auf sie aus. Aber Leenas Herz wurde schon einmal gebrochen. Ist sie bereit, einer neuen Liebe eine Chance zu geben?

Über die Autorin

Nach etlichen ausgedehnten USA-Aufenthalten lebt und schreibt Annabell Nolan in Berlin, ihrer Stadt der Liebe. Die schönste Jahreszeit für sie ist der Frühsommer, wenn der Flieder betörend duftet und die Bienen durch ihren Garten summen. Dann schreibt sie im Schatten ihres knorrigen Apfelbaums, bis es Zeit wird, den Grill anzuzünden und mit ihrem Liebsten und guten Freunden bis spät in die Nacht zu plaudern.

Wenn Annabell nicht gerade neue Geschichten für Verlage, Funk und Fernsehen entwickelt, bummelt sie gern durch Berlins Schlösser und deren Gärten oder versinkt in moderner Kunst.

A N N A B E L L  N O L A N

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1. Kapitel

Um ihn herum war es schwarz und kalt. Nur sehr langsam kehrten die Farben vor seinen Augen zurück. Als Erstes das Weiß des Schnees, später dann das Grün der Tannen und das Blau des Himmels.

Seine Sonnenbrille musste er beim Sturz verloren haben. Ja, genau, er war gestürzt. Glücklicherweise war er wohl nur ein paar Minuten bewusstlos gewesen. Oder Sekunden?

Also schön, dachte er, der Reihe nach. Mein Name ist Mark Turner, und ich bin Snowboardfahrer. Amerikanische Olympiahoffnung. Ich sehe gut aus, und Emely Redding ist meine Verlobte.

So weit, so gut.

Er hob den rechten Arm. Alles dran. Dann den linken, ebenfalls in Ordnung. Fängt gut an. Vorsichtig wischte er sich mit dem Handschuh über das Gesicht. Nase, Augen, Mund, Zähne, alles da. Ein wenig Blut. Rasch zog er den Handschuh aus und betastete seine Wange. Eine Schürfwunde. Kein Problem, nichts Tiefes. Schon mal gut.

Was auch immer passiert war, sein Gesicht hatte keinen großen Schaden genommen, und das erleichterte ihn. Schließlich zierte sein Kopf die Dosen eines namhaften Sporterfrischungsgetränkes. Gebräunt und gutaussehend lächelte er darauf dem Trinkenden zu.

Linkes Bein noch dran.

Rechtes Bein … Ein stechender Schmerz durchfuhr seinen ganzen Körper. Rechtes Bein im Arsch.

Er schloss einen Moment lang die Augen, dann blinzelte er und suchte den strahlend blauen Himmel nach dem Helikopter ab, der ihn am Old Lady Ridge Bergkamm zum Training abgesetzt hatte. Als er ihn endlich entdeckte, begann er hilflos zu winken.

Ungläubig sah er dem kleiner werdenden Helikopter nach. Niemand hatte ihn gesehen.

Kälte kroch jetzt unter seine Skijacke und in seine Thermohosen. Was auch immer mit seinem Bein nicht stimmte – wahrscheinlich war es gebrochen –, so würde er es auf keinen Fall aus eigener Kraft ins Tal schaffen.

Hier würde ihn so schnell niemand finden. Das war keine offizielle Piste, deshalb hatte er sich ja hier absetzen lassen: um ungestört zu trainieren. Hastig sah er sich nach allen Seiten um. Natürlich war nichts und niemand zu sehen.

Was ihn auch erleichterte, denn in seinem Zustand wäre er ein gefundenes Fressen für jeden Bären oder wahrscheinlich sogar für einen Berglöwen.

Würde ihn überhaupt jemand finden? Würde ihn jemand vermissen? Vielleicht heute Abend das Hotel, in dem er abgestiegen war. Vielleicht in ein paar Tagen seine Verlobte oder auch sein Agent und Manager, aber bis dahin konnte er längst tot sein. Erfroren, vom Bären gefressen oder von einem Puma zerfleischt.

Ja, okay, das klang jetzt etwas melodramatisch, aber ganz von der Hand zu weisen war es nicht. Vorsichtig und unter großen Schmerzen robbte er auf dem Hang ein Stückchen aufwärts, bis er sich schwer atmend mit dem Rücken gegen einen Felsen lehnen konnte. Das war ein schöner Blick ins Tal, dachte er. Wie oft war es ihm nur darum gegangen, möglichst schnell unten anzukommen. Hatte er jemals diese unglaubliche Schönheit wirklich genießen können?

Die Sonne auf dem glitzernden Schnee, das leise Rauschen des Windes in den Bäumen, knackende Äste. Irgendwo sang ein Vogel tapfer gegen den Winter. Eine zauberhafte Welt, die er sehr vermissen würde, müsste er jetzt und hier sein Leben lassen.

Abgesehen von dieser Schönheit, würde ihn wirklich jemand vermissen?

Emely, weil er kein Geld mehr in die Kassen spülte. Roger, weil er keine Werbedeals mehr für ihn abschließen konnte. Seine Eltern? Ob ihnen überhaupt auffallen würde, dass er nicht mehr da war?

Seltsam, solange er sich über den Tod keine Gedanken gemacht hatte, war seine Welt völlig in Ordnung gewesen. Jetzt war ihm, als legte dieser verdammte Unfall die Finger in alle wunden Stellen seiner Existenz.

Das erste Mal in seinem Leben spürte Mark Turner so etwas wie Angst in sich aufsteigen.

*

Als Dr. Leena Summers die Schwingtür zur Notaufnahme des Crystal Lake Medical Centers aufstieß, atmete sie einmal tief ein. Krankenhausluft ist doch überall gleich, dachte sie. Und die Mischung aus Putz- und Reinigungsmitteln umhüllte sie wie ein vertrauter Kokon.

Zügigen Schrittes durchquerte Leena den Wartebereich, trat an den Stationstresen und lächelte Schwester Betty freundlich zu, die dahinter telefonierte und ihr mit einer knappen Handbewegung zu verstehen gab, dass Leena sich gedulden müsse.

Um Bettys Augen hatten die letzten Jahre feine Falten gezaubert, und sie hatte ein paar Kilo zugelegt, aber von ihr ging immer noch dieselbe Energie aus, die Leena schon als Jugendliche bewundert hatte.

Jetzt erst legte Betty auf, musterte Leena und runzelte ungläubig die Stirn, bevor sich ihre Züge zu einem breiten Lächeln entspannten.

»Leena?« Ihre helle Stimme klang erstaunt. Und dann fragte sie noch einmal, diesmal etwas lauter: »Leena? Das glaub ich nicht! Was …?« Behände stand sie auf, umrundete den Tresen, und bevor Leena sichs versah, hatte sie zwei Küsse auf jeder Wange. »Ich kann es immer noch nicht fassen!« Betty schob sie auf eine Armlänge von sich, um sie genau in Augenschein zu nehmen. »Die kleine Leena ist erwachsen geworden. Wie lange ist das her? Zehn Jahre? Meine Güte, dann bist du jetzt achtundzwanzig, oder? Was machst du denn hier? Ich dachte, du lebst in Chicago und hast die Nase voll vom Landleben. Das hast du jedenfalls immer gesagt, als du noch klein warst.« Bettys Spott war gutmütig, so wie eben Betty gutmütig war, dachte Leena.

»Heute ist mein erster Tag am Crystal Lake. Sei lieb zu mir, Betty.«

»War ich nicht immer lieb zu dir?« Entrüstet griff Betty nach Leenas Hand. »Hab ich dich nicht immer mit Muffins gefüttert und dir Stifte zum Malen gegeben, wenn du deinen Vater zur Visite an den Wochenenden begleitet hast? Ach, das freut mich so, du glaubst es nicht! Wenn dein Vater das jetzt sehen könnte …« Rasch schlug Betty die Augen nieder.

»Ja, ich weiß«, gab Leena leise zurück, »ich glaube, er wäre stolz auf mich.«

»Ja, das wäre er. Ganz sicher. Ich hab ihn nicht vergessen. Er war einer unserer besten Unfallchirurgen. Es vergeht kein Tag …«

»Für mich auch nicht.« Leena musste schlucken. Fünf Jahre lag der Verkehrsunfall ihres Vaters schon zurück, bei dem er sich so schwere Verletzungen zugezogen hatte, dass er drei Tage später im Crystal Lake Medical Center verstarb. Ein schwarzer Tag für Leena und ihre Mutter, aber auch für das gesamte Krankenhaus.

»Sieh dich an«, sagte Betty betont leichthin, »jetzt bist du selbst Ärztin. Und was ist mit deiner Stelle in Chicago?«

»Ich bin fertig mit meiner Ausbildung. Vor dir steht Dr. Leena Summers, Orthopädin und Sportmedizinerin.« Als sie es aussprach, wurde Leena von einer Woge von Stolz erfasst. Ja, kein Zweifel, sie hatte es geschafft. »Und ich wollte nach Hause zurück.«

»Gibt es nicht genug Schnee in Chicago?«, fragte Betty ironisch, und Leena begann zu lachen.

»Unmengen davon sogar, aber es gibt keine Berge, und das hat mir gefehlt. Die Luft, die Wälder und die Skipisten –«

Das schrille Läuten des Telefons unterbrach Leenas Aufzählung. Betty lehnte sich über den Counter.

»Notaufnahme, Crystal Lake Medical Center!«, meldete sie sich knapp, bevor sie die Sprechmuschel mit ihrer Hand bedeckte. Gerade als Leena sich umdrehen und nach einem der Klemmbretter greifen wollte, um den ersten Patienten des Morgens zu behandeln, spürte sie einen Ruck an ihrem Kittel.

»Leena, bleib hier. Der Rettungshubschrauber landet in vier Minuten!«

»Frag den Notarzt, was er bringt.«

Selbst nach all den Jahren Berufserfahrung an einem der größten Krankenhäuser Chicagos durchfuhr Leena jetzt ein unbestimmtes Gefühl der Anspannung, während sie Bettys Antwort lauschte.

»Snowboardunfall, sieht nach einer komplizierten Fraktur aus, sagt der Notarzt.«

Das zweite Mal an diesem Tag atmete Leena tief durch. Ein Beinbruch also ist mein erster Fall zu Hause, dachte sie, bevor sie ihr Stethoskop aus der Kitteltasche holte und es sich um den Hals hängte.

Vier Minuten können zäh verstreichen oder rasend schnell vergehen, so wie eben jetzt. Leena fuhr sich durch die dunklen kurzen Locken, während sie mit Betty und einem weiteren Pfleger hinter der Tür zum Dach der Klinik auf den Hubschrauber wartete. Leises Motorendröhnen drang in ihre Ohren, bis es immer lauter wurde und schließlich aufbrandete wie ein Orkan. Vor dem klaren Winterhimmel der Rocky Mountains senkte sich der Rettungshubschrauber langsam auf die Landesplattform.

Als Erster sprang der Notarzt aus der Tür, bevor zwei Sanitäter den Patienten auf der Trage nach draußen hoben.

Eisige Winterluft umfing Leena auf dem Dach, während der Notarzt auf sie zukam und ihr ein Klemmbrett in die Hand drückte.

»Hi, ich bin Dr. Pete Bowers, und Sie sind neu hier, stimmt’s?«, brüllte ein freundlicher, schlanker Mann Mitte fünfzig gegen die lärmenden Rotorblätter an.

»Ja, Dr. Leena Summers, mein erster Tag am Crystal Lake.« Leena lächelte freundlich.

»Freut mich, willkommen an Bord! Ich bring Ihnen heute Mark Turner, neunundzwanzig Jahre alt, Snowboardunfall oben an der Old Lady Ridge. Er hat ein Weilchen im Schnee gelegen und ist unterkühlt. Das rechte Bein sieht nicht gut aus. Wir haben es geschient. Keine sichtbaren Kopfverletzungen, war wohl nur sehr kurz bewusstlos. Sonst ein paar Schürfwunden.« Dr. Bowers beugte sich vor und schrie Leena jetzt direkt ins Ohr: »Viel Spaß am Crystal Lake! Wir sehen uns bestimmt noch öfter!« Mit einem verschmitzten Zwinkern nickte er ihr zum Abschied zu.

»Ja, danke, ich freu mich!«, brüllte Leena zurück, und dann wandte sie sich im Gehen ihrem Patienten zu.

»Hallo, Mr Turner. Ich bin Dr.-«

»Summers. Hab ich gehört, bin ja nicht taub«, unterbrach sie Mark Turner rüde.

Verblüfft hob Leena die Augenbrauen und musterte ihren Patienten, der halb aufrecht auf der Trage saß, die Betty und ihr Kollege eben zum Fahrstuhl schoben. Sein kantiges Gesicht schimmerte blass unter seiner Sonnenbräune im unbarmherzigen Licht der Neonleuchte. Er sieht ziemlich gut aus, durchfuhr es Leena, und trotz seiner Verletzung und des angegriffenen Zustandes, in dem er sich befand, lag in seinen hellblauen Augen eine Entschlossenheit, die sie beeindruckte.

Dennoch hatte der Unfall Spuren bei ihm hinterlassen. Nicht nur gut erkennbar an der Halskrause, die ihm der Notarzt vorsichtshalber umgelegt hatte, der zerrissenen Skijacke und den Schürfwunden auf seinen scharfen Wangenknochen, sondern auch am Zittern seiner Finger, als er sich fahrig eine Strähne seines nussbraunen Haares aus der Stirn wischte.

»Und wie geht es jetzt weiter, Dr. Summers?«, fragte Mark Turner, als sie im Behandlungsraum der Notaufnahme ankamen. Seine Stimme klang ungeduldig.

»Ich sehe mir Ihr Bein an, danach checken wir Sie erst einmal genau durch, und dann kann ich mehr sagen.« Leena antwortete betont ruhig, spürte aber eine gewisse Verärgerung über seinen rauen Ton. Das ist sicher der Schock, dachte sie und wandte sich rasch Bettys gutmütigem Gesicht zu: »Vitalzeichen, großes Blutbild, und wir brauchen zügig ein Röntgenbild vom rechten Unterschenkel. Achtet auf seine Temperatur. Gebt ihm ganz langsam einen halben Liter erwärmte Kochsalzlösung. Das sollte für den Anfang reichen.«

Leena rieb beide Hände gegeneinander, bevor sie die leichte Decke zurückschlug und einen Blick auf Mark Turners Bein warf.

»Das wird jetzt wehtun«, warnte sie den jungen Snowboarder und lächelte ihm beruhigend zu.

»Machen Sie schon«, gab er zischend zurück, ohne ihr Lächeln zu erwidern, »als Profisportler bin ich Schmerzen gewöhnt.«

Vorsichtig strich sie mit dem Finger über seine weiche Haut. Kühl fühlte sich das Bein an, und gerade als sie den Bruch und die Schwellung abtastete, hörte sie, wie ihrem Patienten ein leises Stöhnen entfuhr.

»Gib ihm bitte noch etwas gegen die Schmerzen in seine Infusion, Betty.«

Mark Turner entfuhr ein pustender Laut. »Na, schön, dass Sie darauf noch gekommen sind!«

Leena legte die Decke wieder behutsam über das Bein, richtete sich auf, holte tief Luft und sagte dann ruhig: »Mr Turner, ich kann Ihr Bein nicht richtig untersuchen, wenn ich Ihnen schon vorher Schmerzmittel gebe. Können Sie mir sagen, wie der Unfall passiert ist?«

Sie fing seinen Blick auf. Was habe ich ihm denn bloß getan, fragte sie sich. Bei allem Verständnis für seine Situation, seine Schmerzen und den mit Sicherheit traumatischen Sturz kam sie trotzdem nicht umhin, sich über seinen unfreundlichen Ton zu wundern. Viel schlimmer allerdings als die Verwunderung war der Ärger, den sie in sich aufsteigen spürte.

Mark Turner schloss für einen Moment die Augen, als das Schmerzmittel in seine Vene floss, dann sah er ihr wieder in die Augen. »Was soll schon passiert sein? Ich habe mich mit dem Helikopter am Old Lady Ridge zum Training absetzen lassen und muss eine Unebenheit übersehen haben. Der Abhang ist steil, ich verlor das Gleichgewicht, umarmte einen kahlen Strauch, bevor ich gegen einen kleinen Felsen prallte.« Er zuckte die Schultern, als wäre das alles nichts. »Nächste Woche ist die Meisterschaft, aber die kann ich wohl vergessen.« Er bedachte seinen Unterschenkel mit einem bösen Blick, als wäre ebendieses Körperteil an seinem Sturz schuld. »So, Mrs Summers, und jetzt müsste ich mal telefonieren. Und wo bleibt eigentlich mein behandelnder Arzt, Dr. Bade? Schaffen Sie ihn her, er soll sich das unbedingt ansehen.«

Hatte Leena es bisher noch geschafft, höflich zu bleiben, spürte sie jetzt, wie aus dem Ärger Wut wurde. Was bildete sich dieser aufgeblasene Affe eigentlich ein?

»Erstens bin ich Doktor Leena Summers und nicht Mrs Summers, und zweitens –« Leena unterbrach sich. Was war eigentlich zweitens? Dass er es wagte, ihren Titel unter den Tisch fallen zu lassen, hatte sie so erbost, dass sie völlig vergessen hatte, was sie noch sagen wollte.

Mark Turners Lippen kräuselte jetzt ein spöttisches Lächeln. Überraschend warm war seine Hand, als er nach ihrer griff. »Und zweitens, Doktor Summers?« Diesmal betonte er ihren Titel so, dass er völlig unwahrscheinlich erschien, so als hätte sie nie studiert, so als würde sie sich nur als Ärztin ausgeben.

»Zweitens«, mischte sich Betty energisch ein und löste die Bremsen der Trage, »zweitens fahren wir jetzt zum Röntgen. Brandon«, sie nickte ihrem Kollegen zu, »wenn du so lieb wärst?«

»Kommen Sie, Dr. Summers, Sie haben noch andere Patienten!« Leena ließ sich von Betty ins Arztzimmer ziehen, wo sich Betty in ihrer vollen Größe von ungefähr anderthalb Metern vor ihr aufbaute.

»Leena, was war das denn? Warum lässt du dich von dem eingebildeten Kerl so provozieren?«

Verwirrt fuhr sich Leena mit dem Handrücken über das Kinn. »Ach, Betty, ich weiß nicht, das fängt ja gut an. Was habe ich diesem Mr Turner eigentlich getan?«

Betty tätschelte Leenas Arm. »Jetzt mach dir mal nicht so einen Kopf. Das wird schon. Willst du, dass ich seinen Arzt, Dr. Bade, anpiepe?«

Kämpferisch reckte sie ihr Kinn nach oben. »Bis wir alle Ergebnisse haben, wird sich Mr Turner wohl gedulden müssen! Ich kümmere mich jetzt erst einmal um andere Patienten.«

Verschwörerisch zwinkerte Betty ihr zu. »Da ist noch eine junge Dame mit einem gebrochenen Daumen im Behandlungsraum eins.«

»Die sehe ich mir gleich mal an. Wenn alles fertig ist, sagst du dann Dr. Bade bitte Bescheid? Danke, Betty.«

*

Mark Turner starrte erst einen Moment lang finster auf sein Bein, dann auf das Telefon, das ihm eine der Schwestern gegeben hatte. Vielleicht der ältere Drachen, er konnte es nicht mehr sagen. Das Schmerzmittel vernebelte seine Gedanken. So ganz war ihm nicht klar, was er von diesem Unfall zu halten hatte, und vor allem wusste er nicht, was dieser Unfall für seine zukünftige sportliche Karriere bedeuten könnte.

Er schloss die Augen. Eine bleierne Müdigkeit übermannte ihn. Wach bleiben, Mark, befahl er sich und drehte unentschlossen das Telefon in seiner Hand. Wen sollte er zuerst anrufen? Roger, seinen Agenten und Manager? Emely, seine Verlobte? Oder vielleicht seine Eltern? Letzteres schob er weit weg. Sinnlos. Nicht nachdenken, Mark.

Emely also. Langsam und Ziffer für Ziffer wählte er ihre Nummer. Es klingelte ein paarmal, dann näselte ihre vertraute hohe Stimme ungeduldig: »Emely Redding!«

»Em, ich bin es, Mark.«

»Mark? Was ist das für eine komische Nummer, unter der du mich anrufst? Wo bist du?« Ihre Fragen klangen wie Pistolenschüsse in seinen Ohren.

»Ich bin im Crystal Lake Medical Center, in Woody Creek.« Er machte eine dramatische Pause.

»Ja, und? Ich habe gleich einen Termin bei unserer Wedding-Planerin. Also fass dich kurz.«

»Em, ich hatte einen Unfall, mein Bein ist gebrochen. Ich muss operiert werden!«

»Ach, nein, das ist ja schrecklich!« Emely stieß einen kleinen Schrei aus. »Meinst du, du bist bis Juni wieder fit? Weil – ach, Mark, wir werden zur Zeremonie fast achthundert Meter Strand entlanglaufen müssen. Außerdem, wie wird der Anzug sitzen, wenn du vielleicht noch eine Schiene tragen musst? Und außerdem«, und jetzt klang ihre Stimme wirklich alarmiert, »wie willst du denn Geld verdienen, wenn du nicht an Turnieren und Wettkämpfen teilnehmen kannst?«

Mark fühlte sich matt. »Em, kannst du Roger anrufen? Er muss Bescheid wissen, damit er das Aspen International nächste Woche absagen kann.«

»Nichts mache ich.« Emelys Stimme klang entschlossen.

»Fürs Erste ist das einfach nur eine kleine Trainingspause, sonst springen uns noch deine Sponsoren ab. Und jetzt reiß dich zusammen, Mark, und werd gesund. Ich komm, sobald ich alles unter Kontrolle habe.«

Sie hatte aufgelegt, bevor er noch etwas sagen konnte. Typisch Emely. Sie wollte immer alles kontrollieren. Normalerweise hätte er sich mit ihr jetzt bis aufs Blut gestritten, aber heute fehlte ihm einfach die Kraft. Normalerweise, und das ging so, seitdem sie ein Paar waren, also ungefähr seit der Highschool, hätten sie sich jetzt angebrüllt. Am Ende hätte Emely geweint und das zu ihm gesagt, was seine Mutter sonst zu seinem Vater sagte: Ich meine es doch nur gut mit dir!

Es war nicht immer so gewesen, aber die Zeit, in der sie so verliebt ineinander waren, dass sie es kaum ertragen konnten, den Blick vom anderen zu lösen, war lange her.

Jetzt war ihre Beziehung wie eine Angewohnheit, die man nicht mehr ablegen konnte oder auch wollte. Sie hatten sich beide verändert, das wurde ihm immer klarer, hier in diesem Krankenhausbett. Emely hatte sich an sein Geld und sein Ansehen gewöhnt, während er immer weniger Zeit mit ihr verbrachte, weil ihn seine sportliche Karriere zunehmend forderte.

So würde es weitergehen. Hochzeit am Strand von Malibu, ein Haus, zwei wunderschöne Kinder, die aussehen würden wie Emely und die genauso leer und kalt aufwachsen würden wie er.

Seine Gedanken glitten zu dieser jungen Ärztin. Leena Summers. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Sie hatte etwas, das er ungemein anziehend fand. Wenn sie wütend war, tauchten kleine rote Punkte auf Hals und Wangen auf.

Ganz ehrlich, es war ihm völlig egal, ob Dr. Bade oder sie ihn operierte, aber er sah es gern, wenn sie sich aufregte. Sie hatte etwas Ungestümes, wie eine ungezähmte Berglöwin. Und trotz seines momentanen Zustandes erwachte etwas wie Jagdinstinkt in ihm.

*

»Randall Murray«, murmelte Allana McGinty leise vor sich hin, als sie die Zeitung sinken ließ. »Randall Murray, der Rodler.« Und war Randall Murray bisher einfach nur ein Fall am Crystal Lake gewesen, einer von vielen, blieb jetzt, dank des Artikels, ein schaler Beigeschmack, wenn sie diesen Namen aussprach.

Nachdenklich hob sie ihre Kaffeetasse zum Mund und stellte sie dann doch wieder ab, ohne einen Schluck zu trinken. Stattdessen stand sie auf, ging langsam die drei Schritte bis zum Panoramafenster ihres Büros und legte ihre Hand an die beruhigend kühle Scheibe.

Hatte sie in den letzten drei Jahren als Klinikleitung am Crystal Lake den Blick vom Hang auf das kleine Skiörtchen Woody Creek und den gleichnamigen Bachlauf, der sich malerisch durch das Tal in Richtung Aspen schlängelte, immer wie selbstverständlich genossen, schienen ihr die schneebedeckten Hänge, die Pisten und der langsam zuckelnde Skilift plötzlich sehr zerbrechlich. Fast so, als würde sie auf eine Miniatureisenbahnlandschaft schauen, die jederzeit mit einer beiläufigen Handbewegung vom Brett gewischt werden könnte.

Trotz der Wärme im Büro fröstelte sie und zog die schmalen Schultern zusammen. Es ist nur ein Zeitungsartikel, beruhigte sie sich selbst. Noch dazu in einem Lokalblatt. Keine wichtige Zeitung, die viele Menschen lesen, sondern nur die, die an der Tankstelle warten und gelangweilt eine Ausgabe davon aus dem Ständer ziehen.

Einen tiefen Atemzug später fühlte sie, wie die Anspannung ein wenig wich. Viel stand ja auch gar nicht in dem Artikel. Ausführlich beschrieb er die früheren Erfolge des Profirodlers, und erst im letzten Absatz tauchte in einem Nebensatz die Frage auf, ob das derzeitige Karrieretief des Sportlers vielleicht auf die Operation im letzten Jahr zurückgeführt werden könnte.

Wer schrieb außerdem für solche lokalen Käseblätter? Junge, unerfahrene Journalisten. Vielleicht war das einfach eine ungeschickte Formulierung mit dem Behandlungsfehler.

Trotzdem sollte sie der Sache nachgehen, so viel stand fest. Sie drückte den Knopf auf ihrer Sprechanlage: »Gloria, bitte lassen Sie mir zügig alle Patientenakten zum Fall ›Randall Murray‹ in mein Büro liefern.«

Es knarrte einen Augenblick, dann antwortete Glorias kratzige Stimme gut gelaunt wie immer: »Sehr gern, Ms McGinty!«

Erleichtert ließ sich Allana wieder in ihren Schreibtischsessel fallen und lehnte sich zurück, um für einen Augenblick die Augen zu schließen. Es ist immer gut, so etwas gleich anzugehen und nicht auf die lange Bank zu schieben, dachte sie. Und das war ja auch ihre große Stärke: Dinge anpacken, Dinge erledigen und dabei alle mitreißen und begeistern. Und mit ebendiesen Qualitäten hatte sie sich in den letzten zehn Jahren hochgearbeitet. Von der einfachen Krankenschwester zur angesehenen Klinikleitung.

Ohne Ryan hättest du das nicht geschafft, meldete sich eine hartnäckige kleine Stimme in Allanas Hinterkopf. Ryan. Ryan Bellcrest. Allana verbannte den Gedanken an ihren Exmann in die hinterste Ecke ihrer Gedankenwelt. Nein, sie würde sich ihren Tag weder von Randall Murray und dem Zeitungsartikel versauen lassen noch von diesem intriganten Mistkerl.

Sie sah gerade aus dem Fenster auf den wolkenlosen blauen Himmel, auf die schrägen Sonnenstrahlen und den glitzernden Schnee auf dem schmalen Fensterbrett, als Glorias Stimme knarrend aus der Sprechanlage drang: »Ms McGinty, ich habe das Archiv in der Leitung, kann ich durchstellen?«

Allana runzelte verwundert die Stirn. »Ja, sicher«, gab sie zurück und griff zum Hörer.

»Ms McGinty? Hier ist Sarah Preston aus dem Archiv. Ich habe gerade nach den Akten geschaut, die Sie angefordert haben, und wollte Ihnen nur sagen, dass eine fehlt, nämlich die letzte. Den Rest schicke ich Ihnen gleich nach oben.«

»Die letzte …«, murmelte Allana nachdenklich, also wahrscheinlich genau die, die den Aufenthalt mit der Operation beschrieb. »Wo könnte sie sein, diese letzte Akte?«

»Sehen Sie, Ms McGinty, das ist genau das, was mich auch wundert, ich habe keine Ausleihe im Computer verzeichnet.«

»Können Sie sehen, wer die Akte als Letzter bearbeitet hat?«

»Einen Moment, bitte.« Rauschen im Hörer. Ungeduldig griff Allana nach einem ihrer vielen Bleistifte und tippte mit der Spitze rhythmisch auf den Notizzettel vor ihr.

»So, jetzt«, meldete sich Sarah Preston zurück. »Dr. Bade hat als Letzter ein Dokument hinzugefügt. Gut möglich, dass die Akte noch bei ihm auf dem Schreibtisch liegt. Sie wissen ja, wie das ist. Immer wieder fordern wir sie an, aber –«

»Ja, ja, danke«, unterbrach Allana Sarahs Beschwerde. »Schicken Sie einfach hoch, was Sie haben.«

Nachdenklich schrieb Allana seinen Namen in Großbuchstaben auf den Zettel vor ihr:

Dr. William Bade.

*

»Haben Sie Dr. Bade schon erreicht?«, fragte Mark Turner mit einem raschen Blick auf die Uhr.

Leena zog sich einen der Hocker heran und setzte sich neben das Bett ihres Patienten in der Notaufnahme.

»Leider noch nicht, Mr Turner. Aber ich habe Ihnen hier Ihre Röntgenaufnahmen mitgebracht und mit meinem Kollegen aus der Radiologie ihren CT-Befund ausgewertet. Sie müssen heute noch operiert werden. Das Gewebe um den Bruch beginnt anzuschwellen, und wenn wir das nicht entlasten, wird die Blutzufuhr unterbrochen.« Leena schluckte. Nachdem sie alle Befunde gesehen hatte, tat ihr Mark Turner sogar ziemlich leid. »Sie könnten Ihr Bein verlieren, wenn wir nicht zügig handeln.«

Falls ihn diese Neuigkeit schockierte, konnte er das mit seinem ausdruckslosen Gesicht gut verbergen. Einzig seine Stimme zitterte leicht, als er sprach. »Das Wichtigste ist doch jetzt Dr. Bade.« Und da war es wieder: sein spöttisches kleines Lächeln, das sie so auf die Palme brachte.

»Mr Turner,« unterbrach sie ihn hastig, »wichtig ist, dass ich Sie jetzt zügig operiere!« Er sieht gut aus, schoss es ihr durch den Kopf, aber trotzdem kann er sich nicht alles erlauben.

»Vergessen Sie ’s! Ich verlange, dass Sie Dr. Bade anfordern, damit er mich operiert und mir endlich sagt, wann ich wieder Snowboard fahren kann.«

Jetzt platzte Leena endgültig der Kragen. Hastig erhob sie sich und schob den Hocker beiseite. »Sie hören mir jetzt mal gut zu, Mr Turner, im Moment bin ich hier die diensthabende Ärztin. Wenn ich Sie nicht bald auf dem Tisch habe, kann ich Ihnen versichern, dass nicht die Frage ist, wann sie wieder auf dem Snowboard stehen, sondern ob jemals wieder! Etwas anderes würde Ihnen übrigens Ihr Dr. Bade auch nicht sagen!«

Unbeirrbar stemmte sie die Hände in ihre Hüften.

»Ha!«, entfuhr es Mark Turner. »Sie können ja auch ganz energisch, Dr. Summers. Das steht Ihnen wirklich gut, aber jetzt ist Schluss mit den Spielchen. Bringen Sie mir ein Telefon! Kann doch nicht sein, dass hier niemand meinen Arzt erreicht.«

»Ich verbitte mir diesen Ton, Mr Turner!«

Auf dem Absatz drehte sie sich um. Erst als sie im Arztzimmer die Tür hinter sich geschlossen hatte, spürte sie, wie Tränen der Wut in ihr aufstiegen. Hatte sie dafür wirklich Chicago verlassen? Aus dem halben Ostteil der Stadt waren die Menschen zu ihr gekommen, um sich operieren zu lassen, und jetzt kam irgendein dahergelaufener Snowboardfahrer, von dem sie noch nie vorher gehört hatte, und behandelte sie, als wäre sie eine blutige Berufsanfängerin. Wütend ballte sie die Hände zu Fäusten. Nein, sie würde in Zukunft anders mit diesem Turner sprechen. Betont freundlich und höflich, das nahm sie sich vor, und am Ende würde es klingen, als hätte er nicht mehr alle Tassen im Schrank.

Bevor sie den Raum verließ, warf sie einen prüfenden Blick in den Spiegel. Sie hatte in den Tagen nach ihrem Umzug nach Woody Creek nicht wirklich viel geschlafen. Die Umzugskisten packten sich eben nicht von allein aus, und außerdem hatte sie noch etliche Möbelstücke aufgebaut und an ihren Platz gewuchtet. Die schlaflosen Nächte rächten sich jetzt mit dunklen Ringen unter ihren braunen Augen. Und viel an die frische Luft war sie ebenfalls nicht gekommen. Ihre Mutter hatte ihr auch schon gesagt, sie sähe blass aus, viel zu blass.

»Dr. Summers bitte zur Aufnahme, Dr. Summers bitte zur Aufnahme!« Bettys Stimme knarrte aus dem Lautsprecher, und Leena setzte sich hastig in Bewegung.

»Etwas Neues von Dr. Bade?«

Betty schüttelte den Kopf, bedeckte wieder die Sprechmuschel mit der Hand. Unser Chefarzt, Dr. Raker, ist am Telefon und will wissen, wann du gedenkst, Mr Turner zu operieren.« Betty verdrehte die Augen. »Wahrscheinlich hat er sich die CT-Bilder im Computer angeschaut.«

»Hallo, Dr. Raker, ich …« Weiter kam Leena nicht.

»Dr. Summers, herzlich willkommen im Crystal Lake Medical Center, na, haben Sie sich schon eingelebt? Ich gehe davon aus, dass schon ein OP für Mr Turner vorbereitet wird? Wir wollen doch unsere amerikanische Olympiahoffnung nicht mit diesem hässlichen Bruch herumliegen lassen, oder?« Dr. Raker lachte in den Hörer, doch Leena ließ sich von seiner vorgeschobenen Freundlichkeit nicht täuschen. Er ist nett zu mir, weil ich neu bin, dachte sie. In drei Wochen redet er sicher anders mit mir. »Mr Turner verlangt nach seinem eigenen Arzt, Dr. Bade, wir versuchen schon, ihn zu erreichen.«

»Na, na, dann fangen Sie halt schon mal an, und Dr. Bade stößt zu Ihnen, wenn er da ist.«

Kleinlaut schluckte Leena. »Mr Turner möchte nicht von mir operiert werden, Dr. Raker. Vielleicht könnten Sie noch einmal …«

»Dr. Summers, ich bin sicher, Sie bekommen das hin. Immerhin sind Sie wahrscheinlich aus Chicago noch ganz andere Sachen gewöhnt, was? Natürlich würde ich Ihnen sehr gerne helfen, nur leider bin ich auf dem Weg nach Dallas zu einer Tagung. Und jetzt ab in den OP mit unserem Snowboardwunder!«

Dr. Raker hatte aufgelegt, bevor Leena noch etwas sagen konnte.

»Betty, wünsch mir Glück!«

»Wofür denn, Süße?«

Doch Leena hatte sich schon umgedreht und zog mit einem Ruck den Vorhang vor Mark Turners Bett beiseite.

»So Mr Turner, keine Spielchen mehr, das sagten Sie doch vorhin. Dr. Bade ist nicht zu erreichen. Entweder ich operiere Sie jetzt, oder Sie verlieren Ihr Bein. Suchen Sie sich aus, was Ihnen gefällt.«

Fest erwiderte Leena Mark Turners zweifelnden Blick.

»Entschuldigen Sie, Dr. Summers, Sie sehen mir einfach zu jung aus. Ich brauche mein Bein, ich brauche jemanden mit viel Erfahrung, der mich operiert. Nicht jemanden, der seinen ersten Tag am Crystal Lake hat.« Diesmal klang er weder bissig noch spöttisch, sondern nur ängstlich. Das hat er also verborgen, dachte Leena, der große Mark Turner hat einfach nur Angst, so wie jeder Mensch vor so einem Eingriff Angst hätte. Ein Schleier hatte sich über seine blauen Augen gelegt, so als hätte jemand von innen das Licht ausgeknipst. Ein wirklich schöner Mann, dachte Leena. Ein Mann, dem ein unbeschwertes Lächeln sehr viel besser stand als die Sorge auf seiner Stirn. Und trotz allem Ärger über seine unverschämte Art war es die Ärztin in Leena, die ihm gern seine Unbeschwertheit zurückgeben wollte.

»Leena, ach, Dr. Summers!«

Betty war hinter ihr aufgetaucht und atmete hastig. »Es gab einen Lawinenabgang am Longneck Mountain!« Aufgeregt wedelte Betty mit ihrer kleinen Hand.

»Ok, Betty, ganz ruhig. Wie viele Verletzte? Du kümmerst dich mit dem jungen Assistenzarzt, wie heißt er? Ach ja, Montgomery, mit Dr. Montgomery um die Triage, ich bereite die OPs vor.«

»Nein, nein, keine Verletzten, aber Dr. Bade ist quasi in seinem Haus eingeschlossen. Alle Passstraßen sind gesperrt. Vor Morgen wird da nichts geräumt. Vor Morgen kann er nicht hier sein.«

Leena nickte langsam und drehte sich wieder zu Mr Turner um. »Also, Mr Turner, Sie hören ja, wie es steht. Soll ich den OP für Sie vorbereiten lassen?«

*

Zum zweiten Mal an diesem Tag hinterließ Allana eine Nachricht auf Dr. Bades Mailbox. Vielleicht sollte sie einfach selbst nachsehen, wo er steckte? Vielleicht war er im OP oder in der Rettungsstelle, aber würde dann nicht eine Schwester seine Anrufe entgegennehmen?

Und plötzlich war sie wieder da, die unbestimmte Unruhe von heute Morgen, das seltsam flaue Gefühl im Magen. Ebenjenes Gefühl, das Allana nach der Lektüre des Artikels überfallen hatte.

Was wusste sie eigentlich über Dr. Bade, außer dass er gleichermaßen beliebt war bei Patienten und Personal? Dr. Bade, der Arzt mit dem gütigen Lächeln, der leise und beruhigend sprach, der am Wochenende zu Visiten einen Karton Donuts mitbrachte und die gestresste Nachtschwester aufheiterte.

Hatte sie jemals mit ihm näher zu tun gehabt? Sie konnte sich nicht daran erinnern.

Entschlossen schlüpfte Allana in ihr tailliertes Jackett, das ausgezeichnet zu ihrem neuen kurzen, schwarzen Rock passte, fädelte ihr Namensschild ans Revers und zog die Bürotür ins Schloss.

»Ich bin im Haus unterwegs, Gloria, bitte stellen Sie keine Anrufe auf mein Handy durch. Ach, und versuchen sie, Dr. Bade für mich zu erreichen.«

Freundlich wie immer nickte Gloria ihr zu, und die beiden Frauen tauschten einen Blick. Allana erinnerte sich noch gut an den Tag, an dem die rundliche ältere Frau mit der großen Brille zum Vorstellungsgespräch erschienen war. Ein Bauchgefühl hatte ihr gleich gesagt, dass sie die Richtige für den Job war, und die Zeit hatte ihr recht gegeben. Gloria war ihr Fels in der Brandung geworden, ihre treue rechte Hand. Vor allem aber war sie ihr kluger Ratgeber in schwierigen Situationen. Vielleicht, schoss es Allana durch den Kopf, vielleicht würde sie heute ihren Rat noch brauchen.

Und während sie mit klappernden Absätzen in Richtung Treppenhaus ging, versuchte sie, genau diesen Gedanken abzuschütteln.

Zügig stieg sie bis ins Erdgeschoss hinab und betrat die Rettungsstelle durch einen Seiteneingang direkt hinter dem Schwesterntresen.

»Ah, Schwester Betty!« Natürlich. Allana seufzte innerlich. Zwar war Betty eine ausgezeichnete Krankenschwester, das musste Allana zugeben, aber eben auch echt anstrengend, wenn es darum ging, ihre Rettungsstelle gegen die notwendigen Sparmaßnahmen zu verteidigen. Bedauerlicherweise war sie schon so lange im Haus, dass sie einen guten Draht zum Chefarzt hatte, den sie noch als einfachen Assistenzarzt kennengelernt hatte.

Langsam drehte sich Betty zu ihr um und hob eine Augenbraue. »Ms McGinty, was kann ich für sie tun? Soll ich noch ein paar Schwestern an diesem sonnigen Tag entlassen?«

Das Beste würde es sein, diese Spitze zu übergehen, dachte Allana, räusperte sich und sagte dann ruhig: »Ich bin auf der Suche nach Dr. Bade. Haben Sie ihn gesehen?«

»Nein, habe ich nicht.« Bettys Antwort kam wie aus der Pistole geschossen.

»Wissen Sie, wo ich ihn finden kann?«

Für einen Moment öffnete Betty den Mund, als ob sie etwas sagen wollte, dann presste sie die Lippen fest aufeinander und zuckte wortlos die Schultern.

»Na schön, Schwester Betty, vielen Dank für die Auskunft!« Vielen Dank für nichts, fügte Allana im Geiste hinzu. Irgendetwas verschwieg ihr Betty, so viel war sicher, aber Allana war klug genug, um zu wissen, dass es keinen Sinn ergab weiterzufragen. Betty hatte ihren eigenen Kopf, und dieser Kopf hatte beschlossen, Allana die Schuld an allen notwendigen Einsparungen der Klinik zu geben.

Hier kam sie nicht weiter, aber vielleicht weiß jemand im OP mehr, dachte sie und rieb sich die Stirn, als sie ihren Weg durch das Krankenhaus fortsetzte.

Eilig bog Allana um die Ecke und stieß dabei mit einer ihr entgegenkommenden jungen Ärztin zusammen.

»Tut mir leid!«, sagte sie, bückte sich, um auch ein paar der zu Boden gefallenen Papiere aufzuheben, und sah dann auf.

»Macht nichts, um die Ecke kann man schlecht sehen«, antwortete die junge Frau mit den dunklen kurzen Locken. Sie hat ein hübsches Gesicht, dachte Allana. Klare Züge und ein gewinnendes Lächeln. Und plötzlich fiel es ihr ein: »Sie müssen unsere neue Kollegin sein, Dr. Summers.«

Sichtlich verlegen reichte ihr die junge Ärztin die Hand.

»Richtig, ich bin Dr. Leena Summers!«

Fest griff Allana zu. »Allana McGinty, ich bin die Klinikleitung. Willkommen im Crystal Lake, ich hoffe, es gefällt Ihnen bei uns?«

»Ja, vielen Dank!«

»Sagen Sie, Dr. Summers, haben Sie zufällig Dr. Bade gesehen? Ich habe schon mehrfach versucht, ihn zu erreichen.«

»Oh.« Über Leenas Gesicht legte sich ein kleiner Schatten. »Nein, gesehen nicht, aber ich habe gehört, dass der Weg zu seinem Haus von einer Lawine verschüttet wurde. Man sagte mir, dass die Passstraßen vor morgen nicht geräumt werden.« Leena Summers schüttelte bedauernd den Kopf. »Vielleicht hat es auch ein paar Handymasten erwischt, er konnte sich nur einmal bei uns melden, und es scheint mir, dass er wohl von der Außenwelt abgeschnitten ist.«

»Das ist in der Tat bedauerlich.«

»Ja, aber keine Sorge, ich übernehme seine OP

Wenigstens der OP-Plan würde also nicht allzu sehr durcheinanderkommen. Aufmunternd tätschelte Allana Dr. Summers’ Arm. »Sehr gut, das fängt ja gut an für Sie!«

Leena lachte herzlich. »Ach, ich bin aus Chicago einiges gewöhnt.«

Ein letztes Nicken, dann setzte Allana ihren Weg fort. Jetzt allerdings ging sie zielstrebig wieder in Richtung Treppenhaus. Vielleicht war die Akte in Dr. Bades Büro. Sie könnte seine Tür mit ihrem Generalschlüssel öffnen. Dann drehte sie sich ein letztes Mal um und rief: »Sagen Sie, Dr. Summers, wer hat Ihnen das mit der Lawine erzählt?«

»Schwester Betty! Fragen Sie sie, wenn Sie mehr Informationen brauchen! Schönen Tag noch!«

*

Das Händewaschen vor der Operation war für Leena ein heiliger Moment und der Augenblick, in dem sie sich selbst sammelte. Mechanisch übernahm ihr Körper das gewissenhafte Waschen ihrer zarten Haut, während sie im Kopf die anstehende OP durchgehen konnte. Und ebendiese OP würde nicht einfach werden. Unterhalb des Knies war Mark Turners Schienbeinknochen in viele einzelne Fragmente gesplittert, sodass das Röntgenbild aussah, als wäre ein Glas auf dem Boden zerbrochen. Trotzdem war Leena zuversichtlich. Sie hatte in Chicago Skateboardfahrer wieder auf ihr Board steigen sehen, an denen sie weitaus schlimmere Verletzungen operiert hatte. Die nächsten Stunden würden anstrengend werden, keine Frage, aber sie waren auch ihr Lohn für das harte Studium.

Gerade jetzt, als sie das Desinfektionsmittel auf ihren Händen und Armen verteilte, wurde ihr sehr deutlich, dass es genau das war, was sie sich immer gewünscht hatte: jemanden zu heilen. Und heute war dieser jemand Mark Turner. Hätte sie vorhin noch beinahe vor Wut geweint über sein Verhalten ihr gegenüber, stieg jetzt in ihr eine Milde auf. Er war auch nichts weiter als ein Patient, der Angst hatte und ihre Hilfe brauchte.

Ein letzter tiefer Atemzug, dann drückte sie die Schwingtür zum Operationssaal auf. »Alles fertig? Für die, die mich noch nicht kennen: Ich bin Dr. Leena Summers, und heute ist mein erster Tag am Crystal Lake. Also schön, dann geben wir jetzt diesem Mann sein Bein zurück, er wird es weiterhin auf dem Snowboard brauchen.«

Leena warf im Vorbeigehen einen letzten Blick auf das Gesicht von Mark Turner. Er sieht friedlich aus, schoss ihr durch den Kopf. Die Narkose gab seinem Gesicht etwas angenehm Weiches, beinahe Jungenhaftes.

»Bereit, Dr. Montgomery?« Der junge Assistenzarzt nickte ihr zu, und sie konnte seine Aufregung fühlen. Es war nicht lange her, da hatte sie ebenfalls zitternd am Tisch gestanden und bewundernd die Fachärzte angesehen. Jetzt war sie es, zu der Dr. Montgomery aufblickte. Und das nicht nur, weil er ihr bis zur Schulter ging, sondern weil er wissbegierig war. Das hatte er schon vorhin in der Notaufnahme bewiesen.

Ruhig nahm sie das Skalpell aus den Händen der OP-Schwester entgegen. »Also schön, Dr. Montgomery. Ich erkläre einfach, was ich tue, und Sie fragen, wenn etwas unklar ist, ja?«

2. Kapitel

Eine Lawine also. Allana blieb unschlüssig vor der verschlossenen Bürotür von Dr. Bade stehen. Es sah Schwester Betty ähnlich, ihr eine solche Information vorzuenthalten. All diese Kleinigkeiten, die den Berufsalltag so schwer machen, dabei wollte Allana eigentlich nichts weiter als Frieden mit ihren Angestellten. Ein unmögliches Unterfangen in einem Wirtschaftsbetrieb, das wurde ihr mit den Jahren immer mehr klar.

Allana seufzte tief, bevor sie mit ihrem Generalschlüssel die Bürotür knarrend öffnete.

Dr. Bades Büro befand sich im alten Teil des Krankenhauses. Ein schöner Backsteinbau, den Allana so sehr liebte, dass sie damals durchgedrückt hatte, das Gebäude sanieren zu lassen und nicht abzureißen. Der Altbau, der einmal ein Tuberkulose-Sanatorium war, und Allana immer das unbestimmt positive Gefühl einer »guten alten Zeit« gab, beheimatete nun alle Büros der behandelnden Ärzte des Krankenhauses. Dr. Bade residierte im Dachgeschoss. Noch nie hatte sie sein Büro betreten, musste nun aber zu ihrer Überraschung feststellen, dass sein Ausblick sogar schöner war als der ihrige. Vor den geschwungenen hohen Doppelfenstern breiteten sich die Hänge des Larkspur Mountain aus, und Allana erstarrte einen Moment vor Ehrfurcht, bevor sie die Schultern zusammenzog. Die Akte, erinnerte sie sich selbst. Such die Akte, Allana. Randall Murray.

Der Ausblick war das einzig Schöne an Dr. Bades Büro. Innen, schien es ihr, breitete sich ein einziges Chaos aus. Aktentürme krochen die Wände hoch und bedeckten, wie draußen der Schnee, jede Oberfläche. Dazwischen Stifte, zerknüllte Bonbonpapiere und Kaffeetassen. Ein sehr persönliches Chaos, und es war ihr unangenehm, darin herumzugraben.

Zu ihrer Überraschung war Randall Murrays Akte ziemlich weit oben in dem Stapel, den sie als Erstes durchsuchte. Beherzt zog sie sie hervor, drückte sie an ihre Brust und verließ das Büro, das sie sorgsam wieder verschloss.

Fast fühlte sie sich, als wäre sie jemandem zu nahe getreten. Vielleicht beschleunigte sie deshalb ihre Schritte auf dem Weg zurück in ihr eigenes Büro.

»Ms McGinty, ich kann Dr. Bade nicht erreichen, und er meldet sich auch nicht zurück.«

»Schon gut, Gloria, es hat wohl eine Lawine gegeben und Dr. Bade den Weg versperrt. Wahrscheinlich sind mal wieder ein paar Sendemasten umgeknickt.« Abwesend strich sich Allana eine Strähne ihres schwarzen Haars aus der Stirn. Es war mal wieder Zeit, sich ihr störrisches, krauses Haar glätten zu lassen. Woher sie die Zeit für einen Frisörtermin nehmen sollte, war ihr allerdings schleierhaft.

»Eine Lawine, ja?« Gloria runzelte die Stirn. »Im Radio haben sie nichts … Na ja. Soll ich Ihnen einen Kaffee bringen, Ms McGinty?«

Ein Lächeln huschte über Allanas Gesicht. »Das wäre großartig.«

Nur wenig später hatte sie eine dampfende Tasse vor sich stehen und die Akte bereits wieder zusammengeklappt.

So etwas Schlampiges hatte sie in all den Jahren, die sie bereits im Krankenhaus arbeitete, noch nicht gesehen. Kein Operationsbericht, kein ärztlicher Verlauf. Eigentlich war die Akte leer, bis auf die Dokumentation der Schwestern. Vor Gericht würde man ihnen das um die Ohren hauen. Und bei dem Gedanken zuckte Allana zusammen, gerade als Gloria nach einem kurzen Klopfen ihr Büro betrat.

»Ms McGinty, geht es Ihnen nicht gut?«

»Mir? Ich? Ach –« Allana unterbrach sich selbst und warf einen Blick auf die Uhr. Kein Wunder, dass der Rest Kaffee kalt war. Sie hatte fast drei Stunden über der leeren Akte und ihren Sorgen gebrütet. Der Nachmittag hatte seine Dämmerung bereits in die Ecken des Raumes geschoben.

Energisch durchschritt Gloria das gesamte Zimmer, um überall Lichtschalter zu betätigen.

»Bedrückt Sie etwas?«, fragte Gloria vorsichtig über die Schulter, und Allana war ihr äußerst dankbar für die Beiläufigkeit, mit der sie die Frage stellte.

»Haben Sie zufällig den Zeitungsartikel heute Morgen gelesen, Gloria?«

»Den über Randall Murray in der Woody Creek Gazette?«

»Hmm«, brummte Allana zustimmend.

»Ist es das, was Ihnen solche Sorgen macht? Ach, Journalisten! Junge Hunde. Beißen sich fest und hoffen, dass ein reißerischer Beitrag für sie das Sprungbrett zur Washington Post ist oder sie damit bei CNN landen.« Gloria lachte laut auf. »Ms McGinty, das ist nur ein Zeitungsartikel, nichts weiter.«

Erleichtert stimmte Allana in Glorias ansteckendes Lachen ein. Junge Hunde. Das ist es. Allana rieb sich den Nacken. Vielleicht hatte sie diesen Artikel wirklich einfach nur dramatisiert, sich hineingesteigert.

»Ach, und, Ms McGinty, wenn ich Ihnen einen guten Rat geben darf, ich würde den Chef erst am Montag darüber informieren. Er ist zu einer Tagung in Dallas gefahren, und da wollen wir ihn doch nicht unnötig beunruhigen.«

Gloria hatte wie immer recht. Sie würde einfach mit Dr. Bade reden, wenn er wieder auftauchte. Spätestens am Montag nach dem Wochenende, dann eine kleine Info an den Chef, und dann könnte sie das Ganze einfach zu den Akten legen.

»Wissen Sie was, Gloria? Es ist Freitag. Wir gehen jetzt beide nach Hause ins Wochenende.«

»Jetzt schon? Es ist gerade erst vier durch und ich –«

Allana zwinkerte. »Genau, und Sie müssen jetzt heim.«

Gloria zwinkerte zurück und begann, alle Lichter wieder zu löschen.

»Erholen Sie sich gut, Ms McGinty!«

»Sie auch, Gloria.«

Zügig griff Allana nach ihrer Handtasche. Für heute ist es genug.

*

Müde streifte Leena den Kittel ab und warf ihn im Gehen in eine der grauen Mülltonnen. Müde, aber glücklich. Sie hatte, und das konnte sie wirklich stolz sagen, das Beste für Mark Turner herausgeholt. Angesichts der Schwere seiner Verletzungen war es zwar weiterhin unklar, ob er seine Profikarriere würde weiter vorantreiben können, aber zumindest würde er wieder schmerzfrei gehen können, und das war für Leena schon ein großer Erfolg.

Noch ein Blick in die Rettungsstelle, dann würde sie nach Hause gehen, ihren ersten Tag hier beschließen. Es war ein guter Anfang, dachte sie und lehnte sich über den Tresen der Aufnahme, hinter dem zu ihrer Überraschung Betty saß und sich über Papierkram beugte.

»Hast du nicht längst Feierabend?«, fragte Leena nach einem Blick auf die Uhr.

Betty schenkte ihr ein müdes Lächeln und richtete sich langsam auf. »Dasselbe könnte ich dich fragen, Herzchen.«

Leena winkte müde ab. »Ich hab Mark Turners Knochen zusammengepuzzelt.«

»Und, wird Mr Arroganz wieder auf einem Board stehen können?«

»Betty!«, rief Leena entsetzt aus, und Betty senkte schuldbewusst den Blick. »Es tut mir leid, Leena, ich bin müde, und ich mochte nicht, wie er dich behandelt hat, und …« Betty ließ den Kugelschreiber sinken.

»Schon gut. Vielleicht gehen wir jetzt beide heim, was denkst du?«

Betty schüttelte den Kopf. »Doppelschicht, alle sind krank.« Ein resigniertes Lächeln huschte über ihr Gesicht. »Und ich wette, du gehst noch zu Mr Turner?«

Ertappt errötete Leena. In der Tat war das ihr Plan: noch einmal nach ihm zu sehen. Sie würde das brauchen, um beruhigt schlafen zu können. Sie kannte sich zu gut. Schwierige Patienten betreute sie eben gern selbst.

»Mach nicht zu lange«, sagte Betty mahnend, bevor sie sich wieder über ihren Schreibtisch beugte.

Gutmütig gab Leena zurück: »Du auch!«

Leena hatte schon in Chicago die Abende im Krankenhaus geliebt. Das geschäftige laute Treiben des Stationsalltags ging in ein leises Gemurmel über. Die letzten Abendbrottabletts klimperten leise in dumpf rollenden Wagen, und jeder rüstete sich für die Nacht. Die Patienten hofften auf erholsamen Schlaf, während Ärzte und Schwestern sich eine ruhige Nacht wünschten.

Die Nachtschwester auf der chirurgischen Station war Leena sofort sympathisch. Vielleicht war sie ungefähr so alt wie sie selbst oder nur wenig jünger, und ihre braunen Augen leuchteten sanft und mitfühlend.

»Hallo, ich bin Schwester Clare Hamilton. Sagen Sie Clare zu mir. Sie müssen Dr. Summers sein? Herzlich willkommen!«

»Danke, Clare. Wie geht es meinem Patienten Mark Turner?«

Clare lächelte leicht, und ihr kluger Blick huschte über den Computermonitor, bevor sie Leena wieder in die Augen sah. »Er schläft. Vor einer halben Stunde hat er noch mal ein Schmerzmittel bekommen, so wie Sie es angeordnet haben.«

»Gut. Wenn in der Nacht etwas ist, rufen Sie mich bitte jederzeit an. Dr. Bade ist –«

»Von einer Lawine aufgehalten, ich weiß«, unterbrach sie Clare freundlich lächelnd. »Ich hoffe, es wird eine gute Nacht für alle. Und Sie, Dr. Summers, sehen auch müde aus. Gehen Sie beruhigt schlafen, ich kümmere mich um alles.«

»Das ist lieb, Clare. Ich seh noch einmal bei ihm hinein, und dann mache ich mich auf den Weg.«

So leise wie nur irgend möglich drückte Leena die Klinke zum Patientenzimmer hinunter und sah durch den Spalt. Ein Monitor und eine kleine Lampe auf dem Tisch waren die einzigen Lichtquellen im Zimmer und tauchten Mark Turners Gesicht in ein blassblaues Licht. Seine Züge waren entspannt, und er schien schmerzfrei zu schlafen.

Gerade als sie die Tür wieder ins Schloss ziehen wollte, hörte sie leise ihren Namen. So leise, dass sie sich fragte, ob er überhaupt etwas gesagt hatte.

»Dr. Summers, wie ist die OP verlaufen?«

Leena öffnete die Tür jetzt wieder weiter und trat ein paar Schritte ins Zimmer.

»Gut, Mr Turner, ich bin sehr zufrieden. Mehr kann ich Ihnen jetzt nicht sagen. Wir werden den weiteren Verlauf abwarten müssen. Schlafen Sie jetzt. Ich komme morgen Vormittag und sehe nach Ihnen.«

»Danke.« Seine Stimme war matt, aber deutlich, und Leenas Herz machte einen übermütigen Hüpfer, den sie allerdings ihrer Müdigkeit zuschob.

»Gern geschehen, Mr Turner. Das ist mein Job.«

*

Seltsam, dachte Mark Turner, sein erster Gedanke nach der OP hatte nicht etwa seinem Bein gegolten, sondern der jungen Ärztin mit den entzückenden Locken, die ihn operiert hatte. Leenas Gesicht hatte er vor sich gesehen. Ihre braunen Augen, ihr schönes Lächeln.

Sie hatte einen schönen Körper, dachte er, daran wird es liegen. Schlank und sportlich.

Emely erschien ihm oft so ungesund mager. Permanent versuchte sie, noch ein, zwei Kilos mit absurden Diäten schmelzen zu lassen, dabei war Mark zu keiner Zeit klar, wo genau sie eigentlich noch abnehmen wollte.

Er hatte sich damals in Emely verliebt, als sie noch nicht so viel Zeit vor dem Spiegel verbrachte. Damals, als er noch geglaubt hatte, er und sie würden im Leben in dieselbe Richtung schauen. Jetzt kam es ihm immer öfter so vor, als stünden sie Rücken an Rücken. Berührten sie sich eigentlich noch?

Und war ihm diese Berührung eigentlich wichtig?

Liebe ist doch nichts weiter als ein lohnendes Geschäft für beide Seiten. Bei seinen Eltern funktionierte das seit vielen Jahren ausgezeichnet.

Unwillig schüttelte er den Kopf, als Leena wieder vor seinem geistigen Auge auftauchte. Etwas an dieser Frau versetzte seiner Weltanschauung einen Schlag, wie ein Riss in einer frisch verputzten Wand.

Sein Smartphone vibrierte sich in die ungeordneten Gedanken. Emely hatte ihm sofort ein neues bestellt. Sein altes hatte den Sturz nicht überlebt.

»Hallo?«, sagte er fragend.

»Mark, hier spricht dein Vater.«

»Dad!« Für einen Moment hatte Mark wirklich die Illusion, sein Vater wäre besorgt um ihn.

»Ja, Mark, ich bin es. Emely hat mir von deinem Unfall erzählt. Das ist ja wirklich unglücklich.« William Turner räusperte sich, und Mark wurde klar, dass das seine Art von Anteilnahme war. Mehr würde er nicht erwarten können.

»Ich gehe also davon aus, dass du noch länger im Krankenhaus bleiben wirst?«

»Wahrscheinlich«, gab Mark knapp zurück.

»Wirklich blöd gelaufen, Sohn. Also brauchst du am Wochenende unser Ferienhaus in San Fernando Valley sicher nicht?«

»Nein, Dad«, sagte Mark matt.

»Schön, schön, das wollte ich nur wissen. »Machs gut, Sohn.« Eine kleine Pause. »Ach ja, und gute Besserung!«

Mark schaltete das Telefon aus und starrte an die kassettierte, weiße Decke, bevor ihn der Schlaf schließlich doch übermannte.

*

Allana erwachte am Samstag früher, als sie wollte. Eigentlich hätte sie sich darüber gefreut, ein wenig länger zu schlafen, aber die Gewohnheit der Woche zollte ihren Tribut. Trotzdem blieb sie noch etwas liegen und genoss die schrägen Sonnenstrahlen eines goldenen Wintermorgens, bevor sie schließlich doch die Beine aus dem Bett schwang, sich ihren Morgenmantel überstreifte und barfuß nach unten in die Küche tappte, um als Erstes die Kaffeemaschine anzustellen.

Ein langer Tag lag vor ihr. Sie würde heute keine Akten wälzen, keinen übrig gebliebenen Papierkram aus dem Krankenhaus durchgehen, das hatte sie sich fest vorgenommen. Stattdessen würde sie heute endlich den Flur renovieren. Die Farbeimer standen schon seit Wochen mahnend neben der Treppe. Früher hatte sie so etwas mit Ryan zusammen gemacht. Sie hatten gelacht, Musik gehört, sich gegenseitig mit Farbe bespritzt und am Abend Wein getrunken. So zumindest waren sie bei der Renovierung des restlichen Teils des alten Holzhauses vorgegangen, das sie zusammen gekauft hatten. Nun war nur noch der Flur übrig. Den wollten sie als Letztes neu gestalten.

Während der Duft frischen Kaffees durch das Haus strömte, wühlte Allana so lange in den Tiefen ihres begehbaren Kleiderschrankes, bis sie ihre alte Jeans mit den Farbklecksen gefunden hatte und dazu noch ein altes T-Shirt, das sie schon lange nicht mehr trug.

Es waren diese Momente, in denen sie Ryan fast vermisste, bis sie sich selbst wieder daran erinnerte, was er ihr angetan hatte. Hier in ihrem Schlafzimmer hatte er sie mit einer jungen Jurastudentin betrogen. Sicher nicht die Erste, sicher wäre sie nicht die Letzte geblieben, das war Allana trotz seiner Beteuerungen recht schnell klar.

Ryan sah zu gut aus, um wahr zu sein, und er war zu durchtrieben, um jemals ehrlich zu sein. Sicherlich für einen Anwalt eine gute Eigenschaft, für einen Ehemann dafür umso weniger. Das erklärte seinen beruflichen Erfolg und die drei gescheiterten Ehen vor Allana. Aber sie hatte auf niemanden hören wollen, der ihr das angedeutet hatte. Sie würde ihn zähmen, hatte sie geglaubt, sie allein. Männer, dachte sie, haben Jagdinstinkt, Frauen dagegen wollen immer alle retten.

An Tagen wie diesen fragte sich Allana, warum sie bei der Scheidung das Haus herausgehandelt hatte. Vielleicht nur, um ihm zu zeigen, dass sie hier doch glücklich werden konnte. Zur Not eben auch ohne ihn.

Wenn sie ganz ehrlich war, dann war ihr klar, dass sie möglicherweise auch deshalb so viel Zeit in der Klinik, im Sportstudio und mit Freundinnen verbrachte, weil sie alles hier an die glücklichen Zeiten mit Ryan erinnerte und weil jede dieser Erinnerungen ein Stich in ihr geschundenes Herz war.

Sie würde das Haus eines Tages verkaufen, aber bis dahin würde sie verdammt noch mal hier glücklich sein. Punkt. Kämpferisch schob sie ihr Kinn nach vorn und stemmte die Hände in die Hüften. So gefiel ihr ihr eigenes Spiegelbild. Und zum Glücklichsein gehörte ein renovierter Flur.

Aber bevor sie einen Pinsel oder eine Rolle in die Farbe tauchen würde, bräuchte sie ein Frühstück.

Ein frischer Wind fuhr ihr um die Nase, als sie die zusammengerollte Zeitung von der Fußmatte aufhob. Rasch warf sie die Tür ins Schloss und die Zeitung auf den Frühstückstisch. Zwei Spiegeleier brutzelten verführerisch in der Pfanne und dufteten jetzt mit dem Kaffee um die Wette.

So könnte jeder Tag beginnen, dachte sie, als sie den Stuhl zurückschob, sich setzte und die Aspen Daily Mail aufklappte. Auf Seite vier hatte sie fast aufgegessen, als ihr ein letztes Stückchen Ei von der Gabel rutschte.

Randall Murrays Karriere nach OP im Crystal Lake Medical Center am Ende? Ein Artikel von Christine Keegan.

Ein unbestimmtes Gefühl des Unbehagens breitete sich kalt in Allanas Magen aus, dort, wo eben noch das Frühstücksei Platz gefunden hatte.

Das eine war die Woody Creek Gazette. Kaum mehr als ein paar Hundert Exemplare, wenn überhaupt. Die Aspen Daily Mail dagegen, das war eine ganz andere Hausnummer. Hier ging es um eine fünfstellige Anzahl von Zeitungen. Jeden Tag, sieben Tage die Woche und ein Haufen Abonnenten, so wie Allana, die morgens die Zeitung in den Vorgarten geworfen bekamen.

Beklommen griff Allana zu ihrem Smartphone. Ein bisschen fühlte es sich so an, als wäre ihr selbst ein dramatischer Kunstfehler unterlaufen.

Mit klopfendem Herzen wartete sie. »Hier ist Dr. James D. Raker, Chefarzt des Crystal Lake Medical Center. Leider kann ich Ihren Anruf nicht persönlich –« Allana drückte auf den roten Hörer. Wie spricht man so etwas auf die Mailbox? Ein unschöner Artikel, nein zwei, und ein taubes Gefühl dabei?

Nachdenklich legte sie das Smartphone wieder auf den Tisch. Wochenende, zwang sie sich zu denken. Wochenende.

Seegras hieß die Farbe, die sie für den Flur ausgesucht hatte. Ein zartes Grün. Es würde hübsch aussehen zu den weißen Holztüren und dem kleinen weißen Tisch, den sie vor ein paar Jahren in einem Antiquitätenladen in Aspen gefunden hatte.

Aufstehen, Allana, Pinsel in die Hand nehmen. Und doch blieb sie sitzen, ohne sich zu bewegen.

*

Für Leena klingelte der Wecker am Samstag sehr früh, und sie rieb sich müde die Augen, bevor sie sich ihren Weg durch all die Stapel von Umzugskisten ins Bad bahnte.

Heute Nachmittag nach der Visite würde sie endlich wenigstens noch ein paar davon auspacken. Es war ein Dilemma. Eigentlich hatte sie keine Zeit dazu, aber um jeden Morgen in Kisten nach Kleidung für den Tag zu wühlen – dafür fehlte ihr auch die Zeit.

Sicher, ihre Mutter hatte ihr angeboten, ihr zu helfen, aber sosehr Leena ihre Mutter auch liebte, sie wollte es allein schaffen.

In Chicago hatte sie nur ein kleines Apartment bewohnt, hier dagegen hatte sie ein Haus gemietet und ein Auto gekauft. Zum ersten Mal fühlte sie sich nicht mehr wie eine Studentin.

In das Haus hatte sie sich schon im Internet verliebt, als sie die Fotos angeschaut hatte. Jetzt, nachdem sie schon die zweite Nacht darin verbracht hatte, fühlte sie sich immer wohler. Ihr Blick streifte den großen Steinkamin. Davor würde sie es sich gemütlich machen. Mit einem schönen kuscheligen Feuer würde sie sich dafür belohnen, mindestens zehn Kisten ausgepackt zu haben. Heute Abend.

Beschwingt schlüpfte Leena nach dem Duschen in einen grauen Wollpullover, schlichte schwarze Hosen und nahm dann ihre Daunenjacke vom Haken.

In der Nacht waren zehn Zentimeter Neuschnee gefallen. Eigentlich ein guter Tag zum Skilaufen. Aber davon wird es noch viele geben, tröstete sie sich. Und während sie den Wagen sicher auf kurvigen Straßen durch das schneebedeckte Tal lenkte, breitete sich in ihrem Bauch das warme Gefühl aus, endlich wieder zu Hause zu sein.

Am Two Rivers Café stoppte sie den Wagen, um sich bei Earl, dem Besitzer, einen Kaffee zu holen. Hier hatte sie oft mit ihrem Vater auf dem Weg zum Krankenhaus gefrühstückt. Eine schöne Erinnerung, und fast war ihr so, als könnte sie in einem der rauen Männergesichter an den Tischen das fein gezeichnete ihres Vaters sehen. Er wacht über mich, dachte sie. Es ist gut, dass ich zu Hause bin.

Den Kaffeebecher noch in der Hand betrat sie das Krankenhaus über die Rettungsstelle.

Betty lehnte noch immer gegen den Tresen. Allerdings hatte sie inzwischen die Schwesternuniform gegen Thermohose und Pullover getauscht.

»Guten Morgen, Leena! Visite?«

»Ja, und du gehst jetzt aber schlafen, oder?« Leena musterte besorgt die dunklen Ringe unter Bettys lächelnden Augen.

»Ja, und ich komme erst Montag wieder.« Murmelnd fügte Betty hinzu: »Wenn alles glatt läuft.«

»Ab mit dir. Das ist eine ärztliche Anordnung.« Sanft schob Leena Betty ein Stück in Richtung Tür, bevor sie selbst den Flur zu den Fahrstühlen einschlug.

»Ach«, fragte sie im Gehen, »Betty, hast du was von Dr. Bade gehört?«

Bettys Kopfschütteln genügte ihr, bevor sich die Fahrstuhltür schloss. Mark Turner war jetzt wohl endgültig ihr Patient, wenn Dr. Bade es selbst jetzt am ersten Tag nach der Operation nicht ins Krankenhaus schaffte. Er muss wirklich entlegen wohnen. Vielleicht oben an der Passstraße.

Auf der Station nahm Leena die Akte von Mark Turner aus der Ablage und studierte die letzten Eintragungen. Er hatte nur einmal Schmerzmittel gebraucht. Ein gutes Zeichen. Warum ihr Herz ein wenig schneller schlug, als sie seine Zimmertür öffnete, war ihr auch nicht ganz klar. Was war nur los mit ihren Gefühlen? Da war etwas an ihm, das sie einfach nervös machte. Vielleicht war es sein Aussehen, vielleicht fühlte sie sich aber auch nur abgestoßen von seiner überbordenden Arroganz.

Mark Turner hatte ein Laptop auf dem Schoß, als sie eintrat. Das operierte Bein war auf einer Schiene hochgelagert und die Decke darüber ein Stückchen zurückgeschlagen. Ein letzter Blick auf die Akte, dann sah sie Mark Turner in die Augen.

»Guten Morgen, wie geht es Ihnen heute?«

Sein Blick war wach und stechend. Heute lag keine Angst mehr darin, nur noch Ungeduld.

»Es ging mir schon besser, aber ich komme zurecht. Die viel interessantere Frage ist doch: Werde ich wieder Leistungssport treiben können? Und wenn ja, wann?«

Leena ließ die Akte sinken und stützte ihre Hände am unteren Ende des Bettes auf. »Das, Mr Turner, wird nur die Zeit zeigen können. Die Operation ist sehr gut verlaufen, und ich habe in Chicago schon drastischere Verletzungen operiert, bei denen die Patienten später wieder auf einem Skateboard standen. Wie dem auch sei, vor Ihnen liegt eine lange Zeit der Rehabilitation.«

Jetzt sah er interessiert auf. »Chicago, ja? Und was verschlägt sie dann hierher in die Rocky Mountains?«

»Ich bin hier geboren. Ich stamme aus Woody Creek.«

Seine Züge wurden weich. »Ah, auch ein Landei, Dr. Summers. Ich komme aus den anderen Bergen. Old Mammoth, Kalifornien, Sierra Nevada.«

Ein kurzes Lachen entfuhr Leena. »Unglaublich. Ich hatte sie für einen –« Sie biss sich auf die Lippe. Professionalität, Leena! »Wie dem auch sei. Ich würde gerne noch einen Blick auf ihr Bein werfen, bevor ich gehe.«

Rasch zog Mark Turner die Decke über sein Bein, und ein spöttisches Lächeln kräuselte seine Lippen. »Gern, aber nur, wenn Sie mir sagen, wie Sie Ihren Satz beenden wollten.«

Ihre Blicke waren jetzt wie ein Tauziehen. Sie könnte sich in diesen Augen verlieren, dachte Leena, unter der harten Schale lag mit Sicherheit sehr viel Verletzlichkeit.

»Nein, das wäre unprofessionell. Und jetzt lassen Sie mich ihr Bein sehen.«

Sie beugte sich vor und griff nach der Decke, die Mark aber nicht losließ.

»Und Sie sind niemals unprofessionell, Dr. Summers. Ich wette, Sie hatten sagen wollen, dass Sie mich für einen arroganten Stadtaffen halten, nicht wahr?«

Sie konnte seinen Atem auf ihrer Wange spüren. Um keinen Preis der Welt hätte sie jetzt die Decke losgelassen.

»Allerdings«, gab sie energisch zurück, doch ihr Herz klopfte bis in ihre Schläfen. Woher nahm er das Recht, sich so zu benehmen?

Seine Stimme war jetzt sehr leise in ihrem Ohr: »Und Sie hätten gar nicht mal so unrecht damit. Arrogant und Affe stimmt, aber sonst haben wir mehr gemeinsam, als Ihnen lieb ist, scheint mir.«

Er gab endlich nach, und sie konnte die Decke zurückschlagen. Was für ein rätselhafter Mensch, ging ihr durch den Kopf. Mal stieß er sie weg und mal gab er etwas preis. Was sollte sie davon halten?

Zu ihrem Ärger musste sie feststellen, dass ihre Hand vor Unsicherheit zitterte, als sie den Verband vorsichtig abwickelte. Und nein, sie hatte sicher nichts mit ihm gemein. Ganz sicher nicht. Mit diesem arroganten Affen?

Um ihre widerstreitenden Gefühle zu beruhigen, konzentrierte sie sich auf das verletzte Bein. Das hier war etwas, das sie konnte, hier würde Mark es nicht schaffen, sie zu verunsichern.

Rasch tupfte sie Desinfektionsmittel über die Wunden, deckte sie mit Kompressen ab und schlang einen neuen Verband herum. Als sie sich wieder zu ihm umdrehte, sah sie, wie er die Lippen fest aufeinandergepresst hatte.

»Schmerzen?«

Mehr als ein Nicken brachte Mark Turner nicht zustande.

»Ich bin gleich wieder da.«

Im Dienstzimmer der Station zog Leena ein Schmerzmittel auf, vermerkte die Dosis gewissenhaft in seiner Akte und spritze ihm das Medikament in seine Infusion.

Gleich darauf entspannte sich seine gerunzelte Stirn, und sein Lächeln kehrte zurück.

»Und Sie werden persönlich meine Rehabilitation überwachen, Dr. Summers?«

Leena erwiderte das Lächeln, aber innerlich wurde ihr heiß und kalt. Sein unberechenbares Verhalten machte sie nervös. Noch nie hatte sie sich bei einem Patienten so gefühlt.

»Nun, wenn Dr. Bade zurück –«

Weiter kam sie nicht, denn Mark streckte die Hand nach ihr aus. Warm schlossen sich seine Finger um ihr Handgelenk.

»Wenn Dr. Bade zurückkommt, hat er einen Patienten weniger. Ich finde, Sie sollten meine Ärztin werden. Ich glaube, wir harmonieren gut miteinander.«

Wieder tauchten seine Augen tief in ihre. Ein Schauer lief Leena über den Rücken. Selbst jetzt in diesem Krankenhausbett hatte Mark Turner eine Anziehungskraft, der sie sich schwerlich entziehen konnte.

»Sagen Sie doch Mark zu mir, Leena.«

Und gerade als sie den Mund öffnete, um etwas zu erwidern, schwang die Tür zum Patientenzimmer weit auf und eine zierliche Frau blieb auf der Schwelle stehen und legte eine Hand vor ihren roten, spitzen Mund, während Mark Leenas Hand rasch losließ.

»Oh, Mark, wie geht es dir? Ich bin in den nächsten Flieger gestiegen, aber das Wetter war schrecklich. Ich kam bis Denver und bin dann die ganze Strecke nach Woody Creek mit einem Mietwagen gefahren!« Vor allem Letzteres klang wie eine absolute Zumutung. »Fast vier Stunden! Es war einfach kein Helikopter aufzutreiben.«

Leena nutzte die Zeit, in der sich die Frau ihrer Jacke und ihrer Handschuhe entledigte, um sie genauer zu mustern. Ihr schlanker Körper steckte in hautengen Jeans, und um ihre Brüste spannte sich ein weißer Rollkragenpullover. Die schwarzen Stiefeletten sahen eher modisch aus als wirklich passend für den Winter in Colorado. Und es war Leena ein Rätsel, wie diese Frau es geschafft hatte, dass ihr langes blondes Haar nach vier Stunden Autofahrt in perfekten Wellen über ihre Schultern fiel und das Make-up so aussah, als hätte sie es gerade aufgetragen.

»Dr. Summers, das ist meine Verlobte Emely Redding, Emely, das ist meine Ärztin Dr. Summers.«

Statt einer Begrüßung bedachte Emely Leena nur mit einem angedeuteten Nicken und sagte dann spöttisch: »Ich dachte, ihr wärt gerade beim Du angekommen.«

»Keineswegs, Ms Redding, als behandelnde Ärztin finde ich es sinnvoll, eine professionelle Distanz zu wahren.«

Emely streifte sie mit einem gleichgültigen Blick, und schmerzlich wurde sich Leena bewusst, dass sie nicht mal halb so perfekt aussah wie diese Frau.

»Egal. Mark, dieser Unfall kommt wirklich zu einem schlechten Zeitpunkt. Was machen wir, wenn dein Hauptsponsor abspringt?«

»Carson Ltd., die Softwarefirma? Vermutlich ein paar Tausend Dollar im Monat weniger ausgeben. Das Krankenhaus ist auch teuer, Emely.«

»Das ist keine Option. Ich werde mit dem Marketingdirektor dort sprechen und ihm versichern, dass dieser Unfall nur ein kleiner Rückschlag ist. Mehr ist das doch nicht, Dr.-« Emely brach ab und wandte sich Hilfe suchend an Mark, der jedoch die Lippen fest aufeinanderpresste.

»Dr. Summers«, ergänzte Leena betont sanft. »Und aus ärztlicher Sicht ist es sehr fraglich, ob und wann Mr Turner wieder auf einem Board stehen kann.« Dann wandte sich Leena an Mark Turner. »Ich komme morgen wieder zur Visite, Mr Turner.«

Leena hob das Kinn und rauschte hinaus, ohne Emely Redding noch mit einem weiteren Blick zu bedenken.

Erst vor der Tür holte sie tief Luft und fragte sich, ob die Enttäuschung, die sie tief in sich spürte, etwa auf Emelys Erscheinen zurückzuführen war.

*

Als sie die Hälfte der Wand fertig gestrichen hatte, legte Allana die Farbrolle vorsichtig auf den Deckel des Farbeimers ab, trat zurück und begutachtete ihr Werk. Wirklich eine schöne Farbe.

Wirklich eine schöne Farbe.

Jetzt war es auf jeden Fall Zeit für eine Mittagspause. Der Gedanke an eines von Earls Sandwiches, die er nur ein paar Straßen weiter in seinem kleinen Café verkaufte, ließ Allana das Wasser im Munde zusammenlaufen.

Rasch schlüpfte sie im Schlafzimmer in ihre Thermohose und eine Winterjacke. Das wäre jetzt genau richtig. Im Gehen nahm sie die Autoschlüssel aus der kleinen Schale, die ihr Ryans Mutter zur Hochzeit geschenkt hatte. Ryans Mutter hatte sie immer gemocht, vielleicht weil sie beide fest daran glaubten, dass sich Ryan für Allana ändern würde, dass ihre Liebe ihm einen neuen Sinn im Leben geben könnte.

Doch am Ende hatten sie sich beide einfach bitter getäuscht.

Als sie ihren Geländewagen vor Earls Café parkte, stellte sie fest, dass der erste Ansturm auf sein Essen schon vorbei sein musste. Die meisten hungrigen Skifahrer war schon wieder auf dem Weg zu den Skiliften und Pisten. Hoffte sie auf der einen Seite, dass alle ihren Winterurlaub genießen konnten, sah sie auf der anderen Seite in jedem skibebrillten Gesicht auch einen potenziellen Patienten für das Crystal Lake. So ganz konnte sie nie abschalten, dafür war ihr das Krankenhaus einfach zu sehr Heimat und Lebensmittelpunkt geworden.

Fast warm legten sich die schrägen Strahlen der Sonne auf ihr Gesicht, und sie schob ihre Sonnenbrille erst ins Haar, als sie durch die klingelnde Tür trat und Earls breites Lächeln sah. »Allana, wie schön! Du warst lange nicht mehr hier!«

»Das stimmt.« Häufig kam sie nicht dazu, hier einzukehren, meist bestellte sie sich einfach Essen, während sie noch Unterlagen für das Krankenhaus fertig machte. »Aber umso mehr freue ich mich auf dein Truthahnsandwich.«

»Sicher. Sonst noch etwas?«

Allana lächelte. Warum sollte sie sich nicht einmal etwas gönnen? Ihr ganzes Leben war voller Disziplin, und heute war Samstag. »Weißt du was? Pack mir noch etwas von deinem Kartoffelsalat ein und ein halbes Hühnchen für heute Abend, und wenn du schon dabei bist, nehme ich noch ein Stück Limettentorte mit.«

Sie tauschte mit Earl einen warmen Blick, bevor er sich ans Einpacken all der Köstlichkeiten machte.

»Das ist viel Essen für eine zierliche kleine Frau. Hast du etwa Besuch, Allana?«

Ryans Stimme hatte etwas Vertrautes und Abstoßendes zugleich. Seufzend drehte sich Allana um, und Ryans Anblick versetzte ihr einen kleinen Stich. Sie hatte sein ovales Gesicht mit den klugen blauen Augen, die auch gefährlich schimmern konnten, immer sehr geliebt. Und auch heute sah er verboten gut aus. Eine Strähne seines blonden Haares fiel ihm in die Stirn, und er sah aus, als wäre er auf dem Weg, die ganze Welt erfolgreich zu verklagen.

»Das geht dich gar nichts an«, antwortete Allana gereizt und ärgerte sich gleichzeitig darüber, dass ihr nichts Klügeres eingefallen war.

»Ein Truthahnsandwich und ein Thunfischsandwich zum Mitnehmen bitte, Earl«, rief Ryan gut gelaunt und wandte sich dann wieder an Allana: »Natürlich geht mich das nichts an. Aber es interessiert mich eben. Ich bin ein neugieriger Mensch, das weißt du ja.« Und seine Stimme klang so leicht und flockig, dass Allana beschloss, ihm seinen Triumph über sie nicht zu gönnen.

»Es tut mir ja leid, Ryan, dass ich nach der Scheidung noch genug Geld übrig habe, um anständig zu essen.« Sie schob das Geld über den Tresen und griff nach Earls brauner Papiertüte mit ihrem Essen darin. »Bis bald, Earl!«

Zügig, aber nicht so, dass es aussah, als wäre sie auf der Flucht, trat sie durch die Tür nach draußen in den Schnee und ging zu ihrem Wagen. Erst als sie alle Türen verriegelt hatte und die Kreuzung mit Earls Café schon drei Blocks hinter ihr lag, schlug sie mit der Faust auf ihr Lenkrad. »Dieser Mistkerl!«

Das tat gut.

3. Kapitel

Bevor sie die Haustür ins Schloss zog, ließ Leena noch einmal ihren Blick schweifen. Keine Frage, sie war gestern weit gekommen. Das Geschirr hatte sie in der Küche verstaut und ihre Bücher in die Regale im Wohnzimmer einsortiert. Natürlich war ihre Mutter doch vorbeigekommen, und sie hatten viel gelacht, als sie alten Kram von Leena sortiert hatten, den sie in Chicago nur wahllos in Kisten geworfen hatte.

Noch sah die Couch vor dem Kamin etwas verloren aus, aber vielleicht würde sie es nächstes Wochenende schaffen, ein paar neue Möbel zu kaufen. Alles in allem war sie trotzdem mehr als zufrieden mit dem gestrigen Nachmittag.

Heute wollte sie ihre Mutter nach der Visite abholen und mit ihr in Aspen essen gehen. Vielleicht würden sie danach noch zur Butte Ranch rausfahren. Früher war Leena dort geritten, und jetzt, hier auf dem Land, wäre es schön, wieder ein Pferd zu haben. Aber erst Mark Turner. Seufzend startete Leena den Motor.

Diesmal begrüßte sie eine andere Schwester in der Rettungsstelle. Offensichtlich hatte Betty wirklich einen freien Tag genommen. Dafür traf sie Clare auf dem Flur der Station wieder.

»Wie geht es Mark Turner heute?«

Clare lächelte sanft und griff die passende Akte aus der Ablage. »Gut, er hatte eine gute Nacht. Kein Schmerzmittel. Kann ich für morgen den Physiotherapeuten bestellen?«

Leena runzelte die Stirn. »Später. Ich möchte erst noch ein Röntgenbild, und morgen früh sehe ich mir das Bein noch einmal an.«

»Gern, ich kümmere mich um das Röntgen.«

»Ich mache den Verbandswechsel selbst, Clare.«

Erleichtert zwinkerte Clare ihr zu. »Danke, Dr. Summers, das ist nett. Heute ist wirklich viel zu tun, und Dr. Bade ist immer noch nicht aufgetaucht.«

»Sagen Sie Leena zu mir, bitte. Und soll ich noch Patienten von ihm übernehmen?«

»Nein, ist schon gut, Dr. O’Connor kümmert sich schon.«

Damit nahm Leena den Verbandswagen und rollte ihn in Mark Turners Zimmer. »Guten Morgen, Mr Turner. Oh, wo ist denn Ihre Verlobte? Ich dachte, sie würde jetzt nicht mehr von ihrer Seite weichen?«

Zu Leenas Überraschung lachte Mark bitter auf. »Emely? Das Einzige, was sie atemlos beobachtet, ist mein Kontostand. Aber das soll nicht ihre Sorge sein, Leena.«

»Ich dachte, wir wären bei Mr Turner und Dr. Summers?«

Leena zog eine Augenbraue in die Höhe und hob dann die Bettdecke an. Was sie an Mark so beeindruckte, war seine unglaubliche körperliche Präsenz. Eine Spannung lag selbst über seinem verletzten Körper, die sie magisch anzog, das musste sie zugeben, wenn auch widerwillig. Normalerweise fand sie andere Männer attraktiv. Witzige Männer. An Mark Turner schien ihr alles ernst zu sein. Der Sport und das Leben sowieso.

Als sie sich über das Bein beugte, setzte sich auch Mark im Bett auf. Sein Kopf war so nah an ihrer Wange, dass sie wieder seinen Atem fühlen konnte. Er riecht gut, schoss ihr durch den Kopf, und sie biss sich auf die Lippe. Er roch nach Winterluft und Mandeln und nach Rasierwasser.

»Sagen Sie es mir, wo sind wir denn, Leena?« Seine tiefe Stimme ging ihr durch und durch. Doch sie konnte sich ihren Gefühlen nicht hingeben. Durfte es nicht. Deshalb heftete sie ihren Blick regungslos auf das verletzte Bein.

Und schon im nächsten Augenblick lehnte er sich wieder zurück, und sein Ton klang blasiert und desinteressiert. »Und sie stammen also aus Woody Creek, Dr. Summers?«

Leena wickelte zügig den alten Verband ab. »Ja«, gab sie zurück und war froh, Mark nicht ansehen zu müssen. Irgendetwas in ihr brachte er in Aufruhr. »Ja, ich stamme aus Woody Creek. Mein Vater war Arzt und davor mein Großvater und mein Urgroßvater. Mein Urgroßvater war schon hier am Krankenhaus, als das noch ein Luftkurort für Tuberkulosepatienten war, kein Skiparadies für Superreiche.«

»Es muss schön sein, auf so eine Familientradition zurückblicken zu können«, sagte Mark Turner überraschend nachdenklich. »Au! Passen Sie doch auf!«

Leena hatte die alte Kompresse abgezupft und grinste in sich hinein. Weichei, dachte sie. Der Schmerz war in etwa so, als würde man ein Pflaster abziehen.

»Ich mache nur meine Arbeit, Mr Turner.«

»Und das macht Ihnen Spaß, was? Menschen quälen.« Sie konnte hören, dass Ärger und Belustigung gleichermaßen in seinen Worten mitklangen.

»Natürlich«, sagte Leena deshalb leichthin, »sonst würde ich diesen Beruf ja nicht so lieben.«

Sie warf ihm einen Seitenblick zu, bevor sie sich wieder seiner OP-Wunde widmete. »Und Ihre Familie, Mr Turner?«

Im Augenwinkel sah sie es wieder. Dieses kleine, spöttische Lächeln, das sie so attraktiv fand. »Meine Familie hat ihre eigenen Gepflogenheiten. Eine Menge altes Geld ausgeben, ein Haufen unglücklicher Ehen und die wunderbare Tradition des Whiskytrinkens, um all das zu vergessen.« Die Bitterkeit seines Tonfalles entging ihr nicht, obwohl er all das so leicht dahinsagte, als wäre es ein großartiger Witz.

Jetzt verstehe ich dich etwas besser, Mark Turner, dachte sie und sah ihn mitleidig an.

Sofort verfinsterte sich sein Gesicht, und er schien seine Worte zu bereuen. »Nicht so fest!«

Leena ließ der Binde etwas mehr Spiel.

»Fertig, Mr Turner. Morgen noch ein Röntgenbild, und dann wollen wir mal sehen, welche Wunder unsere ausgezeichnete Physiotherapieabteilung bei Ihnen bewirken wird.«

»Und ihr Vater? Arbeitet er auch hier am Krankenhaus? Oder zieht er den Sportlern etwa in einer Praxis das Geld aus der Tasche?«

Sie konnte nicht verhindern, dass ihr bei seinen abfälligen Fragen die Tränen in die Augen schossen. Das hatte ihr Vater nicht verdient. Ihr Vater war mit Leib und Seele Arzt gewesen. Das Geld hatte ihn an seinem Beruf am wenigsten interessiert.

Hastig blinzelte sie und drehte Mark den Rücken zu. »Mein Vater ist tot, Mr Turner. Ich bin jetzt die einzige Dr. Summers in diesem Ort.« Leena war froh, den Verbandswagen zu haben. Hektisch zog sie ein paar Schubladen auf und zu und tat so, als müsste sie etwas sortieren.

»Das tut mir leid, Leena. Ehrlich leid. Ich weiß, ich kann manchmal sehr –. Nun ja, ich bin nicht wirklich diplomatisch. Kommen Sie, sagen Sie mir, dass Sie meine Entschuldigung annehmen?« Diesmal lag so viel Ehrlichkeit und Wärme in seiner Bitte und auch Reue, dass Leena sich zwar nicht umdrehte, weil sie ihm auf keinen Fall ihre Tränen zeigen wollte, aber zumindest nickte sie.

»Es ist nur …« Mark Turner war tatsächlich um Worte verlegen. »Es ist nur so, dass mich das wahrscheinlich gar nicht treffen würde, wenn mein Vater morgen tot umfiele. Ich finde es immer irgendwie kitschig, wenn Menschen ihre Eltern wirklich mögen.« Nach einer kurzen Pause setzte er hinzu: »So als wäre das gar nicht real, sondern nur ein schlechter Roman.«

Ohne ihn noch einmal anzusehen, schob Leena den Wagen auf den Flur. »Wie dem auch sei, Mr Turner, wir sehen uns morgen.«

*

Wie immer öffnete Emely seine Zimmertür, ohne anzuklopfen.

»Wie geht es dir?«, fragte sie und fuhr gleich fort, ohne Marks Antwort abzuwarten: »Nur ganz kurz, ich habe mit Roger telefoniert. Er versucht sein Bestes, deine Sponsoren bei Laune zu halten. Alles nicht so einfach.« Emely seufzte und warf einen verstohlenen Blick auf ihr Smartphone, der Mark nicht entging. »Ich muss auch gleich wieder los. Skype-Konferenz mit unserer Wedding-Planerin. Brauchst du noch etwas?«

Mark schüttelte den Kopf. Er brauchte nichts, was Emely ihm geben konnte, schoss ihm durch den Kopf. Was er wirklich bräuchte, wären Anteilnahme und Trost, aber das waren Wünsche, die er an Emely auch gar nicht richten wollte.

Nachdem sie kurz darauf aus dem Zimmer rauschte, versuchte Mark, sein Bein, samt der Gipsschiene, ein paar Zentimeter zur Seite zu schieben.

Unter dem Verband war aus dem harmlosen Jucken mittlerweile ein brennender Schmerz geworden, der ihm Schweißperlen auf die Stirn trieb. Aber etwas anderes quälte ihn viel mehr.

Was hatte er sich nur dabei gedacht? Warum war er so unfreundlich zu Leena gewesen? Er, der charmante Sportler, der mit einem einzigen Lächeln alle Frauen, die er haben wollte, um den Finger wickeln konnte.

Leena hatte er in diesen Reigen einreihen wollen, er hatte sie jagen und wie eine Trophäe an seiner geistigen Wand aufhängen wollen, aber etwas in ihr schien all seinen Verführungskünsten trotzen zu können. Sie war anders als andere Frauen, das spürte er. Da waren eine Aufrichtigkeit und eine Ehrlichkeit, die ihn fast anrührten, und dazu kam ihre unglaubliche Leidenschaft für ihren Beruf.

Und er? War Snowboardfahren eigentlich ein Beruf? Sicher, er hatte ein abgeschlossenes Wirtschaftsstudium. Er war an der Uni in Berkeley gewesen, so wie sein Vater, aber sein Leben hatte sich auf den Pisten dieser Welt abgespielt. Snowboarden, das erforderte nicht nur Mut und Risikobereitschaft, sondern auch höchste Konzentration, denn wenn diese flöten ging, sah man ja, was passierte. Wieder blickte Mark auf sein Bein, und er fragte sich, wie etwas, das er vorher als so selbstverständlich hingenommen hatte, jetzt gebrochen hier lag, als gehörte es nicht ganz zu ihm.

Plötzlich erschien ihm das Zimmer unglaublich warm zu sein. Er schlug seine Decke zurück.

Leena – warum hatte er sie so von sich gestoßen? Und warum schmerzte es ihn, dass er sie verletzt hatte?

Er hatte abgeklärt klingen wollen, als er über seine Eltern sprach, und empfand seine Schilderungen im Nachhinein als fast weinerlich.

Was war an Leena so anders als an anderen Frauen?

Jetzt überkam ihn ein Frösteln. Hastig zog er sich seine Decke wieder bis zum Kinn.

Leena war wie eine Flamme. Er könnte sich an ihr verbrennen, und gleichzeitig war sie hell genug, um dunkle Ecken in seinem Herzen auszuleuchten. Seine Gedanken überschlugen sich. Er sah Leena in ihrem weißen Kittel, wie sie sich über ein Kartenhaus beugte, welches er gebaut hatte, und mit einem freundlichen Lächeln eine der untersten Karten anstieß. Alles brach zusammen. Und eine Menge Farben explodierten in seinem Kopf.

»Mr Turner! Sie glühen ja! Haben Sie Fieber?«

Eine kühle Hand auf seiner Stirn. Woher sollte er das wissen? Sie war die Schwester. Und eigentlich war es ihm auch egal, ob er Fieber hatte. Da war jetzt eine Leichtigkeit in seinem Kopf, die er gerne mochte. Da war Leena in seinem Kopf, wie sie sich über ihn beugte und seine Stirn küsste. Mark lächelte.

*

Tatsächlich hatte Allana es gestern geschafft, den ganzen Flur noch fertig zu streichen. Die Begegnung mit Ryan hatte sie mehr als beflügelt, und heute saß sie daher mit ihrem Morgenkaffee statt am Frühstückstisch auf der untersten Treppenstufe und freute sich an ihrem Werk.

Leise tönte das Radio aus der Küche. Verkehrsnachrichten. Hier in den Bergen unerlässlich. Aufmerksam lauschte Allana, ob das Krankenhaus von Straßensperrungen betroffen war. Wieder war über Nacht Schnee gefallen. Wieder waren etliche Passstraßen gesperrt.

Halt, jetzt spitzte sie die Ohren. Wohnte dort nicht Dr. Bade? Juniper Hill Road? Auf der anderen Seite des Tals?

Nachdenklich stand Allana auf und stellte ihren Kaffee auf der Kücheninsel ab.

Rasch fand sie im Internet eine Übersicht des Countys. Die Juniper Hill Road schlängelte sich den Sloane Mountain hinauf, bis sie in die Passstraße mündete, irgendwo ziemlich weit oben hatte Dr. Bade sein Haus. Nur, die Nachrichten hatten keine Lawine in diesem Winter in diesem Gebiet gemeldet, und hier im Internet konnte sie auch keine Warnung finden. Allana runzelte die Stirn. Irgendetwas war sehr faul. Entweder sie täuschte sich, oder bei Dr. Bades Lawinengeschichte stimmte etwas nicht.

Sie würde dem auf den Grund gehen müssen, und sie hatte ein schlechtes Gefühl bei der Sache.

Jetzt zog sie doch ihr Smartphone aus der Tasche, wählte die Nummer der Rettungsstelle. Wie immer dauerte es lange, bis sich jemand meldete, und es war glücklicherweise nicht Schwester Betty, sondern Gavin, der neue Krankenpfleger.

»Hier ist Allana McGinty, bitte suchen Sie mir die Privatnummer und die Adresse von Dr. Bade heraus.«

»Augenblick.« In der Verbindung schnarrte und knarrte es, dann las Gavin gut gelaunt vor: »Dr. William Bade, 256 Juniper Hill Road, und die Telefonnummer ist …«

Eifrig kritzelte Allana alles auf ihren Notizblock in der Küche. »Danke, Gavin, ruhigen Dienst noch.«

»Ruhig? Wir haben hier drei gebrochene Arme, vier Beine und –« Allana unterbrach ihn: »Sie machen das schon, Gavin, schönen Tag noch!«

Auf so ein Gespräch durfte sie sich nicht einlassen, das war ihr nach all den Jahren klar. Zu Anfang war sie oft am Wochenende ins Krankenhaus gefahren, hatte sich einen Schwesternkittel übergeworfen und mitgearbeitet. Aber das ging einfach nicht. So nahm sie niemand als Leitung ernst, das hatte sie lernen müssen.

Also doch Juniper Hill Road. Sie hatte das ganz richtig in Erinnerung. Was wusste sie eigentlich über Dr. Bade? Nicht viel, das musste sie sich eingestehen. Sie gab auch nicht viel auf den Klatsch und Tratsch. Er war beliebt, das ja und dann fiel ihr noch ein, dass vor zwei Jahren seine Frau gestorben war. Krebs. Sie konnte sich erinnern, dass der Chefarzt, Dr. Raker, ihn für ein, zwei Monate beurlaubt hatte. Und dann hielt sie den Gedanken an Dr. Raker fest. Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt, ihn anzurufen. Vielleicht hatte das alles nichts miteinander zu tun, aber vielleicht eben doch.

Sie wählte Dr. Rakers Nummer und wartete bis zum Piepton.

»James, hier ist Allana. Wir müssen reden, ruf mich bitte zurück. Ich … Es ist wichtig!«

Wahrscheinlich war er noch auf der Tagung, oder vielleicht saß er schon im Flugzeug nach Denver. Jetzt, nach dem Wissen, dass es nie eine Lawine gegeben hatte, schien Allana das alles kein Zufall mehr zu sein. Sie hatte eher den Eindruck, am Fuße eines Berges zu stehen und hinaufzublicken. Die Spitze allerdings war in dichte Wolken gehüllt.

Und gerade als sie einen Schwung frische Kaffeebohnen in das Mahlwerk ihres Vollautomaten kippte, klingelte tatsächlich ihr Telefon.

»Allana, hier ist James. Das klang so …« Er räusperte sich. »So ernst? Ist etwas?«

Sie schloss für einen Moment die Augen. Schon der sonore Klang seiner Stimme beruhigte sie ein wenig.

»Ich weiß nicht, James. Ich glaube, es wäre besser, wenn wir das nicht am Telefon besprechen würden. Wann bist du wieder da?«

»Ich bin eben in Denver gelandet, habe noch einen Termin, und dann könnte ich auf dem Weg nach Hause bei dir vorbeifahren?«

Sie atmete tief ein. »Ja, James, das wäre gut.«

Einen Augenblick schwiegen sie beide.

»Sag mir nur, Allana, ist es etwas Privates, oder geht es um das Krankenhaus?«

Sie konnte fühlen, wie ihr die Röte in die Wangen schoss, und sie dachte an die zwei Abende, an denen sie zusammen essen waren. Zwei mal Abendessen und ein Kuss. Nicht mehr und nicht weniger. Leider ein Kuss, den sie gerne vertieft hätte und er offensichtlich auch. So hatte es sich zumindest angefühlt. Aber James war – und das hatte sie zu ihrer eigenen Schande in dem Moment völlig ausgeblendet – verheiratet. Und es kam für sie nicht infrage, ihr mühsam zusammengeklaubtes Herz wieder brechen zu lassen, geschweige denn einer anderen Frau das anzutun, was Ryan und diese Jurastudentin ihr angetan hatten. Nach dem Kuss war sie James lange Zeit aus dem Weg gegangen. Und wenn sie sich begegnet waren, dann hatte sie oft mit einem schlechten Gewissen ihren Blick gesenkt.

»Nein, James, es geht um das Krankenhaus.«

»Ich bin in etwa sechs Stunden da.«

Er legte auf, und Allana drehte nachdenklich das Telefon in ihrer Hand.

*

»Leena, du siehst müde aus. Das ist anstrengend, alles auf einmal zu machen. Umziehen, arbeiten. Kannst du nicht ein paar Tage frei nehmen?«

Leena lächelte in das besorgte Gesicht ihrer Mutter Abby und klappte die Speisekarte zu. »Natürlich nicht. Das ist ein neuer Job. Wie würde es aussehen, wenn ich gleich nach freien Tagen frage?«

»Als Dr. Herman noch das Krankenhaus leitete, und dein Vater –«

Seufzend unterbrach Leena ihre Mutter. »Und als Großvater noch Chefarzt war, da gab es so was nicht!«

Jetzt lachte Abby laut auf. »Du wirst deinem Vater immer ähnlicher. Weißt du, wie stolz er auf dich wäre?«

Rasch sah Leena auf das Platzset vor ihr, auf die Olivenzweige, die am Rand darauf gemalt waren und sich um Brotstangen rankten. Davor hatte sie sich am meisten gefürchtet. Ihr war klar gewesen, dass sie ständig an den Tod ihres Vaters erinnert werden würde, aber dass es so schwer sein würde, das hatte sie nicht gedacht.

»Lass gut sein, Mum«, bat sie leise.

»Sicher.« Betroffen faltete Abby die Serviette auf und legte sie sich über den Schoß. »Aber jetzt erzähl doch mal, Leena, was macht das Krankenhaus, was machen die Männer? Gibt es nicht einen schicken Kollegen, mit dem du dich mal treffen kannst? Privat, meine ich?«

Jetzt rollte Leena mit den Augen. »Mum, es wird nicht besser!« Und zum Kellner gewandt rief sie: »Wir würden gern bestellen.«

»Was darf es sein?«

Erleichtert über den Themenwechsel schlug Leena die Karte wieder auf. Doch nachdem der Kellner wieder weg war, begann ihre Mutter erneut: »Du kannst nicht ewig Paul nachweinen.«

»Ich weine Paul nicht nach! Ich habe mich schließlich getrennt.«

»Und seitdem kein Mann?« Ihre Mutter war hartnäckig, das musste Leena ihr lassen. Darin waren sich die beiden Frauen sehr ähnlich.

»Nichts von Bedeutung.« Warum sie ausgerechnet jetzt an Mark denken musste, war ihr nicht klar, aber sie spürte eine verräterische Röte auf ihren Wangen, die natürlich auch ihrer Mutter nicht entging.

»Also, da gibt es jemanden?«

»Nein!«, sagte Leena scharf und trommelte mit den Fingern auf den Tisch, während sich ihre Mutter lächelnd zurücklehnte.

Zum Essen fanden sie andere Themen, dann schoben beide Frauen ihre Teller satt von sich.

»Und jetzt, Leena, habe ich noch eine Überraschung für dich.«

Ungläubig runzelte Leena die Stirn. Ihre Mum stand auf und reichte ihr die Hand. »Komm, wir müssen rauf nach Norrie.«

»Aber«, protestierte Leena, »ich dachte, wir wollen zur Butte-Ranch.«

»Nein, nein«, sagte Abby bestimmt und zog Leena aus ihrem Stuhl. »Wir fahren in die Berge.«

*

Die Dämmerung brach gerade herein, als Allana einen Wagen vor dem Haus hörte und nur wenige Sekunden später die Türklingel.

James hatte seine Laptoptasche unter dem Arm. Sein grau meliertes, volles Haar war etwas zerzaust, aber ein leichtes Lächeln umspielte seine Mundwinkel. »Lass mich rein, Allana, ich erfriere!«

Lachend öffnete sie die Tür ganz.

»Kein Wunder! Nur im Jackett. Was würdest du deinen Patienten sagen?«

»Na, dass sie gefälligst ihre Daunenjacke nicht im Auto lassen sollen.« Er beugte sich zu Allana herunter und küsste sie auf die Wange, dann tippte er die Haustür mit dem Hacken an.

»Komm rein, ich habe Feuer im Kamin gemacht. Willst du etwas trinken?«

Dankbar steuerte James auf den lodernden Kamin zu und rieb sich die Hände.

»Ein Glas Rotwein, wenn du ein Glas mittrinkst, sonst nur Wasser.«

Da Allana die Vorliebe ihres Chefs für gute Weine sehr wohl kannte, hatte sie schon eine Flasche temperiert und in den Dekanter gefüllt.

»Hier.« Sie reichte ihm ein Glas. »Hoffentlich magst du ihn. Ein kalifornischer Merlot.«

Prüfend trank James einen kleinen Schluck, dann nickte er anerkennend. »Sehr gut. Und jetzt erzähl mal. Was gibt es denn so Wichtiges?«

Er setzte sich auf die Armlehne des Ohrensessels vor dem Bücherregal und schlug die Beine übereinander. Allana wurde wieder einmal bewusst, wie gut James aussah. Seine fünfzig Jahre sah man ihm bei Weitem nicht an, was sicherlich auch an seinem sportlich durchtrainierten Körper lag. Selbst im Winter ließ er sich vom Joggen draußen nicht abhalten und wich nur in Notfällen auf das Laufband in seinem Büro aus.

Mit knappen Worten umriss Allana den Inhalt der beiden Zeitungsartikel, und nach einem kurzen Zögern berichtete sie außerdem von der unvollständigen Akte und Dr. Bades nicht stattgefundener Lawine.

Als sie geendet hatte, sagte James kein Wort, sondern rieb sich nur nachdenklich das Kinn.

»Was denkst du?«, fragte Allana schließlich in sein Schweigen und befeuchtete ihren trockenen Mund mit einem Schluck Wein.

»Ich denke«, sagte James leise, »wir sollten das im Auge behalten. Ich bin zu lange im Geschäft, als dass ich jetzt schon anfangen würde, mir Sorgen zu machen, aber es ist gut, dass du das ernst nimmst und es mir gesagt hast.« Das halb volle Glas platzierte er auf dem Kaminsims, bevor er aufstand. »Ich muss los, es wird langsam spät.«

»Ich bring dich zur Tür.«

Allana legte eine Hand auf die Klinke, die andere auf James Arm. »Und Dr. Bade? Willst du mit ihm sprechen?«

James Lächeln wurde schief. »Später. Vielleicht wäre es gut, wenn du den Anfang machst.«

Allana runzelte die Stirn. »Wie meinst du das?«

James sah zur Seite und vermied ihren Blick. »Das ist eine lange Geschichte für ein anderes Mal. Aber würdest du morgen zu ihm fahren?«

»Sicherlich.« Allana stellte sich auf die Zehenspitzen und umarmte ihn zum Abschied.

»Vielleicht taucht er ja auch einfach morgen wieder auf.«

»Vielleicht«, sagte James leichthin, doch seine Stimme klang in Allanas Ohr recht zweifelnd. »Vielleicht.«

*

»Und? Was sagst du? Er gehört dir.« Abby kicherte. »Also eigentlich egal. Du musst ihn jetzt mögen.«

Leenas Blick glitt ungläubig über den muskulösen Hengst, der in der Box ungeduldig mit den Hufen scharrte. »Wie, er gehört mir?«

»Das ist mein Willkommensgeschenk für dich. Willkommen zu Hause, Leena.« Ihre Mum drückte ihr einen Kuss auf die Wange. »Übrigens, Lucky ist ein englisches Vollblut und erst vier Jahre alt, hat also noch ordentlich Flausen im Kopf. Pass gut mit ihm auf. Jim, einer der Ranchhelfer, hat ihn zugeritten, aber ich glaube, Lucky muss noch viel lernen.«

»Er ist wunderschön«, stellte Leena leise fest.

»Das will ich meinen. Einer der schönsten Hengste auf der Ranch«, sagte ihre Mutter zufrieden.

Leena strich vorsichtig über die weiche Pferdenase, bis das Smartphone in ihrer Tasche zu vibrieren begann.

Nur widerwillig nahm sie den Anruf entgegen. »Summers?«

»Hallo Leena, hier ist Clare aus dem Krankenhaus. Die Störung tut mir leid, aber Sie sagten ja, ich solle Sie anrufen, wenn etwas ist. Leider geht es Mr Turner nicht so gut. Er fiebert, seitdem sie weg sind, und hat starke Schmerzen. Was sollen wir tun?«

Leena schluckte, und Anspannung kroch ihren Rücken hinauf. »Ich brauche ein großes Blutbild und Entzündungsparameter. Hoffen wir, dass das eine normale postoperative Reaktion ist und nichts Schlimmeres. Ich bin in zwanzig Minuten da.«

»Ach nein, Leena«, rief Abby aus, »war das das Krankenhaus?«

Leena nickte. »Komm, Mum, ich bringe dich rasch heim.«

Doch ihre Mutter winkte energisch ab. »Schon gut, Jim nimmt mich bestimmt nachher mit. Fahr du mal ins Krankenhaus, das klang dringend.«

Leena biss sich auf die Unterlippe. Hastig drückte sie den Arm ihrer Mutter und drehte sich auf dem Absatz um.

Die Fahrt schien sich ewig zu ziehen, aber dann endlich bog sie auf den Parkplatz des Crystal Lake ab, schlitterte über den glatt gefahrenen Schnee bis zum Eingang, und statt auf den Fahrstuhl zu warten, nahm sie im Treppenhaus immer zwei Stufen auf einmal bis in den zweiten Stock.

Atemlos lehnte sich Leena über den Tresen zu Clare.

»Haben wir schon Laborergebnisse?«

Clare schüttelte den Kopf. »Nein, leider nein. Jeden Augenblick müssten sie kommen. Ich habe ihm noch einmal ein Schmerzmittel gegeben. Vielleicht könnten Sie jetzt nach ihm sehen?«

»Sicher, Clare.«

Leena schlüpfte rasch aus ihrer Daunenjacke und reichte sie Clare über den Tresen, dann verteilte sie großzügig Desinfektionsmittel auf ihren Händen, bevor sie die Tür zu Mark Turners Zimmer aufstieß.

Er hatte die Augen fest geschlossen, und wieder war die Blässe unter seine Sonnenbräune gekrochen. Er sah jung aus, jung und verletzlich.

Vorsichtig zog sie den Stuhl vom Fenster neben sein Bett und setzte sich. Merkwürdig, dachte sie, wäre sie an seiner Stelle, ihre Mutter würde nicht von ihrem Bett weichen. Sicher würde ihre Tante aus New York einfliegen und ihr Bruder aus Seattle. Freunde aus Chicago würden kommen, und statt der zwei verträumten Genesungskarten auf dem Tisch am Fenster würde ihr Zimmer wohl ein Meer von Karten, Ballons und Blumen zieren.

Jetzt tat ihr Mark wirklich leid. Wäre er ihr Freund, sie würde hier im Zimmer campieren und das Personal in den Wahnsinn treiben. Wo war eigentlich seine Verlobte?

Und als könnte er ihre Gedanken lesen, tönte seine Stimme in ihre Gedanken: »Also falls Sie sich fragen, wo Emely ist, dann kann ich Ihnen nur sagen, dass sie seit Stunden in Aspen beim Frisör sitzt. Morgen kommt ein Reporter von der Aspen Daily Mail und macht ein Foto vom großen Mark Turner im Krankenbett. Da muss Emely doch strahlend an meinem Kopfende sitzen, nicht wahr?« Ein Husten unterbrach seine bitteren Worte.

»Nicht reden«, sagte Leena leise und legte die Hand auf seine heiße Stirn. »Wenn es Ihnen morgen noch genauso schlecht geht, kommt hier niemand für Fotos rein.«

»Ah, die große Ärztin hat gesprochen.« Sein spöttisches Lachen wich einem erneuten Hustenanfall. »Lassen Sie ihre Hand da, wo sie ist. Sie kühlt wunderbar.«

Leena zuckte zurück, als hätte sie sich an seiner fiebrigen Haut verbrannt. Schon wieder kroch ihr die Röte über die Wangen. Selbst jetzt, in seinem Zustand, ging eine Attraktivität von ihm aus, die Leena durch Mark und Bein ging.

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